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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Pingeligkeiten

Beitrag vom 28 Mai 2015

Die Engländer haben der Welt den edelsten Sport geschenkt. Cricket erschließt sich Einwanderern in anglophone Länder bereits in der zweiten Generation, in dringenden Fällen nach zehn Jahren des intensiven Nichtmehrweghörens, wenn beim Stand von 238 für 6 die Leute bedeutsam nicken: „Das wird hart.“

Die Franzosen haben, von der Provence über die frankophonen Länder hinaus, Pétanque verbreitet, was so schwierig wie Golf, aber tausend Mal billiger ist: Auch als Boule bekannt, wird es dank der französischen Besatzung auch bei uns viel gespielt. Deutschland belegt unter 94 aktiven Nationen den sechzehnten Platz der inoffiziellen Rangliste. Darauf hebt man beim Boule ein Glas Rotwein und dreht sich eine Zigarette.

Womit wir zur Sprache kommen. Zum Cricket haben weder Franzosen noch wir etwas beigetragen, die Begriffe sind englisch. Beim Pétanque hat Englisch so viel zu suchen, wie die Angelsachsen dazu beigetragen haben: nichts. Deshalb sind die Fachbegriffe fanzösisch und das ist gut so, schon damit nicht alles immer auf Englisch lautet. Außer in Deutschland. Zwar gibt es eine Reihe gültiger Verdeutschungen (pointer = legen, tirer = schießen), aber bei jedem Turnier gibt es einen Cup zu gewinnen. Was schlimm genug ist, denn Coupe hätte es auch getan, oder wenigstens Pokal. Es kann ein Cup nur ein Gefäss sein. Jede Skulptur, sei sie noch so schön gestaltet, ist nur dann ein Cup, wenn sich daraus der Siegessekt schlürfen lässt. Dem Cup geht es wie dem Alpinen Skiweltcup, da ist jedes einzelne Rennen der Weltkapp, natürlich ein Schmarren, denn die Welttasse gibt es am Ende der Saison, nach allen Wertungsläufen. Hier geht es zu ist wie bei der Relegation. Richtig handelt es sich um Aufstieg und Abstieg, oder Promotion und Relegation, wenn es denn Fremdwörter sein müssen, aber das bekommt kein Reporter auf die Reihe. Also zum Mitschreiben: Relegation ist Abstieg! Was Ihr meint, ist die Auf- und Abstiegsrunde. Aber noch ein Wort zum Kugelsport.

Pétanque kennt beim Endstand 0:13 eine kuriose Sitte. Zu Null ist die Höchststrafe, und sie hat zweierlei Folgen. Die Verlierer küssen den entblößten Po der Fanny (als Bild), und die Sieger müssen einen ausgeben. Dieser Sport entstand offenbar unter Bäumen neben einem Bistro. Um den französischen Mädchennamen Fanny ranken schlüpfrige Mythen, die wir hier übersehen. Aber man merke: Im Französischen wird die letzte Silbe betont: Fannih. Alles andere führt in die Irre. Dass im amerikanischen Englisch die fanny den weiblichen Popo bezeichnet, im britischen Englisch fanny etwas weniger Salonfähiges (ungefähr in gleicher Höhenlage), erhellt die Sachlage keineswegs.

Plattfüßig treten in die Falle – wir. Deutsche Boulisten sprechen von der Fänni, oder wenigstens halbwegs französisch von der Fanni, was aber den Nachteil gebiert, dass sie so niedergeschrieben wird: funny. Das ist nun überhaupt nicht funny, sondern nur blinder Reflex: Was von außen kommt, ist erstens gut und kann daher zweitens nur englisch sein. Es kommt noch so weit, dass wir die Muttersprache mit amerikanischem Akzent aussprechen.

Pingelig? Aber ja doch. Giora Feidmans Klarinette hat uns Klesmer nahegebracht, eine Musik osteuropäisch-jüdischer Herkunft. Ausgesprochen wird Klesmer mit einem weichen /S/, daher die Schreibweise. Im Englischen erweist denselben Dienst das /Z/. Ein Unfug wäre im Deutschen Klezmer, aber in vorauseilender Unterwürfigkeit ist diese schon weiter verbreitet als die korrekte Schreibweise. Das ist eben nicht egal, denn prompt tritt ein, was zu erwarten war: Die Leute sagen Kletzmer, und wie schreiben sie es? Kletzmer, wie denn sonst, das hat doch der Ansager so gesagt, oder! Weder die USA noch ein anderes Land englischer Zunge hat Nennenswertes zum Klesmer beigetragen. Was stimmt, weiß die Gruppe Aufwind, Experten dieser Musik, die auf ihrer Website aufwindmusik.de übertiteln: Jiddische Lieder und Klesmermusik und Yidish Songs and Klezmer. Dennoch lässt sich sogar die Wikipedia, sonst pedantisch in diesem Dingen, im deutschen Text auf Klezmer ein.

Wichtigkeit? Den Boulesport ficht keine falsche Fanny an, und Klesmer wird Kletzmer überleben. Was eingeht, ist unser Gespür, dass es etwas ausmacht, ob eine Sache anscheinend unwichtig oder scheinbar unwichtig ist. Der Schwund schleicht auf Socken. Wenn wir dereinst merken sollten, dass etwas fehlt, wird es aber keiner merken, weil die Fähigkeit verschwunden ist, das Fehlen noch wahrzunehmen. Den Wenigen, die das Fehlen bemerken, wird man nicht glauben, weil wir schon jetzt zum Lernen keine Lust mehr haben.


Bilder:

13-0 Fanny » von Unbekannt 1920 — http://cheznectarine.centerblog.net/rub-la-petanque-et-fanny–3.html. Sous licence Domaine public via Wikimedia Commons

Klesmer: Ablichtung der Titelseite und einer Folgeseite aus www.aufwind.de

Oliver Baer @ 11:24
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Fäulnis angesagt

Beitrag vom 25 Februar 2015

Sex ist schön. Das gehört aber nicht hierher. Sex ist außerdem unersetzbar, jedenfalls hat das geborgte Wort alle heimischen Wortschöpfungen verdrängt. Das ist gut so, denn fast alles, was nicht unter wahre Liebe fällt, zählt irgendwie zum Sex. So lässt sich mit einem Wort aus nur drei Buchstaben Ordnung herstellen.

Ausriss aus dem Spiegel Nr. 8 vom 14. Februar 2015

Sex hat auch Nachteile, gleich zwei. Ein flüchtig auf Svensklish geführtes Gespräch gerät leicht auf schlüpfrige Abwege, denn sex (mit einem scharfen S) steht in Schweden für die Ziffer 6. Schlimmer noch: Wie Sex ausgeübt wird, beschert uns gefühlsaufwallende Wortwolken wie Sex haben oder gar Sex machen. Das ist nicht gut so. Man könnte glatt meinen: Wer sich so äußert, hat in diesen Dingen das Schießpulver nicht erfunden. Also Vorsicht! Im Internet findet sich bei geeigneter Formulierung des Suchwortes (zum Beispiel „Synonym für Sex“) eine sehenswerte Fülle von Wörtern, die größtenteils nicht stubenrein, aber komisch klingen und in allen Fällen dem Haben oder Machen von Sex überlegen sind.

Nicht nur im Bett wird als Anfänger entlarvt, wer mit Englisch um sich wirft. Im SPIEGEL tauchte dieser Tage ein bald zwanzig Jahre altes Bild auf: „VOTE ROT!“, hier als Ausriss wiedergegeben, mit dem sich Politiker als Stümper zu erkennen geben. Es ist doch so: Vote rot überfällt den Betrachter als eine englischsprachige Aufforderung to vote. Wie die Dinge liegen, setzt das Gehirn (es ist ja nicht blöd) den Satz auf Englisch fort (wie denn sonst?), rot also mit dem englischen R, einem kurzen O und dem hartem Auslaut wie unser Doppel-T.

So weit so gut. Sehen wir nach, was wir so nachplappern. VOTE ist klar: Stimme abgeben. ROT bedeutet Verwesung, Fäulnis, Verrottung. Mit diesem Plakat warb die SPD für Verrottung. Alles klar. Euer Ehren, ich habe keine weiteren Fragen.

Oliver Baer @ 13:39
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One Man One Vote

Beitrag vom 13 Februar 2015

Was stimmt denn nun: Der, die oder das Rolle? (© Behland)

Manche Bezeichnung ist eine glatte Beleidigung. „Putzfrau“ unterstellt, für diese Arbeit kämen nur Frauen infrage, ein „Putzmann“ sei als Wohnungsputzer undenkbar. Um solche Fossilien wird es wenig Streit geben, wenn wir unseren Wortschatz aufräumen. Alle ähnlich besetzten Wörter sind ersetzbar durch geschlechtsneutrale.

Damit müsste das Thema Gendering vom Tisch sein, wir könnten uns echten Problemen widmen. Irrtum, es gibt einen deutschen Sonderweg, den die Leute in vielen anderen Sprachen kaum nachvollziehen können. Davon lassen wir uns nicht beirren, als Steuern Zahlende gönnen wir uns Hunderte von Lehrstühlen, Tausende Gleichstellungsbeauftragte und Aufpasser, die den Steuerzahler abschaffen. Als gäbe es zwischen Gutmenschen und ihren Gegnern keinen heimischen Zoff mit höherem Kaloriengehalt. Etwa die Unterdrückung der Frau in islamischen Milieus – hierzulande!

Nein, lieber lassen wir uns mit dem Propplem plagen, ob neben den Pegidisten auch Pegidistinnen zu unterscheiden wären, da sind wir pingelig, wie bei Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, auch bei Mörderinnen und Mördern achten wir auf Ausgewogenheit. Bei Vergewaltigerinnen gibt es zwar Ärger, manche behaupten, die könne es gar nicht geben, aber diese Erkenntnislücke schließt schon der SPIEGEL[1]. Übrigens stimmt, dass mehr Männer morden als Frauen. Also los, ihr Weiber! Greift zum Messer, die gespaltene Zunge hat ausgedient.

Wo waren wir? Bei der Putzfrau, die gibt es nicht mehr. Dafür haben wir jetzt zu Fuß Gehende und Mofa Fahrende. So steht es in der Straßenverkehrsordnung. Das muss man sich ausmalen: Da ziehen Hunderte von erwachsenen Abgeordneten die Gesetzgebung durch den Kakao. Als ob das ihre Aufgabe wäre. Dafür sind doch die Satire Produzierenden zuständig!

Zwar wurde längst geklärt, dass der grammatische Genus und der biologische Sexus in der Sprache zweierlei sind: Dass der Kopfsalat so wenig Männliches hat wie die Salatgurke weiblich sein kann, na ja, und Mädchen sind eines jedenfalls nicht: sächlich. Das haben uns die Linguisten eingebrockt. Hätten sie mal von roten, blauen und gelben Hauptwörtern gesprochen, müssten wir jetzt nicht die Frauen sprachlich in die Vordergründin rücken. Damit sie endlich emanzipiert werden. Was uns auch ohne Sprachverhunzung am Herzen liegt, denn was gibt es Schöneres als emanzipierte Menschen, die tun, was sie am besten können und sich dabei durchaus ihrer biologischen Vorteile bedienen und ihrer Nachteile bewusst sind (während der Schwangerschaft lässt man den Stabhochsprung einfach mal sein).

Da könnte man aber schwarz sehen ...

Man könnte entgegenhalten: Es ist doch egal, was die Leute quatschen. Bei dem Schwachsinn im Internet hört sich jeder sowieso nur selbst zu. Aber Sprache stiftet doch Identität! Mag sein, aber die brauchen wir nicht, im Fußball sind wir eh die Besten, siehe die vielen Flaggen auf den Autos. Außerdem sind wir Europäer, ein Blick in die Brieftasche offenbart es: das sind Euroscheine. Und überhaupt: Was heißt Identität? In Mitteleuropa sind wir rassenvermischt seit bei uns Ackerbau und Viehzucht einzogen, seit zehntausend Jahren. Na gut, was bleibt? Die Ästhetik der Sprache, aber muss man sie ernstnehmen? Glaubt man der Wissenschaft, ist das Thema passé: Sprachgefühl ist Geschmackssache, reine Privatangelegenheit, wie das Sammeln von Gummibärchen.

So sprachlässig könnte man die Dinge sehen, gäbe es nicht den einen Umstand, der sämtliche Argumente über den Haufen wirft. Sprache und Denken sind untrennbar verknüpft. Das ist keine Glaubenssache, da kann sich Noam Chomsky auf den Kopf stellen. Liederliche Sprache gebiert wirre Wallungen im Hirn, die man mit Gedanken verwechseln könnte, aber nicht sollte. Ein Denken, das ohne Sprache auskäme, ist einer Handvoll Genies vorbehalten. Wir übrigen, die Dinge zu erfinden, Abläufe zu koordinieren, komplizierte Entscheidungen zu fällen haben, wir brauchen einen klaren Kopf mit dem angemessenen Sprachgebrauch, sonst kommt kein Denken zustande, nur Wiederkäuen von anderer Leut‘ Gedankenfetzen. Was wir daher überhaupt nicht brauchen, sind Ideologen die uns im Gebrauch der Sprache Gesinnungsfallen stellen.

Das Dumme ist: In den Ämtern wird so gesprochen, von dort sickert die Unsitte in den Alltag. Da wappnen sich Vereine, die auf öffentliche Förderung hoffen, mit der passenden Ausdrucksweise, der Antrag soll ja nirgends verschütt gehen. So breitet sich die Seuche aus, mittlerweile auch vom Schulamt über die Lehrerzimmer und Elternabende, bis in jeder Verlautbarung die „Lieben Kolle‘n und Kolleg’n!“ beschworen werden, man kann es schon nicht mehr hören, man hört nicht mehr hin. Die Sprachhülse besiegt das Durchdachte, die Floskel besiegt den Inhalt.

Als die Südafrikaner One Man One Vote forderten, haben nicht einmal die Machos unter den Schwarzen gemeint, das ginge ohne die Frauen ab.


[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/guantanamo-gefangene-von-waerterinnen-zum-sex-gezwungen-a-1013936.html

Oliver Baer @ 22:51
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Dresdner Demos – kein Nachruf

Beitrag vom 11 Februar 2015

Es gilt Pegida zu rezyklieren (© Fotolia)

Aus dem Westen erreichen mich empörte, hämische, auch verletzende Imäils. Sie bringen mich in eine peinliche Lage. Als Dresdner Bürger habe ich nämlich keine Lust, pegidisches Dumpfbackentum zu verteidigen. Aber bei einigen Kollegen im Westen setzt das klare Denken aus, sobald sie am Gutmenschennerv berührt sind. Ausnahmsweise daher an dieser Stelle ein sehr persönlicher Beitrag.

Eines vorab: Die Pegida war keine Partei, kein Verein, keine homogene Gruppierung. Auch wir Bravdemokraten machen unser Wahlkreuzchen bei einer Partei, die nicht in allen Positionen der Unseren entspricht. Soll das bei einem heterogenen Haufen wie Pegida geradliniger verlaufen? Ja sicher sind am Dresdner Elbufer auch Islamhasser mitgelaufen. Ich vermute allerdings, sie waren zumeist vom Islam Verängstigte, zum Hassen fehlte das Wissen. Diesen Punkt heben wir uns für den Schluss auf.

Auch Neonazis sind da mitgelaufen. Abgesehen vom Theater in den Medien bleibt ihnen in Dresden der Erfolg versagt. Ja doch, in Sachsen gibt es Braune, und Ihr Gutmenschen haltet sie am Leben. Ihr überlasst ihnen Themen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienten, zum Beispiel was dabei herauskommt, wenn an den Universitäten die Muttersprache durch Englisch ersetzt wird. Schon die Erwähnung dieser Sorge verwechselt Ihr mit Nationalismus. Dann greifen die Braunen das Thema auf, bestätigen Euer Vorurteil und voilà: Es ist ja so schön recht zu haben. Das bedeutet trotzdem nicht, dass im Abseits steht, wer sich in der Gegenwart von Unanständigen zu Wort meldet. Nach solcher Logik wären die Dresdner Straßenbahnen zu meiden, da wurden auch schon Neonazis gesichtet.

Ihr habt mit der Sprache Probleme. Kaum verhält man sich wie ein Profiler – der versucht den Kriminellen zu verstehen, damit er ihm auf die Schliche kommt –, gilt man schon als Versteher: Putinversteher, Pegidaversteher, mein Gott ist das eine Plattdenke! Den Unterschied zwischen verstehen und billigen findet Ihr im Wörterbuch. Und da wir gerade dabei sind: „Das kann man nicht vergleichen!“ ist auch so ein Killerargument. Vorsicht, Gehirn einschalten: Ohne den Vorgang des Vergleichens lässt sich nicht ermitteln, ob zwei Dinge einander gleichen, vielleicht dasselbe sind, oder ob Parallelen an den Haaren herbeigezogen wären. Wer sich über die platten Parolen der Pegidisten erhebt, sollte erst schauen, dass er sprachlich mithält, statt Blähwörter für Überschriften in der taz abzusondern.

Dass Medien und Politiker die Dresdner Demonstranten vorsorglich zwischen dumm, sehr dumm und saudumm ansiedelten, war – im luftleeren Raum – eine mutige Tat. Es diffamiert sich halt umso leichter, wenn man moralisch die besseren Karten hält. An der Platzierung fehlt aber die Wirklichkeit der Nichtwähler, in Sachsen immerhin die Hälfte der Wählerschaft. Darunter befinden sich informierte Bürger, deren IQ dem eines beliebigen Abgeordneten nicht nachsteht. Auch Gutbetuchte haben mit der Pegida demonstriert, aber verärgerte Gebildete gelten schon gar nicht, die sollen mal mit sich selber ins Reine kommen. Sie können doch eine Petition schreiben, oder einer Partei beitreten, ja, oder eine eigene Zeitung gründen. Na siehste, geht doch, die Demokratie. Was die Leute bloß haben, dort in Dresden!

Aber gut, gehen wir der Sache auf den Grund. Mitbürger in prekären Verhältnissen bildeten offenbar eine Mehrheit der Demonstranten, darunter Viele, die der Altersarmut ins kalte Auge blicken. Hallo Fettsäcke! Angst ist kein Doping für klares Denken, so wenig wie Hochmut. Verständnis für die Angst der Mitbürger wäre immerhin ein Ausgangspunkt, besser als: „Die Rente ist sicher!“ Und wenn diese Bürger falsch informiert sind über die staatlichen Leistungen für Flüchtlinge, Asylanten und Einwanderer, und wenn sie diese mit dem vergleichen, wovon sie leben müssen – dann liegt das woran? Vielleicht auch an den Medien? Die sich lieber an allem aufgeilen, was vorgeblich „die Leser so wollen“. Ach ja? Und dafür verteidigen so naïve Publizisten wie ich die Pressefreiheit. Ja doch, die Parole von der „Lügenpresse!“ erinnert im Wortlaut an die Nazis, ein geschmackloser Fehlgriff. Aber ist das Gefasel im Bundestagswahlkampf von geistig so viel höherem Gehalt?

Die Medien verlieren ihre Daseinsberechtigung, wenn sie sich auf dem Niveau des Internets bewegen. Wer hat es den Netzbürgern vorgemacht, wie man Leute und Sachen herunterreißt? Wer sonst trägt die Schuld, wenn in Sachen Islam bei den Bürgern nur hängen bleibt, wie der Schüler seine Lehrerin als Nutte beschimpft. Weil sie es wagt eine Frau zu sein. Tja, was denken sich diese Lehrerweiber, den Islam derart zu beschmutzen! Wenn wir uns schon streiten, ob der Islam oder die Muslime zu Deutschland gehören: Über den Islam gäbe es auch Werthaltigeres zu berichten. Ohne Häme.

Ängstliche Bürger fragen, wieso wir Hassprediger nicht hindern junge Leute zum Dschihad zu verführen – bei deren Rückkehr aus Syrien wir dann alle, nicht nur in Dresden, Angst haben dürfen, dass sie Bomben auf Bahnhöfen unterbringen? Wieso wir es zulassen, dass in saudiarabisch finanzierten Moscheen mitten in Deutschland die wahabistische Perversion des Islam gepredigt wird. Die aus einem Land stammt, wo Frauen nicht alleine ans Steuer dürfen. Da wir gerade medialen Schwachsinn erörtern: Muslime müssen offenbar erheblich mehr als „nur 0,4 Prozent der Dresdner Bevölkerung ausmachen“, bevor man etwas gegen wahabistische Hassprediger haben darf ohne gleich vom SPIEGEL verhöhnt zu werden?

Genug zurückgepöbelt. Pegida ist nicht mehr, das Syndrom lebt weiter. Wer Missstände herausschreien muss, die den gewählten Politikern auch ohne Protest schon lange hätten bekannt sein dürfen, den kümmert kaum, wenn in seiner Demo ein paar Gehirnamputierte mitlaufen. Na und, manche bringen ihrer Mutter Blumen zum Geburtstag! Verachten wir dann die Blumenläden oder die Mütter, die den Strauß nicht gleich in den Müll werfen? Eine Demokratie, die von der Hälfte ihrer Bürger in Wahlen nicht mehr bestätigt wird, hat ein Problem. Das lässt sich auf zweierlei Weise lösen: Die Politiker gehen in sich und ermitteln, wieviel sie zum Problem beitragen. Oder sie verstoßen das Volk und wählen ein neues.

Oliver Baer @ 22:07
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Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen

Beitrag vom 31 Januar 2015

Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen. Englisch? Nein, was er nicht richtig liest, ist seine Muttersprache. Mit Englisch sind es noch weniger, die damit zurecht kommen.

Jeder 5. Deutsche versteht nur kurze simple Texte. Wie das Nachrichtenportal „Der Westen“ berichtete, liegt „der Anteil derjenigen, die allenfalls kurze Texte mit schlichtem Vokabular verstehen können, (…) in Deutschland mit 17,5 Prozent höher als in der OECD insgesamt (15,3 Prozent).“ In kaum einem anderen
Land hänge die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab.

Wer seine Aufmerksamkeit darauf verwendet, eine fremde vor seiner eigenen Sprache zu lernen, wird beide Sprachen nur schwach beherrschen.

Auflösung: “Please close gate with padlock”

Oliver Baer @ 17:41
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Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Beitrag vom 19 November 2014

Wofür private Haushalte Energie benötigen (© Sebastian Matthies)

Wenn ich mal Ihren Blick auf etwas lenken darf, zu dem die Sprache viel beiträgt, aber nicht den Inhalt der Sache darstellt:

Da nun die Energiewende so gut wie abgeblasen ist, hätte die Regierung Gelegenheit alle Projekte zu stoppen, die zur Wende eh nichts beitragen und stattdessen zu fördern, was nichts kostet, aber die Wende noch retten könnte. Vielleicht nicht ganz, aber einen Löwenanteil der Wende könnten die Bürger noch erzwingen.

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Viel Solarthermie, wenig (oder wie hier) keine Photovoltaik - aus gutem Grund (© Sonnenhausinstitut)

Wie Sie das anstellen sollen? Indem Sie erst einmal nichts tun als sich zu informieren, was es – außer kostspielig geförderten – technischen Lösungen noch geben könnte. Eine davon ist die Solarthermie, die fast immer mit Photovoltaik verwechselt wird. Sehen Sie sich das Schaubild links oben an: Das ist die Wirklichkeit in deutschen Haushalten: Die meiste Energie geht zum Heizen drauf (auch zum Duschen), und ziemlich wenig für Dinge, die halt nur mit Elektrizität gelingen (Händi aufladen, zum Beispiel). Solarthermie benötigt zur Versorgung Ihres Haushalts mit Wärme nur Hilfsstrom. Wie das alles funktioniert, erklärt unser Buch, und weshalb es auch für Sie lesbar ist, hat ein Kritiker wie folgt beschrieben:

“Drei Ingenieure mit Leidenschaft für Kommunikation und pädagogischer Ader tun sich zusammen, um ein Buch zu schreiben. Das ist ein Glücksfall für die Solarthermie und alle, die als mehr oder weniger Laien an ihr interessiert sind. Fachleute dürfen das Buch wegen seines durchaus gegebenen Unterhaltungswertes lesen und sollten es allein schon deshalb tun, weil man hier lernen kann, wie man Solarwärme Kunden, Politikern, aber auch Fachidioten nahebringen und erklären kann.”

Ein Buch das die Energiewende noch retten könnte ... (© Sebastian Matthies)

Ja, es ist eine Übertreibung, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es die Energiewende noch retten könnte, wenn dieses Buch gelesen würde. Tatsächlich wird durch mehr Solarthermie das öffentliche Stromnetz entlastet (durch Photovoltaik wird es strapaziert), und wir, die Gesellschaft, der Staat, könnten daher auf besonders aufwendige Techniken verzichten – Techniken, die zwar keiner bezahlen möchte, an denen aber einige Anbieter (die mit einer starken Lobby) gut verdienen. Das Dumme ist: Politiker informieren sich ungern über das Vernünftige, sie regieren lieber so, dass Leute sie wiederwählen, die sich auch nicht informiert haben.

Bestellen Sie bitte am besten mit einem Klick bei der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (Landesverband Franken). Dann erleben sie auch, wie sich die Autoren an Wolf Schneider orientieren: “Information bedeutet nicht: Ich habe etwas mitzuteilen. Information bedeutet auch nicht: “Ich bemühe mich, es verständlich mitzuteilen.” Information bedeutet: “Ich bin verstanden worden.” – Das ist uns in diesem Buch streckenweise gelungen. Vielleicht kommt es noch zur rechten Zeit.

Oliver Baer @ 16:59
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Weshalb Wrotzlaff nicht der wahre Name ist

Beitrag vom 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den Belgiern je nach ihrer Sprache als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir zu sagen pflegen.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des n-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen aber bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht den internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwhohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław, auf deutsch Breslau.

Oliver Baer @ 14:00
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China spricht total Englisch

Beitrag vom 10 Juni 2014

Kurz, knapp und klar übersetzbar ins Englische (© Fotolia)

Die Chinesen lesen und verstehen Englisch und sie sprechen es offenbar auch, ihre Regierung jedenfalls verlautbart auf Englisch. Vielleicht auf Chinesisch. Oder nichts Genaues weiß man nicht? Am besten wir fragen jemand, der dort war.

Da trägt im Chinesischen Pavillon zu Dresden ein Experte aus seiner dreijährigen China-Erfahrung vor, farbig, aufschlussreich, man merkt, er ist neugierig auf das Fremde, das Andere und er berichtet mit Rücksicht und Einsicht. Der Referent spricht Deutsch, gutes Deutsch, ein paar Gutmenschen-Anglizismen kann man ihm nachsehen.

Nicht zu übersehen sind die per Powerpoint an die Wand geworfenen Zitate aus chinesischen Quellen, darunter die Regierung; The war on Pollution liefert den Titel des Vortrags. Zu überhören sind auch nicht seine Hinweise auf die chinesischen Friends of Nature. Im Publikum wächst die Überzeugung: “China kann Englisch!” Nun ist ja einzusehen, dass kein Europäer viel verstünde, wenn ihm diese Texte auf Chinesisch pauergepeuntet würden. Vermutlich ist deswegen alles übersetzt, ins Englische.

Der Sprecher ist übrigens in der DDR aufgewachsen, Englisch war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vortrag ereignet sich in Sachsen, wo der Anteil der Englischkenner überschaubar ist. Immerhin, die Dresdner wissen, was sie wissen und was nicht. Einen Sprachkundigen hätte jedenfalls gestört, dass der Referent im englischen Titel Krieg gegen die Verpestung das eine, das wichtigste Wort klein geschrieben hat. Dabei soll es ausdrücklich den Kontrast betonen zu früheren Aufrufen der Regierung. Diese galten der Harmonie, dem Traum, und nun dem Krieg: The War on Pollution. In englischen Titeln, liebe Englischbesserwisser, wird außer den Partikeln jedes Wort groß geschrieben.

Eine lässliche Sünde, ein Tippfehler? Sicherlich, müsste man nicht dauernd hören, wie da jemand falsch singt. Die Chinesen sprechen nicht Englisch, auch Deutsch nur ausnahmsweise, sie bedienen sich ihrer Muttersprachen – da staunt der Laie, jawoll. Man muss ihre Rede für unsereins übersetzen, aber warum das auf dem Umweg über Englisch besser gelingen sollte als direkt ins Deutsche, erschließt sich dem Publikum nicht.

So hat der Vortrag im Chinesischen Pavillon einen weiteren Beleg geliefert, dass unsere Sprache auf dem Rückzug in die Bedeutungslosigkeit der Ziellinie immer näher kommt. Da sagt man es lieber falsch über die englische Sprache als um Präzision bemüht in der eigenen. Na und? In einer der klügeren Wortmeldungen nach dem Vortrag fiel das Wort level, gemeint war Niveau, kurz darauf kamen „lebbel“ zur Sprachen, gemeint waren labels = Etiketten, akustisch von level nicht zu unterscheiden. Nun denn, wenn wir unsere Muttersprache als entbehrlich abwerfen und ersatzhalber das Englische nur auf dem zweithöchstem Lebbel gebacken bekommen, haben wir unseren Lewwel der geistigen Bedeutungslosigkeit bereits verdient.

Wir können das Thema Muttersprache bald begraben. Die Linken und die Grünen halten die deutsche Sprache für ein bürgerliches Thema mit rechtslastiger Schieflage (ihren Marx kennen sie nicht, Brecht bedeutet nichts und von Tucholsky keine Zeile gelesen), die Christ- und die Sozialdemokraten verpennen die Sprachfrage (war da was, da war doch was, so mit Rechtschreibung, oder wie?), allen gemeinsam ist der politische Flachsprech, der mit der deutschen Sprache allenfalls die Benutzeroberfläche teilt.

Ihr werdet euch noch wundern, was Ihr mit der Muttersprache entsorgt habt. Sicher, manches im Leben ist ersetzbar, aber nicht alles. Statt Kaffee geht Tee, statt Kupfer genügt für Kabel Aluminium, statt Weizen schmeckt auch der Reis. Energie ist durch nichts ersetzbar, Sprache auch nicht. Da gibt es nur die Wahl zwischen Sprache, in der man Gedanken fasst und Taten vollbringt oder einem Wischiwaschi, das zum Leiken und Teilen genügt.

Oliver Baer @ 09:42
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Fähns und Fenns sowie Zuschläger

Beitrag vom 5 Juni 2014

Hulig'n unterwegs zum Rudolf-Harbig-Stadion (© Behland)

Anglizismen gedeihen am schönsten, wenn beim Sprecher und beim Hörer das Gehirn in die Halbzeitpause verschwindet. Da stört kein Denkversuch die eingefahrenen Sprachmuster.

Ein Beispiel dafür sind die Fans von Dynamo Dresden. Zwar trennt der Autor des folgenden die Böcke brav von den Schafen: „Teile der Fanszene haben also mal wieder das Bild bestätigt, das Fußball-Deutschland sowieso von Dynamo Dresden hat – ungerechterweise allerdings von dessen gesamter Fanszene.“ (in Spiegel Online unter dem Titel: Randale bei Dresdens Abstieg: Getroffen bis ins Mark)
Dennoch findet der Autor keinen Weg aus dem Dilemma, dass Fans und Fans zweierlei Getüme sind.

Auf die Idee ganz einfach zwei Wörter zu verwenden, kommt er nicht. Notfalls könnte er sich beim Englischen bedienen und die Fans von den Hooligans unterscheiden. Den Unterschied begreifen sogar Sportreporter: Fähns, liebe Leute, sind die Anhänger eines Vereins, sie bezahlen Eintritt damit sie ihren Verein spielen sehen und feuern ihn dabei an, sie bringen die Kinder mit und verzehren geschmacksarme Bockwürste. Huhlig’ns unterscheiden sich von den Fähns, indem sie über den Durst trinken und weniger das Spiel als die Randale schätzen, meisten nur diese, und den Anlass dafür schaffen sie notfalls selber. Womit sie Tucholskys Beschreibung des Hundes entsprechen:

„Der Hund bellt immer. Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlaß hat, erbellt er sich einen.“

So erbellen sich die Huhlig’ns ihre eigenen Befindlichkeiten, zu denen eine jedenfalls nicht zählt: die Vereinstreue. Sonst würden sie brav mit den Fähns leiden, still den Heimweg antreten und einander versprechen bessere Menschen zu werden, vorausgesetzt Dynamo steigt nicht ab.

Dynamo ist aber abgestiegen, und nun wäre es zur Abwechslung ganz nett, wenn die Medien aufhörten die Fähns mit den Huhlig’ns zu verwechseln – das kann so schwer nicht sein. Oder? Für Hooligan schlägt mein Wörterbuch vor: der Krawallmacher, der Rabauke, der Randalierer, der Rowdy, ich füge hinzu: der Zuschläger. Wenn es schon Lehnwörter sein müssen: Männliche Fähns sind aficionados, weibliche sind aficionadas, zu deutsch: Kenner, auch Liebhaber. Jedenfalls ist es grotesk, wenn man die Fähns haften lässt für die Taten der Huhlig’ns. Sozialpädagogisch ähnelt das dem Nährwert eines Tellers Cornflakes.

Andererseits muss man verstehen: Bei Blutleere im Hirn gedeihen keine Gedanken, nur Reflexe, und falls die Sprache eine solche Ödnis wiedergeben muss, genießt man schon, wenn die Leute ihre Anglizismen richtig aussprechen: Fenns ist schon mal total falsch, richtig ist Fähns mit langem Ä, und die Huhlig‘ns sind keine Huligääähns, sondern Blödmänner, die im Stadion nichts zu suchen haben, sondern in eigene Kampfstätten draußen im Grünen gehören, wo sie nur mit Schlägerausweis eingelassen werden.

Wenn ihr die Huhlig’ns so loswerdet, dürft ihr von mir aus die Fans auch Fenns nennen …

Oliver Baer @ 21:05
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Es spielt doch eine Rolle

Beitrag vom 14 April 2014

Wenn zwei Dinge weder dasselbe noch das Gleiche sind (© Fotolia)

Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir eine Sache benennen und welche Wörter wir uns verkneifen. Wie Jürgen Trabant ausführte [1], ist es nicht das Gleiche, ob uns eine Person als Freiheitskämpfer oder als Rebell vorgestellt wird.

„Das kann man nicht vergleichen!“ klingt hohl. Der Satz enthält so viel Kalorien wie: „Nachts ist es kälter als draußen.“ Wer A und B für unvergleichbar hält, musste zuerst was tun? Er musste A und B nebeneinander stellen und vergleichen, sonst hätte er zu seinem messerscharfen Schluss nicht gelangen können, dass man A mit B nicht vergleichen könne. Gemeint hat dieser Hohlsprecher etwas anderes: Man könne A mit B nicht gleichsetzen. Tatsächlich sind vergleichen und gleichsetzen nicht das Gleiche, und woher wissen wir das? Indem wir die Bedeutung der Wörter nebeneinander … wie gehabt, siehe oben!

Wer das Wort gleichsetzen aus seinem Wortschatz streicht und vergleichen sagt, wo gleichsetzen korrekt wäre, der halbiert an dieser Stelle sein Denkvermögen. Vergleichen brauchen wir zum Überleben: Zielt dieser Kerl mit der Stange auf meinen Kopf oder will er bloß den Mond weiterschieben – gehe ich in Deckung oder lade ich ihn zu einem fidelen Bierchen ein? Wer sich verbietet, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins und Maos zu vergleichen, dem fehlt die Erkenntnis, dass auch Pol Pot in die Kategorie „Massenmörder“ gehört: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat er mehr Menschen auf dem Gewissen als die anderen Verbrecher. Wir aber lassen solche Leute an die Macht kommen, lassen uns von ihnen täuschen, wir lassen ihre Massaker zu, und hinterher behaupten wir einfach, das könne man alles nicht vergleichen. Sehr praktisch.

Gut ist auch der „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“. Anlässlich Obamas Besuch mussten die Dresdner Bürger hinnehmen, dass die Stadt weitgehend stillgelegt wurde; die Gullideckel waren verschweißt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet, alle hielten den Atem an: Der ist bald wieder weg! Als hingegen Putin zuletzt in Dresden war, begrüßten ihn zwar Dresdner Bürger mit „Mörder“-Rufen (wegen der Journalistin Politkowskaja). Trotzdem verließ er am Morgen sein Hotel, spazierte gut zwei Kilometer durch die Altstadt, überquerte lose aufliegende Gullideckel und kehrte bei einem Bäcker ein. Ungezählte Dresdner haben ihn erkannt: “Hier liest Putin bei Kaffee & Schnecke die Morgenpost”. Will sagen: Einem Vladimir Putin droht man nicht, dazu hat der Mann zuviel Courage. So einem schlägt man sofort auf die Nuss, oder man lässt es bleiben; man steht nicht herum und bemüht sich gefährlich dreinzuschauen. Am besten, man überlegt sich etwas Klügeres als Gerede, dessen Hohlräume dem Gegner bekannt sind.

Nach Jahren einer sagenhaft ungeschickten Russlandpolitik seitens der EU, der NATO, der USA und ihrer eigenen Regierung haben viele Deutsche das Recht, die Weisheit der Oberen zu bezweifeln. Ob sie selber klüger wären, sei dahingestellt, aber diese Bürger als Versteher zu verunglimpfeb, ist ganz einfach saudummes Zeug. Derartige Sprachregelung dient nur einem Zweck: Es gibt Gedanken, die dürfen uns gar nicht erst kommen, und wenn, sollen wir uns wenigstens schämen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Versteher? Kann ich mich in den Kerl mit der Stange hineinversetzen? Wenn nein, sollte ich die Straßenseite wechseln. Was die Sprachregler meinen, ist etwas anderes: Sie möchten nicht, dass wir Putins Verhalten billigen, rechtfertigen, unterstützen. Dann sagt es doch, ihr Lautsprecher, statt mit amputiertem Wortschatz euer Denken zu beschränken!

Übrigens: Äpfel und Birnen sind Obst.


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[1] Feige Rhetorik, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014_blank

Oliver Baer @ 21:17
Gespeichert in: Gesellschaft
Schlimmer als die verpatzte Energiewende

Beitrag vom 7 April 2014

very strong engländisch (© Behland)

Wie Zocker verspielen wir eine Ressource, ihr Verlust wird uns teurer zu stehen kommen als die verpatzte Energiewende.

Unsere Enkel werden fragen, warum wir die Muttersprache nicht auf dem Niveau hielten, das die deutschen Nobelpreisträger (darunter viele Juden) des vorigen Jahrhunderts verwendeten. Was wir unternahmen, damit nicht jeder fünfte Jugendliche schon sprachlich am Fahrkartenautomat versagt. Warum Wissenschaftler in schlechtem Englisch statt zuerst in gutem Deutsch publizieren. Die Antwort: Wir ließen zu, dass die Muttersprache mit dem Vaterland zu einem Eintopf verrührt wird; der schmeckte braun, da fraßen wir lieber junk food aus Amerika.

Was wir mit Englisch anstellen, eignet sich zum Blödeln, nicht aber zum Denken. Gerade die deutsche ist eine jener Sprachen, die einen zum genauen Ausdruck ermuntern. Sie schubst, zügelt, quengelt: „Sag, wie es ist!“ Damit einher geht das klare Denken. Man kann in jeder Sprache Flugtechnik so beschreiben, dass die Flieger nicht vom Himmel fallen, in manchen aber geht es besser. Das beweisen die synoptischen Texte des Normenausschusses Luft- und Raumfahrt. Aus seinen Arbeitstreffen berichtete Gerhard Junker: „Das Ergebnis war stets: Kürzester Text war der englische, aber selbst die sprachstolzen Franzosen befanden: Der beste Text ist der deutsche.“

Das hat nichts mit Nationalismus, sondern mit Eigenschaften der Sprachen zu tun. Das Englische eignet sich zur leichtfüßigen Verständigung; deshalb ist es – trotz der vertrackten Rechtschreibung – die Weltsprache; für diesen Zweck wäre das Deutsche zu sperrig, besserwisserisch, es bremst die Verständigung. Andererseits kann man im Englischen mühelos zehn Minuten schwafeln, bis die Hörer merken: Der sagt ja nichts! Auf Deutsch wäre der nach einer Minute entlarvt.

Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen, es gibt Werkzeug für diesen oder jenen Zweck. Deutsch müsste eine bevorzugte Sprache der Wissenschaften sein. Akademiker fallen lieber auf die Behauptung herein, dass die Weltsprache dem Austausch von Wissen am besten diene. Solchen Unfug nennt man Monokultur, das Gegenteil von geistiger Vielfalt. Zudem beherrscht weltweit nur eine überschaubare Zahl von Akademikern so gutes Englisch, dass mit Amerikanern ein Austausch auf Augenhöhe gelänge. In dem frommen Glauben, das alles geschähe folgenlos für ihre Wissenschaft, formulieren sie holpriges Englisch. Ihre deutsche Terminologie verarmt und die Zusammenhänge radebrechen sie. Das Volk, das sich bei dieser geistigen Auszehrung der Restsprache bedient, hat zur Lösung der Weltprobleme bald nichts mehr zu bieten als eine verlängerte Werkbank.

Schuld an dieser Misere tragen nicht nur die Grünen und Linken, die nicht begreifen: Die geistigen Ressourcen zählen zu den endlichen Rohstoffen, sie müssen ständig erneuert werden. Wer glaubt, die Sprache „entwickle sich vonselber“, verhält sich wie der Faulpelz, der seinen Garten sich selbst überlässt: Sieger ist das „Unkraut”. Schuld tragen indes auch die Sprachschützer, denen der Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland ebenso wenig einleuchtet. Sie machen Sprachpflege zu einer deutschnationalen Angelegenheit, so als würde unsere Muttersprache nur in Deutschland gesprochen. Nebenbei: Die Sprache der Nazis war kein gutes Deutsch, sondern ein Gruselsurium der Aufgeblasenheit, auf die man hereinfiel, statt die Unwörter zu jäten.

Dass es bei liederlicher Sprache mit dem Denken bergab geht, ist in den Gesprächsforen des Internets zu besichtigen: Leere im Hirn, Mangel an einfachster Logik und Verfall der Sprache treten gemeinsam auf. Dagegen hilft, liebe Leute auf der Linken, auch nicht Euer geliebtes Englisch. Warum? Weil Schrumpfenglisch nicht genügt und gutes Englisch nur auf Grundlage der gepflegten Muttersprache gedeiht. Das zu kapieren kann so schwer nicht sein…


Der verstorbene Dipl.-Ing. Junker war Gründungsmitglied des Vereins deutsche Sprache

Oliver Baer @ 14:39
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Auge um Auge

Beitrag vom 19 März 2014

Sprachfreunde lassen grüßen: Wie schön, dass wir euch nicht mehr ertragen müssen!(© Behland)

Heute wird mal nachgetreten, zwar freudlos aber gleich zweimal, da sich zwei Gegner der gepflegten Muttersprache in die Bedeutungslosigkeit verabschieden.

Der erste Fall betrifft Sebastian Edathy, aber nicht wegen der Sache, die ihm politisch das Genick gebrochen hat. Da er sich beklagt über die kalte Schulter, die ihm die SPD bietet, erinnere ich mich an eine TV-Runde, wo Edathy „Deutsch ins Grundgesetz!“ routiniert abwimmelte. Bekanntlich darf man auch über Deutsch als Landessprache verschiedener Meinung sein. Edathy aber vergriff sich gleich dreimal: Im Ton, der war anscheinend sachlich (anmaßend); in der Wahl seiner Argumente (längst widerlegt); und er vertat sich in der Temperatur (eisig). Bestens bekannt ist diese Kombination von der Blasiertheit der Politiker, die „keinen Handlungsbedarf erkennen“ und nie auf das Argument eingehen, sondern nur eines tun, das aber geübt: den Gegner mundtot machen. In der Erinnerung aus der Gesprächsrunde (s.unten) bleibt die Eiseskälte des Abgeordneten Edathy. Vielleicht erntet er von seiner Partei nur, was er auch dort gesät hat?

Der andere Fall betrifft Alice Schwarzer, deren Steuerprobleme hier ohne Belang sind. Wolf Schneider zählt sie zu den Persönlichkeiten, die den größten Einfluss auf die deutsche Sprache ausgeübt haben (neben Martin Luther und Konrad Duden). Um die Sprache geht es ihr aber nicht, sie missbraucht sie als Werkzeug (genau wie die Politiker). Auch das Schicksal der Frauen kümmert sie nicht, sonst wäre ihr Feminismus kein Krieg, sondern eine Annäherung zum friedlichen Ausgleich, also ein Erfolg. Was will Alice Schwarzer? Sie will piesacken, manipulieren, Macht ausüben, das hat sie selber vielfach bewiesen. Falls Sie das nicht glauben, schauen Sie doch genauer hin.

Was man statt mainstream gendering tun könnte, um zu einem – für Alle erfreulichen – Erfolg zu kommen, hat in einem Beitrag über Frau Schwarzer so wenig zu suchen wie eine Anleitung zum Getriebewechsel. Das sag ich als Sohn einer alleinstehenden Mutter, die zur Kontoeröffnung eine Erlaubnis ihres Mannes vorlegen sollte, und als Ehemann einer Frau, deren alleinstehende taubstumme Mutter sich genauso wenig unterbügeln ließ. Der bleibt unser Blick auf Schwarzers missratenen Feminismus recht nüchtern. Tragisch: Solcher Unfug entfremdet die Sprache von ihren Sprechern (zu Fuß Gehende statt Fußgänger). So viel Machtausübung stand dieser Frau nicht zu. Und Zigtausende, die unseren Müttern nicht das Wasser reichen könnten, sind der Schwarzer nachgelaufen. Na, vielleicht hat sich das endlich erledigt.


Die Diskussionsrunde im Fernsehen: Deutsch ins Grundgesetz – Überflüssig oder überfällig?, Phoenix Runde, 17.11.2010, Anne Gesthuysen diskutierte mit Prof. Monika Grütters (CDU), Sebastian Edathy (SPD), Wolf Schneider (Journalist und Sprachkritiker), Rudolf Hoberg (Gesellschaft für Deutsche Sprache).

Oliver Baer @ 19:05
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Für Nachäffer kaum geeignet

Beitrag vom 16 Januar 2014

Null Bock auf politisch korrekte Poesie (© Behland)

Gutmenschen in Parteien, Gewerkschaften, Schulbehörden und Universitäten verachten die Sprache, in der Karl Marx schrieb, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Stefan Heym, Jurek Becker, Christa Wolf, sowie Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer und Rafik Schami.

Im kleinen Kreise fragt eine junge Dame, deren Glas selten nachgefüllt wurde, ob der Diskus, dem sie da beiwohnt, irgendetwas mit etwas anderem zu tun habe: Hat die deutsche Sprache irgendetwas mit Deutschland zu tun? Die Antwort erfahren wir von den Einwanderern aus Anatolien und Andalusien. Sie merken schon am Tag ihrer Ankunft: Für den täglichen Umgang eignet sich die Landessprache, nur sie ist das Medium, in dem die Eingeborenen aus Augsburg und Aachen miteinander sowie die Einwanderer untereinander verkehren. Deutsch ist natürlich politisch total unkorrekt, die Sprache der Nazis, es ist schon kaum unglaublich, was sich diese Ausländer leisten.

Politisch korrekt ist, dass Eingeborene die Einwanderer als Nomaden bezeichnen, als “Menschen mit Migrationshintergrund”, als würden diese fortwährend migrieren. Guckstuhier: Immigration ist Einwanderung, Emigration ist Auswanderung; demnach wäre ein Migrationshintergrund? Richtig, ein nomadischer. Fremdwörter verwechseln und Deutsch verachten – das kann heiter werden!

An den Schulen wird nämlich immer mehr Englisch unterrichtet, gestrichen wird bei den Deutschstunden. Dabei bestreitet kein Pädagoge: Sämtliche Fächer, von der Mathematik bis zu den Fremdsprachen, lernen die Schüler auf welcher Grundlage am besten? Richtig, auf Grundlage der Muttersprache, auch wenn das einer politisch korrekten Minderheit nicht in den Kram passt: Das ist nunmal Deutsch, nicht Englisch, nicht einmal Türkisch. Deutsch ist beides: Muttersprache und Lingua franca.

However, dear friends, in diesem Lande gibt es welche, die mit Deutsch viel anfangen: sie zählen zur Poetry-Slam-Szene. Da gehen Sie als Purist natürlich nicht hin, wasndasfürnwort! Schade, dabei ist es die letzte Bastion der Muttersprachler, die auf Deutsch noch Neues schöpfen, und sich mit Fremdwörtern auskennen. Wie kommt es zu dieser Wiederentdeckung unserer Sprache? Wollten diese Wortkreativen dasselbe so geistreich und so zügig auf Englisch über die Rampe bringen, müssten sie es drauf haben wie Shakespeare himself, sie müssten native speaker sein, nicht Nachäffer seiner Sprache. Poetry Slam gelingt in der Muttersprache und nur dort. Also, liebe Spracherhalter, gehet hin und mehret Eure Kenntnis! Vielleicht begegnet Ihr denen von der Schulbehörde. Sonst müssten wir diesen ans Herz legen: Wenn Euch das Deutsch so ekelt, seid standhaft: Sprecht Euren Gutmenschen-Bullshit auf Englisch, aber tut es bitte fehlerfrei, if you don’t mind!

Grübelanstoß: Zum Jahresende 2013 enthielt die Wikipedialiste der auf Deutsch schreibenden türkischen Schriftsteller 267 Autoren.

Oliver Baer @ 14:30
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Politiker im Internet: willenlos

Beitrag vom 20 August 2013

Wer ist noch wählbar? (Bild: Fotolia)

Meine Website wurde wiederholt böswillig attackiert und zeitweilig lahmgelegt. Das geht zur Zeit vielen so, meist kleinen Betreibern, die wichtigeres zu tun haben als ihre WordPress-Software alle Nase lang gegen solche Angriffe zu immunisieren.

Also selber schuld? Ich bin solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Kriminelle und Geheimdienste haben freie Bahn. Ist bei der Regierung der politische Willen wahrzunehmen, dass sie ihre Bürger vor solchem Ungemach künftig schützen werde? Ihr fehlt der Wille. Auch das Vermögen, das Netz ist für sie „Neuland“, darauf ist Frau Merkel sogar stolz.

Die Opposition ist keinen Deut besser. Man könnte den Eindruck gewinnen: Im Netz ist bald nur noch willkommen, wer so flach wie Facebook daherkommt oder wer für befreundete Geheimdienste arbeitet (oder beides).

Bedenkt man den Aufwand, mit dem unsere Telefonate, SMS, Mails usw. den Spionen überlassen werden, sieht man eine Schieflage, die offenbar keiner mehr korrigieren möchte. Falls demnächst vom Internet nur Facebook und Google übrigbleiben, dazu der Schwachsinn von den Parteien, verliere ich mein Interesse am Netz. Dann wird es wieder Samisdat geben – alles schon dagewesen.

Oliver Baer @ 21:41
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Dafür gibt es kein deutsches Wort

Beitrag vom 20 August 2013

Den wo es nie gab, den gibt es doch. (© Behland)

Zur Rechtfertigung eines Fremdwortes sticht das Argument immer: „Dafür giiibt es echt kein deutsches Wort, giiibt es wiiirklich nicht!“ Sogar gestandene Sprachbewahrer gehen ihm auf den Leim, wenn auch mit verdrossenem Schweigen.

„Der shitstorm habe eine Benennungslücke gefüllt“, erklärte der Germanist Michael Mann schon 2012 […]. „Das heißt, es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet.” (Welt vom 15.8.13). Recht hat er, tagsüber scheint die Sonne, nachts nicht. Aber nun aufgewacht! Dass es kein deutsches Wort gebe, ist als Argument nicht falsch, es ist nur saublöd. Für eine neue Sache, für einen neuen Begriff gibt es kein Wort, kann es nicht geben, denn das Ding ist ja neu. Sieh mal an!

Das ist immer so, in jeder Sprache. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn das Neue aus einem anderen Kulturkreis stamt und sein dort geprägtes Wort zu uns mitbringt, wie die Jeans aus Nordamerika. Bei Karstadt und Kaufhof gab es ab 1958 Hula-Hupp-Reifen, eine anscheinend hawaiianische Erfindung, die den Lesern heutzutage als hoola hoop bekannt sein mögen. Nun ja, früher hat man Lehnwörter noch willkommen geheißen und sie eingebürgert, sprich eingedeutscht, wie sich das unter zivilisierten Menschen gehört.

In Wirklichkeit gibt es Reifen dieser Art seit Jahrhunderten, da waren bäuchliche Rotationen aus Hawaii noch unbekannt. Das Wort hoola hoop hatte ein Geschäftsmann zwecks Vermarktung seiner Plastikringe erfunden (apropos auf den Leim gehen). Das erinnert an den Weihnachtsmann. Den gibt es zwar nicht, aber seit Coca Cola ihn als Geschenkeanschlepper in Ferrari-Rot bewirbt, glaubt alle Welt an den Weihnachtsmann statt sich, was richtiger wäre, an Nikolaus von Myra zu erinnern, der übrigens tatsächlich gelebt hat.

Müssen wir auf jeden Verkäuferschnack hereinfallen? Jetzt fehlt nur noch, dass wir das total uncoole Wort Hähnchen durch McNuggets ersetzen. Sollte es sich bei einem neuen Wort aus den Vereinigten Staaten ausnahmsweise nicht um einen Trick aus der Marketingkiste handeln, sondern um eine wichtige Neuschöpfung wie den stalker, gäbe es indes folgendes zu bedenken, und das ist der Zweck dieses Artikels:

Eine Sprache der wir es nicht mehr erlauben, für den stalker ein Wort aus dem eigenen Schatz der Erbwörter zu bilden, weil wir uns zuerst bei einer anderen Sprache umsehen, liebe Leser, von so einer Sprache kann man eines nicht mehr behaupten: dass sie noch lebe.

„Dafür gibt es kein Wort im Deutschen“ taugt nicht als Argument zur Verteidigung von Lehnwörtern. Man könnte es auch umdrehen und als Aufforderung verstehen: Hier ist etwas Neues, finde dafür das angemessene Wort! Den stalker gab es nämlich auch im Englischen nicht. Es gab das stalking, so nennt man, was der Jäger mit dem Hirsch anstellt: ihm nachstellen. Für den neuen Straftatbestand der fortgesetzten Belästigung gaben uns die amerikanischen Wortschöpfer mit dem stalker eine klassische Steilvorlage für den Direktschuss auf das Tor: stalking = nachstellen, also stalker = Nachsteller. Falls jetzt noch einer einwendet: „Aber das gibt es tatsächlich nicht im Deutschen!“ soll er ruhig beim Weiterlesen die Augen fest geschlossen halten.

Linguisten verweisen gern auf die Regeln, nach denen jede „lebendige“ Sprache neue Wörter bildet. Damit haben sie völlig recht, und das enthält auch, dass man sich in anderen Sprachen umsieht. Peinlich wird es nur, wenn die deutsche Sprache keine Wörter mehr bilden darf. Hierzulande ist der stalker schicker als der Nachsteller. Was ist so schick am stalking? Die Steilvorlage haben wir in ein Eigentor verwandelt, wider alle Vernunft. Der Bundestag hat immerhin noch das Wort Nachsteller in den Gesetzestext aufgenommen. Die Medien und mit ihnen der Volksmund bleiben beim stalker. Beispielsweise der Bericht des SPIEGEL über die Geiselnahme in Ingolstadt enthält den stalker zweimal, stalking dreimal, nachgestellt einmal.

Na und, das darf er doch? Macht nur weiter so. Wenn euer Deutsch nur noch zum Bierholen genügt, und auch euer Englisch zu nichts Besserem taugt, ist es zu spät. Nur die Hochsprache enthält Terminologien für alle Bereiche des Lebens, vom Alltag bis zur Forschung. Armselige Sprache erlaubt kein reichhaltiges Denken.

Ach ja: Statt shitstorm hätte man “Scheißsturm” sagen können. Das ist genauso schön oder auch bescheuert wie die englische Vorlage.

Oliver Baer @ 21:20
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon