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wo es um Sprache geht (noch im Umbau)
Sprache ist der Trumpf

Dienstag 24 Oktober 2023

Vorsicht, dieser Beitrag könnte vermuten lassen, dass nicht alles goldig ist, was glänzt

Es ist nochmal gut gegangen. Anfangs wurde ja gezweifelt, haben die Mahner alle Tassen im Schrank? Von wegen „Grenzen des Wachstums“, von weinerlich bis apokalyptisch. Aber heute, zum Jahresende 2028 stehen wir gut da: plus 0,3 Grad Celsius, Tendenz stabil. Es gelang, Wachstum neu zu definieren, und alle Natur-, Umwelt- und Klimafragen erledigten sich wie von alleine. Toll ist der Kniff, wie die überhaupt nicht Überzeugten bekehrt wurden.

gefrorener Apfel

Ein Wort sagt mehr als tausend Fotos (Bild ©Behland)

Man kann sich erinnern. Einige tausend Arten starben nicht aus, seltene Erden wurden geschont, die Ölförderung sank (und tut es weiter), auch Gas will bald gar keiner mehr, die Würstel und Schnitzel fielen aus der Mode, es wird weniger geduscht, geheizt wird wie bei den Schotten, und die Städter fahren Rad, zu 53 Prozent Lastenrad. Nach dem miesen Start vor bald 80 Jahren, wer hätte das geahnt? Wie die Umweltschützer gegen den Wind zu kreuzen lernten, hat den Bürgern imponiert. Da haben sie mitgefiebert, mitgespendet, mitgedacht, dazu die passenden Politiker gewählt. Was genau war der Kniff?

Wie man zu überzeugen suchte

Es war die Sprache! Auf diesen Knüller kamen die Vordenker – nennen wir sie die Weißen (sonst sind ja keine Farben frei) – also diese Frühweißen kapierten beizeiten, sie würden Unterstützung durch ganz viele Bürger benötigen, ohne Mehrheiten kämen sie nicht weit. Sie fühlten sich in die Gefühlslage der Bürger ein, wie sie für die Vision einer nachhaltigen Gesellschaft zu begeistern wären, und zwar zum Mitmachen, nicht Mitquatschen! Den Weißen war klar, mit Angstmacherei wäre das nicht zu stemmen. Horrorbilder, wie die Erde verbrennt oder ersäuft, pädagogischen Schwachsinn von der Sorte verpönten sie, auch Anfeindungen gegen Schwerhörige und Böswillige. Die Frühweißen verstanden das nicht ganz mühelos, aber die Idee sprach sich herum: „Fingerzeige statt Zeigefinger“. Zum Durchbruch brachte sie die Frage: „Wie mag es mir gelungen sein, diese geliebte Person ins Bett sowie in ein gemeinsames Leben zu locken?“ Die Antwort hieß: Brautwerbung: „Die Leute sollten unseren Plan (und uns) sexy finden.“ Nicht bloß Bauch und Herz, auch der Verstand musste gekitzelt werden. Und so sprachen und schrieben sie mit Engelszungen, sie bedienten sich einer Sprache aus gelebte Wärme, mit der sie die tätige Sympathie der Bürger weckten, nicht nur der Kieznachbarn, die längst ihrer Meinung waren, sondern der vielen, die Komfort, Vermögen, auch Vorurteile zu verlieren hatten, sobald sie den weißen Ideen folgten.

Unfassbar, wie das Fassbare gelang mit Hilfe der Sprache! Das macht die Sache spannend für Sprachfreunde. Keine Kinder mussten die Schule schwänzen, keiner klebte auf der Kreuzung, aber in die Lehre bei Heizungsbauern traten sie, zu lernen wie man Wärmepumpen installiertA. Es machte sogar Spaß (bis heute), mit den Weißen zu feiern, die waren nicht verbiestert wie ganz zu Anfang! Kurzum, jeder merkte, so sehen Taten aus, die zu etwas führen, und so Ideen, die Wind machen. Es ging ja nicht nur um Wärmepumpen, es wurden sogar intelligente Lösungen erfunden, entwickelt, eingebaut. Heute blicken wir zurück und sind voll des Lobes für die Weißen.

Was hätte schief gehen können

Es hätte auch schiefgehen können. Man stelle sich vor, die Bürger hätten gestänkert, statt eine neue Heizung einzubauen, oder das Wort „Wärmepumpe“ hätte in Berlin keiner mehr zu sagen gewagt. Oder die Bürger hätten einen starken Mann herbeigewünscht! Oder noch übler: Wenn Leute, die mit dicken SUVs herum gurkten, wenn sie nicht gerade stundenlang duschten oder sich auf den Seychellen fläzten, auf die Idee gekommen wären: „Weltuntergang? Dann aber ordentlich, wir feiern auf dem Vulkan!“ Man male sich aus, die Weißen hätten die Dienasevollhabenden so gründlich unterschätzt: die ganzen Miesmacher, die sich ungern belehren lassen? Von Dunkelweißen, die so gerne die Demut heraushängen lassen, mit der sie die Eisbären retten? Oder wenn gar die Hellweißen selber geträumt hätten, wie viel einfacher die Erde gerettet würde, wenn man den Klimaschutz par ordre du mufti erzwingen könnte?

Wie viel man daraus gelernt hat

Nun ja, mitunter hatte es so geklungen, als würden im Chor nicht bloß ein paar Leute falsch singen. Aber Schwamm drüber, weg mit dem Zweifel, wir dürfen die Weißen aus vollem Herzen loben. Für ihren empathischen Umgang mit der Sprache, für ihre sensible Wortwahl, mit ihrem feinen Ton haben sie das Volk für die Rettung des Klimas gewonnen. Wer hätte vor 50 Jahren 0,3 Grad plus für möglich gehalten? Na also. Nach diesem Knüller steigt das nächste weiße Projekt. Nun geht es um gerechte Sprache zugunsten der Geschlechter, der Rassen und Religionen. Streng genommen kein Problem, denn 90 von 100 Bürgern fordern Gerechtigkeit für alle, aber vielleicht brauchen die Bürger die Muße, die Sprache endlich auch auf dieses Ziel zu richten. Gottlob lenkt davon keine Krise ab, keine Kinder werden verschleppt, Frauen vergewaltigt, Blutrausch mit Bonbons belohnt. Die richtige Sprache hat schon einmal so viele eingefangen, das wird zum Gendern auch gelingen! Und zum Känzeln. Denn da widersprechen immer noch Leute, vier Fünftel mosern gegen das Sprachgendern. Sie werden dem bewährten Charme der Weißen nicht widerstehen. Nicht auf die Dauer.

Was kann uns noch passieren? Nichts, außer Blutgrätschen wie dieser: „Damit die Gesellschaft sich ändert, ist gezielte Veränderung der Sprache auch gegen den Willen der Mehrheit gerechtfertigt.“ Das kann natürlich kein Weißer gesagt haben. Undenkbar, so klingen nur Unternehmensberater: Fortiter in modo, banaliter in reB, wenn ihre Pläne durch Fakten nicht gestört werden sollen.

A Ich warne Sie, diesen Satz gelesen zu haben
B Unerbittlich im Vorgehen, unerheblich in der Sache


Veröffentlicht in der 100. Ausgabe der Sprachnachrichten IV/2023 des VDS


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