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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wissenschaftsfeindlich sind wir nicht

Beitrag vom 22 September 2016

Zwischen Linguisten und Sprachbewahrern im Verein Deutsche Sprache herrscht miese Stimmung. der Verein sei wissenschaftsfeindlich, behaupten jene. Sie täten nichts zum Schutz der Sprache vor schädlichen Einflüssen, beklagen diese. Hinzu kommt der Vorwurf, der Verein sei nationalistisch unterwandert. Als Beleg dafür dient der Widerspruch zwischen Beiträgen und Leserbriefen in den vierteljährlichen Sprachnachrichten.

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Haken wir die politische Frage gleich ab. Ein Verein mit so vielen Mitgliedern wie der VDS bildet viele Milieus der Gesellschaft ab. Ein Beispiel: Horst Hensel, dessen Werk über Rosa Luxemburg untermauert, woher er kommt – vom linken Flügel der Arbeiterklasse. Der im Otto-Suhr-Institut gar nicht zu Wort kam, weil ihn die angehenden Wissenschaftler als Nazi im Visier hatten. Das muss man sich vorstellen: Er hadert mit der gängigen Sprachästhetik, das aber ist politisch nicht korrekt, der kann also nur reaktionär sein. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte einem solchen Versagen aller Denkfähigkeit gram sind. Und so finden sich unter den Mitgliedern auch Wähler der AfD, wie unanständig. Man sollte das Volk verbannen und sich ein neues suchen.

Da wird die Muttersprache munter mit dem Vaterland in einem Topf verrührt, ein Vorwurf den sich in der Umkehrung auch die VDS-kritischen Linguisten einhandeln. Wissenschaftlichkeit sieht anders aus, abwägend, abgeklärt gegenüber falschen Zungenschlägen aus den Niederungen des Volkes. Wenn Wissenschaftler vom Volk nicht verstanden werden, liegt es an ihrem rücksichtslosen, elitären Umgang mit der Sprache der Steuerzahler. Ein, zwei Scheibchen könnte man sich von der Einstellung amerikanischer Akademiker abschneiden, sie neigen dazu sich verständlich zu machen.
Wenn Beiträge und Leserbriefe ein verwirrendes Bild abgeben, belegt das die Meinungsvielfalt im Verein. Zwischen Sprachästheten und Anglizistenjägern herrscht ein fortwährender, auch hitziger Streit. Warum auch nicht? Dass Fremdwörter zur deutschen Sprache gehören, kann man auch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Dass von den Anglizismen zu viele nur unter Ausschaltung des Gehirns gedeihen, dürfte ebenso unstrittig sein. Was soll das, wenn eine vielgelesene EM-Teilnehmerliste alle Nationen auf Deutsch nennt, außer Germany? Hat das der Autor der Liste nicht bemerkt? So weit sind wir schon? Wollen Sie diesen Satz noch einmal lesen?

Der Verein Deutsche Sprache vermisst Beiträge der Linguisten, warum solcher Unfug mit der Sprache von über hundert Millionen Menschen geschieht, welche Folgen das zeitigt, wie man sich dazu verhalten könnte. Aber die Linguisten (alle, viele, einige?) beschränken sich darauf zu beschreiben, was ist. Bemerkt der Statiker Risse in der Autobahnbrücke, genügt nicht die Beschreibung des Übels, da erwartet der Bürger, dass Reparatur angestoßen wird. Der Vergleich ist keineswegs schief. In manchen Domänen haben wir unsere Sprache bereits aufgegeben, am schlimmsten sieht es in den Wissenschaften aus. Na und, dann reden wir eben Englisch! Eben nicht. Mit ihrem armseligen Englisch können deutsche Muttersprachler kaum über die Rampe bringen, was an ihrem Beitrag so wertvoll ist, wie sie darauf gekommen sind, was daraus zu machen wäre. Ausgerechnet die Wissenschaftler verwechseln gern ihre rezeptive Fertigkeit einen englisch verfassten Beitrag zu verstehen mit der produktiven Fähigkeit, Gleiches auf Englisch zu leisten.

Liebe Linguisten, hört die – sicher auch mal unsachliche – Kritik der Sprachbewahrer als einen Schrei um Hilfe! Sprache hat mit Denken zu tun, im wechselseitigen Einfluss. Über das Ausmaß lässt sich streiten, aber wir können nicht so tun, als habe es nichts zu bedeuten, wenn Schulabgänger einen ganzen Satz nicht mehr unfallfrei zu Ende bringen. Wie sollen sie in einer globalisierten Welt, wo bald alles digitalisiert ist (schon quellen ganze Häuser aus 3D-Druckern!), wenn das einzige nicht Digitalisierbare, das schöpferische Denken, in einem Sprachgebrauch versumpft, der bald nur noch zum Bierholen genügt?

Schwarzmalerei? Wie wäre es, wenn sich Linguisten darauf einließen, ihren Standpunkt den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache plausibel zu machen, und zwar in den Sprachnachrichten des Vereins? Sodass eine fruchtbare Debatte folgt, vielleicht sogar ein Meinungsaustausch: Ihr schätzt unsere Meinung, wir teilen Eure, wenigstens zum Teil? Wissenschaftsfeindlich ist der Verein Deutsche Sprache nicht, aber skeptisch, enttäuscht, allein gelassen mit einem Problem, das man ignorieren kann, aber davon geht es nicht weg. Die Linguistik müsste sich des Themas nur annehmen, sie würde sicher mit wichtigen Beiträgen brillieren können. Darauf hoffen die Sprachbewahrer: dass Wege aufgezeigt werden, wie man aus dem manchmal peinlichen Jammern zu nützlichem Handeln kommt. Linguisten, Ihr seid dran!

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Oliver Baer @ 19:06
Gespeichert in: Gesellschaft
Weiter geht es mit dem Schattenboxen

Beitrag vom 22 September 2016

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Englisch als erste Sprache der Europäer in Brüssel, Straßburg und Luxemburg wird überleben und sei es in den informellen Kanälen der kleinen Kameradenwege. Zumindest bleibt ihr globalesisches Englisch ein Störfaktor. Wer schreibt, der bleibt. Die meisten Vorlagen werden so formuliert und bestimmen schon deshalb den Verlauf der Debatte. Widerstreitende, überlegene Gedanken, die nur aus anderen Sprachen möglich sind, fallen auf keinen fruchtbaren Boden. Genau betrachtet, bewegt Globalesisch die Gemüter mehr als nötig, es gibt Wichtigeres. Würde es nämlich durch die französische Kanzleisprache oder das Amtsdeutsch abgelöst, das Hauptproblem bliebe bestehen: Sprache als Mittel zum Überleben geht uns nach und nach verloren.

Ja, zum Überleben. Worauf wir uns sprachlich einlassen, das ist, als würden wir zum Hundertmeterlauf in Gummistiefeln antreten. Als event mag so etwas lustig sein, aber Sprache ist das erste Werkzeug zum klaren Denken und zur fehlerarmen Verständigung. Ihr Missbrauch gehört ersetzt wie falsches Schuhwerk durch Läuferschuhe, Wanderstiefel, Strandlatschen.

Mit welcher Sprache hat uns denn die Mutter vertraut gemacht? Mit der Sprache, in der wir denken. Das gilt für uns alle – abgesehen von den Genies, aber sie sind kein Maßstab. Wer in zehn Sekunden hundert Meter zurücklegt, hat dafür lange trainiert (auch mit verbotenen Substanzen fällt nichts vom Himmel). Kein Wunder, dass sich die Muttersprache am besten eignet, sie hat uns schon im Mutterleib geprägt. Dass Denken und Sprache ursächlich verknüpft sind und einander bedingen, kann jeder selbst erleben. Versuchen wir einen komplizierten Sachverhalt von der Idee bis zur Schlussfolgerung in unserem Schulenglisch zu Ende zu denken, unseren Vorschlag auf Englisch zu verteidigen und gegen Widersprüche der Mitdenker auch noch zu bereichern. Wer das wirklich kann, hat viele (VIELE!), mindestens fünf Jahre in gebildeter Umgebung täglich nur Englisch gesprochen, fleißig Bücher gelesen und den Punkt erreicht, wo er auf Englisch denkt. So einer bewegt sich im oberen C2-Bereich des GER.

Das ist nun mal so, keiner muss deshalb das Gesicht verlieren. Warum sollten ausgerechnet Naturwissenschaftler und Ingenieure derart sprachbegabt sein, dass diese Beschränkung für sie nicht gälte? Leider lassen wir uns täuschen, wenn wir fremdsprachliche Texte lesend verstehen. Das ist nur ein Wiederkäuen der Gedanken anderer Leute. Hingegen eigene Gedanken in der fremden Sprache zu beschreiben, ist ein schöpferischer Vorgang, und den stemmen die meisten nicht, auch nicht Chefs und schon gar nicht die Benutzer des Euroglobalesischen.

Schlagen wir den Bogen zur Muttersprache: Mit unserem Englischwahn kreisen wir in einer Blase der Einbildung. Was Eurokraten zustandebringen, das sind durchweg formelhafte Wendungen, mit Sprachhülsen verfilzte Unsäglichkeiten. Für die Verwaltung mag das genügen (wirklich?). Für Geburt und Aufzucht von Problemlösungen gegen Finanzkrisen, Flüchtlingsdesaster, getürkte Militärputsche und für den Umgang mit Wählern, die ihre Stimme wie das Altpapier abgeben – dafür brauchen wir kreative Menschen, die zu neuen, eigenen Gedanken fähig sind. Weil das aber am besten, wenn überhaupt, in der Muttersprache gelingt, müssen wir Europäer endlich die Konsequenzen unseres Angloholismus ausdiskutieren. Das Ergebnis dieser Debatte dürfte die folgenden Komponenten enthalten:

Die Kinder, Schüler, Erwachsenen lernen als erstes ihre eigene Sprache bewusst zu verwenden. Auf dieser Grundlage lassen sich Fremdsprachen oberhalb des touristischen Gebrauchs erwerben. Dazu sollten wir mindestens zwei Sprachen der Nachbarn erwerben, Dänisch, Tschechisch, Niederländisch. Auch Englisch. Wir müssen sogar zweierlei Englisch unterscheiden. Die Kultursprache verwechseln wir nicht mit der Weltsprache; nennen wir diese Globisch, ein weltweit verständliches und korrektes, aber vereinfachtes Kulturenglisch. Es ist kein Pidgin. Zu erwerben sind ferner die Fachsprachen unserer Berufe, dazu mag das Euroglobalesische zählen – das wäre zu erörtern. Weder Globisch noch Globalesisch sind ein Ersatz für bewussten Sprachgebrauch, der uns weiterbringt.

Sodann benötigen wir viele gut ausgebildete, fleißige Dolmetscher und Übersetzer. Sie sind wichtiger als Autobahnkilometer. Sie müssen unsere muttersprachlich durchformulierten Gedanken angemessen übersetzen, und zwar ohne Mogelpackung, also nicht von Polnisch über Englisch zu Dänisch hinüber hangeln, sondern direkt. Nur dann schöpfen wir den Reichtum europäischer Vielfalt aus, sie ist unser großer Vorteil in einem Weltmarkt, wo uns grenzenloser digitaler Unfug überschwemmt. So eine Welt mag mit schlechtem Englisch als Weltsprache auskommen. Uns genügt weder die Sprache von Automaten noch der Schnack von Gartenzwergen.

Was also sollten sie in Brüssel sprechen? Wenn es – in Gottes Namen – eine Eurokratensprache sein soll, dann bitte jede beliebige, nur nicht das grauenvolle Englischderivat, mit dem ganz Europa eine Weltsicht aufgezwungen wird, die nicht einmal den Engländern passt, wie uns der Brexit zeigt. Wir Europäer verdienen einen neuen Ansatz, einen der Europa den Wählern wieder näher bringt. Einen Ansatz auf Grundlage der Muttersprachen, aller Muttersprachen.

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Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR; englisch: CEFR) […] ist eine umfangreiche Empfehlung, die den Spracherwerb, die Sprachanwendung und die Sprachkompetenz […] transparent und vergleichbar macht. Die Empfehlung wird für alle Teilqualifikationen (Leseverstehen, Hörverstehen, Schreiben und Sprechen) vorgenommen und ist in Form von sechs Kompetenzniveaus […] formuliert.

Kompetenzniveau A: Elementare Sprachverwendung — A1 Einstieg, A2 Grundlagen
Kompetenzniveau B: Selbständige Sprachverwendung — B1 Mittelstufe, B2 Gute Mittelstufe
Kompetenzniveau C: Kompetente Sprachverwendung — C1 fortgeschrittene Kenntnisse, C2 exzellente Kenntnisse

Die Stufen sind umfangreich beschrieben, (Zitate Wikipedia). Richtig zu verstehen ist Stufe C2. Sie ist nach oben offen, im unteren C2-Bereich gelten die Kenntnisse als annähernd muttersprachlich.

Oliver Baer @ 17:48
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Weshalb sich Selbsternannte selbst ernennen

Beitrag vom 22 September 2016

Anlass zum Sprachschutz finden „selbsternannte Sprachschützer“ jeden Tag. Die Anlässe entstehen wie auf einem laufenden Band. Es muss nur jemand vor Mikrofonen oder Kameras stehen, schon sondert er Unsägliches ab.

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran? (Bild ©Behland)

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran?

„Diese Anschläge sind erschütternd, bedrückend und deprimierend“, meint die Bundeskanzlerin. Unklar bleibt, welche Sprache sie verwendet. Sie hört sich an wie Deutsch. Schwächer als mit derart abgegriffenen Mittelwörtern könnte sie ihre Empfindung nicht darlegen. „Auf die Machenschaften dieser Täter fallen wir nicht herein!“ – Das wäre ein Wort gewesen, da hätte die Nation aufgehorcht: Merkel macht ernst! Lasst uns hinhören, gleich kommt eine Ansage!

Nichtssagung gelingt auch schriftlich, beispielsweise bei der Aufforderung zum Nichtrauchen: „Rauchen ist tödlich“. Dass es ungesund ist, bestreitet ja keiner. Aber tödlich? So weit es präzise Zahlen gibt: Etwa ein Drittel der Raucher stirbt vom Rauchen, zwei Drittel der Raucher sterben von etwas anderem. „Rauchen ist tödlich“ ergibt daher so viel Sinn wie „Heiraten führt zur Scheidung“, auch da soll die Häufigkeit bei einem Drittel liegen. Solche Sätze sind Unfug der Kategorie strong>Sprachhülsen, unglaubwürdig, mithin überflüssig, also schädlich, denn sie verleiten zum Weghören. Merke: Nur das Leben führt mit Sicherheit zum Tode. Wer den vermeiden will, sollte nicht erst geboren werden.

„Bullshit ist Gerede, bei dem der Sprecher sich nicht darum schert, ob es stimmt“, meint Harry Frankfurt. Wenn aber keiner mehr zuhört, erübrigt sich die Sprache. Genau das soll die Sprache der Mikrofonbenutzer bewirken. Vertraut uns, wir werden es schon richten. Ach ja? Viele Modewörter fallen in dieselbe Kategorie: Commitment, Infotainment, Roadmap, Shitstorm, Smart Data, Work-Life-Balance. Bei diesen Wörtern steht „der alsbaldige Gebrauch eindeutig vor dem Nachdenken über die richtige Verwendung.“ (Danke, Joachim Kronsbein für diese schöne Formulierung).

„Sprache ermöglicht hochdifferenzierte Mitteilungen“ (Danke, Georg Schramm). Wo diese ausbleiben, fühlen sich Sprachschützer zum Widerstand berufen. Überhaupt gilt die Frage: Müssen Sprachschützer überhaupt ernannt werden? Von wem? In Frankreich gibt es die Académie Française, ihr Ziel ist die „Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“. In Deutschland müssen wir uns selbst kümmern, uns selbst ernennen. Das muss so sein, denn „ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“ (Danke, Element of Crime). Es muss nun mal ein paar Leute geben, die den Gartenzwergen in die Kniekehlen treten. Also, liebe selbsternannte Kritiker der Sprachschützer: Falls sich der VDS umbenennt in „Selbsternannte Sprachschützer e.V.“ – was dann, wäret ihr sprachlos?

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Oliver Baer @ 16:52
Gespeichert in: Gesellschaft
Spottolski wirft für Englisch

Beitrag vom 5 Juli 2016

Trabbel mit den Akzenten: Für die Angelsachsen sind Fremdsprachen echt schlecht. (Bild © Baer)


Spottolski, der kaum katholische Kater, vormals Marketingexperte, dann Politiker, dann wieder nicht, wirft sich für die Wertmarkigkeit der englischen Sprache in die Waagschale. Gleich nachdem sich der Brexit bis zu ihm durchgesprochen hatte, beendete er die Belagerung der Eisdielenmieze und kreuzte in der Redaktion auf. Zum Entzücken der Volontärin – ältere Leser erinnern sich, die mit dem Rock und den Beinen – wo waren wir? Ach so, die hat er spontan eingespannt, sie solle mal notieren, was er kundtut.

Und hub der Kater an, Englisch als fortzuwährende Amts- und Arbeitssprache der EU zu verteilen, Quatsch, verteidigen. Will sagen, die soll bleiben. Warum? Weil erstens, dozierte Spottolski, weil erstens die englische Sprache total demokratisch sei und überhaupt sei das mühelos zu begründen: „Englisch ist total klassenorientiert. Wer Latein kann, versteht den Arzt. Wer nicht, der nicht. Da weiß man doch, und das ist Demokratie.“

Den wallenden Widerspruch der Kurzberockten winkte er sogleich durch: „Jetzt nicht! Das muss raus.“ Englisch sei auch voll integrativ. Die englischen Universitäten verlangen keine Kenntnis von Fremdsprachen mehr. Da kommt also jeder rein, demokratisches Klassenbewusstsein vorausgesetzt, aber das hatte die Berockte bereits auf dem Block.

„Die Engländer haben genug Ausländer – ich sage nur ein Wort: oberschlesische Jobschmarotzer, die den Einheimischen allen Ehrgeiz auf ehrliche Arbeit nehmen – sind wir schon bei Zweitens? Gut so, genug Ausländer, die schon Fremdsprachen können.“ Da sehe man wieder, was das bringt: Fremdenhass. Daher Englisch.

Die Sprache der Briten, fuhr er fort, sei vorzuziehen, da sie als Lernvorbild für alle anderen stehen. Wer? Die Briten. Keiner lerne so gründlich seine Muttersprache wie sie. Da könne man sich eine Scheibe von abdingsen. Dass die Engländer keine andere Sprache drauf haben, sei kein Chauvinismus, da müsse mal Tacheles gebügelt werden: Schlechtes Englisch für alle! Na bitte.

„Reicht das?“ schrie Spottolski, er habe zu tun drüben hinter der Eisdiele. „Halt!“ fügte er hinzu: „Das AAA Rating ist schon mal weg.“ Schnell warfen wir die Frage ein, er war schon fast zur Tür hinaus: Was das mit der Eurosprache zu tun habe? „Keine Ahnung, aber es macht was her.“ Sprach’s und verschwand. Und stand gleich wieder da: „Die Antwort ‚Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf.‘ kommt auf Englisch doppelt so stark rüber. Wetten?“ Das müsse man nutzen. Und verschwand – nicht. Er guckte noch einmal zur Tür herein: „Das sind narzisstische Psychopathen. Der nächste ist Donald Duck. Ich muss jetzt weg. God save the Whatsit!“

Oliver Baer @ 14:56
Gespeichert in: Spottolski
Blödsinn vom Böhmermann

Beitrag vom 1 Mai 2016

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Nichts gegen derbe Sprache, nichts gegen anzügliche Texte, nichts gegen schmähende Gedichte, alles zu seiner Zeit an seinem Platz! Aber mir kocht die Frage hoch, ob zur Kunst alles zählt, was uns so einfällt, wenn der Tag lang ist? Bis auf die eine Begründung – sonst fällt mir keine ein –, dass wir alle die Freiheit einfordern, unsere Meinung zu äußern, und sei es künstlerisch, o Graus.

Nur diesen Wunsch hat Böhmermanns Text mit der Ausübung von Kunst gemeinsam, sonst nichts. Schon gar nichts mit Kunst zu schaffen hat der Präsident unseres NATO-Partners Türkei. Er treibt sich auf jeder Baustelle herum, wo ihn eine Kamera beim Absondern von Phrasen abbilden kann. Merke: Ob sich jemand beleidigt fühlt, zu Recht oder nicht, mag mit allerlei zu tun haben, nur nichts mit der Kunst.

Frühzeitig erfuhren wir: „Das war nett, mein Junge und es reimt auch so schön, aber weißt du, es dichtet nicht.“ Ab wann ein Text dichtet? Da tut sich eine Grauzone auf. Aber nur weil etwas grau daherkommt, erklär ich nicht alles Graue zur Kunst. Böhmermanns Schmähtext ist geschmacklos. Schon die Mohammedkarikaturen enttäuschten mich: Als Satire waren sie beinahe gelungen. Beinahe. Oder muss ich nun jeden Furz, sobald ihn ein Satiriker lässt, als grundgesetzlich schützenswert zur Kenntnis nehmen? Da stelle ich andere Ansprüche, und ich weiß, wovon ich rede; mir ist selber schon so manche Satire missraten. Hinsetzen und neu schreiben! Kein Fuchteln mit der Kunstkeule wird den Text retten! Selbst auf einem Meinungsknopf lässt sich Satire tiefer, bissiger, giftiger rüberbringen als in den Reimen des Böhmermanns.

Auf der Bühne wie angesengt zu schreien ist kein Ersatz für das Sprechen, und schon gar nicht wird Kunst daraus, wenn kein Wort zu verstehen ist. Es gälte denn das Motto: „Die Sprache ist der Tod des Theaters“ (O-Ton aus einer deutschen Theaterprobe). Oder aus dem Blickwinkel des Geldes: Wenn Beyoncé 250 Millionen Dollar schwer ist, mag davon eine Million zur Kunst gehören, weiß der Geier, nehmen wir es mal an, aber die übrigen 249 sind Anmache, Sex und Geschäft. Nichts dagegen, alles paletti, aber Kunst? Sonst müssten wir – mit den wenigen gelungenen, den wirklich schätzenswerten Grafitti – sämtliche Klosettschmiererein auf diesem Planeten zur Kunst zählen. Böhmermanns Verse sind plakativ, nicht satirisch. Zur Satire gehört Können, das erkenne ich hier nicht. Zur Satire gehört Sprache, um die muss man sich bemühen.

Sprache ist kein Lebewesen, gegen Missbrauch kann sie sich nicht wehren. Verantwortung für ihren Gebrauch trägt jeder. Da darf er gern auch mal scheitern, aber seid so nett: Probiert es wenigstens und erklärt nicht gleich jeden Reim zum Gedicht, und nicht jede Beleidigung zur Kunst.

Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:23
Gespeichert in: Gesellschaft
Sprache sollte auch etwas nützen

Beitrag vom 1 Mai 2016

Nichts bildet das Gehirn so vielseitig aus wie die mit demselben Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

Nichts bildet ein Gehirn so vielseitig aus wie die mit dem Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei“, so Kurt Tucholskys trockenes Urteil über großstädtisches Geschwätz. Aber seien wir gerecht: Schon in der Muttersprache gelingt gute Verständigung nur mühsam. Derweil verbreitet Facebook die Illusion, ein Smiley hätte einen kommunikativen Nutzwert. In solchem Gelärme kann man zum Trend erklären, was auch ohne Alkohol im Kopf Geschwätz bleibt: Englisch als Amtssprache.

Wer wäre mal so nett, den Trend zum Englischen zu bitten, dass er einen Augenblick innehält! Der Trend möge kurz Atem holen, damit wir uns auf Wolf Schneiders Definition besinnen:
Information heißt nicht: „Ich will etwas mitteilen“,
nicht einmal: „Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen“,
sondern: „Ich bin verstanden worden.“

Recht hat Schneider, denn was nützt es, wenn einer sein Maul aufmacht, aber nicht einmal einen Widerspruch provoziert: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich sehe das anders!“ Nötig wäre, dass das Gesprochene und Geschriebene einen Sinn ergibt, den es zu verstehen lohnt und, dass da eine Bereitschaft zum Zuhören besteht. Und diesen Mangel an Verständigung nun auf Englisch zelebrieren? Nehmen wir spaßeshalber die wichtigste Voraussetzung als gegeben an: Dass alle Betroffenen ausgezeichnetes Englisch beherrschten. Das müssen wir annehmen, denn eine Art Kiezenglisch reicht vielleicht zum Rappen, aber nicht zum Regieren, Verwalten, Organisieren und Erledigen.

Nehmen wir es an, trotzdem würde Englisch als zweite Amtssprache mehr schaden als nützen. Den Grund versteht, wer schon im Wörterbuch die peinliche Entdeckung macht, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Übersetzung in seinem Falle zutrifft. Selbst die pfiffigste Software wird an den Feinheiten scheitern. Es ist nun mal so: Oft besitzen anscheinend identische Begriffe im Deutschen und Englischen stark abweichende Bedeutungen.

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit bilden das europäische Koordinatensystem, dennoch ist nicht gesichert, dass jeder dieser Begriffe in den Landessprachen der EU genauso interpretiert wird wie im Deutschen. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik in Jena.

Bleiben wir bei Deutsch und Englisch. Nicht nur die Rechtsordnungen unterscheiden sich fundamental. Schon bevor die Sache dem Richter vorliegt, verstehen ein Brite und ein Deutscher nicht dasselbe unter anscheinend identischen Begriffen. Etwa beim Begriff der Gerechtigkeit. Im Englischen stehe mit justice vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, erklärt Rosemarie Lühr. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen.“ Liebe Leser, diesen himmelweiten Unterschied mit einem Achselzucken abzutun, wäre kein Leichtsinn, das wäre Blödheit.

Da möchte sich der Bürger, dem keiner die Kenntnis solcher Feinheiten abfordern darf, an einem Geländer festhalten, und das ist nun mal die Muttersprache. Intuitiv verlässt er sich darauf, dass die Muttersprache auch Landessprache ist. Zwar haben wir in Deutschland auch Minderheitensprachen, offizielle wie inoffizielle. Sie sollen zu ihrem Recht kommen, aber das Rückgrat der Verständigung im Lande muss die Landessprache sein. Sie hat zumal dort zu gelten, wo es kompliziert wird: auf Ämtern, vor Gericht, im beruflichen Alltag, im Verbraucherschutz, um nur einige Bereiche zu nennen, wo wir die Menge der Missverständnisse nicht noch vermehren möchten, indem wir Englisch, ausgerechnet Englisch zur zweiten Amtssprache erklären.

Warum ausgerechnet Englisch nicht? Das ist doch die Weltsprache? Eben deswegen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das mag genügen, wo es nicht anders geht. Im eigenen Lande muss sich der Bürger zuhause fühlen können. Hier können wir voneinander verlangen, dass sich jeder auf die Bedingung besinnt: Information heißt: „Ich bin verstanden worden.“ Sonst war sie überflüssig.

Falls die Menge der überflüssigen Texte und Reden weiter zunimmt, hätten wir ein Problem. Wir haben es bereits. Die etablierte Politik führt keinen Dialog mit den Wählern, die Reaktion ist an den Wahlergebnissen abzulesen. In dieser Lage Englisch als Amtssprache zu fordern, ist ein Ablenkungsmanöver ohne den geringsten Nutzwert, aber mit hohem Schadenspotenzial.


Zu diesem Thema gibt es vom Autor noch einiges mehr zu lesen: Von Babylon nach Globylon. Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:20
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Fetziges über Pegida

Beitrag vom 4 März 2016

Also, cari amici miei, die Ihr mich bedauert, weil ich in Dresden lebe (und ob ich nicht auswandern möchte?): Vor über einem Jahr habe ich mit Aussagen über die Pegida mein Renommee riskiert. Sie beruhten auf eigenen Beobachtungen. Mitunter begreift einer am Ort des Geschehens die Fakten schneller als die Routiniers in den Redaktionen.

Über die besorgten Freunde mokierte ich mich, weil sie alle Pegidisten am liebsten zu einer braunen Masse verrühren. Ich hatte hier behauptet, die Mehrheit dieser Leute seien keine Nazis, auch Islamhasser vermutete ich nicht in der Mehrheit. Hallo Querleser: Islamhasser und vom Islam Verängstigte sind nicht identisch, kapiert? Danke. Nun stellt sich heraus, wie genau meine Beobachtungen stimmten.

Wen die Tatsachen aus der Bahn werfen, kann auf die folgende Lektüre verzichten. Die Lernfähigen finden die Pegidastudie von Professor Werner Patzelt hier: die Zusammenfassung der Ergebnisse über den einjährigen Beobachtungszeitraum, ferner die detaillierten Präsentationsfolien und die Fragebögen. Und falls hier jemand mitliest, der eine solche Untersuchung von vornherein ablehnt, und dann noch von Patzelt: Wir verabreden uns dann mal im Dresdner Alaunpark, jeder bringt seine eigene Pegida mit, die malen wir dann in vielen schönen Wachsfarben aus. Einverstanden?

Hier nehme ich Professor Patzelt in einem Punkt vorweg, obwohl er diesen Begriff nicht verwendet: Die meisten Pegidisten sind offenbar Wendeverlierer. Wenn überhaupt, kommen sie nicht vom rechten Spektrum, und dass „Die Linke“ dabei sei, haben auch schon andere berichtet. Nur das Ausmaß überrascht – eigentlich nicht. Dem ukrainischen Journalisten Viktor Timtschenko verdanke ich übrigens diese passende Beobachtung: Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, Agoraphobie die Angst vor weiten Plätzen, Xenophobie ist Fremdenfeindlichkeit. Nanu?

Auch nicht so ganz typisch für die Karoo (Bild: ® Goldblatt)

Übrigens, cari amici: auswandern wohin? Nach Trump-Disneyland, in das Zuma-Paradies oder gar Mugabes Schlaraffenland? Apropos „Lügenpresse“ (ein Wort aus der Kiste der Geschmacklosigkeiten), obwohl: Die Kiste daneben ist auch nicht blütenrein: Bartholomeus Grill hat neulich im Spiegel nach dreißig Jahren in Afrika am Beispiel Robert Mugabes zugegeben, dass er nun anfängt zu kapieren, wie Afrika wirklich tickt. Eine Woche später folgte auf Spiegel Online einer seiner typischen, radikal einseitig verfassten Beiträge über Südafrika. Tja, Herr Grill, mal abgesehen von Ihrem BILD-Niveau: Ich habe nur vier Jahre gebraucht, bis ich (als Europäer in Afrika) anfing über südafrikanische Probleme die Klappe zu halten.

Offenbar verdienen auch die seriösen Medien einiges, was man ihnen vorwirft. Was nicht nur Pegidisten fuchsig macht, ist journalistische Arroganz. Sie ist kein bisschen wertvoller als der Hass, der den Medien entgegenschlägt. Aber ihr, liebe Freunde aus dem Westen und aus Dresden, Spottolski wünscht euch Friede in allen Eierkuchen, und ihr dürft ihn besuchen, er hat noch was in petto.

Oliver Baer @ 15:58
Gespeichert in: Gesellschaft
Ich bin stolz

Beitrag vom 4 März 2016

Auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, erwiderte Bundespräsident Gustav Heinemann: „Ich liebe meine Frau.“ Das überrascht manche Bürger bis heute. Dabei hatte der Weise recht, er achtete auf den Wortsinn.

Plattheiten sind im Deutschen nicht nötig, wir bezeichnen Dinge anders, die anders sind. „Ich liebe mein Land“, klingt als ob da einer falsch singt. Mit Liebe meinen wir im Deutschen das Verhältnis von Menschen zueinander. Ich liebe meine Mutter, meine Enkel, meine Frau, möglicherweise auch meine heimliche Geliebte. Die Behauptung, dass ich meine Balkonnachbarin liebe, wie sie da nackt sonnenbadet, klingt schon einen Halbton zu hoch.

Noch Verliebtheit oder schon Liebe? (Bild ©Baer)

Wir sind pingelig, von der Liebe unterscheiden wir die Verliebtheit. Diese verliert sich, es kann Jahre dauern, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Die Liebe hingegen schlägt nicht ein wie der Blitz. Liebe wird erarbeitet, erneuert, genossen, vor allem wird sie gepflegt, ein Leben lang.

In der englischen Sprache ist der Umgang mit dieser Aufgabe anscheinend frivoler. Englisch erlaubt einen freieren Gebrauch des Wortes, auf die Gefahr des platten Umgangs mit der Bedeutung. Wenn McDonalds sagt: „I love it!“, ist das nach unserem Sprachgefühl Quatsch mit Soße. Eine Boulette lieben, wie denn das? Umso schwieriger wird es für den Engländer zu klären, was er meint: Liebt er die Nachbarin wie einen Hot Dog, oder wie Pippa Middleton in der Ferne des Internets, oder liebt er sie weniger als die Frau im Ehebett? Das ist im Englischen schwieriger auseinander zu halten als im Deutschen, außer in Hollywoodfilmen, da wird alles geloved.

Auf dünnes Eis lockt der Patriot: „Ich bin stolz auf mein Land.“ Halt mal, Stolz worauf? Stolz auf die Dichter und Denker, auf die Erfinder und Unternehmer? Ich für meinen Teil habe dazu nicht viel beigetragen und bei dem bisschen etwas bin ich genau darauf stolz, mehr nicht. Wird Jogi Löws Truppe Weltmeister, brülle ich Juhu, ich gebe auch einen aus, aber Stolz? Der steht dem Jogi zu, er hat etwas dafür getan, dass „unsere Jungs“ wussten, was zu tun ist.

Falls es dennoch Stolz auf die Leistung anderer gibt, dann nur im Bündel. Zum Beispiel ich wäre nicht, wer ich bin, ohne Schillers Briefe zur Ästhetischen Erziehung, ohne Bismarcks Diplomatie, ohne Schumanns Klavierquintett, ohne die Farben Emil Noldes, ohne Wilhelm Busch und Loriot. So bewege ich mich in der Kultur der Deutschen. Als Franzose stünde mir Marcel Pagnol näher, als Engländer Henry Fielding. In eben dem Maße, wie ich ein Miteigentum am kulturellen Erbe der Deutschen beanspruche, mag sich Stolz in mir regen. Zugleich aber zählt zu diesem Erbe ein früherer Bundesminister, der angesichts des sauren Regens verkündete, dann werde man eben „säureresistente Bäume“ züchten; zum Erbe zählt ein General Falkenhayn, der ohne den geringsten militärischen Sinn das Massaker um Verdun entfesselte, und dazu zählt ein Postkartenmaler aus Braunau am Inn, der eines Tages beschloss Politiker zu werden.

„Also Herr Notar, dann machen wir es doch so: Ich nehme das Erbe an, diesen Teil mit Schiller und Schumann, nur den Rest, mit dem Hitler und Verdun, den können sie entsorgen!“ – Kann er nicht. Der Versuch sich aus der Geschichte davonzustehlen, käme einer Amputation der Wirbelsäule gleich. Ist nicht.

Also, den Stolz auf Deutschland gibt es nicht wie am kalten Buffet: beim Lachs nachfassen, die Gürkchen weglassen. Da verdirbt mir nicht nur der Falkenhayn den Appetit. Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte: Hängen wir die Sache um vom falschen Nagel auf den Haken, wo sie hingehört: Seien wir stolz auf unseren Umgang mit der Muttersprache, indem wir sie mit Umsicht und Zartgefühl, mit Freude und Geist anwenden, also nicht zum Herumgrölen. Das wäre eine Leistung, alle Achtung.

Oliver Baer @ 15:33
Gespeichert in: Gesellschaft
Sprache mit der Mistgabel verwechseln

Beitrag vom 25 Februar 2016

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ (Loriot) (© Bild Behland)

Über Frau Merkels Fehlgriffe kann man streiten. Mit „Volksverräterin!“ ist jedoch eine Grenze überschritten. Solche Worte sind wie der erste Schlag einer Kneipenprügelei. Angefangen haben allerdings die Politiker, sie reden offenbar in der Gewissheit, was sie sagen, habe eh nichts zu bedeuten.

Angela Merkel (CDU) trägt eine Mitschuld: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt.“ Franz Müntefering (SPD) hält es sogar für „unfair, wenn wir an den Wahlversprechen gemessen werden.“ Hoppla, woran denn sonst? In der repräsentativen Demokratie ist der Wähler nur alle paar Jahre gefragt. Ausgerechnet dann darf man ihn belügen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ sagte eben dieser Müntefering. Was immerhin ein konsequenter Standpunkt wäre. Wer es jedoch damit ernst meint, müsste auch die Arbeitsplätze garantieren, und weil das offenbar nicht so einfach geht, kommt Münteferings Zungenschlag ziemlich zynisch rüber.

Perfekten Vertrauensverlust in die Politik besorgte einst Sozialminister Norbert Blüm (CDU): „Eins ist sicher: die Rente.“ Dabei war ihm bekannt, dass die Altersbezüge an das Gehalt gebunden sind. Nanu? Eins und Eins macht Drei? Schwer zu übertreffen war auch Walter Ulbrichts Klassiker: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“ Da hat er seine Glaubwürdigkeit glatt aufs Spiel gesetzt.

Dass Helmut Kohl (CDU) versprach die neuen Bundesländern „in blühende Landschaften zu verwandeln“, kann man noch verstehen. Er ahnte nicht, was er redet. Bemerkenswert die Haltung seiner Experten, die es besser wussten – und so ganz demokratisch die Klappe hielten. Apropos Haltung: Borniertheit ist mit Dummheit gepaarte Arroganz. Hart an der Grenze bewegte sich der Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD), als er 1976 versicherte: „Atommüllbeseitigung ist technisch gelöst.“ Na, Gott sei Dank!

Beenden wir die Sammlung mit einem Klops aus höchstem Munde: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das geht hier nicht als Rechtschreibfehler durch, Herr Wulf. Sicher gehören die Muslime, die wir riefen, zu Deutschland, auch die Flüchtlinge, die wir aufnehmen, gehören zu Deutschland. Bevor jedoch der Islam zu Deutschland gehört, werden ein paar Jahrhunderte vergehen und dann wird er so bedeutungslos sein, wie sich die christlichen Kirchen bis dahin ihrerseits demontiert haben.

Das Recht die Sprache zu missbrauchen, beansprucht offenbar nur, wer glaubt, dass die Geräusche nichts ausmachen, die aus seinem Gesicht quellen. Dann hätte er besser geschwiegen. Wer erwartet, dass er die Sprache wie eine Mistgabel schwingen darf, soll sich nicht über Pegida wundern, über den Hass im Internet, den von jedem Denken befreiten Umgang mit der Sprache, den er selber gesellschaftsfähig gemacht hat.

Merke: Umsonst gibt es nichts, jeder Folge geht Ursache voraus. In der Demokratie hat der Wähler den Anspruch, ernst genommen zu werden. Andernfalls, warnte Kurt Tucholsky, „unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind!“ – übrigens ein Linker, der die deutsche Sprache trotzdem zu schätzen wusste, wie auch Bertolt Brecht. Tja, dann müsst ihr mal nachschlagen, wer diese Leute waren!

Oliver Baer @ 11:58
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Vorschlag zur Gendergüte

Beitrag vom 25 Februar 2016

Dass di der Teifi hol! (© Bild Behland)

Gesteuerter Sprachgebrauch im Sinne der sprachsensiblen Gleichstellung verändert die Sprache. Das ist gewollt und es wirkt. Über die ästhetischen und politischen Aspekte lässt sich streiten. Schwerer wiegt hier der Umgang mit der Wirklichkeit, der das angesagte Ziel verfehlt, dabei etwas Wichtiges zerstört.

Dass grammatisches und biologisches Geschlecht verwechselt werden, liegt im Interesse der genderbewegten Sprachveränderer. Dass die Verwechslung einem Denkfehler entspringt, gilt als verpönter Einwurf. Sprache werde ohnehin dauernd manipuliert, das müsse – zu einem ausnahmsweise guten Zweck – dann auch mal statthaft sein.

Das kann man so sehen, vorausgesetzt wir nehmen die Kollisionen mit der Wirklichkeit in Kauf. Verwirbeln wir Fragen der Gleichstellung mit Fragen des Sprachgebrauchs, geraten wir in einen Kategorienstreit, und solcher ist bekanntlich unlösbar. Ein plattes Beispiel: Vermengung der Kategorien träte ein, wenn auf dem Fußballplatz nach den Regeln des Kegelns gepfiffen würde.

Sprache dient als Medium und Werkzeug zum Denken. Wer seine Sprache abstumpft, nimmt ihr die Schärfe, Klarheit und Fülle zur Formulierung von neuen, schöpferischen Gedanken, die übrigens im eigenen Gehirn Synapsen bilden müssen, damit sie etwas nützen. Dass vom Binnen-I über Passivsätze bis zur Doppelnennung die Sprache immer sperriger wird, kann ernsthaft keiner bestreiten. Die Folge ist zunehmende Verflachung des Denkens, Verdummung, Versklavung.

Tatsächlich wird nicht nur das Denken behindert, in Frage steht auch der Nutzen für die Gleichstellung. Je stumpfer die gegenderte Sprache, desto abgestumpfter die Wahrnehmung solcher Rede durch Leser und Zuhörer. Wer binnen Sekunden dreimal „die Kolleginnen und Kollegen“ erwähnt, erreicht vor allem eines: Unsere Aufmerksamkeit lässt nach, hinhören lohnt nicht mehr, da ist das Geschehen auf dem Flachfon spannender als der immer gleiche Sermon. Zu Ende gedacht: Das erzwungene Bekenntnis zur sprachlichen Sensibilisierung verpufft nicht nur zum Lippenbekenntnis, es wendet sich in seiner Wirkung gegen den ursprünglichen Zweck. Wenn aus Radfahrern Rad fahrende werden, wie soll man die Verfasser der Straßenverkehrsordnung noch ernst nehmen?

Versuchen wir einen Brückenschlag zwischen den Kategorien. Feministen beklagen, dass etwa die Funktionsbezeichnungen auf Männer verweisen, nur bei Diensten auf Frauen: die Krankenschwester gegenüber dem Doktor. Tatsächlich gelten der Schreiner, der Zählerableser, der Psychopath, der Armleuchter als Männer. Bliebe es bei der hergebrachten Ausdrucksweise, seien die Frauen immer bloß mitgemeint.

Was anscheinend so logisch daherkommt, ist aber geschwindelt. Dass Frauen nur mitgemeint seien, ist kein linguistisches Argument, sondern ein biologistisches. Linguistisch spielt es nämlich keine Rolle, wer mit der, die oder das gemeint ist: Biologisch mag es wichtig sein, linguistisch ist unerheblich, ob das Mädchen sächlich ist. Mitgemeint sind stets sowohl Frauen wie Männer. Dass nur Frauen mitgemeint seien, ist also eine ziemlich unfreundliche Zwecklüge. Geht es um die Wahrheit, muss also das Mitgemeintsein linguistisch nicht mehr zurechtgegendert werden. Man glaubt ja fast schon selber, es handle sich beim Lehrer um einen männlichen Beruf (real sind 90 Prozent Frauen). Manches muss man nur oft genug behaupten, dann wird es geglaubt.

Dennoch bietet sich ein Kompromiss sogar aus linguistischer Sicht an. Besinnen wir uns erstens auf die biologische Geschlechtslosigkeit der grammatischen Bezeichnung, so können wir zweitens sämtliche Erweiterungen ausmerzen, die auf das biologisch weibliche Geschlecht verweisen. Dann gibt es keine Sekretärinnen mehr, keine Präsidentinnen, Faschistinnen, Narzistinnen, Pfarrerinnen. Dann lautet die korrekte Anrede „Frau Präsident!“ und „Sehr geehrte Ehebrecher und Ehebrecherinnen!“ benötigt ja keiner. Tatsächlich brauchen wir das /in/ nur, wo es genannt sein muss, etwa in der Tarifverhandlung: „Gleicher Lohn nun auch für die Laborantinnen!“

Zugegeben, gewöhnungsbedürftig ist die Umkehr zur Vernunft schon, aber auch unendlich viel praktischer als mit aller Gewalt zum Sportwart die Sportwartin zu erfinden. Auch werden wir viel Sprachunfug los: „Frauen sind die vernünftigeren AutofahrerInnen“. Auch Kollateralnutzen hat der Vorschlag: Es muss nicht jedesmal „Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten“ gesagt werden…

In Wirklichkeit nähern wir uns abseits der genderbedingten Sprachmanipulation mit Riesenschritten der Emanzipation der Geschlechter. Wie schön! Verschonen wir die Sprache, wir brauchen sie in bester Verfassung zur Behandlung völlig ungelöster Probleme, zum Beispiel: Wie geht es weiter, wenn in Arabien und Afrika das Grundwasser erschöpft ist? Streben dann die überlebenden fünfhundert Millionen in das gemäßigte Klima zu uns?

Oliver Baer @ 11:57
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Deutsch als nichttariffäres Handelshindernis

Beitrag vom 25 Februar 2016

Der Verein Deutsche Sprache und der französische Sprachverein Avenir de la Langue Française fordern die Regierungen und Parlamente ihrer Länder auf, ihre nationalen Sprachen und Kulturen nicht dem Freihandels­abkommen TTIP zu opfern. „Wir haben nichts gegen den einfachen Austausch von Waren und Ideen, aber unter dem Druck eines schranken­losen Marktes fürchten wir die Abwertung unserer Sprachen zu ’nicht­tarifären Handels­hindernissen'“, erklären die beiden Vorsitzenden, der Dortmunder Wirtschafts­professor Walter Krämer und der Ex-Diplomat Albert Salon. Der Zwang zur globalen Einheits­sprache Englisch sei in TTIP zwar nicht offen ausgesprochen, aber implizit eingebaut.

Offenbar glauben die Amerikaner, dass die Sonne durch ihr Gesäß leuchtet (Bild © Behland)

„Bücher, Filme und Theaterproduktionen sind keine beliebig reproduzierbare Massenware“, erklären die Vorsitzenden darüber hinaus. Europas Bürger wollten ein Abkommen, das Kulturgüter nicht so behandelt wie Autoteile, Fleischwaren oder Staubsauger. Beide Vereine erinnern daran, dass im Oktober 2005 die Mitgliedstaaten das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt mit überwältigender Mehrheit bei nur zwei Gegenstimmen, darunter die USA, unterzeichnet haben. Die USA haben damals schon eine Sonderrolle für die Kultur abgelehnt.

Soweit die beiden Sprachvereine. Dass die USA die Sonderrolle der Kultur nicht begreifen, bedeutet ja nicht, dass es dort keine Kultur gäbe. Wir kennen glänzende Orchester und sie überleben in den USA, obwohl die Kunst den Staat nichts angeht. Aber wenn die Amerikaner nicht einmal ahnen, dass wir manches anders sehen, und aus guten Gründen, dann gibt es nur eines: an dieser Stelle unbedingten Widerstand leisten. Sie ist nicht die einzige Position im TTIP, die den Beweis liefert, dass wir keine Wahl haben als abzulehnen, wohlgemerkt mit einem „Nein!“, keinem „No!“ Das Gleiche gilt für das Abkommen mit Kanada.

Oliver Baer @ 00:03
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Lobender Zwischenruf

Beitrag vom 10 Februar 2016

Ausnahmsweise hier der Hinweis auf eine Buchrezension über meinen Anteil an einem Buch:

Rezension in der Zeitschrift Flüssiggas Nr 1 2016


Energieexperten sind die anderen Autoren, ich verantworte die Sprache. Der Rezensent sagt: „Eine für wissenschaftliche Publikationen überraschend verständliche Beschreibung erleichtert die Beschäftigung mit der komplexen Thematik …“ – das ist schönstes Lob für mich. Falls also jemand sein Fachgebiet ähnlich behandelt lesen möchte: Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme: courriel (dann der Klammeraffe, gefolgt von)oliver-baer.de.

Oliver Baer @ 15:18
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Spottolski und das Antlitz der Frau

Beitrag vom 8 Februar 2016

Romantiker wähnen sich bereits an der Grenze, auf Waffen wartend (© Behland)

In Spottolskis Herz ist bekanntlich Platz für jede Menge Miezen. Neue Leser bitte Obacht geben: Er stammt aus der Familie der Felidae, er sitzt herum, wenn er keine Miezen betreut und er hat eine Meinung, oder mehrere. Sein neues Steckenpferd sind Miezengesichter, die Sorte Visage, auf der man Nüsse knacken kann. Kennt man ja, Margaret Thatcher hatte so eine (die mit dem Bügeleisen in der Handtasche), Imelda Marcos (die mit den tausend Paar Schuhen) – ja Kinder, da müsst Ihr mal gugeln: Frühgeschichte, das europäische Paläozen (20. Jh.); sonst heißt es nachher, Spotto sei ein Lügenpresser.

Übrigens, dass es keine Irrtümer gibt: Lächeln können sie alle. Aber das können sogar Psychopathen, sie täuschen es sogar besonders geschickt vor. Wo waren wir? Ach ja, hierzulande hatte Spottolski schon immer die Altmeisterin aller Gewichtsklassen Alice Schwarzer im Auge, aber mit ihr wird er nicht warm. Vergewaltiger verleumden, nun ja, Kunststück (Verleumdung musst du oft betreiben, es wird dann schon was hängen bleiben) und die Frauen in ihrer Redaktion piesacken, wenn sie keine Lesben sind, kann man machen, aber na und. Selbst ihr Umgang mit staatlichen Ansinnen (sie möge doch ihre Steuern zahlen) gibt nichts her. Unter uns: Die Schwarzer ist einfach zu nett.

Höher in Spottolskis Kurs steht Erika Steinbach, klassischer Fall, sie ist der Nussknacker schlechthin. Es genügt eine Haselnuss mit dem Foto der Steinbach zu konfrontieren, schon bricht die Schale. Das weiß man in Deutschland zu schätzen. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Es fehlte bisher der Gegenpart, und den haben die Polen nun ins Amt gehievt: Beata Szydło, die neue Chefin (ist an der Regierung in Warschau beteiligt). Innenseiter sagen ihr nach, sie knacke einen ganzen Korb mit Nüssen ohne hinzuschauen, er muss nur vor dem Bildschirm stehen. Vorteil Szydło. Klarer Fall: Die Steinbach lässt nach, wir brauchen Verstärkung.

Dafür bot sich bereits Beatrix von Storch an, war aber auch nix; schlagseitiger Leerschwatz genügt für die Sammlung nicht. Dann schon Maria-Elisabeth Schaeffler, diese Unternehmerin lobt Spottolski ausdrücklich. Sie müsse nur noch das Sanfte aus der Mimik merzen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwähnt. Die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat Spottolski bei Sarah Wagenknecht, vor deren Liebreiz jeder Blumenstrauß abnickt. Aber auch sie reicht, streng genommen, nicht an die pernsionierte Steinbach heran.

Was er mit seiner Sammlung bezwecke, unterbrechen wir Spottolski bei der Arbeit. „Nichts, in erster Linie gar nichts.“ Warum dann das ganze, setzen wir nach, das sei doch sinnfrei! „Ja eben!“ entgegnet er und fängt an zu fuchteln: Das sei wegen dem Internet, die Verschwörungen, die Therapien zur Verschwörung. Theorien, wenden wir ein, und wegen des Internets. „Sag ich doch,“ blafft er. „Wenn das Theorien wären, könnte man sie studieren, diskursiv zerlegen und wieder zusammensetzen“, schreit er. „Was jedoch weder beweisbar noch widerlegbar ist, ist der reine Schwachsinn.“ Und das gelte im übrigen für 88,37 Prozent des Internets. Die Zahl hat er bei mir abgeschrieben.

Er hat irgendwie Recht. Gerald Hoffnung hatte in den fünfziger Jahren ein Zeichen gesetzt und alle Arten von Sauerkraut gesammelt. Trotzdem folgten darauf die Sechziger. Spottolski ließ sich transpirieren, wie er behauptet und hat das Sammeln von Quark probiert; die Bestände hat er beizeiten mit einer Shortposition im Markt plaziert. Ferner beobachtet er Nachbars Sohn, der heftet bereits seine elfundneunzigste Stellenbewerbung ab. Wenn das nicht sinnfrei sei! brüllt er. „Apropos Sauerkraut“, flicht Spottolski ein: „Sauer einstampfen kannste, was die Pegida sagt und genau so was ihre Gegner zur Flüchtlingskiste absondern und in Form von öffentlichen Lügen abpressen lassen.“

So fällt endlich das Stichwort. Was er von Frauke Petry halte, fragen wir. Da leuchten seine Augen. Na endlich, eine Frau mit Steiß! Alle Welt fällt über sie her, dabei hat sie bloß geäußert, wovor sich die Politrambos drücken: „Wie schließt man eine Grenze? Mit Stachelbeeren? Mit heißer Luft aus Kreuth?“ Oder (schlage ich vor) nach dem Vorbild des kulturbeflissenen schlesischen Gauleiters: Der hat im Endkampf um Breslau 1945, bevor er sich mannhaft aus dem Staub machte, Folianten aus der Breslauer Universitätsbibliothek auf die Straße kippen lassen, als Bollwerk gegen die sowjetischen Panzer. Der hatte wenigstens Phantasie, der Mann.

Stellt euch das konkret vor, sagt Spottolski: Da kriecht im Gebüsch diese syrische Mutter mit ihrem kleinen Ali und der kopfbetuchten Leila, typisch Teenager. Mit einer MP wird dieser Grenzabschnitt von Frauke Petry bewacht, er liegt bei Sebnitz, weiß der Geier, wie sie dahinkommt, wahrscheinlich mit dem Bus. Die Syrerin schleicht sich heran, gleich überschreitet diese muslimische Sozialschmarotzerin samt ihrem Sippengesindel die Grenze, kein Zweifel, Frauke Petrys Leben ist bedroht, unmittelbar gefährdet von einer islamistischen Invasorin, aber Frauke ist bereit, sie wird ihr Leben sowie das Vaterland teuer verkaufen, klar doch. Sie legt den Finger an den Abzug, sie schaltet den Verstand aus. Da, die Sau tritt über die Grenze mit ihren Ferkeln; Frauke drückt ab, natürlich nicht auf das Kleinkind. Das ist verboten, kommt nicht in Frage.

„Die Frau hat recht!“ ereifert sich Spottolski. Das muss mal gesagt werden dürfen: Wer nicht bereit ist, das Leben von Flüchtlingen auszuknipsen, und zwar höchstpersönlich beim Dienst am Grenzzaun, der darf zum Thema Obergrenze erst mal den Mund halten. Bis ihm was Intelligenteres einfällt. Insofern führt nun die Petry als Nussoberknacker die Spitze der Tabelle an, da kann die Steinbach einpacken, wir haben die Weltnussmeisterin, habemus nucem mundi.

„Wollt ihr die totale Nuss?“ schreit Spottolski. „Jawoll!“ brüllt der Nachbar, aber das war wegen unserer Handballer im Fernseher, die haben gerade in Sydney den Poetry Slam gewonnen. Ist doch gut, wenn man Internet, wie sehen Sie das?

Oliver Baer @ 17:22
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Nibelungentreu in den Krieg ziehen

Beitrag vom 2 Dezember 2015

Wem gehört es, wer treibt es, wessen Hund bewacht es? Klar ist nur eines: Das Schaf sind wir (Bild: © Behland)

Der Pariser Regierungselite fällt als erstes und einziges ein, was gegen den Terrorismus noch nie funktioniert hat: den Krieg erklären – man achte auf die Wortwahl! Gleich besinnt sich die Berliner Regierungselite auf die urgermanische Tugend der Nibelungentreue: Wenn unsere Freunde Mist bauen, bleiben wir nicht außen vor, wir mischen mit.

An die Front gegen den Daisch gehört aber Intelligenz, nicht gepanzertes Material. Leider sind Denker dieser Tage weniger sexy als Rambos. Sonst hielten wir nämlich inne, bevor wir entlang der Wortwahl mit unseren Taten den Terroristen in genau die Falle laufen, die sie uns gestellt haben. Schon haben sie es geschafft, dass Millionen Europäer die Flüchtlinge für Terroristen halten.

Sind wir bereits digital dement, oder kann es noch schlimmer werden? An der Sprache sollt ihr sie erkennen. Liebe Leser, gesucht wird auch mit Ihrer Hilfe eine Wortneuschöpfung mit der Bedeutung «von Anfang an zum Scheitern verurteilt». Damit ausnahmsweise wieder die Wahrheit gilt.

Oliver Baer @ 11:13
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Spottolski, Pegida und Kopftuch

Beitrag vom 23 November 2015

„Chef“, sagt Spottolski von der Fensterbank her. „Chef, die Miezen da drüben, die meiden unseren Garten. Sie sagen, du wärst ein Pegidaversteher, igitt.“

„Deine Miezen? Können wohl kein Deutsch,“ sage ich und weil er so verloren dreinschaut: „Eifer ist kein Ersatz für klares Denken.“ Da guckt Spottolski noch nicht klüger. „Verstehen kann man mit billigen eigentlich nicht verwechseln!“ füge ich hinzu.

Verstehst du das, Suli? Zuerst waren sie Flüchtlinge, weil hier dauernd geschossen wird. Dann erzählt ein Schlaumeier, hier wär alles ruhig, eigentlich sei Syrien wie Sylt, nur billiger, und mehr Dünen. Nun sind sie auf einmal Terroristen, auch die Kinder – das müsste man ihnen doch ansehen. Suleika, schau mal, schauen die aus wie na du weißt schon? (Bild: © Behland)

„Ach so“, mimt Spottolski den Klügeren, der bekanntlich nachgibt, „und was du gegen das Kopftuch hättest, möchten sie wissen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Die Miezen sagen, das Kopftuch tragen sie zu Ehren des Christkindes.“

„Und die Weiber im Westen tragen Bikini zu Ehren des Papstes.“

„Das hat doch damit nichts zu tun!“ wirft Spottolski ein.

„Du sagst es. Mit dem Kopftuch halten die Männer in rückständigen Gesellschaften ihre Frauen an der kurzen Leine.“ Spottolski schaut drein, als wollte er „Wa?“ sagen.

Er sagt: „Wa?“

„Wie bescheuert du gucken kannst!“ sage ich. „Sobald eine Frau ihre Haare öffnet, bestimmt sie das Geschehen. Da kommt der Mann nicht mehr mit, die Frau ist ihm erotisch einfach überlegen. Das wissen die Imame.“

Spottolski blickt sparsam drein, bei seinen Miezen ist das natürlich ganz anders. Ich fahre fort: „Das kann man verstehen, die Männer möchten im Bett eine Schlampe und im übrigen soll sie sich mit keiner eigenen Meinung einmengen. Solange sich die Frau verhüllt, ist sie gefügig, das Signal ist deutlich. Die entsprechenden Vorschriften haben mit dem Islam so viel zu tun wie Tangas mit dem Evangelium. Übrigens hat auch der Islamismus mit dem Islam nicht viel zu tun.“

„Warum lassen sich die Frauen darauf ein?“

„Sie fallen auf einen Trick herein.“

„Ein Trick zum Unterdrücken der Miezen? Lass hören, erzähl!“

„Ein ideologischer Doppelpass. Die Männer behaupten, Allah wünscht, dass sie sich verhüllen mit der Burka, dem Kopftuch – das ist in jedem islamischen Land anders –, und zugleich haben sie festgelegt, dass Frauen zu einer anderen Auslegung des Korans nichts, aber auch gar nichts beizutragen haben – Querpass zurück, Schuss, Tor! Eine lupenreine Erfindung zur Demütigung der Frauen.“

„Und was tut Allah?“

„Wer weiß? Wahrscheinlich wundert er sich, was sich die Weiber bieten lassen in seinem Namen, und solange sie nicht von selber aufmucken, tut er sowieso nichts.“

„Chef, und du muckst auf gegen die Pegidanichtversteher? Wer hilft dir dabei, die Grünen?“

„Die sind ja nun auch unwählbar geworden. Schau dir dieses Bild im SPIEGEL an: ‚Tu was gegen Rechts! und Pegidaversteher.‘

„Stimmt doch, sogar die Rechtschreibung, beinahe.“

„Enthält aber zwei Denkfehler. Spotto, du bist doch sonst nicht so dösig. Was tut der Kommissar, damit er dem Täter auf die Schliche kommt? Er sucht ihn zu verstehen. Sonst stochert er mit der Stange im Nebel herum.“

„Und worin stocherst du?“

„In der Pegida. Da gibt es – außer ein paar Nazis und einer Handvoll Leute, die sich bei dem Wort Islam spontan in die Hose scheißen – eine Mehrheit von Leuten, deren Sorgen und Ängste ganz normal sind: Denen macht die Politik deutlich, dass ihre Sorgen unbegründet sind. Das sind sächsische Nichtwähler und die haben haufenweise Gründe, die ihnen keiner glaubhaft und arroganzfrei widerlegt.“

„Verstehe“, sagt Spottolski, „und die lockt man zur Wahlurne, indem man sie beschimpft. Genial.“

„Das geht so: Fünfzig Prozent der Wähler sind Nichtwähler, die sind blöd, überhaupt ist das Wahlvolk – Schwamm drüber -, es weiß nicht, wo es langgeht, da kann man die Wehrlosen ruhig mal ausgrenzen. Übrig bleibt das wohlige Gefühl ein besserer Mensch zu sein, wenn man auf andere herabblicken kann.“

„Und das soll ich jetzt meinen Miezen ausreden?“

„Kannste vergessen. Sag ihnen, dein Chef spinnt, ist aber harmlos, fast harmlos. Halt, warte mal!“ Ich schaue meinem Spottolski in die Augen. „Fordere sie mal auf ‚Tu was gegen rechts‘ zu ersetzen durch einen Satz mit dem Wort für.“

„Warum? Wie zum Beispiel?“

„Zum Beispiel: ‚Für ideologiefreie Bildung!‘ – Schule ohne Moralkeule würde den Sumpf Rechtsaußen binnen einer Generation trockenlegen. Weil sie dann selber denken müssten, die Lehrer und die Schüler. Aber ‚Tu was gegen Rechts!‘ brüllen ist bequemer. Da muss im Gehirn nicht eine Synapse zur Teilnahme bewegt werden.“

„Chef“, sagt Spottolski, „sag mal was Nettes zu meinen Miezen!“

„Wie denn? Reicht es nicht, dass ich mit meinem Kater rede, als ob … Na gut, sag ihnen, ich spendiere eine Büchse Thunfisch für den besten Für-Satz.“

Oliver Baer @ 19:56
Gespeichert in: Spottolski