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wo es um Sprache geht (noch im Umbau)
Zwei Dutzend Nachbarn im Garten

Sonntag 23 September 2007

Tunnelblick und Sturheit behindern Bündnisse zwischen den europäischen Muttersprachlern. Die Sprachen der anderen gehen uns etwas an, im eigenen Interesse. Ein Appell an den Verein Deutsche Sprache.

Im Polnischen, Estnischen, Französischen, Niederländischen gibt es dieselben Probleme wie bei uns mit einem Primitivenglisch, das sich verbreitet wie die Karnickel in Australien. Vielleicht ist der größte aller Sprachvereine, der VDS, in seinem Zorn nur deshalb so weit gediehen, weil nirgends so viele Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden wie an unseren Universitäten, in der Wirtschaft, in den Medien, in der Werbung. Aber Obacht: 90 Millionen deutsche Muttersprachler (unter 493 Millionen Europäern der Union) werden allein durch ihre Menge das Überleben der deutschen Sprache – oberhalb des Oettingerniveaus – nicht stemmen. Einem ähnlichen Irrtum sind bereits die Perser bei Marathon aufgesessen.

Zwei gute Gründe gelten, den benachbarten Sprachen mehr zu gönnen als Bekenntnisse zu „ihrer kulturellen Bedeutung für die Vielfalt Europas“ und was einem sonst an Hülsen einfällt, wenn man nichts Greifbares zu tun vorhat. Der wichtigere und schönere Grund ist die Kultur: In keine andere Sprache wird so viel Literatur anderer Völker übersetzt und die Verlage gehen daran nicht zugrunde, das heißt, die Bücher werden auch gekauft und manche vielleicht gelesen. Will sagen, offener für die Kulturen der Welt kann man nicht sein. Hat uns geschadet, daß unsere Dichter und Denker in den Sprachen der Nachbarn zuhause waren? Bricht uns ein Stein aus der Krone, weil Kant und Herder die Bedeutung der litauischen Sprache für die Geisteswissenschaften in aller Welt betonten? Der Genius eines Volkes offenbare sich nirgends besser als in der Physiognomie seiner Rede, sagte Herder. Demnach läge in der Vielfalt der Genien die Stärke, nicht ein Handicap Europas. Eine Stärke, die man uns neidet?

Zwei Dutzend Nachbarn

So gut wie alle Sprachen Europas zählen zu unseren Nachbarn. Darin unterscheiden wir uns von Franzosen und Briten, die sich mit dem Verlust ihrer Weltreiche immer noch schwertun. Ihre Sprachen rücken uns nicht auf den Pelz, nicht das Französische, auch nicht das Oxford-Englisch, das keine drei Prozent der Briten beherrschen. Schmerzen bereiten uns die Denkmuster und Subkulturen, die wir mitsamt Jargon gedankenlos vereinnahmen. Wobei wir uns zu wenig beim besten bedienen, das Amerika zu bieten hat. Mittlerweile blüht uns, daß sich eine platte Variante des Englischen schon deshalb als einzig überlebende Arbeitssprache der EU durchsetzt, weil zu viele Europäer auf das – ach so plausible – Argument hereinfallen, drei Arbeits- und über zwei Dutzend Amtssprachen seien unpraktisch und schlichtweg zu teuer. Offenbar ist es praktischer, wenn wir 96 Prozent unserer Denkfähigkeit lahmlegen, so wird das Weltbild überschaubar. Und billiger käme es, wir bäten gleich um Aufnahme in die Vereinigten Staaten.

Tunnelblick aufs Unkraut

Daß uns die Nachbarsprachen etwas angehen, hat mit Strategie in eigener Sache zu tun. „Wir kümmern uns um Deutsch, die anderen um ihre eigene Sprache.“ So heißt es, und außerdem „sollten die Deutschen aufhören, vor anderen auf die Knie zu fallen“. Solcher Tunnelblick bekommt uns schlecht. Blicken wir trotzdem über die Grenzen, finden wir Freunde bei deutschen Minderheiten in Schlesien, Südtirol, im Elsaß sowie unter den Deutschlehrern vom Nordkap bis Neuseeland. Auf diese Weise sichern wir uns den Beifall derer, die sowieso unserer Meinung sind und in ihren Ländern schon deshalb nichts bewegen, weil sie als Minderheiten oder Gäste gut beraten sind, den Mund zu halten.

So lange sich die Sorge des VDS auf die eigene Sprache beschränkt, wird sich daran nichts ändern. Zwar sind auch die Nachbarn von einem dominanten Denkersatz bedroht, den alle Welt mit Englisch verwechselt. Zu einer gemeinsamen Politik fehlt also nicht die Begründung, es fehlt der Anlaß. Warum sollten 38 Millionen Polen 90 Millionen deutschen Muttersprachlern die Stange halten? Schätzen wir etwa Andrzej Szczypiorski, einen Freund unserer Kultur? Wenn in Europa jeder so gleichgültig seinem Chauvinismus frönt, braucht auf den Ausgang nicht gewettet zu werden: Der Sieger ist Englisch, noch dazu eines, das nicht einmal die Engländer erfreut.

Bevor noch die Türken die falsche Sprache feiern

Die Lösung liegt auf der Hand: Tun wir uns mit den muttersprachlichen Polen, Esten, Franzosen, Flamen zusammen, auch mit den Engländern, in unserer gemeinsamen Sorge um die Sprachen Europas! Nützlich wäre, wenn wir das auf die Beine brächten, bevor 72 Millionen Türken den Drang zum Euroenglisch noch verstärken. Hinweise auf unsere Satzung – „Mitglieder können ausgeschlossen werden, wenn sie … die Förderung der deutschen Sprache zur Verunglimpfung von anderen Sprachen und Kulturen nutzen“ wiegen wenig, wenn dahinter nichts steckt als die Angst vor den Erntehelfern.

Kehren wir zum schöneren Argument zurück, es verspricht reichen Lohn. Nicht nur geziemt es sich, in der Mitte eines Kontinents ein Herz für die Nachbarn zu haben. Es macht sogar Freude, und es bereichert uns. Wir haben den Genius so vielfach in unserer Mitte, wie wir die Zahl und Substanz der Muttersprachen pflegen. „Sonderbar!“ sagte eine Polin, sie sang es geradezu. In dieses Wort sei sie geradezu verliebt. Sonderbar ist die Angst, wir würden auf die Knie fallen, wenn wir einander im Garten zur Hand gehen. Wer noch nie erlebt hat, wie gerührt ein Krakauer auf Worte in seiner Landessprache reagiert, sollte es mal probieren.

Im Garten keine Goldwaage

Sicher wird es schwierig, mit den Nachbarn Sprachbündnisse zu schmieden. Etwa die Polen besitzen für den Begriff Muttersprache kein eigenes Wort, selbst bei uns unterscheiden manche zu unscharf Muttersprache und Vaterland. Sprachbündnisse zu verhandeln, verlangt Diplomatie, Geduld und selbstgewisses Vertrauen in die Verhandlungsführer. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Bündnisse formulieren das Gemeinsame; was uns unterscheidet, wie den Gorgonzola vom Roquefort, mag getrost den Partnern überlassen bleiben.

Warum wagen wir nicht den großen Schritt und ergreifen, als stärkster Sprachverein in Europa, die Initiative? Oder lassen wir uns von den Franzosen die Schau stehlen?

Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, 3/2007.


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