Zugleich trocken und unterhaltsam, enthält kein einziges Bild spärlich bekleideter Menschen
Das Geschick, eine glückliche oder wichtige Entdeckung durch Zufall zu machen, kommt überall vor, aber die Engländer haben den Begriff mit einem Wort versehen: serendipity – eine Orchidee unter den Wörtern, den meisten Angelsachsen jedoch nicht vertraut.

Ich schulde Ihnen ein Geständnis, ich habe leichtfertig zitiert: Die Weltsprache sei nicht Englisch, ließ ich den prominenten englischen Linguisten David Crystal sagen, sondern schlechtes Englisch. Das stimmt, aber so hat nicht er es geäußert, sondern ein fleißiger SPIEGEL-Journalist hat Crystals Auffassung zu diesem Satz verdichtet. Das wird bestätigen, wer sein Werk English as a Global Language gelesen hat.

David Crystal beschreibt darin ziemlich genau, was ich als Globisch bezeichne. Er nennt es World Standard Spoken English (WSSE), eine Varietät des Englischen. Es ist nicht zu verwechseln mit American Standard English oder British Standard English. Auch wenn sich Crystal akademisch seriöser ausdrückt, die Charakteristika stimmen überein: der reduzierte Wortschatz, der Verzicht auf die komplizierten Verbformen und auf Redewendungen, Redensarten sowie auf Problemzonen wie die doppelte Verneinung. Auch David Crystal sieht im WSSE keinen Raum für Humor, Ironie, Sarkasmus.

Das ist zwar bedauerlich, denn eben das macht Sprachenlernen zu einem besonderen Erlebnis. Aber man muss sich entscheiden, worum es geht. Höherer Kulturgenuss erfordert höhere Sprachbildung, während weltweite Verständigung mit Globisch ganz einfach besser gelingt. Wir sind aber aus geübter Eitelkeit unbelehrbar, wir verlangen in Deutschland, Österreich und der Schweiz von Stellenbewerbern ein Englischniveau, das die meisten Menschen auf dem gesamten Globus (sowie in Europa, Holland und in Eindhoven) nicht können, niemals beherrschen werden und auch gar nicht erwerben möchten. Ihnen genügt die Verständigung, wenn es geht fehlerarm und unkompliziert. Es gibt also mindestens zwei grundverschiedene Ansprüche.

Das bemüht und anscheinend perfekte Englisch der Unbelehrbaren verstehen nur wenige. Im asiatischen Geschäftsleben provoziert zu gutes Englisch schweres Kommunikationsversagen, das aus Gründen der Gesichtswahrung oft nur schwer zu klären ist. Ähnliches geschieht in Arabien, Afrika, Lateinamerika und in fast allen europäischen Staaten. Eine Sprache, die Fehler befördert oder sogar tarnt, ist für die internationale Verständigung ein Handicap. Einen Sinn ergibt sie nur bei der Pinselei des Bauchnabels: Guck mal, was für ein tolles Kerlchen ich bin: „I can English.“ Solchen Leute widerspreche ich gelegentlich. Sydney heißt nicht Sidnäi sondern Sidni mit dem langen /i/ am Ende, und das ist in sämtlichen Varietäten des Englischen so. Aber was geschieht: Die Leute hören die Korrektur, sie staunen, sie nicken und sagen weiterhin: „Mein Freund Harwäi.“

Über die Beratungsresistenz deutscher Eggsekjuhtifs schmunzeln Englischkenner landauf, landab. Ein Wirtschaftsverband schmückt sich mit einem Senate – wahrscheinlich weil Senat an Spinat erinnert – und wie ein Automat wiederholt der Vorsitzende ein merkwürdiges Wort, das wie Ssienäit klingt, wo er Ssennet sagen müsste. Er blamiert sich, nun ja, aber warum? Er tut als ob er zuhörte, aber das rauscht vom einen Ohr zum anderen ohne eine einzige Synapse auch nur zu streifen. Unter der Alterseitelkeit leiden vermutlich auch viele, die Aufwand, Zeit und Geld in gutes Englisch gesteckt haben. Und nun sollen sie wegen Globisch Abstriche machen? Kommt nicht in Frage! Sollen doch die Anderen besseres Englisch erwerben!

Die falsche Logik überliest sich allzu leicht: Nicht wegen Globisch, sondern um sich verständlich zu machen, sollen sie sich beschränken. Falls Sie hier noch mitlesen: Crystals Buch lässt keinen Zweifel, dass der wahre Weltbürger mehrere Sprachen erwerben soll. Er fordert die englischen Muttersprachler auf die Hochsprache ebenso zu beherrschen wie das regionale Englisch oder den heimischen Dialekt, und als drittes sollten sie WSSE, also Globisch erwerben. Ausdrücklich unterscheidet er diese Drei. Als Europäer und Weltbürger erlaube ich mir zu ergänzen: Dem wäre eine Fremdsprache hinzuzufügen, damit die kulturelle Inzucht der Angelsachsen ein Ende nimmt.

Kommen wir zur Kritik seines Buches English as a Global Language. Mir fallen zwei Gesichtspunkte dadurch auf, dass er sie ignoriert. Crystal spricht von Kommunikation und Identität mit einem Unterton, als könne er die Anstößigkeit nur mühsam tolerieren, mit der die Bürger von Singapore Wert auf ihre Identität legen. Der Verlust des Kolonialreiches schmerzt noch immer. Zweitens widmet er der Rolle der Muttersprache beim Denken – keine Zeile. Das Denken interessiert Crystal nicht, vermutlich weil es kein Thema der Linguistik ist. Im Vorübergehen geht er darauf ein: Sollte es jemals dazu kommen, dass nur noch Englisch gelehrt würde, nennt es Crystal the greatest intellectual disaster that the planet has ever known – das größte Desaster für das Geistesleben auf dieser Erde. Recht hat er, aber als Randbemerkung kommt es herüber wie ein politisch korrektes Lippenbekenntnis.

Wer alle Aufmerksamkeit auf Englisch lenkt, tut das auf Kosten seiner Muttersprache. Diese sollte er als erstes lernen und pflegen. Warum? Damit er noch aus eigener Kraft Gedanken formulieren und anschließend verwirklichen kann. Wer sich fortwährend mit Versatzstücken der englischen Sprache schmückt, wirkt cool, aber dieses Sprachragout ist für den Geist so gesund wie McDonalds für die schlanke Linie. So einer wird zum Junkie und merkt es nicht. Nebenbei erwähnt: Auf dünner Muttersprache wächst keine knackige Fremdsprache.

Serendipity muss im Text nur verwenden können, wer in Oxford zu studieren plant. Alle anderen seien gewarnt: Unter fünf Jahren ist gutes Standard English nicht zu haben: Dazu müssen Sie in das Mutterland der Sprache übersiedeln, Ihr Vorhaben kostet Sie viel Fleiß und Sie sollten in dieser Periode kein Wort Deutsch sprechen. Nur dann dürfen Sie mit Aussicht auf Erfolg hoffen, dass Sie sich mit Muttersprachlern auf gleicher Augenhöhe unterhalten.

Das ist zu viel verlangt? Richtig, WSSE/Globisch gibt es billiger. Diesen logischen Schluss aus seiner eigenen Darstellung vollzieht David Crystal jedoch nicht, jedenfalls nicht in diesem Buch. Zu sehr fasziniert ihn, wie wichtig Englisch in der modernen Welt ist. Leider so wichtig, dass die Engländer auf andere Sprachen verzichten. Deshalb ist dem Angelsachsen jeder kleine Gewürzhändler in Madras beim Begreifen fremder Einflüsse überlegen. Und die Geheimdienste der Amerikaner und Engländer suchen händeringend nach Leuten, die fremdsprachlich gut zu Fuß sind und den weltweit belauschten Kommunikationsmüll nach werthaltiger Information durchstöbern könnten.

Für diesen Nachtrag zum Falschzitat in meinem Buch Von Babylon nach Globylon lasse ich mich gegebenenfalls beguttenbergen, aber es war ja keine Dissertation. Es war und ist eine aktuelle Arbeit über die Bedeutung der Muttersprachen für Wirtschaft und Wissenschaft, mit einem ausführlichen Abschnitt über den Erwerb von Globisch bzw. World Standard Spoken English, zu kaufen bei Ihrem Buchhändler sowie bei Amazon, gedruckt und für den Kindle. Kritiker bitte ich das Buch vor dem Verriss zu lesen. Man merkt es, wenn der Kritiker über das Blättern nicht hinauskam.


Mehr über dieses Buch hier auf der Website: „Von Babylon nach Globylon.