Die Engländer haben der Welt den edelsten Sport geschenkt: Cricket. Dieser Zeitvertreib erschließt sich Einwanderern in anglophone Länder bereits in der zweiten Generation, in dringenden Fällen schon nach zehn Jahren des intensiven Nichtmehrweghörens, wenn beim Stand von 238 for 6 die Leute bedeutsam nicken: „Das läuft auf ein dramatisches Unentschieden hinaus.“

Die Franzosen haben, von der Provence ausgehend, in die frankophonen Länder Pétanque verbreitet. Diese Form des Boule ist so schwierig wie Golf, aber tausend Mal billiger: Es wird dank der früheren französischen Besatzung auch bei uns viel gespielt. Deutschland belegt unter 94 aktiven Nationen den sechzehnten Platz der inoffiziellen Rangliste. Eine Tatsache, auf die Boulisten ein Glas Rotwein heben und eine frische Zigarette drehen.

Womit wir zur Sprache kommen. Zum Cricket haben weder Franzosen noch wir etwas beigetragen, die Begriffe sind englisch. Beim Pétanque hat Englisch so viel zu suchen, wie die Angelsachsen dazu beigetragen haben: nichts. Deshalb sind die Fachbegriffe fanzösisch und das ist gut so, schon damit nicht weltweit alles immer nur auf Englisch lautet. Außer in Deutschland. Zwar gibt es eine Reihe gültiger Verdeutschungen (pointer = legen, tirer = schießen), aber bei jedem deutschen Turnier gibt es einen Cup zu gewinnen. Was schlimm genug ist, denn Coupe hätte es auch getan, oder wenigstens Pokal. Es kann aber ein Cup/Coupe/Pokal nur ein Gefäss sein. Jede Skulptur, sei sie noch so schön gestaltet, ist nur dann ein Cup, wenn sich daraus der Siegessekt schlürfen lässt – im Pétanque ist das zumeist ein Sieges-Pastis.

Dem Cup geht es wie dem Alpinen Skiweltcup, da ist unseren Sportjournalisten jedes einzelne Rennen bereits der ganze der Weltkapp, natürlich ein Schmarren, denn die Welttasse gibt es am Ende der Saison, nämlich erst nach allen Wertungsläufen „zum Weltcup“. Hier geht es sprachlich zu wie bei der Relegation. Richtig handelt es sich um Aufstieg und Abstieg, Promotion und Relegation, wenn es denn Fremdwörter sein müssen, aber das bekommt kein Reporter auf die Reihe. Also zum Mitschreiben: Relegation = Abstieg! Was Ihr Reporter und Journalisten meint, ist die Auf- und Abstiegsrunde.

Die Verlierer küssen diese Region der Fanny, wenn sie mit 0:13 geschlagen wurden
Aber noch ein Wort zum Kugelsport.

Pétanque kennt beim Endstand 0:13 eine kuriose Sitte. Zu Null ist die Höchststrafe, und sie hat zweierlei Folgen. Die Verlierer küssen den entblößten Po einer Dame namens Fanny, und die Sieger müssen einen ausgeben. Die Sitten dieses Sports entstanden offenbar unter Platanen neben einem Bistro. Um den Mädchennamen Fanny ranken schlüpfrige Mythen, die wir hier kühn übergehen wollen. Aber man merke: Im Französischen wird die letzte Silbe betont: Fannih. Alles andere führt in die Irre. Dass im amerikanischen Englisch die fanny den weiblichen Popo, im britischen Englisch die fanny etwas weniger Salonfähiges (ungefähr in gleicher Höhenlage) bezeichnet, erhellt die Sachlage keineswegs. Wer sich mit halbgaren Englischkenntnissen für besonders gut informiert hält, befindet sich mit der falschen Aussprache im Abseits.

Plattfüßig treten in die Falle – wir Deutschen. Boulisten sprechen hierzulande von der Fänni, oder wenigstens halbwegs französisch von der Fanni, was aber den Nachteil gebiert, dass sie von Englischkennern so niedergeschrieben wird: funny. Das ist nun überhaupt nicht funny, sondern nurblinder Reflex: Was von außen kommt, ist erstens gut und kann daher zweitens nur englisch sein. Es kommt noch so weit, dass wir die eigene Muttersprache mit amerikanischem Akzent aussprechen.

Pingelig? Aber ja doch. Giora Feidmans Klarinette hat uns Klesmer nahegebracht, eine Musik osteuropäisch-jüdischer Herkunft. Ausgesprochen wird Klesmer mit einem weichen /S/, daher die Schreibweise Klesmer. Im Englischen erweist denselben Dienst für ein weiches /S/ das /Z/, daher die Schreibweise Klezmer. Ein Unfug wäre somit im Deutschen Klezmer, aber in vorauseilender Unterwürfigkeit ist diese Schreibweise schon weiter verbreitet als die zutreffende. Das ist eben nicht egal, denn prompt tritt ein, was zu erwarten war: Die Leute sagen Kletzmer, und wie schreiben sie es? Kletzmer, wie denn sonst, das hat doch der Ansager so gesagt, oder? Weder die USA noch ein anderes Land englischer Zunge hat Nennenswertes zum Klesmer beigetragen. Wie Schreibweise und Aussprache stimmen, weiß die Gruppe Aufwind, Experten dieser Musik, die auf ihrer Website aufwindmusik.de übertiteln: Jiddische Lieder und Klesmermusik und Yidish Songs and Klezmer. Dennoch lässt sich sogar die Wikipedia, sonst pedantisch in diesem Dingen, im deutschen Text auf die Schreibweise Klezmer ein.

Warum so pingelig?

Für Kenner kein Problem: die richtige Schreibweise
Wichtigkeit? Den Boulesport ficht keine falsche Fanny an, und Klesmer wird Kletzmer überleben. Was eingeht, ist unser Gespür, dass es etwas ausmacht, ob eine Sache anscheinend unwichtig oder scheinbar unwichtig ist. Der Schwund schleicht auf Socken daher. Wenn wir dereinst merken sollten, dass etwas fehlt, wird es aber keiner merken, weil dann die Fähigkeit bereits verschwunden ist, das Fehlen noch wahrzunehmen. Den Wenigen, die das Fehlen bemerken, wird man nicht glauben, denn wir haben schon jetzt zum Lernen keine Lust mehr.


Bilder:

13-0 Fanny von Unbekannt 1920 — http://cheznectarine.centerblog.net/rub-la-petanque-et-fanny–3.html. Sous licence Domaine public via Wikimedia Commons

Klesmer: Ablichtung der Titelseite und einer Folgeseite aus www.aufwind.de