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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Beitrag vom 19 November 2014

Wofür private Haushalte Energie benötigen (© Sebastian Matthies)

Wenn ich mal Ihren Blick auf etwas lenken darf, zu dem die Sprache viel beiträgt, aber nicht den Inhalt der Sache darstellt:

Da nun die Energiewende so gut wie abgeblasen ist, hätte die Regierung Gelegenheit alle Projekte zu stoppen, die zur Wende eh nichts beitragen und stattdessen zu fördern, was nichts kostet, aber die Wende noch retten könnte. Vielleicht nicht ganz, aber einen Löwenanteil der Wende könnten die Bürger noch erzwingen.

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Viel Solarthermie, wenig (oder wie hier) keine Photovoltaik - aus gutem Grund (© Sonnenhausinstitut)

Wie Sie das anstellen sollen? Indem Sie erst einmal nichts tun als sich zu informieren, was es – außer kostspielig geförderten – technischen Lösungen noch geben könnte. Eine davon ist die Solarthermie, die fast immer mit Photovoltaik verwechselt wird. Sehen Sie sich das Schaubild links oben an: Das ist die Wirklichkeit in deutschen Haushalten: Die meiste Energie geht zum Heizen drauf (auch zum Duschen), und ziemlich wenig für Dinge, die halt nur mit Elektrizität gelingen (Händi aufladen, zum Beispiel). Solarthermie benötigt zur Versorgung Ihres Haushalts mit Wärme nur Hilfsstrom. Wie das alles funktioniert, erklärt unser Buch, und weshalb es auch für Sie lesbar ist, hat ein Kritiker wie folgt beschrieben:

“Drei Ingenieure mit Leidenschaft für Kommunikation und pädagogischer Ader tun sich zusammen, um ein Buch zu schreiben. Das ist ein Glücksfall für die Solarthermie und alle, die als mehr oder weniger Laien an ihr interessiert sind. Fachleute dürfen das Buch wegen seines durchaus gegebenen Unterhaltungswertes lesen und sollten es allein schon deshalb tun, weil man hier lernen kann, wie man Solarwärme Kunden, Politikern, aber auch Fachidioten nahebringen und erklären kann.”

Ein Buch das die Energiewende noch retten könnte ... (© Sebastian Matthies)

Ja, es ist eine Übertreibung, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es die Energiewende noch retten könnte, wenn dieses Buch gelesen würde. Tatsächlich wird durch mehr Solarthermie das öffentliche Stromnetz entlastet (durch Photovoltaik wird es strapaziert), und wir, die Gesellschaft, der Staat, könnten daher auf besonders aufwendige Techniken verzichten – Techniken, die zwar keiner bezahlen möchte, an denen aber einige Anbieter (die mit einer starken Lobby) gut verdienen. Das Dumme ist: Politiker informieren sich ungern über das Vernünftige, sie regieren lieber so, dass Leute sie wiederwählen, die sich auch nicht informiert haben.

Bestellen Sie bitte am besten mit einem Klick bei der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (Landesverband Franken). Dann erleben sie auch, wie sich die Autoren an Wolf Schneider orientieren: “Information bedeutet nicht: Ich habe etwas mitzuteilen. Information bedeutet auch nicht: “Ich bemühe mich, es verständlich mitzuteilen.” Information bedeutet: “Ich bin verstanden worden.” – Das ist uns in diesem Buch streckenweise gelungen. Vielleicht kommt es noch zur rechten Zeit.

Oliver Baer @ 16:59
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Weshalb Wrotzlaff nicht der wahre Name ist

Beitrag vom 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den Belgiern je nach ihrer Sprache als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir zu sagen pflegen.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des n-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen aber bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht den internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwhohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław, auf deutsch Breslau.

Oliver Baer @ 14:00
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China spricht total Englisch

Beitrag vom 10 Juni 2014

Kurz, knapp und klar übersetzbar ins Englische (© Fotolia)

Die Chinesen lesen und verstehen Englisch und sie sprechen es offenbar auch, ihre Regierung jedenfalls verlautbart auf Englisch. Vielleicht auf Chinesisch. Oder nichts Genaues weiß man nicht? Am besten wir fragen jemand, der dort war.

Da trägt im Chinesischen Pavillon zu Dresden ein Experte aus seiner dreijährigen China-Erfahrung vor, farbig, aufschlussreich, man merkt, er ist neugierig auf das Fremde, das Andere und er berichtet mit Rücksicht und Einsicht. Der Referent spricht Deutsch, gutes Deutsch, ein paar Gutmenschen-Anglizismen kann man ihm nachsehen.

Nicht zu übersehen sind die per Powerpoint an die Wand geworfenen Zitate aus chinesischen Quellen, darunter die Regierung; The war on Pollution liefert den Titel des Vortrags. Zu überhören sind auch nicht seine Hinweise auf die chinesischen Friends of Nature. Im Publikum wächst die Überzeugung: “China kann Englisch!” Nun ist ja einzusehen, dass kein Europäer viel verstünde, wenn ihm diese Texte auf Chinesisch pauergepeuntet würden. Vermutlich ist deswegen alles übersetzt, ins Englische.

Der Sprecher ist übrigens in der DDR aufgewachsen, Englisch war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vortrag ereignet sich in Sachsen, wo der Anteil der Englischkenner überschaubar ist. Immerhin, die Dresdner wissen, was sie wissen und was nicht. Einen Sprachkundigen hätte jedenfalls gestört, dass der Referent im englischen Titel Krieg gegen die Verpestung das eine, das wichtigste Wort klein geschrieben hat. Dabei soll es ausdrücklich den Kontrast betonen zu früheren Aufrufen der Regierung. Diese galten der Harmonie, dem Traum, und nun dem Krieg: The War on Pollution. In englischen Titeln, liebe Englischbesserwisser, wird außer den Partikeln jedes Wort groß geschrieben.

Eine lässliche Sünde, ein Tippfehler? Sicherlich, müsste man nicht dauernd hören, wie da jemand falsch singt. Die Chinesen sprechen nicht Englisch, auch Deutsch nur ausnahmsweise, sie bedienen sich ihrer Muttersprachen – da staunt der Laie, jawoll. Man muss ihre Rede für unsereins übersetzen, aber warum das auf dem Umweg über Englisch besser gelingen sollte als direkt ins Deutsche, erschließt sich dem Publikum nicht.

So hat der Vortrag im Chinesischen Pavillon einen weiteren Beleg geliefert, dass unsere Sprache auf dem Rückzug in die Bedeutungslosigkeit der Ziellinie immer näher kommt. Da sagt man es lieber falsch über die englische Sprache als um Präzision bemüht in der eigenen. Na und? In einer der klügeren Wortmeldungen nach dem Vortrag fiel das Wort level, gemeint war Niveau, kurz darauf kamen „lebbel“ zur Sprachen, gemeint waren labels = Etiketten, akustisch von level nicht zu unterscheiden. Nun denn, wenn wir unsere Muttersprache als entbehrlich abwerfen und ersatzhalber das Englische nur auf dem zweithöchstem Lebbel gebacken bekommen, haben wir unseren Lewwel der geistigen Bedeutungslosigkeit bereits verdient.

Wir können das Thema Muttersprache bald begraben. Die Linken und die Grünen halten die deutsche Sprache für ein bürgerliches Thema mit rechtslastiger Schieflage (ihren Marx kennen sie nicht, Brecht bedeutet nichts und von Tucholsky keine Zeile gelesen), die Christ- und die Sozialdemokraten verpennen die Sprachfrage (war da was, da war doch was, so mit Rechtschreibung, oder wie?), allen gemeinsam ist der politische Flachsprech, der mit der deutschen Sprache allenfalls die Benutzeroberfläche teilt.

Ihr werdet euch noch wundern, was Ihr mit der Muttersprache entsorgt habt. Sicher, manches im Leben ist ersetzbar, aber nicht alles. Statt Kaffee geht Tee, statt Kupfer genügt für Kabel Aluminium, statt Weizen schmeckt auch der Reis. Energie ist durch nichts ersetzbar, Sprache auch nicht. Da gibt es nur die Wahl zwischen Sprache, in der man Gedanken fasst und Taten vollbringt oder einem Wischiwaschi, das zum Leiken und Teilen genügt.

Oliver Baer @ 09:42
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Fähns und Fenns sowie Zuschläger

Beitrag vom 5 Juni 2014

Hulig'n unterwegs zum Rudolf-Harbig-Stadion (© Behland)

Anglizismen gedeihen am schönsten, wenn beim Sprecher und beim Hörer das Gehirn in die Halbzeitpause verschwindet. Da stört kein Denkversuch die eingefahrenen Sprachmuster.

Ein Beispiel dafür sind die Fans von Dynamo Dresden. Zwar trennt der Autor des folgenden die Böcke brav von den Schafen: „Teile der Fanszene haben also mal wieder das Bild bestätigt, das Fußball-Deutschland sowieso von Dynamo Dresden hat – ungerechterweise allerdings von dessen gesamter Fanszene.“ (in Spiegel Online unter dem Titel: Randale bei Dresdens Abstieg: Getroffen bis ins Mark)
Dennoch findet der Autor keinen Weg aus dem Dilemma, dass Fans und Fans zweierlei Getüme sind.

Auf die Idee ganz einfach zwei Wörter zu verwenden, kommt er nicht. Notfalls könnte er sich beim Englischen bedienen und die Fans von den Hooligans unterscheiden. Den Unterschied begreifen sogar Sportreporter: Fähns, liebe Leute, sind die Anhänger eines Vereins, sie bezahlen Eintritt damit sie ihren Verein spielen sehen und feuern ihn dabei an, sie bringen die Kinder mit und verzehren geschmacksarme Bockwürste. Huhlig’ns unterscheiden sich von den Fähns, indem sie über den Durst trinken und weniger das Spiel als die Randale schätzen, meisten nur diese, und den Anlass dafür schaffen sie notfalls selber. Womit sie Tucholskys Beschreibung des Hundes entsprechen:

„Der Hund bellt immer. Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlaß hat, erbellt er sich einen.“

So erbellen sich die Huhlig’ns ihre eigenen Befindlichkeiten, zu denen eine jedenfalls nicht zählt: die Vereinstreue. Sonst würden sie brav mit den Fähns leiden, still den Heimweg antreten und einander versprechen bessere Menschen zu werden, vorausgesetzt Dynamo steigt nicht ab.

Dynamo ist aber abgestiegen, und nun wäre es zur Abwechslung ganz nett, wenn die Medien aufhörten die Fähns mit den Huhlig’ns zu verwechseln – das kann so schwer nicht sein. Oder? Für Hooligan schlägt mein Wörterbuch vor: der Krawallmacher, der Rabauke, der Randalierer, der Rowdy, ich füge hinzu: der Zuschläger. Wenn es schon Lehnwörter sein müssen: Männliche Fähns sind aficionados, weibliche sind aficionadas, zu deutsch: Kenner, auch Liebhaber. Jedenfalls ist es grotesk, wenn man die Fähns haften lässt für die Taten der Huhlig’ns. Sozialpädagogisch ähnelt das dem Nährwert eines Tellers Cornflakes.

Andererseits muss man verstehen: Bei Blutleere im Hirn gedeihen keine Gedanken, nur Reflexe, und falls die Sprache eine solche Ödnis wiedergeben muss, genießt man schon, wenn die Leute ihre Anglizismen richtig aussprechen: Fenns ist schon mal total falsch, richtig ist Fähns mit langem Ä, und die Huhlig‘ns sind keine Huligääähns, sondern Blödmänner, die im Stadion nichts zu suchen haben, sondern in eigene Kampfstätten draußen im Grünen gehören, wo sie nur mit Schlägerausweis eingelassen werden.

Wenn ihr die Huhlig’ns so loswerdet, dürft ihr von mir aus die Fans auch Fenns nennen …

Oliver Baer @ 21:05
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Es spielt doch eine Rolle

Beitrag vom 14 April 2014

Wenn zwei Dinge weder dasselbe noch das Gleiche sind (© Fotolia)

Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir eine Sache benennen und welche Wörter wir uns verkneifen. Wie Jürgen Trabant ausführte [1], ist es nicht das Gleiche, ob uns eine Person als Freiheitskämpfer oder als Rebell vorgestellt wird.

„Das kann man nicht vergleichen!“ klingt hohl. Der Satz enthält so viel Kalorien wie: „Nachts ist es kälter als draußen.“ Wer A und B für unvergleichbar hält, musste zuerst was tun? Er musste A und B nebeneinander stellen und vergleichen, sonst hätte er zu seinem messerscharfen Schluss nicht gelangen können, dass man A mit B nicht vergleichen könne. Gemeint hat dieser Hohlsprecher etwas anderes: Man könne A mit B nicht gleichsetzen. Tatsächlich sind vergleichen und gleichsetzen nicht das Gleiche, und woher wissen wir das? Indem wir die Bedeutung der Wörter nebeneinander … wie gehabt, siehe oben!

Wer das Wort gleichsetzen aus seinem Wortschatz streicht und vergleichen sagt, wo gleichsetzen korrekt wäre, der halbiert an dieser Stelle sein Denkvermögen. Vergleichen brauchen wir zum Überleben: Zielt dieser Kerl mit der Stange auf meinen Kopf oder will er bloß den Mond weiterschieben – gehe ich in Deckung oder lade ich ihn zu einem fidelen Bierchen ein? Wer sich verbietet, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins und Maos zu vergleichen, dem fehlt die Erkenntnis, dass auch Pol Pot in die Kategorie „Massenmörder“ gehört: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat er mehr Menschen auf dem Gewissen als die anderen Verbrecher. Wir aber lassen solche Leute an die Macht kommen, lassen uns von ihnen täuschen, wir lassen ihre Massaker zu, und hinterher behaupten wir einfach, das könne man alles nicht vergleichen. Sehr praktisch.

Gut ist auch der „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“. Anlässlich Obamas Besuch mussten die Dresdner Bürger hinnehmen, dass die Stadt weitgehend stillgelegt wurde; die Gullideckel waren verschweißt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet, alle hielten den Atem an: Der ist bald wieder weg! Als hingegen Putin zuletzt in Dresden war, begrüßten ihn zwar Dresdner Bürger mit „Mörder“-Rufen (wegen der Journalistin Politkowskaja). Trotzdem verließ er am Morgen sein Hotel, spazierte gut zwei Kilometer durch die Altstadt, überquerte lose aufliegende Gullideckel und kehrte bei einem Bäcker ein. Ungezählte Dresdner haben ihn erkannt: “Hier liest Putin bei Kaffee & Schnecke die Morgenpost”. Will sagen: Einem Vladimir Putin droht man nicht, dazu hat der Mann zuviel Courage. So einem schlägt man sofort auf die Nuss, oder man lässt es bleiben; man steht nicht herum und bemüht sich gefährlich dreinzuschauen. Am besten, man überlegt sich etwas Klügeres als Gerede, dessen Hohlräume dem Gegner bekannt sind.

Nach Jahren einer sagenhaft ungeschickten Russlandpolitik seitens der EU, der NATO, der USA und ihrer eigenen Regierung haben viele Deutsche das Recht, die Weisheit der Oberen zu bezweifeln. Ob sie selber klüger wären, sei dahingestellt, aber diese Bürger als Versteher zu verunglimpfeb, ist ganz einfach saudummes Zeug. Derartige Sprachregelung dient nur einem Zweck: Es gibt Gedanken, die dürfen uns gar nicht erst kommen, und wenn, sollen wir uns wenigstens schämen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Versteher? Kann ich mich in den Kerl mit der Stange hineinversetzen? Wenn nein, sollte ich die Straßenseite wechseln. Was die Sprachregler meinen, ist etwas anderes: Sie möchten nicht, dass wir Putins Verhalten billigen, rechtfertigen, unterstützen. Dann sagt es doch, ihr Lautsprecher, statt mit amputiertem Wortschatz euer Denken zu beschränken!

Übrigens: Äpfel und Birnen sind Obst.


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[1] Feige Rhetorik, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014_blank

Oliver Baer @ 21:17
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Schlimmer als die verpatzte Energiewende

Beitrag vom 7 April 2014

very strong engländisch (© Behland)

Wie Zocker verspielen wir eine Ressource, ihr Verlust wird uns teurer zu stehen kommen als die verpatzte Energiewende.

Unsere Enkel werden fragen, warum wir die Muttersprache nicht auf dem Niveau hielten, das die deutschen Nobelpreisträger (darunter viele Juden) des vorigen Jahrhunderts verwendeten. Was wir unternahmen, damit nicht jeder fünfte Jugendliche schon sprachlich am Fahrkartenautomat versagt. Warum Wissenschaftler in schlechtem Englisch statt zuerst in gutem Deutsch publizieren. Die Antwort: Wir ließen zu, dass die Muttersprache mit dem Vaterland zu einem Eintopf verrührt wird; der schmeckte braun, da fraßen wir lieber junk food aus Amerika.

Was wir mit Englisch anstellen, eignet sich zum Blödeln, nicht aber zum Denken. Gerade die deutsche ist eine jener Sprachen, die einen zum genauen Ausdruck ermuntern. Sie schubst, zügelt, quengelt: „Sag, wie es ist!“ Damit einher geht das klare Denken. Man kann in jeder Sprache Flugtechnik so beschreiben, dass die Flieger nicht vom Himmel fallen, in manchen aber geht es besser. Das beweisen die synoptischen Texte des Normenausschusses Luft- und Raumfahrt. Aus seinen Arbeitstreffen berichtete Gerhard Junker: „Das Ergebnis war stets: Kürzester Text war der englische, aber selbst die sprachstolzen Franzosen befanden: Der beste Text ist der deutsche.“

Das hat nichts mit Nationalismus, sondern mit Eigenschaften der Sprachen zu tun. Das Englische eignet sich zur leichtfüßigen Verständigung; deshalb ist es – trotz der vertrackten Rechtschreibung – die Weltsprache; für diesen Zweck wäre das Deutsche zu sperrig, besserwisserisch, es bremst die Verständigung. Andererseits kann man im Englischen mühelos zehn Minuten schwafeln, bis die Hörer merken: Der sagt ja nichts! Auf Deutsch wäre der nach einer Minute entlarvt.

Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen, es gibt Werkzeug für diesen oder jenen Zweck. Deutsch müsste eine bevorzugte Sprache der Wissenschaften sein. Akademiker fallen lieber auf die Behauptung herein, dass die Weltsprache dem Austausch von Wissen am besten diene. Solchen Unfug nennt man Monokultur, das Gegenteil von geistiger Vielfalt. Zudem beherrscht weltweit nur eine überschaubare Zahl von Akademikern so gutes Englisch, dass mit Amerikanern ein Austausch auf Augenhöhe gelänge. In dem frommen Glauben, das alles geschähe folgenlos für ihre Wissenschaft, formulieren sie holpriges Englisch. Ihre deutsche Terminologie verarmt und die Zusammenhänge radebrechen sie. Das Volk, das sich bei dieser geistigen Auszehrung der Restsprache bedient, hat zur Lösung der Weltprobleme bald nichts mehr zu bieten als eine verlängerte Werkbank.

Schuld an dieser Misere tragen nicht nur die Grünen und Linken, die nicht begreifen: Die geistigen Ressourcen zählen zu den endlichen Rohstoffen, sie müssen ständig erneuert werden. Wer glaubt, die Sprache „entwickle sich vonselber“, verhält sich wie der Faulpelz, der seinen Garten sich selbst überlässt: Sieger ist das „Unkraut”. Schuld tragen indes auch die Sprachschützer, denen der Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland ebenso wenig einleuchtet. Sie machen Sprachpflege zu einer deutschnationalen Angelegenheit, so als würde unsere Muttersprache nur in Deutschland gesprochen. Nebenbei: Die Sprache der Nazis war kein gutes Deutsch, sondern ein Gruselsurium der Aufgeblasenheit, auf die man hereinfiel, statt die Unwörter zu jäten.

Dass es bei liederlicher Sprache mit dem Denken bergab geht, ist in den Gesprächsforen des Internets zu besichtigen: Leere im Hirn, Mangel an einfachster Logik und Verfall der Sprache treten gemeinsam auf. Dagegen hilft, liebe Leute auf der Linken, auch nicht Euer geliebtes Englisch. Warum? Weil Schrumpfenglisch nicht genügt und gutes Englisch nur auf Grundlage der gepflegten Muttersprache gedeiht. Das zu kapieren kann so schwer nicht sein…


Der verstorbene Dipl.-Ing. Junker war Gründungsmitglied des Vereins deutsche Sprache

Oliver Baer @ 14:39
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Auge um Auge

Beitrag vom 19 März 2014

Sprachfreunde lassen grüßen: Wie schön, dass wir euch nicht mehr ertragen müssen!(© Behland)

Heute wird mal nachgetreten, zwar freudlos aber gleich zweimal, da sich zwei Gegner der gepflegten Muttersprache in die Bedeutungslosigkeit verabschieden.

Der erste Fall betrifft Sebastian Edathy, aber nicht wegen der Sache, die ihm politisch das Genick gebrochen hat. Da er sich beklagt über die kalte Schulter, die ihm die SPD bietet, erinnere ich mich an eine TV-Runde, wo Edathy „Deutsch ins Grundgesetz!“ routiniert abwimmelte. Bekanntlich darf man auch über Deutsch als Landessprache verschiedener Meinung sein. Edathy aber vergriff sich gleich dreimal: Im Ton, der war anscheinend sachlich (anmaßend); in der Wahl seiner Argumente (längst widerlegt); und er vertat sich in der Temperatur (eisig). Bestens bekannt ist diese Kombination von der Blasiertheit der Politiker, die „keinen Handlungsbedarf erkennen“ und nie auf das Argument eingehen, sondern nur eines tun, das aber geübt: den Gegner mundtot machen. In der Erinnerung aus der Gesprächsrunde (s.unten) bleibt die Eiseskälte des Abgeordneten Edathy. Vielleicht erntet er von seiner Partei nur, was er auch dort gesät hat?

Der andere Fall betrifft Alice Schwarzer, deren Steuerprobleme hier ohne Belang sind. Wolf Schneider zählt sie zu den Persönlichkeiten, die den größten Einfluss auf die deutsche Sprache ausgeübt haben (neben Martin Luther und Konrad Duden). Um die Sprache geht es ihr aber nicht, sie missbraucht sie als Werkzeug (genau wie die Politiker). Auch das Schicksal der Frauen kümmert sie nicht, sonst wäre ihr Feminismus kein Krieg, sondern eine Annäherung zum friedlichen Ausgleich, also ein Erfolg. Was will Alice Schwarzer? Sie will piesacken, manipulieren, Macht ausüben, das hat sie selber vielfach bewiesen. Falls Sie das nicht glauben, schauen Sie doch genauer hin.

Was man statt mainstream gendering tun könnte, um zu einem – für Alle erfreulichen – Erfolg zu kommen, hat in einem Beitrag über Frau Schwarzer so wenig zu suchen wie eine Anleitung zum Getriebewechsel. Das sag ich als Sohn einer alleinstehenden Mutter, die zur Kontoeröffnung eine Erlaubnis ihres Mannes vorlegen sollte, und als Ehemann einer Frau, deren alleinstehende taubstumme Mutter sich genauso wenig unterbügeln ließ. Der bleibt unser Blick auf Schwarzers missratenen Feminismus recht nüchtern. Tragisch: Solcher Unfug entfremdet die Sprache von ihren Sprechern (zu Fuß Gehende statt Fußgänger). So viel Machtausübung stand dieser Frau nicht zu. Und Zigtausende, die unseren Müttern nicht das Wasser reichen könnten, sind der Schwarzer nachgelaufen. Na, vielleicht hat sich das endlich erledigt.


Die Diskussionsrunde im Fernsehen: Deutsch ins Grundgesetz – Überflüssig oder überfällig?, Phoenix Runde, 17.11.2010, Anne Gesthuysen diskutierte mit Prof. Monika Grütters (CDU), Sebastian Edathy (SPD), Wolf Schneider (Journalist und Sprachkritiker), Rudolf Hoberg (Gesellschaft für Deutsche Sprache).

Oliver Baer @ 19:05
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Für Nachäffer kaum geeignet

Beitrag vom 16 Januar 2014

Null Bock auf politisch korrekte Poesie (© Behland)

Gutmenschen in Parteien, Gewerkschaften, Schulbehörden und Universitäten verachten die Sprache, in der Karl Marx schrieb, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Stefan Heym, Jurek Becker, Christa Wolf, sowie Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer und Rafik Schami.

Im kleinen Kreise fragt eine junge Dame, deren Glas selten nachgefüllt wurde, ob der Diskus, dem sie da beiwohnt, irgendetwas mit etwas anderem zu tun habe: Hat die deutsche Sprache irgendetwas mit Deutschland zu tun? Die Antwort erfahren wir von den Einwanderern aus Anatolien und Andalusien. Sie merken schon am Tag ihrer Ankunft: Für den täglichen Umgang eignet sich die Landessprache, nur sie ist das Medium, in dem die Eingeborenen aus Augsburg und Aachen miteinander sowie die Einwanderer untereinander verkehren. Deutsch ist natürlich politisch total unkorrekt, die Sprache der Nazis, es ist schon kaum unglaublich, was sich diese Ausländer leisten.

Politisch korrekt ist, dass Eingeborene die Einwanderer als Nomaden bezeichnen, als “Menschen mit Migrationshintergrund”, als würden diese fortwährend migrieren. Guckstuhier: Immigration ist Einwanderung, Emigration ist Auswanderung; demnach wäre ein Migrationshintergrund? Richtig, ein nomadischer. Fremdwörter verwechseln und Deutsch verachten – das kann heiter werden!

An den Schulen wird nämlich immer mehr Englisch unterrichtet, gestrichen wird bei den Deutschstunden. Dabei bestreitet kein Pädagoge: Sämtliche Fächer, von der Mathematik bis zu den Fremdsprachen, lernen die Schüler auf welcher Grundlage am besten? Richtig, auf Grundlage der Muttersprache, auch wenn das einer politisch korrekten Minderheit nicht in den Kram passt: Das ist nunmal Deutsch, nicht Englisch, nicht einmal Türkisch. Deutsch ist beides: Muttersprache und Lingua franca.

However, dear friends, in diesem Lande gibt es welche, die mit Deutsch viel anfangen: sie zählen zur Poetry-Slam-Szene. Da gehen Sie als Purist natürlich nicht hin, wasndasfürnwort! Schade, dabei ist es die letzte Bastion der Muttersprachler, die auf Deutsch noch Neues schöpfen, und sich mit Fremdwörtern auskennen. Wie kommt es zu dieser Wiederentdeckung unserer Sprache? Wollten diese Wortkreativen dasselbe so geistreich und so zügig auf Englisch über die Rampe bringen, müssten sie es drauf haben wie Shakespeare himself, sie müssten native speaker sein, nicht Nachäffer seiner Sprache. Poetry Slam gelingt in der Muttersprache und nur dort. Also, liebe Spracherhalter, gehet hin und mehret Eure Kenntnis! Vielleicht begegnet Ihr denen von der Schulbehörde. Sonst müssten wir diesen ans Herz legen: Wenn Euch das Deutsch so ekelt, seid standhaft: Sprecht Euren Gutmenschen-Bullshit auf Englisch, aber tut es bitte fehlerfrei, if you don’t mind!

Grübelanstoß: Zum Jahresende 2013 enthielt die Wikipedialiste der auf Deutsch schreibenden türkischen Schriftsteller 267 Autoren.

Oliver Baer @ 14:30
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Politiker im Internet: willenlos

Beitrag vom 20 August 2013

Wer ist noch wählbar? (Bild: Fotolia)

Meine Website wurde wiederholt böswillig attackiert und zeitweilig lahmgelegt. Das geht zur Zeit vielen so, meist kleinen Betreibern, die wichtigeres zu tun haben als ihre WordPress-Software alle Nase lang gegen solche Angriffe zu immunisieren.

Also selber schuld? Ich bin solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Kriminelle und Geheimdienste haben freie Bahn. Ist bei der Regierung der politische Willen wahrzunehmen, dass sie ihre Bürger vor solchem Ungemach künftig schützen werde? Ihr fehlt der Wille. Auch das Vermögen, das Netz ist für sie „Neuland“, darauf ist Frau Merkel sogar stolz.

Die Opposition ist keinen Deut besser. Man könnte den Eindruck gewinnen: Im Netz ist bald nur noch willkommen, wer so flach wie Facebook daherkommt oder wer für befreundete Geheimdienste arbeitet (oder beides).

Bedenkt man den Aufwand, mit dem unsere Telefonate, SMS, Mails usw. den Spionen überlassen werden, sieht man eine Schieflage, die offenbar keiner mehr korrigieren möchte. Falls demnächst vom Internet nur Facebook und Google übrigbleiben, dazu der Schwachsinn von den Parteien, verliere ich mein Interesse am Netz. Dann wird es wieder Samisdat geben – alles schon dagewesen.

Oliver Baer @ 21:41
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Dafür gibt es kein deutsches Wort

Beitrag vom 20 August 2013

Den wo es nie gab, den gibt es doch. (© Behland)

Zur Rechtfertigung eines Fremdwortes sticht das Argument immer: „Dafür giiibt es echt kein deutsches Wort, giiibt es wiiirklich nicht!“ Sogar gestandene Sprachbewahrer gehen ihm auf den Leim, wenn auch mit verdrossenem Schweigen.

„Der shitstorm habe eine Benennungslücke gefüllt“, erklärte der Germanist Michael Mann schon 2012 […]. „Das heißt, es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet.” (Welt vom 15.8.13). Recht hat er, tagsüber scheint die Sonne, nachts nicht. Aber nun aufgewacht! Dass es kein deutsches Wort gebe, ist als Argument nicht falsch, es ist nur saublöd. Für eine neue Sache, für einen neuen Begriff gibt es kein Wort, kann es nicht geben, denn das Ding ist ja neu. Sieh mal an!

Das ist immer so, in jeder Sprache. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn das Neue aus einem anderen Kulturkreis stamt und sein dort geprägtes Wort zu uns mitbringt, wie die Jeans aus Nordamerika. Bei Karstadt und Kaufhof gab es ab 1958 Hula-Hupp-Reifen, eine anscheinend hawaiianische Erfindung, die den Lesern heutzutage als hoola hoop bekannt sein mögen. Nun ja, früher hat man Lehnwörter noch willkommen geheißen und sie eingebürgert, sprich eingedeutscht, wie sich das unter zivilisierten Menschen gehört.

In Wirklichkeit gibt es Reifen dieser Art seit Jahrhunderten, da waren bäuchliche Rotationen aus Hawaii noch unbekannt. Das Wort hoola hoop hatte ein Geschäftsmann zwecks Vermarktung seiner Plastikringe erfunden (apropos auf den Leim gehen). Das erinnert an den Weihnachtsmann. Den gibt es zwar nicht, aber seit Coca Cola ihn als Geschenkeanschlepper in Ferrari-Rot bewirbt, glaubt alle Welt an den Weihnachtsmann statt sich, was richtiger wäre, an Nikolaus von Myra zu erinnern, der übrigens tatsächlich gelebt hat.

Müssen wir auf jeden Verkäuferschnack hereinfallen? Jetzt fehlt nur noch, dass wir das total uncoole Wort Hähnchen durch McNuggets ersetzen. Sollte es sich bei einem neuen Wort aus den Vereinigten Staaten ausnahmsweise nicht um einen Trick aus der Marketingkiste handeln, sondern um eine wichtige Neuschöpfung wie den stalker, gäbe es indes folgendes zu bedenken, und das ist der Zweck dieses Artikels:

Eine Sprache der wir es nicht mehr erlauben, für den stalker ein Wort aus dem eigenen Schatz der Erbwörter zu bilden, weil wir uns zuerst bei einer anderen Sprache umsehen, liebe Leser, von so einer Sprache kann man eines nicht mehr behaupten: dass sie noch lebe.

„Dafür gibt es kein Wort im Deutschen“ taugt nicht als Argument zur Verteidigung von Lehnwörtern. Man könnte es auch umdrehen und als Aufforderung verstehen: Hier ist etwas Neues, finde dafür das angemessene Wort! Den stalker gab es nämlich auch im Englischen nicht. Es gab das stalking, so nennt man, was der Jäger mit dem Hirsch anstellt: ihm nachstellen. Für den neuen Straftatbestand der fortgesetzten Belästigung gaben uns die amerikanischen Wortschöpfer mit dem stalker eine klassische Steilvorlage für den Direktschuss auf das Tor: stalking = nachstellen, also stalker = Nachsteller. Falls jetzt noch einer einwendet: „Aber das gibt es tatsächlich nicht im Deutschen!“ soll er ruhig beim Weiterlesen die Augen fest geschlossen halten.

Linguisten verweisen gern auf die Regeln, nach denen jede „lebendige“ Sprache neue Wörter bildet. Damit haben sie völlig recht, und das enthält auch, dass man sich in anderen Sprachen umsieht. Peinlich wird es nur, wenn die deutsche Sprache keine Wörter mehr bilden darf. Hierzulande ist der stalker schicker als der Nachsteller. Was ist so schick am stalking? Die Steilvorlage haben wir in ein Eigentor verwandelt, wider alle Vernunft. Der Bundestag hat immerhin noch das Wort Nachsteller in den Gesetzestext aufgenommen. Die Medien und mit ihnen der Volksmund bleiben beim stalker. Beispielsweise der Bericht des SPIEGEL über die Geiselnahme in Ingolstadt enthält den stalker zweimal, stalking dreimal, nachgestellt einmal.

Na und, das darf er doch? Macht nur weiter so. Wenn euer Deutsch nur noch zum Bierholen genügt, und auch euer Englisch zu nichts Besserem taugt, ist es zu spät. Nur die Hochsprache enthält Terminologien für alle Bereiche des Lebens, vom Alltag bis zur Forschung. Armselige Sprache erlaubt kein reichhaltiges Denken.

Ach ja: Statt shitstorm hätte man “Scheißsturm” sagen können. Das ist genauso schön oder auch bescheuert wie die englische Vorlage.

Oliver Baer @ 21:20
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Wat von Jupp nit mehr kommt

Beitrag vom 2 August 2013

Ausnahmsweise ein Nachruf. Josef Braun, der seinen fünfunddreißigtausend intimsten Bekannten nur als Jupp Braun bekannt ist, steht mir zum Blödeln auf Rheinisch nicht mehr zur Verfügung. Gestern ist er in seiner Wahlheimat Helsinki gestorben. Von ihm stammen buchstäblich Hunderte von Quellenhinweisen, denen ich nachgegangen bin für Von Babylon nach Globylon. Ich weiß von Keinem, der ihn von Nahem gesehen hat, wir alle kannten ihn über das Internet und per Telefon. Manche vermisst man besonders stark, ihn noch etwas mehr.

Oliver Baer @ 18:54
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Because we are such English canners

Beitrag vom 2 Juli 2013

Die alternativlose Klarheit der Wahrnehmung (© Behland)

Im Streit was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg für die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn man schaute genauer hin. Sprachen sind kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schläge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt.

Der SPIEGEL hatte über das Treiben der Landesbank Berlin (LBB) mit einem amerikanischen Kunden in Kalifornien berichtet. Er ist ein Erfolgsmensch aus der Wirtschaft, verheiratet mit einer Deutschen, und auf Englisch so gut zu Fuß, wie es von einem Muttersprachler zu erwarten ist. Den Internetzugang zu seinem Konto hatte die Bank lange Zeit nicht auf die Beine gestellt, bis dahin verkehrte man miteinander per E-Mail. Möglich ist ja vieles, man muss es nur wollen, und ein bisserl vorsichtig bleiben. Ungewöhnlich ist nur: Die Bank ließ sein Konto von Betrügern nach und nach leerräumen. Wie das? Nun, die Betrüger hatten sie ganz feundlich – ebenfalls per E-Mail – dazu aufgefordert.

Die Verkehrssprache zwischen den Gaunern und der Bank war Englisch, genauer ein dürftiges Englisch, die Korrespondenz strotzte nur so von Fehlern. Die Bank überwies trotzdem stets wohin und wieviel die Gauner in schlechtem und der Kunde in makellosem Englisch anwiesen. Als endlich der Kunde seinen Kontostand zum ersten mal auf dem Bildschirm zu sehen bekam, war das Konto leer, da musste sich jemand anderer bedient haben.

Empfinden wir Schadenfreude, weil da jemand in der Bank nicht genug Englisch draufhatte? Wohl kaum, schlechtes Englisch müsste durchgehen, Hauptsache man versteht sein Fach. Aber es gibt Positionen, da zählt die Verständigung in der Welthandels- und Verkehrssprache zur Grundausstattung. Beispielsweise als Bankier im internationalen Geschäftsverkehr. Uns geht der Fall nahe wegen der Pointe, deren Feinheit auch den Spiegelautoren entging: Die Weltsprache ist, jedenfalls bei der LBB, offenbar gewohnheitsmäßig so übel. Sonst wäre aufgefallen: Der echte Kunde schreibt ausgezeichnetes, die Betrüger schreiben grottiges Englisch, das sich auf Deutsch etwa so anhören würde: „Sie haben meinen Tag retten“. Der Unterschied fiel keinem auf.

Im Alltag geht es nicht nur der LBB so und die Ursache ist leicht zu verstehen. Die Welthandels- und Verkehrssprache ist nämlich nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch, wie uns der Linguist David Crystal aus Cambridge versichert. Gutes Englisch verstehen selbst wir beflissenen Deutschen nicht, obwohl bei uns die halbe Bevölkerung treuherzig an die Heilkräfte einer perfekten englischen Sprachbeherrschung glaubt. Diese Frömmelei bildet den Hintergrund, vor dem die Universitäten das Deutsche zugunsten des Englischen verdrängen; in der Schule unterrichtet kein Staat seine Muttersprache so wenig wie wir es hierzulande tun, und nirgends foltert man so viele Babys in der Wiege durch Berieselung mit Frühenglisch von der CD wie in Deutschland.

So lasset uns den Knoten entwirren! Als erstes unterscheiden wir, wo ein gutes Englisch angebracht ist: Beispielsweise bei der LBB müsste es nur Einer können, ein einziger Mitarbeiter genügt dafür. Als zweites entdecken wir: Gutes Englisch (bitte langsam lesen: gutes Englisch) ist so nötig wie gutes Italienisch, in aller Regel ist ein Luxus, keine berufliche Notwendigkeit. Drittens genügt für die Karriere ein schlichtes (wieder langsam: kein schlechtes) Englisch nicht nur, es ist dem guten Englisch sogar vorzuziehen. Doch, Sie haben es langsam ganz korrekt gelesen.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Selbst die meisten englischen Muttersprachler (4 Prozent der Weltbevölkerung) beherrschen ihre Sprache nicht, so wenig wie die 40 Prozent der Weltbevölkerung, die auf Englisch irgendwie über die Runden kommen müssen, und schon gar nicht die restlichen 56 Prozent der Weltbürger, die überhaupt kein Englisch können, nicht einmal „Guten Tag!“ Wozu auch? Mit anderen Worten: Das gute Englisch, das fleißige Deutsche zu erwerben suchen, würden sie im Erfolgsfall mit ein paar Millionen gebildeten Menschen weltweit teilen, zusammen vielleicht 0,1 Prozent aller Weltbürger – wenn es mal so viele sind. Alle anderen verstehen Bahnhof, sobald Sie Ihr teuer erworbenes Englisch auspacken.

Unser Aufwand für Englisch ist für die Katz, schlimmer: Er schadet jedem, der gutes Englisch wirklich beherrschen möchte oder muss, denn die Voraussetzung für jegliches Lernen (auch der italienischen Kultursprache) ist die Muttersprache, und die wird hierzulande in voller Absicht einer Ideologie preisgegeben, derzufolge Englisch wichtiger sei. Torten backen ohne Tortenboden, das wird ein Obstsalat, kein guter. Muttersprache, das sei mal erwähnt, ist hierzulande die deutsche Sprache, zugleich Verkehrssprache zwischen den Eingeborenen und den Eingewanderten sowie der Eingewanderten untereinander. Falls Sie das Wort Migrationshintergrund vermissen: In meiner Sprache sind Einwanderer Einwanderer, nicht Migranten (Nomaden) mit irgendwelchem Hintergrund.

Ohne gutes Deutsch lernen Deutsche und Einwanderer zu wenig, sie erwerben auch nicht das Allheilmittel Englisch. In den Kultusministerien begreift das keiner, sonst hätten sie schon längst wieder die angemessenen Zeiten für den Deutschunterricht in den Stundenplänen festgeschrieben. Und noch etwas: Hätten sie es verstanden, dann wüssten sie in den Ministerien: Wir brauchen einige Zigtausend ausgezeichnet ausgebildete Übersetzer und Dolmetscher, die in allen Fällen einspringen, wo gutes Englisch unerlässlich ist. Sie übertragen an den Hochschulen die deutschen Veröffentlichungen in ausgezeichnetes Englisch. Und zwar auf Staatskosten, denn die geistige Infrastruktur eines Hochlohnlandes ist wichtiger als die Autobahnen! Ja was denn sonst? Wer Autobahnen für wichtiger hält als Investitionen in den Geist, bekommt, was er verdient: Schlaglöcher.

Aber nein, lieber blamieren wir uns mit der Zweitklassigkeit, auf die wir zielstrebig zusteuern, seit wir eigene Gedanken nicht mehr zustandebringen. Es ist für den Kopf bequemer, die Schablonen aus Amerika nachzubeten: Englisch sei nun mal die Weltsprache, man sei international aufgestellt, und überhaupt, alle Welt spreche doch Englisch (außer dem Terroristen), und da müssten wir eben noch besseres Englisch lernen und so weiter. Denkersatz wie: Man kann es sich ja nicht aussuchen. Merke: Unabsteigbar ist auch Deutschland nicht.

Zurück zu dem Kalifornier mit dem Berliner Zweitwohnsitz. Die Sache ist hängig, die Bank hält ihn, den Kunden, für den Betrüger. Die in der Bank sind halt English canners!

Oliver Baer @ 11:08
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Vive le Bockmist!

Beitrag vom 3 April 2013

Gemeint ist ein Assistenzsystem für Fahrende bzw. ein Fahrende assistierendes System. Was kein Affront gegen die Stehenden, also die zur Zeit Parkenden sein soll! (Bild: Fotolia)

„Fummeln,“ belehrte mich der Meister, „ist unsachgemäßes Hantieren.“ Ich wollte widersprechen: sachungemäß! Aber da sah er schon woanders nach dem Rechten.

Zum Fummeln zählt das Getue um eine geschlechtsneutrale Sprache, den Gendergap, den Genderunterstrich, das Gendersternchen (finden Sie alles in der Wikipedia) sowie die Frage, wie man sprachlich Leute unterbringt, die sich ihres Geschlechtes unschlüssig sind. Falls Sie glaubten, das Gefummel werde sich totlaufen: Die neue Straßenverkehrsordnung kennt keine Fußgänger und Radfahrer, nur zu Fuß Gehende und Rad fahrende. Ein Witz? Nein, so fußlahmen bald alle Gesetzestexte, da machen Fanatiker den Gesetzgeber zum Affen.

Ursprünglich ging es darum Frauen nicht länger auszugrenzen. Dass sie bei Fußgängern als Fußgängerinnen einfach mitgemeint seien, genügte nicht mehr. Und weil uns dieser Mangel mehr bekümmert als die Finanzkrise, tummeln sich in unserer Sprache Tausende von Landminen der politischen Korrektheit; da ist man will sagen frau im Nu überfordert.

Bis der Bürger, der sich auch mit echten Sorgen befasst, innehält: Eine Mogelpackung? Da verteidige ich als Mann seit Jahrzehnten jeden Bockmist, wenn er nur der Sache der Frauen dient, und nun das? Sehen wir genauer hin: Geht es um Gleichstellung der Frauen, um Rücksicht auf jene, die am Prenzlauer Berg separate Klos für Unschlüssige benutzen? Nein, es geht um Macht. Es geht darum, dass Frauen die Gelegenheit bekommen, andere zu piesacken (meistens Männer) mit den immer gleichen Unterbrechungen: „Das heißt nicht Bürger, sondern BürgerInnen!“ (Bürger_innen, Bürger*innen, warten Sie’s ab, da kommt noch mehr).

Bei einigen tausend Mitbürgern (I_*) kommt Geltungsbedürfnis hinzu, eine egozentrische Nischenpflege: „Genderpolitik … ernährt mittlerweile einen riesigen Apparat.“ schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL: Gender-Politik: Mitleid mit Martenstein. Schon leben Viele davon, „dass sie anderen erklären, warum Geschlecht nur ein soziales Konstrukt ist … An deutschen Hochschulen gibt es inzwischen über vierzig entsprechende Institute und Einrichtungen, darüber hinaus hat sich die Gender-Forschung an nahezu jedem (!) geisteswissenschaftlichen Lehrstuhl etabliert. 173 Genderprofessuren gibt es, mehr als für die Slawisten. Auch im Verwaltungsalltag ist die moderne Gendertheorie längst angekommen.“ Lesen Sie Fleischhauers Beitrag und den dort zitierten Beitrag von Harald Martenstein: Schlecht, schlechter, Geschlecht.

Im Biotop der Genderbewegten geht es auch um Geld. Da haben sich bewegte Weiber eine auskömmliche Stellung geschnitzt, die bis zur Rente halten muss. Sie gieren nach unserem Kotau, sie brauchen die Bestätigung von außen, dass ihr Treiben vielleicht doch Hand und Fuß habe, und wir nähren sie, indem wir sie beachten. Die meisten Kalorien beziehen sie aus unserem Protest, auch aus meinem Widerspruch. Allerdings ist ihr Beitrag zu einer besseren Gesellschaft keinen Pfifferling wert. Symbolik behält ihren Wert durch sparsamsten Gebrauch. Sonst verflacht sie zur Agitation und gebiert die typischen Lippenbekenntnisse, die sich so anhören: „Liebe G’nossen und Nossen’n!“

Schade, denn Symbole sind kein Schall und Rauch. Soll uns das Symbol im Kern berühren, etwa bei der Fähigkeit Respekt zu empfinden, müssen wir es auf seltene Auftritte beschränken. Aber das wäre nicht im Interesse der genderbewegten Geltungsdränglerinnen: Sie brauchen die fortgesetzte Missachtung der Frau. Ja, sie hätten sonst nichts mehr zu tun. Ihre Institute könnte man schließen, keiner würde ihr Fehlen bemerken. Männer und Frauen könnten tun, was es zu tun gibt: Zusammenleben, mal was ganz Neues: Mit dem Männlichen und Weiblichen umgehen!

Frauen und Männer sind sprachlich zu unterscheiden, wo es Sinn stiftet: bei Frauenparkplätzen, bei Gehälterdiskriminierung, beim Nachstellen, beim Vergewaltigen. Also gilt logisch der Umkehrschluss: Wo keiner hervorgehoben wird, kann das Gesagte nur für alle gelten – welches wir hier hervorheben: für ALLE, sogar die Männer. Sonst müssten wir betonen, dass es auch für die Rothaarigen gilt, und für Roma und Sinti.

So lenkt man und frau von den echten Problemen ab.


„Wie sah der Dieb/die Diebin aus, der/&die sich mit Ihrem Fahrrad davongemacht hat?“ – „Das war eine Frau. Äh, oder ein weiblich gestimmter Mann. Oder vielleicht ein Transgender, ja eben, warum nicht? Wachtmeister*in, ham Se erst ma’ne einfache Frage¸ zum Aufwärmen?“

Oliver Baer @ 20:10
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Architekten wären demnach Naturisten?

Beitrag vom 27 März 2013

Dieser Humbug ist weder Englisch, noch ist er Deutsch, er ist nur noch Gestammel. Wer sich so äußert, hat nichts Erhebliches mehr mitzuteilen.

Käme irgendwer auf die Idee, die Architektur als etwas Natürliches zu bezeichnen? Als etwas, das auf natürliche Weise wächst, das sich entwickelt, und dagegen könne man nichts machen?

Und wenn das Ergebnis eine Aggregation von Gebäuden wäre, worin sich keiner aufhalten, geschweige denn wohnen oder arbeiten möchte, so er die Wahl hätte? Keiner, und sei er noch so plattköpfig, käme auf diesen Gedankoiden. Bis auf die Sprachwissenschaft, dort ist das anders. Dort darf man behaupen, die Sprache sei etwas Natürliches, das auf natürliche Weise … (ach, lesen Sie oben weiter)

Die Zwei könne man nicht vergleichen? Doch, man muss es sogar: Sprache ist etwas Gemachtes, sie ist Kultur, nicht Natur.

Oliver Baer @ 17:27
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Als Vladimir Špidla das Englisch verweigerte

Beitrag vom 10 Dezember 2012

Der brave Soldat Švejk (Bild: Wikipedia)

EU-Kommissar Vladimir Špidla, der vormalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik, wurde einmal gefragt, weshalb er Deutsch spreche statt Englisch, wie alle anderen im Raum. „Es gibt Gedanken, die kann man nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken. Auf dieses Erfindungsmoment darf Europa auf keinen Fall verzichten.“

Anlässlich eines Vortrags wollte ein Zuhörer die Quelle für dieses Zitat wissen. Ich hatte sie nicht parat, hier ist sie: Cornelia Jolesch: Dolmetschen in Babylon, Süddeutsche Zeitung, 10. März 2005.

Für flüchtige Leser: Damit ist keineswegs nur der deutschen Sprache ein Kompliment gezollt. Dasselbe gilt für Herrn Špidlas Muttersprache. Beispielsweise die geniale Darstellung des Švejk ist sicher nur deshalb so und nicht anders zustande gekommen, weil Jaroslav Hašek auf Tschechisch dachte und schrieb. Er hat uns – im Gewand einer Satire – viel Wichtiges erzählt. Nicht alles kommt in den Übersetzungen zum Vorschein. Ironie der Geschichte: Es war die deutsche Übersetzung von 1926, die den bis dahin wenig beachteten Schwejk zum Weltruhm führte.

Oliver Baer @ 11:51
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