baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Vive le bockmist!

Beitrag vom 3 April 2013

Gemeint ist hier sicherlich ein Assistenzsystem für Fahrende bzw. ein Fahrende assistierendes System. Was natürlich kein Affront gegen die Stehenden, also die zur Zeit Parkenden sein soll – Gott behüte! (Bild: Fotolia)

“Fummeln,” so belehrte mich der Meister, als er mir über die Schulter sah, “das ist unsachgemäßes Hantieren.”

Dazu zählt das Getue um eine geschlechtsneutrale Sprache, um den Gendergap, um den Genderunterstrich und dass Gendersternchen (finden Sie alles in der Wikipedia) sowie das weltbewegende Problem, wie man Menschen sprachlich gebührend unterbringt, die sich ihrer geschlechtlichen Rolle unschlüssig sind. Bei allem Respekt vor den Mitmenschen, und zwar allen, gleich welcher Art: Die spinnen, die Deutschen!

Falls noch jemand geglaubt hätte, diese Fummelei würde vonselbst aufhören, man brauchte sie nur zu ignorieren, der wird sich wundern, wenn er die neue Straßenverkehrsordnung liest. Da wird allen Ernstes aus dem Fußgänger der zu Fuß Gehende. Und so fußlahmt es im gesamten Text weiter.

So macht sich der Gesetzgeber zum Affen. Dass wir einander nicht missverstehen! Ursprünglich ging es darum Frauen nicht länger auszugrenzen. Dass sie bei Fußgängern einfach mitgemeint seien, das genügte nicht mehr. Seither tummeln sich in der Sprache tausende von Landminen der politisch unkorrekten Ausdrucksweise; da ist man bzw. frau im Nu passé (für die Frauen: passée). Bis der geplagte Mensch, der ganz andere, nämlich echte Sorgen hat, eines Tages darauf kommt: Ich lass mir schon wieder eine Mogelpackung andrehen!

Nanu, wie das? Weil es gar nicht um Gleichstellung der Frauen geht, und schon gar nicht geht es um Rücksicht auf jene, die in Berlin demnächst separate Klos bekommen, sogenannte Unisex-Toiletten, das sind die für die Unschlüssigen. Nein, es geht einzig und alleine darum, dass man – in diesem Falle wohl zumeist frau – die Gelegenheit bekommt, über die Mitmenschen Macht auszuüben, im Klartext: So piesackt man, nein frau, die Männer, mit den ewig gleichen Unterbrechungen: “Das heißt nicht Bürger, sondern BürgerInnen!” (auch: Bürger_innen, Bürger*innen und was derlei Bockmist noch ist).

Bei einigen tausend Mitbürgern (ja ja, ich weiß) kommt noch etwas hinzu, das kommerzielle Interesse: “Genderpolitik [...] ernährt mittlerweile einen riesigen Apparat.” schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL: Gender-Politik: Mitleid mit Martenstein. Mittlerweile leben ziemlich Viele davon, “dass sie anderen erklären, warum Geschlecht nur ein soziales Konstrukt ist … An deutschen Hochschulen gibt es inzwischen über 40 entsprechende Institute und Einrichtungen, darüber hinaus hat sich die Gender-Forschung an nahezu jedem geisteswissenschaftlichen Lehrstuhl etabliert. Auch im Verwaltungsalltag ist die moderne Gendertheorie längst angekommen.” Tun Sie sich den Gefallen: Lesen Sie Fleischhauers ganzen Beitrag. Diesen Mitbürgern geht es weniger um das Geld (das auch), ihr Geltungsdrang giert nach unserer Bestätigung. Wir ernähren sie, indem wir sie beachten. Am meisten Kalorien beziehen sie aus unserem Protest, auch hier, aus meinem Widerspruch.

Dummerweise ist ihr Beitrag zur Gesellschaft keinen Pfifferling wert. Was verloren geht, ist die Erkenntnis, dass Symbolik jeden Gebrauchswert verliert, wenn wir sie inflationär gebrauchen. Dann ist sie nur Propaganda, dazu gibt es zustimmende Lippenbekenntnisse, mehr nicht. Soll uns die Symbolik im Wesentlichen berühren, zum Beispiel bei dem Respekt vor unseren Mitmenschen, dann muss sie auf sparsame Auftritte beschränkt bleiben.

Könnten wir uns darauf beschränken, dass wir Frauen und Männer (und wer noch hervorhebenswert ist) nur dann ausdrücklich nennen, wenn diese hervorhebenswert sind, so gewönnen wir einen ursprünglichen Sinn zurück. Dann gälte logisch der Umkehrschluss: Wo keiner hervorgehoben wird, gilt das Gesagte für alle – hier hervorgehoben: für ALLE. Da sind sogar die Männer mitgemeint.

Das kann doch nicht so schwer sein.

————–

“Wie sah die Person aus, die mit Ihrem Fahrrad davongefahren ist?” – “Das war eine Frau. Oder ein weiblich gestimmter Mann. Eigentlich auch ein Transgender, wäre auch drin. Ein Schwuler? Ja, warum nicht? Herr Wachtmeister*in, ham Se erst ma ne einfache Frage?”

Oliver Baer @ 20:10
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Architekten wären demnach Naturisten?

Beitrag vom 27 März 2013

Dieser Humbug ist weder Englisch, noch ist er Deutsch, er ist nur noch Gestammel. Wer sich so äußert, hat nichts Erhebliches mehr mitzuteilen. (Bild: Jascha Braun, Stadt.Bild.Berlin)

Käme irgendwer auf die Idee, die Architektur als etwas Natürliches zu bezeichnen? Als etwas, das auf natürliche Weise wächst, das sich entwickelt, und dagegen könne man nichts machen? Und wenn das Ergebnis eine Aggregation von Gebäuden wäre, worin sich keiner aufhalten, geschweige denn wohnen oder arbeiten möchte, so er die Wahl hätte?

Keiner, und sei er noch so plattköpfig, käme auf diesen Gedankoiden. Bis auf die Sprachwissenschaft, dort ist das anders. Dort darf man behaupen, die Sprache sei etwas Natürliches, das auf natürliche Weise … (ach, lesen Sie bitte oben weiter)

Die Zwei könne man nicht vergleichen? Wirklich nicht? Man muss es sogar: Sprache ist etwas Gemachtes, sie ist Kultur, nicht Natur.
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Oliver Baer @ 17:27
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Als Vladimir Špidla das Englisch verweigerte

Beitrag vom 10 Dezember 2012

Der brave Soldat Švejk (Bild: Wikipedia)

EU-Kommissar Vladimir Špidla, der vormalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik, wurde einmal gefragt, weshalb er Deutsch spreche statt Englisch, wie alle anderen im Raum. „Es gibt Gedanken, die kann man nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken. Auf dieses Erfindungsmoment darf Europa auf keinen Fall verzichten.“

Anlässlich eines Vortrags wollte ein Zuhörer die Quelle für dieses Zitat wissen. Ich hatte sie nicht parat, hier ist sie: Cornelia Jolesch: Dolmetschen in Babylon, Süddeutsche Zeitung, 10. März 2005.

Für flüchtige Leser: Damit ist keineswegs nur der deutschen Sprache ein Kompliment gezollt. Dasselbe gilt für Herrn Špidlas Muttersprache. Beispielsweise die geniale Darstellung des Švejk ist sicher nur deshalb so und nicht anders zustande gekommen, weil Jaroslav Hašek auf Tschechisch dachte und schrieb. Er hat uns – im Gewand einer Satire – viel Wichtiges erzählt. Nicht alles kommt in den Übersetzungen zum Vorschein. Ironie der Geschichte: Es war die deutsche Übersetzung von 1926, die den bis dahin wenig beachteten Schwejk zum Weltruhm führte.

Oliver Baer @ 11:51
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Entscheiden auf Englisch

Beitrag vom 29 November 2012

Wenn es wenigstens der versteht, der es hinschreibt … (Bild: Fotolia)

Bekanntlich hatte sich die Euro-Gruppe erst am frühen Dienstagmorgen auf das erweiterte Griechenland-Rettungspaket verständigt. Den komplizierten Text gab es nur in englischer Sprache. Der Finanzminister drängt darauf, dass der Bundestag schon diese Woche abstimmt.

Noch sind die Abgeordneten nicht von allen guten Geistern verlassen: Sie wünschen die Dokumente in deutscher Sprache zu lesen. Berichtenswert daran ist nur, dass die Sache überhaupt der Erwähnung wert ist. Und bevor hier Einer auf den Gedanken kommt, die Abgeordneten sollten gefälligst Englisch lernen, damit sie die europäischen und internatonalen Dokumente kapieren:

Es ist nicht lange her, dass gestandene Akademiker – in ihrer Rolle als „Banker“ – außerstande waren, den Schrott zu verstehen, den sie einkauften. Der kam auch auf Englisch daher, und da hat sich keiner getraut zu sagen (außer den italienischen Bankiers): Verstehe ich nicht, kaufe ich nicht.

Deshalb gratulieren wir den Abgeordneten des Bundestages, dass sie wissen, wo ihnen der Kopf steht. Unwichtige Dinge kann man ja auf Englisch versaubeuteln, aber wo es an die Nähte geht, muss die Muttersprache her. Vielleicht fällt dem Einen oder Anderen bei dieser Gelegenheit auf, dass die Muttersprache eines Tages nicht mehr genügen wird, falls wir weiterhin alles Neue auf Englisch inhalieren, während auf Deutsch schon die Terminologie fehlt, das Richtige und das Falsche in verständlicher Sprache auszudrücken.

Oliver Baer @ 11:45
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Schnörkellose Übersetzung – Was hab ich?

Beitrag vom 28 November 2012

Einblick des Patienten in sein Schicksal ist willkommen (Bild: ©cult12 - Fotolia.com)

Drei junge Leute aus dem Dunstkreis der Dresdner TU helfen Patienten, ihren Arzt zu verstehen. Dafür heimsen sie Lob und Preise ein, nun auch den Initiativpreis des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Sie verwandeln Befunde, Arztberichte, Ergebnisse von Untersuchungen in Texte, mit denen der Patient etwas anfangen kann. Das muss er auch, denn ahnungslos ist danach Keiner.

Die belobigte Tat hat etwas Groteskes an sich: eigentlich sollte so etwas nicht Sache von Dritten sein. Am meisten trägt zur Heilung eines Kranken die Beziehung zwischen ihm und seinem Arzt bei. Alles andere ist Mittel zum Zweck. Dafür gibt es Beweise: Der Arzt kann mir Placebos verschreiben, also physikalisch-chemisch nutzlose Substanzen verabreichen und sie lindern doch meine Schmerzen, befördern doch meine Heilung. Warum? Weil sich etwas ereignet zwischen dem Heiler und dem Kranken, das die Heilung in Gang setzt, beschleunigt – oder behindert. Da versagt auch mal der renommierteste Arzt, da gewinnt auch mal der hoffnungsloseste Fall neue Lebenskraft.

Andererseits, man kann sich nicht genug freuen über die Leistung der Drei und der Vielen im Hintergrund. Einen Befund, den Sie als Patient nicht verstehen, schicken Sie an das Portal washabich.de, dann erhalten Sie eine Erklärung, was der Befund bedeutet; darin sind dann auch die lateinischen Vokabeln und Abkürzungen durch Klartext ersetzt. Das ist etwas für mündige Bürger. Damit dieses Angebot wahr wird, beteiligen sich bereits fast 500 Medizinstudenten der klinischen Semester, ausgebildete Ärzte und Psychologen, die ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. In diesem Fall wäre sogar der blöde Begriff Netzwerk angemessen, denn tatsächlich machen sie sich ans Werk, sie leisten etwas – außerdem tun sie es unentgeltlich. Dankbare Patienten können sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.

Mit welcher Logik passt ein Sprachpreis zu dieser wundervollen Initiative? Ärzte untereinander müssen und können nicht anders als in kurzen, formelhaften Wendungen jedes Missverständnis auszuschließen. Eben diese Wendungen versteht sonst Keiner. Es liegt an unserem Krankheitssystem, dass den Ärzten die Zeit, die Neigung, die Energie fehlt, sich mit ihren Patienten so gründlich zu verständigen, dass sich eine Beziehung entfalten kann. Schuld tragen aber auch Patienten, die schon mit der Einstellung das Erwartezimmer bevölkern: „Herr Doktor, Sie müssen mich reparieren!“

Er muss nicht, er kann, und das nur in dem Maße wie es die Beziehung hergibt. Wer seinem Arzt nicht über den Weg traut, muss eine Menge mehr für seine Heilung selber tun. Zur Beziehung brauchen die Beiden schließlich die Sprache: sie muss nicht gepflegt sein, nicht fehlerlos, nicht sauber und muss keinem Deutschlehrer imponieren. Sie muss nur stimmen, nämlich den Weg dafür ebnen, dass sich der Arzt in den Patienten hineinempfindet und, dass dieser Vertrauen in das Bemühen des Arztes zuwege bringt. Wenn die Initiative Was hab ich? etwas von dieser uralten Selbstverständlichkeit wiederherstellt, und sei es nachträglich, so verdient sie einen Haufen weiterer Preise.

Oliver Baer @ 21:37
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Globisch meinen ohne es so zu nennen

Beitrag vom 25 Oktober 2012

Die Messlatte für die Weltsprache setzt sie in Johannesburg, nicht die gebildeten Weltbürger in Padua, Pamplona und Paderborn (Bild: Baer)

Jürgen Trabant erinnert in der FAZ an die Haltung der Römer. Sie schätzten die Sprache der – kulturell überlegenen – Griechen und bewahrten zugleich ihre eigene Sprache, Latein, und entwickelten es weiter zur dominierenden Sprache Europas.

“Der europäische Weg wäre noch ein bisschen mühsamer,” fährt Trabant fort, “nämlich der Weg einer europäischen Mehrsprachigkeit, die tatsächlich die Formel der offiziellen europäischen Sprachpolitik M+2F ernst nimmt: M, die ‘Muttersprache’, bleibt das Gefäß der europäischen Tradition, das in der Nation bewahrt und gepflegt wird. F1, Englisch, ist zu erlernen, aber auf seine internationale Kommunikationsfunktion zu reduzieren, als nützliches Hilfsmittel, als Verkehrssprache. Es brauchte nicht, wie etwa in der aktuellen Intensiv-Anglisierung Deutschlands, mit großem Aufwand in den Rang einer zweiten Muttersprache gehoben zu werden, und es dürfte vor allem nicht die alten Sprachen aus den wichtigsten Diskursdomänen vertreiben.” (Hervorhebungen durch die Redaktion) Der vollständige Beitrag ist im Netz zu finden: Die Anglisierung der EU – Europa spricht mit gespaltener Zunge

Trabant unterscheidet das Englische vom Englischen, die Kultursprache von der Welthandels- und -verkehrssprache. Damit sagt er, was ich in ‘Von Babylon nach Globylon’ anrege, mit einem Unterschied: Ich nenne das (nach Jean Paul Nerrière) Globisch, nicht Englisch, damit die beiden nicht verwechselt werden. Sonst muss man sich fortwährend das Argument anhören, Englisch sei nun mal die Welt- und Kultursprache. Nein, “die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,” sagt der Cambridger Linguist David Crystal. Die Kultursprache Englisch, liebe Leute, ist für nahezu alle, die zu diesem Thema eine Meinung vorbringen, unerreichbar, weil viel zu schwierig, und daher als Weltverkehrssprache ungeeignet: Sie wird weltweit eben nicht verstanden.

Die Sache ist einfach: M+2F bedeutet dann sinnvollerweise für uns: Deutsch plus Globisch plus eine beliebige Fremdsprache, am besten die eines Nachbarn (kann auch Englisch sein, das Kulturenglisch). Mehr dazu gibt es hier.

Oliver Baer @ 11:25
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Freiheit der Meinung und der Zurückhaltung

Beitrag vom 20 September 2012

Auf einem Grab im Staglieno, dem Genoveser Friedhof (Bild: Baer)

Das hat ausnahmsweise mit Sprache nichts zu tun:

Es gibt neben der Meinungsfreiheit so etwas wie Taktgefühl. Man kann, aber man muss nicht zu jeder Gelegenheit mit einer Meinung herausplatzen, schon gar nicht wenn man genau weiß, dass darauf keine angemessene Reaktion, sondern nichts als Krawall folgt.

Falls jemand Schwierigkeiten mit seiner Entscheidungsfindung hat: Stellen Sie sich vor, die Angestellte der Botschaft, die in Khartum gestürmt werden soll, wäre Ihre Schwester. Würden Sie die berüchtigten Bilder veröffentlichen, denn “eine Zeichnung hat noch nie getötet”? Das sagte Stéphane Charbonnier, Chefredakteur des Charlie Hebdo. Nicht anders hörte sich Charlton Heston an. Er meinte, dass Gewehre keinen Menschen töten.

Stimmt, es ist der Mensch, der den Abzug tätigt. Er hat die Freiheit sich zu zügeln, auch sie unterscheidet ihn vom Tier.

Oliver Baer @ 20:29
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Seltsames Sparverhalten

Beitrag vom 18 Juli 2012

Rat mal, wo ich herkomme! (Bild: Fotolia)

Deutsche denken in Geldsachen anders als Franzosen. Das fällt Merkel und Hollande auch auf. Wie wir zum Sparen stehen und zur Gesundheit, hängt vor allem von unserer Muttersprache ab. Ist sie Deutsch oder Ungarisch, verhalten wir uns eher zukunftsbewusst, wir sparen mehr, essen gesünder (nicht besser) und halten uns fitter als es Franzosen und Italiener tun.

Kaum zu glauben? Doch, die Tatsachen sind bekannt, die Ursache überrascht: Wir teilen die Zeit verschieden ein, und tun das auch sprachlich. Die romanischen Sprachen bilden die Zukunft mit einer systematisch eigenen Form, (“j’y ferai”, “ci farò”), die germanischen Sprachen, beispielsweise das Deutsche, kennt dafür keine eigenen Formen, da ziehen wir ein Hilfsverb hinzu (“ich werde das tun”) oder auf andere Weise wird deutlich, dass es um die Zukunft geht: (“Kommst du erst morgen? Ich hol dich am Bahnhof ab.”)

Verkürzt: Die Sprecher mit eigener Zukunftsform sind weniger zukunftsbewusst als die Anderen, die sich anscheinend weniger präzise ausdrücken. Oder umgekehrt: Wer die Zukunft im Visier hat, benötigt keine sprachliche Form um dieses Bewusstsein auszudrücken. Wer aber hinsichtlich der Zukunft weniger besorgt ist, muss schon ein eigenes Wort bemühen, das die Zukünftigkeit seiner Aussage eindeutig festlegt.

Chomsky und andere haben jahrzehntelang die Debatte dominiert mit der Auffassung, alle Sprachen beruhten auf einer gemeinsamen, universellen Grammatik. Folglich könne es auch keine ursächliche Differenz zwischen dem Denken etwa eines ungarisch und eines italienisch sprechenden Menschen geben (obwohl beide im Stadium die Farben Grün-Weiß-Rot schwenken).

Keith Chen von der Yale Universität hat die Zusammenhänge erforscht und Chomsky ein weiteres mal widerlegt. Das ist gut so, denn die Chomsky-Schüler ignorieren die methodischen Unterschiede, mit denen etwa deutsche und amerikanische Wissenschaftler ein Problem denkerisch durchdringen und wie sie anschließend ihre Lösung darstellen. Diese Unterschiede sind keineswegs zufällig, die Abweichungen weisen faszinierende Nuancen auf. Statt alles in einem Eintopf zu verrühren, könnten wir Wissenschaft auch als Gourmets des Geistes genießen.

Bei so einer Untersuchung möchte man den Zusammenhang zwischen Sprache und Zukunftsbewusstsein geklärt wissen: Ist das eine die Ursache des anderen oder werden beide eventuell durch einen dritten Umstand verursacht? Zum Beispiel: Wenn die Geburtenziffer mit der Zahl der bewohnten Storchennester steigt, hätte womöglich doch der Storch die Mami ins Bein gebissen …?

Zurück zur Sache: Wird Sparverhalten lediglich von der Sprache gespiegelt, oder verursacht sie das Verhalten? Keith Chen hat das offenbar sorgfältig geprüft: Seine Ergebnisse gelten nämlich in gleicher Weise in mehrsprachigen Ländern, wo sich Bürger – mit im übrigen demografisch identischen Eigenschaften – nur durch ihre Sprache unterscheiden. Chen stellt fest: Sowohl Sprache als auch kulturelle Normen beeinflussen das Sparverhalten; die gemessenen Verhaltensweisen wirken jedoch nicht so aufeinander ein, wie es bei gemeinsamer Ursache zu erwarten wäre. Somit bleibe lediglich ein Restverdacht, räumt er vorsichtshalber ein, dass auf einer viel tieferen Ebene eine gemeinsame Ursache doch noch auffindbar sein könnte; vorderhand deute darauf aber nichts Greifbares hin.

Man könnte es sein lassen, den Einfluss der Sprache auf das Denken zu leugnen. In Erziehung und Bildung würde man zu nützlicheren Folgerungen gelangen. Man würde aufhören, Englisch mehr Stunden als Deutsch im Stundenplan zu gönnen. Und den Schulbehörden würde bei ihrer Anhimmelei des Englischen vonselber übel.


Diesem Thema ist in Von Babylon nach Globylon viel Raum gewidmet.

Quelle: The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets. M. Keith Chen. Yale University School of Management and Cowles Foundation, January 2012, Status: Under Review (PDF zum Herunterladen)

Oliver Baer @ 13:02
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Das können Sie sich schenken

Beitrag vom 18 Juli 2012

Aipot (Bild: Baer)

Suchen Sie neue Argumente zu Frühförderung, Schulenglisch, Wissenschaftssprache, Weltsprache und Muttersprache, die noch nicht jeder draufhat?

Die finden Sie in Von Babylon nach Globylon, zur Zeit in einem Sonderangebot: Das Buch, das man gelesen haben muss, um über Englisch und auf Englisch mitzureden, ohne sich zu blamieren – das gibt es als E-Buch für 0,98 €.

Sie haben I-Phone, Galaxy, Schlepptopp oder einen PC, auf dem Sie das hier lesen? Dann laden Sie das Buch herunter von Amazon, dazu gratis die passende Weichware (ein App), damit Ihr Gerät so tut als wäre es ein Kindle, und schon sind Sie dabei!

So viele schmerzfrei aufgereihte Wörter für so wenig Kohle gibt es nur begrenzt, nämlich fünfzigmal. Die nächsten Fünfzig kosten bereits 1,98 Euro, und so weiter bis zum Originalpreis. Warum biete ich Ihnen dieses Schnäppchen? Damit Sie mir mit steigendem Absatz die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Redakteur bei der ZEIT oder FAZ erinnert: Moment mal, in meinem Stapel lag doch ein Rezensionsexemplar! Sieh an, da isses! Und er guckt und findet und sagt: Dieses Buch ist eine Lobeshymne / einen Verriss wert (Nichtzutreffendes streicht er selber).

Ich habe meiner Tochter beim Herunterladen auf das I-Phone zugeschaut und gestaunt, wie schön sich das liest. Trotzdem ziehe ich das Kindle-Gerät vor; dem Kindle 4 hatte ich bereits eine Lanze gebrochen (mit Bildern). Der Vierer ist die einfachste, die puristische Version des Kindle. Er übersteht den Aufenthalt am Strand, hält tagelang durch, und keiner sieht, dass Sie gerade Shades of Grey lesen, sogar in der prallen Sonne.

Wir freuen uns hier auf Sie und Ihre Kommentare. — Und nun zurück zu den seriösen Beiträgen.

Oliver Baer @ 12:52
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Zweite Sprache ist kein Kinderspiel

Beitrag vom 18 Juli 2012

Kind (ausländisches), im Begriff seine geschriebene Muttersprache zu erwerben (Bild: Fotolia)

Mit Frühenglisch riskieren Eltern die Karriere ihrer Kinder. Sie verzögern die Sprachentwicklung, sagen Sprachforscher in den USA. Sprachen seien kein Kinderspiel, warnt die Psychologin Erika Hoff von der Florida Atlantic Universität: Bilinguale Kinder brauchten länger als Gleichaltrige, um die Muttersprache zu erlernen. Sie haben in beiden Sprachen einen geringeren Wortschatz und tun sich mit der Grammatik schwerer. Das kann sie in Kindergarten und Schule benachteiligen. [1]

Bekanntlich sprechen zwei Argumente für Frühenglisch: Man könne nicht früh genug mit Fremdsprachen beginnen, das sei wissenschaftlich fundiert, lautet das eine [2]. Das andere klingt so: Ohne Frühenglisch fehle den Kindern eine „entscheidende Grundkompetenz“ im Arbeitsleben.

Nur weil es oft genug wiederholt wird, muss es noch nicht stimmen. Bei einem Argument gilt nicht nur, was Einer sagt. Wichtiger ist sogar, wer es sagt: Was qualifiziert ihn zu seinem Argument, und wie glaubwürdig ist er damit? Der Autor meines Buches hat Englisch erst ab der Quarta gelernt (7. Klasse), und er wurde im Berufsleben von englischen Muttersprachlern dafür bezahlt, dass er in ihrer Sprache Texte verfasste. Genügt das?

Ja, ich bin es selber, ich war dort und ich habe das T-Shirt. Und nein: Ich bin nicht besonders begabt. Und ja: Sogar ich mache Fehler.

Es gehört schon einiger Mut dazu, heute bereits zu wissen, welche Kompetenzen die Kinder in zwanzig Jahren brauchen. Diesen Leichtsinn versagten sich sogar die Planer der Sowjetunion, sie begnügten sich mit Fünfjahresplänen. Welchen Betrag wetten Sie dagegen, dass im Jahr 2032 die Sprache der Chinesen weltsprachiger sein werde, oder Arabisch, oder Russisch?

Seltsam, an dieser Stelle hat noch keiner sein Haus verwettet. Die Zukunft seines Kindes setzt er aber aufs Spiel – ohne einen Augenblick des Zögerns?

Kurzes, aber heftiges Grübeln genügt sodann für die Frage, wieviel an einer „entscheidenden Grundkompetenz“ dann noch „entscheidend“ sei, wenn sie jeder sowieso besitzt. Zum Beispiel Scotland Yard sucht händeringend nach Leuten, die eine Fremdsprache mitbringen; weil in England jeder glaubt, Englisch genüge ja, von wegen Weltsprache.

In Von Babylon nach Globylon besprechen wir den Umgang mit der Mogelpackung: Was die Einen für Englisch halten, ist für Andere armselig und für wieder Andere ist auch das noch zu hoch. Als Weltsprache ist schlechtes Englisch brauchbar (besser ist Globisch, das ist richtiges Englisch mit gewissen Beschränkungen); aber die Weltsprache als „die englische“ durchgehen zu lassen, das ist nicht nur frivol.

Also gilt die Frage: Welches Englisch soll denn als Ziel für unsere Kinder gelten? Das nützliche Globisch oder das unerreichbare Hochenglisch? Gutes Englisch versteht der Kollege in Jaipur mit seinem Weltsprachenenglisch nicht. Zu viel und zu frühes Englisch ist daher für Exportabhängige nicht nur nutzlos, es behindert die Fähigkeit zur erfolgreichen Verständigung, also schadet es der Karriere. Bedenkt man dann noch, dass die Spätstarter die Frühgeförderten in der Pubertät sowieso überholen, hätte man sich die Hysterie um Frühenglisch schenken können – und lieber ordentliches Deutsch gelernt.

Am weitesten herausragen werden jene, „die verstanden haben, dass man nicht eine bestimmte Fremdsprache braucht, sondern die Fähigkeit, immer Neues dazuzulernen.“ [3] Die gepflegte Muttersprache ist dazu die erste Voraussetzung. Wie will man sonst verstehen, worum es geht?


[1] Abendblatt: Wer zweisprachig aufwächst, kann Nachteile haben
[2] WELT Online: Warum Kinder früh Englisch lernen sollten
[3] Neue Zürcher Zeitung: Frühenglisch und Uhrmacherei

Oliver Baer @ 12:37
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Die reden Russisch und Arabisch

Beitrag vom 18 Juli 2012

Alle Flugzeuge haben nur ein Ziel: ein englischsprachiges Land (Bild: Fotolia)

Wo wimmelt es nur so von internationalem Verkehr? Am Flughafen. Halt, das heißt airport – da ist man international aufgestellt, da wirbt man auf Englisch. Und das ist gut so.

Dann stoßen brand eins-Leser auf einen Beitrag über die Duty-free-Unternehmer Gebrüder Heinemann. Obwohl es zollfreies Parfüm, Zigaretten für Flüge innerhalb der EU nicht mehr gibt, sind sie weiterhin sehr erfolgreich. Märkte sind Gespräche, hat sich dort jemand an Cluetrain erinnert (oder an seinen gesunden Menschenverstand). Zum Beispiel im Hamburger Laden (mit viel englischer Beschriftung) steht Personal je nach der nächsten abfliegenden Maschine bereit: “Vor Flügen nach Russland sind russischsprachige Kollegen vor Ort, die alle Vorlieben dieser Klientel kennen [...] Vor Dubai-Flügen sind arabischkundige Verkäufer im Dienst …”

Glaubt man der Logik deutscher Anbieter, fallen die Heinemänner aus der Rolle. Von Tchibo bis Siemens hört man eher Töne wie diese: “Die Weltsprache ist Englisch! Die Sprache der Kunden verwenden, bei Ihnen piepts wohl! Wir quatschen auch unsere deutschen Kunden mitten in Deutschland auf Englisch an!”

Vermutlich weil die Muttersprache der Deutschen (schlechtes) Englisch ist, und sie es aus der Werbung lernen sollen? Oder weil sich über 60 Millionen zahlungskräftige erwachsene Deutsche ihrer Sprache schämen?


Lesenswert, ab August auch auf dem Bildschirm: der Beitrag über die Gebrüder Heinemann: Vetternwirtschaft, brand eins, Juliheft 2012, mit weiteren Hinweisen auf gutes Marketing.

Gebr. Heinemann SE & Co. KG erwirtschaften über 2 Milliarden Umsatz mit 5500 Mitarbeitern weltweit.

Oliver Baer @ 12:23
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Schwedisch für die Schweden

Beitrag vom 18 Juli 2012

Spottolski (untere Bildmitte, verdeckt) zur Zeit nicht in Schweden (Bild: Baer)

Den schwedischen Universitäten geht es an den Kragen. Sie müssen Stellenbewerbungen wieder in schwedischer Sprache zulassen. Diese Wende um 180 Grad wäre Spottolski beinahe entgangen. Er beherrscht ja so etwas wie Englisch fließend und setzt dieses als basiselementare Grundkompetenz voraus (außer bei den Katern vom Oberdorf, Schwamm drüber). So blieb ihm bis vor kurzem verborgen, dass es neben den fünf Minderheitensprachen in Schweden – Schwedisch gibt.

Dazu muss man wissen: Schweden liegt oben. Da kommen starke Filme her (Fanny und Alexander, bei den Ohorner Miezen jedesmal ein Straßenfeger), Finnland liegt gleich daneben (ich sage nur: PISA!), ferner smörgåsbord, Lisbeth Salander, Forstwirtschaft sowie Mitternacht. Da ist also ziemlich was los.

Selbstverständlich halten sich die Universitäten daran, was der Ombudsman verfügt: Keiner darf zur englischen Bewerbung gezwungen werden [1]. Sie hoffen aber weiter auf englische Texte. Die Hochschulen könnten nämlich eine angemessene Übersetzung nicht gewährleisten, warnen sie vorsorglich. Falls Sie hier unaufmerksam mitlesen: vom Schwedischen ins Englische; denn meist müssten ausländische Gutachter befragt werden (auf Englisch) (auch wenn sie Deutsche oder Chinesen sind).

An dieser Stelle fiel bei Spottolski der Groschen sowie ihm der Thunfisch von der Kralle. So schlecht stehe es bereits um Schwedisch, dass wissenschaftliche Angelegenheiten nicht mehr mit Gewissheit korrekt zwischen der Muttersprache der Bürger und der englischen vermittelbar sind? Fehlen bereits die Worte? Das Können? Die Lust?

Die Bürger, bemühte sich Spottolski der Volontärin zu erklären (das ist die mit dem Rock, ältere Leser erinnern sich) – also die Bürger, das sind die, aus deren Steuern die Wissenschaftler und die Labors und so weiter bezahlt werden, klar doch, auch die Forschung. Und die sprechen Schwedisch, das ist seit 2009 die Amtssprache. In Schweden.

Das mangelnde Schwedisch an den Hochschulen führe dazu, “… dass es viele jüngere Forscher gibt, die über ihre Wissenschaft fast keine anspruchsvolleren Berichte auf Schwedisch verfassen können. Und da kann man sich natürlich fragen, was das für die gesellschaftliche Diskussion zum Beispiel über Klimafragen oder Genforschung bedeuten kann.” sagte der Vorsitzende des schwedischen Sprachrates, Olle Josephson. [2]

Achtzig Prozent der Schweden hätten fließend Englisch drauf, heißt es weiter [1]. Das wären immerhin mehr als in England, mokiert sich die Volontärin. Auf der Flucht vor dem miesen Englisch ihrer Landsleute ist sie bei uns gelandet, mitsamt ihren Miniröcken, da gibt es keinen Stress. Hauptsache ist auf dem Feld, rief Spottolski, in Schland könne das nicht passieren, versicherte er und hob drohend die fettige Kralle: Hier seien die Bedürfnisse des Volkes und der Wissenschaft verzahnt wie zentrale Eckpfeiler so eng!

Jedenfalls sei Schwedisch vom Aussterben zu retten. Er kenne da eine Mieze aus Ljungby, aber lassen wir das. Spottolski bat daher um Sammlung und sprach gemessen die Worte: „Lieber Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’ andere an!“


Ein alter Hut? Keineswegs: In Von Babylon nach Globylon zitiere ich die Königlich Technische Hochschule in Stockholm, die mittlerweile auch auf andere Weise zur Wiederentdeckung der Muttersprache gelangt ist: Die Studenten verstehen sie besser. Ja doch.

Regionale Sprachen in Schweden sind Finnisch, Meänkieli, Samisch, und die anerkannten Minderheitensprachen sind Jiddisch, Romani sowie die schwedische Gebärdensprache.

[1] New York Times: Ruling Affirms Right to Apply in Swedish for Academic Posts in Sweden

[2] Radio Schweden: Höhere Weihen für das Schwedische

Oliver Baer @ 12:12
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Miro Jennerjahn Nachlese

Beitrag vom 10 Juli 2012

Irrtum, das ist die Flagge Jemens

Nichts gegen Schläge unter die geistige Gürtellinie von Rechtsextremen, die vorgeben für die deutsche Sprache einzutreten, aber nicht einmal wissen, was sie reden. Wer zuschlägt, sollte aber Bescheid wissen.

Der Abgeordnete Miro Jennerjahn hatte im sächsischen Landtag mit einer beherzten Rede den Antrag der NPD auf Eliminierung von Anglizismen abgewürgt. Das Deutsche sei seit jeher ein Sprachbastard. Wenn man alles wegräume, was von außen gekommen ist, bleibe nichts mehr übrig, sagte er und zerlegte anschließend das Ansinnen der NPD.

„Allerdings ist alles, jeder einzelne Punkt, den Herr Jennerjahn als Beispiel für seine Behauptung anführt, falsch.“ sagt die Redaktion von Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker. Da wird Herrn Jennerjahns Rede in allen Einzelheiten zerpflückt – von jemand, der gar nicht in den Verdacht geraten kann, den Rechtsextremen eine Schneise zu schlagen.

Bitte lesen Sie bei Belles Lettres weiter, besonders wenn Sie als Purist auftreten, egal welcher Couleur: Man lernt nie aus. Und was die Herrschaften aus der NPD anbelangt: Sie verstehen von der Sache so wenig, dass sie den Unterschied sowieso nicht bemerken.

Wenden wir uns lieber den Freunden vom Goethe Institut zu: Webguerillas starten den Kampf um die deutsche Sprache (ein reizendes Video, drei Minuten lang). Ich bin bereit alles zurückzunehmen, was ich jemals Unfreundliches über das Goethe-Institut gesagt habe.

Oliver Baer @ 15:43
Gespeichert in: Gesellschaft
Vexierbild für öffentliche Fußballbetrachter

Beitrag vom 10 Juli 2012

Immer mal wieder ist Schland, das merken sogar wir uns: Im Sommer jeder geraden Jahreszahl ist Wimpel-Time. Dazu gibt es, was Engländer vielleicht open air viewing nennen, gegebenenfalls auch public screening oder outdoor screening.

Vexierbild Teil Eins zu der Frage: Was merkwürdet hier?

Was auf der Zunge nicht so prickelt, ist das Trauerwort public viewing (= öffentliche Aufbahrung). Für Rudis Rumpelcombo mag das noch gegolten haben, für den modernen Fußball aus Schland passt das Wort Aufbahrung bestimmt nicht. Pablik Wjuing haben Leute erfunden, die ebenso cool football mit Kopfball übersetzen würden (und denen dabei nichts auffällt).

Genauer: What stimm's hier not? Vexierbild Teil Zwei (das ganze ist ein Ausschnitt aus ver.dis Spielplan zur EM 2012)

Gewissermaßen als letzten Abwasch nach dem Iwänt, bietet die baerentatze heute ein zweiteiliges Vexierbild. Was das ist, beschrieb Franz Kafka in seinem Tagebuch 1911: „Das Versteckte in einem Vexierbild sei deutlich und unsichtbar. Deutlich für den der gefunden hat, wonach zu schauen er aufgefordert war, unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu Suchen gilt.“ (siehe Wikipedia)

Haben Sie es gefunden? Steht es für einen perversen, also ganz salonfähigen Selbsthass, oder erkennt der Spezialist einen pathologischen Fall von massenhafter Beklopftheit? Ohne die Antwort abzuwarten, verabschiedet sich die baerentatze mit einem fröhlichen “Auf Wiederschland in zwei Jahren!” Ein dritter Platz ist schließlich auch nicht übel.

Oliver Baer @ 15:33
Gespeichert in: Gesellschaft
Konzerne verlassen sich nicht auf Englisch

Beitrag vom 11 Juni 2012

Gleich zwei Fehler in einem Namen

"Und halten Sie mir bloß die Profis vom Leibe!" (vier Wörter, zwei Fehler; Bild: Baer)

Der Dienst am Kunden, die Markenpflege und die Vergrößerung des Marktanteils bilden den stärksten Antrieb für Großunternehmen in die Leistung von Übersetzern und Dolmetschern zu investieren. Und das mit Erfolg.

Gelegentlich schlägt bei mir die Bitte auf: Welche Kosten verursacht der von mir so plastisch dargebrachte falsche Umgang mit der Weltsprache und ob ich dafür Beispiele liefern könne?

Die Frage überrascht mich immer wieder. Muss man beweisen, dass miese Kommunikation Kosten verursacht, sogar Desaster auslösen kann? Es liegt doch auf der Hand: Ein durch Missverständnisse verpatzter Besuchstermin wird durch ein beherztes Telefonat eingerenkt, und die Kosten betrugen vielleicht 200 Euro – weiß der Geier – oder 2.000 Euro. Geht der Kunde verloren, weil er nach einem Missverständnis während der Verhandlungen bei der Konkurrenz unterschreibt, liegt der Schaden zwischen irgendeinem Betrag und dem völligen Untergang des Unternehmens.

Es wird so bald keine belastbaren Untersuchungen zu dieser Frage geben, denn meist wird den Beteiligten gar nicht erst deutlich, dass Sprache überhaupt eine Rolle gespielt haben könnte, und wenn ja, in welchem Ausmaß das gewirkt hätte. Es ist Kennzeichen der sprachlich Dickhäutigen, dass sie die kommunikativen Schneisen, die sie auf ihrem Marsch hinterlassen, gar nicht erst bemerken. Hinzu kommt ihre Eitelkeit, und auch die gelegentliche Erfahrung, dass man Missverständnisse beizeiten bemerkt und – notfalls mit Händen und Füßen – irgendwie ausgeräumt hat. Manchmal, aber nicht immer, vielleicht sogar nur sehr selten – ist das so gelungen. Die Erinnerung täuscht – selektiv.

Nun aber liegt eine umgekehrte Betrachtung vor: Was haben die Unternehmen davon, wenn sie das Thema Übersetzung ernstnehmen und dafür ihr Budget erhöhen? Common Sense Advisory – Erkenntnisse für globale Martktführer – (CSA) nennt Ergebnisse aus seiner Untersuchung unter den Unternehmen der Fortune 500-Liste. Diese haben ihre Aufwendungen für Translatoren (Dolmetscher und Übersetzer) im Jahr 2011 erhöht trotz der vorherrschenden Ungewissheiten in den Märkten. Und sie taten gut daran. Wer sich so verhält, kommt nämlich mit 1,5 mal höherer Wahrscheinlichkeit in den Genuss besserer Erträge. Dabei sind höhere Umsätze nicht einmal ihr Hauptantrieb. Der liegt in der Verbesserung des Dienstes am Kunden, der Markenpflege und der Erhöhung des Marktanteils.

CSA liefert dazu einige Zahlen, die jeden Chef und seinen CFO grübeln machen. Hier nur eine: Drei Viertel dieser Fortune 500-Unternehmen haben sich neue Märkte erschlossen, sei es global oder multikulti im eigenen Land. Das zergeht mir auf der Zunge: Diese Konzerne verlassen sich also nicht auf den Weltsprachenstatus des Englischen. Während hierzulande Übersetzer in Firmenbudgets oft gar nicht vorkommen („Gebense ma her, das übersetz ich selber“), weil die Manager glauben, mit Englisch als Konzernsprache seien sie bestens ausgestattet, stellen sich die Großen längst darauf ein, was Oliver Baer beschrieben hat: Die Lösung liegt in einer je geeigneten Konstellation. Sie sieht im Prinzip so aus:

Muttersprache plus Globisch plus Translatoren

Im Klartext: Die Verkehrssprachen des erfolgreichen Unternehmens sind die Muttersprachen sowie fallweise Globisch, und sie werden ergänzt um professionelle Dienstleistungen des Übersetzens und Dolmetschens überall dort, wo die Muttersprachen respektive Globisch nicht genügen.

Vielleicht sollte man am Ende Von Babylon nach Globylon doch mal gelesen haben? Wer dazu keine Zeit findet: Ich erkläre es auch gern in einem Vortrag, gegebenenfalls gehen wir das in einem Intensivseminar im einzelnen durch. Hier geht es zum Rednerprofil von Oliver Baer (PDF zum Herunterladen). Der o.g. Verweis auf CSA führt zu einem englischsprachigen Beitrag.

Oliver Baer @ 10:38
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