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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Weg ist weg

Beitrag vom 13 Juli 2021

Böse Wörter sind abzuschaffen. Dagegen kann keiner etwas haben, denn sie verletzen, und was wehtut, muss weg. Am besten, man verbietet sie.

Das hat beim Klimawandel geklappt, na ja, nun ist der Rassismus dran. Das fällige Sprachverbot beginnt bei dem Wort „Rasse“. Da es Rassen nicht gibt, kann das Wort aus dem Grundgesetz gestrichen werden. Was da nicht drin steht, gibt es nicht, zum Beispiel die deutsche Sprache, etwa nach dem Motto: Wenn ich nicht hingucke, sieht es mich nicht. Aber falls die Leute darauf nicht mehr hereinfallen, verspricht ein Verbot mehr Wirkung.

„…dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ (sagte Tucholsky in Was darf die Satire?).(Bild © Zangs)

Dabei wird jedoch ein neues Problem sichtbar, es hat mit der Klarheit des Denkens zu tun: Was zu verbieten ist, muss man nämlich bezeichnen, damit klar ist, was es nicht mehr geben darf. Etwa so: Liebe Leute, Rassismus wollen wir nicht, deshalb streichen wir das Wort Rasse aus dem Wortschatz. Übergangsweise ersetzen wir es durch das „R-Wort“.

Da es, streng genommen, sogar das R-Wort nicht geben kann, wird auch „Rassismus“ zu einem R-Wort. Nun haben wir zwei von der Sorte, nennen wir sie R1 und R2. Sie wurden zu dem Zweck fabriziert, dass ihr Inhalt spontan verschwindet. Ganz einfach: Da es R1 nicht gibt, kann R2 gar nicht sein. Das ist wie in der Quantenphysik, sobald du das Ding anschaust, ist es nicht mehr da. Da werden ein paar Leute am Dienstag nachsitzen müssen. Noch einmal zum Mitschreiben: Wir erklären mit einem nicht existenten Ding ein nicht mehr existieren zu habendes Ding – zu dem Zweck, dass dieses aus unseren Gehirnen restlos entsorgt wird. Das nennt man Gehirnwäsche, dagegen ist Quantenphysik ein Kinderpicknick.

Es gibt aber Nachzügler, die das Nachsitzen schwänzen, die sogenannte „breite Masse“. Deshalb muss man die bösen Wörter für weitere Belehrungen aufbewahren. Das tun Fachkräfte für uns, sie stecken böse Wörter (auch solche mit M oder N) in den Giftschrank. Nur sie dürfen Gift entnehmen und wegsperren. Gibt es diese Fachkräfte? Aber sicher, Leute die wissen, was gut und was böse ist, gibt es haufenweise. Wir erkennen sie an ihrem Sendungsbewusstsein, womit sie die Dummen umerziehen und zur Einsicht notfalls nötigen. Sie sind beliebt wie ehemalige Raucher, aber da müssen sie durch. Die Fachkräftigen brauchen unser Vertrauen. Das Vertrauen, dass ihre Fachlichkeit unserer Fähigkeit zum eigenen Denken überlegen ist. Diese Bedingung ist offenbar längst erfüllt, sonst würde, was sie und ihre Gegner behaupten, rückstandsfrei verpuffen.

In Mark Twains Abenteuer des Huckleberry Finn kommt das total böseste aller Wörter 200 mal vor – den ersten Buchstaben wollen wir hier gar nicht erst nennen –, mit dem Huckleberrys Begleiter bezeichnet wird, ein der Sklaverei Entlaufender namens Jim. In uns lesenden Buben – mittlerweile alte weiße Männer (AWM) – entfachte die Geschichte einen bleibenden Widerwillen gegen R2. Warum? Weil der Autor durch wohl platzierte, häufige Verwendung des N-Wortes (jetzt ist es heraus!) Vorurteile unübersehbar machte. Das beflügelte in uns Buben die eigenständige Entfaltung einer Gesinnung. Nebenbei erwähnt: Das Buch ist in den USA so gut wie verboten, auch hierzulande ist es verpönt.

Das ist kein Beweis, bloß ein Beispiel, noch dazu aus dem Erfahrungsschatz eines AWM, der nichts dagegen hätte, dass man dem Blutdruck durch Verbot beikäme. Das wird wohl nichts. Auch aus dem Kitsch, der aus Onkel Toms Hütte gemacht wurde, gewinnt man zwar Gesinnung, aber keine eigenständig erworbene. Jede Steuerung des Sprachgebrauchs ist nun mal widersinnig, denn sie erstickt die Freiheit der Dummen (siehe oben: die zu belehrende breite Masse), also die Freiheit der Mehrheit, eine Tugend der gerechten Gesinnung aus sich heraus zu entwickeln. Unersetzbar ist dafür die Fähigkeit zum Anfertigen und Äußern EIGENER Gedanken. Erzwungene Tugend ist einen Dreck wert, also Finger weg von der Sprache!


Dieser Beitrag wurde im Sommer 2021 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2021) veröffentlicht.

Oliver Baer @ 18:29
Rubrik: Gesellschaft
Sprache der Unterdrücker

Beitrag vom 16 Mai 2021

Ganz Südafrika ist schwarz. Ganz Südafrika? (Bild Fotolia)

Was aus den Muttersprachen wird, ist im südafrikanischen Kapland möglicherweise bereits zu beobachten. Englisch ist Lingua franca und Medium der Eliten, von Afrikaans gibt es bereits mindestens einen Jargon.

Nachvollziehbar ist das im Original der weltweit gelesenen Krimis des Kapstädters Deon Meyer. Geradezu liebevoll bringt er uns die Mischung der Ethnien nahe, wobei er den gängigen Versöhnungskitsch weitgehend vermeidet. Statt in der Weltsprache schreibt er in seiner afrikaansen Muttersprache, in der Sprache der Buren, aller Welt bekannt als Instrument der Unterdrücker. Seine Mutter- statt der Weltsprache verwendet Meyer mit offenbar hintersinniger Freude. So kann er eine Farbenvielfalt darstellen, die in den Übersetzungen verblasst. Urwüchsig ist der Jargon der Kapstädter „Braunen“. Dazu muss man wissen, für zwanzig Millionen ist Afrikaans die zweite Lingua franca Südafrikas, für sechs Millionen ist es die Muttersprache, davon zählen mehr als die Hälfte zu den Unterdrückten.

Zumal im Kapland nennen sich die Farbigen (coloureds) selber bruin. Waren sie früher nicht genügend wit, sind sie im Regenbogen-Südafrika nicht swart genug, stets stehen sie zwischen besetzten Stühlen. Ihnen, den Meistbetrogenen der Wende, gilt Meyers besondere Sympathie, aber auch die Übrigen im Polizeiapparat kommen gut weg: die Gewinner, zumal die Zulu und Xhosa, aber auch die Verlierer, die sogar als alte Hasen ihres Faches der sogenannten positiven Diskriminierung unterliegen. Meyer erzählt von dennoch wachsendem Respekt, sogar Zuneigung unter den gemischten Kollegen im Polizeialltag, und von ihren Begegnungen mit so manchem Verdächtigen oder Zeugen, dem das Regenbogensüdafrika nicht in den Kram passt. Mitunter idealisiert Meyer, trotzdem stimmen seine Bilder, man muss ihn nur zu Ende lesen – am besten im Original.

Eine Zumutung? Aber Neugierige werden mit herrlichen Dialogen belohnt. Typisch für die schwarzen Polizisten ist ihr bemühter Gebrauch eines gewählten Englisch, welches er bewusst unübersetzt lässt. Die Braunen im Kapland bewegen sich, je nach Milieu, zwischen einem wildwüchsigen bis hin zu einem gebildeten Afrikaans. Ihre Rede strotzt vor englischen Redensarten, zwischen zwei Satzzeichen wechseln sie auch mehrmals die Sprache. Das ist komisch, saftig, echt. Man genießt das Einfühlungsvermögen des Autors in das ethnische Gemisch seiner Heimat, wo zur gleichen Zeit die nicht mehr Aparten zusammenfinden, und andere ihre Vorurteile weiter pflegen.

Zur Echtheit des Ambientes zählt, wie unbefangen Meyer vor keinem der – auch in Südafrika schon immer – verpönten Wörter zurückschreckt. Wie sonst soll man Chauvinisten darstellen, jene die am liebsten unter sich bleiben, als in ihrer authentischen Wortwahl? Ein Bonus für beharrliche Sprachfreunde sind die Funde an Wörtern, die uns altertümlich vorkommen: misdaad für Verbrechen, die Verzweiflung ist wanhoop, die Begeisterung geesdrif. Wie mag sich hierzulande das einfache Volk ausgedrückt haben, als Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen nur den Gebildeten geläufig waren?

So bebildert Meyer Umgebungen, in denen sich Wandel tatsächlich vollzieht, bevor er die Sprache prägt, die der Unterdrücker wie der Unterdrückten. Wie sprachlicher Zwang Trotz gebiert. Im neuen Südafrika tummeln sich die Eliten und Aufsteiger in der Weltsprache der Kolonialisten. Vielleicht ahnen sie, was ihnen entgeht, denn menschliche Wärme liegt in den Dialekten, in den Jargons, wo die Leute reden, wie der Schnabel gewachsen ist, was sie sich zu eigen machen, und was sie am Aufstieg auch zu behindern droht. Deutsch ist auf einem ähnlichen Weg wie Afrikaans, von anglophilen Eliten verpönt, im Prekariat immer weniger geschätzt und Neuankömmlinge zweifeln, wozu sie es überhaupt noch lernen sollten. Es gäbe einigen Anlass beizeiten zu vermitteln, statt mit forcierter Redeweise die Gesellschaft bekehren zu wollen. Insofern dienen ausgerechnet Krimis aus Afrika als Fingerzeig und Warnung zugleich.


Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2021 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (2/2021) veröffentlicht.

Oliver Baer @ 17:02
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Im Tunnel der Horizont

Beitrag vom 16 April 2021

(ausnahmsweise ein etwas längerer Beitrag)

Wissenschaftler sorgen selbst dafür, dass ihre Leistung wenig gewürdigt wird. Sie veröffentlichen gleich auf Englisch, ohne den vermeintlichen Umweg über die eigene Sprache.

Words fail me (Bild Fotolia)

Ob Wissenschaftler miteinander auf Deutsch, Englisch oder Mandarin verkehren, geht nur sie an, sollte man meinen. Sie wissen, was sie tun, in ihrem Fachgebiet. Beim Umgang mit der Sprache jedoch irren sie. Auf Englisch müssen sie nicht nur veröffentlichen, sie wollen auch wahrgenommen werden, das ist nicht dasselbe. Die englische als die Weltsprache der Wissenschaft zu preisen, soll wie ein Trumpf alle Bedenken stechen. Zwei Kardinalfehler bleiben unbeachtet: Der eine fußt auf einem Missverständnis, der andere auf einer Missachtung.

Das Missverständnis ist so leicht erklärt, wie es schwer auszuräumen ist. In aller Regel beherrschen Wissenschaftler keine Fremdsprache wie ihre eigene. Bis auf die mehrsprachigen Könner; um diese winzige Minderheit geht es hier nicht. Den Übrigen gelingt schöpferisches Denken in der fremden Sprache so, als müssten sie zum Sprint in Wanderstiefeln antreten. Das gilt auch für die Darstellung ihrer Arbeit. Sogar Mathematiker benötigen die Bilder und vor allem das Bildende einer reichhaltigen Sprache, und das will geübt sein. Selbst die größten Geiger proben täglich. Die Musik vom Blatt zu fiedeln, ist Virtuosität, keine Kunst.

Überschätzte Englischkenntnis

Woher beziehen die Wissenschaftler den Traum, man könne Englisch beherrschen? Wäre der sprachlich hilflose Stephen Hawking etwa ein Experte minderer Klasse? Unsere Englischkenntnisse überschätzen wir hierzulande nicht nur ein bisschen, sondern maßlos. Wissenschaftler belegen das mit ihrem Stummelenglisch. Der Mediziner Eckhart Hahn meint, deutsche Forscher wirkten mit Englisch „unbeholfen im Diskurs mit englischen Muttersprachlern wie Babys“. Woher auch sollten sie es besser können? Von Biologen ein geschliffenes Englisch zu verlangen, damit sie sich in ihrem Fach qualifizieren, ähnelte einer Rechtschreibprüfung für Marathonläufer.

„Der unter deutschen Gebildeten am weitesten verbreitete Aberglaube ist, dass sie Englisch können“, meinte der Publizist Johannes Gross; er kannte sich aus. Engländer und Deutsche verstehen schon unter angeblich identischen Begriffen nicht dasselbe. Unsere Milliarde ist in den USA eine Billion, in England nicht immer – ein schlichtes Beispiel. Schwerer wiegt dieses: Justice gilt als die richtige Übersetzung für Gerechtigkeit. Im Englischen steht mit justice meistens die Gerechtigkeit vor Gericht im Brennpunkt. „Wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen“, sagt die Indogermanistin Rosemarie Lühr. Da lässt sich erahnen, wie sich Wissenschaftskulturen schon an der Sprache scheiden.

Außerdem unterschätzen wir das rhetorische Werkzeug, mit dem der native speaker den Nichtmuttersprachler schachmatt setzt. Für die Wissenschaften ist Eloquenz jedoch kein brauchbarer Maßstab. Da geht es um Substanz und darum, wie man sie vermittelt. Für beides sind die Experten mit der Muttersprache besser gerüstet. Englisch anstelle der Muttersprache kann daher nicht genügen, die Weltsprache ist kein Ersatz, sondern eine Ergänzung.

Unterschätzte Übersetzer

Der Irrtum deutscher Wissenschaftler, dass ihr Englisch genüge, ist verständlich. Wer einen Fachartikel aus The Lancet versteht, mag sich in dem Glauben wiegen, Gleiches zu schreiben bringe auch er fertig. Irrtum, verstehendes Lesen ist eine rezeptive Sprachfähigkeit. Die produktive Fähigkeit, auf hohem Niveau zu schreiben, verlangt hingegen Sprachkunst. Auf C2, der höchsten Stufe des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER), begegnet man Muttersprachlern in einem nach oben offenen Raum. Sprachkenner wissen, dass sogar ein Jahrzehnt an der University Wisconsin nicht genügt, um mit native speakers auf gleicher Augenhöhe mitzuhalten.

Sinngemäß trifft auf Wissenschaftler zu, worum die Brüsseler Dolmetscher immer wieder bitten: Bleiben Sie in Ihrer Muttersprache, dann können wir sagen, was Sie ausdrücken möchten! Woran sich Wolfgang Schäuble nicht hält, aber er glaubt sich richtig verstanden. Am Arlberg wären wir skeptisch, würde einer zum Bergretter berufen, weil er im Pulverschnee eine gute Figur macht. Engländer und Amerikaner, zumeist keine Experten fremder Sprachen, sind da gnadenlos. Sie setzen den souveränen Umgang mit ihren Redensarten und Redewendungen voraus; als Fremder verwendet man sie oft glücklos, man blamiert sich, man „gehört nicht dazu“. Kurzum, es gibt keinen guten Grund, auf die Dienste hervorragender Übersetzer zu verzichten – außer einer guten Frage: Gibt es sie in ausreichender Zahl? Wenn nicht, müssen wir sie ausbilden, schätzen und gut bezahlen. Sie bilden die Infrastruktur des wissenschaftlichen Austauschs.

Des Problems zweiter Teil

Offen ist das zweite Problem, die Missachtung eines wesentlichen Unterschiedes, den wir im gängigen Glauben an die Gleichheit aller Menschen nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Da sie in ihren Sprachen verschiedene Wege des Denkens gewohnt sind, kommen Chinesen zu abweichenden, vielleicht besseren Lösungen als Franzosen oder Deutsche. Das beflügelt den Wettstreit der Ideen, es verhindert den Tunnelblick auf den Horizont. Lassen sich alle auf nur eine Sprache ein, werden sie zu den gleichen Denkroutinen neigen und auf Lösungswege durch anders gebildete Denkwelten zunehmend verzichten. Die Weltsprache dient nun mal zu vielen Herren und verliert dabei an Genauigkeit. Um sich dennoch bildhaft auszudrücken, zugleich präzise zu bleiben, muss man sich im Englischen viel mehr bemühen – und das Werkzeug dafür kennen. Das ist zu schaffen, aber es lenkt ab von der eigentlichen, der wissenschaftlichen Arbeit.

Der Glaube, dass sich das Beste von allein durchsetzen werde, ist eine scheinbar darwinistische Auffassung, an der Charles Darwin verzweifeln würde. Dieser Glaube ist eine blasse Hoffnung. Die Bedeutung des Englischen entfaltet sich entlang einer historischen Linie, die weniger dem klaren Denken als der wirtschaftlichen Verdrängung verpflichtet war und weiterhin ist. Dieses zu beklagen, ist hier nicht der Ort. Wo aber Innovationen gar nicht erst zum Zuge kommen, weil sie sprachlich quer liegen, da blockiert sich die Weltgemeinschaft derer, die Wissen schaffen und lehren.

Argumentative Routinen

Verfasser von Fachbeiträgen müssen endlich einsehen, dass die Wahrnehmungsfähigkeit der Leser für die mutmaßliche Logik von Sprache zu Sprache variiert. Es gibt anerkannte argumentative Routinen, die in wissenschaftlichen Aufsätzen obwalten. Beiträge werden leicht ignoriert, wenn ihre Form den Lesern als unangemessen vorkommt. Hat ein Schüler das Thema verfehlt, quält sich sein Lehrer trotzdem durch den Aufsatz, er möchte eine gerechte Note geben. Angesichts eines deutschen Fachaufsatzes verhalten sich anglophone Kollegen vielleicht ebenso fair, sie müssen es nicht. Selbst wenn es in vorzüglichem Englisch vorläge, würden sie manches Papier nicht lesen, wenn sie sich an „dieser typisch deutschen“ Eigenart unserer Argumentationsweise stören. So kann schon die Einleitung eines wissenschaftlichen Papiers bewirken, dass es kaum gelesen wird.

Deutsche Wissenschaftler verkennen, dass ihre Darstellung bei den englischen Muttersprachlern als nicht üblich gilt. Unstrittig ist das Übliche, es wird vorgezogen. Das geht Experten nicht anders. Sie sorgen sich um ihre akademische Reichweite: Welche Publikationen werden wo zitiert? Die Deutungshoheit über das Zitierbare und das Ignorierbare liegt bei den Zitierindizes (der wichtigste ist der amerikanische Science Citation Index, SCI). Zitierkartelle gab es schon vorher – Netzbürger kennen ähnliche Meinungsblasen aus den sozialen Medien; was nicht passt, bleibt ausgeblendet. Neu ist, dass Unternehmen darüber befinden, welche Fachmagazine, welche Netzseiten in die Indizes aufgenommen werden und welche nicht. Unabhängig vom Inhalt bleibt jedenfalls außen vor, was nicht auf Englisch erschienen ist. Allein das müsste Zweifel an dieser amerikanisch geführten Wissenschaftskultur wecken.

Was nicht mehr rückgängig zu machen ist: Wissenschaftler müssen auf Englisch verkehren, und die Leistung der Hochschulen muss gesehen werden. Das gelingt umso besser, je mehr Ansehen die Wissenschaftler erwerben, wie Eichhörnchen die Nüsse sammeln. Aus den Zählungen der Indizes entstehen Ranglisten des Ansehens. Wer oben steht, kann Sponsoren und Fördermittel einwerben. Die Menge der Nüsse und ihre Sortierung müssen nur dem entsprechen, was die Amerikaner als üblich ansehen.

Begriffslogik gegen Plädoyer

Diese Einschränkung kann man nicht ernst genug nehmen. Deshalb erlernen klugerweise die deutschen, spanischen, japanischen Autoren als Zusatzqualifikation die „am besten zitierbare“ Form. Sie nehmen lernend zur Kenntnis, wie im Englischen bereits auf der Schule in den Debattierklubs typische Routinen des Denkens eingeübt werden. Peter Ustinov berichtet, wie er als Schüler gezwungen wurde, nicht seinen Standpunkt, sondern den der Gegenseite zu vertreten. Auf diese Weise lernt zu gewinnen, wer den anderen rhetorisch aufs Kreuz legt. Das könnte als Sport durchgehen, einem Austausch von Erkenntnis nützt es nicht.

Im Wörterbuch finden wir die Konjunktion weil. Anscheinend ein klarer Fall: weil entspricht because, es geht um Begründung. Dictleo.org im Internet bietet an: because, by reason that, due to the fact that, in that, since. Daraus geht aber nicht hervor, dass weil und because im Diskurs den Einstieg in zweierlei Wissenschaftskulturen darstellen. „Deutsche Autoren entfalten an dieser Stelle mit Vorliebe die Logik eines Begriffs, während englische Überzeugungsarbeit leisten und ein Plädoyer halten“, führt der Lateindozent Burkhard Müller aus. In der Tradition englischer Universitäten werden die Dinge, wie vor einem Gerichtshof, durch einen formalisierten Streit geklärt. „Heißt es because, darf man sich darauf gefasst machen, nunmehr die unterstellten Motive des Gegners zu hören.“ Wir kennen so etwas aus verfilmten Verhandlungen vor englischen Gerichten. Sie sind unterhaltsamer als die Szenen in deutschen. Ob sie gerechter sind – nach unserem Rechtsempfinden – tut nichts zur Sache, im Englischen zählt die Kunst der Debatte.

Problemlos ignorierte Texte

Die Wissenskulturen sind in ihren Muttersprachen zu Hause. Beschränkten wir uns auf Englisch, käme das dem Verzicht auf vier Fünftel des weltweit erzielbaren Erkenntnisgewinns gleich. In jeder Fachgemeinschaft hat sich eine Erwartungshaltung herausgebildet, welche Darstellungsform sie als wissenschaftlich anerkennt. Aus deutscher Feder liest sich schon die Einleitung zu einem wissenschaftlichen Papier grundlegend anders als die eines englischen Autors, sagt der Linguist Winfried Thielmann, „mit dem fatalen Ergebnis, dass bei einfacher Übersetzung des Textes in ansonsten makelloses Englisch dennoch Verwirrung und Unmut resultieren.“ Der erste Eindruck bestimmt, ob man weiterliest. Deutsche Einleitungen würden bei Engländern auf „blankes Unverständnis“ stoßen, sagt Thielmann: „Es ist davon auszugehen, dass Wissenschaftler, die das Englische für … einfach und problemlos hantierbar erachten, Texte produzieren, die im angelsächsischen Sprachraum … ebenso problemlos ignoriert werden können.“ Sein Rat: Die Einleitung nicht übersetzen, sondern völlig neu aufbauen! Gar nicht so einfach, denn um im Rahmen englischer Traditionen zu denken, müsste man in ihnen aufgewachsen sein.

Lösung in vier Stufen

Verteidiger der englischen Lingua franca berufen sich auf die Rolle des Lateinischen im Mittelalter: Da habe sich die akademische Welt auf eine Sprache beschränkt. Das stimmt nur zum Teil: Während und nach der Renaissance ging die plötzliche Fülle der wissenschaftlichen Erkenntnisse einher mit dem Niedergang des Lateins. Galilei, Leibniz, Newton hätten noch mit lateinischer Disziplin, aber bereits in italienischen, deutschen, englischen Gedankenflüssen gedacht, rückt der Sprachwissenschaftler Helmut Glück das Argument ins Licht. Sie unterschieden zwischen der Denkleistung in der Muttersprache und ihrer Veröffentlichung in der Weltsprache.

Würde das verstanden, sähe die Reihenfolge heute ähnlich aus: erst die logischen Routinen, in denen Beiträge entwickelt werden, dann die Sprachen ihrer Veröffentlichung. Vier Stufen der Lösung bieten sich an:

    (1) Man schreibt und veröffentlicht in Fachmedien der Muttersprache
    (2) Noch in der Muttersprache verfasst man das Papier neu für anglophone Lesegewohnheiten: zumindest die Einleitung
    (3) Professionelle Fachübersetzer schaffen aus Fassung (2) die englische Version
    (4) Auf Englisch veröffentlicht wird das Produkt aus (3)

Was wie ein teurer Aufwand aussieht, eröffnet die beste, vielleicht einzige Chance auf sicheren Eingang in die Zitierindizes. Dazu müssen verloren gegangene deutsche Fachmedien, zumindest digital, neu gegründet werden. Für Übersetzer müssen Planstellen entstehen. Ein Übersetzer, der sein Können täglich stundenlang probt wie der Primgeiger seine Etüden, ist durch keinen Amateur ersetzbar. Auch künstliche Intelligenz kann Übersetzer und Dolmetscher auf dem hier geforderten Niveau nicht ersetzen, denn wo Neues, bisher nicht Gedachtes entsteht, scheitern Algorithmen; sie kombinieren nur, was bereits da ist, das ist vielleicht originell, aber nicht kreativ.

Wissenschaftler und Politiker sollten sich auf die Muttersprache besinnen und den Umgang mit der Weltsprache neu begreifen. Die Frage stellt sich auch geopolitisch: Haben etwa die Araber, oder Chinesen – dem Abendland jahrhundertelang überlegen – der Welt nichts Wichtiges zu bieten? Müssten wir, wenn schon unterwürfig, nicht besser Mandarin lernen, schon in der Kita? Oder entdecken wir spätestens an dieser Wegmarke, dass jede vernünftige Überlegung in und mit der Muttersprache beginnt?


Langfassung des Beitrags in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache vom Frühjahr 2021 (Nr. 2/2021).

Oliver Baer @ 16:59
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Der Unterschied zwischen weil und obwohl

Beitrag vom 16 Januar 2021

Wilhelm Tell vor dem Gesslerhut. Stahlstich von Christian Hoffmeister (1818–1871) (aus Wikipedia)


Es gilt Probleme zu lösen, sie stellen uns wichtige, dringende, auch verschiebbare Aufgaben. Bei allen kann nützen oder schaden, wie wir uns ausdrücken. Darüber hinaus gibt es aufgebauschte Probleme, zum Beispiel das Gendern, da steht die Sprache im Mittelpunkt. Wo sie nicht hingehört.

Die Sprache dient als Boxring für einen Kampf, der mit sprachlichen Mitteln nur verlängerbar, nicht zu beenden ist. In Wirklichkeit wird die Sprache gegendert, weil sie grammatisch falsch ist. Nicht obwohl. Diese überraschende Erkenntnis bot Professor Marietta Auer dieser Tage in einem Leserbrief der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Bild des Hutes auf einem Pfahl (den in Schillers Wilhelm Tell der Untertan des Landvogtes Gessler zu grüßen hat) lässt uns die Widersinnigkeit verstehen: Das Gendern ist ein Fetisch. Es geht nicht um den Hut, der fungiert als Platzhalter. Es geht um die Unterwerfung. Wer nicht grüßt, ist aufmüpfig. Wer nicht gendert, dem wird die Nase gerümpft, oder beispielsweise die Bachelorarbeit verrissen, jedenfalls sind seine Kinder zum Geburtstag nicht willkommen.

Alle sprachwissenschaftlichen Argumente gegen die Beliebigkeit und die grammatische Regelwidrigkeit des Genderns verfangen nicht. Sämtliche Erläuterungen sind so beliebig wie unerheblich, sie verfehlen das Thema. Mit Absicht auf der einen Seite, aus Versehen auf der anderen. Nach der Logik der Genderbewegten sind Sprachbesorgte kulturell rückständig, nämlich Männer. Frauen, die ihnen zustimmen, sind offenbar Unterdrückte, die es zu befreien gilt.

Hier wird ein Kniff der PR-Experten angewandt, er wurde von Errol Flynn, seinerzeit ein sogenannter Weiberheld (W-Wort!), so formuliert: „Schreiben Sie, was Sie wollen – Hauptsache mein Name ist richtig geschrieben.“ Jede, aber auch jede Äußerung dient der weiteren Aufblähung des Themas, sie nützt dem, der öffentlich meistgenannt ist. Möglicherweise war Flynn in Wahrheit ein netter Kerl, ein Frauenversteher und Schattenparker. Seiner Karriere diente der üble Ruf, den ihm die Medien gratis besorgten.

Das Schema hat etwas teuflisch Geniales. Es fördert ins Unermessliche die Geltung derer, die an diesem Rad mitdrehen. Wer noch N-, M- oder Z-Wörter verwendet, und sei es in Zitaten, ist zweifellos ein R-Mensch. So wie in anderen Milieus Wörter mit A oder K, mit C oder P mit höhnischem Grinsen quittiert werden. Sogar das schöne Wort Querdenken wird man bald kaum noch äußern wollen. Aber der ach so böse Volksmund erfindet immer neue Wörter, die darf man dann auch verpönen.

Ganze Scharen von überforderten Bürgern lassen sich vom Kern des jeweils Wichtigen ablenken, etwa beim Rassismus. Für welches Land der Erde ist nachweisbar, dass er nachgelassen hätte, seit es ihn sprachlich nicht mehr geben darf? In den USA, aus denen wir uns hierzulande besonders gern belehren lassen, blüht der Rassismus. Abgesehen davon, dass wir die Probleme so nicht lösen: Wem ist damit gedient, dass wir die Sprache opfern? Dass wir sie noch abstrakter, noch zäher verständlich machen, weil wir sie mit unterschwelligen Bedeutungen aufladen, die zu vermeiden immer schwieriger wird?

Zurück zum Eingangsbeispiel, dem Gendern. Nele Pollatschek schrieb kürzlich, ihr komme es vor, als sei Deutschland besessen von Genitalien. Dass jemand das Amt des Kanzlers innehat, ist offenbar untrennbar mit dem Hinweis auf das Geschlecht der Person verknüpft – was ungefähr so bedeutsam ist wie ihre Frisur. Pollatschek hat recht: Wer Gleichheit will, muss sie herstellen, nicht nur darüber reden. Das gilt für alle Fragen, bei denen die Sprache für Ersatzlösungen herhalten muss, die nichts Brauchbares bewirken.

(siehe auch Spielwiese der Bewegten)


Dieser Beitrag erschien im Winter 2021 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (1/2021).

Oliver Baer @ 16:30
Rubrik: Gesellschaft
Sprechautomaten ohne Zuhörer

Beitrag vom 1 November 2020

Das Sprachgendern wird durchgesetzt – und sein Ziel verfehlen. Dabei gäbe es eine einfache Lösung, aber frau wird sie kaum mögen. Oder doch?

Hinter allem kann sich ein Geschlecht verbergen (Bild Fotolia)

Shakespeares König Richard der Dritte nennt sich „lahm und verkrüppelt“, auf der Bühne sieht man ihn hinken. Für die Anmutung genüge es jedoch, notierte Max Frisch, wenn der Mime das Bein nur dann und wann nachzieht. Tut er das bei jedem Schritt, wird sein Hinken zum Gekasper. Es lenkt ab vom mörderischen Treiben des Königs.

Die Wahrheit solle man „dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen“, empfahl Frisch. So auch beim Umgang mit der Sprache. Man muss kein Sohn einer alleinerziehenden Selbständigen in den Fünfzigern gewesen sein, um der Sache der Frauen Erfolg zu wünschen, aber bitte greifbaren Erfolg: die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Alltag. Dagegen spielen die grammatischen Geschlechter (der/die/das) nur die Rolle, die man ihnen beimisst. Das aber geschieht meistens falsch, zu häufig und ohne Rücksicht auf die Folgen.

Gutmeinende, wenn sie in Scharen vorkommen, haben unweigerlich etwas Peinliches. Wo Ausländer zu „Einwohnenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft“ werden, machen nur Pedanten mit. Gewonnen werden mit all den belehrenden Floskeln nur die bereits Überzeugten, und die wollen dauernd darüber reden. Wie einer, der nicht mehr raucht. Langweilig. Die anderen – die Mehrheit der Erwachsenen, auch der Grünen – lehnen das Sprachgendern ab: Sie finden es übertrieben. Mehr als Lippenbekenntnisse leistet der Volksmund nicht. Das – nur scheinbar männliche – „Gegenüber“ soll nun durch die „Gegenüberin“ ergänzt werden. Da feixt der Fan, fehlt nur noch die „Fäninn“.

Will man bei dieser wesentlichen Sache so ungerecht verspottet werden? Nützt es den Frauen, wenn Wörter wichtiger erscheinen als Wege zu gleichen Chancen, gleicher Bezahlung? Wenn sogar Genderbewegte die Silben verschleifen: „Wie sollen das die Kollehn und Kollehn einsehen?“ Wenn die „Ärzte und Ärztinnen“ sowie die „Patientinnen und Patienten“ in einem Atemzug gleich dreimal beschworen werden, generiert das Groll, aber keine Bereitschaft, vielleicht doch noch bekehrt zu werden.

Wer plappert wie ein Sprechautomat, verliert seine Zuhörer. Die Leute lassen sich das Maul nicht verbieten, und wenn doch, verlegen sie ihren Widerstand in den Untergrund. Dabei täte es allen gut, nicht nur bei der Geschlechtergerechtigkeit, wenn wir sensibel, wenn wir taktvoll mit der Sprache umgingen. Zum „Zuhören statt Schreien“ ermuntert Svenja Flaßpöhler. Sie erinnerte kürzlich in Hart aber fair daran: In der DDR waren die Dreher Frauen wie Männer, das konnte jeder sehen, mithin war das Wort „Dreherin“ überflüssig.

Sprachlich gibt es keinen stärkeren Beweis der Gleichwertigkeit als Frauen, die das generische Maskulinum ganz selbstverständlich als ihres beanspruchen und besetzen. Keine Alphamänner haben es erfunden, sondern es wurde im Volksmund herausgebildet – dann von Linguisten dummerweise als „Geschlecht“ bezeichnet. Es gehört allen, es bezeichnet alle. Unterdessen rücken Frauen endlich in Stellen und Funktionen, die ihnen verschlossen blieben. In Funktionen, nicht in Wortkonstrukte. Auch die Macho-Riegen in den Vorständen werden noch begreifen, was sie versäumen: Frauen auf sämtlichen Managementebenen. Mit ihnen läuft es besser, mal einen Blick auf Norwegen riskieren.

Derweil borgen wir die Lösung unseres Genderproblems bei den Briten: Der Chef war „Mrs Prime Minister Margaret Thatcher“; dem entspricht bei uns „Frau Bundeskanzler Angela Merkel“. Das ist so einfach, es ist genial, nicht wahr Frau Verfassungsrichter, Frau Abteilungsleiter? Sollte jedoch feststehen, dass Frauen, weil sie die besseren Menschen seien, über der Grammatik stehen, dann legen wir alten, weißen Männer („Behinderte“) die Füße hoch: Freuen wir uns, dass wir so einer Erwartungshaltung nicht entsprechen müssen.


Dieser Beitrag erschien im Herbst 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (4/2020).

Oliver Baer @ 18:37
Rubrik: Gesellschaft
Was man so sagt

Beitrag vom 1 November 2020

„Das wird man doch noch sagen dürfen!“ Kaum gehört, schon knallen die Jalousien herunter. Was sich wie Sprache anhört, ist Getöse; was fehlt, ist das Gespräch, die Erörterung, worum es in Wirklichkeit gehen könnte.

Kaffee? Noch dazu schwarz? (Bild Fotolia)

Als diese Worte zum ersten Mal geäußert werden, gibt es bereits eine Vorgeschichte. Da hat ein Bürger – nennen wir ihn den Busfahrer Otto – etwas gesagt, worauf einer Lehrerin namens Karla nachhaltig heiß um den Kragen wurde. Vielleicht hat sie nicht zugehört, nicht richtig hingehört, was dieser Mann eigentlich ausdrücken möchte, sie hat ihn bloßgestellt, abgebügelt, die Nase gerümpft. Zum Beispiel könnte der Buskraftfahrer ja gemeint haben: „Aus unseren harmlosen Kirchen treten wir aus, zugleich lassen wir einen radikalen Islam ins Land.“ Gesagt hat er das allerdings nicht, es hörte sich eher so an: „Raus mit den Flüchtlingen!“ Kein Wunder, dass er nicht verstanden wird, denn seine Worte klingen wie Knüppel auf Schädel. Kein Wunder auch, dass an dem folgenden Zerwürfnis die gut gesinnte Lehrerin genauso schuld ist, denn sie ist die Klügere, jedenfalls glaubt sie das, weil sie mehr Bildung mitbringt. Schon stößt Gesinnung auf Gesinnung, und wo solche tobt, wächst kein Kraut.

Zur Erinnerung: Sprache kann zunächst dem Versuch dienen, ein Problem zu beschreiben: „Hör mal, mir geht da was durch den Kopf, das kapier ich nicht.“ Das wäre ein Einstieg, die Chancen auf gemeinsame Problemlösung stünden gut. Leider beginnt ein Streit selten so, sondern mit dem Schwung einer Wortkeule. Dennoch könnte man, bevor die Läden zuklappen, versuchen zuzuhören, auch wenn es schwer fällt. Als erstes müsste man diesen Busfahrer beim Wort nehmen, und wenn das nichts Gedeihliches ergibt, müsste man sich, oder am besten Otto fragen: „Was genau meinst du eigentlich?“ Gewalt ist nämlich auch (Vorsicht, hier wird aufgeklärt!), wenn die Lehrerin Karla gar nicht erst versucht zu verstehen, was der Busfahrer sagen möchte, aber irgendwie nicht kann, schon gar nicht, wenn er schon anderswo abgebügelt wurde. Nun aber schreit er: „Das wird man doch noch sagen dürfen!“, und wenn die Lehrerin nicht völlig verbohrt ist, kann sie ihm auch ein bisschen Recht geben. So ganz grundlos hat er das nicht gesagt.

Was in dem Universum progressiver Lehrerinnen verpönt ist, muss ein konservativer Otto meinen dürfen, ohne dass er vom Kindergeburtstag ausgeladen wird. Die Nase rümpfen heißt: „Das muss ich mir nicht anhören“, womöglich gefolgt von: „Du bist ein ***, mit dir rede ich nicht.“ Da aber kämpft Kitsch gegen Kitsch, mit anderen Worten: Es wird versagt, das Gespräch wird versäumt, stattdessen wird gepöbelt und zurück gepöbelt, da könnten schlichte Gemüter zuschlagen, weil sie verbal die Schwächeren sind. Oder sie schließen sich anderen an, die sich zu wehren wissen.

„Das wird man doch noch sagen dürfen!“ ist ein Signal, das unter vernünftigen Menschen nicht zum Ende, sondern zum Beginn von Dialogen führt. Sonst werden wir in dieser ohnehin angespannten Zeit erleben, dass immer öfter Prügel die Sprache ersetzen, und Verursacher sind dann nicht nur die Ottos, sondern auch die Sprachkundigen, die Gebildeten, die Karlas, die sich zur Elite zählen, die vom Klang ihrer eigenen Worte so begeistert sind, dass sie nicht hören, wie ihre Worte bei den Ottos ankommen. Wir Elitären könnten dazulernen. „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ muss man sagen dürfen.

© Oliver Baer


Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (2/2020) veröffentlicht.

Oliver Baer @ 18:35
Rubrik: Gesellschaft
Sprich ruhig weiter

Beitrag vom 1 November 2020

Still, nicht lautlos, weicht das Abendrot, weit weg tost der Alltag, und nahe liegt der Wunsch nach Ruhe, wenigstens dann und wann, anstelle des stets aufgeregten viralen Rauschens in den Medien.

Das Volk beim Ausdenken angemessener Zusatzfragen (Bild Behland)

Warum, so fragt sich der Besonnene, warum das Zetern und Schreien, als ständen die Leute allesamt auf einer Brücke über die Autobahn? Wo gibt es noch das Gespräch unter gleichgestimmten Menschen verschiedener Meinung? Glauben bald alle, zur Geltung käme nur, wer lauter daher kommt als die Lauten? Die Geplagten, selber nicht schweigend unterwegs, winken derweil ab: „Sprich ruhig weiter, ich hör sowieso nicht zu!“

Wenn wir wollen, verstehen wir alles, sogar die Regel des passiven Abseits. Unter einer Bedingung: Unser Wille steht im Dienst des Zuhörens. Denn selber reden kann jeder, schwierig ist das Zuhören. Das muss man wollen. In den Medien, zumal den neuen, wird viel Fragwürdiges geredet und unermüdlich nachgeplappert: Da sollen wir auch noch zuhören?

Wir haben ein Problem: Wenn wir aufhören, einander verstehen zu wollen, brauchen wir kein Twitter oder Instagram, sondern Knüppel. Für alle, nicht für die Vernünftigen, die wandern aus nach Island. Halten wir fest, für die Hiergebliebenen: Man kann es lernen, das Zuhören, und der Kniff, es zu können, sieht einfach aus.

Zuvor gilt es eine Hürde zu nehmen: Wir müssen als Leser oder Hörer nicht auf alle neuen Wörter abfahren, nicht einmal die so glatt gelutschten. Aus dem Brexit wird hübsch englisch der Exit hergeleitet, gemeint ist die Abkehr von den Kontaktblockaden. Exit wohin, dürfen wir getrost fragen: nach getaner Heldentat reitend in das Abendrot? Passte „Aufbruch“ nicht besser, vielleicht „Wiederkehr“, oder „Neubeginn“, statt Exit = Schluss, Ausgang, Ende, Klappe zu? Wie wär’s mit ein bisschen Vordenken, nämlich vor dem Reden?

Nicht die Antworten zählen, spannend sind die Fragen, aus ihnen entsteht Neues. Wer nur nach Antworten sucht, ist zum Austausch unfähig, der lernt nichts dazu. Lernen gelingt dem, der nicht müde wird, eine platte durch eine klügere Frage zu ersetzen, und wer das schafft, nähert sich dem Ideal des Gespräches: Wir tauschen unsere Meinungen aus; du verteidigst meine und ich deine. Denn oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, nicht im Geknüppel. So tun, als ob er zuhöre, kann jeder. Und zugleich das nächste Argument zum Schuss freigeben, sobald dem anderen die Luft ausgeht. Kann man machen, das ist Kampf, keine Kommunikation.
Wie nun bringen wir den Willen zum Zuhören auf? Das Geheimnis dürfte in der Neugier liegen. Will ich wahrhaftig Neues in meiner Erfahrung zulassen, also dazulernen, dann bin ich neugierig, dann höre ich zu, wie von alleine. Dazu gehören immer mindestens Zwei.

Wer gerade zuhört, bietet seine Neugier an, und wer spricht, bringt die Sprache mit. Jene Sprache, die ein Bemühen erkennen lässt: Es geht darum, verstanden zu werden. Allem Anfang liegt ein Zauber inne. Bevor Dr. Pfitzmann den Unterricht begann, stellte er Ruhe im Raum her, indem er leise sprach und, immer leiser werdend, das Gezwitscher der Schüler überwand. Heilsame Lehrstille füllte das Physiklabor. Wer etwas lernen wollte, wurde beschenkt.


Dieser Beitrag wurde im Winter 2019/2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (1/2020) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:32
Rubrik: Gesellschaft
Worte an der Wäscheleine

Beitrag vom 1 November 2020

Wörter bestehen aus Buchstaben, Worte aus Gedanken. Wahlprogramme schneiden schlecht ab, wenn man sie auf ihre Verständlichkeit abklopft. Peinlich ist ihre Nachbarschaft zu Antwortschreiben auf Bauanträge, Doktorarbeiten von Politologen, Geschäftsbedingungen der Banken und dem Berliner Koalitionsvertrag. Das folgt aus einer Studie an der Universität Hohenheim, wo seit über zehn Jahren deutschsprachige Wahlprogramme auf Verständlichkeit überprüft werden.

Wählerpotenzial unterwegs: von rechts nach links! (Bild Fotolia)

„Omi, ist das Ding eingeschaltet?“ Der Poweronpoweroffknopf steht für An/Aus, das erklären uns die Enkel. Wenn uns das mentale Wörterbuch nicht verlassen hat, steht power für Macht: Ein Knopfdruck, und zu deiner Verfügung steht Macht. Meinen das die Grünen, wenn sie Leute empowern wollen? Enthalten sind solche Sprachhülsen im Hamburger Wahlprogramm, mit dem die Grünen bei der Bürgerschaftswahl so furiose Zugewinne erzielt haben. Die anderen Parteien sind nicht besser, die Sozialdemokraten protzen mit der Klimaroadshow und wollen das – vermutlich verpennte – Hamburg zur Active City machen. Übertroffen werden sie nur von der FDP, die sich mit Educational Data Mining und Cops4you anbiedert. Da kotzt der Mops und dem Wähler stehen die Haare zu Berge.

Wenn die Wahlprogramme denn gelesen würden! Wenn sie es denn Wert wären gelesen zu werden! Auf der bewährten Hohenheimer-Skala von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) werden die Hamburger Programme mit kargen 7,8 Punkten benotet. Gewählt wird in Wirklichkeit, wer glaubwürdig erscheint. Von Programmen überzeugt wird nur, wer bereits überzeugt ist. Insofern erübrigen sich solche Papiere. Die Not der Parteien ist aber zu verstehen, denn das vertraute Links-Rechts-Schema der Politik ist zur Beschreibung der Wirklichkeit kaum noch zu gebrauchen. Klammert man die politischen Positionen wie wollene Wäsche auf eine Leine, bleibt zwischen links- und rechtsaußen vieles, was den Bürgern wichtig ist, falsch plaziert, egal wo man die Klammer ansetzt.

Nennt ein Grüner seinen Protest gegen rechtsaußen verkürzt „gegen rechts“, so missbraucht er die Sprache, denn wer sich um den Schutz der Umwelt bemüht, ist im wahren Sinne des Wortes ein Konservativer, an der Wäscheleine hängt sein Streben demnach rechts der Mitte. Woran liegt es? So eine Leine zwischen zwei Pfosten ist eine eindimensionale Wiedergabe der Wirklichkeit. Die Leine gibt die Wirklichkeit nur dürftig wieder. Das war immer so, nun aber wird es dringend, für die Wirklichkeit die passende Sprache zu finden. Die alte Leine wird quer von einer anderen gekreuzt, sie spannt von den weltbürgerlichen Gewinnern der Globalisierung bis zu den in trauter Gemeinschaft Beheimateten, welche die Globalisierung als Bedrohung erfahren. Links und Rechts sind derart verwirbelt, dass sich die alten Parteilinien darin verheddern.

Gewählt wird, wer anscheinend, oder auch nur scheinbar glaubwürdig dasteht. Da bleibt dem Wähler nichts übrig als genau hinzuhören und mit Verstand zu prüfen, was ihm vorgeschlagen oder auch nur vorgemacht wird. Verstand, Verständlichkeit? Je mehr Übung im Umgang mit der Sprache, desto weniger lässt sich der Wähler an der Nase herumführen. Power steht auch für Energie. Die muss zum Gebrauch des Gripses jeder selbst aufbringen, sonst hauen wir einander nicht nur Wörter, schwer verzeihliche Pöbeleien, sondern auch Gegenstände um die Ohren. Das muss nicht sein, ein bisschen Sprachgefühl ist ganz nützlich.


Dieser Beitrag wurde im Frühjahr 2020 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (1/2020) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:29
Rubrik: Gesellschaft
Ein Lob auf die Briefmarke

Beitrag vom 1 November 2020

In der guten alten Zeit, sagen wir vor über 100 Jahren, haben wir unsere Liebe noch handschriftlich zu erklären versucht. Wir haben das Papier in einen Umschlag gefaltet, mit zitternder Hand die Anschrift angebracht, eine Marke draufgeklebt und sind damit zu einem gelben Postkasten gepilgert. Wir haben auf Antwort gehofft und oft auch erhalten. Korrespondenz machte Mühe, die gaben wir uns, nicht immer mit Erfolg, aber in aller Regel mit einem gewissen Anstand.

Energie für nützliche Dinge bewahren (Bild Behland)

Digital geht das praktischer. Für Zuneigung, Verliebtheit und Liebe genügt ein Smiley-Herz, und „Mit uns beiden ist es aus!“ lässt sich mit einem kalten Klick erklären. Heute können wir schmähen, verbal vergewaltigen, zum Mord oder auch gleich zur Ausrottung ganzer Gruppen aufrufen, und eine Antwort erübrigt sich, sie interessiert nicht. Wir pöbeln in der Gesellschaft Gleichgesinnter, notfalls aus dem sicheren Versteck einer nicht auffindbaren IT-Adresse. Hauptsache, wir haben unserem Herzen Luft gemacht.

So weit, so ungut. Nun aber sieht es so aus, als regte sich hier und da ein Gewissen. Hat es je eine Zeit gegeben, als die Sprache so oft zur Sprache kam, zumal unter Politikern, die schon selber nicht zögern zu pöbeln? Es mehren sich die Aufrufe zum zivilen Umgang miteinander. Glücklicher sind wir mit dem Schleifen der sprachlichen Hemmschwellen nämlich nicht geworden, und die Gesellschaft, in der wir leben, ob wir es wollen oder nicht, sortiert sich neuerdings neu: Die einst sichere Mitte, wo liegt sie, an welchen Parolen erkennt sie einander? Welche Ausdrucksweise passt angesichts der Pöbelei der Einen und der Scheinheiligkeit der Anderen?

Hier bietet sich eine rare Gelegenheit zur Besinnung. Zur Erkenntnis, wie wir einander mit Sprache radikalisieren – oder einander wieder näherkommen. Sicher wäre es zuviel verlangt, dass jeder von jetzt auf gleich die richtigen Worte finde. Aber wie wäre es mit einem Kniff? Spätestens vor dem flotten Klick auf Senden erinnern wir uns an den alten russischen Brauch: Vor Antritt der Reise eine Minute auf den Koffern sitzen, einen letzten Augenblick der Ruhe vor der nahen Hektik verbringen.

So dumm wie ein Spiegel

Demnach verharre ich einen Augenblick und stelle mir vor, ich würde, was ich zu sagen habe, mit einer Füllfeder auf ein Blatt Papier schreiben, auf ein farbiges, vielleicht ein handgeschöpftes Papier. Schon bei der Anrede hätte ich abzuwägen, was ich bezwecke. Sicher würde ich hier und da zögern, etwas durchstreichen, mich gewählter ausdrücken, eine Frechheit ungesagt lassen, auch wieder von vorne anfangen, das Geschriebene in den Papierkorb werfen. Bis es zum Aufkleben der – imaginären – Briefmarke kommt, würde ich auch mal darüber schlafen, so mancher Brief würde gar nicht erst versandt, und wenn doch, dann mit Wirkung, weil besser überlegt.

Zu üppig dieser Kniff, wer gäbe sich schon diese Mühe? Mag sein, aber realistischer wäre der Kniff als die Abschaffung des Internets – die anderswo schon erwogen wird – oder der Impuls, den digitalen „sozialen“ Medien den Strom für die Server abzuschalten. Das wird nicht geschehen. Aber machen wir uns nichts vor. Die Sprache des Netzes entwickelt sich nicht, sie wird von uns entwickelt. Das Internet ist so dumm wie ein Spiegel, und der zeigt die Gesellschaft, wie sie ist. Etwas anderes kann das Netz nicht. Es wird Zeit, dass wir dem Netz etwas Intelligenteres abzubilden geben als scheinheiliges Gutsein und pöbelhaftes Besserwissen. Dazu müssen wir bei uns selbst anfangen, und unser Zeichen sei die Briefmarke – in den Köpfen.


Dieser Beitrag wurde im Winter 2019 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (4/2019) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:25
Rubrik: Gesellschaft
Die Bürger leben von ziviler Sprache

Beitrag vom 1 November 2020

Je nach Milieu, in dem wir uns bewegen, gilt als geklärt, was beispielsweise unter Frauenfeindlichkeit zu verstehen sei, sowie unter Rassismus, Populismus, Meinungsterror, Bevormundung und einigem mehr. Mit Lautstärke und durch ständiges Wiederholen sollen Wörter final mit einer Bedeutung besetzt werden, die vor allem einem dient – dem verbalen Nahkampf. So bedeutet neuerdings das Wort „rechts“ dasselbe wie „rechtsextrem“. Als könnten wir auf die Unterscheidung verzichten…

Das hat der deutsche Hund zu unterlassen (Bild Behland)

In den Medien, zumal in den sozialen Netzwerken, in der Kloake des Internets, gleichen die gängigen Kampfbegriffe einem Linolschnitt. Das Bild schwarz-weiß, die Farben muss sich jeder dazu denken. Wenn er denn will. Soll er aber nicht, denn er bleibt seinem Milieu treu. Abweichungen von der Milieumeinung werden mit Ausgrenzung bestraft. Schade, eine nuancierte Wahrnehmung, schon gar wenn man sie sprachlich ausdrückt, ist unerträglich für Leute, die ein leises Abwägen und eine taktvolle Sprache verachten – oder selber nicht beherrschen.

Nun ist freies Denken kein Problem für Leute, die noch den Schmerz beim Anfertigen eigener Gedanken erleben. Aber die meisten denken nicht. Sie wiederholen, was schon andere vor ihnen – auch schon nicht selber gedacht, sondern irgendwo abgeschrieben haben. Wiederkäuen ist aber kein Denken. Wer seine Sprache mit Blähwörtern und Kampfparolen verkleistert, verliert das Geschick, Meinung von Beobachtung zu unterscheiden. Klares Denken, so viel ist bewiesen, gelingt mit gepflegter Sprache am besten. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte und Sprachliebhaber im Verein Deutsche Sprache zusammenkommen, nicht immer friedlich, oft leidenschaftlich, mitunter zornig.

Fragen wir uns selbst: Wenn wir jede Beobachtung, die uns nicht passt, als Meinung abtun, statt hinzuhören, ob vielleicht doch eine bisher unbeachtete Tatsache unser Weltbild durchrütteln könnte, ähneln wir dann nicht Donald Trump? Und gilt nicht das Gleiche, wenn wir eine Meinung als populistisch abtun, als sei sie gar nicht erst der Rede wert? Derlei Tricks aus unteren Schubladen sollten unter unserem Niveau liegen. Bequem sind sie nur für Leute, die das Denken ihrem Schlaufon überlassen. Aber selbst diese könnten es mal versuchen, den eigenen Grips wiederzubeleben.

Zwischen der taktlosen Entgleisung eines Clemens Tönnies und der Mail an eine Kitaleiterin: „Ich bringe dich um!“ findet sich viel Spielraum. Wenn wir versäumen, diesen Spielraum mit offener Verständigung zu füllen, brauchen wir uns über den Drang zu unappetitlichen oder gar gewaltbereiten Gruppierungen nicht zu beschweren. Zählen nicht zu den Verursachern des Rechtsrucks die von der Rechtschaffenheit ihrer Sprache begeisterten Blasierten? Und haben vielleicht die nicht minder blasierten Polemiker auf der Rechten das brutal missionarische Auftreten der Linken zu verantworten? Folgt nicht auf jede Aktion eine Reaktion? Müssten wir uns nicht vorsichtiger ausdrücken?

Stattdessen vergreift man sich schon mal im Ton, links wie rechts – immer öfter auch in der Mitte, die den Missbrauch der Sprache besonders schmerzvoll erlebt. Dennoch, damit muss leben können, wer noch zum Gedeihen einer Zivilgesellschaft beitragen möchte. Sprache ist mehr als ein Bolzplatz für Linguisten und Feministen, für Gutmenschen und Betonköpfe, für Klimaleugner und Klimabetroffene, für Politiker und ihre – nicht ganz so dummen – Wähler. Da tut ein Verein gut, der verhindern will, dass Muttersprachen auf Kreolniveau absacken. Auf ein Niveau, wo keiner mehr merkt, wie er hinters Licht geführt wird, weil er mit der Muttersprache sein Denkvermögen entsorgt. Die Gesellschaft der Bürger, die Zivilgesellschaft, lebt von dem Bemühen um zivile Sprache, und in dieser sind rechts und rechtsaußen nicht dasselbe.


Dieser Beitrag wurde im Herbst 2019 in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (3/2019) veröffentlicht, und hier im Blog der baerentatze umständehalber erst heute.

Oliver Baer @ 18:23
Rubrik: Gesellschaft