baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
à propos was mit der Brandmauer los ist

Beitrag vom 4. Februar 2024

Nichts, außer der Frage, auf welcher Seite der Brandmauer sich die zwei Drittel der Wähler aufhalten, die den Wahlschein als Denkzettel verwenden. Die daran erinnern wollen, dass sie seit Jahrzehnten schlecht, aber überheblich regiert werden. Wollte man diese zwei Drittel diesseits der Mauer begrüßen, dürfte man sie nicht verteufeln, für blöde halten und nie wieder mit ihnen reden wollen.

Einen Sprachverein treiben, wenn er gerade nichts Besseres vorhat, in dieser Aktualität zwei Fragen um. Zum einen das Kräftespiel beim Umgang mit kriegerischen Wörtern und Begriffen. Also auch mit der Gewalt, die aus pubertären Träumen über Baseballschläger und Fremdlinge erwächst. Kann man den Leuten mit sprachlichen Mitteln aus ihrem Loch heraushelfen? Zum anderen: Wie bringt man mit zivilisierter Sprache die Gewählten („die da oben“) dazu, klüger zu führen und zu verwalten – aber von nun ab bei überschaubarer Fehlerquote? Anders gesagt: Wie lassen sich nützliche Gespräche erwachsener Bürger sprachlich voranbringen?

In der radikalen Mitte sitzt man unbequem, zwischen den Stühlen. Während man sich linksaußen wie rechtsaußen fläzt in der Gewissheit zu wissen, was wissenswert ist, muss sich die radikale Mitte fortwährend rechtfertigen, warum sie nicht mitpöbelt. Ein brauchbarer Anfang für uns Mittige könnte sein, dass wir die gängigen Schlüsselwörter zu meiden versuchen. Die Brandmauer war hier unvermeidbar, aber zu den vergifteten Suchbegriffen Remigration, Potsdam und Geheimtreffen finden Sie, liebe Leser, hier nichts außer meiner Auslegung des aktuellen semantischen Kampfbegriffs (so nennt das die Sprachwissenschaft): „Remigration ist die Rückwanderung der in der Wüste Ausgesetzten in das Land ihrer Aussetzer.“ Die kommen wieder, schon deshalb wäre Gewalt keine Politik, sondern Blödheit. Selbst wenn man kein Herz hätte. Aber wie gesagt: Für Sprachfreunde gibt es Aufgaben, bei denen sie sich auf die Sprache konzentrieren.

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Zum Thema:

Im Spiegel Simon Meier-Vieracker:Vom Geheimplan zum Geh-heim-Plan

Ein Zweidrittler wird interviewt in der ZEIT: „Lasst sie mal machen!“

In der ZEIT über völkisches Denken: Der rechte Traum vom Volk

In der ZEIT: Was AfD und Identitäre selber sagen: Was die neue Rechte liest

Oliver Baer @ 16:08
Rubrik: à propos
VDS: Mitglied des Vorstandes Oliver Baer

Beitrag vom 31. Januar 2024

Mein politischer Standort (der Verein ist ja parteipolitisch neutral) passt nicht auf eine Wäscheleine zwischen links und rechts. Ich bin um die Freiheit des Geistes besorgt, da stehe ich Liberalen wie Hildegard Hamm-Brücher und Gerhart Baum nahe.
Antisemitismus kommt nicht infrage.

Dass viele Protestwähler einer Partei vertrauen, die stinkt, kann ich aber verstehen: Sie vermissen, dass Politik hinhört, nicht nur zuhört. Jedenfalls brauchen wir zur Lösung der akuten Probleme den globalen vor dem nationalen Blickwinkel. Ich verzichte auf jeden Zuspruch seitens völkisch-nationaler Parteien und Gruppierungen, denn mein Weltbild ist christlich, humanistisch, weit entfernt von der Welt der AfD. Im Grunde wären mir die Grünen sympathisch, hätten sie nicht den naiven Glauben, die Welt würde gerechter, wenn wir die Sprache verändern. Ich habe meine Muttersprache im Ausland schätzen gelernt, daher meine Offenheit für viele Kulturen und ihre Sprachen.

Worin sehe ich meine Aufgabe im Vorstand? Es reicht nicht, dass die Öffentlichkeit weiß, wogegen der Verein ist. Den Bürgern soll angeboten werden, wofür der VDS steht. Wir müssen sichtbarer werden mit Initiativen und Projekten, die etwas Nützliches bewirken: in der Schule, im Handwerk, im Büro, für die Schwächeren in unserer Gesellschaft, für den Umgang mit Hass, Lynchjustiz und kriegsbedingten Überlegenheitsgefühlen; schließlich wäre es nützlich, wenn wir zur Enttarnung von charmanten Unterdrückern (Psychopathen) sprachliche Hilfen zu bieten hätten. Nützlich ist auch der behutsame Umgang mit unserer vielfältigen und schönen Sprache in Literatur, Satire, Humor, sowie der Respekt für die Sprachen unserer Nachbarn.


(Nachtrag am 1.2.2024: Das Wort „stinkt“ darf ich in diesem Zusammenhang auf der Website des VDS nicht verwenden. Da es für ein Drittel der Partei zutrifft, bleibt es hier stehen. Schade ist, dass zwei Drittel dem einen Drittel auf den Leim gehen.)

Oliver Baer @ 11:23
Rubrik: Gesellschaft
Silke Schröder zurückgetreten

Beitrag vom 15. Januar 2024

Nun ist Frau Schröder aus dem Vorstand des Vereins Deutsche Sprache zurückgetreten; damit ist sie dem Rauswurf zuvorgekommen.

Noch einmal zum Mitschreiben: Wenn sich jemand mit den pubertären Gewaltfantasien der Identitären Bewegung befassen möchte, ist das seine Privatangelegenheit, sie geht den Verein nichts an, denn das Interessengebiet des Vereins ist die Sprache, und sonst nichts. Betonung auf: sonst nichts!

Wenn jemand glaubt, er könne seine privaten Anliegen zur Sache des VDS machen, dann disqualifiziert er sich für Ämter im VDS. Da muss der Privatmensch die Konsequenz ziehen und sich aus Vereinsangelegenheiten heraushalten. Warum? Weil er als VDS-Vorstand weltweit 37.000 Mitglieder vertritt, da kann er sich hinter dem Status als „Privatperson“ eben nicht verstecken; da muss er sich entscheiden: Zur gleichen Zeit links und rechts abbiegen, was soll der Quatsch? Schon der Versuch ist entweder saublöd oder eine Bösartigkeit gegen den Verein.

Dies als Nachtrag zu meinem Beitrag hier in der baerentatze: Apropos Geheimtreffen in Potsdam.

Oliver Baer @ 14:07
Rubrik: Gesellschaft
Apropos Geheimtreffen in Potsdam

Beitrag vom 12. Januar 2024

Auf den Inhalt des Treffens gehe ich gar nicht erst ein. Mag sein, dass man in Kreisen der Identitären Bewegung so über Probleme sprechen kann. Auf Veranstaltungen im Dunstkreis identitärer Verfassungsfeinde haben VDS-Vorstandsmitglieder, hat Frau Silke Schröder jedenfalls nichts zu suchen. Der Kirchenvorstand hätte im Swingerklub auch nichts verloren.

Dass Frau Schröder Journalisten links der AfD nicht gewogen sind, ist kein Wunder, rechtfertigt aber kein Hetzgeschwurbel wie dieses: „Vielleicht Zeit für Remigration von sog. Journalisten an Ausbildungsstätten, die ihnen ideologiebefreit die Grundlagen ihres Handwerks beibringen.“ (O-Ton Schröder). So ideologiebefreit wie uns Frau Schröder bekannt geworden ist? Fenster auf, frische Luft!

Oliver Baer (Vorstandsmitglied des Vereins Deutsche Sprache)

PS 1: Wieso ist Frau Schröder noch nicht aus dem Verein ausgeschlossen? Der Antrag dafür ist gestellt, im Rechtsstaat dauert so eine Prozedur.

PS 2: Wieso werden solche Leute überhaupt in den Vorstand gewählt? Manchen sieht man nicht gleich an, wer sie wirklich sind.

 

Oliver Baer @ 16:20
Rubrik: Gesellschaft
Sprache ist der Trumpf

Beitrag vom 24. Oktober 2023

Vorsicht, dieser Beitrag könnte vermuten lassen, dass nicht alles goldig ist, was glänzt

Es ist nochmal gut gegangen. Anfangs wurde ja gezweifelt, haben die Mahner alle Tassen im Schrank? Von wegen „Grenzen des Wachstums“, von weinerlich bis apokalyptisch. Aber heute, zum Jahresende 2028 stehen wir gut da: plus 0,3 Grad Celsius, Tendenz stabil. Es gelang, Wachstum neu zu definieren, und alle Natur-, Umwelt- und Klimafragen erledigten sich wie von alleine. Toll ist der Kniff, wie die überhaupt nicht Überzeugten bekehrt wurden.

gefrorener Apfel

Ein Wort sagt mehr als tausend Fotos (Bild ©Behland)

Man kann sich erinnern. Einige tausend Arten starben nicht aus, seltene Erden wurden geschont, die Ölförderung sank (und tut es weiter), auch Gas will bald gar keiner mehr, die Würstel und Schnitzel fielen aus der Mode, es wird weniger geduscht, geheizt wird wie bei den Schotten, und die Städter fahren Rad, zu 53 Prozent Lastenrad. Nach dem miesen Start vor bald 80 Jahren, wer hätte das geahnt? Wie die Umweltschützer gegen den Wind zu kreuzen lernten, hat den Bürgern imponiert. Da haben sie mitgefiebert, mitgespendet, mitgedacht, dazu die passenden Politiker gewählt. Was genau war der Kniff?

Wie man zu überzeugen suchte

Es war die Sprache! Auf diesen Knüller kamen die Vordenker – nennen wir sie die Weißen (sonst sind ja keine Farben frei) – also diese Frühweißen kapierten beizeiten, sie würden Unterstützung durch ganz viele Bürger benötigen, ohne Mehrheiten kämen sie nicht weit. Sie fühlten sich in die Gefühlslage der Bürger ein, wie sie für die Vision einer nachhaltigen Gesellschaft zu begeistern wären, und zwar zum Mitmachen, nicht Mitquatschen! Den Weißen war klar, mit Angstmacherei wäre das nicht zu stemmen. Horrorbilder, wie die Erde verbrennt oder ersäuft, pädagogischen Schwachsinn von der Sorte verpönten sie, auch Anfeindungen gegen Schwerhörige und Böswillige. Die Frühweißen verstanden das nicht ganz mühelos, aber die Idee sprach sich herum: „Fingerzeige statt Zeigefinger“. Zum Durchbruch brachte sie die Frage: „Wie mag es mir gelungen sein, diese geliebte Person ins Bett sowie in ein gemeinsames Leben zu locken?“ Die Antwort hieß: Brautwerbung: „Die Leute sollten unseren Plan (und uns) sexy finden.“ Nicht bloß Bauch und Herz, auch der Verstand musste gekitzelt werden. Und so sprachen und schrieben sie mit Engelszungen, sie bedienten sich einer Sprache aus gelebte Wärme, mit der sie die tätige Sympathie der Bürger weckten, nicht nur der Kieznachbarn, die längst ihrer Meinung waren, sondern der vielen, die Komfort, Vermögen, auch Vorurteile zu verlieren hatten, sobald sie den weißen Ideen folgten.

Unfassbar, wie das Fassbare gelang mit Hilfe der Sprache! Das macht die Sache spannend für Sprachfreunde. Keine Kinder mussten die Schule schwänzen, keiner klebte auf der Kreuzung, aber in die Lehre bei Heizungsbauern traten sie, zu lernen wie man Wärmepumpen installiertA. Es machte sogar Spaß (bis heute), mit den Weißen zu feiern, die waren nicht verbiestert wie ganz zu Anfang! Kurzum, jeder merkte, so sehen Taten aus, die zu etwas führen, und so Ideen, die Wind machen. Es ging ja nicht nur um Wärmepumpen, es wurden sogar intelligente Lösungen erfunden, entwickelt, eingebaut. Heute blicken wir zurück und sind voll des Lobes für die Weißen.

Was hätte schief gehen können

Es hätte auch schiefgehen können. Man stelle sich vor, die Bürger hätten gestänkert, statt eine neue Heizung einzubauen, oder das Wort „Wärmepumpe“ hätte in Berlin keiner mehr zu sagen gewagt. Oder die Bürger hätten einen starken Mann herbeigewünscht! Oder noch übler: Wenn Leute, die mit dicken SUVs herum gurkten, wenn sie nicht gerade stundenlang duschten oder sich auf den Seychellen fläzten, auf die Idee gekommen wären: „Weltuntergang? Dann aber ordentlich, wir feiern auf dem Vulkan!“ Man male sich aus, die Weißen hätten die Dienasevollhabenden so gründlich unterschätzt: die ganzen Miesmacher, die sich ungern belehren lassen? Von Dunkelweißen, die so gerne die Demut heraushängen lassen, mit der sie die Eisbären retten? Oder wenn gar die Hellweißen selber geträumt hätten, wie viel einfacher die Erde gerettet würde, wenn man den Klimaschutz par ordre du mufti erzwingen könnte?

Wie viel man daraus gelernt hat

Nun ja, mitunter hatte es so geklungen, als würden im Chor nicht bloß ein paar Leute falsch singen. Aber Schwamm drüber, weg mit dem Zweifel, wir dürfen die Weißen aus vollem Herzen loben. Für ihren empathischen Umgang mit der Sprache, für ihre sensible Wortwahl, mit ihrem feinen Ton haben sie das Volk für die Rettung des Klimas gewonnen. Wer hätte vor 50 Jahren 0,3 Grad plus für möglich gehalten? Na also. Nach diesem Knüller steigt das nächste weiße Projekt. Nun geht es um gerechte Sprache zugunsten der Geschlechter, der Rassen und Religionen. Streng genommen kein Problem, denn 90 von 100 Bürgern fordern Gerechtigkeit für alle, aber vielleicht brauchen die Bürger die Muße, die Sprache endlich auch auf dieses Ziel zu richten. Gottlob lenkt davon keine Krise ab, keine Kinder werden verschleppt, Frauen vergewaltigt, Blutrausch mit Bonbons belohnt. Die richtige Sprache hat schon einmal so viele eingefangen, das wird zum Gendern auch gelingen! Und zum Känzeln. Denn da widersprechen immer noch Leute, vier Fünftel mosern gegen das Sprachgendern. Sie werden dem bewährten Charme der Weißen nicht widerstehen. Nicht auf die Dauer.

Was kann uns noch passieren? Nichts, außer Blutgrätschen wie dieser: „Damit die Gesellschaft sich ändert, ist gezielte Veränderung der Sprache auch gegen den Willen der Mehrheit gerechtfertigt.“ Das kann natürlich kein Weißer gesagt haben. Undenkbar, so klingen nur Unternehmensberater: Fortiter in modo, banaliter in reB, wenn ihre Pläne durch Fakten nicht gestört werden sollen.

A Ich warne Sie, diesen Satz gelesen zu haben
B Unerbittlich im Vorgehen, unerheblich in der Sache


Veröffentlicht in der 100. Ausgabe der Sprachnachrichten IV/2023 des VDS

Oliver Baer @ 15:44
Rubrik: Gesellschaft
„Plausibel“ genügt nicht

Beitrag vom 24. Oktober 2023

Sicher wird uns Künstliche Intelligenz bereichern, und verarmen. Also beides. Wir müssen uns nur darauf einstellen und dann fest daran glauben, dass mehr von uns nicht verlangt würde. Irrtum, der Respekt vor Fakten gewinnt an Dringlichkeit.

Nichts Neues

Plausibel heißt noch lange nicht wahrscheinlich

Es stimmt, weil es stimmen muss (Bild ©Behland)

Generative Künstliche Intelligenz (GKI) kann wohlklingende Texte binnen Sekunden anfertigen, aber sinnvollen originellen Inhalt bringt sie nicht fertig. Ihre Leistung fußt auf Unmengen von Texten, mit denen sie ernährt und trainiert wird. Sie kann nicht origineller sein als der Stoff, aus dem sie etwas macht. Sie kann Aufgaben auch missverstehen, falsch auslegen, auch Antworten frei erfinden (man nennt sie KI-Halluzinationen) und schieren Humbug verfassen. Sogar sauber hergeleitete Resultate können plausibel aussehen. Dieses nur Plausible mag in fachspezifischen Anwendungen genügen, wo aus Überfülle das Wesentliche zu destillieren ist. Das Plausible genügt aber nicht, wo wir glauben, GKI könnte aus den Tiefen des Netzes Weisheit schöpfen. Solche Texte sind banal oder schaden sogar.

Die Sprachmodelle, mit denen ChatGTP & Co. trainiert werden, dürften in drei Jahren alles gelesen haben, was im Internet zur Verfügung steht. Danach ist fast alles, was in die Modelle getrichtert wird, nur ein Wiederkäuen von Bekanntem. So gesehen, beginne 2026 der globale Inzest, meint die KI-Expertin Miriam Meckel: „Wir werden ein permanentes Wiederkäuen von Bestehendem erleben.“ Je nach Spezial¬gebiet enthält GKI den Humbug und die Lügen aus Twitter; das darin enthaltene Quentchen Wahrheit fällt dabei kaum ins Gewicht. In dem millionenfachen Textefundus überwiegen schlampig verfasste, missverständliche Texte. Zu „intuitiver“ Erkennung der brauchbaren Texte ist GKI nicht fähig, sie besitzt keine echte Intelligenz, Fehlerkorrektur geschieht durch Bewegung von Textmassen, so die Hoffnung.

Muster statt Inhalt

In der Fülle der durchkämmten Texte erkennt GKI: Was sich ähnlich wiederholt, bildet Muster. Sie sind die Daseinsberechtigung der GKI. Die Muster sind uns Nutzern vertraut, sie kommen uns glaubwürdig vor. Eben deshalb werden sie auch künftig (!) durch GKI immer öfter aufgegriffen. Dabei hat solche Häufung keinerlei Signifikanz. Plausibel klingt zum Beispiel der Satz: „Du kannst im falschen Bewusstsein kein richtiges entwickeln.“ Ob so ein Satz Sinn ergibt oder nicht, wäre diskutabel, aber die Frage stellt sich in GKI nicht. Vorderhand klingt er unwiderlegbar, und wer mit Bestätigung seiner vorgefassten Meinung zufrieden ist (die meisten von uns), fragt nicht weiter, und so erwachsen aus immer neuer Wiederholung Scheinwahrheiten, denn „wenn es so viele sagen, muss doch was dran sein, oder?“

Generative KI ist eine Technologie der künst­lichen Intelligenz, die Inhalte erzeugen kann, darunter Texte, Bilder, Multimedia. Aktuell wurde das Thema, seit neue Benutzerober­flächen den spielerisch leichten Umgang mit GKI und Algorithmen des maschinellen Ler­nens erlauben. Wo Künstliche Intelligenz eigene Inhalte generiert, ist generative KI im Spiel. Zu unterscheiden ist sie zum Beispiel von der KI in selbstfahrenden Autos.

Als Nutzer von GKI sind wir nicht genötigt, unseren eigenen Grips zu bemühen: Welchen Sinn ergibt der Text? In aller Regel sind wir von der Brauchbarkeit hinlänglich überzeugt und lassen durchgehen, was daraufhin unwidersprochen fortlebt. Wir glauben der Expertise vor Gericht, dem Gutachten über die A45-Brücke, dem Indiz für Rassismus. Plausibilität genügt, davon leben die Medien.

Alles im Griff

Muss es so schlimm kommen? Könnte man GKI nicht auf höheres Niveau züchten? Um ChatGTP zu zivilisieren, bedürfte es unbezahlbaren Personalaufwands, trotzdem würde Voreingenommenheit nicht zuverlässig eliminiert. Noch dazu werden in der Weltsprache Englisch die meisten Texte von Nichtmuttersprachlern verfasst. Der Millionenfundus, in den auch die GKI-Texte zurückgelangen, wird inhaltlich so immer flacher und fortwährend sinnfrei aufgebläht. Zugleich geht alle stilistische Fähigkeit verloren, die man benötigt, um angemessen darzu¬stellen, was wirklich erwähnenswert ist. Ähnliches wird in der Sprache geschehen, wenn auch im geringeren Ausmaß. Prüflinge müssen sich bald fragen lassen, ob sie den Sinn ihrer Arbeit selber gebildet haben – und was kam von GKI dazu? Gegen technisch hochgerüstetes Schummeln haben die Prüfer keine Chance, sie müssen auf andere Weise ermitteln, wer das Klassenziel erreicht hat.

Endlose Blödheit

Man kann den Kopf in den Sand stecken: „Wenn ich nicht hinschaue, sieht mich das Problem nicht.“ Längst wird bereits mit Hilfe von GKI gewütet, etwa zur Erfindung von medizinischen Versuchsreihen mit unwiderlegbaren Ergebnissen. Leicht beweisbar wäre zum Beispiel die These: Gegenderte Sprache produziert Gehirnströme, die zugleich glücklich und unbesiegbar machen (wie Kokain). Anschließend beweisen andere, genauso gelogene Studien, dass die Gehirnströme zur erektilen Dysfunktion führen. Was nun mal gerade zu beweisen wäre. Die beste Frage lautet also schon nicht mehr, wie man Lügner überführt, sondern: Wie schütze ich mich davor, dass ich nicht getäuscht werde? Zweimal bin ich gefordert, und das sieht nicht gut aus. Nichts glauben, das tun viele schon heute, mit Ausnahme der Quellen, denen „man“ selbstverständlich glauben kann. Fragt sich nur, wer ist „man“?

Möglich, aber unwahrscheinlich

Wirklich originell kann nur der Mensch sein. Seine Intelligenz beruht auf biochemischer Anziehung und Abwehr, die über Jahrtausende in unseren Gehirnen und Nervensystemen, in unserer Physis gezüchtet wurden. GKI kann das nachvollziehen, aber nicht originär ausbilden. Der Mensch kann, wozu keine GKI fähig ist: aus sich selbst heraustreten, sich neu definieren. GKI kann es nachahmen, aber es wird nichts Originales, nichts Geniales, nichts was die Menschheit voranbringt. Wer sich mit Schwachsinn füttern lässt, war schon immer mit Orban und Trump zufrieden, mit der Vereinfachung von Wirklichkeit. Welches Quentchen Wahrheit im Plausiblen steckt, oder ob er mit einer Mischung aus Lüge und Tatsache aufs Kreuz gelegt wird, das kann nur unterscheiden, wer sich darum bemüht. Durch GKI wird sämtlicher tausend mal wiederholter Müll mitsamt aller Irrtümer in die Nährlösung gespült, aus der GKI weiter gemästet wird. So entsteht dummes Pulver: „Die grünen Männchen sind da – aber sie sind nicht grün, sie sind durchsichtig, unsichtbar!“

Naht Rettung? Eher nicht, es sei denn wir lernen, das scheinbar Passende vom Sinnstiftenden zu unterscheiden. Das beginnt mit Wertschätzung der Sprache, mit der Auswahl von Lesestoff – damit die Eigenintelligenz aufwacht und die Antwort findet: Wie sieht unmanipulierter Text aus? Wer aber schon damit ausgelastet ist, „Flüchtlinge“ durch „Geflüchtete“ zu ersetzen, zählt zum Problem, nicht zur Lösung. Schablonen sind keine Intelligenz.

© Oliver Baer 2023
Redigierte Fassung vom 15. Februar 2024

Oliver Baer @ 15:43
Rubrik: Gesellschaft
Problemzonen des Sprachgenderns

Beitrag vom 14. September 2023

 

Was bringt’s den Frauen?

 

Gendern muss sein in der Medizin, in der Unfallforschung oder im Sport. Aber nicht in der Sprache. Frauen werden, wenn sie sich darauf einlassen, mit Sichtbarmachung abgespeist, den LGBTIQ bringt sie nichts. Das krampfhafte Getue macht die Sprache sperrig, es erschwert die Verständigung, Literatur ist damit kaum noch möglich. Für Laien sind sprachwissenschaftliche Einwände schwer zugänglich, und von Genderbewegten werden sie gar nicht erst wahrgenommen. Sie kommen hier nur spärlich vor.

PDF zum Herunterladen: Was-bringts-den-Frauen-Drei-Dutzend-Problemzonen-des-Sprachgenderns

1  Kann Sprache sensibel sein?

Sprache soll gerecht sein und sensibel. Das leuchtet ein, aber kann sie das? Sprache versteht nicht, was da von ihr verlangt wird, sie ist kein Mensch mit eigenem Verstand. Sie meint nicht, kann auch nicht mit­mei­nen. Gendersensibel können nur Menschen sein, und wenn wir dabei versagen, nützt auch gegenderte Sprache nichts. Es ist anmaßend, wenn Gen­der­beweg­te glauben, sie schüfen mit dieser Ablenkung eine gerechtere Welt. Mit dieser Illusion nützen sie keiner Frau.

2  Kann Sprache „sich“ veränderm? 

Das sagt sich so leicht, es liegt einem gerade­zu auf der Zunge. Aber die Wortwahl verändert sich führt in die Irre. In Wirklichkeit wird Sprache verändert: von uns allen, von der Sprachgemeinschaft. So entsteht Sprache seit jeher. Sprache kann keine Ärmel hochkrempeln  und verkünden: „Ich will von nun ab gut sein!“

3  Hat Sprachsteuerung je funktioniert?

Sprache wird von allen Sprechern gebildet, verbildet, umgebildet. Das geschieht seit Jahrhunderten unangestrengt, geradezu basisdemokratisch. Gezielte Eingriffe gelangen stets nur ausnahmsweise und auch dann nur im Einklang mit der Sprachgemeinschaft (Perron wurde zum Bahnsteig, als die Leute das Ober­schich­ten-Fran­zö­sisch satt waren).

4  Wie schützt Gendern vor Bosheit?

Angenommen es stimmte, dass Sprache Frauen „unsichtbar“ mache, und Sprachgendern würde das heilen: Wieso sind finnische Frauen besser dran als türkische, wo es doch in beiden Sprachen ein gender (grammatisches Geschlecht) nicht erst gibt? Mit Sprache geschieht Böses, aber dass die Ursache für Diskriminierung wäre, ist so beweisbar wie die Geburtenrate mit den Storchennestern erklärt werden kann.

5  Die Häme ist verdient, aber blöde

Allen Versuchen, eine Sprachweise zu erzwingen, ergeht es wie den Jahresendfiguren in der DDR. Solche Häme haben Frauen und Diverse nicht verdient. Lähmt Sprachgendern das Gehirn, oder wie kommt man zur Kranken­schwes­terin, zur Witwerin, wie kommt man auf Prostata­patient*innen und Sa­men­spen­de­r*in­nen, wie auf Veganer:innen unter den Braunbären, oder auf Islamist*innen unter den Taliban? Sorry, aber solcher Blödsinn gelingt nur bei ausgeknipster Birne. Das ist fahrlässig, gerade im Angesicht der Künstlichen Intelligenz wird sorgfältiges eigenes Denken erst recht unerlässlich!

6  Und nach dem Sprachgendern?

Die Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Was ihnen zu lang, zu umständlich ist, lassen sie sein, und das geschieht ganz von alleine. Sprachgendern ist sperrig, es verschwindet wieder. Erinnern wird man sich an das Vergängliche, an die Halbwertszeit einer Mode – die aber einigen Schaden hinterließ.

7  Wie „schafft“ Sprache Wirklichkeit?

Wird sie den Ukrainekrieg beenden, so wie das schon im Jemen und in Syrien so vorbildlich gelungen ist? Und den Nahen Osten befrieden?  Wird Sprache Drogen vernichten, die Prostitution und noch vieles mehr, also alles Böse? Derlei Gerede lenkt doch nur ab und Sprache wird dann noch weniger ernst genommen. Am Ende gilt nur noch Gesäusel, Hauptsache es klingt aufgeklärt?

8  Macht Sprache selbstbewusst?

Sicher kann Sprache zum Bewusstsein beitragen, aber welches Bewusstsein entsteht, wenn Mitmacher die Gendersignale herunterbeten wie ein eiliges Ave Maria und sie dabei abnutzen wie in den Schlagern die Liebe? Oder sollen alle so pointieren sprechen wie Petra Gerster – das hielte dann länger? Wirklich?

9  Gleiches Recht weltweit, oder nicht?

Diskriminierung von Frauen und LGBTQ+ muss weltweit aufhören, auch in Sprachen, auch wo die Grammatik kein Genderproblem kennt, wie im Englischen und Chinesischen. Sie aber bringen das meiste Gewicht auf die Waage, gegen sie ist nichts durchsetzbar. Der Welt fehlt ein deutscher Sonderweg wie dem Apotheker eine Kreissäge.

10  Genderzwang gibt es nicht?

Es werde „keiner zum Gendern gezwungen“, heißt es in goldiger Scheinheiligkeit. Ganz Ähnliches gilt für die Pflege gewisser Körperteile: Es besteht kein Waschzwang. Aber wer nicht mit­gendert, darf diskriminiert werden?

11  Apropos Taktgefühl

Während auf dem Fußweg nach Dschidda äthiopische Frauen von saudischen Grenzern niedergemetzelt werden, wenn Kinder vor laufender Kamera verschleppt werden und Blutrausch mit Bonbons belohnt wird, kommt einem schon mal peinlich vor, wie wir hierzulande echte Probleme mit Scheinlösungen verkleistern.

12  Gilt Nuscheln als Gendern?

Man muss Olaf Scholz nur zuhören, wie er die Bürer und Bürer beschwört, aber vermutlich  Bürger und Bürger:Innen meint. Kein Vorwurf, so reden viele ohne Absicht, auch Katarina Barley klingt so. Im täglichen Sprachgebrauch werden Laute nun mal verschliffen, das ist so. Deshalb wird auf die Dauer auch nichts aus dem Sprachgendern, es geht zum einen Ohr herein, zum anderen hinaus, und es hinterlässt Gleichgültigkeit – und kaputte Sprache.

13  Eine Pein für Auge und Ohr

Eifrige be-to-nen „Genossinnen und Genossen“ me-ga-deut-li-ch, damit sie unterscheidbar bleiben. Das ist gut gemeint, aber es erfreut nur Ohren und Augen der sowieso schon Überzeugten, alle Übrigen schreckt es ab.

14  Abgehobenes Gendern

Sprachgendern ist den Bürgern zu akademisch und es gilt – wenn sie es überhaupt wahrnehmen – als Nötigung durch „die da oben“. Wie klug ist es, mit elitärer Rechthaberei Frauen- und Minderheitenrechte gegen die Alltagssprache auszuspielen?

15  Flintas statt Frauen

Geht es um Sichtbarmachung der Frau, oder um das schlechte Gewissen: Egal was und wie man es sagt, Hauptsache es ist falsch?

16  Unter dem Deckmantel verbergen

Diskriminierung lässt sich unter dem Mäntelchen des Genderns fortsetzen: „Was wollen Sie denn: Wir gendern doch!“ Dass es oft nur Lippenbekenntnis ist, lässt sich am Tonfall erkennen, sofern man überhaupt noch hinhört.

17  Auf die Knie, Männer!

Es hält sich der – natürlich total abwegige – Verdacht, dass es um Unterwerfung, nicht um Gerechtigkeit ginge. Um den Kotau der Männer vor den Frauen. Wie Wilhelm Tell den Hut des Geßler zu grüßen hatte (vielleicht mal bei Schiller nachlesen, was das gebracht hat?).

18  Um des lieben Friedens willen

Sprachgendern aus Taktgefühl wäre z.B. die Beid­nennung, aber wie Liebe Deutsche und Deutschinnen? Man könnte Damen und Herren! durch Menschen! ersetzen. Mancher wäre gar bereit zum Femininum (die Arzt) oder Neutrum (das Arzt). Oder zum generischen Femininum. Jede Idee ist eine Kopfgeburt, aber so läuft Sprache nicht: Die Leute machen mit, oder auch nicht, in diesem Fall tut es die Mehrheit genau: nicht. Darunter Millionen Frauen.

19  Gegendertes ist leicht verständlich?

Entscheidend ist, ob verstanden wird und von wem. Vielen wäre eher mit Leichter Sprache geholfen. Zugegeben, kein einfach zu lösendes Problem, aber mediale Rechthaberei ohne Rücksicht auf die Schwachen ist keine Antwort.

20  Symbole zu verheizen

Wenigstens wegen der Symbolik solle man mit­machen! Die aber wird in den Medien rund um die Uhr plattgebügelt. So verramscht man Symbole, denen man selber nicht traut. So zerstören Feministen eigenhändig die Chance, die das Sprachgendern vielleicht noch gehabt hätte.

21  Schadet das Sprachgendern? Wem?

Sprachgendern diskriminiert Behinderte, Flüchtlinge, Grundschüler, Legastheniker, Analphabeten – so darf man sie selbstver­ständ­lich nicht nennen, aber sie mit Sprachgendern piesacken, das darf man? 

22  Sprich weiter, ich hör eh nicht hin

Alte Weisheit guter Redner: Je sperriger die Rede, desto eher schwindet die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Zu vermeiden sind daher Fremdwörter, Bandwurmsätze, Passivsätze und Sprach­gendern. Oder ist es Absicht: So genau soll keiner hinhören?

23  Futter für den Amtsschimmel

In Ämtern und Behörden wird Sprache besonders pflichtbewusst gegendert. Dabei ist der Schimmel schon schlimm genug zu verstehen. Das erleben Steuerzahler als Überheblichkeit, und Ausländer verstehen kein Wort. Aber Flüchtlinge spielen ja keine Rolle, oder?

24  Sprachwissenschaft, gibt es die?

Genderbewegte widerlegen die ausführlichen Einwände renom­mierter Sprachwissenschaftler nicht, sie hören sie gar nicht erst. So arrogant ist, wer selber auf schwachen Füßen durch die Linguistik stolpert. Nebenbei zeugt es vom mangelnden Respekt, den Genderbewegte aber einfordern.

25  Studien ohne Beweiskraft

Zwar sind 95 % der Grundschullehrer Frauen, aber die Kinder denken bei „Lehrer“ nur an Männer? Ist das wahr? Mit Eifer gepfuschte Studien der Psycholinguistik halten aber keiner Überprüfung nach wissenschaftlichen Kriterien stand: Sie sind nicht repräsentativ, sie enthalten Vermutungen statt Beweise. Die Psycholinguistik gegen die Linguistik auszuspielen, kann man getrost den Wissenschaftsleugnern überlassen.

26  Es wimmelt von alten Männern

Gegner des Sprachgenderns seien vorwiegend alte Männer, die ihre Sprachgewohnheiten verletzt sehen, wahlweise auch: … die um ihre Dominanz über die Frauen fürchten. Das klingt so schlüssig, das muss ja stimmen! Wenn einem nichts Intelligenteres einfällt. Auch wenn es nebenbei die Alten diskriminiert. Nach dieser Logik hätte ja auch Arthrose, wer dreimal niest. Oder Recht hätte, wer am lautesten telefoniert. 

27  Homophobe Frauenfeinde

Wer nicht gendert, ist frauenfeindlich ist kein Argument, sondern aus der untersten Schublade. Dann wäre auch gegen Gemüse, wer Sauerkraut ablehnt. Kann die Debatte tiefer sinken?

28  Karl Marx war rechtsradikal

Wer sich für Deutsch einsetzt, ist ein Nazi. Das ist zwar kein Argument, aber hinläng­lich bewiesen: Es galt bereits für Bertolt Brecht, Erich Kästner, Heinrich Böll, Max Frisch, schon vorher für Heinrich Heine, Karl Marx, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin – na klar, alles rechtsextremes Gesocks, und von Sprache keine Ahnung…

29  Wer wandelt die Sprache?

Wer tut es, die Sprachgemeinschaft, oder einige Wenige? Dass es schon immer Eliten gewesen wären, ist eine Annahme, eine falsche. Schon immer war es das Volk. Das Wort deutsch ist hergeleitet aus althochdeutsch thiutisk, das bedeutete zum Volk gehörig, nicht zu einer Minderheit, die sich für aufgeklärt hält. Tatsache.

30  Ändert Beifall den Sachverhalt?

Dass auch Banausen das Sprachgendern ablehnen, ist als Argument gegen Sprachbesorgte zu dürftig. Wie wäre es, wenn wir weiterhin gemeinsam die Demokratie verteidigen, egal welche Partei es in den Bundestag schafft?

31  Unverdächtige Zeugen

Es gibt unverdächtige Zeugen gegen das Sprach­gendern, etwa Navid Kermani. Oder die Frauen der DDR, die auf ihren Beruf als Dreher (nicht: Dreherin) stolz waren. Was soll die Besserwisserei gegenüber Frauen, die zum Gendern keine Lust haben?

32  Ein Quentchen Respekt

Mag sein, es gibt in Fragen der Kultur keine gültige Mehr­heitsmeinung, da haben auch Minderheiten recht. Der Machtkampf um Deutungshoheit ist jedoch weder Kunst noch Kultur, sondern eine Anmaßung, noch dazu ohne Rücksicht auf die weniger Privilegierten, die weniger Gebildeten.

33  Mehr als ein bisschen verlogen

Klimaleugner gibt es, aber seltsam: keine Klimaleugnenden. Wird da selektiv gegendert, wie schon bei den Nationalsozialistinnen und Terroristinnen – unter Verzicht auf Genderkorrektheit? Nein, das ist wohl keine Absicht, es ist nur die vollkommene Abwesenheit von Gedanken beim Gebrauch des Sprechwerkzeugs.

34  Jeder gegen alle

Ein Beispiel für viele: Jeder/jede/jedes soll wegen der bösen Endung /er/ wegfallen und statt­dessen soll alle gesagt werden. Das ist ein feiner, nützlicher Unterschied. Wer diesen nicht erkennt, leidet bereits an Sprachverarmung, sie wird durch Sprachgendern noch schlimmer.

35  Was nützt die Wagenburg?

Die Wucht des dauernden Sprachgenderns schafft – bei nicht nachweisbarem Nutzen für die Frauen – viel Aufwand für alle.

36  Warum gendern Frauen ungern?

Warum wohl? Nele Pollatschek, Svenja Flaßpöhler, Elke Heidenreich und Millionen andere möchten nicht auf ihr Frausein beschränkt werden. Übrigens möchten auch Männer nicht pausenlos an Sex denken müssen. Nele Pollatschek nennt das Sprachgendern eine „sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexis­mus zu bekämpfen.“


Das Wort gender ist englisch, es kommt aus dem Lateinischen genus = Typ, Rasse. Genus bezeichnet das grammatische Geschlecht. Dieselbe Wurzel hat genre. Das Geschlecht der Habsburger hat mit dem biologischen Geschlecht (lateinisch sexus) nichts zu tun. Auch Musik hat zwei Geschlechter: dur und moll. Verwechslungen mit dem biologischen Geschlecht sind verständlich, aber es ist unnötig, dabei erwischt zu werden. Scherz beiseite: Auch wenn die Biologie nur zwei zulässt, können „gefühlt“ doch viel mehr Geschlechter existieren, kein Problem  – sie aber auch sprachlich unterzubringen, ist zu viel verlangt.

Sicherlich hätte es mehr genützt, den gram­matischen „Geschlechtern“ Farben zuzuweisen. Dem Genderstreit fehlt der gute Wille, den es bei Don Camillo und Peppone noch gab.

PDF zum Herunterladen:Was-bringts-den-Frauen-Drei-Dutzend-Problemzonen-des-Sprachgenderns

 

Oliver Baer @ 15:22
Rubrik: Gesellschaft
Vorsicht, Sie nähern sich einer Lösung

Beitrag vom 11. Juli 2023

Man nähert sich einer Lösung

Intelligente Lösung wirft Schatten

Gegen das Gendern gibt es viele gute, darunter eine Handvoll unschlagbarer Argumente, aber gerade diese nützen nichts. Weil sie von den Freunden des Sprachgenderns ignoriert werden, etwa nach dem Motto: „Wenn ich nicht hingucke, sieht er mich nicht.“ Der Gegner. Macht nichts, der Genderkrieg geht trotzdem verloren.

Was steht auf dem Spiel? Geht’s um das Symbol männlicher Dominanz schlechthin, das generische Maskulinum? Dann wäre das eine Sache der Grammatik. Aber da weiß keiner Bescheid, und ob Wörter mit der Endung „er“ männlich und die Frauen „bloß mitgemeint“ seien, geht den meisten am Toches vorbei. Viele andere haben von dem Gendergedöns noch gar nichts mitbekommen und ganz andere Sorgen. Derweil fordern Feministen, dass Frauen in der Sprache sichtbar gemacht werden. Das klingt, als könnte etwas dran sein, und es gehört sich, darüber nachzudenken.

Nun wünschen jedoch Engländerinnen, die was auf sich halten, die maskuline Berufsbezeichung: „I am an actor“, (nicht actress, also nicht Schauspieler:in). Eine bedenkenswerte Variante, während unsereins überdeutlich und dauernd auf Frauen hingewiesen werden muss. Was, wenn wir keine Lust haben, den ganzen Tag an Sex zu denken? In Wirklichkeit stört aber nicht die Grammatik. Alle seriösen Linguisten haben es erklärt, und man muss schon ziemlich blasiert sein, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Was nämlich nicht stimmt, ist die Behauptung, dass Frauen seit jeher durch sprachliche Unsichtbarkeit unterdrückt werden. Das mögen manche subjektiv so empfinden – und Männer dürfen das getrost zur Kenntnis nehmen –, objektiv bleibt es ein Schmarren. Leider berufen sich die Genderer auf eine Forschungsrichtung in der Psycholinguistik, die nicht davon ausgeht, was ist, sondern wie es sein soll. Das aber ist Wunschdenken, es widerspricht dem Auftrag von Wissenschaft. Im Übrigen fehlen belastbare Nachweise für die These, dass ein nachhaltiger (!) Wandel der Gesellschaft durch Veränderung der Sprache erzielbar wäre.

Somit befasst sich die Gesellschaft mit einer Idee, die nichts bringt. Das Gendern als Ausdruck blasser Hoffnung? Die Sprache kann sich gegen das Bemühen nicht wehren, das Gendern trotzdem zu erzwingen. Nicht so ganz nebenbei bemerkt, bleibt vage, wie unseren Mitmenschen unter LGBTQ+ am besten gedient wäre. Hat jemand die trans Männer und trans Frauen gefragt, ob sie Offenheit vorziehen oder Diskretion? Nicht jeder möchte nächtens auf der Straße verprügelt werden. Die Schwulen sind da schon weiter, sie verwenden das einst verpönte Wort mit dem freudigen Bekenntnis: „… und das ist gut so.“

Der Autor erlebte weibliche Chefs schon vor vierzig Jahren nicht mehr als Sensation. Er genießt, wie es für Frauen vorangeht, ohne Gendern. Werden den Bürgern die „streikenden Arbeitenden“ dargebracht und die „Mütter“ durch „gebärende Personen“ersetzt, wird es allerdings peinlich. Obendrein gendern Mitläufer in Medien, Politik und Wirtschaft auf Teufel komm heraus, aber cringe: Etwa dem Spiegel, den er abonniert, glaubt er nicht, dass es vom Herzen kommt. Es riecht nach genderwashing: Seht her, wie wir für die Frauen kämpfen! Also echt toll. Derweil werden selbst unverdächtige Freunde des Genderns ertappt, wie sie beim Reden die Laute verschleifen: „Soldatn und Soldat‘n“. Denn so geschieht es nun mal mit Sprache. Was zu umständlich ist, wird gekürzt, und damit setzt sich der Volksmund durch, immer! Wenn dann vor lauter Eifer noch die „Prostatapatienten und -patientinnen“ angesprochen werden, müssten überall die Groschen fallen: Scheiße, Gendern legt das Gehirn lahm! Sollten wir es vorsichtshalber sein lassen?

Die Sprachen der Türken und der Finnen kennen kein Genus, stehen dort die Frauen besser da? In Finnland: ja. Norwegisch hat drei grammatische Genera, wie das Deutsche. Nun ist Gerechtigkeit unter den Geschlechtern nirgends so weit gediehen wie in Norwegen. Gibt uns das zu denken? Außerdem kann man jeden verpönten Begriff durch einen taktvolleren ersetzen, auch dieser wird missliebig, er wird ersetzt, der fällt dann ebenfalls in Ungnade, und so geht das weiter: Der Behinderte bleibt behindert, auch wenn ich ihn Superman nenne oder physisch beeinträchtigt. Wie man den Spieß umdreht, haben nur die Schwulen kapiert. Für die Engländer war Mrs Thatcher Mrs Prime Minister,  dem entspräche „Frau Bundeskanzler!“ Das ist praktisch und zielführend. Ist nicht die Eroberung männlicher Domänen der Clou des Feminismus!

Zurück zur blassen Hoffnung. Medial sichtbar sind die überlasteten Pfleger, die überforderten Lehrer, die digital abgehängten Alten, das Klima sowieso; mit eigenen Augen sichtbar sind die Obdachlosen; unsichtbar sind Autisten, Gehörgeschädigte. Offenbar nützt Sichtbarkeit nur in dem Maße, wie die Sache den Bürgern auf den Nägeln brennt. „Antidiskriminierung lässt sich von der Politik nicht verordnen, sondern muss von den Menschen selbst kommen“, meinen 86 Prozent. Drei Viertel der Gesellschaft lehnen das Gendern ab. Für die Amadeu Antonio Stiftung sind diese sechzig Millionen Bundesbürger Rechtsradikale und müssen denunziert werden. Vermutlich wird allein dieser Mangel an demokratischem Takt das Gendern abwürgen.

Genauer hingeschaut geht es um Gerechtigkeit, also Gleichberechtigung, oder Gleichstellung? Was könnte Sprache dafür leisten? Was wenn Sprachsteuerung zum Vorteil der Bürger so gut gelingt wie die Rechtschreibreform? Selbstverständlich kann in Sternstunden Sprache Anstöße geben, aber „der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen“, sagte Mark Twain. Wirklich praktisch ist nur Nele Pollatscheks ideologieferner Ansatz: Verändern wir die Gesellschaft, und füllen wir vorhandene Sprachformen mit dem auf, was in der Realität geschieht!

Genau so hat sich Bedeutungswandel in der Sprache schon immer ergeben, von unten nach oben, selten durch Druck von oben. Das als Gegenbeispiel vielzitierte „Fräulein“ musste nicht verboten werden, es war fällig wie die Blätter im Herbst. Nur leider ist das Gendern nicht wirkungslos, es verdünnt und es verzerrt die Sprache. So geht man mit einem Werkzeug zum Denken nicht um. Und als Werkzeug zur Teilnahme brauchen die Flüchtlinge, die Einwanderer, die Bürger im Umgang mit Behörden eine klare Sprache, die so schon schwer genug ist.

Zusammenfinden können Freunde und Gegner des Genderns trotzdem, denn dieses ist erwiesen: Nicht nur ist die Mehrheit gegen das Gendern, sie ist auch für Gerechtigkeit der Geschlechter. Wir können mit Problemen umgehen, statt sie umzubenennen. Und akzeptieren, dass es noch Dringenderes gibt, zum Beispiel Millionen Alte und ihre Pfleger in Not. Oder das Klima…


Veröffentlicht in den Sprachnachrichten des VDS im Sommer: II/2023

Oliver Baer @ 09:48
Rubrik: Gesellschaft
Kann Spuren von Information enthalten

Beitrag vom 1. November 2022

Spuren von Information sind zu erahnen

Spuren von Information sind zu erahnen

Die Sprache versagt. Einfachste Information misslingt, die Leute reden aneinander vorbei. Könnte man sich das Gerede sogar sparen? Was läuft da schief, und ist die Sprache daran schuld?

Nichts ist so leicht wie andere zu informieren, sollte man meinen. Da jedoch hat Wolf Schneider die Latte hoch gelegt: „Information heißt aber nicht: Ich will etwas mitteilen, nicht einmal: Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen, sondern: Ich bin verstanden worden.“ Diesen letzten Satz dürfen wir getrost noch einmal lesen, ganz langsam, denn er stört so schön. Da steht: verstanden worden, nicht etwa: Ich werde verstanden, vielleicht, irgendwann, wenn alles gutgeht: „Die sollen halt rückfragen!“ Mit anderen Worten: Wurde ich nicht verstanden, hat Information nicht stattgefunden. Das tut weh. Dann würde vieles, womit wir einander in den Ohren liegen, wenig nützen. Oder schaden, falls wir glauben, wir hätten zur Verständigung etwas geleistet.

Keine Information ist zum Beispiel: „Bis 2030 werden 3000 Kilometer Radwege gebaut!“ Der Wunsch wird zwar verstanden, aber als das, was er ist: Ach ja, eine der üblichen Versprechungen, daraus wird eh nichts! Was also ist eine Information? In der Alltagssprache ist sie zunächst eine Nachricht oder eine Mitteilung, dazu zählt die Auskunft: „ICE 1711 hat 25 min. Verspätung“. Daran ist, nun ja, erst einmal nichts auszusetzen: Wenigstens sind wir informiert.

Information kann auch Unterweisung bedeuten: „Bis Freitag steht der Anschluss, sorgen Sie dafür!“ Da genügt es nicht, etwas geäußert zu haben, nur damit wir im Recht sind: „Das hatte ich Ihnen aber so gesagt!“ Wir müssen auch dafür sorgen, dass unsere Worte unter die Haut gehen: Da soll sich jemand verhalten – gegebenenfalls wehren, und zwar gleich: „Chef, schaffe ich nicht, wird erst in zwei Wochen fertig.“ Bei wem liegt nun die Pflicht zur Vergewisserung: Verstehen wir einander wirklich?

Schließlich kann Information Belehrung bedeuten: „Beim Sternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt machen wir eine Sprechpause, denn das gehört sich so.“ So wird die freundliche Frau im Fernsehen zu einem Teil von jener Kraft, die stets das Gute will, aber das Böse schafft, denn wenn die Leute eines nicht mögen, dann ist es ein Gouvernanten-Gehabe beim Gendern. Zwar versteht jeder, was gemeint ist – mithin wäre es gelungene Information – aber mit welcher Folge? Die nette TV-Person müsste ihrerseits etwas verstehen, nämlich dass sie zumeist nicht „richtig“ verstanden wird. Sie möchte, dass wir mitmachen beim Zeigen von Symbolen, zum Beispiel neu zu benennen, was anderen wehtut. Dem liegt der Irrtum zugrunde, die Belehrung müsse nur genügend kommuniziert werden, damit sich die Sprache zum Guten wandle und die Welt gerecht werde. Das aber ist falsch: Kommunikation findet statt, sobald zwischen Sender und Empfänger ein Austausch entsteht, nicht bloß als ein Abnicken: Hab’s kapiert! Symbole zu bedienen beruhigt: Ich gehöre zu den Guten und so möchte ich auch gesehen werden.

Aber Symbole wirken, wenn sparsam verwendet, am stärksten. Wolf Schneiders Bedingung wäre daher etwas hinzuzufügen, damit wir, Leser und Autor, über das Gleiche sprechen. Dass dir meine Worte unter die Haut gehen, bedeutet noch nicht, du hättest sie in meinem Sinne verstanden. Es müssen auch zwei Köpfe ins Spiel kommen, deiner und meiner – in stiller Übereinkunft, oder in einem Gespräch (dann wird aus Information Kommunikation) und wir verständigen uns zum Beispiel über den sinnvollen Umgang mit Sprache und Symbolen.

Zurück zur Plauderei, auch sie kann Spuren von Information enthalten. Für sie gelten die Gebräuche der Geselligkeit, des Humors, der Verführung, des Tratsches am Gartenzaun. Auch für die Ehe: „Der Müll müsste mal runter!“ klingt wie falsch gesungen. Klüger wäre: „Die Nachbarin ist gerade an der Tonne, da kannste flirten; und hallo: Jetzt nimmste aber die Mülltüte mit!“ So gelingt der Alltag, der Haussegen hängt im Lot und mit der Sprache gehen wir bitte behutsam um, vielleicht liebevoll – so als wüssten wir, sie ist etwas wert. Anschließend lasst uns wieder über Literatur, über Wissenschaft, über Journalismus sprechen. Übrigens versagt nicht die Sprache, das kann sie gar nicht. Das können nur wir, ihre Anwender, indem wir gelegentlich das Verstehen nicht verstehen.


In den Sprachnachrichten des VDS erschienen im November 2022

Oliver Baer @ 09:38
Rubrik: Gesellschaft
So ersetzbar wie Energie

Beitrag vom 11. August 2022

Zwei der aktuell besonders eifrig diskutierten Dinge sind die Energie und die Gerechtigkeit. Sie haben etwas gemeinsam: den leichtfertigen Gebrauch der Sprache. In erstaunlicher Furchtlosigkeit wird da mit der Sprache umgesprungen, als gäbe es darauf nicht einmal ein Dosenpfand. Dabei gehen uns nicht nur Vokabeln flöten. Das kann teuer kommen, unbequem werden und die Nächstenliebe trüben.

Entdeckt wurde vor Jahren das Klimaproblem, und bald waren die dafür benötigten Wörter ausgelutscht. Es wurde die Energiewende ausgerufen, sie war aber nur eine Stromwende, und auch aus dieser ist nicht viel geworden. Nicht nur blieb das Problem verzwickt, auch das Vertrauen der Bürger wurde gestresst. Und zwar

Irgendwie peinlich (Bild: Fotolia)

gründlich und nicht etwa: nachhaltig. Dass ein kluger Gedanke mit Wörtern platt geschlagen wird, kann man an der „Nachhaltigkeit“ beobachten. Ihre Bedeutung war einmal positiv: Nicht mehr Holz schlagen als zugleich nachwächst! Heute kann man sogar „nachhaltig geschädigt“ werden. Auch „Energiewende“ sagt man am besten nicht mehr, solche Wörter rauschen zum einen Ohr hinein, zum anderen heraus, ohne auf dem Weg durchs Gehirn mehr zu bewirken als Unwillen.

Nun geschieht, aktuell wegen des Krieges, auf einmal viel Konkretes, und es wird mitunter sogar von kluger Sprache begleitet – aber auch von der vertrauten Effekthascherei der Lautdaherredner, die eben deshalb in den Medien häufiger vorkommen. Hauptsache man punktet, gerne auch mit verbalen Tiefschlägen. Im Bauch der Hörer und Leser bleibt übles Gefühl zurück. Kein Wunder, dass zu viele die Lust verlieren. Vielleicht haben wir Glück, und die Bürger halten trotzdem zusammen, wenn es dicke kommt. Teuer wird die Sache allemal. Der Mensch mag Veränderung erst einmal nicht, aber unsere Sprache sollte, wenn’s geht, für das Machen, für das Lösen von Problemen funktionsfähig bleiben.

Ähnlich unrund läuft es bei der Gerechtigkeit: für Geschlechter, für Minderheiten, für Verfolgte. Da werden hohe Ansprüche gestellt, einander widersprechende Forderungen gestellt. Es macht sich halt jeder seinen eigenen Begriff davon, was „gerecht“ sei: ein Wort für mehrere Begriffe. Darüber muss man reden können, sich verständigen, und dazu brauchen wir die Sprache. Diese aber wird vernebelt durch den Versuch, Gerechtigkeit zu erzwingen, indem Wörter tabuisiert werden, und wer sie trotzdem verwendet, gilt als „umstritten“, als homophob, als Rassist und sowieso als alter weißer Mann! Den muss man von der Bühne pfeifen. Geht uns das Sprachgefühl verloren, seit jeder digital mitreden kann? Eher nicht, verleumdet wurde schon immer, aber ein Hass lässt sich heute wirkstärker verbreiten. Ein behutsamer Umgang mit der Sprache täte jetzt gut.

Peinlich, nein unaufrichtig an den Gesprächen ist, wie das Ziel mit dem Werkzeug verwechselt wird, womit das hehre Ziel zu erreichen wäre. Das sieht so grotesk aus, als wollte man die Abseitsregel aus dem Fußball auch für gesundes Essen durchsetzen, und wer das nicht einsieht, gilt als Tierquäler. So sieht der Streit um Gerechtigkeit aus: ganz schön konfus. Denken und Sprache haben miteinander zu tun, sie wirken in beide Richtungen aufeinander ein, und manchmal muss man erst denken, dann reden. Oder die Klappe halten. Wie wäre es, wenn wir unser Sprachgefühl wiederentdecken, im sorgsamen Gebrauch pflegen und immer erst einmal klären: Welches Problem wollen wir jetzt bereden, wie halten wir die Dinge auseinander, bevor wir die Kategorien durcheinander werfen? Wir blamieren uns doch bis auf die Knochen, wenn wir die Sprache behandeln wie Plastikmüll: bis zur Wertlosigkeit wiederverwerten und am Ende den Mist doch noch verbrennen. Fangen wir schon mal an, mit unserer schönen Sprache Begeisterung zu wecken. Vielleicht überzeugen wir Sprachfreunde durch vorbildlichen Gebrauch unserer Landessprachen, unserer Muttersprachen, aller Sprachen – denn: Ähnliches gilt für unsere Nachbarn weltweit.

Halten wir fest: Was wir einander mit der Sprache Schönes oder Hässliches antun, reicht von der Energieknappheit bis zur Gerechtigkeitslücke. Da sind wir alle betroffen, auch wer mit der Schulter zuckt: „Dazu fehlt mir das sprachpatriotische Gen.“ Nein, dazu braucht es kein Gen, es braucht die Energie zur aufrichtigen Verständigung. Und wer darf sich jetzt an die Nase fassen? Politiker und Journalisten sind die üblichen Verdächtigen, na klar, aber wie verhalten wir uns, wir Sprachfreunde? Wir könnten unserer sprachkulturellen Verantwortung gerecht werden. Eigentlich müssten Umweltschützer unsere besten Freunde sein, denn Sprache ist eine Ressource des Geisteslebens, so endlich wie die Ressourcen der Natur und der Umgang damit so folgenschwer wie die Gewinnung und der Verbrauch von Energie.
© Oliver Baer, Juli 2022


Dieser Beitrag wurde im Sommer 2022 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (III/2022) veröffentlicht.

Oliver Baer @ 17:47
Rubrik: Gesellschaft