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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Spottolski und das Antlitz der Frau

Beitrag vom 8 Februar 2016

Romantiker wähnen sich bereits an der Grenze, auf Waffen wartend (© Behland)

In Spottolskis Herz ist bekanntlich Platz für jede Menge Miezen. Neue Leser bitte Obacht: Er stammt aus der Familie der Felidae, sitzt herum, wenn er keine Miezen betreut und hat eine Meinung. Sein neues Steckenpferd sind Miezengesichter, die Sorte Visage, auf der man Nüsse knacken kann. Kennt man ja, Margaret Thatcher hatte so eine (die mit dem Bügeleisen in der Handtasche), Imelda Marcos (die mit den tausend Paar Schuhen) – ja Kinder, da müsst Ihr mal gugeln: Frühgeschichte, Paläozen und so; sonst heißt es nachher, Spotto sei ein Lügenpresser.

Übrigens, dass es keine Irrtümer gibt: Lächeln können sie alle, das können sogar Psychopathen, die täuschen es sogar besonders geschickt vor. Wo waren wir? Ach ja, hierzulande hatte Spottolski schon immer die Altmeisterin aller Gewichtsklassen Alice Schwarzer im Auge, aber mit ihr wird er nicht warm. Vergewaltiger verleumden, nun ja, und die Frauen im Büro piesacken, wenn sie keine Lesben sind, ganz nett. Auch ihr Umgang mit staatlichen Ansinnen (sie solle Steuern zahlen) gibt nichts her. Unter uns: Die Schwarzer ist einfach zu nett.

Höher in Spottolskis Kurs steht Erika Steinbach, klassischer Fall, sie ist der Nussknacker schlechthin. Es genügt eine Haselnuss mit dem Foto der Steinbach zu konfrontieren, schon bricht die Schale. Das weiß man in Deutschland zu schätzen. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Es fehlte bisher der Gegenpart, und den haben die Polen nun ins Amt gehievt: Beata Szydło, die neue Chefin (ist an der Regierung in Warschau beteiligt). Innenseiter sagen ihr nach, sie knacke einen ganzen Korb mit Nüssen ohne hinzuschauen, er muss nur vor dem Bildschirm stehen. Vorteil Szydło. Klarer Fall: Die Steinbach lässt nach, wir brauchen Verstärkung.

Dafür bot sich bereits Beatrix von Storch an, war auch nix; schlagseitiger Leerschwatz genügt für die Sammlung nicht. Dann schon eher Maria-Elisabeth Schaeffler, diese Unternehmerin lobt er ausdrücklich. Sie müsse nur noch das Sanfte aus der Mimik merzen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwähnt. Die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat Spottolski bei Sarah Wagenknecht, vor deren Liebreiz jeder Blumenstrauß abnickt. Aber auch sie reicht, streng genommen, nicht an die pernsionierte Steinbach heran.

Was er mit seiner Sammlung bezwecke, unterbrechen wir Spottolski bei seiner Arbeit. „Nichts, in erster Linie gar nichts.“ Warum dann das ganze, setzen wir nach, das sei doch sinnfrei! „Ja eben!“ entgegnet er und fängt an zu fuchteln: Das sei wegen dem Internet. Die Verschwörungen, die Therapien zur Verschwörung. Theorien, wenden wir ein, und wegen des Internets. „Sag ich doch,“ blafft er. „Wenn das Theorien wären, könnte man sie studieren, diskursiv zerlegen und wieder zusammensetzen“, schreit er. „Was jedoch weder beweisbar noch widerlegbar ist, ist der reine Schwachsinn.“ Und das gelte im übrigen für 88,37 Prozent des Internets. Die Zahl hat er bei mir abgeschrieben.

Er hat irgendwie Recht. Gerald Hoffnung hatte in den fünfziger Jahren ein Zeichen gesetzt und alle Arten von Sauerkraut gesammelt. Trotzdem folgten darauf die Sechziger Jahre. Spottolski ließ sich transpirieren, wie er behauptet und hat es mit Quark probiert; die Bestände hat er beizeiten mit einer Shortposition im Markt plaziert. Ferner beobachtet er Nachbars Sohn, der heftet bereits seine elfundneunzigste Stellenbewerbung ab; wenn das nicht sinnfrei sei! „Apropos Sauerkraut“, flicht Spottolski ein: „Sauer einstampfen kannste, was die Pegida sagt und genau so was ihre Gegner zur Flüchtlingskiste absondern und in Form von öffentlichen Lügen abpressen lassen.“

So fällt endlich das Stichwort. Was er von Frauke Petry halte, fragen wir. Da leuchten seine Augen. Na endlich, eine Frau mit Steiß! Alle Welt fällt über sie her, dabei hat sie bloß geäußert, wovor sich die Politrambos drücken: „Wie schließt man eine Grenze? Mit Stachelbeeren? Mit heißer Luft aus Kreuth?“ Oder (schlage ich vor) nach dem Vorbild des kulturbeflissenen schlesischen Gauleiters: Der hat im Endkampf um Breslau 1945, bevor er sich mannhaft aus dem Staub machte, Folianten aus der Breslauer Universitätsbibliothek auf die Straße kippen lassen, als Bollwerk gegen die sowjetischen Panzer. Der hatte wenigstens Phantasie, der Mann.

Stellt euch das konkret vor, sagt Spottolski: Da kriecht im Gebüsch diese syrische Mutter mit ihrem kleinen Ali und der kopfbetuchten Leila, typisch Teenager. Mit einer MP wird dieser Grenzabschnitt von Frauke Petry bewacht, er liegt bei Sebnitz, weiß der Geier, wie sie dahinkommt, wahrscheinlich mit dem Bus. Die Syrerin schleicht sich heran, gleich überschreitet diese muslimische Sozialschmarotzerin samt ihrem Sippengesindel die Grenze, kein Zweifel, Frauke Petrys Leben ist bedroht, unmittelbar gefährdet von einer islamistischen Invasorin, aber Frauke ist bereit, sie wird ihr Leben sowie das Vaterland teuer verkaufen, klar doch. Sie legt den Finger an den Abzug, sie schaltet den Verstand aus. Da, die Sau tritt über die Grenze mit ihren Ferkeln; Frauke drückt ab, natürlich nicht auf das Kleinkind. Das ist verboten, kommt nicht in Frage.

„Die Frau hat recht!“ ereifert sich Spottolski. Das muss mal gesagt werden dürfen: Wer nicht bereit ist, das Leben von Flüchtlingen auszuknipsen, und zwar höchstpersönlich beim Dienst am Grenzzaun, der darf zum Thema Obergrenze erst mal den Mund halten. Bis ihm was Intelligenteres einfällt. Insofern führt nun die Petry als Nussoberknacker die Spitze der Tabelle an, da kann die Steinbach einpacken, wir haben die Weltnussmeisterin, habemus nucem mundi.

„Wollt ihr die totale Nuss?“ schreit Spottolski. „Jawoll!“ brüllt der Nachbar, aber das war wegen unserer Handballer im Fernseher, die haben gerade in Sydney den Poetry Slam gewonnen. Ist doch gut, wenn man Internet, wie sehen Sie das?

Oliver Baer @ 17:22
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Nibelungentreu in den Krieg ziehen

Beitrag vom 2 Dezember 2015

Wem gehört es, wer treibt es, wessen Hund bewacht es? Klar ist nur eines: Das Schaf sind wir (Bild: © Behland)

Der Pariser Regierungselite fällt als erstes und einziges ein, was gegen den Terrorismus noch nie funktioniert hat: den Krieg erklären – man achte auf die Wortwahl! Gleich besinnt sich die Berliner Regierungselite auf die urgermanische Tugend der Nibelungentreue: Wenn unsere Freunde Mist bauen, bleiben wir nicht außen vor, wir mischen mit.

An die Front gegen den Daisch gehört aber Intelligenz, nicht gepanzertes Material. Leider sind Denker dieser Tage weniger sexy als Rambos. Sonst hielten wir nämlich inne, bevor wir entlang der Wortwahl mit unseren Taten den Terroristen in genau die Falle laufen, die sie uns gestellt haben. Schon haben sie es geschafft, dass Millionen Europäer die Flüchtlinge für Terroristen halten.

Sind wir bereits digital dement, oder kann es noch schlimmer werden? An der Sprache sollt ihr sie erkennen. Liebe Leser, gesucht wird auch mit Ihrer Hilfe eine Wortneuschöpfung mit der Bedeutung «von Anfang an zum Scheitern verurteilt». Damit ausnahmsweise wieder die Wahrheit gilt.

Oliver Baer @ 11:13
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Spottolski, Pegida und Kopftuch

Beitrag vom 23 November 2015

„Chef“, sagt Spottolski von der Fensterbank her. „Chef, die Miezen da drüben, die meiden unseren Garten. Sie sagen, du wärst ein Pegidaversteher, igitt.“

„Deine Miezen? Können wohl kein Deutsch,“ sage ich und weil er so verloren dreinschaut: „Eifer ist kein Ersatz für klares Denken.“ Da guckt Spottolski noch nicht klüger. „Verstehen kann man mit billigen eigentlich nicht verwechseln!“ füge ich hinzu.

Verstehst du das, Suli? Zuerst waren sie Flüchtlinge, weil hier dauernd geschossen wird. Dann erzählt ein Schlaumeier, hier wär alles ruhig, eigentlich sei Syrien wie Sylt, nur billiger, und mehr Dünen. Nun sind sie auf einmal Terroristen, auch die Kinder – das müsste man ihnen doch ansehen. Suleika, schau mal, schauen die aus wie na du weißt schon? (Bild: © Behland)

„Ach so“, mimt Spottolski den Klügeren, der bekanntlich nachgibt, „und was du gegen das Kopftuch hättest, möchten sie wissen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Die Miezen sagen, das Kopftuch tragen sie zu Ehren des Christkindes.“

„Und die Weiber im Westen tragen Bikini zu Ehren des Papstes.“

„Das hat doch damit nichts zu tun!“ wirft Spottolski ein.

„Du sagst es. Mit dem Kopftuch halten die Männer in rückständigen Gesellschaften ihre Frauen an der kurzen Leine.“ Spottolski schaut drein, als wollte er „Wa?“ sagen.

Er sagt: „Wa?“

„Wie bescheuert du gucken kannst!“ sage ich. „Sobald eine Frau ihre Haare öffnet, bestimmt sie das Geschehen. Da kommt der Mann nicht mehr mit, die Frau ist ihm erotisch einfach überlegen. Das wissen die Imame.“

Spottolski blickt sparsam drein, bei seinen Miezen ist das natürlich ganz anders. Ich fahre fort: „Das kann man verstehen, die Männer möchten im Bett eine Schlampe und im übrigen soll sie sich mit keiner eigenen Meinung einmengen. Solange sich die Frau verhüllt, ist sie gefügig, das Signal ist deutlich. Die entsprechenden Vorschriften haben mit dem Islam so viel zu tun wie Tangas mit dem Evangelium. Übrigens hat auch der Islamismus mit dem Islam nicht viel zu tun.“

„Warum lassen sich die Frauen darauf ein?“

„Sie fallen auf einen Trick herein.“

„Ein Trick zum Unterdrücken der Miezen? Lass hören, erzähl!“

„Ein ideologischer Doppelpass. Die Männer behaupten, Allah wünscht, dass sie sich verhüllen mit der Burka, dem Kopftuch – das ist in jedem islamischen Land anders –, und zugleich haben sie festgelegt, dass Frauen zu einer anderen Auslegung des Korans nichts, aber auch gar nichts beizutragen haben – Querpass zurück, Schuss, Tor! Eine lupenreine Erfindung zur Demütigung der Frauen.“

„Und was tut Allah?“

„Wer weiß? Wahrscheinlich wundert er sich, was sich die Weiber bieten lassen in seinem Namen, und solange sie nicht von selber aufmucken, tut er sowieso nichts.“

„Chef, und du muckst auf gegen die Pegidanichtversteher? Wer hilft dir dabei, die Grünen?“

„Die sind ja nun auch unwählbar geworden. Schau dir dieses Bild im SPIEGEL an: ‚Tu was gegen Rechts! und Pegidaversteher.‘

„Stimmt doch, sogar die Rechtschreibung, beinahe.“

„Enthält aber zwei Denkfehler. Spotto, du bist doch sonst nicht so dösig. Was tut der Kommissar, damit er dem Täter auf die Schliche kommt? Er sucht ihn zu verstehen. Sonst stochert er mit der Stange im Nebel herum.“

„Und worin stocherst du?“

„In der Pegida. Da gibt es – außer ein paar Nazis und einer Handvoll Leute, die sich bei dem Wort Islam spontan in die Hose scheißen – eine Mehrheit von Leuten, deren Sorgen und Ängste ganz normal sind: Denen macht die Politik deutlich, dass ihre Sorgen unbegründet sind. Das sind sächsische Nichtwähler und die haben haufenweise Gründe, die ihnen keiner glaubhaft und arroganzfrei widerlegt.“

„Verstehe“, sagt Spottolski, „und die lockt man zur Wahlurne, indem man sie beschimpft. Genial.“

„Das geht so: Fünfzig Prozent der Wähler sind Nichtwähler, die sind blöd, überhaupt ist das Wahlvolk – Schwamm drüber -, es weiß nicht, wo es langgeht, da kann man die Wehrlosen ruhig mal ausgrenzen. Übrig bleibt das wohlige Gefühl ein besserer Mensch zu sein, wenn man auf andere herabblicken kann.“

„Und das soll ich jetzt meinen Miezen ausreden?“

„Kannste vergessen. Sag ihnen, dein Chef spinnt, ist aber harmlos, fast harmlos. Halt, warte mal!“ Ich schaue meinem Spottolski in die Augen. „Fordere sie mal auf ‚Tu was gegen rechts‘ zu ersetzen durch einen Satz mit dem Wort für.“

„Warum? Wie zum Beispiel?“

„Zum Beispiel: ‚Für ideologiefreie Bildung!‘ – Schule ohne Moralkeule würde den Sumpf Rechtsaußen binnen einer Generation trockenlegen. Weil sie dann selber denken müssten, die Lehrer und die Schüler. Aber ‚Tu was gegen Rechts!‘ brüllen ist bequemer. Da muss im Gehirn nicht eine Synapse zur Teilnahme bewegt werden.“

„Chef“, sagt Spottolski, „sag mal was Nettes zu meinen Miezen!“

„Wie denn? Reicht es nicht, dass ich mit meinem Kater rede, als ob … Na gut, sag ihnen, ich spendiere eine Büchse Thunfisch für den besten Für-Satz.“

Oliver Baer @ 19:56
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Als ich Quintaner war

Beitrag vom 17 November 2015

Demografische Verjüngung ist angezeigt, wenn es sein muss auch auf Kosten der liebgewonnenen Einfarbigkeit (Bild: Fotolia)

Die Lateinquinta war unterwegs von Düsseldorf zum Landschulheim im Allgäu, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta.

Also Wahles, Schweden 1958 (Pelé, Garrincha, Vavá und so…). Zu den Helden der Quinta zählten Männer mit langen Namen: Hans Cieslarczyk, Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak, vor allem unser Erich Juskowiak, der Hammer. Nach einem Elfer von dem musste man das Netz flicken. Der Hammer, den der Schiri vom Platz stellte, obwohl der Hamrin Schuld war, unfasslich! Der Juskowiak hatte an der Ecke Bismarck- und Oststraße einen Zigarrenladen, keine fünfzig Meter von meiner Haustür. Hans, Heinrich, Horst, Erich, alles Deutsche. Dass sie von den Ruhrpolen abstammten, erstens wussten wir es nicht, jedenfalls war es kein Gesprächsstoff, und zweitens: na und?

Zu jener Zeit schleppte mich meine sudetendeutsche Tante zu Heimabenden ihrer landsmannschaftlichen Jugend. Ich war elf und in die glutäugige Brigitte verknallt, sie war pausbäckig und Schlesierin; dass man sie und ihre Eltern im Westen widerwillig aufgenommen hatte: kaum nachvollziehbar. Unmöglich soll ja schon dieses rollende /R/ gewesen sein („Polacken!“); auch was sie kochten, roch polnisch. Manch einer wünschte sich die Bagage ins Meer gekippt. Dabei wäre das Wirtschaftswunder ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen als Arbeitskräfte und als Verbraucher nicht so flott entstanden. Sie bezogen den Lastenausgleich (für im Osten Verlorenes), diese Schmarotzer, bezahlt von den Westlern, die selber in Ruinen lebten [1]. Na gut, das Geld floss direkt in den Kreislauf eines lebhaften Binnenmarktes. Erklär das mal einem!

Mitte der Fünfziger hatte ich – da lebte ich noch in Luxemburg – einen italienischen Spielkameraden verloren. Sein Vater Giusto, Kollege meines Vaters, war Bratscher; die Mutter komponierte Pasta asciuta, die war zum Schwärmen. Signore Cappone folgte einem Ruf der Berliner Philharmoniker, und als ich Lucio Jahre später wiederbegegnete, berlinerte er wie ein Wilmersdorfer. In Luxemburg hatte ich schon die Europaschule besucht, da passte sie noch in ein dreistöckiges Mietshaus. Mit dem Deutschlehrer sangen wir „Ich hatt‘ einen Kameraden“, und er schleppte uns zum Fort Douaumont, wo schier endlose Reihen von weißen Kreuzen an die 700.000 Menschen erinnern, die im Kampf um Verdun ihr Leben gelassen haben – sicher einer der Gründe, weshalb mir Europa ans Herz wuchs.

Heute, Jahrzehnte später, neckt mich in Heidelberg der georgische Taxifahrer, als im Radio von Stalin die Rede ist: „Du kennst Stalin, he? Dschugaschwili, mein Onkel, ja. Seine eigenen Leute hat er erschossen…“ Gibt es noch deutsch-muttersprachige Taxifahrer? Und wenn schon. Am selben Tag begegne ich im Bahnhof einer bildhübschen jungen Frau im Hidschab, die aussieht wie meine Älteste. Ich lasse mir ein Probeabo der ZEIT andrehen und erfrage ihre Herkunft: Afghanistan. „Paschtu?“ frage ich ins Blaue. Ja, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch; zu Hause sprachen sie von ihrem Vater her einen tadschikischen Dialekt des Dari – und Paschtu. Aufgewachsen sei sie in Deutschland. Ich staune im Stillen: Am Dresdner Elbufer könnten wir dich an Montagabenden gut gebrauchen.

Anschließend besorge ich mir nebenan eine dieser elliptischen Pizzen im Knabberkarton, eine Pizza spetschale. Wieder eine junge Schöne, auch im Kopftuch, verkauft sie mir. „Aber Sie sind doch Deutscher?“ Nur Italiener würden speciale so aussprechen. „Das kann schon mal vorkommen“, sage ich und frage auch sie aus: Irak. Lauter akzentfrei und fließend gutes Deutsch sprechende Musliminnen, in unserem Land aufgewachsen. Ich sag es mal so: Gottseidank bringen Einwanderer und Flüchtlinge ihre Kinder und gebären weitere. So haben außer Erich Juskowiak und Lucio Cappone Millionen von sesshaft gewordenen Gastarbeiterfamilien eines mit uns gemeinsam: Sie sprechen Deutsch.

Da regt sich die Frage: Regelt noch immer die Abstammung die Nationalität? In den Augen der Bürger offenbar nicht mehr. 97 Prozent der Befragten einer Studie von 2014 waren der Meinung, deutsch ist, wer Deutsch spricht. 79 Prozent meinten dazu (in einer niedlichen Verwechslung von Ursache und Wirkung), Deutscher sei man, wenn es im Pass steht („Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“). Nur 37 Prozent verlangten deutsche Vorfahren [2].

Ist unsere Sprache nicht sowieso der einzige Klebstoff, der achtzig Millionen Bürger noch zusammenhält? Halt doch, es gibt einen Neunzigminuten-Kleber: unsere Jungs auf dem Rasen. Wo sie antreten, auch wenn sie Klose, Boateng oder Özil heißen, verbindet heilige Eintracht – Fischköppe und Bayern, Schwaben und Sachsen. Nach dem Abpfiff tut es dann wieder nur die Sprache.

Lasst uns einfach anerkennen: Deutsch ist, wer Deutsch spricht – mit Verbeugungen in Richtung Wien und Zürich, wo immerhin einige der besten Bühnen deutscher Sprache stehen. Und da wir sowieso viele junge Neubürger benötigen, lasst uns dafür sorgen, dass sie Deutsch lernen, flott und gründlich. Und dass ihre Familien nachkommen. Unsere muss ja keine Regenbogennation werden, aber hoffentlich eine Gesellschaft, in der eines nicht mehr vorkommt: dass wir schwerhörigen Alten kraft unserer Mehrheit die benachbarte Kita verhindern – weil die Kinder so einen Lärm machen. So eine Gesellschaft gehört aufgemischt! Sei’s drum, dann eben mit Syrern und Afghanen. Rassisch rein waren wir in Mitteleuropa sowieso nie. Also: Was zählt, ist die Sprache, und die ist hierzulande die deutsche. Wie schön!


Vertriebene: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article147487793/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html DIE WELT, 12. Oktober 2015

Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung: Deutsche finden Abstammung unwichtig fürs Deutsch-Sein DIE ZEIT, 30. November 2014

Oliver Baer @ 10:26
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Deutschsein heißt für mich …

Beitrag vom 28 August 2015

Muslime im christlichen Abendland - warum nicht? Aber nach unseren Regeln: ohne Scharia (Bild Baer)

Für mich enthält das Deutschsein eine Reihe von Selbstverständlichkeiten. Offenbar muss ich sie trotzdem einzeln aufführen. Ich gebe zu, ich nenne sie im Zorn:

Deutschsein heißt, dass wir schon immer in der Mitte Europas lebten.
Wenige Nationen haben so viele Nachbarländer wie wir. Deshalb kann es ohne uns kein Europa geben, und ohne Europa stünden wir ziemlich bescheuert in der Mitte herum.

Deutschsein heißt, dass wir rassisch durchmischt sind, und das schon seit Jahrtausenden.
Irgendwelche Rassenreinheit ausgerechnet in der Mitte Europas zu beschwören, ist so abwegig wie die Hoffnung, dass die Sonne demnächst im Süden aufginge. Hervorgebracht haben uns Mitteleuropäer unter anderen die Germanen, Kelten, Slawen sowie römische Bürger von ziemlich bunter Herkunft aus der antiken Welt.

Deutschsein heißt, dass sich Fremde bei uns wohlfühlen, nicht nur während der Fußball-WM.
Wir sind gastfreundlich – auf unsere eigene, manchmal hölzerne Art. Da haben wir von den vielen Gastarbeitern aus dem Süden an Herzlichkeit schon etwas dazugelernt. Ach ja, vom Tourismus leben hier viele Bürger.

Deutschsein heißt, uns imponiert sonst jeder Vater, jede Mutter, die alles tun, sogar den Tod riskieren, damit ihre Familie überlebt.
In halb Afrika regieren Gangster; sie lassen ehrlichen Bürgern keine Chance. In Arabien fallen Fassbomben auf die eigenen Bürger. Im südlichen Balkan herrscht Korruption, da nagt am Hungertuch, wer nicht dazugehört. Es gibt Motive, die wir als Grund für Flucht und Asylantrag anerkennen – würden wir nicht dasselbe zu unseren Gunsten erhoffen, wenn wir auf der Flucht vor solchen Verbrechern wären?

Deutschsein heißt, dass wir über zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene integriert haben.
Mag sein, dass es den Einheimischen schwerfiel, aber wir haben nach dem Krieg den Menschen aus dem Osten zu einer neuen Heimat verholfen – was uns auf lange Sicht übrigens sehr genützt hat. Das “Wirtschaftswunder” wäre ohne sie nicht möglich gewesen.

Deutschsein heißt, dass wir uns vor der braunen Vergangenheit nicht davonstehlen.
Ob wir zu den Guten zählen, ist sowieso fragwürdig, und unsere Nazivergangenheit wird nicht dadurch blütenweiß, dass wir Deutsch verschmähen und lieber (schlechtes) Englisch plappern. Immerhin haben wir uns hierzulande mit Judenmord und Kriegsverbrechen jahrzehntelang auseinandergesetzt – da sind wir anderen Nationen weit voraus.

Deutschsein heißt, dass die Nachbarn und wir voneinander lernen.
Dazu zählt, um ein triviales Beispiel zu nennen, die Esskultur. Vor fünfzig Jahren war der Besuch eines deutschen Restaurants ein trostloses Ereignis.

Deutschsein heißt, dass wir die Einwanderer willkommen heißen.
Wir sind klug genug zu begreifen, dass wir fünf zehn (wer weiß, vielleicht bis zu zehn zwanzig) Millionen neue Deutsche benötigen, damit die Wirtschaft mit jungen Arbeitskräften aufblüht, das Rentensystem wieder funktioniert, die Gesellschaft nicht an den Alten (meiner Generation) erstickt, die jedes Neue mit dem Beelzebub verwechseln und die neue KITA nebenan verhindern, weil ihnen keine Kinder in den Kram passen.

Deutschsein heißt, dass ich mich einer Tradition der Denker, nicht der Schwätzer verpflichtet fühle.
Ich statte mich mittels eigener Gedanken mit eigenen Überzeugungen aus; ich lehne den Kitsch des “Gesunden Volksempfindens” ebenso ab wie den Kitsch der “Politischen Korrektheit”. Merke: Wenn es nicht wehtat, war es kein eigenes Denken, sondern das Wiederkäuen von Gedankenschnipseln anderer Leute

Deutschsein heißt, dass wir die Religionsfreiheit schätzen.
Dazu zählt die Freiheit Konfessionen auch abzulehnen. Muslime sind hier willkommen wie jeder andere, aber auch zum Islam darf hier keiner gezwungen werden, und die Scharia hat in Deutschland schon gar nichts zu suchen.

Deutschsein heißt, wir schätzen an unserem Grundgesetz, dass es weltweit keine bessere Verfassung gibt.
Dazu zählt, dass unser Staat wehrhaft sein muss, damit er seine Bürger gegen jeden, aber auch jeden verfassungsfeindlichen Angriff nach Kräften beschützt, sei es durch Nationalsozialisten, durch Islamisten, durch Antifaschisten oder sonstwen. Wir sind eine Nation friedliebender Menschen, keine Zusammenrottung von Hooligans mit Testosteronproblemen.

Deutschsein heißt, Frauen und Männer genießen in dieser Republik dieselben Rechte.
Wir entfernen zur Zeit die letzten Reste der Diskriminierung von Frauen. Wer hier einwandern und seine Frau weiter unterdrücken möchte, muss umlernen. Merke: Das Kopftuch ist in traditionell-konservativen Völkern ein bewährtes Mittel, Herrschaft über Frauen darzustellen – mit dem Islam hat das Kopftuch aber nachweislich nichts zu tun.

Deutschsein heißt, wir erkennen die Not der Menschen, deshalb: „Flüchtlinge sind willkommen!“
„Refugees welcome!“ist ein Schmarren. Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, hier ist die Lingua franca Deutsch, hier können die wenigsten ein belastbares Englisch, und die Flüchtlinge schon gar nicht. Die mediengeile Protzerei mit Englisch passt zur Not der Flüchtlinge wie eine offene Hose zum Besuch ihrer Notunterkunft.

Deutschsein heißt, wir haben nach unseren Erfahrungen mit Diktaturen für Bevormundung jeder Art keinen Bedarf.
Nazis haben uns nichts Bedenkenswertes mitzuteilen, dasselbe gilt indessen für Antifaschisten, für christliche und islamische Fanatiker, für Russen, die wieder an den Storch glauben, und es gilt für unsere muslimischen Mitbürger, wenn sie in ihrem Machogehabe mal wieder Kreuzberg mit Anatolien verwechseln.

Deutschsein heißt, wir erkennen unsere gemeinsame Identität in der deutschen Sprache.
Für 97 von 100 Deutschen ist die Sprache das wichtigste Kriterium für das Deutschsein: “Deutsch ist, wer Deutsch spricht.” Die gemeinsame Sprache ist der Klebstoff, der uns zusammenhält. Sie ist nicht ersetzbar durch Gedankentreibgut, das hierzulande nur deshalb gut ankommt, weil keiner merkt, aus welchen trüben Tiefen die englischen Sprachfetzen gefischt werden.


Was Deutschsein für andere bedeutet, ist deren Sache. Ich habe meine Positionen genannt, sie sind nicht verhandelbar. Aber Ihr könnt Euch ja mit differenzierter Meinung anschließen.

Es darf jedenfalls nicht zur akzeptierten Norm erstarren, dass wir unsere Muttersprache preisgeben. Mit dieser Forderung richte ich mich erstens gegen die Arschkriecherei, mit der wir hierzulande jeden englischen Furz einem zu Ende formulierten Satz auf Deutsch vorziehen. Deutsch ist immerhin die Sprache, die wir zum Denken benötigen. Nein, Euer Englisch reicht für klares Denken nicht, vergesst es! Denken benötigt Sprache auf hohem Niveau.

Ich richte mich zweitens gegen die Gleichgültigkeit, mit der linke Intellektuelle die Muttersprache dem rechten Mob überlassen. Ihr habt wohl vergessen, wie Hitler und Goebbels die deutsche Sprache verdarben. Dieses Geschenk hat der Mob nicht verdient; das sind Menschen, die anderer Leute Gedankengut wiederkäuen ohne eine eigene Synapse auch nur gestreift zu haben. Diese Leute sind nicht Deutschland, ihnen gehört die Muttersprache nicht!

Also liebe Landsleute, lasst Euren Hochmut! Die deutsche Sprache ist das einzige, was diese Nation zu einer funktionierenden Gesellschaft zusammenfügt! Wenn Ihr diese Sprache verschmäht, seid Ihr so arrogant wie die Engländer. Sie halten sich mit Oxfordenglisch den Pöbel vom Hals, so wie Ihr Euch erhebt über Bürger, die nun mal echte Angst haben vor Hunderttausenden von Fremden. Ihr spielt die Flüchtlinge gegen diese Leute aus – wem soll das nützen?

Ich fordere von der Politik, dass sich der Staat gegen gewaltbereite Fanatiker und ihre Mitläufer mit Polizeigewalt durchsetzt. Und wenn sich diese Mitbürger nicht an die Verfassung halten, dann muss auch mal härter durchgegriffen werden, als es das Grundgesetz vorsieht. Dazu wird man mehr Polizisten benötigen.

Oliver Baer, Dresden am 28. August 2015.
Den Text habe ich nachgebessert am 22. November.

Nachtrag:

Wenn wir tatsächlich nicht mehr in der Lage sind, die Menschen menschenwürdig unterzubringen, dann sind wir überfordert und müssen die Tore schließen, auf dass wir sie wieder öffnen, wenn wir dazu in der Lage sind. Das ist doch selbstverständlich.

Oliver Baer @ 22:45
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Sprache ist so leicht ersetzbar wie Energie

Beitrag vom 18 August 2015

Sprache ist eine Ressource des Geisteslebens und so endlich wie Ressourcen der Natur (Bild: Fotolia)

Über sterbende Sprachen hat man Krokodilstränen zu vergießen, das gefällt dem Zeitgeist, und es ändert nichts. Dazu erklärt ein zackiger ZEIT-Leser: „Eine Sprache stirbt dann aus, wenn sie niemand mehr spricht, und eine Sprache die niemand spricht, ist offensichtlich überflüssig.“

Auf öffentlichen Klos habe ich schon klügeren Magerquark gelesen. Also dann mal zackig: Sprachen sind keine Organismen, sie sind Kulturgut, vom Menschen geschaffen, sie leben nicht, sie sterben nicht. Sie können verschwinden, ganz oder in Teilen. Mit einer Sprache „verlieren wir Jahrhunderte menschlichen Denkens über Zeit, Meerestiere, Rentiere, essbare Pflanzen, Mythen, Musik, das Unbekannte und das Alltägliche.“ erklärt Robert Harris°. Da verschwindet mehr als ein paar Vokabeln und die Folgen trägt die Volkswirtschaft – das sind wir alle, auch die Klosettlogiker.

Am Amazonas sterben Indianer aus, die gegen jedes Leiden ein Kraut kennen. Ihr Wissen geben sie mündlich weiter. Verschwindet ihre Sprache, verfällt das in ihr gespeicherte Wissen. Zum Vergleich: Pharmakonzerne investieren Milliarden zur Lösung von Fragen, die im Urwald schon beantwortet wurden. Milliarden die irgendwer bezahlen muss. Wer wohl?

So etwas müsste Thema der Grünen sein. Zwar funktioniert statt Kupfer oft Aluminium, statt Eisen Beton; unersetzbar sind nur Wasser, Luft, Energie – und die Sprache. Dagegen ist invertierter Snobismus („Deutscher kann man nicht mehr sein“) so putzig wie der Furz einer Ente. Stirbt der Vogel X, vermehrt sich Insekt Y und frisst die Ernte Z. Also sprüht der Landwirt Gift, es gerät in die Nahrungskette, daran verrecken der Bauer und die Kunden, auch jene die den Schutz der Umwelt mit einer Glaubensfrage verwechseln.

Aber, so hallt es in den Laubengängen, dafür genüge doch eine, die Weltsprache. Diese können wir umso gründlicher umsorgen. „Man solle etwa an die Möglichkeit denken, aufgrund einer gemeinsamen Sprache mit den Taliban direkt sprechen zu können.“ schlug Ulrich Ammon vor. Nein, wie niedlich! Dass darauf die Amerikaner nicht kamen, als sie einander 1861 bis 1865 in nie gekannter Grausamkeit niedermetzelten!

Sprachen sind Träger von Methoden, Verfahren, Lösungsansätzen, die es in anderen Sprachen gar nicht, oder was noch spannender ist, in ähnlicher Form gibt. Aus dieser Vielfalt erwachsen die besten Lösungen, und Europas Stärke liegt in seiner Vielfalt. Die Monokultur einer englisch dominierten Welt kann nur eintönige Lösungen zustandebringen. Das ist so leicht zu begreifen wie man es ignorieren kann, sei es aus Abneigung gegen die eigene Sprache, weil man die Welt beherrschen möchte oder weil es am besten zum vorhandenen Vorurteil passt.

Ist Deutsch bedroht, muss man sich sorgen? Schwer zu sagen? Wir könnten es abwarten. Die Antwort erfahren wir, wenn es zu spät ist die Folgen zu verhindern. Macht nichts, die Erderwärmung ist schließlich auch nur eine Theorie, oder? Die Sprache der Wissenschaften und der Wirtschaft betrifft die Steuerzahler, das sind Sie, liebe Leser, auch die Grünen und Sozialdemokraten, die mit der Schulter zucken: „Mir fehlt das sprachpatriotische Gen.“ Mit Patriotismus hat diese Sache aber so viel zu tun wie die Auswahl des Ladens, wo Sie Ihren Schlandwimpel erwerben.

“Macht nichts, sobald das Problem den Wählern auffällt, findet sich eine Mehrheit, es anzupacken.” Ach ja? So naiv möchte ich mal sein, und die Wartezeit verkürze ich mir mit Chinesisch. Ab 2016 gibt es in Südafrika Mandarin-Unterricht – an den Grundschulen. Schade, die englische Sprache, bevor sie als Weltsprache verhunzt wurde, war eine schöne, reichhaltige Sprache. Heute sind dieser Meinung nur noch eine Million gebildeter Angelsachsen. Die übrigen native speakers kotzen ein Englisch aus, dass man sich Ohrenklappen wünscht.

Die Monokultur wird die Vielfalt ausrotten. Der Ersatz der Muttersprachen durch Englisch endet in einer angelsächsischen Denkweise: in neoliberaler Kälte, bei Barbiepuppen und McDonalds. Englisch ist eine antidemokratische Sprache, mit ihr hält sich die Oberklasse den Pöbel vom Halse. Außerdem ist aller Aufwand für die gemeinsame Wissenschaftssprache vergebens, denn auf dem Niveau für kreatives Denken steht sie nur wenigen offen (das C1-Niveau, liebe Leute, reicht für die zweite Liga, mehr ist nicht drin). Und was die geschichtlichen Skrupel anlangt: Mit Angloholismus stiehlt sich keiner aus der deutschen Geschichte davon. Ihr Freunde auf der Linken: Wenn es schon die Rechten nicht begreifen, was die Sprache wert ist: Es gibt viel zu tun. Get off the fence!

° Robert Harris vom Living Tongues Institute in Washington

Oliver Baer @ 17:22
Gespeichert in: Gesellschaft
Falsch zitiert!

Beitrag vom 18 August 2015

Zugleich trocken und unterhaltsam, enthält kein einziges Bild spärlich bekleideter Menschen

Das Geschick, eine glückliche oder wichtige Entdeckung durch Zufall zu machen, kommt überall vor, aber die Engländer haben den Begriff mit einem Wort versehen: serendipity – eine Orchidee unter den Wörtern, den meisten Angelsachsen jedoch nicht vertraut.

Ich schulde Ihnen ein Geständnis, ich habe leichtfertig zitiert: Die Weltsprache sei nicht Englisch, ließ ich den prominenten englischen Linguisten David Crystal sagen, sondern schlechtes Englisch. Das stimmt, aber so hat nicht er es geäußert, sondern ein fleißiger SPIEGEL-Journalist hat Crystals Auffassung zu diesem Satz verdichtet. Das wird bestätigen, wer sein Werk English as a Global Language gelesen hat.

David Crystal beschreibt darin ziemlich genau, was ich als Globisch bezeichne. Er nennt es World Standard Spoken English (WSSE), eine Varietät des Englischen. Es ist nicht zu verwechseln mit American Standard English oder British Standard English. Auch wenn sich Crystal akademisch seriöser ausdrückt, die Charakteristika stimmen überein: der reduzierte Wortschatz, der Verzicht auf die komplizierten Verbformen und auf Redewendungen, Redensarten sowie auf Problemzonen wie die doppelte Verneinung. Auch David Crystal sieht im WSSE keinen Raum für Humor, Ironie, Sarkasmus.

Das ist zwar bedauerlich, denn eben das macht Sprachenlernen zu einem besonderen Erlebnis. Aber man muss sich entscheiden, worum es geht. Höherer Kulturgenuss erfordert höhere Sprachbildung, während weltweite Verständigung mit Globisch ganz einfach besser gelingt. Wir sind aber aus geübter Eitelkeit unbelehrbar, wir verlangen in Deutschland, Österreich und der Schweiz von Stellenbewerbern ein Englischniveau, das die meisten Menschen auf dem gesamten Globus (sowie in Europa, Holland und in Eindhoven) nicht können, niemals beherrschen werden und auch gar nicht erwerben möchten. Ihnen genügt die Verständigung, wenn es geht fehlerarm und unkompliziert. Es gibt also mindestens zwei grundverschiedene Ansprüche.

Das bemüht und anscheinend perfekte Englisch der Unbelehrbaren verstehen nur wenige. Im asiatischen Geschäftsleben provoziert zu gutes Englisch schweres Kommunikationsversagen, das aus Gründen der Gesichtswahrung oft nur schwer zu klären ist. Ähnliches geschieht in Arabien, Afrika, Lateinamerika und in fast allen europäischen Staaten. Eine Sprache, die Fehler befördert oder sogar tarnt, ist für die internationale Verständigung ein Handicap. Einen Sinn ergibt sie nur bei der Pinselei des Bauchnabels: Guck mal, was für ein tolles Kerlchen ich bin: „I can English.“ Solchen Leute widerspreche ich gelegentlich. Sydney heißt nicht Sidnäi sondern Sidni mit dem langen /i/ am Ende, und das ist in sämtlichen Varietäten des Englischen so. Aber was geschieht: Die Leute hören die Korrektur, sie staunen, sie nicken und sagen weiterhin: „Mein Freund Harwäi.“

Über die Beratungsresistenz deutscher Eggsekjuhtifs schmunzeln Englischkenner landauf, landab. Ein Wirtschaftsverband schmückt sich mit einem Senate – wahrscheinlich weil Senat an Spinat erinnert – und wie ein Automat wiederholt der Vorsitzende ein merkwürdiges Wort, das wie Ssienäit klingt, wo er Ssennet sagen müsste. Er blamiert sich, nun ja, aber warum? Er tut als ob er zuhörte, aber das rauscht vom einen Ohr zum anderen ohne eine einzige Synapse auch nur zu streifen. Unter der Alterseitelkeit leiden vermutlich auch viele, die Aufwand, Zeit und Geld in gutes Englisch gesteckt haben. Und nun sollen sie wegen Globisch Abstriche machen? Kommt nicht in Frage! Sollen doch die Anderen besseres Englisch erwerben!

Die falsche Logik überliest sich allzu leicht: Nicht wegen Globisch, sondern um sich verständlich zu machen, sollen sie sich beschränken. Falls Sie hier noch mitlesen: Crystals Buch lässt keinen Zweifel, dass der wahre Weltbürger mehrere Sprachen erwerben soll. Er fordert die englischen Muttersprachler auf die Hochsprache ebenso zu beherrschen wie das regionale Englisch oder den heimischen Dialekt, und als drittes sollten sie WSSE, also Globisch erwerben. Ausdrücklich unterscheidet er diese Drei. Als Europäer und Weltbürger erlaube ich mir zu ergänzen: Dem wäre eine Fremdsprache hinzuzufügen, damit die kulturelle Inzucht der Angelsachsen ein Ende nimmt.

Kommen wir zur Kritik seines Buches English as a Global Language. Mir fallen zwei Gesichtspunkte dadurch auf, dass er sie ignoriert. Crystal spricht von Kommunikation und Identität mit einem Unterton, als könne er die Anstößigkeit nur mühsam tolerieren, mit der die Bürger von Singapore Wert auf ihre Identität legen. Der Verlust des Kolonialreiches schmerzt noch immer. Zweitens widmet er der Rolle der Muttersprache beim Denken – keine Zeile. Das Denken interessiert Crystal nicht, vermutlich weil es kein Thema der Linguistik ist. Im Vorübergehen geht er darauf ein: Sollte es jemals dazu kommen, dass nur noch Englisch gelehrt würde, nennt es Crystal the greatest intellectual disaster that the planet has ever known – das größte Desaster für das Geistesleben auf dieser Erde. Recht hat er, aber als Randbemerkung kommt es herüber wie ein politisch korrektes Lippenbekenntnis.

Wer alle Aufmerksamkeit auf Englisch lenkt, tut das auf Kosten seiner Muttersprache. Diese sollte er als erstes lernen und pflegen. Warum? Damit er noch aus eigener Kraft Gedanken formulieren und anschließend verwirklichen kann. Wer sich fortwährend mit Versatzstücken der englischen Sprache schmückt, wirkt cool, aber dieses Sprachragout ist für den Geist so gesund wie McDonalds für die schlanke Linie. So einer wird zum Junkie und merkt es nicht. Nebenbei erwähnt: Auf dünner Muttersprache wächst keine knackige Fremdsprache.

Serendipity muss im Text nur verwenden können, wer in Oxford zu studieren plant. Alle anderen seien gewarnt: Unter fünf Jahren ist gutes Standard English nicht zu haben: Dazu müssen Sie in das Mutterland der Sprache übersiedeln, Ihr Vorhaben kostet Sie viel Fleiß und Sie sollten in dieser Periode kein Wort Deutsch sprechen. Nur dann dürfen Sie mit Aussicht auf Erfolg hoffen, dass Sie sich mit Muttersprachlern auf gleicher Augenhöhe unterhalten.

Das ist zu viel verlangt? Richtig, WSSE/Globisch gibt es billiger. Diesen logischen Schluss aus seiner eigenen Darstellung vollzieht David Crystal jedoch nicht, jedenfalls nicht in diesem Buch. Zu sehr fasziniert ihn, wie wichtig Englisch in der modernen Welt ist. Leider so wichtig, dass die Engländer auf andere Sprachen verzichten. Deshalb ist dem Angelsachsen jeder kleine Gewürzhändler in Madras beim Begreifen fremder Einflüsse überlegen. Und die Geheimdienste der Amerikaner und Engländer suchen händeringend nach Leuten, die fremdsprachlich gut zu Fuß sind und den weltweit belauschten Kommunikationsmüll nach werthaltiger Information durchstöbern könnten.

Für diesen Nachtrag zum Falschzitat in meinem Buch Von Babylon nach Globylon lasse ich mich gegebenenfalls beguttenbergen, aber es war ja keine Dissertation. Es war und ist eine aktuelle Arbeit über die Bedeutung der Muttersprachen für Wirtschaft und Wissenschaft, mit einem ausführlichen Abschnitt über den Erwerb von Globisch bzw. World Standard Spoken English, zu kaufen bei Ihrem Buchhändler sowie bei Amazon, gedruckt und für den Kindle. Kritiker bitte ich das Buch vor dem Verriss zu lesen. Man merkt es, wenn der Kritiker über das Blättern nicht hinauskam.

Oliver Baer @ 09:22
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Pingeligkeiten

Beitrag vom 28 Mai 2015

Die Engländer haben der Welt den edelsten Sport geschenkt: Cricket. Diese Tätigkeit erschließt sich Einwanderern in anglophone Länder bereits in der zweiten Generation, in dringenden Fällen schon nach zehn Jahren des intensiven Nichtmehrweghörens, wenn beim Stand von 238 for 6 die Leute bedeutsam nicken: „Das wird hart.“

Die Franzosen haben, von der Provence ausgehend in die frankophonen Länder Pétanque verbreitet. Diese Form des Boule ist so schwierig wie Golf, aber tausend Mal billiger: Es wird dank der französischen Besatzung auch bei uns viel gespielt. Deutschland belegt unter 94 aktiven Nationen den sechzehnten Platz der inoffiziellen Rangliste. Eine Tatsache, auf die Boulisten ein Glas Rotwein heben und eine frische Zigarette drehen.

Womit wir zur Sprache kommen. Zum Cricket haben weder Franzosen noch wir etwas beigetragen, die Begriffe sind englisch. Beim Pétanque hat Englisch so viel zu suchen, wie die Angelsachsen dazu beigetragen haben: nichts. Deshalb sind die Fachbegriffe fanzösisch und das ist gut so, schon damit nicht weltweit alles immer nur auf Englisch lautet. Außer in Deutschland. Zwar gibt es eine Reihe gültiger Verdeutschungen (pointer = legen, tirer = schießen), aber bei jedem Turnier gibt es einen Cup zu gewinnen. Was schlimm genug ist, denn Coupe hätte es auch getan, oder wenigstens Pokal. Es kann aber ein Cup/Coupe/Pokal nur ein Gefäss sein. Jede Skulptur, sei sie noch so schön gestaltet, ist nur dann ein Cup, wenn sich daraus der Siegessekt schlürfen lässt.

Dem Cup geht es wie dem Alpinen Skiweltcup, da ist jedes einzelne Rennen der Weltkapp, natürlich ein Schmarren, denn die Welttasse gibt es am Ende der Saison, nämlich erst nach allen Wertungsläufen. Hier geht es zu wie bei der Relegation. Richtig handelt es sich um Aufstieg und Abstieg, oder Promotion und Relegation, wenn es denn Fremdwörter sein müssen, aber das bekommt kein Reporter auf die Reihe. Also zum Mitschreiben: Relegation = Abstieg! Was Ihr Reporter und Journalisten meint, ist die Auf- und Abstiegsrunde.

Aber noch ein Wort zum Kugelsport.

Pétanque kennt beim Endstand 0:13 eine kuriose Sitte. Zu Null ist die Höchststrafe, und sie hat zweierlei Folgen. Die Verlierer küssen den entblößten Po der Fanny (als Bild), und die Sieger müssen einen ausgeben. Die Sitten dieses Sports entstanden offenbar unter Bäumen neben einem Bistro. Um den französischen Mädchennamen Fanny ranken schlüpfrige Mythen, die wir hier übergehen wollen. Aber man merke: Im Französischen wird die letzte Silbe betont: Fannih. Alles andere führt in die Irre. Dass im amerikanischen Englisch die fanny den weiblichen Popo, im britischen Englisch die fanny etwas weniger Salonfähiges (ungefähr in gleicher Höhenlage) bezeichnet, erhellt die Sachlage keineswegs. Wer sich mit halbgaren Englischkenntnissen für besonders gut informiert hält, befindet sich auf dem Holzweg.

Plattfüßig treten in die Falle – wir Deutschen. Boulisten sprechen hierzulande von der Fänni, oder wenigstens halbwegs französisch von der Fanni, was aber den Nachteil gebiert, dass sie so niedergeschrieben wird: funny. Das ist nun überhaupt nicht funny, sondern nur blinder Reflex: Was von außen kommt, ist erstens gut und kann daher zweitens nur englisch sein. Es kommt noch so weit, dass wir die Muttersprache mit amerikanischem Akzent aussprechen.

Pingelig? Aber ja doch. Giora Feidmans Klarinette hat uns Klesmer nahegebracht, eine Musik osteuropäisch-jüdischer Herkunft. Ausgesprochen wird Klesmer mit einem weichen /S/, daher die Schreibweise Klesmer. Im Englischen erweist denselben Dienst das /Z/, also Klezmer. Ein Unfug wäre im Deutschen Klezmer, aber in vorauseilender Unterwürfigkeit ist diese schon weiter verbreitet als die zutreffende Schreibweise. Das ist eben nicht egal, denn prompt tritt ein, was zu erwarten war: Die Leute sagen Kletzmer, und wie schreiben sie es? Kletzmer, wie denn sonst, das hat doch der Ansager so gesagt, oder? Weder die USA noch ein anderes Land englischer Zunge hat Nennenswertes zum Klesmer beigetragen. Wie es stimmt, weiß die Gruppe Aufwind, Experten dieser Musik, die auf ihrer Website aufwindmusik.de übertiteln: Jiddische Lieder und Klesmermusik und Yidish Songs and Klezmer. Dennoch lässt sich sogar die Wikipedia, sonst pedantisch in diesem Dingen, im deutschen Text auf die Schreibweise Klezmer ein.

Wichtigkeit? Den Boulesport ficht keine falsche Fanny an, und Klesmer wird Kletzmer überleben. Was eingeht, ist unser Gespür, dass es etwas ausmacht, ob eine Sache anscheinend unwichtig oder scheinbar unwichtig ist. Der Schwund schleicht auf Socken daher. Wenn wir dereinst merken sollten, dass etwas fehlt, wird es aber keiner merken, weil dann die Fähigkeit bereits verschwunden ist, das Fehlen noch wahrzunehmen. Den Wenigen, die das Fehlen bemerken, wird man nicht glauben, denn wir haben schon jetzt zum Lernen keine Lust mehr.


Bilder:

13-0 Fanny von Unbekannt 1920 — http://cheznectarine.centerblog.net/rub-la-petanque-et-fanny–3.html. Sous licence Domaine public via Wikimedia Commons

Klesmer: Ablichtung der Titelseite und einer Folgeseite aus www.aufwind.de

Oliver Baer @ 11:24
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Fäulnis angesagt

Beitrag vom 25 Februar 2015

Sex ist schön. Das gehört aber nicht hierher. Sex ist außerdem unersetzbar, jedenfalls hat das geborgte Wort alle heimischen Wortschöpfungen verdrängt. Das ist gut so, denn fast alles, was nicht unter wahre Liebe fällt, zählt irgendwie zum Sex. So lässt sich mit einem Wort aus nur drei Buchstaben Ordnung herstellen.

Ausriss aus dem Spiegel Nr. 8 vom 14. Februar 2015

Sex hat auch Nachteile, und davon gleich zwei. Ein flüchtig auf Svensklish geführtes Gespräch gerät leicht auf schlüpfrige Abwege, denn sex (mit einem scharfen S) steht in Schweden für die Ziffer 6. Schlimmer noch: Wie Sex ausgeübt wird, beschert uns gefühlsaufwallende Wortwolken wie Sex haben oder gar Sex machen. Das ist nicht gut so. Man könnte glatt meinen: Wer sich so äußert, hat in diesen Dingen das Schießpulver nicht erfunden. Also Vorsicht! Im Internet findet sich bei geeigneter Formulierung des Suchwortes (zum Beispiel „Synonym für Sex“) eine sehenswerte Fülle von Wörtern, die größtenteils nicht stubenrein, aber komisch klingen und in allen Fällen dem Haben oder Machen von Sex überlegen sind.

Nicht nur im Bett wird als Anfänger entlarvt, wer mit Englisch um sich wirft. Im SPIEGEL tauchte dieser Tage ein bald zwanzig Jahre altes Bild auf: „VOTE ROT!“, hier als Ausriss wiedergegeben, mit dem sich Politiker als Stümper zu erkennen geben. Es ist doch so: Vote rot überfällt den Betrachter als eine englischsprachige Aufforderung to vote. Wie die Dinge liegen, setzt das Gehirn (es ist ja nicht blöd) den Satz auf Englisch fort (wie denn sonst?), rot also mit dem englischen R, einem kurzen O und dem hartem Auslaut wie unser Doppel-T.

So weit so gut. Sehen wir nach, was wir so nachplappern. VOTE ist klar: Stimme abgeben. ROT bedeutet Verwesung, Fäulnis, Verrottung. Mit diesem Plakat warb die SPD für Verrottung. Alles klar. Euer Ehren, ich habe keine weiteren Fragen.

Oliver Baer @ 13:39
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One Man One Vote

Beitrag vom 13 Februar 2015

Was stimmt denn nun: Der, die oder das Rolle? (© Behland)

Manche Bezeichnung ist eine glatte Beleidigung. „Putzfrau“ unterstellt, für diese Arbeit kämen nur Frauen infrage, ein „Putzmann“ sei als Wohnungsputzer undenkbar. Um solche Fossilien wird es wenig Streit geben, wenn wir unseren Wortschatz aufräumen. Alle ähnlich besetzten Wörter sind ersetzbar durch geschlechtsneutrale.

Damit müsste das Thema Gendering vom Tisch sein, wir könnten uns echten Problemen widmen. Irrtum, es gibt einen deutschen Sonderweg, den die Leute in vielen anderen Sprachen kaum nachvollziehen können. Davon lassen wir uns nicht beirren, als Steuern Zahlende gönnen wir uns Hunderte von Lehrstühlen, Tausende Gleichstellungsbeauftragte und Aufpasser, die den Steuerzahler abschaffen. Als gäbe es zwischen Gutmenschen und ihren Gegnern keinen heimischen Zoff mit höherem Kaloriengehalt. Etwa die Unterdrückung der Frau in islamischen Milieus – hierzulande!

Nein, lieber lassen wir uns mit dem Propplem plagen, ob neben den Pegidisten auch Pegidistinnen zu unterscheiden wären, da sind wir pingelig, wie bei Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, auch bei Mörderinnen und Mördern achten wir auf Ausgewogenheit. Bei Vergewaltigerinnen gibt es zwar Ärger, manche behaupten, die könne es gar nicht geben, aber diese Erkenntnislücke schließt schon der SPIEGEL[1]. Übrigens stimmt, dass mehr Männer morden als Frauen. Also los, ihr Weiber! Greift zum Messer, die gespaltene Zunge hat ausgedient.

Wo waren wir? Bei der Putzfrau, die gibt es nicht mehr. Dafür haben wir jetzt zu Fuß Gehende und Mofa Fahrende. So steht es in der Straßenverkehrsordnung. Das muss man sich ausmalen: Da ziehen Hunderte von erwachsenen Abgeordneten die Gesetzgebung durch den Kakao. Als ob das ihre Aufgabe wäre. Dafür sind doch die Satire Produzierenden zuständig!

Zwar wurde längst geklärt, dass das grammatische Genus und der biologische Sexus in der Sprache zweierlei sind: Dass der Kopfsalat so wenig Männliches hat wie die Salatgurke weiblich sein kann, na ja, und Mädchen sind eines jedenfalls nicht: sächlich. Das haben uns die Linguisten eingebrockt. Hätten sie mal von roten, blauen und gelben Hauptwörtern gesprochen, müssten wir jetzt nicht die Frauen sprachlich in die Vordergründin rücken. Damit sie endlich emanzipiert werden. Was uns auch ohne Sprachverhunzung am Herzen liegt, denn was gibt es Schöneres als emanzipierte Menschen, die tun, was sie am besten können und sich dabei durchaus ihrer biologischen Vorteile bedienen und ihrer Nachteile bewusst sind (während der Schwangerschaft lässt man den Stabhochsprung einfach mal sein).

Da könnte man aber schwarz sehen ...

Man könnte entgegenhalten: Es ist doch egal, was die Leute quatschen. Bei dem Schwachsinn im Internet hört sich jeder sowieso nur selbst zu. Aber Sprache stiftet doch Identität! Mag sein, aber die brauchen wir nicht, im Fußball sind wir eh die Besten, siehe die vielen Flaggen auf den Autos. Außerdem sind wir Europäer, ein Blick in die Brieftasche offenbart es: Euroscheine. Und überhaupt: Was heißt Identität? In Mitteleuropa sind wir rassenvermischt seit bei uns Ackerbau und Viehzucht einzogen, seit zehntausend Jahren. Na gut, was bleibt? Die Ästhetik der Sprache, aber muss man sie ernstnehmen? Glaubt man der Wissenschaft, ist das Thema passé: Sprachgefühl ist Geschmackssache, reine Privatangelegenheit, wie das Sammeln von Gummibärchen.

So sprachlässig könnte man die Dinge sehen, gäbe es nicht den einen Umstand, der sämtliche Argumente über den Haufen wirft. Sprache und Denken sind untrennbar verknüpft. Das ist keine Glaubenssache, da kann sich Noam Chomsky auf den Kopf stellen. Liederliche Sprache gebiert wirre Wallungen im Hirn, die man mit Gedanken verwechseln könnte, aber nicht sollte. Ein Denken, das ohne Sprache auskäme, ist einer Handvoll Genies vorbehalten. Wir übrigen, die Dinge zu erfinden, Abläufe zu koordinieren, komplizierte Entscheidungen zu fällen haben, wir brauchen einen klaren Kopf mit dem angemessenen Sprachgebrauch, sonst kommt kein Denken zustande, nur Wiederkäuen von anderer Leut‘ Gedankenfetzen. Was wir daher überhaupt nicht brauchen, sind Ideologen die uns im Gebrauch der Sprache Gesinnungsfallen stellen.

Das Dumme ist: In den Ämtern wird so gesprochen, von dort sickert die Unsitte in den Alltag. Da wappnen sich Vereine, die auf öffentliche Förderung hoffen, mit der passenden Ausdrucksweise, der Antrag soll ja nirgends verschütt gehen. So breitet sich die Seuche aus, mittlerweile auch vom Schulamt über die Lehrerzimmer und Elternabende, bis in jeder Verlautbarung die „Lieben Kolle‘n und Kolleg’n!“ beschworen werden, man kann es schon nicht mehr hören, man hört nicht mehr hin. Die Sprachhülse besiegt das Durchdachte, die Floskel besiegt den Inhalt.

Als die Südafrikaner One Man One Vote forderten, haben nicht einmal die Machos unter den Schwarzen gemeint, das ginge ohne die Frauen ab.


[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/guantanamo-gefangene-von-waerterinnen-zum-sex-gezwungen-a-1013936.html

Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 65 (I 2015)

Oliver Baer @ 22:51
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Dresdner Demos – kein Nachruf

Beitrag vom 11 Februar 2015

Es gilt Pegida zu rezyklieren (© Fotolia)

Aus dem Westen erreichen mich empörte, hämische, auch verletzende Imäils. Sie bringen mich in eine peinliche Lage. Als Dresdner Bürger habe ich nämlich keine Lust, pegidisches Dumpfbackentum zu verteidigen. Aber bei einigen Kollegen im Westen setzt das klare Denken aus, sobald sie am Gutmenschennerv berührt sind. Ausnahmsweise daher an dieser Stelle ein sehr persönlicher Beitrag.

Eines vorab: Die Pegida ist keine Partei, als Verein hat sie sich sofort gespalten, sie ist auch darnach keine homogene Gruppierung. Selbst wenn sie eine Partei wäre: Auch wir Bravdemokraten machen unser Wahlkreuzchen bei einer Partei, die nicht in allen Positionen der Unseren entspricht. Soll das bei einem heterogenen Haufen wie Pegida etwa geradliniger verlaufen? Ja sicher sind am Dresdner Elbufer auch Islamhasser mitgelaufen. Ich vermute allerdings, sie waren zumeist vom Islam Verängstigte, zum Hassen fehlte das Wissen. Diesen Punkt heben wir uns für den Schluss auf.

Auch Neonazis sind da mitgelaufen. Abgesehen vom Theater in den Medien bleibt ihnen in Dresden der Erfolg versagt. Ja doch, in Sachsen gibt es Braune, und Ihr Gutmenschen haltet sie am Leben. Ihr überlasst ihnen Themen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienten, zum Beispiel was dabei herauskommt, wenn an den Universitäten die Muttersprache durch Englisch ersetzt wird. Schon die Erwähnung dieser Sorge verwechselt Ihr mit Nationalismus. Dann greifen die Braunen das Thema auf, bestätigen Euer Vorurteil und voilà: Es ist ja so schön recht zu haben. Das bedeutet trotzdem nicht, dass im Abseits steht, wer sich in der Gegenwart von Unanständigen zu Wort meldet. Nach solcher Logik wären die Dresdner Straßenbahnen zu meiden, da wurden auch schon Neonazis gesichtet.

Ihr habt mit der Sprache Probleme. Kaum verhält man sich wie ein Profiler – der versucht den Kriminellen zu verstehen, damit er ihm auf die Schliche kommt –, gilt man schon als Versteher: Putinversteher, Pegidaversteher, mein Gott ist das eine Plattdenke! Den Unterschied zwischen verstehen und billigen findet Ihr im Wörterbuch. Und da wir gerade dabei sind: „Das kann man nicht vergleichen!“ ist auch so ein Killerargument. Vorsicht, Gehirn einschalten: Ohne den Vorgang des Vergleichens lässt sich nicht ermitteln, ob zwei Dinge einander gleichen, vielleicht dasselbe sind, oder ob Parallelen an den Haaren herbeigezogen wären. Wer sich über die platten Parolen der Pegidisten erhebt, sollte erst schauen, dass er sprachlich mithält, statt Blähwörter für Überschriften in der taz abzusondern.

Dass Medien und Politiker die Dresdner Demonstranten vorsorglich zwischen dumm, sehr dumm und saudumm ansiedelten, war – im luftleeren Raum – eine tapfere Tat. Es diffamiert sich halt umso leichter, wenn man moralisch die besseren Karten hält. An dieser Platzierung fehlt aber die Wirklichkeit der Nichtwähler, in Sachsen immerhin die Hälfte der Wählerschaft. Darunter befinden sich informierte Bürger, deren IQ dem eines beliebigen Abgeordneten nicht nachsteht. Auch Gutbetuchte haben mit der Pegida demonstriert. Aber verärgerte Gebildete gelten nicht, die sollen mal mit sich selber ins Reine kommen. Sie können doch eine Petition schreiben, oder einer Partei beitreten, ja, oder eine eigene Zeitung gründen. Na siehste, geht doch, die Demokratie. Was die Leute bloß haben, dort in Dresden!

Aber gut, gehen wir der Sache auf den Grund. Mitbürger in prekären Verhältnissen bildeten offenbar eine Mehrheit der Demonstranten, darunter Viele, die der Altersarmut ins kalte Auge blicken. Hallo Fettsäcke! Angst ist kein Doping für klares Denken, so wenig wie Hochmut. Verständnis für die Angst der Mitbürger wäre immerhin ein Ausgangspunkt, besser als: „Die Rente ist sicher!“ Und wenn diese Bürger falsch informiert sind über die staatlichen Leistungen für Flüchtlinge, Asylanten und Einwanderer, und wenn sie diese mit dem vergleichen, wovon sie leben müssen – dann liegt das woran? Vielleicht auch an den Medien? Die sich lieber an allem aufgeilen, was vorgeblich „die Leser so wollen“. Ach ja? Und dafür verteidigen so naïve Publizisten wie ich die Pressefreiheit. Ja doch, die Parole von der „Lügenpresse!“ erinnert im Wortlaut an die Nazis, ein geschmackloser Fehlgriff. Aber ist das Gefasel im Bundestagswahlkampf von geistig höherem Gehalt?

Die Medien verlieren ihre Daseinsberechtigung, wenn sie sich auf dem Niveau des Internets bewegen. Wer hat es den Netzbürgern vorgemacht, wie man Leute und Sachen herunterreißt? Wer sonst trägt die Schuld, wenn in Sachen Islam bei den Bürgern nur hängen bleibt, wie der muslimische Schüler seine Lehrerin als Nutte beschimpft. Weil sie es wagt eine Frau zu sein. Tja, was denken sich diese Lehrerweiber, den Islam so zu beschmutzen! Wenn wir uns schon streiten, ob die Muslime zu Deutschland gehören: Über den Islam gäbe es auch Werthaltigeres zu berichten. Ohne Häme.

Ängstliche Bürger fragen, wieso wir Hassprediger nicht hindern junge Leute zum Dschihad zu verführen – bei deren Rückkehr aus Syrien wir dann alle, nicht nur in Dresden, Angst haben dürfen, dass sie Bomben auf Bahnhöfen unterbringen? Wieso wir es zulassen, dass in saudiarabisch finanzierten Moscheen mitten in Deutschland eine wahabistische Perversion des Islam gepredigt wird. Die aus einem Land stammt, wo Frauen nicht alleine ans Steuer dürfen. Da wir gerade medialen Schwachsinn erörtern: Muslime müssen offenbar erheblich mehr als „nur 0,4 Prozent der Dresdner Bevölkerung ausmachen“, bevor man etwas gegen wahabistische Hassprediger haben darf ohne gleich vom SPIEGEL verhöhnt zu werden?

Genug zurückgepöbelt. Das Pegida-Syndrom lebt weiter. Wer Missstände herausschreien muss, die den gewählten Politikern auch ohne Protest schon lange hätten bekannt sein dürfen, den kümmert kaum, wenn in seiner Demo ein paar Gehirnamputierte mitlaufen. Na und, manche bringen ihrer Mutter Blumen zum Geburtstag! Verachten wir dann die Blumenläden oder die Mütter, die den Strauß nicht gleich in den Müll werfen? Eine Demokratie, die von der Hälfte ihrer Bürger in Wahlen nicht mehr bestätigt wird, hat ein Problem. Das lässt sich auf zweierlei Weise lösen: Die Politiker gehen in sich und ermitteln, wieviel sie zum Problem beitragen. Oder sie verstoßen das Volk und wählen ein neues.

Oliver Baer @ 22:07
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Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen

Beitrag vom 31 Januar 2015

Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen. Englisch? Nein, was er nicht richtig liest, ist seine Muttersprache. Mit Englisch sind es noch weniger, die damit zurecht kommen.

Jeder 5. Deutsche versteht nur kurze simple Texte. Wie das Nachrichtenportal „Der Westen“ berichtete, liegt „der Anteil derjenigen, die allenfalls kurze Texte mit schlichtem Vokabular verstehen können, (…) in Deutschland mit 17,5 Prozent höher als in der OECD insgesamt (15,3 Prozent).“ In kaum einem anderen
Land hänge die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab.

Wer seine Aufmerksamkeit darauf verwendet, eine fremde vor seiner eigenen Sprache zu lernen, wird beide Sprachen nur schwach beherrschen.

Auflösung: “Please close gate with padlock”

Oliver Baer @ 17:41
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Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Beitrag vom 19 November 2014

Wofür private Haushalte Energie benötigen (© Sebastian Matthies)

Wenn ich mal Ihren Blick auf etwas lenken darf, zu dem die Sprache viel beiträgt, aber nicht den Inhalt der Sache darstellt:

Da nun die Energiewende so gut wie abgeblasen ist, hätte die Regierung Gelegenheit alle Projekte zu stoppen, die zur Wende eh nichts beitragen und stattdessen zu fördern, was nichts kostet, aber die Wende noch retten könnte. Vielleicht nicht ganz, aber einen Löwenanteil der Wende könnten die Bürger noch erzwingen.

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Viel Solarthermie, wenig (oder wie hier) keine Photovoltaik - aus gutem Grund (© Sonnenhausinstitut)

Wie Sie das anstellen sollen? Indem Sie erst einmal nichts tun als sich zu informieren, was es – außer kostspielig geförderten – technischen Lösungen noch geben könnte. Eine davon ist die Solarthermie, die fast immer mit Photovoltaik verwechselt wird. Sehen Sie sich das Schaubild links oben an: Das ist die Wirklichkeit in deutschen Haushalten: Die meiste Energie geht zum Heizen drauf (auch zum Duschen), und ziemlich wenig für Dinge, die halt nur mit Elektrizität gelingen (Händi aufladen, zum Beispiel). Solarthermie benötigt zur Versorgung Ihres Haushalts mit Wärme nur Hilfsstrom. Wie das alles funktioniert, erklärt unser Buch, und weshalb es auch für Sie lesbar ist, hat ein Kritiker wie folgt beschrieben:

“Drei Ingenieure mit Leidenschaft für Kommunikation und pädagogischer Ader tun sich zusammen, um ein Buch zu schreiben. Das ist ein Glücksfall für die Solarthermie und alle, die als mehr oder weniger Laien an ihr interessiert sind. Fachleute dürfen das Buch wegen seines durchaus gegebenen Unterhaltungswertes lesen und sollten es allein schon deshalb tun, weil man hier lernen kann, wie man Solarwärme Kunden, Politikern, aber auch Fachidioten nahebringen und erklären kann.”

Ein Buch das die Energiewende noch retten könnte ... (© Sebastian Matthies)

Ja, es ist eine Übertreibung, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es die Energiewende noch retten könnte, wenn dieses Buch gelesen würde. Tatsächlich wird durch mehr Solarthermie das öffentliche Stromnetz entlastet (durch Photovoltaik wird es strapaziert), und wir, die Gesellschaft, der Staat, könnten daher auf besonders aufwendige Techniken verzichten – Techniken, die zwar keiner bezahlen möchte, an denen aber einige Anbieter (die mit einer starken Lobby) gut verdienen. Das Dumme ist: Politiker informieren sich ungern über das Vernünftige, sie regieren lieber so, dass Leute sie wiederwählen, die sich nicht informiert haben.

Bestellen Sie bitte am besten mit einem Klick bei der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (Landesverband Franken). Dann erleben sie auch, wie sich die Autoren an Wolf Schneider orientieren: “Information bedeutet nicht: Ich habe etwas mitzuteilen. Information bedeutet auch nicht: “Ich bemühe mich, es verständlich mitzuteilen.” Information bedeutet: “Ich bin verstanden worden.” – Das ist uns in diesem Buch streckenweise gelungen. Vielleicht kommt es noch zur rechten Zeit.

Oliver Baer @ 16:59
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Wrotzlaff ist falsch

Beitrag vom 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den Belgiern je nach ihrer Sprache als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir zu sagen pflegen.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des n-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen aber bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht den internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław, auf deutsch Breslau.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 64 (IV 2014)

Oliver Baer @ 14:00
Gespeichert in: Gesellschaft
China spricht total Englisch

Beitrag vom 10 Juni 2014

Kurz, knapp und klar übersetzbar ins Englische (© Fotolia)

Die Chinesen lesen und verstehen Englisch, außerdem sprechen sie es, ihre Regierung jedenfalls verlautbart auf Englisch. Oder auf Chinesisch. Oder nichts Genaues weiß man nicht? Am besten wir fragen jemand, der dort war.

Da trägt im Chinesischen Pavillon zu Dresden ein Experte aus seiner dreijährigen China-Erfahrung vor, farbig, aufschlussreich, man merkt, er ist neugierig auf das Fremde, das Andere und er berichtet mit Rücksicht und Einsicht. Der Referent spricht Deutsch, gutes Deutsch, ein paar Gutmenschen-Anglizismen kann man ihm nachsehen.

Nicht zu übersehen sind die per Powerpoint an die Wand geworfenen Zitate aus chinesischen Quellen, darunter die Regierung; The war on Pollution liefert den Titel des Vortrags. Zu überhören sind auch nicht seine Hinweise auf die chinesischen Friends of Nature. Im Publikum wächst die Überzeugung: “China kann Englisch!” Nun ist ja einzusehen, dass kein Europäer viel verstünde, wenn ihm diese Texte auf Chinesisch pauergepeuntet würden. Vermutlich ist deswegen alles übersetzt, ins Englische.

Der Sprecher ist übrigens in der DDR aufgewachsen, Englisch war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vortrag ereignet sich in Sachsen, wo der Anteil der Englischkenner überschaubar ist. Immerhin, die Dresdner wissen, was sie wissen und was nicht. Einen Sprachkundigen hätte jedenfalls gestört, dass der Referent im englischen Titel Krieg gegen die Verpestung das eine, das wichtigste Wort klein geschrieben hat. Dabei soll es ausdrücklich den Kontrast betonen zu früheren Aufrufen der Regierung. Diese galten der Harmonie, dem Traum, und nun dem Krieg: The War on Pollution. In englischen Titeln, liebe Englischbesserwisser, wird außer den Partikeln jedes Wort groß geschrieben. Besonders das wichtigste Wort in der ganzen Überschrift!

Eine lässliche Sünde, ein Tippfehler? Sicherlich, müsste man nicht dauernd mitanhören, wie da jemand falsch singt. Die Chinesen sprechen nicht Englisch, auch Deutsch nur ausnahmsweise, sie bedienen sich ihrer Muttersprachen – jawoll, da staunt der Laie. Man muss ihre Rede für unsereins übersetzen, aber warum das auf dem Umweg über Englisch besser gelingen sollte als direkt ins Deutsche, erschließt sich dem Publikum nicht.

So hat der Vortrag im Chinesischen Pavillon einen weiteren Beleg geliefert, dass unsere Sprache auf dem Rückzug in die Bedeutungslosigkeit der Ziellinie immer näher kommt. Da sagt man es lieber falsch über die englische Sprache als um Präzision bemüht in der eigenen. Na und? In einer der klügeren Wortmeldungen nach dem Vortrag fiel das Wort level, gemeint war Niveau, kurz darauf kamen „lebbel“ zur Sprache, gemeint waren labels = Etiketten, akustisch von level nicht zu unterscheiden. Nun denn, wenn wir unsere Muttersprache als entbehrlich abwerfen und ersatzhalber das Englische nur auf dem zweithöchstem Lebbel gebacken bekommen, haben wir unseren Lewwel der geistigen Bedeutungslosigkeit bereits verdient.

Wir können das Thema Muttersprache bald begraben. Die Linken und die Grünen halten die deutsche Sprache für ein bürgerliches Thema mit rechtslastiger Schieflage (ihren Marx kennen sie nicht, Brecht bedeutet nichts und von Tucholsky keine Zeile gelesen), die Christ- und die Sozialdemokraten verpennen die Sprachfrage (war da was, da war doch was, so mit Rechtschreibung, oder wie?), allen gemeinsam ist der politische Flachsprech, der mit der deutschen Sprache allenfalls die Benutzeroberfläche teilt.

Ihr werdet euch noch wundern, was Ihr mit der Muttersprache entsorgt habt. Sicher, manches im Leben ist ersetzbar, aber nicht alles. Statt Kaffee geht Tee, statt Kupfer genügt für Kabel Aluminium, statt Weizen schmeckt auch der Reis. Energie ist durch nichts ersetzbar, Sprache auch nicht. Da gibt es nur die Wahl zwischen Sprache, in der man Gedanken fasst und Taten vollbringt oder einem Wischiwaschi, das zum Leiken und Teilen genügt.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 63 (III 2014)

Oliver Baer @ 09:42
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