baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Es spielt doch eine Rolle

Beitrag vom 14 April 2014

Wenn zwei Dinge weder dasselbe noch das Gleiche sind (© Fotolia)

Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir eine Sache benennen und welche Wörter wir uns verkneifen. Wie Jürgen Trabant ausführte [1], ist es nicht das Gleiche, ob uns eine Person als Freiheitskämpfer oder als Rebell vorgestellt wird.

„Das kann man nicht vergleichen!“ klingt hohl. Der Satz enthält so viel Kalorien wie: „Nachts ist es kälter als draußen.“ Wer A und B für unvergleichbar hält, musste zuerst was tun? Er musste A und B nebeneinander stellen und vergleichen, sonst hätte er zu seinem messerscharfen Schluss nicht gelangen können, dass man A mit B nicht vergleichen könne. Gemeint hat dieser Hohlsprecher etwas anderes: Man könne A mit B nicht gleichsetzen. Tatsächlich sind vergleichen und gleichsetzen nicht das Gleiche, und woher wissen wir das? Indem wir die Bedeutung der Wörter nebeneinander … wie gehabt, siehe oben!

Wer das Wort gleichsetzen aus seinem Wortschatz streicht und vergleichen sagt, wo gleichsetzen korrekt wäre, der halbiert an dieser Stelle sein Denkvermögen. Vergleichen brauchen wir zum Überleben: Zielt dieser Kerl mit der Stange auf meinen Kopf oder will er bloß den Mond weiterschieben – gehe ich in Deckung oder lade ich ihn zu einem fidelen Bierchen ein? Wer sich verbietet, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins und Maos zu vergleichen, dem fehlt die Erkenntnis, dass auch Pol Pot in die Kategorie „Massenmörder“ gehört: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat er mehr Menschen auf dem Gewissen als die anderen Verbrecher. Wir aber lassen solche Leute an die Macht kommen, lassen uns von ihnen täuschen, wir lassen ihre Massaker zu, und hinterher behaupten wir einfach, das könne man alles nicht vergleichen. Sehr praktisch.

Gut ist auch der „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“. Anlässlich Obamas Besuch mussten die Dresdner Bürger hinnehmen, dass die Stadt weitgehend stillgelegt wurde; die Gullideckel waren verschweißt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet, alle hielten den Atem an: Der ist bald wieder weg! Als hingegen Putin zuletzt in Dresden war, begrüßten ihn zwar Dresdner Bürger mit „Mörder“-Rufen (wegen der Journalistin Politkowskaja). Trotzdem verließ er am Morgen sein Hotel, spazierte gut zwei Kilometer durch die Altstadt, überquerte lose aufliegende Gullideckel und kehrte bei einem Bäcker ein. Ungezählte Dresdner haben ihn erkannt: “Hier liest Putin bei Kaffee & Schnecke die Morgenpost”. Will sagen: Einem Vladimir Putin droht man nicht, dazu hat der Mann zuviel Courage. So einem schlägt man sofort auf die Nuss, oder man lässt es bleiben; man steht nicht herum und bemüht sich gefährlich dreinzuschauen. Am besten, man überlegt sich etwas Klügeres als Gerede, dessen Hohlräume dem Gegner bekannt sind.

Nach Jahren einer sagenhaft ungeschickten Russlandpolitik seitens der EU, der NATO, der USA und ihrer eigenen Regierung haben viele Deutsche das Recht, die Weisheit der Oberen zu bezweifeln. Ob sie selber klüger wären, sei dahingestellt, aber diese Bürger als Versteher zu verunglimpfeb, ist ganz einfach saudummes Zeug. Derartige Sprachregelung dient nur einem Zweck: Es gibt Gedanken, die dürfen uns gar nicht erst kommen, und wenn, sollen wir uns wenigstens schämen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Versteher? Kann ich mich in den Kerl mit der Stange hineinversetzen? Wenn nein, sollte ich die Straßenseite wechseln. Was die Sprachregler meinen, ist etwas anderes: Sie möchten nicht, dass wir Putins Verhalten billigen, rechtfertigen, unterstützen. Dann sagt es doch, ihr Lautsprecher, statt mit amputiertem Wortschatz euer Denken zu beschränken!

Übrigens: Äpfel und Birnen sind Obst.


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[1] Feige Rhetorik, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014_blank

Oliver Baer @ 21:17
Gespeichert in: Gesellschaft
Schlimmer als die verpatzte Energiewende

Beitrag vom 7 April 2014

very strong engländisch (© Behland)

Wie Zocker verspielen wir eine Ressource, ihr Verlust wird uns teurer zu stehen kommen als die verpatzte Energiewende.

Unsere Enkel werden fragen, warum wir die Muttersprache nicht auf dem Niveau hielten, das die deutschen Nobelpreisträger (darunter viele Juden) des vorigen Jahrhunderts verwendeten. Was wir unternahmen, damit nicht jeder fünfte Jugendliche schon sprachlich am Fahrkartenautomat versagt. Warum Wissenschaftler in schlechtem Englisch statt zuerst in gutem Deutsch publizieren. Die Antwort: Wir ließen zu, dass die Muttersprache mit dem Vaterland zu einem Eintopf verrührt wird; der schmeckte braun, da fraßen wir lieber junk food aus Amerika.

Was wir mit Englisch anstellen, eignet sich zum Blödeln, nicht aber zum Denken. Gerade die deutsche ist eine jener Sprachen, die einen zum genauen Ausdruck ermuntern. Sie schubst, zügelt, quengelt: „Sag, wie es ist!“ Damit einher geht das klare Denken. Man kann in jeder Sprache Flugtechnik so beschreiben, dass die Flieger nicht vom Himmel fallen, in manchen aber geht es besser. Das beweisen die synoptischen Texte des Normenausschusses Luft- und Raumfahrt. Aus seinen Arbeitstreffen berichtete Gerhard Junker: „Das Ergebnis war stets: Kürzester Text war der englische, aber selbst die sprachstolzen Franzosen befanden: Der beste Text ist der deutsche.“

Das hat nichts mit Nationalismus, sondern mit Eigenschaften der Sprachen zu tun. Das Englische eignet sich zur leichtfüßigen Verständigung; deshalb ist es – trotz der vertrackten Rechtschreibung – die Weltsprache; für diesen Zweck wäre das Deutsche zu sperrig, besserwisserisch, es bremst die Verständigung. Andererseits kann man im Englischen mühelos zehn Minuten schwafeln, bis die Hörer merken: Der sagt ja nichts! Auf Deutsch wäre der nach einer Minute entlarvt.

Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen, es gibt Werkzeug für diesen oder jenen Zweck. Deutsch müsste eine bevorzugte Sprache der Wissenschaften sein. Akademiker fallen lieber auf die Behauptung herein, dass die Weltsprache dem Austausch von Wissen am besten diene. Solchen Unfug nennt man Monokultur, das Gegenteil von geistiger Vielfalt. Zudem beherrscht weltweit nur eine überschaubare Zahl von Akademikern so gutes Englisch, dass mit Amerikanern ein Austausch auf Augenhöhe gelänge. In dem frommen Glauben, das alles geschähe folgenlos für ihre Wissenschaft, formulieren sie holpriges Englisch. Ihre deutsche Terminologie verarmt und die Zusammenhänge radebrechen sie. Das Volk, das sich bei dieser geistigen Auszehrung der Restsprache bedient, hat zur Lösung der Weltprobleme bald nichts mehr zu bieten als eine verlängerte Werkbank.

Schuld an dieser Misere tragen nicht nur die Grünen und Linken, die nicht begreifen: Die geistigen Ressourcen zählen zu den endlichen Rohstoffen, sie müssen ständig erneuert werden. Wer glaubt, die Sprache „entwickle sich vonselber“, verhält sich wie der Faulpelz, der seinen Garten sich selbst überlässt: Sieger ist das „Unkraut”. Schuld tragen indes auch die Sprachschützer, denen der Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland ebenso wenig einleuchtet. Sie machen Sprachpflege zu einer deutschnationalen Angelegenheit, so als würde unsere Muttersprache nur in Deutschland gesprochen. Nebenbei: Die Sprache der Nazis war kein gutes Deutsch, sondern ein Gruselsurium der Aufgeblasenheit, auf die man hereinfiel, statt die Unwörter zu jäten.

Dass es bei liederlicher Sprache mit dem Denken bergab geht, ist in den Gesprächsforen des Internets zu besichtigen: Leere im Hirn, Mangel an einfachster Logik und Verfall der Sprache treten gemeinsam auf. Dagegen hilft, liebe Leute auf der Linken, auch nicht Euer geliebtes Englisch. Warum? Weil Schrumpfenglisch nicht genügt und gutes Englisch nur auf Grundlage der gepflegten Muttersprache gedeiht. Das zu kapieren kann so schwer nicht sein…


Der verstorbene Dipl.-Ing. Junker war Gründungsmitglied des Vereins deutsche Sprache

Oliver Baer @ 14:39
Gespeichert in: Gesellschaft
Auge um Auge

Beitrag vom 19 März 2014

Sprachfreunde lassen grüßen: Wie schön, dass wir euch nicht mehr ertragen müssen!(© Behland)

Heute wird mal nachgetreten, zwar freudlos aber gleich zweimal, da sich zwei Gegner der gepflegten Muttersprache in die Bedeutungslosigkeit verabschieden.

Der erste Fall betrifft Sebastian Edathy, aber nicht wegen der Sache, die ihm politisch das Genick gebrochen hat. Da er sich beklagt über die kalte Schulter, die ihm die SPD bietet, erinnere ich mich an eine TV-Runde, wo Edathy „Deutsch ins Grundgesetz!“ routiniert abwimmelte. Bekanntlich darf man auch über Deutsch als Landessprache verschiedener Meinung sein. Edathy aber vergriff sich gleich dreimal: Im Ton, der war anscheinend sachlich (anmaßend); in der Wahl seiner Argumente (längst widerlegt); und er vertat sich in der Temperatur (eisig). Bestens bekannt ist diese Kombination von der Blasiertheit der Politiker, die „keinen Handlungsbedarf erkennen“ und nie auf das Argument eingehen, sondern nur eines tun, das aber geübt: den Gegner mundtot machen. In der Erinnerung aus der Gesprächsrunde (s.unten) bleibt die Eiseskälte des Abgeordneten Edathy. Vielleicht erntet er von seiner Partei nur, was er auch dort gesät hat?

Der andere Fall betrifft Alice Schwarzer, deren Steuerprobleme hier ohne Belang sind. Wolf Schneider zählt sie zu den Persönlichkeiten, die den größten Einfluss auf die deutsche Sprache ausgeübt haben (neben Martin Luther und Konrad Duden). Um die Sprache geht es ihr aber nicht, sie missbraucht sie als Werkzeug (genau wie die Politiker). Auch das Schicksal der Frauen kümmert sie nicht, sonst wäre ihr Feminismus kein Krieg, sondern eine Annäherung zum friedlichen Ausgleich, also ein Erfolg. Was will Alice Schwarzer? Sie will piesacken, manipulieren, Macht ausüben, das hat sie selber vielfach bewiesen. Falls Sie das nicht glauben, schauen Sie doch genauer hin.

Was man statt mainstream gendering tun könnte, um zu einem – für Alle erfreulichen – Erfolg zu kommen, hat in einem Beitrag über Frau Schwarzer so wenig zu suchen wie eine Anleitung zum Getriebewechsel. Das sag ich als Sohn einer alleinstehenden Mutter, die zur Kontoeröffnung eine Erlaubnis ihres Mannes vorlegen sollte, und als Ehemann einer Frau, deren alleinstehende taubstumme Mutter sich genauso wenig unterbügeln ließ. Der bleibt unser Blick auf Schwarzers missratenen Feminismus recht nüchtern. Tragisch: Solcher Unfug entfremdet die Sprache von ihren Sprechern (zu Fuß Gehende statt Fußgänger). So viel Machtausübung stand dieser Frau nicht zu. Und Zigtausende, die unseren Müttern nicht das Wasser reichen könnten, sind der Schwarzer nachgelaufen. Na, vielleicht hat sich das endlich erledigt.


Die Diskussionsrunde im Fernsehen: Deutsch ins Grundgesetz – Überflüssig oder überfällig?, Phoenix Runde, 17.11.2010, Anne Gesthuysen diskutierte mit Prof. Monika Grütters (CDU), Sebastian Edathy (SPD), Wolf Schneider (Journalist und Sprachkritiker), Rudolf Hoberg (Gesellschaft für Deutsche Sprache).

Oliver Baer @ 19:05
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Für Nachäffer kaum geeignet

Beitrag vom 16 Januar 2014

Null Bock auf politisch korrekte Poesie (© Behland)

Gutmenschen in Parteien, Gewerkschaften, Schulbehörden und Universitäten verachten die Sprache, in der Karl Marx schrieb, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Stefan Heym, Jurek Becker, Christa Wolf, sowie Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer und Rafik Schami.

Im kleinen Kreise fragt eine junge Dame, deren Glas selten nachgefüllt wurde, ob der Diskus, dem sie da beiwohnt, irgendetwas mit etwas anderem zu tun habe: Hat die deutsche Sprache irgendetwas mit Deutschland zu tun? Die Antwort erfahren wir von den Einwanderern aus Anatolien und Andalusien. Sie merken schon am Tag ihrer Ankunft: Für den täglichen Umgang eignet sich die Landessprache, nur sie ist das Medium, in dem die Eingeborenen aus Augsburg und Aachen miteinander sowie die Einwanderer untereinander verkehren. Deutsch ist natürlich politisch total unkorrekt, die Sprache der Nazis, es ist schon kaum unglaublich, was sich diese Ausländer leisten.

Politisch korrekt ist, dass Eingeborene die Einwanderer als Nomaden bezeichnen, als “Menschen mit Migrationshintergrund”, als würden diese fortwährend migrieren. Guckstuhier: Immigration ist Einwanderung, Emigration ist Auswanderung; demnach wäre ein Migrationshintergrund? Richtig, ein nomadischer. Fremdwörter verwechseln und Deutsch verachten – das kann heiter werden!

An den Schulen wird nämlich immer mehr Englisch unterrichtet, gestrichen wird bei den Deutschstunden. Dabei bestreitet kein Pädagoge: Sämtliche Fächer, von der Mathematik bis zu den Fremdsprachen, lernen die Schüler auf welcher Grundlage am besten? Richtig, auf Grundlage der Muttersprache, auch wenn das einer politisch korrekten Minderheit nicht in den Kram passt: Das ist nunmal Deutsch, nicht Englisch, nicht einmal Türkisch. Deutsch ist beides: Muttersprache und Lingua franca.

However, dear friends, in diesem Lande gibt es welche, die mit Deutsch viel anfangen: sie zählen zur Poetry-Slam-Szene. Da gehen Sie als Purist natürlich nicht hin, wasndasfürnwort! Schade, dabei ist es die letzte Bastion der Muttersprachler, die auf Deutsch noch Neues schöpfen, und sich mit Fremdwörtern auskennen. Wie kommt es zu dieser Wiederentdeckung unserer Sprache? Wollten diese Wortkreativen dasselbe so geistreich und so zügig auf Englisch über die Rampe bringen, müssten sie es drauf haben wie Shakespeare himself, sie müssten native speaker sein, nicht Nachäffer seiner Sprache. Poetry Slam gelingt in der Muttersprache und nur dort. Also, liebe Spracherhalter, gehet hin und mehret Eure Kenntnis! Vielleicht begegnet Ihr denen von der Schulbehörde. Sonst müssten wir diesen ans Herz legen: Wenn Euch das Deutsch so ekelt, seid standhaft: Sprecht Euren Gutmenschen-Bullshit auf Englisch, aber tut es bitte fehlerfrei, if you don’t mind!

Grübelanstoß: Zum Jahresende 2013 enthielt die Wikipedialiste der auf Deutsch schreibenden türkischen Schriftsteller 267 Autoren.

Oliver Baer @ 14:30
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Politiker im Internet: willenlos

Beitrag vom 20 August 2013

Wer ist noch wählbar? (Bild: Fotolia)

Meine Website wurde wiederholt böswillig attackiert und zeitweilig lahmgelegt. Das geht zur Zeit vielen so, meist kleinen Betreibern, die wichtigeres zu tun haben als ihre WordPress-Software alle Nase lang gegen solche Angriffe zu immunisieren.

Also selber schuld? Ich bin solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Kriminelle und Geheimdienste haben freie Bahn. Ist bei der Regierung der politische Willen wahrzunehmen, dass sie ihre Bürger vor solchem Ungemach künftig schützen werde? Ihr fehlt der Wille. Auch das Vermögen, das Netz ist für sie „Neuland“, darauf ist Frau Merkel sogar stolz.

Die Opposition ist keinen Deut besser. Man könnte den Eindruck gewinnen: Im Netz ist bald nur noch willkommen, wer so flach wie Facebook daherkommt oder wer für befreundete Geheimdienste arbeitet (oder beides).

Bedenkt man den Aufwand, mit dem unsere Telefonate, SMS, Mails usw. den Spionen überlassen werden, sieht man eine Schieflage, die offenbar keiner mehr korrigieren möchte. Falls demnächst vom Internet nur Facebook und Google übrigbleiben, dazu der Schwachsinn von den Parteien, verliere ich mein Interesse am Netz. Dann wird es wieder Samisdat geben – alles schon dagewesen.

Oliver Baer @ 21:41
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Dafür gibt es kein deutsches Wort

Beitrag vom 20 August 2013

Den wo es nie gab, den gibt es doch. (© Behland)

Zur Rechtfertigung eines Fremdwortes sticht das Argument immer: „Dafür giiibt es echt kein deutsches Wort, giiibt es wiiirklich nicht!“ Sogar gestandene Sprachbewahrer gehen ihm auf den Leim, wenn auch mit verdrossenem Schweigen.

„Der shitstorm habe eine Benennungslücke gefüllt“, erklärte der Germanist Michael Mann schon 2012 […]. „Das heißt, es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet.” (Welt vom 15.8.13). Recht hat er, tagsüber scheint die Sonne, nachts nicht. Aber nun aufgewacht! Dass es kein deutsches Wort gebe, ist als Argument nicht falsch, es ist nur saublöd. Für eine neue Sache, für einen neuen Begriff gibt es kein Wort, kann es nicht geben, denn das Ding ist ja neu. Sieh mal an!

Das ist immer so, in jeder Sprache. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn das Neue aus einem anderen Kulturkreis stamt und sein dort geprägtes Wort zu uns mitbringt, wie die Jeans aus Nordamerika. Bei Karstadt und Kaufhof gab es ab 1958 Hula-Hupp-Reifen, eine anscheinend hawaiianische Erfindung, die den Lesern heutzutage als hoola hoop bekannt sein mögen. Nun ja, früher hat man Lehnwörter noch willkommen geheißen und sie eingebürgert, sprich eingedeutscht, wie sich das unter zivilisierten Menschen gehört.

In Wirklichkeit gibt es Reifen dieser Art seit Jahrhunderten, da waren bäuchliche Rotationen aus Hawaii noch unbekannt. Das Wort hoola hoop hatte ein Geschäftsmann zwecks Vermarktung seiner Plastikringe erfunden (apropos auf den Leim gehen). Das erinnert an den Weihnachtsmann. Den gibt es zwar nicht, aber seit Coca Cola ihn als Geschenkeanschlepper in Ferrari-Rot bewirbt, glaubt alle Welt an den Weihnachtsmann statt sich, was richtiger wäre, an Nikolaus von Myra zu erinnern, der übrigens tatsächlich gelebt hat.

Müssen wir auf jeden Verkäuferschnack hereinfallen? Jetzt fehlt nur noch, dass wir das total uncoole Wort Hähnchen durch McNuggets ersetzen. Sollte es sich bei einem neuen Wort aus den Vereinigten Staaten ausnahmsweise nicht um einen Trick aus der Marketingkiste handeln, sondern um eine wichtige Neuschöpfung wie den stalker, gäbe es indes folgendes zu bedenken, und das ist der Zweck dieses Artikels:

Eine Sprache der wir es nicht mehr erlauben, für den stalker ein Wort aus dem eigenen Schatz der Erbwörter zu bilden, weil wir uns zuerst bei einer anderen Sprache umsehen, liebe Leser, von so einer Sprache kann man eines nicht mehr behaupten: dass sie noch lebe.

„Dafür gibt es kein Wort im Deutschen“ taugt nicht als Argument zur Verteidigung von Lehnwörtern. Man könnte es auch umdrehen und als Aufforderung verstehen: Hier ist etwas Neues, finde dafür das angemessene Wort! Den stalker gab es nämlich auch im Englischen nicht. Es gab das stalking, so nennt man, was der Jäger mit dem Hirsch anstellt: ihm nachstellen. Für den neuen Straftatbestand der fortgesetzten Belästigung gaben uns die amerikanischen Wortschöpfer mit dem stalker eine klassische Steilvorlage für den Direktschuss auf das Tor: stalking = nachstellen, also stalker = Nachsteller. Falls jetzt noch einer einwendet: „Aber das gibt es tatsächlich nicht im Deutschen!“ soll er ruhig beim Weiterlesen die Augen fest geschlossen halten.

Linguisten verweisen gern auf die Regeln, nach denen jede „lebendige“ Sprache neue Wörter bildet. Damit haben sie völlig recht, und das enthält auch, dass man sich in anderen Sprachen umsieht. Peinlich wird es nur, wenn die deutsche Sprache keine Wörter mehr bilden darf. Hierzulande ist der stalker schicker als der Nachsteller. Was ist so schick am stalking? Die Steilvorlage haben wir in ein Eigentor verwandelt, wider alle Vernunft. Der Bundestag hat immerhin noch das Wort Nachsteller in den Gesetzestext aufgenommen. Die Medien und mit ihnen der Volksmund bleiben beim stalker. Beispielsweise der Bericht des SPIEGEL über die Geiselnahme in Ingolstadt enthält den stalker zweimal, stalking dreimal, nachgestellt einmal.

Na und, das darf er doch? Macht nur weiter so. Wenn euer Deutsch nur noch zum Bierholen genügt, und auch euer Englisch zu nichts Besserem taugt, ist es zu spät. Nur die Hochsprache enthält Terminologien für alle Bereiche des Lebens, vom Alltag bis zur Forschung. Armselige Sprache erlaubt kein reichhaltiges Denken.

Ach ja: Statt shitstorm hätte man “Scheißsturm” sagen können. Das ist genauso schön oder auch bescheuert wie die englische Vorlage.

Oliver Baer @ 21:20
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Wat von Jupp nit mehr kommt

Beitrag vom 2 August 2013

Ausnahmsweise ein Nachruf. Josef Braun, der seinen fünfunddreißigtausend intimsten Bekannten nur als Jupp Braun bekannt ist, steht mir zum Blödeln auf Rheinisch nicht mehr zur Verfügung. Gestern ist er in seiner Wahlheimat Helsinki gestorben. Von ihm stammen buchstäblich Hunderte von Quellenhinweisen, denen ich nachgegangen bin für Von Babylon nach Globylon. Ich weiß von Keinem, der ihn von Nahem gesehen hat, wir alle kannten ihn über das Internet und per Telefon. Manche vermisst man besonders stark, ihn noch etwas mehr.

Oliver Baer @ 18:54
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Because we are such English canners

Beitrag vom 2 Juli 2013

Die alternativlose Klarheit der Wahrnehmung (© Behland)

Im Streit was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg für die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn man schaute genauer hin. Sprachen sind kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schläge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt.

Der SPIEGEL hatte über das Treiben der Landesbank Berlin (LBB) mit einem amerikanischen Kunden in Kalifornien berichtet. Er ist ein Erfolgsmensch aus der Wirtschaft, verheiratet mit einer Deutschen, und auf Englisch so gut zu Fuß, wie es von einem Muttersprachler zu erwarten ist. Den Internetzugang zu seinem Konto hatte die Bank lange Zeit nicht auf die Beine gestellt, bis dahin verkehrte man miteinander per E-Mail. Möglich ist ja vieles, man muss es nur wollen, und ein bisserl vorsichtig bleiben. Ungewöhnlich ist nur: Die Bank ließ sein Konto von Betrügern nach und nach leerräumen. Wie das? Nun, die Betrüger hatten sie ganz feundlich – ebenfalls per E-Mail – dazu aufgefordert.

Die Verkehrssprache zwischen den Gaunern und der Bank war Englisch, genauer ein dürftiges Englisch, die Korrespondenz strotzte nur so von Fehlern. Die Bank überwies trotzdem stets wohin und wieviel die Gauner in schlechtem und der Kunde in makellosem Englisch anwiesen. Als endlich der Kunde seinen Kontostand zum ersten mal auf dem Bildschirm zu sehen bekam, war das Konto leer, da musste sich jemand anderer bedient haben.

Empfinden wir Schadenfreude, weil da jemand in der Bank nicht genug Englisch draufhatte? Wohl kaum, schlechtes Englisch müsste durchgehen, Hauptsache man versteht sein Fach. Aber es gibt Positionen, da zählt die Verständigung in der Welthandels- und Verkehrssprache zur Grundausstattung. Beispielsweise als Bankier im internationalen Geschäftsverkehr. Uns geht der Fall nahe wegen der Pointe, deren Feinheit auch den Spiegelautoren entging: Die Weltsprache ist, jedenfalls bei der LBB, offenbar gewohnheitsmäßig so übel. Sonst wäre aufgefallen: Der echte Kunde schreibt ausgezeichnetes, die Betrüger schreiben grottiges Englisch, das sich auf Deutsch etwa so anhören würde: „Sie haben meinen Tag retten“. Der Unterschied fiel keinem auf.

Im Alltag geht es nicht nur der LBB so und die Ursache ist leicht zu verstehen. Die Welthandels- und Verkehrssprache ist nämlich nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch, wie uns der Linguist David Crystal aus Cambridge versichert. Gutes Englisch verstehen selbst wir beflissenen Deutschen nicht, obwohl bei uns die halbe Bevölkerung treuherzig an die Heilkräfte einer perfekten englischen Sprachbeherrschung glaubt. Diese Frömmelei bildet den Hintergrund, vor dem die Universitäten das Deutsche zugunsten des Englischen verdrängen; in der Schule unterrichtet kein Staat seine Muttersprache so wenig wie wir es hierzulande tun, und nirgends foltert man so viele Babys in der Wiege durch Berieselung mit Frühenglisch von der CD wie in Deutschland.

So lasset uns den Knoten entwirren! Als erstes unterscheiden wir, wo ein gutes Englisch angebracht ist: Beispielsweise bei der LBB müsste es nur Einer können, ein einziger Mitarbeiter genügt dafür. Als zweites entdecken wir: Gutes Englisch (bitte langsam lesen: gutes Englisch) ist so nötig wie gutes Italienisch, in aller Regel ist ein Luxus, keine berufliche Notwendigkeit. Drittens genügt für die Karriere ein schlichtes (wieder langsam: kein schlechtes) Englisch nicht nur, es ist dem guten Englisch sogar vorzuziehen. Doch, Sie haben es langsam ganz korrekt gelesen.

Die Wirklichkeit sieht so aus: Selbst die meisten englischen Muttersprachler (4 Prozent der Weltbevölkerung) beherrschen ihre Sprache nicht, so wenig wie die 40 Prozent der Weltbevölkerung, die auf Englisch irgendwie über die Runden kommen müssen, und schon gar nicht die restlichen 56 Prozent der Weltbürger, die überhaupt kein Englisch können, nicht einmal „Guten Tag!“ Wozu auch? Mit anderen Worten: Das gute Englisch, das fleißige Deutsche zu erwerben suchen, würden sie im Erfolgsfall mit ein paar Millionen gebildeten Menschen weltweit teilen, zusammen vielleicht 0,1 Prozent aller Weltbürger – wenn es mal so viele sind. Alle anderen verstehen Bahnhof, sobald Sie Ihr teuer erworbenes Englisch auspacken.

Unser Aufwand für Englisch ist für die Katz, schlimmer: Er schadet jedem, der gutes Englisch wirklich beherrschen möchte oder muss, denn die Voraussetzung für jegliches Lernen (auch der italienischen Kultursprache) ist die Muttersprache, und die wird hierzulande in voller Absicht einer Ideologie preisgegeben, derzufolge Englisch wichtiger sei. Torten backen ohne Tortenboden, das wird ein Obstsalat, kein guter. Muttersprache, das sei mal erwähnt, ist hierzulande die deutsche Sprache, zugleich Verkehrssprache zwischen den Eingeborenen und den Eingewanderten sowie der Eingewanderten untereinander. Falls Sie das Wort Migrationshintergrund vermissen: In meiner Sprache sind Einwanderer Einwanderer, nicht Migranten (Nomaden) mit irgendwelchem Hintergrund.

Ohne gutes Deutsch lernen Deutsche und Einwanderer zu wenig, sie erwerben auch nicht das Allheilmittel Englisch. In den Kultusministerien begreift das keiner, sonst hätten sie schon längst wieder die angemessenen Zeiten für den Deutschunterricht in den Stundenplänen festgeschrieben. Und noch etwas: Hätten sie es verstanden, dann wüssten sie in den Ministerien: Wir brauchen einige Zigtausend ausgezeichnet ausgebildete Übersetzer und Dolmetscher, die in allen Fällen einspringen, wo gutes Englisch unerlässlich ist. Sie übertragen an den Hochschulen die deutschen Veröffentlichungen in ausgezeichnetes Englisch. Und zwar auf Staatskosten, denn die geistige Infrastruktur eines Hochlohnlandes ist wichtiger als die Autobahnen! Ja was denn sonst? Wer Autobahnen für wichtiger hält als Investitionen in den Geist, bekommt, was er verdient: Schlaglöcher.

Aber nein, lieber blamieren wir uns mit der Zweitklassigkeit, auf die wir zielstrebig zusteuern, seit wir eigene Gedanken nicht mehr zustandebringen. Es ist für den Kopf bequemer, die Schablonen aus Amerika nachzubeten: Englisch sei nun mal die Weltsprache, man sei international aufgestellt, und überhaupt, alle Welt spreche doch Englisch (außer dem Terroristen), und da müssten wir eben noch besseres Englisch lernen und so weiter. Denkersatz wie: Man kann es sich ja nicht aussuchen. Merke: Unabsteigbar ist auch Deutschland nicht.

Zurück zu dem Kalifornier mit dem Berliner Zweitwohnsitz. Die Sache ist hängig, die Bank hält ihn, den Kunden, für den Betrüger. Die in der Bank sind halt English canners!

Oliver Baer @ 11:08
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Vive le Bockmist!

Beitrag vom 3 April 2013

Gemeint ist ein Assistenzsystem für Fahrende bzw. ein Fahrende assistierendes System. Was kein Affront gegen die Stehenden, also die zur Zeit Parkenden sein soll! (Bild: Fotolia)

„Fummeln,“ belehrte mich der Meister, „ist unsachgemäßes Hantieren.“ Ich wollte widersprechen: sachungemäß! Aber da sah er schon woanders nach dem Rechten.

Zum Fummeln zählt das Getue um eine geschlechtsneutrale Sprache, den Gendergap, den Genderunterstrich, das Gendersternchen (finden Sie alles in der Wikipedia) sowie die Frage, wie man sprachlich Leute unterbringt, die sich ihres Geschlechtes unschlüssig sind. Falls Sie glaubten, das Gefummel werde sich totlaufen: Die neue Straßenverkehrsordnung kennt keine Fußgänger und Radfahrer, nur zu Fuß Gehende und Rad fahrende. Ein Witz? Nein, so fußlahmen bald alle Gesetzestexte, da machen Fanatiker den Gesetzgeber zum Affen.

Ursprünglich ging es darum Frauen nicht länger auszugrenzen. Dass sie bei Fußgängern als Fußgängerinnen einfach mitgemeint seien, genügte nicht mehr. Und weil uns dieser Mangel mehr bekümmert als die Finanzkrise, tummeln sich in unserer Sprache Tausende von Landminen der politischen Korrektheit; da ist man will sagen frau im Nu überfordert.

Bis der Bürger, der sich auch mit echten Sorgen befasst, innehält: Eine Mogelpackung? Da verteidige ich als Mann seit Jahrzehnten jeden Bockmist, wenn er nur der Sache der Frauen dient, und nun das? Sehen wir genauer hin: Geht es um Gleichstellung der Frauen, um Rücksicht auf jene, die am Prenzlauer Berg separate Klos für Unschlüssige benutzen? Nein, es geht um Macht. Es geht darum, dass Frauen die Gelegenheit bekommen, andere zu piesacken (meistens Männer) mit den immer gleichen Unterbrechungen: „Das heißt nicht Bürger, sondern BürgerInnen!“ (Bürger_innen, Bürger*innen, warten Sie’s ab, da kommt noch mehr).

Bei einigen tausend Mitbürgern (I_*) kommt Geltungsbedürfnis hinzu, eine egozentrische Nischenpflege: „Genderpolitik … ernährt mittlerweile einen riesigen Apparat.“ schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL: Gender-Politik: Mitleid mit Martenstein. Schon leben Viele davon, „dass sie anderen erklären, warum Geschlecht nur ein soziales Konstrukt ist … An deutschen Hochschulen gibt es inzwischen über vierzig entsprechende Institute und Einrichtungen, darüber hinaus hat sich die Gender-Forschung an nahezu jedem (!) geisteswissenschaftlichen Lehrstuhl etabliert. 173 Genderprofessuren gibt es, mehr als für die Slawisten. Auch im Verwaltungsalltag ist die moderne Gendertheorie längst angekommen.“ Lesen Sie Fleischhauers Beitrag und den dort zitierten Beitrag von Harald Martenstein: Schlecht, schlechter, Geschlecht.

Im Biotop der Genderbewegten geht es auch um Geld. Da haben sich bewegte Weiber eine auskömmliche Stellung geschnitzt, die bis zur Rente halten muss. Sie gieren nach unserem Kotau, sie brauchen die Bestätigung von außen, dass ihr Treiben vielleicht doch Hand und Fuß habe, und wir nähren sie, indem wir sie beachten. Die meisten Kalorien beziehen sie aus unserem Protest, auch aus meinem Widerspruch. Allerdings ist ihr Beitrag zu einer besseren Gesellschaft keinen Pfifferling wert. Symbolik behält ihren Wert durch sparsamsten Gebrauch. Sonst verflacht sie zur Agitation und gebiert die typischen Lippenbekenntnisse, die sich so anhören: „Liebe G’nossen und Nossen’n!“

Schade, denn Symbole sind kein Schall und Rauch. Soll uns das Symbol im Kern berühren, etwa bei der Fähigkeit Respekt zu empfinden, müssen wir es auf seltene Auftritte beschränken. Aber das wäre nicht im Interesse der genderbewegten Geltungsdränglerinnen: Sie brauchen die fortgesetzte Missachtung der Frau. Ja, sie hätten sonst nichts mehr zu tun. Ihre Institute könnte man schließen, keiner würde ihr Fehlen bemerken. Männer und Frauen könnten tun, was es zu tun gibt: Zusammenleben, mal was ganz Neues: Mit dem Männlichen und Weiblichen umgehen!

Frauen und Männer sind sprachlich zu unterscheiden, wo es Sinn stiftet: bei Frauenparkplätzen, bei Gehälterdiskriminierung, beim Nachstellen, beim Vergewaltigen. Also gilt logisch der Umkehrschluss: Wo keiner hervorgehoben wird, kann das Gesagte nur für alle gelten – welches wir hier hervorheben: für ALLE, sogar die Männer. Sonst müssten wir betonen, dass es auch für die Rothaarigen gilt, und für Roma und Sinti.

So lenkt man und frau von den echten Problemen ab.


„Wie sah der Dieb/die Diebin aus, der/&die sich mit Ihrem Fahrrad davongemacht hat?“ – „Das war eine Frau. Äh, oder ein weiblich gestimmter Mann. Oder vielleicht ein Transgender, ja eben, warum nicht? Wachtmeister*in, ham Se erst ma’ne einfache Frage¸ zum Aufwärmen?“

Oliver Baer @ 20:10
Gespeichert in: Gesellschaft
Architekten wären demnach Naturisten?

Beitrag vom 27 März 2013

Dieser Humbug ist weder Englisch, noch ist er Deutsch, er ist nur noch Gestammel. Wer sich so äußert, hat nichts Erhebliches mehr mitzuteilen.

Käme irgendwer auf die Idee, die Architektur als etwas Natürliches zu bezeichnen? Als etwas, das auf natürliche Weise wächst, das sich entwickelt, und dagegen könne man nichts machen?

Und wenn das Ergebnis eine Aggregation von Gebäuden wäre, worin sich keiner aufhalten, geschweige denn wohnen oder arbeiten möchte, so er die Wahl hätte? Keiner, und sei er noch so plattköpfig, käme auf diesen Gedankoiden. Bis auf die Sprachwissenschaft, dort ist das anders. Dort darf man behaupen, die Sprache sei etwas Natürliches, das auf natürliche Weise … (ach, lesen Sie oben weiter)

Die Zwei könne man nicht vergleichen? Doch, man muss es sogar: Sprache ist etwas Gemachtes, sie ist Kultur, nicht Natur.

Oliver Baer @ 17:27
Gespeichert in: Gesellschaft
Als Vladimir Špidla das Englisch verweigerte

Beitrag vom 10 Dezember 2012

Der brave Soldat Švejk (Bild: Wikipedia)

EU-Kommissar Vladimir Špidla, der vormalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik, wurde einmal gefragt, weshalb er Deutsch spreche statt Englisch, wie alle anderen im Raum. „Es gibt Gedanken, die kann man nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken. Auf dieses Erfindungsmoment darf Europa auf keinen Fall verzichten.“

Anlässlich eines Vortrags wollte ein Zuhörer die Quelle für dieses Zitat wissen. Ich hatte sie nicht parat, hier ist sie: Cornelia Jolesch: Dolmetschen in Babylon, Süddeutsche Zeitung, 10. März 2005.

Für flüchtige Leser: Damit ist keineswegs nur der deutschen Sprache ein Kompliment gezollt. Dasselbe gilt für Herrn Špidlas Muttersprache. Beispielsweise die geniale Darstellung des Švejk ist sicher nur deshalb so und nicht anders zustande gekommen, weil Jaroslav Hašek auf Tschechisch dachte und schrieb. Er hat uns – im Gewand einer Satire – viel Wichtiges erzählt. Nicht alles kommt in den Übersetzungen zum Vorschein. Ironie der Geschichte: Es war die deutsche Übersetzung von 1926, die den bis dahin wenig beachteten Schwejk zum Weltruhm führte.

Oliver Baer @ 11:51
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Entscheiden auf Englisch

Beitrag vom 29 November 2012

Wenn es wenigstens der versteht, der es hinschreibt ... (Bild: Fotolia)

Bekanntlich hatte sich die Euro-Gruppe erst am frühen Dienstagmorgen auf das erweiterte Griechenland-Rettungspaket verständigt. Den komplizierten Text gab es nur in englischer Sprache. Der Finanzminister drängt darauf, dass der Bundestag schon diese Woche abstimmt.

Noch sind die Abgeordneten nicht von allen guten Geistern verlassen: Sie wünschen die Dokumente in deutscher Sprache zu lesen. Berichtenswert daran ist nur, dass die Sache überhaupt der Erwähnung wert ist. Und bevor hier Einer auf den Gedanken kommt, die Abgeordneten sollten gefälligst Englisch lernen, damit sie die europäischen und internatonalen Dokumente kapieren:

Es ist nicht lange her, dass gestandene Akademiker – in ihrer Rolle als „Banker“ – außerstande waren, den Schrott zu verstehen, den sie einkauften. Der kam auch auf Englisch daher, und da hat sich keiner getraut zu sagen (außer den italienischen Bankiers): Verstehe ich nicht, kaufe ich nicht.

Deshalb gratulieren wir den Abgeordneten des Bundestages, dass sie wissen, wo ihnen der Kopf steht. Unwichtige Dinge kann man ja auf Englisch versaubeuteln, aber wo es an die Nähte geht, muss die Muttersprache her. Vielleicht fällt dem Einen oder Anderen bei dieser Gelegenheit auf, dass die Muttersprache eines Tages nicht mehr genügen wird, falls wir weiterhin alles Neue auf Englisch inhalieren, während auf Deutsch schon die Terminologie fehlt, das Richtige und das Falsche in verständlicher Sprache auszudrücken.

Oliver Baer @ 11:45
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Schnörkellose Übersetzung – Was hab ich?

Beitrag vom 28 November 2012

Einblick des Patienten in sein Schicksal ist willkommen (Bild: ©cult12 - Fotolia.com)

Drei junge Leute aus dem Dunstkreis der Dresdner TU helfen Patienten, ihren Arzt zu verstehen. Dafür heimsen sie Lob und Preise ein, nun auch den Initiativpreis des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Sie verwandeln Befunde, Arztberichte, Ergebnisse von Untersuchungen in Texte, mit denen der Patient etwas anfangen kann. Das muss er auch, denn ahnungslos ist danach Keiner.

Die belobigte Tat hat etwas Groteskes an sich: eigentlich sollte so etwas nicht Sache von Dritten sein. Am meisten trägt zur Heilung eines Kranken die Beziehung zwischen ihm und seinem Arzt bei. Alles andere ist Mittel zum Zweck. Dafür gibt es Beweise: Der Arzt kann mir Placebos verschreiben, also physikalisch-chemisch nutzlose Substanzen verabreichen und sie lindern doch meine Schmerzen, befördern doch meine Heilung. Warum? Weil sich etwas ereignet zwischen dem Heiler und dem Kranken, das die Heilung in Gang setzt, beschleunigt – oder behindert. Da versagt auch mal der renommierteste Arzt, da gewinnt auch mal der hoffnungsloseste Fall neue Lebenskraft.

Andererseits, man kann sich nicht genug freuen über die Leistung der Drei und der Vielen im Hintergrund. Einen Befund, den Sie als Patient nicht verstehen, schicken Sie an das Portal washabich.de, dann erhalten Sie eine Erklärung, was der Befund bedeutet; darin sind dann auch die lateinischen Vokabeln und Abkürzungen durch Klartext ersetzt. Das ist etwas für mündige Bürger. Damit dieses Angebot wahr wird, beteiligen sich bereits fast 500 Medizinstudenten der klinischen Semester, ausgebildete Ärzte und Psychologen, die ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. In diesem Fall wäre sogar der blöde Begriff Netzwerk angemessen, denn tatsächlich machen sie sich ans Werk, sie leisten etwas – außerdem tun sie es unentgeltlich. Dankbare Patienten können sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.

Mit welcher Logik passt ein Sprachpreis zu dieser wundervollen Initiative? Ärzte untereinander müssen und können nicht anders als in kurzen, formelhaften Wendungen jedes Missverständnis auszuschließen. Eben diese Wendungen versteht sonst Keiner. Es liegt an unserem Krankheitssystem, dass den Ärzten die Zeit, die Neigung, die Energie fehlt, sich mit ihren Patienten so gründlich zu verständigen, dass sich eine Beziehung entfalten kann. Schuld tragen aber auch Patienten, die schon mit der Einstellung das Erwartezimmer bevölkern: „Herr Doktor, Sie müssen mich reparieren!“

Er muss nicht, er kann, und das nur in dem Maße wie es die Beziehung hergibt. Wer seinem Arzt nicht über den Weg traut, muss eine Menge mehr für seine Heilung selber tun. Zur Beziehung brauchen die Beiden schließlich die Sprache: sie muss nicht gepflegt sein, nicht fehlerlos, nicht sauber und muss keinem Deutschlehrer imponieren. Sie muss nur stimmen, nämlich den Weg dafür ebnen, dass sich der Arzt in den Patienten hineinempfindet und, dass dieser Vertrauen in das Bemühen des Arztes zuwege bringt. Wenn die Initiative Was hab ich? etwas von dieser uralten Selbstverständlichkeit wiederherstellt, und sei es nachträglich, so verdient sie einen Haufen weiterer Preise.

Oliver Baer @ 21:37
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Globisch meinen ohne es so zu nennen

Beitrag vom 25 Oktober 2012

Die Messlatte für die Weltsprache setzt sie in Johannesburg, nicht die gebildeten Weltbürger in Padua, Pamplona und Paderborn (Bild: Baer)

Jürgen Trabant erinnert in der FAZ an die Haltung der Römer. Sie schätzten die Sprache der – kulturell überlegenen – Griechen und bewahrten zugleich ihre eigene Sprache, Latein, und entwickelten es weiter zur dominierenden Sprache Europas.

“Der europäische Weg wäre noch ein bisschen mühsamer,” fährt Trabant fort, “nämlich der Weg einer europäischen Mehrsprachigkeit, die tatsächlich die Formel der offiziellen europäischen Sprachpolitik M+2F ernst nimmt: M, die ‘Muttersprache’, bleibt das Gefäß der europäischen Tradition, das in der Nation bewahrt und gepflegt wird. F1, Englisch, ist zu erlernen, aber auf seine internationale Kommunikationsfunktion zu reduzieren, als nützliches Hilfsmittel, als Verkehrssprache. Es brauchte nicht, wie etwa in der aktuellen Intensiv-Anglisierung Deutschlands, mit großem Aufwand in den Rang einer zweiten Muttersprache gehoben zu werden, und es dürfte vor allem nicht die alten Sprachen aus den wichtigsten Diskursdomänen vertreiben.” (Hervorhebungen durch die Redaktion) Der vollständige Beitrag ist im Netz zu finden: Die Anglisierung der EU – Europa spricht mit gespaltener Zunge

Trabant unterscheidet das Englische vom Englischen, die Kultursprache von der Welthandels- und -verkehrssprache. Damit sagt er, was ich in ‘Von Babylon nach Globylon’ anrege, mit einem Unterschied: Ich nenne das (nach Jean Paul Nerrière) Globisch, nicht Englisch, damit die beiden nicht verwechselt werden. Sonst muss man sich fortwährend das Argument anhören, Englisch sei nun mal die Welt- und Kultursprache. Nein, “die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,” sagt der Cambridger Linguist David Crystal. Die Kultursprache Englisch, liebe Leute, ist für nahezu alle, die zu diesem Thema eine Meinung vorbringen, unerreichbar, weil viel zu schwierig, und daher als Weltverkehrssprache ungeeignet: Sie wird weltweit eben nicht verstanden.

Die Sache ist einfach: M+2F bedeutet dann sinnvollerweise für uns: Deutsch plus Globisch plus eine beliebige Fremdsprache, am besten die eines Nachbarn (kann auch Englisch sein, das Kulturenglisch). Mehr dazu gibt es hier.

Oliver Baer @ 11:25
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Freiheit der Meinung und der Zurückhaltung

Beitrag vom 20 September 2012

Auf einem Grab im Staglieno, dem Genoveser Friedhof (Bild: Baer)

Das hat ausnahmsweise mit Sprache nichts zu tun:

Es gibt neben der Meinungsfreiheit so etwas wie Taktgefühl. Man kann, aber man muss nicht zu jeder Gelegenheit mit einer Meinung herausplatzen, schon gar nicht wenn man genau weiß, dass darauf keine angemessene Reaktion, sondern nichts als Krawall folgt.

Falls jemand Schwierigkeiten mit seiner Entscheidungsfindung hat: Stellen Sie sich vor, die Angestellte der Botschaft, die in Khartum gestürmt werden soll, wäre Ihre Schwester. Würden Sie die berüchtigten Bilder veröffentlichen, denn “eine Zeichnung hat noch nie getötet”? Das sagte Stéphane Charbonnier, Chefredakteur des Charlie Hebdo. Nicht anders hörte sich Charlton Heston an. Er meinte, dass Gewehre keinen Menschen töten.

Stimmt, es ist der Mensch, der den Abzug tätigt. Er hat die Freiheit sich zu zügeln, auch sie unterscheidet ihn vom Tier.

Oliver Baer @ 20:29
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