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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Spottolski im Winter des Zornes

Beitrag vom 23 November 2017

Die Miezen seien am Feiern, berichtet Kater Spottolski im Vorübergehen: das Wort des Jahres. Leider sei es ein weiteres Mal weiblichen Geschlechtes. „Was guckst du? Weil ich des Genitivs beherrsche? Jetzt frag mich, wie das Wort des Jahres heißt, wohlgemerkt das Katzenwort des Jahres.“

„Sag an: Was ist das Wort des Jahres?“

„Du wirst es nicht verstehen. Ich erklär dir den Felinismus!“ Ich nicke verbindlich. Ich weiß, was sich für „Herrchen“ gehört.

Wutbürger, nach dem ersten Kaffee (Bild ®Behland)

Auf einmal ist Spottolski nicht mehr in Eile. Er und die Kater aus dem Oberdorf sind es jetzt leid. Sie möchten nicht länger mitgemeint sein, wenn von den Katzen die Rede ist. „Alles dreht sich um die Miezen. Wir bestehen auf unseren felinischen Rechten.“

Vielleicht sehe ich mimisch wie „Ach ja?“ aus, jedenfalls zählt er die Forderungen der Kater auf. „Erstens die Befreiung von der sexuellen Zumutung. Du willst wissen, was die Zumutung ist?“

Ich will, ich nicke ermutigend.

„Dass wir Kater für die Vermehrung zuständig sind.“ Ich verstehe. „Die dauernde Jagd, die Klopperei mit den Kollegen, ständig so tun, als ob man geil wäre.“ Spottolski schreit: „Wenn die Miezen nicht wären, würden wir uns dann noch kloppen? Na also!“

„Das ist belastend“, bestätige ich, und warte auf zweitens. „Zweitens?“

„Zweitens erfährst du, was los ist: Wir feiern das Katzenwort des Jahres. Aber davon verstehst du …“

„… Ich bitte dich, es gibt das Wort, das Unwort, sogar ein Jugendwort des Jahres. Ich kann was einstecken.“

„Na gut, das Katzenwort des Jahres lautet ‚Miauw‘. In deiner Schreibweise“, fügt er gnädig hinzu, „mit einem W am Ende.“

„Wie sonst“, nicke ich, „aber das war schon 2016 Katzenwort des Jahres.“

„Voriges Jahr, das war Miau, ohne alles. Geschlechtsneutral, ein früher Lichtblick für Kater.“

„Verstehe“, lenke ich ein. „Offenbar ein Fall von Homophonie? Wie in Leerstelle und Lehrstelle?“

„Werd nicht ausfallend,“ rügt mich der Kater, „daran ist nichts homophob.“

„Das ist einzusehen“, versichere ich. „Und was bedeutet Miau?“ – „Welches?“ – „Das neue.“

„Miauw bedeutet:‚Du gehst mir auf die Ohrspitzen.“

„Genial. Und das vom vorigen Jahr?“

„Miau steht für: ‚Der Winter zittert auf dem Huhn‘ oder gelegentlich: ‚Dreh dich langsam um, der Hering wackelt.‘“

„Der was?“

„Der Hering wackelt.“

„Der Hering wackelt?“

„Der Hering wackelt!“ Spottolski blickt mich an, voll der edlen Sanftmut. „Was sonst? Ein toter Hering wackelt. Miau, genau genommen Miou, wenn im gegenseitigen Einverständnis.“

Ich gucke schon ganz sparsam, aber mein Kater versteht, und er fährt fort: „Selbst diese Bedeutung ist im Großen Kuden feminin notiert, ich fasse es kaum.“

Wie die Katzen die homophonen Bedeutungen unterscheiden, möchte ich nun wissen.

„Das weiß man immer nie genau“, gesteht Spottolski. „Aber im Grunde ist es ganz einfach!“ schreit er. „Wer sich im Ton vergreift, kriegt einen gepfeffert.“

„Welch semantischer Reichtum!“ entfährt es mir. „Und wieso Hering?“

„Diese Frage ist typisch, eine Belästigung, total unfelinisch. Hering ist per se nicht anzuzweifeln. Aber du bist Mensch, du kannst es nicht besser. Und bevor du fragst: Mio bedeutet eine Ferkelei, die ich nicht übersetze. Genau wie Miahu. Da geniere sogar ich mich.“

„Wie kommt ihr zu dem Wort des Jahres, durch Wahlen?“

„Wahl, Einzahl, nicht Wahlen. Wir wählen und wir notieren nicht, wie ihr, auf der Rückseite des Wahlzettels eine Wunschkoalition. Wir panaschieren und kumulieren, und platsch da isses.“

Ich staune. Was die Jungs in der Katerabendschmiede lernen!

„Außerdem sprechen wir das Wort richtig aus, nicht halb englisch, halb deutsch wie ihr mit eurem Dschameika.“

Damit ich die Oberhand zurückgewinne, erfrage ich die weiteren Forderungen im Sinne des Felinismus: „Wir waren bei Zweitens.“

„Ge-nau. Viertens verlangen wir das volle Wahlrecht, wer wen freiwillig besteigt, nämlich auch mal gar nicht. Wenn unsereins keinen Bock hat. Geile Weiber!“ Schimpfend verlässt Spottolski die Räume der Redaktion. „Noch Fragen?“ Er habe eine unaufschiebbare Begattung in petto.


Mehr über starke und schwache Argumente zum Gendern:
Vorschlag zur Gendergüte und
Symbole sind zu schätzen

Oliver Baer @ 11:21
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Die Bedeutungslosigkeit der Lücke

Beitrag vom 14 November 2017

„Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ In diese Falle tappen auch schneidige Anglizismenjäger. „Shitstorm“, „Crowdfunding“, „Refugees Welcome“ und „Fake News“ kleben in unserem Wortschatz wie Bonbons im Kinderhemd, alle waren sie Anglizismus des Jahres, weil sie „… ins Bewusstsein und den Sprachgebrauch einer breiten Öffentlichkeit gelangt“ sind und eine „interessante Lücke im deutschen Wortschatz“ füllen.

In der Tat, spontan fehlt uns ein Wort aus eigenem Schatz, in der als zutreffend geltenden Bedeutung gibt es keines. Das ist richtig und stimmt trotzdem nicht. In den Vereinigten Staaten, Chefexporteur aller Anglizismen, gibt es ein neues Wort – zunächst auch nicht. In solchen Fällen tun die Amerikaner eines nicht: Sie suchen nicht in Lettland oder Laos nach einem Lehnwort, sie schnitzen sich ein eigenes. Wie die Isländer; sie nehmen sich das Recht und bereichern ihre Sprache mit bunten Neuauslegungen alter Wörter, die sie mit neuen Bedeutungen zusammensetzen. Zum langsamen zweiten Lesen: Bei der Lehnschöpfung wird ein neues Wort aus vorhandenen Wörtern gebildet, die Bedeutung wird aus der fremden Sprache übernommen, die Form des neuen Wortes ist völlig neu. So wurde aus der Guillotine das Fallbeil.

Die Lückenlosigkeit der Stille (® Behland)

Wenn wir unsere Schatztruhe mit Lehnwörtern füllen, nur weil sie aus Amerika stammen, fällt die Leere der Lücke als Begründung flach. Schwer zu sagen, welches Verfahren mehr wert ist, Entlehnung oder Lehnschöpfung. Schlaffe Gehirne ziehen das Abschreiben vor, eigenes Denken würde die grauen Zellen erneuern. Also noch einmal: Ausdrücken können wir auf Deutsch, was wir wollen. Wenn wir es wollen.

Sicher gibt es eine Fülle willkommener Fremdwörter, warum nicht auch ein paar englische? Wegen der hirnlosen Ausrede. An der vermeintlichen Bedeutungslücke stört, dass wir auf das Gerede hereinfallen: „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ wiegt als Argument so viel wie die Leere in der Lücke. Und noch etwas stört. Wie breit muss eine Öffentlichkeit sein, damit ihr „Bewusstsein und Sprachgebrauch“ maßgeblich wären? Als sie beispielsweise das „Crowdfunding“ adoptierte, müssten es ja Menschenmengen gewesen sein, die es der biederen „Gruppenfinanzierung“ vorzogen.

Oder auch nicht. Die Geschichte verläuft eher so: Eine Handvoll Leute benutzen das Wort, indem sie wiederkäuen, was in Medien und Werbung aus dem Englischen abgekupfert und bis zur Gehirnerweichung wiederholt wurde, bis es schließlich in der Öffentlichkeit anlangt. Nicht etwa in irgendwelcher Breite. Auch diese besteht, wenn es hochkommt, aus hundert Leuten, die im ICE laut telefonieren, und bald hört man die Mithörer landauf sowie landab: Wir ergeben uns, übergeben haben wir uns schon!

Den Stalker zum Beispiel gab es früher nicht, auch nicht in Kalifornien, woher das Wort stammt, weil dieses Phänomen gehäuft dort zuerst bemerkt wurde. Dort bildete man aus dem Verb „to stalk“ das – zuvor nie benötigte – Hauptwort „stalker“. Genau so wäre im Deutschen aus „nachstellen“ der „Nachsteller“ abzuleiten gewesen. Wurde er aber nicht. Die Steilvorlage aus Übersee geriet zum Eigentor: Zwar nennt ihn das Gesetz den Nachsteller, aber der Volksmund sagt Stalker, wie von den Medien vorgebetet. Jüngst kam in einem SPIEGEL-Beitrag zu eben diesem Thema der Stalker dreimal, der Nachsteller einmal vor.

Dass Bedeutungslücken auf Englisch geschlossen werden, bleibt bei der geltenden Sucht nach Geltung und der Denkfaulheit der Lautsprecher nicht ganz vermeidbar. Sei’s drum, aber wir müssen den Papageien nicht jedes Gebrabbel durchgehen lassen: weder das Leerargument, dafür gäbe es kein deutsches Wort, noch die Fake News, da habe sich eine breite Öffentlichkeit durchgesetzt. Es ist ein Argument, das nichts taugt, also Finger weg!


Siehe auch Widerstand gegen Fremdwörter und Selbsternannte selbst ernannt.
Viel mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 10:05
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Spielwiese der Bewegten

Beitrag vom 13 November 2017

Wir Sprachbesorgten befassen uns mit Fragen, die uns wichtig, manchen Widersachern aber gleichgültig sind. Dazu zählt das Gendern der Sprache, ein Thema, bei dem die Gegner aneinander vorbei reden. An den Scharmützeln beteiligt hat sich der Autor dieses Beitrags; es wird Zeit, genauer hinzusehen.

Die Linguisten mit ihrem Wissen und die Laien mit ihrem Sprachgefühl haben Recht, behalten es aber nicht. Das Bemühen um entpatrifizierte Ausdrucksweise mündet in Sprachhülsen, die Sprache wird so genießbar wie das Deutsch der Behörden. Die Debatte soll die Gegner des Genderns ermüden. Es gehört zum guten Ton, die Argumente des anderen gar nicht erst zu hören, geschweige denn zu lesen. Was wir jedoch verkennen: Den Genderbewegten geht es überhaupt nicht um die Sprache.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen (® Baer)

Sie ist die Spielwiese, auf der Feministen ihre Stöckchen werfen und wir rennen. Unermüdlich bellend beflügeln wir ein Spektakel, das die Sache der anderen voran bringt, unserer aber keinen Deut weiterhilft.

Das Gendern „soll zur Sensibilisierung führen und Diskriminierung bewusst machen“, so vornehm kann man das ausdrücken. In Wirklichkeit geht es um mehr: Das Bewusstsein und der Sprachgebrauch der Bürger sollen umgestülpt werden. Diesem Zweck nützt jede Erwähnung, jeder Widerstand. Jede Kritik heizt die Debatte an, stets zu Gunsten der Gendermission, getreu der Hollywood-Weisheit: „Wenn ich mal nur erwähnt werde, Hauptsache mein Name ist richtig geschrieben!“ Tatsächlich kümmern sich die Feministen ein nasses Stöckchen um unsere Argumente, denn wir lassen sie die Regeln des Spiels bestimmen. Das dreht sich um die Gleichstellung der Frau, und was dabei aus der Sprache wird, kümmert sie nicht.

Sollte man meinen. Dass es um das Los der Frauen geht. Nicht nur wir verwechseln das Offenkundige mit dem Wahren. Sehen wir genauer hin. Um die Gleichstellung der Frau geht es den professionellen Feministen durchaus, aber nur nebenbei. Hauptsache sie finden sich in ihrem eifrigen Tun bestätigt. Sie überleben in einer Nische der subventionierten öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Suppe reicht für ungezählte Gleichstellungsbeauftragte, -bewegte und –forschende; sie bilden den harten Kern. Hinzu kommen die gutwilligen Mitläufer, die Kulisse der Sympathisanten. Das sind Millionen aufrechter Amateure, sie werden gebraucht zur Bildung einer kritischen Masse für politische Bewegtheit.

Sie verkennen die gesellschaftlichen Folgen einer ideologisch befrachteten Sprache, und wir erleichtern ihnen die Ignoranz, denn sie nehmen uns als Besserwisser wahr: Was ist schon das Gedeihen der Sprache, ein abstraktes Festhalten an Konventionen, gegenüber dem greifbaren Schicksal der weiblichen Hälfte der Menschheit? Wie können wir nur so eitel, so ungalant sein, uns der guten Sache mit semantischen und grammatikalischen Einwänden zu verweigern?

Haben wir dieses Dilemma verinnerlicht, ertragen wir auch die Weiterung. Halten wir fest: Die Profis überzeugen wir sowieso nicht, uns kann es nur um die Mitläufer gehen. Wir sollten aufhören sie zu verschrecken. Wir müssen uns besinnen, was wir Überzeugendes, Positives zu bieten haben. Setzen wir an dieser Stelle ein Lesezeichen, bevor wir im österreichischen Leitfaden (pdf) für einen „nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch“ nachschauen. Dieser gilt ausdrücklich „in Bezug auf junge und alte Menschen, Menschen mit Behinderung, Frauen und Männer, Schwule, Lesben und Transgender, Migrant/innen und Menschen mit einer anderen religiösen Zugehörigkeit.“ Aufgepasst, es geht ums Ganze, und das besteht von Anfang bis Ende leider nur aus Floskeln. Dabei ist es nicht nötig, dass irgendwer das Gerede ernstnimmt, Hauptsache, er lässt sich die Synapsen plätten, bis er die allfälligen Lippenbekenntnisse brav herunterbetet.

    Einer Sprache, die vor lauter Gehhilfen ihren geistigen Horizont verliert, hört keiner zu, ernsthaft gelesen wird sie schon gar nicht. Genau das ist Zweck der Übung: Wer die Sprache beherrscht, bestimmt das Denken.

Wer sich an dieser Übung beteiligt, ist selber schuld. Machen wir uns lieber Gedanken: Wie vermeiden wir ideologisch manipulierte Sprache? Wie verhalten wir uns einfühlend gegenüber den Betroffenen (können etwa nur Frauen putzen?), aber auch nicht scheinheilig (werden zum Schnitzel wirklich Zigeuner verarbeitet?). Unsere Kritik an der Zerstörung der Sprache beenden wir selbstverständlich nicht.

Oliver Baer @ 10:04
Rubrik: Gesellschaft
Lernen durch Schreiben

Beitrag vom 12 November 2017

Die arg strapazierten Grundschüler noch mit der Schreibschrift plagen, ist das zeitgemäß? Mittlerweile tippt doch jeder die Buchstaben einzeln auf seinen gläsernen Bildschirm, WhatsApp schlägt gleich ganze Wörter vor, sogar in der korrekten Rechtschreibung (oder auch nicht). Bald lassen wir das Tippen sein, da sprechen wir in das Flachfon, die Äpp wandelt das Gehörte in lesbaren Text um.

Wozu also vergeuden wir die Lernlust unserer Kinder damit, das Schreiben überhaupt zu lernen, geschweige denn mit der Hand? Ob in Buchstaben oder Wörtern, zusammenhängend oder getrennt, wen juckt es? Wer mit der Zeit geht, behält den Akkustand im Auge, er hofft auf Frieden rings um die Sendemasten, und dass in der Disco keiner das Flachfon klaut. Womit die griffigen Motive für eine Welt ohne digitale Krücken bereits genannt sind. Mit nassem Holz Feuer machen ohne Streichhölzer, das muss heute nicht mehr jeder können. Eigenes Denken wäre aber ganz nützlich, wenn auch nicht im Sinne der Anbieter nutzloser Produkte, denn dumme Kunden kaufen, was jeder kauft, man muss sie nur dumm halten. Dem steht eines im Weg: Eltern und Lehrer halten es lieber mit der Klugheit.

Ich kann vollkras schreim (® Fotolia)

Längst ist bewiesen, dass die Handschrift unverzichtbar ist. Kitakinder mussten Buchstaben auf dem Papier nachfahren und auf einer Spezialtastatur eingeben. An die selbst gemalten Buchstaben erinnerten sie sich besser. Das gilt auch für Erwachsene, jeder kann es zuhause probieren: Schreiben Sie Zeichen aus einer fremden Schrift auf Papier, tippen sie andere auf einer Tastatur ein. Welche bleiben stärker in Erinnerung? Wer kennt noch das Vokabelheft, in dem wir jedes neue fremde Wort notierten? Auch der Sinn und die Zusammenhänge sind besser erfassbar, wenn der Text mit eigener Hand geschrieben ist. Das konnte an Studenten nachgewiesen werden, die ihre Vorlesungsnotizen mit der Hand notierten. Sie schnitten besser ab als die mit dem Tastaturgeklapper.

Das Schreiben orientiert sich nicht an Buchstaben, sondern an Silben und Morphemen. Beim Schreiben können Kinder motorische Bewegungen ausführen, die sprachlich bedeutsamen Einheiten entsprechen. Kopf und Hand arbeiten nun mal zusammen, zu beiderseitigem Nutzen. Insofern geht es nicht nur darum, eine Kulturtechnik zu bewahren, es geht ganz handfest darum, dass motorische und kognitive Fähigkeiten trainiert werden. Das Gehirn muss schon im Alter der größten Lernwilligkeit, nämlich in der Grundschulzeit, regelrecht strapaziert werden.

Leisetreterei durch Vereinfachung, die Verschonung der Kinder vor Anstrengung führen nur dazu, dass sie als Schulabgänger weder vernünftig schreiben noch rechnen oder in größeren Zusammenhängen denken können. Je komplizierter die Abläufe im Gehirn beim Lernen sind, desto mehr wird im Gedächtnis abgespeichert. Beim Tippen von Buchstaben bleibt weniger hängen. Wer viel auf Tatstaturen schreibt, sollte es auch als Erwachsener wieder mit der Füllfeder in der Hand versuchen. Am besten rechtzeitig, bevor das Diktat das Tippen ersetzt, oder die wachsende Lust an der Gewalt den Frieden um die Sendemasten gefährdet.

In diesem Sinne lobenswert und rechtzeitig kommt die Initiative der Zeitung Deutsche Sprachwelt aus Erlangen, der Aktion Deutsche Sprache (ADS) aus Hannover und der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft (NFG) aus Köthen (Anhalt). Sie haben gemeinsam Unterschriften für eine Petition zur Rettung der Schreibschrift gesammelt und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz Dr. Susanne Eisenmann überreicht. „Gut dem Dinge!“ hätte Walter Kempowski dazu gesagt.

Oliver Baer @ 10:04
Rubrik: Gesellschaft
Symbole sind zu schätzen

Beitrag vom 27 Oktober 2017

Gegenderte Sprache soll den Frauen zugutekommen. Tut sie aber nicht. Sie behindert die Gleichstellung der Frau, und je länger und gründlicher gegendert wird, desto weniger lässt sich der angerichtete Schaden umkehren. Geschädigt wird, außer den Frauen und unversehens, auch die Sprache. Sie wird mit Unsinnigkeiten durchsetzt, deren Gebrauch zum guten Ton gehört. An anderer Stelle werden die Klimmzüge beschrieben, die den Sprechern und Autoren zugemutet werden; hier betrachten wir eine Folge der genderbedingten Sprachverhunzung.

Was regt sich in uns, wenn da vorne am Mikrofon einer ansagt: „Liebe Kollegen und Kolleginnen!“ statt wie früher: „Liebe Kollegen!“ Nichts regt sich. Der Redner floskelt, und wir freuen uns auf sein Schlusswort. Da wir zwischendurch auch mal zuhören, bemerken wir, was bei uns ankommt. Es hört sich an wie „Liebe Kolleen und Kolleein!“ Das verzeihen wir dem Sprecher, derlei Abrieb kennen wir aus dem Alltag, er ist unvermeidbar, und wir hören, selbst wenn wir zuhören, sowieso nur die Floskel.

Lästiger ist schon der ganz Korrekte, der Silbe für Silbe artikuliert: Da sind die Mit-ar-bei-ter-in-nen kaum zu überhören. Was das bei uns bewirkt, geht nicht zugunsten der Frauen, sondern zu Ungunsten des vollmundigen Gleichstellers, der uns belehrt: „Hört her, ich trage das Los der immer noch Ungleichgestellten auf der Zunge!“ Sind wir gut aufgelegt, rufen wir im Stillen: „Is ja gut, bist ein Guter!“ Meist aber sind wir schlecht aufgelegt, uns nervt die ständige Wiederholung, da fehlt uns die Lust, überhaupt noch hinzuhören. Den Redner auszubuhen, sind wir zu höflich, außerdem gucken die Leute immer so. Was bleibt, ist eine miese Laune, und wer hat sie auszubaden? Die Frauen. Sie sind ja gottseidank schon fast gleichgestellt, den fehlenden Rest kriegen wir noch hin, also Ihr Guten, lasst es mal gut sein!

Mit feinsten Bockmist gedüngt (®Fotolia)

Im geschriebenen Deutsch liest sich das kein bisschen flüssiger. In einem fünfzeiligen Absatz kommen „die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ gleich viermal vor, obwohl wie so oft keine Rolle spielt, ob Weiblein oder Männlein. Betroffen sind Menschen, Leute, Bürger, Nachbarn, Mitglieder im Verein, Kollegen im Büro, aber wir Leser sollen sie trennen und wieder zusammenführen. Die zuvor im Sinne der Gerechtigkeit gebildeten Synapsen funken nicht mehr, sie glimmen, sie legen ganze Netze von Gedankengängen lahm, die sich ganz gerne weiter mit der Gleichstellung befassen möchten. Weil aber das Gehirn nicht stillsteht, entstehen neue Synapsen, und deren Signale sind gar nicht freundlich, da nistet sich ein Granteln ein, so dauerhaft wie der Straßenlärm vor der Tür. Der Unwillen durchkreuzt und überlagert die mit Wohlwollen vernetzten Bereiche im Kopf. Der Ingrimm wäre im Nu erlöst mit einem Klaps auf die Nuss des Schwätzers, das geht aber nicht, sein Text ist geschrieben, der Autor unerreichbar. Da hilft nur der Leserbrief, oder man pöbelt im Internet, was weder der Frauensache noch der Sprachpflege dient.

Warum machen die gleichstellungssympathischen Synapsen schlapp, kann man die nicht umschulen? Etwa durch beharrliches, noch häufiger wiederholtes Gendern? Eher nicht, denn da steht dem Erfolg eine Fähigkeit entgegen, die wir als Kinder erworben und bis ins Alter nicht vollends verschüttet haben. Wir unterscheiden trennscharf zwischen Rede, die wir schätzen und Floskeln, die wir verachten („Er schon wieder“). Kinder kann man schlecht anlügen, sie merken, wenn einer falsch singt.
Das Gehirn zweigt den Kitsch hierhin ab, das Echte dorthin. Als Erwachsene schalten wir den mentalen Kitschmelder ein, wenn wir die Netze im Gehirn mit frischen Impulsen beleben, wenn wir die aufrichtig gemeinten Symbole vom Kitsch bewusst unterscheiden. Beide, die Symbole wie der Kitsch verwenden die Sprache, manchmal sogar dieselben Worte. Der Unterschied ist wichtig, denn im Kitsch denken wir anderer Leut Gedanken, keine eigenen. Selbst wenn uns beim Lesen oder Zuhören nichts sofort auffällt – so abgehärtet wird man ja – im Stillen funken die neuen Synapsen und die sympathischen älteren lassen wir verkümmern. Schade drum, im eigenen Interesse.

Symbole sind zu schätzen, nicht zu verheizen! Als moderne Männer stehen uns die modernen, gleichgestellten Frauen näher als die Hollywood-Püppchen der Fünfziger Jahre („Streng dein hübsches Köpfchen nicht an“). Wir fühlen uns von den ach so Guten über die Kante gezogen, wir sind sogar zum Fremdschämen genötigt, denn vor unseren Augen werden die Frauen bloßgestellt: als Wesen, denen zuliebe die Sprache bis zur Ungenießbarkeit verbogen wird, damit sie zu ihrem Recht kommen. Da könnte man glatt wieder galant werden und den Frauen die Tür aufhalten: Auf in die frische Luft, in die Freiheit von sprachlicher Bevormundung! Ach ja, und nehmt die Guten, die ideologischen Artikulierer gleich mit, sie gehören gründlich durchgelüftet.

Oliver Baer @ 10:02
Rubrik: Gesellschaft
Starke und schwache Worte aus dem Bundestag

Beitrag vom 26 Oktober 2017

Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Johannes Singhammer (CSU), hat mit seinen Kollegen Axel Schäfer (SPD) und Gunther Krichbaum (CDU) einen neuen Kurs zur Stärkung der deutschen Sprache verlangt.

Insbesondere vier „Punkte mit Symbolwirkung“ nannten sie, drei davon betreffen Deutsch an den Hochschulen: Forschungsergebnisse, die mit Bundesgeldern gefördert werden, müssten demnach immer auch in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Tagungen in Deutschland dürften mit deutschem Steuergeld nur dann finanziert werden, wenn Deutsch zumindest eine der Konferenzsprachen ist. Vorlesungen und Prüfungen bei den Master-Studiengängen in den deutschen Exzellenzuniversitäten sollten immer auch in deutscher Sprache angeboten werden. Harmlose Forderungen, keiner verlangt Englisch von den Universitäten zu verbannen. Die Abgeordneten bitten darum, dass Deutsch wenigstens an zweiter Stelle stehen möge.

Regierung wiegelt ab

Von den Besten nichts Neues (® Fotolia)

Wie üblich lässt sie die Regierung auffahren. Deutschland profitiere von einem intensiven internationalen Austausch, so Kanzleramtsminister Altmaier, die Internationalisierung habe einen großen Anteil am Renommee deutscher Forschungsund Bildungseinrichtungen im Ausland.

Die immer gleiche verlogene Litanei. Hat irgendwer behauptet, der Austausch würde Deutschland schaden? Und was bedeutet Internationalisierung? Dass sie nur auf Englisch stattfindet, nämlich auf schlechtem Englisch? Dass sie nur gelingt, wenn die Universitäten auf Deutsch verzichten, weil es im Wege steht? Das ist so dürftig durchdacht, es ist peinlich. Es beweist, dass zum Denken mehr gehört als die spontanen Reflexe des Politikers. Herr Altmaier, selbst wenn alle Beteiligten ausgezeichnetes Englisch beherrschten, wäre eine geistige Monokultur abzulehnen. Sie entsteht bereits, da die Hochschulen auf die Weltsprache Englisch setzen. Sie verkennen, dass die verschleifte Weltsprache für den akademischen Diskurs nicht genügt. Englisch ist nicht wie Englisch. Und selbst wenn: Das ist, als würden wir nur Mais anpflanzen, den kann man wahlweise essen oder verheizen, wunderbar, und vergessen wir die Vitamine, die höheren Nährwerte!

Noch einmal, zum Mitschreiben

Wissenschaft blüht in der Vielfalt. Amerikaner denken anders als Deutsche, und das ist gut so: Denken und Sprache wirken aufeinander ein. Auf Englisch oder Deutsch zu Ende gedacht, kommen zum selben Problem ungleiche Lösungen zutage. Der Forschung und Lehre schadet es, wenn wir den Horizont durch einen Tunnel betrachten.

Selbst wenn wir das trotzdem für richtig hielten: Das Englisch der Wissenschaftler genügt nicht, um den Austausch auf höchstem Niveau (auf dem muttersprachlichen Niveau) zu gewährleisten, und dieser Mangel lässt sich auch mit Zwang nicht hinlänglich verbessern; Ausnahmen bestätigen die Regel. Dass Wissenschaftler mit ihrem Stummelenglisch mehr als einen zweitklassigen Austausch hinbekämen, gleicht einer Fata Morgana. Zehntausend handverlesene Dolmetscher und Übersetzer auszubilden (die ihren Beruf wie ein Geiger üben: täglich stundenlang) ist realistischer als die gesamte Wissenschaftsgemeinde auf ein Niveau zu heben, wo sie den Austausch auf Augenhöhe mit englischen Muttersprachlern betreibt.

Worauf alle gern hereinfallen

Woran liegt die Fehleinschätzung, der nicht nur Peter Altmaier verfällt? Mit seiner Illusion lebt, wer zu dem Problem nicht weiterdenkt. Das hat vier Ursachen. Man weiß es nicht besser, woher auch, wie viele Abgeordnete kennen sich in der Forschung aus? Sodann verwechseln auch Wissenschaftler die Fähigkeit zu lesen mit der des Schreibens. Dass sie einen englischen Fachartikel begreifen, ist kein Beweis, sie könnten ihn selber geschrieben haben. Sodann gilt es auch ihnen, wenn die Brüsseler Dolmetscher den Gebrauch der Muttersprache anmahnen: „Dann verstehen wir, was Sie meinen und können es übersetzen“ – vergebens, es wird weiter auf Englisch gestümpert. Womöglich wiegt am schwersten die sprachliche Eitelkeit der alten Männer, und die Frauen sind gerade zum Gendern draußen. Übrigens ein Vorgang, der den Gebrauch der deutschen Sprache unter dem Schirm englischer Begriffe wie „Gender Studies“ zu regulieren sucht.

Eine Wissenschaft, die auf ihre Terminologie in der Muttersprache verzichtet, amputiert sich selbst. Zugleich geht ihr die Fähigkeit verloren, komplizierte Vorgänge (wofür die Begriffe noch fehlen) so bildhaft zu beschreiben, dass aus dem Austausch frische Ansätze für den Erkenntnisgewinn entstehen. Offenbar begreift nur eine Handvoll universitär vernetzter Politiker, was auf dem Spiel steht. Alle Beschwichtigungen beweisen nur, dass die Bundesregierung keine Lust auf dieses Thema hat. Und so mancher Wähler keine Lust auf diese Regierung.


Nachgedruckt in Sprachnachrichten Nr. 75 des Vereins Deutsche Sprache

Oliver Baer @ 10:03
Rubrik: Gesellschaft
Dackel beißt Rentnerin

Beitrag vom 19 Mai 2017

„Rentnerin Renate R. wurde von Nachbars Dackel nicht gebissen“ kommt in keiner Zeitung vor; „Erneut vom Dackel gebissen“ wäre einen kurzen Einspalter wert. Insgeheim hoffen die Leser auf „Rentnerin beißt zurück!“

Ich bin kein Dackel (© Behland )

Wir sind es selber schuld, unsere Lust als Leser bestimmt, was uns an Nachrichten geboten wird: die Lust auf die Ausnahmen, die Abweichungen vom Alltag. Da kommt eine wadenbeißende Witwe gerade recht. Texte müssen aber zeilengerecht oder auf die Sekunde genau gekürzt werden. Farbig soll die Lektüre sein, das verschiebt Akzente, und schon tönt ein falscher Zungenschlag. Ab wann haben wir es mit Falschmeldung zu tun? Fake News gibt es in mindestens drei Formen: Erstens die Nachricht, die auf Nebensächliches übertriebene Aufmerksamkeit lenkt, zweitens Propaganda, zumal im Wahlkampf, drittens die gezielte Desinformation.

Ob der vorläufig Festgenommene „südländisch“ aussieht, kann sogar ein wichtiges Detail sein, oder auch ein unerhebliches, das zur Sache nichts beiträgt, aber Stimmung macht, erst recht wenn manche Leser genau diese Angabe vermissen. Propaganda erfordert mehr Aufwand. Die Mischung aus falschen und wahren Informationen soll die eine Seite schwächen, die andere stärken. Hauptsache die Informationen werden geglaubt. Zum Beispiel ist es sicher die Debatte wert, ob heutzutage frische Aufrüstung angezeigt ist. Aber es befremdet die Leser, wenn der aufgelaufene Bedarf an Ersatzteilen und Reparaturen bereits zur Aufrüstung gezählt wird: falsch.

Die höchste Stufe von Fake News ist die Desinformation. In ihrer Folge soll gar nicht geglaubt werden, vielmehr sollen die Bürger das Wahre und Falsche nicht mehr auseinanderhalten können. Sie sollen das Gespür verlieren, wie man eine unseriöse Informationsquelle erkennt und mit den seriösen nicht verwechselt. Ist dieser Zustand erst erreicht, fressen die Leute die wildesten Verdrehungen. Typisch war der Abschuss des Passagierfliegers über der Ukraine. Stets neue, zum Teil ganz abstruse Hergänge wurden als Tatsache dargestellt. Egal welche stimmen mochte, oder auch nicht, am Ende traut man keiner Quelle mehr; das ist der Sinn der Desinformation.

Schon bei Dackeln und Rentnern fällt eine faire Berichterstattung schwer. Umso mehr bei gewollter Irreführung. Wie wehren wir uns als sprachbewegte Bürger? Achten wir auf den Umgang mit der Sprache, in ihr verraten sich auch die Verfälscher. Lesen wir mit langen Armen, lernen wir nach und nach ihre Kniffe zu durchschauen, die Muster sind stets die gleichen. Wir sind nicht wehrlos, sogar in Diktaturen konnte, wer sich bemühte, zwischen den Zeilen viel Wahres herausfiltern. Unsere Mühe wird in dem Maße belohnt, wie wir unser Sprachgefühl hegen und pflegen, zum Beispiel durch Lesen von Romanen. Sie schärfen unser Vermögen die Wahrheit wahrzunehmen, damit wir nicht ohne weiteres das Wissen durch den Glauben oder die Gleichgültigkeit ersetzen.

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Quelle: Ethan Zuckerman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in: Jonas Kaiser, Fake News: Der Lackmustest für die politische Öffentlichkeit, Bundeszentrale für politische Bildung, nachzulesen bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Oliver Baer @ 15:27
Rubrik: Gesellschaft
Widerstand gegen Fremdwörter

Beitrag vom 19 Mai 2017

Geht es um die Bewahrung der reinen Sprache, gelten Fremdwörter oft als Fremdkörper. Die Abneigung gegen ihren Gebrauch ist leicht nachzuvollziehen, wird aber meist schwach begründet.

Nichts gegen Wischwaschi! (Fotolia 40701364)

Das Bedürfnis nach einer reinen Sprache befriedigen die Isländer auf ihrer Insel, in der vieldurchquerten Mitte Europas gelingt Ähnliches nicht. Wir schauen lateinisch aus dem Fenster (fenestra), nicht durch das Windauge (window) und Sex kommt uns reizvoller vor als Geschlechtsverkehr. Es ist vielfach belegt: Die reine deutsche Sprache ist eine Vorstellung, keine machbare Sache. Zu Recht wünschen sich Sprachfreunde trotzdem, dass sie von lästigen, weil überflüssigen Fremdwörtern verschont bleiben.

Wer sie benützt, findet sie jedoch wunderbar. Alle Anderen erkennen die lästigen Fremdwörter auch ohne puristischen Eifer. Jedes Wort hat so etwas wie eine ihm eigene Wärme und einen eigenen Geruch. So umweht Nebel die dedizierten Teams, die Prozesse aufsetzen um performante Lösungen zu replizieren. Derlei bullshit bingo klingt wie Deutsch, ist aber nur Gefriersprache aus übersetztem Englisch. So etwas signalisiert den angesagten Stallgeruch: Wir können bei Opex ein paar cuts machen. Das wäre meines Erachtens der beste approach, unser headcount ist an den benchmarks gemessen ohnehin zu hoch. Anderen stinkt dieser Ton, aber aufgepasst: Die whiz kids bleiben an Bord, die Übrigen bekommen career change opportunities, im Klartext: Sie dürfen ihre Karriere woanders fortsetzen!

Bevor wir im selbstgefälligen Spott verharren, machen wir uns nichts vor: Kalt kann auch sein, was sich wie reines Deutsch anhört. Bei Tucholsky verabredet sich ein Oberbuchhalter mit seiner Freundin, die er damit sicherlich in Schwingungen versetzt: „Es wird nachher in meiner Wohnung voraussichtlich zu Zärtlichkeiten kommen.“ Immerhin hat er sich verständlich ausgedrückt.

Dennoch sind es insbesondere die lateinischen und neuerdings die englischen Fremdwörter, die das Verständnis behindern. Der Zuhörer schaltet ab, sobald sein Maß an unverstandenen und Blähwörtern voll ist. Sie rauschen von Ohr zu Ohr, ohne unterwegs eine Synapse sonderlich bemüht zu haben, und die Konzentration bricht ein. Merkt er die Absicht, dass ihm der Sprecher imponieren möchte, wird er verstimmt. Soll er zugequatscht werden, wird er sich rächen, etwa an der Wahlurne, und sei es, dass er ihr fernbleibt.

Falls ein Politiker oder Manager Wert darauf legt verstanden zu werden, muss er dafür sorgen, dass er verstanden wird. Anderenfalls misstrauen wir Zuhörer ihm und vermuten, oft zu Recht, dass er uns einen Bären aufbinden möchte. Gegen jeglichen Missbrauch der Sprache ist Widerspruch unser gutes Recht. Falls er möchte, dass wir ihm nicht so genau zuhören, ist Widerspruch sogar Bürgerpflicht.

Mehr über hier wiedergegebenen Bullshit Bingo


Nachtrag: Mehr zu diesem Thema in dem jüngeren Beitrag Die Bedeutungslosigkeit der Lücke, speziell zu dem Argument: „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“

Oliver Baer @ 15:16
Rubrik: Unternehmen
Auf zur Aufmüpfigkeit

Beitrag vom 19 Mai 2017

Pfeif auf die Maobibel. Hier ist mehr los. (Bilschirmfoto Baer)


Wer sich vom Verlangen nach Wahrheit und Tatsachen noch nicht verabschiedet hat, findet in Timothy Snyders Lektionen für den Widerstand ein Manifest, das sich beim Lesen anfühlt wie der Biss in eine knackige Bockwurst.

Es ähnelt einer Prüfliste zum Abhaken, jedes seiner zwanzig sehr kurzen Kapitel bietet Kraftnahrung für frische Dehnübungen im Gehirn. Geschrieben in den USA, trifft nahezu alles Gesagte auf Europa zu. Während des wachsenden Lesevergnügens kommt ein doppelter Boden zum Vorschein, denn Snyders Anleitung zur Wiederentdeckung des Alltagsverstandes gilt keineswegs nur für Systementtäuschte. Sie ermutigt auch die überzeugten Demokraten zum Widerstand gegen die unzumutbaren Gebräuche im realen Demokratiebetrieb.

Der Bedeutung der Sprache ist nicht nur das Kapitel Neun gewidmet: „Sei freundlich zu deiner Sprache“. Leser, Bürger, Wähler finden durchweg Anregungen zum Umgang mit Wahrheiten und Tatsachen mithilfe der Sprache. Snyder ist Geschichtsprofessor, dieses Buch hat er für Bürger aus allen Milieus geschrieben.

Zum Auftanken: Über Tyrannei, zwanzig Lektionen für den Widerstand, 127 Seiten, Verlag C.H. Beck, München 2017, Zehn Euro.


Siehe auch: Dackel beißt Rentnerin, speziell zum Hang des Bürgers nach Nachrichten, und seien sie noch so falsch, Hauptsache, sie passen in sein Weltbild.

Oliver Baer @ 14:58
Rubrik: Gesellschaft
Wahrheit kann vorkommen

Beitrag vom 19 Mai 2017

„Der Präsident brüllt seinen Fernseher an, stimmt das?“ Spottolski steht am offenen Fenster, er reibt seine Flanke am Rahmen. Gleich wird er wieder Katerweisheiten absondern. Was der Präsident vor der Mattscheibe anstellt, sei ein Gerücht, nicke ich.

Verschlungen sind die Pfade der Suche nach dem Ding in seiner Ansichheit (© Behland)

„Recht hat er. Dazu sind Fernseher da“, sagt Spottolski. Er lässt sich Zeit, mal sehen, ob ich darauf eingehe. Ich warte, ich kenne unseren Redakteur für Alles sowie Nichts Anderes. „Ihn ärgert wohl, dass ihm der Fernseher weismacht, was wahr sei.“ Er klingt wie am Krankenbett: „Das ist Aufgabe des Fernsehers, Chef, dass er für dich wahrnimmt, worauf du nicht scharf bist. In der Zeit kannst du was Anderes tun.“

Das hat er von der Mieze nebenan, jede Wette, die kleine Graue von der Friseuse, altklug, aber sonst ganz patent. Sie hat ja recht. Die TV-Sender, auf der misslichen täglichen Suche nach saftiger Wahrheit, stören bei der Findung derselben. Besonders beim Regieren grenzt ihr Treiben an Nötigung.

„Der Präsident leuchtet vorbildhaft“, sage ich. „Die Wahrheit ist ein so kostbares Gut, damit muss man sparsam umgehen.“

„Genau. Zwar ist eine Notlüge immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.“ Liest mein Kater neuerdings Bücher, oder lässt er lesen?

„Ohnehin fällt die Wahrheit nicht besser aus, wenn sie erlogen ist“, versuche ich zu punkten.

„Das mag sein, aber die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst keinem mehr glauben kann. Der Präsident möchte doch geliebt werden, oder?“ Mein Kater ist verliebt, so viel ist klar. Unklar is, worauf er hinaus will. „Du würdest auch brüllen.“

„Ich sehe fern nur im Hotel.“

„Ein guter Propagandist kann sogar mit Hilfe der Wahrheit überzeugen!“ versucht er mich auszubremsen.

„Immer vorausgesetzt er weiß, wo es langgeht“, kontere ich. „Die Tatsachen sollte man immerhin kennen, bevor man sie verdreht.“

„Ach was! Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt. „Das Fernsehen hat schließlich Publikümer zu bedienen.“ Er holt zum Gnadenstoß aus: „Das Gerät hat eine Taste, auf der steht POWER: Drücken = Aus!“

Ja, Wahrheit kann schon mal vorkommen. Demnächst erkläre ich ihm Facebook, das wollen wir doch mal sehen.
___________
Bei so einem Mitdenker, da weiß man doch! Unser Dank für Zitierbares gilt Mark Twain, Karl Kraus, Andrej Okorn, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, Wiesław Brudzinski sowie Douglas Adams.

Oliver Baer @ 14:51
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
So bitte nicht!

Beitrag vom 19 Mai 2017

Der Polizei muss doch mal eine Lanze – wie sehen Sie das, die muss doch mal gebrochen werden, sowie den Opfern, so geht das jedenfalls nicht!

Pressemeldung der Kreispolizeibehörde Wesel vom 6.5.2017

In dieser Meldung wird das Opfer in seiner Eigenschaft als „Mann“ unmissverständlich hervorgehoben, ja verunglimpft. Das wird die Männerrechtler auf den Plan rufen. Zielgerichtete Einengung auf nur ein Geschlecht ist total unstatthaft sowie geeignet bei der Aufklärung des Falles massiv zu stören, schon wegen der Nebengeräusche. Sodann ist der „unbekannte Mann“ zu beanstanden. Ist er unbekannt, wieso steht vorab fest, es handle sich um einen Mann? Als ob in Zeiten der erstarkten Frauenbewegung eine weibliche Täterschaft von vorneherein ausgeschlossen wäre? Und überhaupt, nicht auszudenken, das Täterwesen wäre weder Fleisch noch Fisch, oder gar beides oder überhaupt irgendwas? Bedenklich!

Dass das Alter des Opfers mit dreißig Jahren angegeben ist, muss ebenfalls beanstandet werden, denn das erleichtert seine Identifikation durch Bekannte (BekanntInnen!) sowie durch spitzzüngige Familienangehörige (meistens Weiber, die mit der Zunge). So käme zum Schaden des Opfers der Hohn. Da kann sich die Polizei getrost einer diskreteren Wortwahl befleißigen! Sachlich korrekt ist immerhin die Anmutung, dass der/die Täter(in) geflüchtet sei, indes folgt darauf ein grundlegender Eckgipfel der Peinlichkeit: „Der Täter kann nur als männlich und groß beschrieben werden“. Als ob die Moerser Polizei zu anderen Beschreibungen nicht fähig wäre! Wie steht der Wachtmeister da vor seinen Kindern? Das wirft ein Licht auf die Polizei, das sie getrost unter den Scheffel stellen kann, da brennt nichts an.

Als nächstes wird die Frage impliziert, ob ein vertikal vergleichsweise geringer ausgeprägter Mensch demzufolge kein richtiger Mann sei! So nicht! Auf diese Weise werden großgewachsene Männer diskriminiert, das ist ein Anschlag auf die Selbstbestimmung des Mannes als soziales Konstrukt, der durch den letzten Satz der Polizeimeldung vollends in den Schatten gedrückt wird: „Er sprach akzentfrei Deutsch.“

Da verschlägt es die Sprache schlechthin. Nicht nur muss als selbstverständlich gelten, dass Ausländer hierzulande Deutsch beherrschen, sodass es einer derart sarkastischen Überhöhung wahrhaftig nicht bedarf, sondern vielmehr, außerdem und überhaupt gehören Fremde, die sich redlich um die spurenlose Erfüllung dieser Anforderung bemühen, ausdrücklich gelobt! Der Unterton der Moerser Polizei ist anstößig, ach was, umstößig. Gesetztenfalls das täternde Wesen wäre ein einheimisches deutsches in siebter oder sagen wir achter Generation, wäre sein/ihr akzentfreier Umgang mit ihrer/seiner Muttersprache kaum der Rede wert. Wäre zu hoffen. Also bitte Ihr da in Moers und Wesel, kommt mal klar! Dürfen Frauen keine Opfer mehr sein?

Oliver Baer @ 14:32
Rubrik: Gesellschaft
Wer nichts weiß, muss alles glauben

Beitrag vom 17 Februar 2017

Was heißt hier: Geht nicht?  (Bild Fotolia)

Was heißt hier: Geht nicht? (Bild Fotolia)

Möchten die Leute einem Wortführer glauben, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht, so ist das ihre Sache. Wer nichts weiß, muss alles glauben. Aber auch der frechste Wortführer kommt nicht damit dadurch, dass er die Bedeutung der Wörter in ihr Gegenteil verkehrt – außer wir lassen ihn.

Die Sonne geht im Osten auf. Genauer: die Rotation der Erde bewirkt, was wir als Sonnenaufgang bezeichnen. Das ist eine Tatsache: Im Westen geht sie jedenfalls nicht auf. Alle Tatsachen sind alternativlos. Aber was ist dann alternativ möglich? Verschiedene Ursachen, auch andere Auslöser kann es geben. Unsere Wahrnehmung der Tatsache kann getrübt sein, ihre Folgen können wir unterschiedlich auslegen. Wir können verschiedener Meinung sein, wie wir zu den Folgen stehen. Die Tatsache bleibt, was sie war und ist.

Tatsache ist, dass der Nachbar behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Er kann reden, was er will, die Erde ist in Wirklichkeit eher kugelförmig. Dass der Nachbar wirres Zeug redet, ist die Tatsache. Was er da redet, ist keine. Das lässt sich säuberlich auseinanderhalten. Ich stehe zum Sonnenaufgang auf, oder ich lasse es sein – dazu muss ich ein Urteil fällen. Etwa, dass mir der böse Blick der Chefin egal ist, wenn ich keine Lust zum Aufstehen habe. Ohne die Tatsache des Sonnenaufgangs erübrigt sich das Urteil.

Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, ist es nicht so einfach, Tatsachen vom Wunschdenken zu unterscheiden. Deshalb ist sogar die Aussage eines Augenzeugen nicht immer glaubhaft. Sodann ist unsere Wahrnehmung einer Tatsache manipulierbar. Die Tatsache ist es nicht: Ist das Geld ausgegeben, ist es weg. Will uns jemand klarmachen, eine kosmische Geldbörse hielte Knete für alle bereit, wir müssten es nur glauben: Der will uns manipulieren. Es dennoch zu glauben, ist Privatsache. Andere zum Mitglauben zu bedrängen, ist eine Unsitte, etwa in der Politik, in der Kirche, im Büro. Da muss man aber nicht mitmachen, heucheln genügt. Nur die „alternativen Fakten“ gibt es nicht. Was meinte die langhaarige Blonde im Weißen Haus, die immer so müde aussieht, in Wirklichkeit? Dass sie alternative Informationen habe: dass sie auf dieselbe Tatsache eine andere Sichtweise habe – ja, so etwas gibt es, wird es immer geben.

Wir haben die Wahl, wir können zulassen, dass als Tatsache gilt, was dem Wortführer in den Kram passt. Die Folgen sind drastisch, auch für die Gläubigen, denen solche Haarspalterei nicht passt. Aber aufgepasst: Wer uns alternative Fakten andrehen will, der vertraut darauf, dass wir mit der Sprache umgehen wie mit einem Putzlappen: ist verbraucht, in die Tonne damit!

Wahrscheinlich sollten wir Bürger einander versprechen, dass wir die Muttersprache nicht nur hinlänglich, sondern gut beherrschen, bevor wir sie vernichten durch Verdrehungen, Lippenbekenntnisse und Blähwörter. Auch mit Anglizismen können wir sparsamer umgehen. Für den gekonnten Umgang mit der Muttersprache gibt es keinen Ersatz, wenn wir Lügen und Tatsachen auseinanderhalten wollen, und das müssen wir ja.

Oliver Baer @ 11:17
Rubrik: Gesellschaft
Lösungen à la Kater

Beitrag vom 17 Februar 2017

Spottolski hat sich geautet. Keiner ahnt was Böses, plötzlich steht der Kater auf der Matte: „Warum sagt mir keiner was? Der Mann ist genial!“ brüllt er. „Er hat den Stein der Weisheit gefressen!“

Klima, wer braucht das schon? (Bild Fotolia)

Klima, wer braucht das schon? (Bild Fotolia)

Schnell schieben wir dem Kater einen Napf vor die Nase. Bei Thunfisch in Olivenöl hört er auf zu maulen, meistens, unser Spezialist für alles Ungewisse.

„Wer?“ frage ich vorsichtig. „Sehr gut,“ er leckt sich das Maul. „Der Typ mit den Muschis. Hat den Klimawandel abgeschafft.“ Wenn es ihn nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Nicht den Fisch, den Trump.

Dass wir nicht selber auf die Idee gekommen sind! Wir machen uns Gedanken, wie man dem Wandel beikommt, wir kommen auf die tollsten Lösungen – zu Zweit duschen, mehr kuscheln, solche Sachen – und schreiben dicke Bücher, damit Tonga nicht im Meer versinkt, und Hamburg, und Manhattan.

Dann kommt der Präsident der verunsicherten Staaten und tut was? „Unterschreibt ein Stück Papier!“ erklärt der Kater. Macht keine Faxen, schon hebt er den Blick und schreit: „Sonst noch was zum Signieren? Bin gerade groß in Form.“

Was lernen wir daraus? Komplexe Probleme eignen sich für einfache Lösungen! Der Mann denkt gegen den Strich. Dazu nickt Spottolski und er senkt die Stimme: Als nächstes werde er die Krim abschaffen, und den Krebs. Der Trump. Das wisse er von den Miezen nebenan. Und die Kriminalität.

Aber nicht den Kreisverkehr, werfe ich ein. „Ich beanstande Dich,“ sagt Spottolski, „du unterschätzt den Mann. Apropos Krabben, die mit Mayonnaise, wenn ich bitten darf. Das wird man ja noch sagen dürfen!“

Wer in der Redaktion keinen Durchblick hat, braucht einen Kater.

Oliver Baer @ 11:16
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Ein eigenes Universum schaffen

Beitrag vom 17 Februar 2017

highway in berlin at night with motion blur

Geruchsarmes Marketing – auf Englisch eher nicht (Bild Fotolia)

Zwei Denkschulen des Marketings gibt es. In der einen wird das Unternehmen den Bedürfnissen seiner Kunden gerecht, in der anderen werden die Kunden über den Tisch gezogen. Gemeinsam ist beiden, dass der Anbieter irgendwie – und manchmal mit Erfolg – ermittelt, was die Kunden brauchen oder wenigstens, was sie wünschen. Die Gesamtheit der potentiellen Kunden ist der Markt. Was ihm angetan wird, nennt man die Vermarktung. Das klingt zu stark nach Verwurstung, deshalb spricht man lieber vom Marketing. Eine Abart dieser Disziplin wird bei Volkswagen geübt.

Der Konzern spricht neuerdings ab einer gewissen Führungsebene statt Deutsch lieber Englisch. Es hat im Marketing des Konzerns schon vor Jahren Fuß gefasst. Als Sprache der Führungskräfte richtet die Weltsprache einigen Flurschaden an, das war schon bei Daimlers Ehe mit Chrysler zu beobachten. Hier fragen wir uns nur: Bringt die Weltsprache wenigstens dort einen greifbaren Nutzen, wo sie schon fast zur Lingua franca gediehen ist, im Marketing?

In der seriöseren der beiden Denkschulen ist die Unternehmensführung bemüht, den Erwartungen der Kunden, der Geldgeber sowie der Mitarbeiter gerecht zu werden – drei Gruppen mit teils widersprüchlichen Forderungen. Mitarbeiter, so viel Zeit muss sein, sind die Menschen, die ihre Arbeitskraft einbringen, nicht die Automaten und Algorithmen, deren – übrigens auch nicht englische – Muttersprache hier nicht zur Debatte steht, noch nicht. Seriöses Marketing betrifft demnach die Beschaffung, die Fertigung, die Verwaltung und ganz besonders das Zusammenwirken der Menschen im Hause sowie mit den Kunden. Da zahlt sich eine fehlerarme Verständigung aus, sonst werden Dinge ins Auto eingebaut, die da nicht hineingehören und anschließend dem Unternehmen, egal in welcher Sprache, Kopfschmerzen bereiten (zum Beispiel Schummelware).

Der Einfachheit halber lassen wir hier außen vor, dass auch das Marketing zum kulturellen Genfundus des Unternehmens zählt. Wer auf Kultur pfeift, hat keine, Hauptsache die Kunden kaufen. In solchen Unternehmen erschafft und erneuert das Marketing von früh bis spät ein eigenes Universum. Daran glaubt das Unternehmen, die Mitarbeiter sollen glauben, sie müssen es, denn es gibt (während der Arbeitszeit) keine Alternative und so produziert der Konzern stets neue Seifenblasen. Ein Haufen Leute im Hause hat mit Schaumschlagen alle Hände voll zu tun, eine Tätigkeit die umso edler aussieht, je weniger Deutsch dabei gesprochen wird.

Das muss nicht verblüffen, es war schon immer so, dass das Fremdländische – wenn es nicht abschreckt oder Angst macht – zum Imponieren geeignet ist. So heißt bei VW der Allradantrieb 4MOTION, ein Begriff der auch auf Englisch kaum zu ertragen ist. So dümmlich kann die Grammatik gegen den Strich nur bürsten, wer weder Deutsch noch Englisch beherrscht. Oder das RSE, es steht für Rear Seat Entertainment, das den Fondpassagieren multimediale Unterhaltung bietet. Rücksitzunterhaltung hätte haarklein dasselbe besagt, aber Blähwörter blühen bunter auf Englisch. Das Dumme ist nur: Wer schon vorher glaubwürdig war, kann sich solche Sprachvernichtung ausnahmsweise erlauben. Volkswagen aber weckt Fragen im Hinterkopf des aufgeweckten Kunden: Das sind doch die Leute, deren Betriebsrat in brasilianischen Bordellen gefügig gemacht wurde; die urplötzlich überflüssige Vorstandsmitglieder mit geradezu sagenhaften Rentenansprüchen nach Hause schicken. Könnte es sein, fragt sich König Kunde, dass der Kaufpreis meiner Kiste noch mehr von solchem Quatsch finanziert? Schließlich stellt sich heraus, dass ich in Sachen Abgas nicht bekomme, was mir versprochen wurde. Mit anderen Worten: Ich fühle mich über die Kante gezogen.

Immerhin ergibt das ganze einen Sinn, sobald sich der Kreis schließt: In einer denglischen Sprachtunke lässt sich viel verbergen, even the biggest Schmuh sounds better in English. Merke, die Wahrheit klingt auf Deutsch glaubwürdiger, übrigens auch nachhaltiger für das kurz- wie langfristige Streben nach Gewinn. Seriöse Unternehmen setzen auf Glaubwürdigkeit, alle anderen dürfen auf Englisch weitermachen.

Oliver Baer @ 11:14
Rubrik: Unternehmen
Durchgreifen nach dem Wahlsieg in USA

Beitrag vom 9 November 2016

Das geringere Übel gewählt

Das geringere Übel gewählt

Die Präsidentenwahl wurde nicht gewonnen, sie wurde verloren. Zu dieser Erkenntnis kam Kater Spottolski heute früh nach Beratung mit den Miezen nebenan.

Künftig gehe er ihnen auch ohne Aufforderung an die Wäsche, habe er angekündigt, wie Trump: „Er sagt, wie es ist.“ „Das tust du sowieso. Immer“, soll die Gefleckte aus dem Friseursladen erwidert haben. Da waren sie sich einig, die Miezen, bis auf die Persianerin mit dem sexy Silberblick. Ihr ist der Anstoß zu der Zutunliste zu verdanken, die er als Redakteur für Beklopftes einreichte: honorarfrei und sinnfrei, wie immer:

Spottolskis Zutunliste

• Politische Korrektheit: mehr davon, hat sich voll bewährt
• Pegida beschimpfen: Immer feste druff!
• AfD rechts überholen: wo sonst?
• Nichtwähler mobilisieren: System aufmischen!
• Die europäische Idee vernebeln: weiter so!
• Die Engländer vergraulen: raus mit ihnen!
• Griechenland zumachen: Mauer drum herum
• Italien: auch
• Rumänien: sowieso
• Erdogan: Asyl in Warnemünde anbieten: hat er verdient
• Frau Petry: flachlegen; dabei ans Vaterland denken
• Politiker: Lernkurve sofort: Wie täuscht man Echtheit vor?
• Thunfisch: nur noch in Olivenöl!

Spottolski verspricht eine Fortsetzung der Liste: „Klare Sprache, ohne erkennbaren Zusammenhang, Erfolgsrezept!“. Die Liste werde am offenen Herzen nachgebessert, no risk no fun. Welcher Punkt sei der wichtigste, fragten wir ihn. „Alle!“, schrie er, „bis auf den letzten. Der gilt sowieso.“ Das sei nun unklar, wandten wir ein. „Dann fragt Trump, der isst authentisch. Fisch nur aus der Dose, im feinsten Öl. Anschließend Sex.“

Liebe Leser, wir halten sie auf dem laufenden, die Dosen betreffend.

Oliver Baer @ 10:44
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Der Ton macht die Musik

Beitrag vom 9 November 2016

Durch's Dorf getrieben  (Bild ® Behland )

Durchs Dorf getrieben (Bild ® Behland )

Eines zum Abhaken vorweg: Zorn ist an sich nichts Böses. Dass einem der Hut hochgeht, kann passieren. Ein gut gepflegter Zorn mag der blinden Wut sogar vorbeugen. Aber unterscheiden müssen wir zwischen Zorn und Kritik, und mit Wut sollte sie schon gar nicht verwechselt werden.

In den Medien und auf der Straße, nun auch im US-amerikanischen Wahlkampf beobachten wir nicht nur den Verlust aller Manieren der Zivilgesellschaft. Wir erleben Menschen, die auf die Zukunft pfeifen. Wie soll es morgen weitergehen, wenn wir heute so hasserfüllt aneinander vorbeireden, wenn wir auf jede Vermutung abfahren als sei sie tatsächlich eine Tatsache? Die Gesellschaft gleicht nun mal keiner Ehe, wo Versöhnung gelegentlich im Schlafzimmer stattfindet.

Nehmen wir die Pegidisten und gleich auch ihre Gegner, einschließlich der in diesen Dunstkreisen wirkenden Mitschimpfer über die deutsche Sprache. Sie schimpfen, sie halten ihr Gepöbel für Kritik. Da wird das Wort Kritik falsch verwendet. Was tut der Literaturkritiker? Grundsätzlich verreißen, was ihm vor die Augen gerät? Keineswegs, selbst der gefürchtete Marcel Reich-Ranicki fand Gutes, Gelungenes, Erfreuliches zu erwähnen. Kritik ist nichts Böses; Kritik kann, muss aber nicht auf den Zorn des Kritikers beschränkt bleiben.

Kritik im eigentlichen Sinne fußt auf einer Bedingung, die in Vergessenheit gerät: dass ich den Standpunkt des anderen würdige, auch wenn er mir nicht passt. Schließlich hat er einen Grund dafür, auch wenn er sich irrt oder nur ungeschickt ausdrückt, was ihn stört. Missachte ich das Recht des anderen auf seinen Standpunkt, auch sein Recht auf Irrtum, so fehlt mir das Recht ihn zu kritisieren.

Klarstellung: Nur Dreck schleudert, wer Kritik nicht in diesem Sinne leistet. Damit kann man Wahlen gewinnen, aber nicht die Zukunft. Auch Gegenpöbelei baut keine Brücken. Daher dieser Vorschlag zur Güte: Setzen wir zum Maßstab unseres Verhaltens die kleine Feier in unserem Wohnzimmer. Wer dort nicht aufhört zu pöbeln, riskiert den Rausschmiss, jedenfalls wird er nicht mehr eingeladen. Das ist das Recht und die Pflicht des Hausherrn. Er muss, bei aller Streitkultur, eine Grenze ziehen. Wem das nicht passt, der kann sich wie – die klügeren – Hooligans zur herzhaften Schlägerei im Wald verabreden. Eine Zivilgesellschaft, in der wir darauf verzichten einander mit Knüppeln zu überzeugen, kann sich den Ton nicht leisten, der im Internet herrscht und von Populisten, Pegidisten und ihren Gegnern aufgegriffen wird.

Geht es hier nur darum den Knigge wiederzubeleben? Nein, lasst uns bedenken, dass wir einander wiederbegegnen könnten. Dass wir eine Brücke wieder aufzubauen haben, um ein wenig Brüderlichkeit zurückzugewinnen. Dieser Gedanke ist selbstverständlich in den Wind gerufen. In Pöbelei steckt mehr Lustgewinn. In der Anwendung des Verstandes steckt nur stille Befriedigung.

Oliver Baer @ 09:30
Rubrik: Gesellschaft
Mit der Sprache tanzen darf jeder

Beitrag vom 9 November 2016

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Wem gehört die Sprache? Dem Duden, den Bürgern, der rechtschreibenden Tante Klara? Anders gefragt, mit einem Blick auf benachbartes Kulturgut: Wem gehört Mozart? Den Deutschen, den Österreichern, den Salzburgern, den Wienern? Der ganzen Welt? Oder ganz persönlich: Gehört der langsame Satz seines d-Moll-Streichquartetts der verflossenen großen Liebe? Gehört in der Kultur überhaupt etwas irgendwem – außer dem Urheber, wohlgemerkt? Gehört die Sprache allen, so gehört sie keinem – das kommt auf dasselbe heraus. Warum solche Fragerei? Weil uns Besitzansprüche zu schaffen machen, die unseren Sprachgebrauch einengen.

Sehen wir es vom Standpunkt des Einzelnen: Keiner verdient Vorwürfe für seine Vorlieben und Abneigungen. Etwa wenn ihm Wörter Pein bereiten, weil sie von einem Joseph Goebbels bis zum bitteren Ende durch die Medien gepeitscht wurden. Das war der Propagandaminister mit der Vorliebe für Fremdwörter: „fanatisch“, „Fanal“, „total“. Beinahe harmlos war dagegen Herbert Wehners „Übelkrähe“, zum Ärger des so beschimpften Abgeordneten Wohlrabe (und vermutlich seines Sohnes auf dem Schulhof). Wer besaß die Übelkrähe?

Konsequenterweise verdient Vorwürfe auch nicht, wem bei „Umvolkung“ schlecht wird. Schon „völkisch“ kann einem sauer aufstoßen. Ältere Mitbürger zögern schon bei dem Wort „Muttersprache“, ihnen baumelt gleich der Kitsch des Mutterkreuzes vor dem inneren Auge. Es gibt Wörter, die sind mit Altlasten verseucht wie alte Armeetankstellen mit Diesel. So verlieren wir Wörter, ganze Begriffsfelder an Feinde, auch Freunde, an Umstände jenseits unserer Reichweite. Muss das so bleiben, oder kann man belastete Wörter wieder salonfähig machen?

Man kann es vielleicht nicht immer, bei dem Wort „Volk“ muss es sogar geschehen. Das Volk gab es lange vor 1933, lange bevor Deutschland 1867 zu einem Staat (wenn auch ohne die Deutschen des Habsburger Reiches) zusammenwuchs. Das Wort „Volk“ ist über ein Jahrtausend alt. Es ist das wichtigste Wort der deutschen Sprache. Dazu ein Blick auf die europäische Geschichte

Seit Ende des 8. Jahrhunderts ist das lateinische Wort „theodiscus“ in Dokumenten zu finden. Es ist bezogen auf das gotische thiuda (Þiuda) mit der übertragenen Bedeutung des Begriffes „Volk“. „Theodiscus“ bedeutet daher „volkssprachlich“, womit man sagen wollte: „nicht das Latein der Gelehrten“. Die Volkssprache diente der Verständigung der nichtgelehrten Leute untereinander. In allen Dokumenten geht es um Mitglieder der germanischen Sprachfamilie. Selbst Jahrhunderte später, als es über „theodisc“ „diutisc“, „diutsch“ schließlich zu „dütsch“ gewandelt wurde, bezeichnete das Wort sprachliche Gemeinsamkeit, nicht etwa sprachliche Einheit: Es diente zur Unterscheidung der eigenen von fremden Sprachen (genauer, spannender und auch für Nichtlinguisten nachvollziehbar, ist Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache) von Jochen Bär.

Womit wir zur Kernfrage gelangen. Lassen wir uns dieses Wort nehmen, so fehlt uns der einzige Begriff, der uns zusammenhält: Das deutsche Volk ist definiert durch seine Sprache, nur durch die Sprache und sonst nichts. Kein Wunder, dass es uns schwerfällt Einigung über eine Leitkultur zu finden, oder gar einen „deutschen Geist“ dingfest zu machen. Dazu sind wir in Mitteleuropa ethnisch viel zu gründlich durchmischt, nicht erst seit wir über eine Million Gastarbeiter ins Land riefen. Seither wird hier mehr Pizza verputzt als Jägerschnitzel. Das Deutschsein durch eine Liste von Wesensmerkmalen zu definieren, so verständlich die Sehnsucht danach sein mag, gelingt nicht. Die meisten dieser Merkmale teilen wir mit einem oder mehreren Nachbarvölkern. Nationaler Chauvinismus hat uns mehr Unheil als Segen beschert.

Beschränken wir uns daher auf das einzige wirklich Deutsche, die gemeinsame Sprache. Bestehen wir darauf, dass das Wort „Volk“ in unseren Sprachalltag wieder aufgenommen wird! Ohne braune Färbung. Verzichten wir auf „völkisch“ und „Umvolkung“, aber bleiben wir hart bei „Volk“. Die Nationalsozialisten haben es nicht verdient, dass es ihnen gehören dürfte. Würden wir es den Braunen überlassen, hätten Hitler und Goebbels am Ende doch gewonnen, nur weil sich ihre politisch korrekten Gegner das Wort aus dem Mund nehmen lassen.

——-

Quelle: Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache, von Jochen A. Bär
Bild: Reichstag_inschrift.jpg Von Lighttracer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

Oliver Baer @ 09:00
Rubrik: Gesellschaft
Marketing-Weltsprache

Beitrag vom 23 Oktober 2016

Der Umgang mit der Waffe und mit Werkzeug ist erlernbar. Sprechen Sie wie alle, hört keiner hin, die Ohren Ihrer Hörer stehen auf Durchzug. Für Konsumgüter mag das angehen. Für erklärungsbedürftige Produkte aus Wertarbeit muss Ihre Sprache den Unterschied zwischen einer knappen und einer hohen Marge rechtfertigen. Das gilt für die Welthandels- und -verkehrssprache, und es gilt für die Muttersprache.

Die Weltsprache ist nicht gutes Englisch, sondern zumeist schlechtes Englisch, oder manchmal bereits das globische Englisch. Anbieter von Sprachkursen verdienen so lange an Ihnen, wie Sie weiter daran glauben, dass sich großer Aufwand in gutes Englisch auszahlt. Und falls Sie bereits gutes Englisch können, lassen Sie sich (nach so viel Mühe verständlich) ungern auf die Wirklichkeit ein: Für den Alltag genügt nämlich in 98 von 100 Fällen das reduzierte, korrekte Globisch – während ein wirklich gutes Englisch der Verständigung nicht nur nichts nützt, es schadet sogar. Weil es die meisten Menschen nicht verstehen. Das provoziert Fehler, und die sind teuer. Deshalb ist gutes Englisch fast immer untauglich, und wo es dennoch benötigt wird, genügt nicht, was man gemeinhin ein „gutes Englisch“ nennt; da muss es fehlerlos sein. Auch wenn die meisten glauben, sie kämen mit ihrem Englisch durch, Recht haben sie trotzdem nicht.

Für die deutsche Sprache gilt Ähnliches. Es ist zwar Mode, mit englischen Versatzstücken um sich zu werfen. Aber wen kann Geschwafel von dem besonderen Wert Ihres Angebotes überzeugen? Ist Ihr Angebot erklärungsbedürftig und zugleich teurer als sein Plagiat, muss auch die Sprache den Abstand wahren, damit Ihre Wertarbeit von der Kopie stets unterscheidbar bleibt.

Sprache ist ein Produktionsfaktor. Lassen Sie ihn arbeiten – für Sie.

Oliver Baer @ 15:00
Rubrik: Unternehmen
Wissenschaftsfeindlich sind wir nicht

Beitrag vom 22 September 2016

Zwischen Linguisten und den Sprachbewahrern im Verein Deutsche Sprache herrscht miese Stimmung. Der Verein sei wissenschaftsfeindlich, behaupten jene. Sie täten nichts zum Schutz der Sprache vor schädlichen Einflüssen, beklagen diese. Hinzu kommt der Vorwurf, der Verein sei nationalistisch unterwandert. Als Beleg dafür dient der Widerspruch zwischen Beiträgen und Leserbriefen in den vierteljährlichen Sprachnachrichten.

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Haken wir die politische Frage gleich ab. Ein Verein mit so vielen Mitgliedern wie der VDS bildet viele Milieus der Gesellschaft ab. Ein Beispiel: Horst Hensel, dessen Werk über Rosa Luxemburg untermauert, woher er kommt – vom linken Flügel der Arbeiterklasse. Der im Otto-Suhr-Institut gar nicht zu Wort kam, weil ihn die angehenden Wissenschaftler als Nazi im Visier hatten. Das muss man sich vorstellen: Er hadert mit der gängigen Sprachästhetik, das aber ist politisch nicht korrekt, der kann also nur reaktionär sein. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte einem solchen Versagen aller Denkfähigkeit gram sind. Und so finden sich unter den Mitgliedern auch Wähler der AfD, wie unanständig. Man sollte das Volk verbannen und sich ein neues suchen.

Da wird die Muttersprache munter mit dem Vaterland in einem Topf verrührt, ein Vorwurf den sich jedoch – in der Umkehrung – die VDS-kritischen Linguisten ebenso einhandeln. Wissenschaftlichkeit sieht anders aus, abwägend, abgeklärt gegenüber falschen Zungenschlägen aus den Niederungen des Volkes. Wenn Wissenschaftler vom Volk nicht verstanden werden, liegt es an ihrem rücksichtslosen, elitären Umgang mit der Sprache der Steuerzahler. Ein, zwei Scheibchen könnte man sich von der Einstellung amerikanischer Akademiker abschneiden, sie neigen dazu sich verständlich zu machen.

Wenn Beiträge und Leserbriefe ein verwirrendes Bild abgeben, belegt das die Meinungsvielfalt im Verein. Zwischen Sprachästheten und Anglizistenjägern herrscht ein fortwährender, auch hitziger Streit. Warum auch nicht? Dass Fremdwörter zur deutschen Sprache gehören, kann man auch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Dass von den Anglizismen zu viele nur unter Ausschaltung des Gehirns gedeihen, dürfte ebenso unstrittig sein. Was soll das, wenn eine vielgelesene EM-Teilnehmerliste alle Nationen auf Deutsch nennt, alle bis auf eine, und die heißt Germany? Hat das der Autor der Liste nicht bemerkt? So weit sind wir schon? Wollen Sie diesen Satz noch einmal lesen?

Der Verein Deutsche Sprache vermisst Erklärungen seitens der Linguisten, warum solcher Unfug mit der Muttersprache von über hundert Millionen Menschen geschieht, welche Folgen das zeitigt, wie man sich dazu verhalten könnte. Aber die Linguisten (alle, viele, einige?) beschränken sich darauf zu beschreiben, was ist. Bemerkt der Statiker Risse in der Autobahnbrücke, genügt nicht die Beschreibung des Übels, da erwartet der Bürger, dass Reparatur angestoßen wird. Der Vergleich ist keineswegs schief. In manchen Domänen haben wir unsere Sprache bereits aufgegeben, am schlimmsten sieht es in den Wissenschaften aus.

„Na und, dann reden wir eben Englisch!“ Eben nicht. Mit ihrem armseligen Englisch können deutsche Muttersprachler kaum über die Rampe bringen, was an ihrem Beitrag so wertvoll ist, wie sie darauf gekommen sind, was daraus zu machen wäre. Ausgerechnet die Wissenschaftler verwechseln ihre rezeptive Fertigkeit einen englisch verfassten Beitrag zu verstehen mit der produktiven Fähigkeit, Gleiches auf Englisch zu leisten.

Liebe Linguisten, hört die – sicher auch mal unsachliche – Kritik der Sprachbewahrer als einen Schrei um Hilfe! Sprache hat mit Denken zu tun, im wechselseitigen Einfluss. Über das Ausmaß lässt sich streiten, aber wir können nicht so tun, als habe es nichts zu bedeuten, wenn Schulabgänger einen ganzen Satz nicht mehr unfallfrei zu Ende bringen. Wie sollen sie in einer globalisierten Welt, wo bald alles digitalisiert ist (schon quellen ganze Häuser aus 3D-Druckern!), wenn das einzige nicht Digitalisierbare, das schöpferische Denken, in einem Sprachgebrauch versumpft, der bald nur noch zum Bierholen genügt?

Schwarzmalerei? Wie wäre es, wenn sich Linguisten darauf einließen, ihren Standpunkt den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache plausibel zu machen, und zwar in den Sprachnachrichten des Vereins? Sodass eine fruchtbare Debatte folgt, vielleicht sogar ein Meinungsaustausch: Ihr schätzt unsere Meinung, wir teilen Eure, wenigstens zum Teil? Wissenschaftsfeindlich ist der Verein Deutsche Sprache nicht, aber skeptisch, enttäuscht, allein gelassen mit einem Problem, das man ignorieren kann, aber davon geht es nicht weg. Die Linguistik müsste sich des Themas nur annehmen, sie würde sicher mit wichtigen Beiträgen brillieren können. Darauf hoffen die Sprachbewahrer: dass Wege aufgezeigt werden, wie man aus dem manchmal peinlichen Jammern zu nützlichem Handeln kommt. Linguisten, Ihr seid dran!


Diese Einladung wurde erwidert, daraus entspann sich ein Dialog auf den Seiten der SPRACHNACHRICHTEN des Vereins Deutsche Sprache. Auch auf der Facebookseite des VDS findet sich zu diesem und anderen Themen Lesenswertes.

Oliver Baer @ 19:06
Rubrik: Gesellschaft
Weiter geht es mit dem Schattenboxen

Beitrag vom 22 September 2016

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Englisch als erste Sprache der Europäer in Brüssel, Straßburg und Luxemburg wird überleben und sei es in den informellen Kanälen der kleinen Kameradenwege. Zumindest bleibt das Brüsseler globalesische Englisch ein Störfaktor. Wer schreibt, der bleibt.

Die meisten Gesprächsvorlagen werden auf Englisch formuliert. Die Sprache bestimmt den Verlauf der Debatte. Widerstreitende, überlegene Gedanken, die nur aus anderen Sprachen möglich sind, fallen auf keinen fruchtbaren Boden. Genau betrachtet, bewegt Globalesisch die Gemüter mehr als nötig, es gibt Wichtigeres. Würde es nämlich durch die französische Kanzleisprache oder das Amtsdeutsch abgelöst, das Hauptproblem bliebe bestehen: Sprache als Mittel zum Überleben geht uns nach und nach verloren.

Ja, zum Überleben. Worauf wir uns sprachlich einlassen, das ist, als würden wir zum Hundertmeterlauf in Gummistiefeln antreten. Als Spektakel mag so etwas lustig sein, aber Sprache ist das erste Werkzeug zum klaren Denken und zur fehlerarmen Verständigung. Ihr Missbrauch gehört ersetzt wie falsches Schuhwerk durch Läuferschuhe, Wanderstiefel, Strandlatschen.

Mit welcher Sprache hat uns denn die Mutter vertraut gemacht? Mit der Sprache, in der wir denken. Das gilt für uns alle – abgesehen von einigen Genies, aber sie sind kein Maßstab. Wer in zehn Sekunden hundert Meter zurücklegt, hat dafür lange trainiert (auch mit verbotenen Substanzen fällt nichts vom Himmel). Kein Wunder, dass sich die Muttersprache am besten eignet, wir haben sie schon im Mutterleib gehört, sie hat uns geprägt. Dass Denken und Sprache ursächlich verknüpft sind und einander bedingen, kann jeder selbst erleben:

    Versuchen wir einen komplizierten Sachverhalt von der Idee bis zur Schlussfolgerung in unserem Schulenglisch zu Ende zu denken, unseren Vorschlag auf Englisch zu verteidigen und gegen Widersprüche der Mitdenker auch noch zu bereichern. Wer das wirklich kann, hat viele , mindestens fünf Jahre in gebildeter Umgebung täglich nur Englisch gesprochen, fleißig Bücher gelesen und den Punkt erreicht, wo er auf Englisch denkt. So einer bewegt sich im oberen C2-Bereich des GER (siehe unten!).

Das ist nun mal so, keiner muss deshalb das Gesicht verlieren. Warum sollten nun ausgerechnet Naturwissenschaftler und Ingenieure derart sprachbegabt sein, dass diese Beschränkung für sie nicht gälte? Leider lassen wir uns täuschen, wenn wir fremdsprachliche Texte lesend verstehen. Das ist nur ein Wiederkäuen der Gedanken anderer Leute. Hingegen eigene Gedanken in der fremden Sprache zu beschreiben, ist ein schöpferischer Vorgang, und den stemmen die meisten nicht, auch nicht Chefs und schon gar nicht die Benutzer des Brüsseler Euroglobalesischen.

Schlagen wir den Bogen zur Muttersprache: Mit unserem Englischwahn kreisen wir in einer Blase der Einbildung. Was Eurokraten zustandebringen, das sind durchweg formelhafte Wendungen, mit Sprachhülsen verfilzte Unsäglichkeiten. Für die Verwaltung mag das genügen (wirklich?). Für Geburt und Aufzucht von Problemlösungen gegen Finanzkrisen, Flüchtlingsdesaster, getürkte Militärputsche und für den Umgang mit Wählern, die ihre Stimme wie das Altpapier abgeben – dafür brauchen wir kreative Menschen, die zu neuen, eigenen Gedanken fähig sind. Weil das aber am besten, wenn überhaupt, in der Muttersprache gelingt, müssen wir Europäer endlich die Konsequenzen unseres Angloholismus ausdiskutieren. Das Ergebnis dieser Debatte dürfte die folgenden Komponenten enthalten:

Die Kinder, Schüler, Erwachsenen lernen als erstes ihre eigene Sprache bewusst zu verwenden. Auf dieser Grundlage lassen sich Fremdsprachen auf einem Niveau oberhalb des touristischen Gebrauchs erwerben. Dazu sollten wir mindestens zwei Sprachen der Nachbarn erwerben, Dänisch, Tschechisch, Niederländisch. Auch Englisch. Wir müssen sogar zweierlei Englisch unterscheiden. Die Kultursprache verwechseln wir nicht mit der Weltsprache; nennen wir diese Globisch, ein weltweit verständliches und korrektes, aber vereinfachtes Kulturenglisch. Es ist kein Pidgin. Zu erwerben sind ferner die Fachsprachen unserer Berufe, dazu mag das Euroglobalesische zählen – das wäre zu erörtern. Weder Globisch noch Globalesisch sind ein Ersatz für bewussten Sprachgebrauch, der uns weiterbringt.

Sodann benötigen wir viele gut ausgebildete, fleißige Dolmetscher und Übersetzer. Sie sind wichtiger als Autobahnkilometer. Sie müssen muttersprachlich durchformulierte Gedanken angemessen übertragen, und zwar ohne Mogelpackung, also nicht von Polnisch über Englisch zu Dänisch hinüber hangeln, sondern direkt. Nur dann schöpfen wir den Reichtum europäischer Vielfalt aus, sie ist unser großer Vorteil in einem Weltmarkt, wo uns grenzenloser digitaler Unfug überschwemmt. So eine Welt mag mit schlechtem Englisch als Weltsprache auskommen, Probleme werden damit nicht gelöst. Uns genügt weder die Sprache von Automaten, Robotern, Algorithmen noch der Schnack von Gartenzwergen.

Was also sollten sie in Brüssel sprechen? Wenn es denn – in Gottes Namen – eine gemeinsame Eurokratensprache sein soll, dann bitte jede beliebige, nur nicht das grauenvolle Englischderivat, mit dem ganz Europa eine Weltsicht aufgezwungen wird, die nicht einmal den Engländern passt, wie uns der Brexit zeigt. Wir Europäer verdienen einen neuen Ansatz, einen der Europa den Wählern wieder näher bringt. Einen Ansatz auf Grundlage der Muttersprachen, aller Muttersprachen.

Jetzt auch Tweets von Oliver Baer


Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR; englisch: CEFR) […] ist eine umfangreiche Empfehlung, die den Spracherwerb, die Sprachanwendung und die Sprachkompetenz […] transparent und vergleichbar macht. Die Empfehlung wird für alle Teilqualifikationen (Leseverstehen, Hörverstehen, Schreiben und Sprechen) vorgenommen und ist in Form von sechs Kompetenzniveaus […] formuliert.

Kompetenzniveau A: Elementare Sprachverwendung — A1 Einstieg, A2 Grundlagen
Kompetenzniveau B: Selbständige Sprachverwendung — B1 Mittelstufe, B2 Gute Mittelstufe
Kompetenzniveau C: Kompetente Sprachverwendung — C1 fortgeschrittene Kenntnisse, C2 exzellente Kenntnisse

Die Stufen sind umfangreich beschrieben. Die Stufe C2 ist nach oben offen, im unteren C2-Bereich gelten die Kenntnisse als annähernd muttersprachlich.

Oliver Baer @ 17:48
Rubrik: Gesellschaft
Selbsternannte selbst ernannt

Beitrag vom 22 September 2016

Anlass zum Sprachschutz finden „selbsternannte Sprachschützer“ jeden Tag. Anlässe entstehen wie auf einem laufenden Band. Es muss nur jemand vor Mikrofonen oder Kameras stehen, schon sondert er Unsägliches ab. Das verletzt sprachsensible Bürger. Sprachschützer sind, wie alle Kritiker, selbst ernannt.

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran? (Bild ©Behland)

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran?

„Diese Anschläge sind erschütternd, bedrückend und deprimierend“, meint die Bundeskanzlerin. Unklar bleibt, welche Sprache sie verwendet. Sie hört sich an wie Deutsch. Schwächer als mit derart abgegriffenen Mittelwörtern könnte sie ihre Empfindung nicht darlegen. „Auf die Machenschaften dieser Täter fallen wir nicht herein!“ – Das wäre ein Wort gewesen, da hätte die Nation aufgehorcht: Merkel macht ernst! Lasst uns hinhören, gleich kommt eine Ansage!

Nichtssagung gelingt auch schriftlich, beispielsweise bei der Aufforderung zum Nichtrauchen: „Rauchen ist tödlich“. Dass es ungesund ist, bestreitet ja keiner. Aber tödlich? So weit es präzise Zahlen gibt: Etwa ein Drittel der Raucher stirbt vom Rauchen, zwei Drittel der Raucher sterben von etwas anderem. „Rauchen ist tödlich“ ergibt daher so viel Sinn wie „Heiraten führt zur Scheidung“, auch da liegt die Häufigkeit etwa bei einem Drittel. Solche Sätze sind Unfug der Kategorie Sprachhülsen, unglaubwürdig, mithin überflüssig, also schädlich, denn sie verleiten zum Weghören. Merke: Nur das Leben führt mit Sicherheit zum Tode. Wer den vermeiden will, sollte nicht erst geboren werden.

„Bullshit ist Gerede, bei dem der Sprecher sich nicht darum schert, ob es stimmt“, meinte Harry Frankfurt. Wenn aber keiner mehr zuhört, erübrigt sich die Sprache. Es steht zu befürchten, genau das bezweckt die Sprache der Mikrofonbenutzer: Vertraut uns, wir werden es schon richten. Ach ja? Viele Modewörter fallen in dieselbe Kategorie: Commitment, Infotainment, Roadmap, Shitstorm, Smart Data, Work-Life-Balance. Bei diesen Wörtern steht „der alsbaldige Gebrauch eindeutig vor dem Nachdenken über die richtige Verwendung.“ (Danke, Joachim Kronsbein für diese schöne Formulierung).

„Sprache ermöglicht hochdifferenzierte Mitteilungen“ (Danke, Georg Schramm). Wo diese ausbleiben, fühlen sich Sprachschützer zum Widerstand berufen. Überhaupt gilt die Frage: Müssen Sprachschützer überhaupt ernannt werden? Von wem? In Frankreich gibt es die Académie Française, ihr Ziel ist die „Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“. In Deutschland müssen wir uns selbst kümmern, uns selbst ernennen. Das muss so sein, denn „ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“ (Danke, Element of Crime). Es muss nun mal ein paar Leute geben, die den Gartenzwergen in die Kniekehlen treten.

Also, liebe selbsternannte Kritiker der Sprachschützer: Falls sich der VDS umbenennt in „Selbsternannte Sprachschützer e.V.“ – was dann, wäret ihr sprachlos?


Nachtrag: Siehe auch jüngere Beiträge in der baerentatze, darunter Die Bedeutungslosigkeit der Lücke und Auf zur Aufmüpfigkeit.

Oliver Baer @ 16:52
Rubrik: Gesellschaft
Spottolski wirft für Englisch

Beitrag vom 5 Juli 2016

Trabbel mit den Akzenten: Für die Angelsachsen sind Fremdsprachen echt schlecht. (Bild © Baer)


Spottolski, der kaum katholische Kater, vormals Marketingexperte, dann Politiker, dann wieder nicht, wirft sich für die Wertmarkigkeit der englischen Sprache in die Waagschale. Gleich nachdem sich der Brexit bis zu ihm durchgesprochen hatte, beendete er die Belagerung der Eisdielenmieze und kreuzte in der Redaktion auf. Zum Entzücken der Volontärin – ältere Leser erinnern sich, die mit dem Rock und den Beinen – wo waren wir? Ach so, die hat er spontan eingespannt, sie solle mal notieren, was er kundtut.

Und hub der Kater an, Englisch als fortzuwährende Amts- und Arbeitssprache der EU zu verteilen, Quatsch, verteidigen. Will sagen, die soll bleiben. Warum? Weil erstens, dozierte Spottolski, weil erstens die englische Sprache total demokratisch sei und überhaupt sei das mühelos zu begründen: „Englisch ist total klassenorientiert. Wer Latein kann, versteht den Arzt. Wer nicht, der nicht. Da weiß man doch, und das ist Demokratie.“

Den wallenden Widerspruch der Kurzberockten winkte er sogleich durch: „Jetzt nicht! Das muss raus.“ Englisch sei auch voll integrativ. Die englischen Universitäten verlangen keine Kenntnis von Fremdsprachen mehr. Da kommt also jeder rein, demokratisches Klassenbewusstsein vorausgesetzt, aber das hatte die Berockte bereits auf dem Block.

„Die Engländer haben genug Ausländer – ich sage nur ein Wort: oberschlesische Jobschmarotzer, die den Einheimischen allen Ehrgeiz auf ehrliche Arbeit nehmen – sind wir schon bei Zweitens? Gut so, genug Ausländer, die schon Fremdsprachen können.“ Da sehe man wieder, was das bringt: Fremdenhass. Daher Englisch.

Die Sprache der Briten, fuhr er fort, sei vorzuziehen, da sie als Lernvorbild für alle anderen stehen. Wer? Die Briten. Keiner lerne so gründlich seine Muttersprache wie sie. Da könne man sich eine Scheibe von abdingsen. Dass die Engländer keine andere Sprache drauf haben, sei kein Chauvinismus, da müsse mal Tacheles gebügelt werden: Schlechtes Englisch für alle! Na bitte.

„Reicht das?“ schrie Spottolski, er habe zu tun drüben hinter der Eisdiele. „Halt!“ fügte er hinzu: „Das AAA Rating ist schon mal weg.“ Schnell warfen wir die Frage ein, er war schon fast zur Tür hinaus: Was das mit der Eurosprache zu tun habe? „Keine Ahnung, aber es macht was her.“ Sprach’s und verschwand. Und stand gleich wieder da: „Die Antwort ‚Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf.‘ kommt auf Englisch doppelt so stark rüber. Wetten?“ Das müsse man nutzen. Und verschwand – nicht. Er guckte noch einmal zur Tür herein: „Das sind narzisstische Psychopathen. Der nächste ist Donald Duck. Ich muss jetzt weg. God save the Whatsit!“

Oliver Baer @ 14:56
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Blödsinn vom Böhmermann

Beitrag vom 1 Mai 2016

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Nichts gegen derbe Sprache, nichts gegen anzügliche Texte, nichts gegen schmähende Gedichte, alles zu seiner Zeit an seinem Platz! Aber mir kocht die Frage hoch, ob zur Kunst alles zählt, was uns so einfällt, wenn der Tag lang ist? Bis auf die eine Begründung – sonst fällt mir keine ein –, dass wir alle die Freiheit einfordern, unsere Meinung zu äußern, und sei es künstlerisch, o Graus.

Nur diesen Wunsch hat Böhmermanns Text mit der Ausübung von Kunst gemeinsam, sonst nichts. Schon gar nichts mit Kunst zu schaffen hat der Präsident unseres NATO-Partners Türkei. Er treibt sich auf jeder Baustelle herum, wo ihn eine Kamera beim Absondern von Phrasen abbilden kann. Merke: Ob sich jemand beleidigt fühlt, zu Recht oder nicht, mag mit allerlei zu tun haben, nur nichts mit der Kunst.

Frühzeitig erfuhren wir: „Das war nett, mein Junge und es reimt auch so schön, aber sieh mal, es dichtet nicht.“ Ab wann ein Text dichtet? Da tut sich eine Grauzone auf. Aber nur weil etwas grau daherkommt, erklär ich nicht alles Graue zur Kunst. Böhmermanns Schmähtext ist geschmacklos. Schon die Mohammedkarikaturen enttäuschten mich: Als Rundumschlag waren sie ein voller Erfolg, als Satire waren sie beinahe gelungen. Beinahe. Oder muss ich nun jeden Furz, sobald ihn ein Satiriker lässt, als grundgesetzlich schützenswert zur Kenntnis nehmen? Da stelle ich andere Ansprüche, und ich weiß, wovon ich rede; mir ist selber schon so manche Satire missraten. Da heißt es: Hinsetzen und neu schreiben! Kein Fuchteln mit der Kunstkeule wird den Text retten! Selbst auf einem Meinungsknopf lässt sich Satire tiefer, bissiger, giftiger rüberbringen als in den Reimen des Böhmermanns.

Auf der Bühne wie angesengt zu schreien ist kein Ersatz für das Sprechen, und schon gar nicht wird Kunst daraus, wenn kein Wort zu verstehen ist. Es gälte denn das Motto: „Die Sprache ist der Tod des Theaters“ (O-Ton aus einer deutschen Theaterprobe). Oder aus dem Blickwinkel des Geldes: Wenn Beyoncé 250 Millionen Dollar schwer ist, mag davon eine Million zur Kunst gehören, weiß der Geier, nehmen wir es mal an, aber die übrigen 249 sind Anmache, Sex und Geschäft. Nichts dagegen, alles paletti, aber Kunst? Sonst müssten wir – mit den wenigen gelungenen, den wirklich schätzenswerten Grafitti – sämtliche Klosettschmiererein auf diesem Planeten zur Kunst zählen. Böhmermanns Verse sind plakativ, nicht satirisch. Zur Satire gehört Können, das erkenne ich hier nicht. Zur Satire gehört Sprache, um die muss man sich bemühen.

Sprache ist kein Lebewesen, gegen Missbrauch kann sie sich nicht wehren. Verantwortung für ihren Gebrauch trägt jeder. Da darf er gern auch mal scheitern, aber seid so nett: Probiert es wenigstens und erklärt nicht gleich jeden Reim zum Gedicht, und nicht jede Beleidigung zur Kunst.


Dieser Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:23
Rubrik: Gesellschaft
Sprache sollte auch etwas nützen

Beitrag vom 1 Mai 2016

Nichts bildet das Gehirn so vielseitig aus wie die mit demselben Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

Nichts bildet ein Gehirn so vielseitig aus wie die mit dem Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei“, so Kurt Tucholskys trockenes Urteil über großstädtisches Geschwätz. Aber seien wir gerecht: Schon in der Muttersprache gelingt gute Verständigung nur mühsam. Derweil verbreitet Facebook die Illusion, ein Smiley hätte einen kommunikativen Nutzwert. In solchem Gelärme kann man ein Thema zum Trend erklären, das auch ohne Alkohol im Kopf Geschwätz bleibt: Englisch als Amtssprache.

Wer wäre so nett, den Trend zum Englischen zu bitten, dass er einen Augenblick innehält! Er möge kurz Atem holen, damit wir uns auf Wolf Schneiders Definition besinnen:

    Information heißt nicht: „Ich will etwas mitteilen“,
    nicht einmal: „Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen“,
    sondern: „Ich bin verstanden worden.“

Recht hat Schneider, denn was nützt es, wenn einer sein Maul aufmacht, aber nicht einmal Widerspruch provoziert: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich sehe das anders!“ Nötig wäre, dass das Gesprochene und Geschriebene einen Sinn ergibt, den es zu verstehen lohnt und, dass da eine Bereitschaft zum Zuhören besteht. Fehlen Sinn und Bereitschaft, ist der Mangel an Verständigung etwa auf Englisch zu zelebrieren? Nehmen wir spaßeshalber die wichtigste Voraussetzung als gegeben an: Dass alle Betroffenen ausgezeichnetes Englisch beherrschten. Genau das müssen wir voraussetzen, denn eine Art Kiezenglisch reicht vielleicht zum Rappen, aber nicht zum Regieren, Verwalten, Organisieren und Erledigen.

Nehmen wir es an. Trotzdem würde Englisch als zweite Amtssprache mehr schaden als nützen. Den Grund versteht, wer schon im Wörterbuch die peinliche Entdeckung macht, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Übersetzung gerade zutrifft. Selbst die pfiffigste Software wird an den Feinheiten der Übersetzung scheitern. Es ist nun mal so: Oft besitzen anscheinend identische Begriffe im Deutschen und Englischen stark abweichende Bedeutungen.

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit bilden das europäische Koordinatensystem, dennoch ist nicht gesichert, dass jeder dieser Begriffe in den Landessprachen der EU genauso interpretiert wird wie im Deutschen. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik in Jena.

Bleiben wir bei Deutsch und Englisch. Nicht nur die Rechtsordnungen unterscheiden sich fundamental. Schon bevor die Sache dem Richter vorliegt, verstehen ein Brite und ein Deutscher nicht dasselbe unter anscheinend identischen Begriffen. Etwa bei der Gerechtigkeit. Im Englischen stehe mit justice vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, erklärt Rosemarie Lühr. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen.“ Liebe Leser, diesen himmelweiten Unterschied mit einem Achselzucken abzutun, wäre kein Leichtsinn, das wäre Blödheit.

Da möchte sich der Bürger, dem die Kenntnis solcher Feinheiten keiner abfordern darf, an einem Geländer festhalten, und das ist nun mal die Muttersprache. Intuitiv verlässt er sich darauf, dass die Muttersprache auch Landessprache ist. Zwar haben wir in Deutschland auch Minderheitensprachen, offizielle wie inoffizielle. Sie sollen zu ihrem Recht kommen, aber das Rückgrat der Verständigung im Lande muss die Landessprache sein. Sie hat zumal dort zu gelten, wo es kompliziert wird: auf Ämtern, vor Gericht, im beruflichen Alltag, im Verbraucherschutz, um nur einige Bereiche zu nennen, wo wir die Menge der Missverständnisse nicht noch vermehren möchten, indem wir Englisch, ausgerechnet Englisch, zur zweiten Amtssprache erklären.

Warum ausgerechnet Englisch nicht? Es ist doch die unbestrittene Weltsprache? Eben deswegen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das mag genügen, wo es nicht anders geht. Im eigenen Lande muss sich der Bürger zuhause fühlen können. Hier können wir voneinander verlangen, dass sich jeder auf die Bedingung besinnt: Information heißt: „Ich bin verstanden worden.“ Sonst war sie überflüssig.

Falls die Menge der überflüssigen Texte und Reden weiter zunimmt, hätten wir ein Problem. Nein, wir haben es bereits. Die etablierte Politik führt keinen Dialog mit den Wählern, die Reaktion ist an den Wahlergebnissen abzulesen. In dieser Lage Englisch als Amtssprache zu fordern, ist ein Ablenkungsmanöver ohne den geringsten Nutzwert, aber mit hohem Schadenspotenzial.


Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen. Mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 10:20
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Fetziges über Pegida

Beitrag vom 4 März 2016

Also, cari amici miei, die Ihr mich bedauert, weil ich in Dresden lebe (und ob ich nicht auswandern möchte?): Vor über einem Jahr habe ich mit Aussagen über die Pegida mein Renommee riskiert. Sie beruhten auf eigenen Beobachtungen. Mitunter begreift einer am Ort des Geschehens die Fakten schneller als die Routiniers in den Redaktionen.

Über die besorgten Freunde mokierte ich mich, weil sie alle Pegidisten am liebsten zu einer braunen Masse verrühren. Ich hatte hier behauptet, die Mehrheit dieser Leute seien keine Nazis, auch Islamhasser vermutete ich nicht in der Mehrheit. Hallo Querleser: Islamhasser und vom Islam Verängstigte sind nicht identisch, kapiert? Danke. Nun stellt sich heraus, wie genau meine Beobachtungen stimmten.

Wen die Tatsachen aus der Bahn werfen, der kann auf die folgende Lektüre verzichten. Die Lernfähigen finden die Pegidastudie von Professor Werner Patzelt hier: die Zusammenfassung der Ergebnisse über den einjährigen Beobachtungszeitraum, ferner die detaillierten Präsentationsfolien und die Fragebögen. Und falls hier jemand mitliest, der eine solche Untersuchung von vornherein ablehnt, und dann noch von Patzelt: Wir verabreden uns dann mal im Dresdner Alaunpark, jeder bringt seine eigene Pegida mit, die malen wir dann in vielen schönen Wachsfarben aus. Einverstanden?

Hier nehme ich Professor Patzelt in einem Punkt vorweg, obwohl er diesen Begriff nicht verwendet: Die meisten Pegidisten sind offenbar Wendeverlierer. Wenn überhaupt, kommen sie nicht vom rechten Spektrum, und dass „Die Linke“ dabei sei, haben auch schon andere berichtet. Nur das Ausmaß überrascht – eigentlich nicht. Dem ukrainischen Journalisten Viktor Timtschenko verdanke ich übrigens diese passende Beobachtung: Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, Agoraphobie die Angst vor weiten Plätzen, Xenophobie ist Fremdenfeindlichkeit. Nanu, nicht Fremdenangst?

Auch nicht so ganz typisch für die Karoo (Bild: ® Goldblatt)

Übrigens, cari amici: auswandern wohin? Nach Trump-Disneyland, in das Zuma-Paradies oder gar Mugabes Schlaraffenland? Apropos „Lügenpresse“ (ein Wort aus der Kiste der Geschmacklosigkeiten), obwohl: Auch die Kiste daneben stinkt: Bartholomeus Grill hat neulich im Spiegel nach dreißig Jahren in Afrika am Beispiel Robert Mugabes zugegeben, dass er nun anfängt zu kapieren, wie Afrika wirklich tickt. Eine Woche später folgte auf Spiegel Online einer seiner typischen, radikal einseitig verfassten Beiträge über Südafrika. Tja, Herr Grill, mal abgesehen von Ihrem BILD-Niveau: Ich habe nur vier Jahre gebraucht, bis ich (als Europäer in Afrika) anfing über südafrikanische Probleme die Klappe zu halten.

Offenbar verdienen auch die seriösen Medien einiges, was man ihnen vorwirft. Was nicht nur Pegidisten fuchsig macht, ist journalistische Arroganz. Sie ist kein bisschen wertvoller als der Hass, der den Medien entgegenschlägt. Aber ihr, liebe Freunde aus dem Westen und aus Dresden, Spottolski wünscht euch Friede in allen Eierkuchen, und ihr dürft ihn besuchen, er hat noch was in petto.

Oliver Baer @ 15:58
Rubrik: Gesellschaft
Ich bin stolz

Beitrag vom 4 März 2016

Auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, erwiderte Bundespräsident Gustav Heinemann: „Ich liebe meine Frau.“ Das überrascht manche Bürger bis heute. Dabei hatte der weise Mann recht, er achtete auf den Wortsinn.

Plattheiten sind im Deutschen nicht nötig, wir bezeichnen Dinge anders, die anders sind. „Ich liebe mein Land“, klingt als ob einer falsch singt. Mit Liebe meinen wir im Deutschen das Verhältnis von Menschen zueinander. Ich liebe meine Mutter, meine Enkel, meine Frau, möglicherweise auch meine heimliche Geliebte. Die Behauptung, dass ich meine Balkonnachbarin liebe, wie sie da nackt sonnenbadet, klingt schon einen Halbton zu hoch.

Noch Verliebtheit oder schon Liebe? (Bild ©Baer)

Wir sind pingelig, von der Liebe unterscheiden wir die Verliebtheit. Diese verliert sich, es kann Jahre dauern, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Jene hingegen schlägt nicht ein wie der Blitz. Liebe wird erarbeitet, erneuert, genossen, vor allem wird sie gepflegt, täglich.

In der englischen Sprache ist der Umgang mit dieser Lebensaufgabe anscheinend frivoler. Englisch erlaubt einen freien Gebrauch des Wortes, auf die Gefahr des platten Umgangs mit seiner Bedeutung. Wenn McDonalds sagt: „I love it!“, ist das nach unserem Sprachgefühl Quatsch mit Soße. Eine Boulette lieben, wie denn das? Umso schwieriger wird es für den Engländer zu klären, was er meint: Liebt er die Nachbarin wie einen Hot Dog, oder wie Pippa Middleton in der Ferne des Internets, oder liebt er sie weniger als die Frau im Ehebett? Das ist im Englischen schwieriger auseinander zu halten als im Deutschen, außer in Hollywoodfilmen, da wird alles geloved.

Auf dünnes Eis lockt der Patriot: „Ich bin stolz auf mein Land.“ Halt mal, Stolz worauf? Stolz auf die Dichter und Denker, auf die Erfinder und Unternehmer? Ich für meinen Teil habe dazu nicht viel beigetragen und bei dem bisschen etwas bin ich genau darauf stolz, mehr nicht. Wird Jogi Löws Truppe Weltmeister, brülle ich Juhu, ich gebe auch einen aus, aber Stolz? Der steht dem Jogi zu, er hat etwas dafür getan, dass „unsere Jungs“ wussten, was zu tun ist.

Falls es dennoch Stolz auf die Leistung anderer gibt, dann nur im Bündel. Zum Beispiel wäre ich nicht, wer ich bin, ohne Schillers Briefe zur Ästhetischen Erziehung, ohne Bismarcks Diplomatie, ohne Schumanns Klavierquintett, ohne die Farben Emil Noldes, ohne Wilhelm Busch und Loriot. So bewege ich mich in der Kultur der Deutschen. Als Franzose stünde mir Marcel Pagnol näher, als Engländer Henry Fielding. In eben dem Maße, wie ich ein Miteigentum am kulturellen Erbe der Deutschen beanspruche, mag sich Stolz in mir regen. Zugleich aber zählt zu diesem Erbe ein früherer Bundesminister, der angesichts des sauren Regens verkündete, dann werde man eben „säureresistente Bäume“ züchten; zum Erbe zählt ein General Falkenhayn, der ohne den geringsten militärischen Sinn das Massaker um Verdun entfesselte, und dazu zählt ein Postkartenmaler aus Braunau am Inn, der eines Tages beschloss Politiker zu werden.

„Also Herr Notar, dann machen wir es doch so: Ich nehme das Erbe an, diesen Teil mit Schiller und Schumann, nur den Rest, mit dem Hitler und Verdun, den können sie entsorgen!“ – Kann er nicht. Der Versuch sich aus der Geschichte davonzustehlen, käme einer Amputation der Wirbelsäule gleich. Geht nicht.

Also, den Stolz auf Deutschland gibt es nicht wie am kalten Buffet: beim Lachs nachfassen, die Gürkchen weglassen. Da verdirbt mir nicht nur der Falkenhayn den Appetit. Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte: Hängen wir die Sache um vom falschen Nagel auf den Haken, wo sie hingehört: Seien wir stolz auf unseren Umgang mit der Muttersprache, indem wir sie mit Umsicht und Zartgefühl, mit Freude und Geist anwenden, also nicht zum Herumgrölen. Das wäre eine Leistung, alle Achtung. Aber stolz sein auf die Leistungen anderer, da sollte sich mal selber zuhören, wer solchen Unfug redet.

Oliver Baer @ 15:33
Rubrik: Gesellschaft
Sprache mit der Mistgabel verwechseln

Beitrag vom 25 Februar 2016

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ (Loriot) (© Bild Behland)

Über Frau Merkels Fehlgriffe kann man streiten. Mit „Volksverräterin!“ ist jedoch eine Grenze überschritten. Solche Worte sind wie der erste Schlag einer Kneipenprügelei.

Angefangen haben allerdings die Politiker, sie reden offenbar in der Gewissheit, was sie sagen, habe eh nichts zu bedeuten. Angela Merkel (CDU) trägt eine Mitschuld: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt.“ Franz Müntefering (SPD) hält es sogar für „unfair, wenn wir an den Wahlversprechen gemessen werden.“ Hoppla, woran denn sonst? In der repräsentativen Demokratie ist der Wähler nur alle paar Jahre gefragt. Ausgerechnet dann darf man ihn belügen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ sagte eben dieser Müntefering. Was immerhin ein konsequenter Standpunkt wäre. Wer es jedoch ernst meint, müsste dann auch die Arbeitsplätze garantieren. Weil das offenbar nicht so einfach geht, kommt Münteferings Zungenschlag ziemlich zynisch rüber.

Perfekten Vertrauensverlust in die Politik besorgte einst Sozialminister Norbert Blüm (CDU): „Eins ist sicher: die Rente.“ Dabei war ihm bekannt, dass die Altersbezüge an das Gehalt gebunden sind. Nanu? Eins und Eins macht Drei? Schwer zu übertreffen war auch Walter Ulbrichts Klassiker: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“ Da hat er seine Glaubwürdigkeit glatt aufs Spiel gesetzt.

Dass Helmut Kohl (CDU) versprach, die neuen Bundesländer „in blühende Landschaften zu verwandeln“, kann man noch verstehen. Er ahnte nicht, was er redet. Bemerkenswert die Haltung seiner Experten, die es besser wussten – und so ganz demokratisch die Klappe hielten. Apropos Haltung: Borniertheit ist mit Dummheit gepaarte Arroganz. Hart an der Grenze bewegte sich der Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD), als er 1976 versicherte: „Atommüllbeseitigung ist technisch gelöst.“ Na, Gott sei Dank!

Beenden wir die Sammlung mit einem Klops aus höchstem Munde: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das geht hier nicht als Rechtschreibfehler durch, Herr Wulf. Sicher gehören die Muslime, die wir riefen, zu Deutschland, auch die Flüchtlinge, die wir aufnehmen, gehören zu Deutschland. Bevor jedoch der Islam zu Deutschland gehört, werden ein paar Jahrhunderte vergehen und dann wird er so bedeutungslos sein, wie sich die christlichen Kirchen bis dahin ihrerseits demontiert haben.

Das Recht die Sprache zu missbrauchen, beansprucht offenbar nur, wer glaubt, dass die Geräusche nichts ausmachen, die aus seinem Gesicht quellen. Dann hätte er besser geschwiegen. Wer erwartet, dass er die Sprache wie eine Mistgabel schwingen darf, soll sich nicht über Pegida wundern, über den Hass im Internet, den von jedem Denken befreiten Umgang mit der Sprache, den er selber gesellschaftsfähig gemacht hat.

Merke: Umsonst gibt es nichts, jeder Folge geht Ursache voraus. In der Demokratie hat der Wähler den Anspruch, ernst genommen zu werden. Andernfalls, warnte Kurt Tucholsky, „unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind!“ – übrigens ein Linker, der die deutsche Sprache trotzdem zu schätzen wusste, wie auch Bertolt Brecht. Tja, dann müsst ihr mal nachschlagen, wer diese Leute waren!

Oliver Baer @ 11:58
Rubrik: Gesellschaft
Vorschlag zur Gendergüte

Beitrag vom 25 Februar 2016

Dass di der Teifi hol! (© Bild Behland)

Gesteuerter Sprachgebrauch im Sinne der sprachsensiblen Gleichstellung verändert die Sprache. Das ist ausdrücklich gewollt und es wirkt. Über die ästhetischen und politischen Aspekte ließe sich streiten. Schwerer wiegt hier der Umgang mit der Wirklichkeit: Das angesagte Ziel wird verfehlt, etwas Wichtiges wird zerstört.

Dass grammatisches und biologisches Geschlecht verwechselt werden, liegt im Interesse der genderbewegten Sprachveränderer. Dass die Verwechslung einem Denkfehler entspringt, gilt als ein verpönter Einwurf, typisch für die männliche Missachtung der Frau. Sprache, so die Erklärung, werde doch dauernd manipuliert, das müsse – zu einem ausnahmsweise guten Zweck – dann auch mal statthaft sein.

Das kann man so sehen, vorausgesetzt wir nehmen Zusammentöße mit der Wirklichkeit in Kauf. Verwirbeln wir Fragen der Gleichstellung mit Fragen des Sprachgebrauchs, geraten wir nämlich in einen Kategorienstreit (gugelbarer Begriff), und ein solcher ist bekanntlich unlösbar. Ein plattes Beispiel: Vermengung der Kategorien träte ein, wenn auf dem Fußballplatz nach den Regeln des Kegelns gepfiffen würde.

Sprache dient als Medium und Werkzeug zum Denken. Wer seine Sprache abstumpft, nimmt ihr die Schärfe, Klarheit und Fülle zur Formulierung von neuen, schöpferischen Gedanken, die übrigens im eigenen Gehirn Synapsen bilden müssen, damit sie etwas nützen. Dass vom Binnen-I über Passivsätze bis zur Doppelnennung die Sprache immer sperriger wird, kann ernsthaft keiner bestreiten. Die Folge ist zunehmende Verflachung des Denkens, Verdummung, Versklavung.

Tatsächlich wird nicht nur das Denken behindert, in Frage steht auch der Nutzen für die Gleichstellung. Je stumpfer die gegenderte Sprache, desto abgestumpfter die Wahrnehmung solcher Rede durch Leser und Zuhörer. Wer binnen Sekunden dreimal „die Kolleginnen und Kollegen“ erwähnt, erreicht vor allem eines: Unsere Aufmerksamkeit lässt nach, hinhören lohnt nicht mehr, da ist das Geschehen auf dem Flachfon spannender als der immer gleiche Sermon. Zu Ende gedacht: Das erzwungene Bekenntnis zur sprachlichen Sensibilisierung verpufft nicht nur zum Lippenbekenntnis, es wendet sich in seiner Wirkung gegen den ursprünglichen Zweck. Wenn aus Radfahrern Rad fahrende werden, wie soll man die Verfasser der Straßenverkehrsordnung noch ernst nehmen?

Versuchen wir einen Brückenschlag zwischen den Kategorien. Feministen beklagen, dass etwa die Funktionsbezeichnungen auf Männer verweisen, nur bei niederen Diensten auf Frauen: die Krankenschwester gegenüber dem Doktor. Tatsächlich gelten der Schreiner, der Zählerableser, der Psychopath, der Armleuchter als Männer. Bleibe es bei der hergebrachten Ausdrucksweise, seien die Frauen immer bloß mitgemeint, so die Anklage.

Was anscheinend so logisch daherkommt, ist aber geschwindelt. Dass Frauen nur mitgemeint seien, ist kein linguistisches Argument, sondern ein biologistisches. Linguistisch spielt es nämlich keine Rolle, wer mit der, die oder das gemeint ist: Biologisch mag es wichtig sein, linguistisch ist unerheblich, ob das Mädchen sächlich ist. Mitgemeint sind stets sowohl Frauen wie Männer. Dass nur Frauen mitgemeint seien, ist also eine sehr unfreundliche Zwecklüge. Ginge es noch um Wahrheit, müsste das Mitgemeintsein linguistisch nicht mehr zurechtgegendert werden. Man glaubt ja fast schon selber, es handle sich beim Lehrer um einen männlichen Beruf (real sind 90 Prozent Frauen!). Manches muss man nur oft genug behaupten, dann wird es geglaubt.

Dennoch bietet sich ein Kompromiss sogar aus linguistischer Sicht an. Besinnen wir uns erstens auf die biologische Geschlechtslosigkeit der grammatischen Bezeichnung, so können wir zweitens sämtliche Erweiterungen ausmerzen, die auf das biologisch weibliche Geschlecht verweisen. Dann gibt es keine Sekretärinnen mehr, keine Präsidentinnen, Faschistinnen, Narzistinnen, Pfarrerinnen, Armleuchterinnen. Dann lautet die korrekte Anrede „Frau Präsident!“, während „Sehr geehrte Ehebrecher und Ehebrecherinnen!“ keiner benötigt. Tatsächlich brauchen wir das /in/ nur, wo es genannt sein muss, etwa in der Tarifverhandlung: „Gleicher Lohn nun auch für die Laborantinnen!“ LaborantInnen würde dieselbe Aussage zur Leerformel machen.

Zugegeben, gewöhnungsbedürftig ist so eine Umkehr zur Vernunft schon, aber auch unendlich viel praktischer als mit aller Gewalt zum Sportwart die Sportwartin zu erfinden. Auch werden wir viel Sprachunfug los: „Frauen sind die vernünftigeren AutofahrerInnen“ ergibt nur ohne Gendern einen Sinn. Auch Kollateralnutzen hat der Vorschlag: Es muss nicht jedesmal „Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten“ gesagt werden…

In Wirklichkeit nähern wir uns doch – abseits der genderbedingten Sprachmanipulation – mit Riesenschritten der Emanzipation der Geschlechter. Wie schön! Verschonen wir daher die Sprache, wir brauchen sie in bester Verfassung zur Behandlung immer noch ungelöster Probleme, zum Beispiel: Wie geht es weiter, wenn in Arabien und Afrika das Grundwasser erschöpft ist? Streben dann die überlebenden fünfhundert Millionen Menschen in das gemäßigte Klima zu uns. Und sind dann die Menschinnen dabei?

Oliver Baer @ 11:57
Rubrik: Gesellschaft
Deutsch als nichttarifäres Handelshindernis

Beitrag vom 25 Februar 2016

Der Verein Deutsche Sprache und der französische Sprachverein Avenir de la Langue Française fordern die Regierungen und Parlamente ihrer Länder auf, ihre nationalen Sprachen und Kulturen nicht dem Freihandels­abkommen TTIP zu opfern. „Wir haben nichts gegen den einfachen Austausch von Waren und Ideen, aber unter dem Druck eines schranken­losen Marktes fürchten wir die Abwertung unserer Sprachen zu ’nicht­tarifären Handels­hindernissen'“, erklären die beiden Vorsitzenden, der Dortmunder Wirtschafts­professor Walter Krämer und der Ex-Diplomat Albert Salon. Der Zwang zur globalen Einheits­sprache Englisch sei in TTIP zwar nicht offen ausgesprochen, aber implizit eingebaut.

Offenbar glauben die Amerikaner, dass die Sonne durch ihr Gesäß leuchtet (Bild © Behland)

„Bücher, Filme und Theaterproduktionen sind keine beliebig reproduzierbare Massenware“, erklären die Vorsitzenden darüber hinaus. Europas Bürger wollten ein Abkommen, das Kulturgüter nicht so behandelt wie Autoteile, Fleischwaren oder Staubsauger. Beide Vereine erinnern daran, dass im Oktober 2005 die Mitgliedstaaten das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt mit überwältigender Mehrheit bei nur zwei Gegenstimmen, darunter die USA, unterzeichnet haben. Die USA haben damals schon eine Sonderrolle für die Kultur abgelehnt.

Soweit die beiden Sprachvereine. Dass die USA die Sonderrolle der Kultur nicht begreifen, bedeutet ja nicht, dass es dort keine Kultur gäbe. Wir kennen glänzende Orchester und sie überleben in den USA, obwohl die Kunst den Staat nichts angeht. Aber wenn die Amerikaner nicht einmal ahnen, dass wir manches anders sehen, und aus guten Gründen, dann gibt es nur eines: an dieser Stelle unbedingten Widerstand leisten. Sie ist nicht die einzige Position im TTIP, die den Beweis liefert, dass wir keine Wahl haben als abzulehnen, wohlgemerkt mit einem „Nein!“, keinem „No!“ Das Gleiche gilt für das Abkommen mit Kanada.

Oliver Baer @ 00:03
Rubrik: Gesellschaft
Lobender Zwischenruf

Beitrag vom 10 Februar 2016

Ausnahmsweise hier der Hinweis auf eine Buchrezension über meinen Anteil an einem Buch:

Rezension in der Zeitschrift Flüssiggas Nr 1 2016


Energieexperten sind die anderen Autoren, ich verantworte die Sprache. Der Rezensent sagt: „Eine für wissenschaftliche Publikationen überraschend verständliche Beschreibung erleichtert die Beschäftigung mit der komplexen Thematik …“ – das ist schönstes Lob für mich. Falls also jemand sein Fachgebiet ähnlich behandelt lesen möchte: Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme: courriel (dann der Klammeraffe, gefolgt von)oliver-baer.de.

Oliver Baer @ 15:18
Rubrik: Unternehmen
Spottolski und das Antlitz der Frau

Beitrag vom 8 Februar 2016

Romantiker wähnen sich bereits an der Grenze, auf Waffen wartend (© Behland)

In Spottolskis Herz ist bekanntlich Platz für jede Menge Miezen. Neue Leser bitte Obacht geben: Er stammt aus der Familie der Felidae, er sitzt herum, wenn er keine Miezen betreut und er hat eine Meinung, oder mehrere. Sein neues Steckenpferd sind Miezengesichter, die Sorte Visage, auf der man Nüsse knacken kann. Kennt man ja, Margaret Thatcher hatte so eine (die mit dem Bügeleisen in der Handtasche), Imelda Marcos (die mit den tausend Paar Schuhen) – ja Kinder, da müsst Ihr mal gugeln: Frühgeschichte, das europäische Paläozen (20. Jh.); sonst heißt es nachher, Spotto sei ein Lügenpresser.

Übrigens, dass es keine Irrtümer gibt: Lächeln können sie alle. Aber das können sogar Psychopathen, sie täuschen es sogar besonders geschickt vor. Wo waren wir? Ach ja, hierzulande hatte Spottolski schon immer die Altmeisterin aller Gewichtsklassen Alice Schwarzer im Auge, aber mit ihr wird er nicht warm. Vergewaltiger verleumden, nun ja, Kunststück (Verleumdung musst du oft betreiben, es wird dann schon was hängen bleiben) und die Frauen in ihrer Redaktion piesacken, wenn sie keine Lesben sind, kann man machen, aber na und. Selbst ihr Umgang mit staatlichen Ansinnen (sie möge doch ihre Steuern zahlen) gibt nichts her. Unter uns: Die Schwarzer ist einfach zu nett.

Höher in Spottolskis Kurs steht Erika Steinbach, klassischer Fall, sie ist der Nussknacker schlechthin. Es genügt eine Haselnuss mit dem Foto der Steinbach zu konfrontieren, schon bricht die Schale. Das weiß man in Deutschland zu schätzen. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Es fehlte bisher der Gegenpart, und den haben die Polen nun ins Amt gehievt: Beata Szydło, die neue Chefin (ist an der Regierung in Warschau beteiligt). Innenseiter sagen ihr nach, sie knacke einen ganzen Korb mit Nüssen ohne hinzuschauen, er muss nur vor dem Bildschirm stehen. Vorteil Szydło. Klarer Fall: Die Steinbach lässt nach, wir brauchen Verstärkung.

Dafür bot sich bereits Beatrix von Storch an, war aber auch nix; schlagseitiger Leerschwatz genügt für die Sammlung nicht. Dann schon Maria-Elisabeth Schaeffler, diese Unternehmerin lobt Spottolski ausdrücklich. Sie müsse nur noch das Sanfte aus der Mimik merzen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwähnt. Die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat Spottolski bei Sarah Wagenknecht, vor deren Liebreiz jeder Blumenstrauß abnickt. Aber auch sie reicht, streng genommen, nicht an die pernsionierte Steinbach heran.

Was er mit seiner Sammlung bezwecke, unterbrechen wir Spottolski bei der Arbeit. „Nichts, in erster Linie gar nichts.“ Warum dann das ganze, setzen wir nach, das sei doch sinnfrei! „Ja eben!“ entgegnet er und fängt an zu fuchteln: Das sei wegen dem Internet, die Verschwörungen, die Therapien zur Verschwörung. Theorien, wenden wir ein, und wegen des Internets. „Sag ich doch,“ blafft er. „Wenn das Theorien wären, könnte man sie studieren, diskursiv zerlegen und wieder zusammensetzen“, schreit er. „Was jedoch weder beweisbar noch widerlegbar ist, ist der reine Schwachsinn.“ Und das gelte im übrigen für 88,37 Prozent des Internets. Die Zahl hat er bei mir abgeschrieben.

Er hat irgendwie Recht. Gerald Hoffnung hatte in den fünfziger Jahren ein Zeichen gesetzt und alle Arten von Sauerkraut gesammelt. Trotzdem folgten darauf die Sechziger. Spottolski ließ sich transpirieren, wie er behauptet und hat das Sammeln von Quark probiert; die Bestände hat er beizeiten mit einer Shortposition im Markt plaziert. Ferner beobachtet er Nachbars Sohn, der heftet bereits seine elfundneunzigste Stellenbewerbung ab. Wenn das nicht sinnfrei sei! brüllt er. „Apropos Sauerkraut“, flicht Spottolski ein: „Sauer einstampfen kannste, was die Pegida sagt und genau so was ihre Gegner zur Flüchtlingskiste absondern und in Form von öffentlichen Lügen abpressen lassen.“

So fällt endlich das Stichwort. Was er von Frauke Petry halte, fragen wir. Da leuchten seine Augen. Na endlich, eine Frau mit Steiß! Alle Welt fällt über sie her, dabei hat sie bloß geäußert, wovor sich die Politrambos drücken: „Wie schließt man eine Grenze? Mit Stachelbeeren? Mit heißer Luft aus Kreuth?“ Oder (schlage ich vor) nach dem Vorbild des kulturbeflissenen schlesischen Gauleiters: Der hat im Endkampf um Breslau 1945, bevor er sich mannhaft aus dem Staub machte, Folianten aus der Breslauer Universitätsbibliothek auf die Straße kippen lassen, als Bollwerk gegen die sowjetischen Panzer. Der hatte wenigstens Phantasie, der Mann.

Stellt euch das konkret vor, sagt Spottolski: Da kriecht im Gebüsch diese syrische Mutter mit ihrem kleinen Ali und der kopfbetuchten Leila, typisch Teenager. Mit einer MP wird dieser Grenzabschnitt von Frauke Petry bewacht, er liegt bei Sebnitz, weiß der Geier, wie sie dahinkommt, wahrscheinlich mit dem Bus. Die Syrerin schleicht sich heran, gleich überschreitet diese muslimische Sozialschmarotzerin samt ihrem Sippengesindel die Grenze, kein Zweifel, Frauke Petrys Leben ist bedroht, unmittelbar gefährdet von einer islamistischen Invasorin, aber Frauke ist bereit, sie wird ihr Leben sowie das Vaterland teuer verkaufen, klar doch. Sie legt den Finger an den Abzug, sie schaltet den Verstand aus. Da, die Sau tritt über die Grenze mit ihren Ferkeln; Frauke drückt ab, natürlich nicht auf das Kleinkind. Das ist verboten, kommt nicht in Frage.

„Die Frau hat recht!“ ereifert sich Spottolski. Das muss mal gesagt werden dürfen: Wer nicht bereit ist, das Leben von Flüchtlingen auszuknipsen, und zwar höchstpersönlich beim Dienst am Grenzzaun, der darf zum Thema Obergrenze erst mal den Mund halten. Bis ihm was Intelligenteres einfällt. Insofern führt nun die Petry als Nussoberknacker die Spitze der Tabelle an, da kann die Steinbach einpacken, wir haben die Weltnussmeisterin, habemus nucem mundi.

„Wollt ihr die totale Nuss?“ schreit Spottolski. „Jawoll!“ brüllt der Nachbar, aber das war wegen unserer Handballer im Fernseher, die haben gerade in Sydney den Poetry Slam gewonnen. Ist doch gut, wenn man Internet, wie sehen Sie das?

Oliver Baer @ 17:22
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Alle Jahre wieder – Slogankontrolle

Beitrag vom 8 Dezember 2015

„Laut einer neuen Claim-Studie von Yougov und Endmark versteht die Mehrheit der Deutschen englischsprachige Claims zwar nicht, nimmt die Botschaft aber dennoch positiv wahr.“ berichtet horizont.net. Aufmerksame Leser erinnern sich an die Klöpse aus den früheren Studien („Komm rein und finde wieder heraus“). Neu daran ist nicht, dass die Deutschen mehrheitlich kein Englisch sprechen, gewöhnungsbedürftig ist die Verehrung, die jedem Textfragment gilt, Hauptsache Englisch, und sei es der größte Schwachsinn.

„Nachts ist es kälter als draußen“ muss man nur auf Englisch darbringen, dann wird einem auch dieser Stuss aus der Hand gefressen.

Normalerweise übernimmt man kulturelle Impulse aus einer Kultur, der man sich unterlegen fühlt. So haben sich die Römer, obwohl sie die Griechen besiegten, den Respekt vor der Kultur der Verlierer bewahrt. Wieso wir siebzig Jahre nach dem Weltkrieg immer noch in amerikanische Ärsche kriechen, bleibt mir unklar. Kulturell haben die US-Amerikaner jedenfalls nichts zu bieten, das mir mehr Respekt abnötigt als tschechische Literatur, französische Küche, italienische Renaissance-Architektur – diese Liste ließe sich seitenweise verlängern.

Also was soll die Anbetung der USA? Schlimmer noch: Anbetung der Ghettokultur? Ja doch, die schwarzen US-Amerikaner seien hiermit und ausdrücklich meines Mitgefühls versichert, aber dafür muss ich nicht anhimmeln, was aus dem Ghetto nach oben brodelt. Im übrigen erstrecken sich meine Sympathien zuerst auf Kibera (einfach mal gugeln), auf das Matabeleland, auf die Menschen, die Krieg und Not in Syrien entfliehen, und ganz sicher zuallererst auf Nordkorea. Deswegen nehme ich aber noch lange nicht koreanische Musik in meine Fassung der örtlichen Leitkultur auf.

Wohlgemerkt, nichts gegen den Import von saftigen Wörtern aus anderen Sprachen. Aber die Freude daran wäre umso größer, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt blieben. Im Lehnwort müsste erstens mehr Sinn transportiert werden als das gedankenblasse Argument: Dafür gibt es kein Wort im Deutschen. Liebe Leser, wenn es neu ist, gab es auch in jeder anderen Sprache dafür noch kein Wort. Zweitens wäre die Entlehnung schon willkommen, wenn sie nicht aus der ewig gleichen Sprache, aus der englischen, herüberschwappt.

Wohlgemerkt, jeder hat das Recht Englisch nicht zu können. Dass Englisch die Weltsprache sei, bedeutet weniger als man meint. „Sei schön!“ ist schließlich auch keine billige Forderung. „Hab keine Schmerzen!“ – „Warum?“ – „Weil die Mehrheit der Menschen keine hat.“

Oliver Baer @ 16:36
Rubrik: Unternehmen
Nibelungentreu in den Krieg ziehen

Beitrag vom 2 Dezember 2015

Wem gehört es, wer treibt es, wessen Hund bewacht es? Klar ist nur eines: Das Schaf sind wir (Bild: © Behland)

Der Pariser Regierungselite fällt als erstes und einziges ein, was gegen den Terrorismus noch nie funktioniert hat: den Krieg erklären. Man achte auf die Wortwahl: Krieg!

Gleich besinnt sich die Berliner Regierungselite auf die urgermanische Tugend der Nibelungentreue: Wenn unsere Freunde Mist bauen, bleiben wir nicht außen vor, wir mischen mit.

An die Front gegen den Daisch gehört aber Intelligenz, nicht gepanzertes Material. Leider sind Denker dieser Tage weniger sexy als Rambos. Sonst hielten wir nämlich inne, bevor wir entlang der Wortwahl mit unseren Taten den Terroristen in genau die Falle laufen, die sie uns gestellt haben. Schon haben sie es geschafft, dass Millionen Europäer die Flüchtlinge für Terroristen halten.

Sind wir bereits digital dement, oder kann es noch schlimmer werden? An der Sprache sollt ihr sie erkennen. Liebe Leser, gesucht wird auch mit Ihrer Hilfe eine Wortneuschöpfung mit der Bedeutung «von Anfang an zum Scheitern verurteilt». Damit ausnahmsweise wieder die Wahrheit gilt.

Oliver Baer @ 11:13
Rubrik: Gesellschaft
Spottolski, Pegida und Kopftuch

Beitrag vom 23 November 2015

„Chef“, sagt Spottolski von der Fensterbank her. „Chef, die Miezen da drüben, die meiden unseren Garten. Sie sagen, du wärst ein Pegidaversteher, igitt.“

„Deine Miezen? Können wohl kein Deutsch,“ sage ich und weil er so verloren dreinschaut: „Eifer ist kein Ersatz für klares Denken.“ Da guckt Spottolski noch nicht klüger. „Verstehen kann man mit billigen eigentlich nicht verwechseln!“ füge ich hinzu.

Verstehst du das, Suli? Zuerst waren sie Flüchtlinge, weil hier dauernd geschossen wird. Dann erzählt ein Schlaumeier, hier wär alles ruhig, eigentlich sei Syrien wie Sylt, nur billiger, und mehr Dünen. Nun sind sie auf einmal Terroristen, auch die Kinder – das müsste man ihnen doch ansehen. Suleika, schau mal, schauen die aus wie na du weißt schon? (Bild: © Behland)

„Ach so“, mimt Spottolski den Klügeren, der bekanntlich nachgibt, „und was du gegen das Kopftuch hättest, möchten sie wissen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Die Miezen sagen, das Kopftuch tragen sie zu Ehren des Christkindes.“

„Und die Weiber im Westen tragen Bikini zu Ehren des Papstes.“

„Das hat doch damit nichts zu tun!“ wirft Spottolski ein.

„Du sagst es. Mit dem Kopftuch halten die Männer in rückständigen Gesellschaften ihre Frauen an der kurzen Leine.“ Spottolski schaut drein, als wollte er „Wa?“ sagen.

Er sagt: „Wa?“

„Wie bescheuert du gucken kannst!“ sage ich. „Sobald eine Frau ihre Haare öffnet, bestimmt sie das Geschehen. Da kommt der Mann nicht mehr mit, die Frau ist ihm erotisch einfach überlegen. Das wissen die Imame.“

Spottolski blickt sparsam drein, bei seinen Miezen ist das natürlich ganz anders. Ich fahre fort: „Das kann man verstehen, die Männer möchten im Bett eine Schlampe und im übrigen soll sie sich mit keiner eigenen Meinung einmengen. Solange sich die Frau verhüllt, ist sie gefügig, das Signal ist deutlich. Die entsprechenden Vorschriften haben mit dem Islam so viel zu tun wie Tangas mit dem Evangelium. Übrigens hat auch der Islamismus mit dem Islam nicht viel zu tun.“

„Warum lassen sich die Frauen darauf ein?“

„Sie fallen auf einen Trick herein.“

„Ein Trick zum Unterdrücken der Miezen? Lass hören, erzähl!“

„Ein ideologischer Doppelpass. Die Männer behaupten, Allah wünscht, dass sie sich verhüllen mit der Burka, dem Kopftuch – das ist in jedem islamischen Land anders –, und zugleich haben sie festgelegt, dass Frauen zu einer anderen Auslegung des Korans nichts, aber auch gar nichts beizutragen haben – Querpass zurück, Schuss, Tor! Eine lupenreine Erfindung zur Demütigung der Frauen.“

„Und was tut Allah?“

„Wer weiß? Wahrscheinlich wundert er sich, was sich die Weiber bieten lassen in seinem Namen, und solange sie nicht von selber aufmucken, tut er sowieso nichts.“

„Chef, und du muckst auf gegen die Pegidanichtversteher? Wer hilft dir dabei, die Grünen?“

„Die sind ja nun auch unwählbar geworden. Schau dir dieses Bild im SPIEGEL an: ‚Tu was gegen Rechts! und Pegidaversteher.‘

„Stimmt doch, sogar die Rechtschreibung, beinahe.“

„Enthält aber zwei Denkfehler. Spotto, du bist doch sonst nicht so dösig. Was tut der Kommissar, damit er dem Täter auf die Schliche kommt? Er sucht ihn zu verstehen. Sonst stochert er mit der Stange im Nebel herum.“

„Und worin stocherst du?“

„In der Pegida. Da gibt es – außer ein paar Nazis und einer Handvoll Leute, die sich bei dem Wort Islam spontan in die Hose scheißen – eine Mehrheit von Leuten, deren Sorgen und Ängste ganz normal sind: Denen macht die Politik deutlich, dass ihre Sorgen unbegründet sind. Das sind sächsische Nichtwähler und die haben haufenweise Gründe, die ihnen keiner glaubhaft und arroganzfrei widerlegt.“

„Verstehe“, sagt Spottolski, „und die lockt man zur Wahlurne, indem man sie beschimpft. Genial.“

„Das geht so: Fünfzig Prozent der Wähler sind Nichtwähler, die sind blöd, überhaupt ist das Wahlvolk – Schwamm drüber -, es weiß nicht, wo es langgeht, da kann man die Wehrlosen ruhig mal ausgrenzen. Übrig bleibt das wohlige Gefühl ein besserer Mensch zu sein, wenn man auf andere herabblicken kann.“

„Und das soll ich jetzt meinen Miezen ausreden?“

„Kannste vergessen. Sag ihnen, dein Chef spinnt, ist aber harmlos, fast harmlos. Halt, warte mal!“ Ich schaue meinem Spottolski in die Augen. „Fordere sie mal auf ‚Tu was gegen rechts‘ zu ersetzen durch einen Satz mit dem Wort für.“

„Warum? Wie zum Beispiel?“

„Zum Beispiel: ‚Für ideologiefreie Bildung!‘ – Schule ohne Moralkeule würde den Sumpf Rechtsaußen binnen einer Generation trockenlegen. Weil sie dann selber denken müssten, die Lehrer und die Schüler. Aber ‚Tu was gegen Rechts!‘ brüllen ist bequemer. Da muss im Gehirn nicht eine Synapse zur Teilnahme bewegt werden.“

„Chef“, sagt Spottolski, „sag mal was Nettes zu meinen Miezen!“

„Wie denn? Reicht es nicht, dass ich mit meinem Kater rede, als ob … Na gut, sag ihnen, ich spendiere eine Büchse Thunfisch für den besten Für-Satz.“

Oliver Baer @ 19:56
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Als ich Quintaner war

Beitrag vom 17 November 2015

Demografische Verjüngung ist angezeigt, wenn es sein muss auch auf Kosten der liebgewonnenen Einfarbigkeit (Bild: Fotolia)

Die Lateinquinta war unterwegs von Düsseldorf zum Landschulheim im Allgäu, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta.

Also Wahles hieß das Land, in Schweden 1958 (Pelé, Garrincha, Vavá und so…). Zu den Helden der Quinta zählten Männer mit langen Namen: Hans Cieslarczyk, Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak, vor allem unser Erich Juskowiak, der Hammer. Nach einem Elfer von dem musste man das Netz flicken. Der Hammer, den der Schiri vom Platz stellte, obwohl Hamrin Schuld war, unfasslich! Der Juskowiak hatte an der Ecke Bismarck- und Oststraße einen Zigarrenladen, keine fünfzig Meter von meiner Haustür. Hans, Heinrich, Horst, Erich, alles Deutsche. Dass sie von den Ruhrpolen abstammten, erstens wussten wir es nicht, jedenfalls war es kein Gesprächsstoff, und zweitens: na und?

Zu jener Zeit schleppte mich meine sudetendeutsche Tante zu Heimabenden ihrer landsmannschaftlichen Jugend. Ich war elf und in die glutäugige Brigitte verknallt, sie war pausbäckig und Schlesierin; dass man sie und ihre Eltern im Westen widerwillig aufgenommen hatte: kaum nachvollziehbar. Unmöglich soll ja schon dieses rollende /R/ gewesen sein („Polacken!“); auch was sie kochten, roch polnisch. Manch einer wünschte sich die Bagage ins Meer gekippt. Dabei wäre das Wirtschaftswunder ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen als Arbeitskräfte und als Verbraucher nicht so flott entstanden. Sie bezogen den Lastenausgleich (für im Osten Verlorenes), diese Schmarotzer, bezahlt von den Westlern, die selber in Ruinen lebten [1]. Na gut, das Geld floss direkt in den Kreislauf eines lebhaften Binnenmarktes. Erklär das mal einem!

Mitte der Fünfziger hatte ich – da lebte ich noch in Luxemburg – einen italienischen Spielkameraden verloren. Sein Vater Giusto, Kollege meines Vaters, war Bratscher; die Mutter komponierte Pasta asciuta, die war zum Schwärmen. Signore Cappone folgte einem Ruf der Berliner Philharmoniker, und als ich Lucio Jahre später wiederbegegnete, berlinerte er wie ein Wilmersdorfer. In Luxemburg hatte ich schon die Europaschule besucht, da passte sie noch in ein dreistöckiges Mietshaus. Mit dem Deutschlehrer sangen wir „Ich hatt‘ einen Kameraden“, und er schleppte uns zum Fort Douaumont, wo schier endlose Reihen von weißen Kreuzen an die 700.000 Menschen erinnern, die im Kampf um Verdun ihr Leben gelassen haben – sicher die Begründung, weshalb mir Europa ans Herz wuchs.

Heute, Jahrzehnte später, neckt mich in Heidelberg der georgische Taxifahrer, als im Radio von Stalin die Rede ist: „Du kennst Stalin, he? Dschugaschwili, mein Onkel, ja. Seine eigenen Leute hat er erschossen…“ Gibt es noch deutsch-muttersprachige Taxifahrer? Und wenn schon. Am selben Tag begegne ich im Bahnhof einer bildhübschen jungen Frau im Hidschab, die aussieht wie meine Älteste. Ich lasse mir ein Probeabo der ZEIT andrehen und erfrage ihre Herkunft: Afghanistan. „Paschtu?“ frage ich ins Blaue. Ja, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch; zu Hause sprachen sie von ihrem Vater her einen tadschikischen Dialekt des Dari – und Paschtu. Aufgewachsen sei sie in Deutschland. Ich staune im Stillen: Am Dresdner Elbufer könnten wir dich an Montagabenden gut gebrauchen.

Anschließend besorge ich mir nebenan eine dieser elliptischen Pizzen im Knabberkarton, eine Pizza spetschale. Wieder eine junge Schöne, auch im Kopftuch, verkauft sie mir. „Aber Sie sind doch Deutscher?“ Nur Italiener würden speciale so aussprechen. „Das kann schon mal vorkommen“, sage ich und frage auch sie aus: Irak. Lauter akzentfrei und fließend gutes Deutsch sprechende Musliminnen, in unserem Land aufgewachsen. Ich sag es mal so: Gottseidank bringen Einwanderer und Flüchtlinge ihre Kinder und gebären weitere. So haben außer Erich Juskowiak und Lucio Cappone Millionen von sesshaft gewordenen Gastarbeiterfamilien eines mit uns gemeinsam: Sie sprechen Deutsch.

Da regt sich die Frage: Bestimmt noch immer die Abstammung die Nationalität? In den Augen der Bürger offenbar nicht mehr. 97 Prozent der Befragten einer Studie von 2014 waren der Meinung, deutsch ist, wer Deutsch spricht. 79 Prozent meinten darüber hinaus (in einer niedlichen Verwechslung von Ursache und Wirkung), Deutscher sei man, wenn es im Pass steht („Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“). Nur 37 Prozent verlangten deutsche Vorfahren [2].

Ist unsere Sprache nicht sowieso der einzige Klebstoff, der achtzig Millionen Bürger noch zusammenhält? Halt doch, es gibt einen Neunzigminuten-Kleber: unsere Jungs auf dem Rasen. Wo sie antreten, auch wenn sie Klose, Boateng oder Özil heißen, verbindet heilige Eintracht – die Fischköppe und Bayern, die Schwaben und Sachsen. Nach dem Abpfiff tut das Kleben wieder nur die Sprache.

Lasst uns einfach anerkennen: Deutsch ist, wer Deutsch spricht – mit Verbeugungen in Richtung Wien und Zürich, wo immerhin einige der besten Bühnen deutscher Sprache stehen. Und da wir sowieso viele junge Neubürger benötigen, lasst uns dafür sorgen, dass sie Deutsch lernen, flott und gründlich. Und dass ihre Familien nachkommen. Unsere muss ja keine Regenbogennation werden, aber hoffentlich eine Gesellschaft, in der eines nicht mehr vorkommt: dass wir schwerhörigen deutschen Alten kraft unserer Mehrheit die neue Kita in der Nachbarschaft verhindern – weil die Kinder so einen Lärm machen! So eine Gesellschaft gehört aufgemischt, sei’s drum, dann eben mit Syrern und Afghanen! Rassisch rein waren wir in Mitteleuropa sowieso nie. Also: Was zählt, ist die Sprache, und die ist hierzulande die deutsche. Wie schön!


[1] Vertriebene: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article147487793/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html DIE WELT, 12. Oktober 2015

[2] Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung: Deutsche finden Abstammung unwichtig fürs Deutsch-Sein DIE ZEIT, 30. November 2014

Oliver Baer @ 10:26
Rubrik: Gesellschaft
Deutschsein heißt für mich …

Beitrag vom 28 August 2015

Muslime im christlichen Abendland - warum nicht? Aber nach unseren Regeln: ohne Scharia (Bild Baer)

Für mich enthält das Deutschsein eine Reihe von Selbstverständlichkeiten. Offenbar muss ich sie trotzdem einzeln aufführen. Ich gebe zu, ich nenne sie im Zorn:

Deutschsein heißt, dass wir schon immer in der Mitte Europas lebten.
Wenige Nationen haben so viele Nachbarländer wie wir. Deshalb kann es ohne uns kein Europa geben, und ohne Europa stünden wir ziemlich bescheuert in der Mitte herum.

Deutschsein heißt, dass wir rassisch durchmischt sind, und das schon seit Jahrtausenden.
Irgendwelche Rassenreinheit ausgerechnet in der Mitte Europas zu beschwören, ist so abwegig wie die Hoffnung, dass die Sonne demnächst im Süden aufginge. Hervorgebracht haben uns Mitteleuropäer unter anderen die Germanen, Kelten, Slawen sowie römische Bürger von ziemlich bunter Herkunft aus der antiken Welt.

Deutschsein heißt, dass sich Fremde bei uns wohlfühlen, nicht nur während der Fußball-WM.
Wir sind gastfreundlich – auf unsere eigene, manchmal hölzerne Art. Da haben wir von den vielen Gastarbeitern aus dem Süden an Herzlichkeit schon etwas dazugelernt. Ach ja, vom Tourismus leben hier viele Bürger.

Deutschsein heißt, uns imponiert sonst jeder Vater, jede Mutter, die alles tun, sogar den Tod riskieren, damit ihre Familie überlebt.
In halb Afrika regieren Gangster; sie lassen ehrlichen Bürgern keine Chance. In Arabien fallen Fassbomben auf die eigenen Bürger. Im südlichen Balkan herrscht Korruption, da nagt am Hungertuch, wer nicht dazugehört. Es gibt Motive, die wir als Grund für Flucht und Asylantrag anerkennen – würden wir nicht dasselbe zu unseren Gunsten erhoffen, wenn wir auf der Flucht vor solchen Verbrechern wären?

Deutschsein heißt, dass wir über zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene integriert haben.
Mag sein, dass es den Einheimischen schwerfiel, aber wir haben nach dem Krieg den Menschen aus dem Osten zu einer neuen Heimat verholfen – was uns auf lange Sicht übrigens sehr genützt hat. Das „Wirtschaftswunder“ wäre ohne sie nicht möglich gewesen.

Deutschsein heißt, dass wir uns vor der braunen Vergangenheit nicht davonstehlen.
Ob wir zu den Guten zählen, ist sowieso fragwürdig, und unsere Nazivergangenheit wird nicht dadurch blütenweiß, dass wir Deutsch verschmähen und lieber (schlechtes) Englisch plappern. Immerhin haben wir uns hierzulande mit Judenmord und Kriegsverbrechen jahrzehntelang auseinandergesetzt – da sind wir anderen Nationen weit voraus.

Deutschsein heißt, dass die Nachbarn und wir voneinander lernen.
Dazu zählt, um ein triviales Beispiel zu nennen, die Esskultur. Vor fünfzig Jahren war der Besuch eines deutschen Restaurants ein trostloses Ereignis.

Deutschsein heißt, dass wir die Einwanderer willkommen heißen.
Wir sind klug genug zu begreifen, dass wir Millionen neue Deutsche benötigen, damit die Wirtschaft mit jungen Arbeitskräften, die Märkte mit neuen Verbrauchern aufblühen, dass unser Rentensystem wieder funktioniert, dass die Gesellschaft nicht an den Alten (meiner Generation) erstickt, die jedes Neue mit dem Beelzebub verwechseln und die neue KITA nebenan verhindern, weil ihnen keine Kinder in den Kram passen.

Deutschsein heißt, dass ich mich einer Tradition der Denker, nicht der Schwätzer verpflichtet fühle.
Ich statte mich mittels eigener Gedanken mit eigenen Überzeugungen aus; ich lehne den Kitsch des „Gesunden Volksempfindens“ ebenso ab wie den Kitsch der „Politischen Korrektheit“. Merke: Wenn es nicht wehtat, war es kein eigenes Denken, sondern das Wiederkäuen von Gedankenschnipseln anderer Leute

Deutschsein heißt, dass wir die Religionsfreiheit schätzen.
Dazu zählt die Freiheit Konfessionen auch abzulehnen. Muslime sind hier willkommen wie jeder andere, aber auch zum Islam darf hier keiner gezwungen werden, und die Scharia hat in Deutschland schon gar nichts zu suchen.

Deutschsein heißt, wir schätzen an unserem Grundgesetz, dass es weltweit keine bessere Verfassung gibt.
Dazu zählt, dass unser Staat wehrhaft sein muss, damit er seine Bürger gegen jeden, aber auch jeden verfassungsfeindlichen Angriff nach Kräften beschützt, sei es durch Nationalsozialisten, durch Islamisten, durch Antifaschisten oder sonstwen. Wir sind eine Nation friedliebender Menschen, keine Zusammenrottung von Hooligans mit Testosteronproblemen.

Deutschsein heißt, Frauen und Männer genießen in dieser Republik dieselben Rechte.
Wir entfernen zur Zeit die letzten Reste der Diskriminierung von Frauen. Wer hier einwandert und seine Frau weiter unterdrückt, muss umlernen. Merke: Das Kopftuch ist in traditionell-konservativen Völkern ein bewährtes Mittel, Herrschaft über Frauen darzustellen – mit dem Islam hat das Kopftuch aber nachweislich nichts zu tun.

Deutschsein heißt, wir erkennen die Not der Menschen, deshalb: „Flüchtlinge sind willkommen!“
„Refugees welcome!“ist ein Schmarren. Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, hier ist die Lingua franca Deutsch, hier können die wenigsten ein belastbares Englisch, und die Flüchtlinge schon gar nicht. Die mediengeile Protzerei mit Englisch passt zur Not der Flüchtlinge wie eine offene Hose zum Besuch ihrer Notunterkunft.

Deutschsein heißt, wir haben nach unseren Erfahrungen mit Diktaturen für Bevormundung jeder Art keinen Bedarf.
Nazis haben uns nichts Bedenkenswertes mitzuteilen, dasselbe gilt indessen für Antifaschisten, für christliche und islamische Fanatiker, für Russen, die wieder an den Storch glauben, und es gilt für unsere muslimischen Mitbürger, wenn sie in ihrem Machogehabe mal wieder Kreuzberg mit Anatolien verwechseln.

Deutschsein heißt, wir erkennen unsere gemeinsame Identität in der deutschen Sprache.
Für 97 von 100 Deutschen ist die Sprache das wichtigste Kriterium für das Deutschsein: „Deutsch ist, wer Deutsch spricht.“ Die gemeinsame Sprache ist der Klebstoff, der uns zusammenhält. Sie ist nicht ersetzbar durch Gedankentreibgut, das hierzulande nur deshalb gut ankommt, weil keiner merkt, aus welchen trüben Tiefen die englischen Sprachfetzen gefischt werden.


Was Deutschsein für andere bedeutet, ist deren Sache. Ich habe meine Positionen genannt, sie sind nicht verhandelbar. Aber Ihr könnt Euch ja mit differenzierter Meinung anschließen.

Es darf jedenfalls nicht zur akzeptierten Norm erstarren, dass wir unsere Muttersprache preisgeben. Mit dieser Forderung richte ich mich erstens gegen die Arschkriecherei, mit der wir hierzulande jeden englischen Furz einem zu Ende formulierten Satz auf Deutsch vorziehen. Deutsch ist immerhin die Sprache, die wir zum Denken benötigen. Nein, Euer Englisch reicht für klares Denken nicht, vergesst es! Denken setzt Sprachbeherrschung auf hohem Niveau voraus.

Ich richte mich zweitens gegen die Gleichgültigkeit, mit der linke Intellektuelle die Muttersprache dem rechten Mob überlassen. Ihr habt wohl vergessen, wie Hitler und Goebbels die deutsche Sprache verdarben. Dieses Geschenk hat der Mob nicht verdient; das sind Menschen, die anderer Leute Gedankengut wiederkäuen ohne eine eigene Synapse auch nur gestreift zu haben. Diese Leute sind nicht Deutschland, ihnen gehört die Muttersprache nicht!

Also liebe Landsleute, lasst Euren Hochmut! Die deutsche Sprache ist das einzige, was diese Nation zu einer funktionierenden Gesellschaft zusammenfügt! Wenn Ihr diese Sprache verschmäht, seid Ihr so arrogant wie die Engländer. Sie halten sich mit Oxfordenglisch den Pöbel vom Hals, so wie Ihr Euch erhebt über Bürger, die nun mal echte Angst haben vor Hunderttausenden von Fremden. Ihr spielt die Flüchtlinge gegen diese Leute aus – wem soll das nützen?

Ich fordere von der Politik, dass sich der Staat gegen gewaltbereite Fanatiker und ihre Mitläufer mit Polizeigewalt durchsetzt. Und wenn sich diese Mitbürger nicht an die Verfassung halten, dann muss auch mal härter durchgegriffen werden, als es das Grundgesetz vorsieht. Dazu wird man mehr Polizisten benötigen.

Oliver Baer, Dresden am 28. August 2015.
Den Text habe ich nachgebessert im November 2015 und im Dezember 2017.

Oliver Baer @ 22:45
Rubrik: Gesellschaft
Sprache ist so leicht ersetzbar wie Energie

Beitrag vom 18 August 2015

Sprache ist eine Ressource des Geisteslebens und so endlich wie Ressourcen der Natur (Bild: Fotolia)

Über sterbende Sprachen hat man Krokodilstränen zu vergießen, das gefällt dem Zeitgeist, und es ändert nichts.

Dazu erklärt ein zackiger ZEIT-Leser: „Eine Sprache stirbt dann aus, wenn sie niemand mehr spricht, und eine Sprache die niemand spricht, ist offensichtlich überflüssig.“ Auf öffentlichen Klos habe ich schon klügere Sprüche gelesen. Also dann mal zackig: Sprachen sind keine Organismen, sie sind Kulturgut, vom Menschen geschaffen; sie leben nicht, sie sterben nicht. Sie können verschwinden, ganz oder in Teilen. Mit einer Sprache „verlieren wir Jahrhunderte menschlichen Denkens über Zeit, Meerestiere, Rentiere, essbare Pflanzen, Mythen, Musik, das Unbekannte und das Alltägliche.“ erklärt Robert Harris°. Da verschwindet mehr als ein paar Vokabeln und die Folgen trägt die Volkswirtschaft – das sind wir alle, auch die Klosettlogiker.

Am Amazonas sterben Indianer aus, die gegen jedes Leiden ein Kraut kennen. Ihr Wissen geben sie mündlich weiter. Verschwindet ihre Sprache, verfällt das in ihr gespeicherte Wissen. Zum Vergleich: Pharmakonzerne investieren Milliarden zur Lösung von Fragen, die im Urwald schon beantwortet wurden. Milliarden die irgendwer bezahlen muss. Wer wohl?

So etwas müsste Thema der Grünen sein. Zwar funktioniert statt Kupfer oft Aluminium, statt Eisen Beton; unersetzbar sind nur Wasser, Luft, Energie – und die Sprache. Dagegen ist invertierter Snobismus („Deutscher kann man nach Auschwitz nicht mehr sein“) so putzig wie der Furz einer Ente. Stirbt der Vogel X, vermehrt sich Insekt Y und frisst die Ernte Z. Also sprüht der Landwirt Gift, es gerät in die Nahrungskette, daran verrecken der Bauer und die Kunden, auch jene die den Schutz der Umwelt mit einer Glaubensfrage verwechseln.

Aber, so hallt es in den Laubengängen, dafür genüge doch eine, die Weltsprache. Diese können wir umso gründlicher umsorgen. „Man solle etwa an die Möglichkeit denken, aufgrund einer gemeinsamen Sprache mit den Taliban direkt sprechen zu können.“ schlug Ulrich Ammon vor. Nein, wie niedlich! Dass darauf die Amerikaner nicht kamen, als sie einander (im Bürgerkrieg 1861 bis 1865) in bis dahin nicht gekannter Grausamkeit niedermetzelten!

Sprachen sind Träger von Methoden, Verfahren, Lösungsansätzen, die es in anderen Sprachen gar nicht, oder was noch spannender ist, in ähnlicher Form gibt. Aus dieser Vielfalt erwachsen die besten Lösungen, und Europas Stärke liegt in seiner Vielfalt. Die Monokultur einer englisch dominierten Welt kann nur eintönige Lösungen zustandebringen. Das ist so leicht zu begreifen wie man es ignorieren kann, sei es aus Abneigung gegen die eigene Sprache, weil man die Welt beherrschen möchte oder weil es am besten zum vorhandenen Vorurteil passt.

Ist Deutsch bedroht, muss man sich sorgen? Schwer zu sagen? Wir könnten es abwarten. Die Antwort erfahren wir, wenn es zu spät ist die Folgen zu verhindern. Macht nichts, die Erderwärmung ist schließlich auch nur eine Theorie, oder? Die Sprache der Wissenschaften und der Wirtschaft betrifft die Steuerzahler, das sind Sie, liebe Leser, auch die Grünen und Sozialdemokraten, die mit der Schulter zucken: „Mir fehlt das sprachpatriotische Gen.“ Als ob es um Patriotismus ginge! Mit Patriotismus hat diese Sache so viel zu tun wie die Auswahl des Ladens, wo Sie Ihren Schlandwimpel erwerben.

„Macht nichts, sobald das Problem den Wählern auffällt, findet sich eine Mehrheit, es anzupacken.“ Ach ja? So naiv möchte ich mal sein, und die Wartezeit verkürze ich mir mit Chinesisch. Ab 2016 gibt es in Südafrika Mandarin-Unterricht – an den Grundschulen. Schade, die englische Sprache, bevor sie als Weltsprache verhunzt wurde, war eine schöne, reichhaltige Sprache. Heute sind dieser Meinung nur noch eine Million gebildeter Angelsachsen. Die übrigen native speakers kotzen ein Englisch aus, dass man sich Ohrenklappen wünscht.

Die Monokultur wird die Vielfalt ausrotten. Der Ersatz der Muttersprachen durch Englisch endet in einer angelsächsischen Denkweise: in neoliberaler Kälte, bei Barbiepuppen und McDonalds. Englisch ist eine antidemokratische Sprache, mit ihr hält sich die Oberklasse den Pöbel vom Halse. Außerdem ist aller Aufwand für die gemeinsame Wissenschaftssprache vergebens, denn auf dem Niveau für kreatives Denken steht sie nur wenigen offen (das C1-Niveau, liebe Leute, reicht für die zweite Liga, mehr ist nicht drin). Und was die geschichtlichen Skrupel anlangt: Mit Angloholismus stiehlt sich keiner aus der deutschen Geschichte davon. Ihr Freunde auf der Linken: Wenn es schon die Rechten nicht begreifen, was die Sprache wert ist: Es gibt viel zu tun. Get off the fence!

° Robert Harris vom Living Tongues Institute in Washington

Oliver Baer @ 17:22
Rubrik: Gesellschaft
Falsch zitiert!

Beitrag vom 18 August 2015

Zugleich trocken und unterhaltsam, enthält kein einziges Bild spärlich bekleideter Menschen

Das Geschick, eine glückliche oder wichtige Entdeckung durch Zufall zu machen, kommt überall vor, aber die Engländer haben den Begriff mit einem Wort versehen: serendipity – eine Orchidee unter den Wörtern, den meisten Angelsachsen jedoch nicht vertraut.

Ich schulde Ihnen ein Geständnis, ich habe leichtfertig zitiert: Die Weltsprache sei nicht Englisch, ließ ich den prominenten englischen Linguisten David Crystal sagen, sondern schlechtes Englisch. Das stimmt, aber so hat nicht er es geäußert, sondern ein fleißiger SPIEGEL-Journalist hat Crystals Auffassung zu diesem Satz verdichtet. Das wird bestätigen, wer sein Werk English as a Global Language gelesen hat.

David Crystal beschreibt darin ziemlich genau, was ich als Globisch bezeichne. Er nennt es World Standard Spoken English (WSSE), eine Varietät des Englischen. Es ist nicht zu verwechseln mit American Standard English oder British Standard English. Auch wenn sich Crystal akademisch seriöser ausdrückt, die Charakteristika stimmen überein: der reduzierte Wortschatz, der Verzicht auf die komplizierten Verbformen und auf Redewendungen, Redensarten sowie auf Problemzonen wie die doppelte Verneinung. Auch David Crystal sieht im WSSE keinen Raum für Humor, Ironie, Sarkasmus.

Das ist zwar bedauerlich, denn eben das macht Sprachenlernen zu einem besonderen Erlebnis. Aber man muss sich entscheiden, worum es geht. Höherer Kulturgenuss erfordert höhere Sprachbildung, während weltweite Verständigung mit Globisch ganz einfach besser gelingt. Wir sind aber aus geübter Eitelkeit unbelehrbar, wir verlangen in Deutschland, Österreich und der Schweiz von Stellenbewerbern ein Englischniveau, das die meisten Menschen auf dem gesamten Globus (sowie in Europa, Holland und in Eindhoven) nicht können, niemals beherrschen werden und auch gar nicht erwerben möchten. Ihnen genügt die Verständigung, wenn es geht fehlerarm und unkompliziert. Es gibt also mindestens zwei grundverschiedene Ansprüche.

Das bemüht und anscheinend perfekte Englisch der Unbelehrbaren verstehen nur wenige. Im asiatischen Geschäftsleben provoziert zu gutes Englisch schweres Kommunikationsversagen, das aus Gründen der Gesichtswahrung oft nur schwer zu klären ist. Ähnliches geschieht in Arabien, Afrika, Lateinamerika und in fast allen europäischen Staaten. Eine Sprache, die Fehler befördert oder sogar tarnt, ist für die internationale Verständigung ein Handicap. Einen Sinn ergibt sie nur bei der Pinselei des Bauchnabels: Guck mal, was für ein tolles Kerlchen ich bin: „I can English.“ Solchen Leute widerspreche ich gelegentlich. Sydney heißt nicht Sidnäi sondern Sidni mit dem langen /i/ am Ende, und das ist in sämtlichen Varietäten des Englischen so. Aber was geschieht: Die Leute hören die Korrektur, sie staunen, sie nicken und sagen weiterhin: „Mein Freund Harwäi.“

Über die Beratungsresistenz deutscher Eggsekjuhtifs schmunzeln Englischkenner landauf, landab. Ein Wirtschaftsverband schmückt sich mit einem Senate – wahrscheinlich weil Senat an Spinat erinnert – und wie ein Automat wiederholt der Vorsitzende ein merkwürdiges Wort, das wie Ssienäit klingt, wo er Ssennet sagen müsste. Er blamiert sich, nun ja, aber warum? Er tut als ob er zuhörte, aber das rauscht vom einen Ohr zum anderen ohne eine einzige Synapse auch nur zu streifen. Unter der Alterseitelkeit leiden vermutlich auch viele, die Aufwand, Zeit und Geld in gutes Englisch gesteckt haben. Und nun sollen sie wegen Globisch Abstriche machen? Kommt nicht in Frage! Sollen doch die Anderen besseres Englisch erwerben!

Die falsche Logik überliest sich allzu leicht: Nicht wegen Globisch, sondern um sich verständlich zu machen, sollen sie sich beschränken. Falls Sie hier noch mitlesen: Crystals Buch lässt keinen Zweifel, dass der wahre Weltbürger mehrere Sprachen erwerben soll. Er fordert die englischen Muttersprachler auf die Hochsprache ebenso zu beherrschen wie das regionale Englisch oder den heimischen Dialekt, und als drittes sollten sie WSSE, also Globisch erwerben. Ausdrücklich unterscheidet er diese Drei. Als Europäer und Weltbürger erlaube ich mir zu ergänzen: Dem wäre eine Fremdsprache hinzuzufügen, damit die kulturelle Inzucht der Angelsachsen ein Ende nimmt.

Kommen wir zur Kritik seines Buches English as a Global Language. Mir fallen zwei Gesichtspunkte dadurch auf, dass er sie ignoriert. Crystal spricht von Kommunikation und Identität mit einem Unterton, als könne er die Anstößigkeit nur mühsam tolerieren, mit der die Bürger von Singapore Wert auf ihre Identität legen. Der Verlust des Kolonialreiches schmerzt noch immer. Zweitens widmet er der Rolle der Muttersprache beim Denken – keine Zeile. Das Denken interessiert Crystal nicht, vermutlich weil es kein Thema der Linguistik ist. Im Vorübergehen geht er darauf ein: Sollte es jemals dazu kommen, dass nur noch Englisch gelehrt würde, nennt es Crystal the greatest intellectual disaster that the planet has ever known – das größte Desaster für das Geistesleben auf dieser Erde. Recht hat er, aber als Randbemerkung kommt es herüber wie ein politisch korrektes Lippenbekenntnis.

Wer alle Aufmerksamkeit auf Englisch lenkt, tut das auf Kosten seiner Muttersprache. Diese sollte er als erstes lernen und pflegen. Warum? Damit er noch aus eigener Kraft Gedanken formulieren und anschließend verwirklichen kann. Wer sich fortwährend mit Versatzstücken der englischen Sprache schmückt, wirkt cool, aber dieses Sprachragout ist für den Geist so gesund wie McDonalds für die schlanke Linie. So einer wird zum Junkie und merkt es nicht. Nebenbei erwähnt: Auf dünner Muttersprache wächst keine knackige Fremdsprache.

Serendipity muss im Text nur verwenden können, wer in Oxford zu studieren plant. Alle anderen seien gewarnt: Unter fünf Jahren ist gutes Standard English nicht zu haben: Dazu müssen Sie in das Mutterland der Sprache übersiedeln, Ihr Vorhaben kostet Sie viel Fleiß und Sie sollten in dieser Periode kein Wort Deutsch sprechen. Nur dann dürfen Sie mit Aussicht auf Erfolg hoffen, dass Sie sich mit Muttersprachlern auf gleicher Augenhöhe unterhalten.

Das ist zu viel verlangt? Richtig, WSSE/Globisch gibt es billiger. Diesen logischen Schluss aus seiner eigenen Darstellung vollzieht David Crystal jedoch nicht, jedenfalls nicht in diesem Buch. Zu sehr fasziniert ihn, wie wichtig Englisch in der modernen Welt ist. Leider so wichtig, dass die Engländer auf andere Sprachen verzichten. Deshalb ist dem Angelsachsen jeder kleine Gewürzhändler in Madras beim Begreifen fremder Einflüsse überlegen. Und die Geheimdienste der Amerikaner und Engländer suchen händeringend nach Leuten, die fremdsprachlich gut zu Fuß sind und den weltweit belauschten Kommunikationsmüll nach werthaltiger Information durchstöbern könnten.

Für diesen Nachtrag zum Falschzitat in meinem Buch Von Babylon nach Globylon lasse ich mich gegebenenfalls beguttenbergen, aber es war ja keine Dissertation. Es war und ist eine aktuelle Arbeit über die Bedeutung der Muttersprachen für Wirtschaft und Wissenschaft, mit einem ausführlichen Abschnitt über den Erwerb von Globisch bzw. World Standard Spoken English, zu kaufen bei Ihrem Buchhändler sowie bei Amazon, gedruckt und für den Kindle. Kritiker bitte ich das Buch vor dem Verriss zu lesen. Man merkt es, wenn der Kritiker über das Blättern nicht hinauskam.


Mehr über dieses Buch hier auf der Website: „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 09:22
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Pingeligkeiten

Beitrag vom 28 Mai 2015

Die Engländer haben der Welt den edelsten Sport geschenkt: Cricket. Dieser Zeitvertreib erschließt sich Einwanderern in anglophone Länder bereits in der zweiten Generation, in dringenden Fällen schon nach zehn Jahren des intensiven Nichtmehrweghörens, wenn beim Stand von 238 for 6 die Leute bedeutsam nicken: „Das läuft auf ein dramatisches Unentschieden hinaus.“

Die Franzosen haben, von der Provence ausgehend, in die frankophonen Länder Pétanque verbreitet. Diese Form des Boule ist so schwierig wie Golf, aber tausend Mal billiger: Es wird dank der früheren französischen Besatzung auch bei uns viel gespielt. Deutschland belegt unter 94 aktiven Nationen den sechzehnten Platz der inoffiziellen Rangliste. Eine Tatsache, auf die Boulisten ein Glas Rotwein heben und eine frische Zigarette drehen.

Womit wir zur Sprache kommen. Zum Cricket haben weder Franzosen noch wir etwas beigetragen, die Begriffe sind englisch. Beim Pétanque hat Englisch so viel zu suchen, wie die Angelsachsen dazu beigetragen haben: nichts. Deshalb sind die Fachbegriffe fanzösisch und das ist gut so, schon damit nicht weltweit alles immer nur auf Englisch lautet. Außer in Deutschland. Zwar gibt es eine Reihe gültiger Verdeutschungen (pointer = legen, tirer = schießen), aber bei jedem deutschen Turnier gibt es einen Cup zu gewinnen. Was schlimm genug ist, denn Coupe hätte es auch getan, oder wenigstens Pokal. Es kann aber ein Cup/Coupe/Pokal nur ein Gefäss sein. Jede Skulptur, sei sie noch so schön gestaltet, ist nur dann ein Cup, wenn sich daraus der Siegessekt schlürfen lässt – im Pétanque ist das zumeist ein Sieges-Pastis.

Dem Cup geht es wie dem Alpinen Skiweltcup, da ist unseren Sportjournalisten jedes einzelne Rennen bereits der ganze der Weltkapp, natürlich ein Schmarren, denn die Welttasse gibt es am Ende der Saison, nämlich erst nach allen Wertungsläufen „zum Weltcup“. Hier geht es sprachlich zu wie bei der Relegation. Richtig handelt es sich um Aufstieg und Abstieg, Promotion und Relegation, wenn es denn Fremdwörter sein müssen, aber das bekommt kein Reporter auf die Reihe. Also zum Mitschreiben: Relegation = Abstieg! Was Ihr Reporter und Journalisten meint, ist die Auf- und Abstiegsrunde.

Aber noch ein Wort zum Kugelsport.

Pétanque kennt beim Endstand 0:13 eine kuriose Sitte. Zu Null ist die Höchststrafe, und sie hat zweierlei Folgen. Die Verlierer küssen den entblößten Po einer Dame namens Fanny, und die Sieger müssen einen ausgeben. Die Sitten dieses Sports entstanden offenbar unter Platanen neben einem Bistro. Um den Mädchennamen Fanny ranken schlüpfrige Mythen, die wir hier kühn übergehen wollen. Aber man merke: Im Französischen wird die letzte Silbe betont: Fannih. Alles andere führt in die Irre. Dass im amerikanischen Englisch die fanny den weiblichen Popo, im britischen Englisch die fanny etwas weniger Salonfähiges (ungefähr in gleicher Höhenlage) bezeichnet, erhellt die Sachlage keineswegs. Wer sich mit halbgaren Englischkenntnissen für besonders gut informiert hält, befindet sich mit der falschen Aussprache im Abseits.

Plattfüßig treten in die Falle – wir Deutschen. Boulisten sprechen hierzulande von der Fänni, oder wenigstens halbwegs französisch von der Fanni, was aber den Nachteil gebiert, dass sie von Englischkennern so niedergeschrieben wird: funny. Das ist nun überhaupt nicht funny, sondern nurblinder Reflex: Was von außen kommt, ist erstens gut und kann daher zweitens nur englisch sein. Es kommt noch so weit, dass wir die eigene Muttersprache mit amerikanischem Akzent aussprechen.

Pingelig? Aber ja doch. Giora Feidmans Klarinette hat uns Klesmer nahegebracht, eine Musik osteuropäisch-jüdischer Herkunft. Ausgesprochen wird Klesmer mit einem weichen /S/, daher die Schreibweise Klesmer. Im Englischen erweist denselben Dienst für ein weiches /S/ das /Z/, daher die Schreibweise Klezmer. Ein Unfug wäre somit im Deutschen Klezmer, aber in vorauseilender Unterwürfigkeit ist diese Schreibweise schon weiter verbreitet als die zutreffende. Das ist eben nicht egal, denn prompt tritt ein, was zu erwarten war: Die Leute sagen Kletzmer, und wie schreiben sie es? Kletzmer, wie denn sonst, das hat doch der Ansager so gesagt, oder? Weder die USA noch ein anderes Land englischer Zunge hat Nennenswertes zum Klesmer beigetragen. Wie Schreibweise und Aussprache stimmen, weiß die Gruppe Aufwind, Experten dieser Musik, die auf ihrer Website aufwindmusik.de übertiteln: Jiddische Lieder und Klesmermusik und Yidish Songs and Klezmer. Dennoch lässt sich sogar die Wikipedia, sonst pedantisch in diesem Dingen, im deutschen Text auf die Schreibweise Klezmer ein.

Warum so pingelig?

Wichtigkeit? Den Boulesport ficht keine falsche Fanny an, und Klesmer wird Kletzmer überleben. Was eingeht, ist unser Gespür, dass es etwas ausmacht, ob eine Sache anscheinend unwichtig oder scheinbar unwichtig ist. Der Schwund schleicht auf Socken daher. Wenn wir dereinst merken sollten, dass etwas fehlt, wird es aber keiner merken, weil dann die Fähigkeit bereits verschwunden ist, das Fehlen noch wahrzunehmen. Den Wenigen, die das Fehlen bemerken, wird man nicht glauben, denn wir haben schon jetzt zum Lernen keine Lust mehr.


Bilder:

13-0 Fanny von Unbekannt 1920 — http://cheznectarine.centerblog.net/rub-la-petanque-et-fanny–3.html. Sous licence Domaine public via Wikimedia Commons

Klesmer: Ablichtung der Titelseite und einer Folgeseite aus www.aufwind.de

Oliver Baer @ 11:24
Rubrik: Gesellschaft
Fäulnis angesagt

Beitrag vom 25 Februar 2015

Sex ist schön. Das gehört aber nicht hierher. Sex ist außerdem unersetzbar, jedenfalls hat das geborgte Wort alle heimischen Wortschöpfungen verdrängt. Das ist gut so, denn fast alles, was nicht unter wahre Liebe fällt, zählt irgendwie zum Sex (oder auch nicht, siehe Gewalt). So lässt sich mit einem Wort aus nur drei Buchstaben etwas Ordnung herstellen.

Ausriss aus dem Spiegel Nr. 8 vom 14. Februar 2015

Sex hat auch Nachteile, und davon gleich zwei, das hat Spottolski, der Marketingkater, ermittelt. So gerät ein flüchtig auf Svensklish geführtes Gespräch auf schlüpfrige Abwege, denn sex (mit einem scharfen S) steht in Schweden für die Ziffer Sechs (vulgo 6).

Schlimmer noch: Wie Sex auszuüben sei, beschert uns gefühlsaufwallende Wortwolken wie Sex haben oder gar Sex machen. Das ist nicht gut so. Man könnte glatt meinen: Wer sich so äußert, hat in dieser Sache das Schießpulver nicht erfunden. Also Vorsicht! Im Internet findet sich bei geeigneter Formulierung des Suchwortes (zum Beispiel „Synonym für Sex“) eine sehenswerte Fülle von Wörtern, die größtenteils nicht stubenrein, aber komisch klingen und in allen Fällen dem Haben oder Machen von Sex überlegen sind.

Nicht nur im Bett wird als Anfänger entlarvt, wer mit Englisch um sich wirft. Im SPIEGEL tauchte dieser Tage ein bald zwanzig Jahre altes Bild wieder auf: „VOTE ROT!“, hier als Ausriss wiedergegeben, mit dem sich Politiker als Stümper mit Stummelenglisch zu erkennen geben. Es ist nun mal so: Vote rot überfällt den Betrachter als eine englischsprachige Aufforderung to vote. Wie die Dinge liegen, setzt das Gehirn (es ist ja nicht blöd) den Satz auf Englisch fort (wie sonst?), rot also mit dem englischen R, einem kurzen O und dem hartem Auslaut ähnlich unserem Doppel-T.

So weit so gut. Sehen wir nach, was wir daraufhin nachplappern. VOTE ist klar: Stimme abgeben. ROT bedeutet Verwesung, Fäulnis, Verrottung. Mit diesem Plakat warb die SPD für Verrottung. Alles klar? Euer Ehren, ich habe keine weiteren Fragen. Für Spottolski kann ich das nicht behaupten, er verspricht die Sache bei Gelegenheit zu ignorieren.

Oliver Baer @ 13:39
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
One Man One Vote

Beitrag vom 13 Februar 2015

Was stimmt denn nun: Der, die oder das Rolle? (© Behland)

Manche Bezeichnung ist eine glatte Beleidigung. „Putzfrau“ unterstellt, für diese Arbeit kämen nur Frauen infrage, ein „Putzmann“ sei als Wohnungsputzer undenkbar. Um solche Fossilien wird es wenig Streit geben, wenn wir unseren Wortschatz aufräumen. Alle ähnlich besetzten Wörter sind ersetzbar durch geschlechtsneutrale.

Damit müsste das Thema Gendering vom Tisch sein, wir könnten uns echten Problemen widmen. Irrtum, es gibt einen deutschen Sonderweg, den die Leute in vielen anderen Sprachen kaum nachvollziehen können. Davon lassen wir uns nicht beirren, als Steuern Zahlende gönnen wir uns Hunderte von Lehrstühlen, Tausende Gleichstellungsbeauftragte und Aufpasser, die den Steuerzahler abschaffen. Als gäbe es zwischen Gutmenschen und ihren Gegnern keinen heimischen Zoff mit höherem Kaloriengehalt. Etwa die Unterdrückung der Frau in islamischen Milieus – hierzulande!

Nein, lieber plagen wir uns mit dem Propplem, ob von Pegidisten die Pegidistinnen zu unterscheiden wären, da sind wir pingelig, wie bei Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, auch bei Mörderinnen und Mördern achten wir auf Ausgewogenheit. Bei Vergewaltigerinnen gibt es zwar Ärger, manche behaupten, die könne es gar nicht geben, aber diese Erkenntnislücke schließt schon der SPIEGEL[1]. Übrigens stimmt, dass mehr Männer morden als Frauen. Also los, ihr Weiber! Greift zum Messer, die gespaltene Zunge hat ausgedient.

Wo waren wir? Bei der Putzfrau, die gibt es nicht mehr. Dafür haben wir jetzt zu Fuß Gehende und Mofa Fahrende. So steht es in der Straßenverkehrsordnung. Das muss man sich ausmalen: Da ziehen Hunderte von erwachsenen Abgeordneten die Gesetzgebung durch den Kakao. Als ob das ihre Aufgabe wäre. Dafür sind doch die Satire Produzierenden zuständig!

Zwar wurde längst geklärt, dass das grammatische Genus und der biologische Sexus in der Sprache zweierlei sind: Dass der Kopfsalat so wenig Männliches hat wie die Salatgurke weiblich sein kann, na ja, und Mädchen sind eines jedenfalls nicht: sächlich. Das haben uns die Linguisten eingebrockt. Hätten sie mal von roten, blauen und gelben Hauptwörtern gesprochen, müssten wir jetzt nicht die Frauen sprachlich in die Vordergründin rücken. Damit sie endlich emanzipiert werden. Was uns auch ohne Sprachverhunzung am Herzen liegt, denn was gibt es Schöneres als emanzipierte Menschen, die tun, was sie am besten können und sich dabei durchaus ihrer biologischen Vorteile bedienen und ihrer Nachteile bewusst sind (während der Schwangerschaft lässt man den Stabhochsprung einfach mal sein).

Da könnte man aber schwarz sehen ...

Man könnte entgegenhalten: Es ist doch egal, was die Leute quatschen. Bei dem Schwachsinn im Internet hört sich jeder sowieso nur selbst zu. Aber Sprache stiftet doch Identität! Mag sein, aber die brauchen wir nicht, im Fußball sind wir eh die Besten, siehe die vielen Flaggen auf den Autos. Außerdem sind wir Europäer, ein Blick in die Brieftasche offenbart es: Euroscheine. Und überhaupt: Was heißt Identität? In Mitteleuropa sind wir rassenvermischt seit bei uns Ackerbau und Viehzucht einzogen, seit zehntausend Jahren. Na gut, was bleibt? Die Ästhetik der Sprache, aber muss man sie ernstnehmen? Glaubt man der Wissenschaft, ist das Thema passé: Sprachgefühl ist Geschmackssache, reine Privatangelegenheit, wie das Sammeln von Gummibärchen.

So sprachlässig könnte man die Dinge sehen, gäbe es nicht den einen Umstand, der sämtliche Argumente über den Haufen wirft. Sprache und Denken sind untrennbar verknüpft. Das ist keine Glaubenssache, da kann sich Noam Chomsky auf den Kopf stellen. Liederliche Sprache gebiert wirre Wallungen im Hirn, die man mit Gedanken verwechseln könnte, aber nicht sollte. Ein Denken, das ohne Sprache auskäme, ist einer Handvoll Genies vorbehalten. Wir übrigen, die Dinge zu erfinden, Abläufe zu koordinieren, komplizierte Entscheidungen zu fällen haben, wir brauchen einen klaren Kopf mit dem angemessenen Sprachgebrauch, sonst kommt kein Denken zustande, nur Wiederkäuen von anderer Leut‘ Gedankenfetzen. Was wir daher überhaupt nicht brauchen, sind Ideologen die uns im Gebrauch der Sprache Gesinnungsfallen stellen.

Das Dumme ist: In den Ämtern wird so gesprochen, von dort sickert die Unsitte in den Alltag. Da wappnen sich Vereine, die auf öffentliche Förderung hoffen, mit der passenden Ausdrucksweise, der Antrag soll ja nirgends verschütt gehen. So breitet sich die Seuche aus, mittlerweile auch vom Schulamt über die Lehrerzimmer und Elternabende, bis in jeder Verlautbarung die „Lieben Kolle‘n und Kolleg’n!“ beschworen werden, man kann es schon nicht mehr hören, man hört nicht mehr hin. Die Sprachhülse besiegt das Durchdachte, die Floskel besiegt den Inhalt.

Als die Südafrikaner One Man One Vote forderten, haben nicht einmal die Machos unter den Schwarzen gemeint, das ginge ohne die Frauen ab.


[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/guantanamo-gefangene-von-waerterinnen-zum-sex-gezwungen-a-1013936.html

Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 65 (I 2015)

Oliver Baer @ 22:51
Rubrik: Gesellschaft
Dresdner Demos – kein Nachruf

Beitrag vom 11 Februar 2015

Es gilt Pegida zu rezyklieren (© Fotolia)

Aus dem Westen erreichen mich empörte, hämische, auch verletzende Imäils. Peinlich. Als Dresdner Bürger habe ich nämlich keine Lust, pegidisches Dumpfbackentum zu verteidigen. Aber bei einigen Kollegen im Westen setzt das klare Denken aus, sobald sie am Gutmenschennerv berührt sind. Ausnahmsweise daher an dieser Stelle ein sehr persönlicher Beitrag.

Eines vorab: Die Pegida ist keine Partei, als Verein hat sie sich sofort gespalten, sie ist auch danach keine homogene Gruppierung. Selbst wenn sie eine Partei wäre: Auch wir Bravdemokraten machen unser Wahlkreuzchen bei einer Partei, die nicht in allen Positionen der Unseren entspricht. Soll das bei einem heterogenen Haufen wie Pegida etwa geradliniger verlaufen? Ja sicher sind am Dresdner Elbufer auch Islamhasser mitgelaufen. Ich vermute allerdings, sie waren zumeist vom Islam Verängstigte, zum Hassen fehlte das Wissen. Diesen Punkt heben wir uns für den Schluss auf.

Auch Neonazis sind da mitgelaufen. Abgesehen vom Rummel in den Medien bleibt ihnen in Dresden der Erfolg versagt. Ja doch, in Sachsen gibt es Braune, und Ihr Gutmenschen haltet sie am Leben. Ihr überlasst ihnen Themen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienten, zum Beispiel was dabei herauskommt, wenn an den Universitäten die Muttersprache durch Englisch ersetzt wird. Schon die Erwähnung dieser Sorge verwechselt Ihr mit Nationalismus. Dann greifen die Braunen das Thema auf, bestätigen Euer Vorurteil und voilà: Es ist ja so schön recht zu haben. Das bedeutet trotzdem nicht, dass im Abseits steht, wer sich in der Gegenwart von Unanständigen zu Wort meldet. Nach solcher Logik wären die Dresdner Straßenbahnen zu meiden, da wurden auch schon Neonazis gesichtet.

Ihr habt mit der Sprache Probleme. Kaum verhält man sich wie ein Profiler – der versucht den Kriminellen zu verstehen, damit er ihm auf die Schliche kommt –, gilt man schon als Versteher: Putinversteher, Pegidaversteher, mein Gott ist das eine Plattdenke! Den Unterschied zwischen verstehen und billigen findet Ihr im Wörterbuch. Und da wir gerade dabei sind: „Das kann man nicht vergleichen!“ ist auch so ein Killerargument. Vorsicht, Gehirn einschalten: Ohne den Vorgang des Vergleichens lässt sich nicht ermitteln, ob zwei Dinge einander gleichen, vielleicht dasselbe sind, oder ob Parallelen an den Haaren herbeigezogen wären. Wer sich über die platten Parolen der Pegidisten erhebt, sollte erst schauen, dass er sprachlich mithält, statt Blähwörter für Überschriften in der taz abzusondern.

Dass Medien und Politiker die Dresdner Demonstranten vorsorglich zwischen dumm, sehr dumm und saudumm ansiedelten, war – im luftleeren Raum – eine tapfere Tat, des wackeren Politikers würdig. Es diffamiert sich umso leichter, wenn man moralisch die besseren Karten hält. An dieser Platzierung fehlt aber die Wirklichkeit der Nichtwähler, in Sachsen immerhin die Hälfte der Wählerschaft. Darunter befinden sich informierte Bürger, deren IQ dem eines beliebigen Abgeordneten nicht nachsteht. Auch Gutbetuchte haben mit der Pegida demonstriert. Aber verärgerte Gebildete zählen nicht, die sollen mal mit sich selber ins Reine kommen. Sie können doch eine Petition schreiben, oder einer Partei beitreten, ja, oder eine eigene Zeitung gründen. Na siehste, geht doch, die Demokratie. Was die Leute bloß haben, dort in Dresden!

Aber gut, gehen wir der Sache auf den Grund. Mitbürger in prekären Verhältnissen bildeten offenbar eine Mehrheit der Demonstranten, darunter Viele, die der Altersarmut ins kalte Auge blicken. Hallo Fettsäcke! Angst ist kein Doping für klares Denken, so wenig wie Hochmut. Verständnis für die Angst der Mitbürger wäre immerhin ein Ausgangspunkt, besser als: „Die Rente ist sicher!“. Und wenn diese Bürger falsch informiert sind über die staatlichen Leistungen für Flüchtlinge, Asylanten und Einwanderer, und wenn sie diese mit dem vergleichen, wovon sie leben müssen – dann liegt das woran? Vielleicht auch an den Medien? Die sich lieber an allem aufgeilen, was vorgeblich „die Leser so wollen“. Ach ja? Und dafür verteidigen so naive Publizisten wie ich die Pressefreiheit. Ja doch, die Parole von der „Lügenpresse!“ erinnert im Wortlaut an die Nazis, ein geschmackloser Fehlgriff. Aber ist das Gefasel im Bundestagswahlkampf von geistig so viel höherem Gehalt?

Die Medien verlieren ihre Daseinsberechtigung, wenn sie sich auf dem Niveau des Internets bewegen. Wer hat es den Netzbürgern vorgemacht, wie man Leute erst in die Wolken lobt, dann genüsslich herunterreißt? Wer sonst trägt die Schuld, wenn in Sachen Islam bei den Bürgern nur eines hängen bleibt: Achmed beschimpft seine Lehrerin als Nutte (wofür ihn der Schulleiter rauszuschmeißen hätte). Tja, was denken sich diese Lehrerweiber, den Islam so zu beschmutzen! Apropos, wenn wir uns schon streiten, ob die Muslime zu Deutschland gehören: Über den Islam gäbe es auch Werthaltigeres zu berichten. Ohne Häme.

Ängstliche Bürger fragen, wieso wir die Hassprediger nicht hindern, junge Leute zum Dschihad zu verführen – bei deren Rückkehr aus Syrien wir dann alle, nicht nur in Dresden, dann auch medial abgesegnete Angst haben dürfen, dass sie Bomben auf Bahnhöfen unterbringen? Wieso wir es zulassen, dass in saudi-arabisch finanzierten Moscheen mitten in Deutschland eine wahabistische Perversion des Islam gepredigt wird. Die aus einem Land stammt, wo Frauen nicht alleine ans Steuer dürfen. Da wir gerade medialen Schwachsinn erörtern: Muslime müssen offenbar erheblich mehr als „nur 0,4 Prozent der Dresdner Bevölkerung ausmachen“, bevor man sie ablehnen darf, ohne gleich vom Spiegel verhöhnt zu werden? Apropos 0,4 Prozent: Das ist in etwa auch der Anteil der Pegidisten an der Dresdner Bevölkerung.

Genug zurückgepöbelt. Das Pegida-Syndrom lebt weiter. Wer Missstände herausschreien muss, die den gewählten Politikern auch ohne Protest schon lange hätten bekannt sein dürfen, den kümmert kaum, wenn in seiner Demo ein paar Gehirnamputierte mitlaufen. Na und, manche bringen ihrer Mutter Blumen zum Geburtstag! Verachten wir dann die Blumenläden, oder die Mütter, die den Strauß nicht gleich in den Müll werfen? Eine Demokratie, die von der Hälfte ihrer Bürger in Wahlen nicht mehr bestätigt wird, hat ein Problem. Das lässt sich auf zweierlei Weise lösen: Die Politiker gehen in sich und ermitteln, wieviel sie zum Problem beitragen. Oder sie verstoßen das Volk und wählen ein neues.


Nachtrag 2017: Der SPIEGEL hat dazugelernt, die anderen seriösen Medien auch. Vielleicht in Zukunft ohne Häme?

Oliver Baer @ 22:07
Rubrik: Gesellschaft
Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen

Beitrag vom 31 Januar 2015

Jeder fünfte Europäer kann nicht richtig lesen. Englisch? Nein, was er nicht richtig liest, ist seine Muttersprache. Mit Englisch sind es noch weniger, die damit zurecht kommen.

Jeder 5. Deutsche versteht nur kurze simple Texte. Wie das Nachrichtenportal „Der Westen“ berichtete, liegt „der Anteil derjenigen, die allenfalls kurze Texte mit schlichtem Vokabular verstehen können, (…) in Deutschland mit 17,5 Prozent höher als in der OECD insgesamt (15,3 Prozent).“ In kaum einem anderen
Land hänge die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab.

Wer seine Aufmerksamkeit darauf verwendet, eine fremde vor seiner eigenen Sprache zu lernen, wird beide Sprachen nur schwach beherrschen.

Auflösung: „Please close gate with padlock“

Oliver Baer @ 17:41
Rubrik: Gesellschaft
Plädoyer für Solarwärme

Beitrag vom 22 November 2014


Kritik von einem der das Buch gelesen hat

Mit Leidenschaft geschrieben, lobt Guido Broer (Solarthemen vom 9. Oktober 2014) das Buch, dessen Konzept und Text von mir stammen: „Modern Heizen mit Solarthermie“.

Zwar gefällt ihm das Titelmotiv überhaupt nicht, umso mehr der Stil, in dem es verfasst wurde.

So kann ich auch für Sie schreiben: Ein trockenes Thema lebendig beschreiben, dabei in der Sache auf dem Boden bleiben, und wahlweise ein bisschen wohldosierte Kritik und Satire, wo sie hingehört.

Oliver Baer @ 09:40
Rubrik: Gesellschaft
Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Beitrag vom 19 November 2014

Wofür private Haushalte Energie benötigen (© Sebastian Matthies)

Wenn ich mal Ihren Blick auf etwas lenken darf, zu dem die Sprache viel beiträgt, aber nicht den Inhalt der Sache darstellt:

Da nun die Energiewende so gut wie abgeblasen ist, hätte die Regierung Gelegenheit alle Projekte zu stoppen, die zur Wende eh nichts beitragen und stattdessen zu fördern, was nichts kostet, aber die Wende noch retten könnte. Vielleicht nicht ganz, aber einen Löwenanteil der Wende könnten die Bürger noch erzwingen.

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Viel Solarthermie, wenig (oder wie hier) keine Photovoltaik - aus gutem Grund (© Sonnenhausinstitut)

Wie Sie das anstellen sollen? Indem Sie erst einmal nichts tun als sich zu informieren, was es – außer kostspielig geförderten – technischen Lösungen noch geben könnte. Eine davon ist die Solarthermie, die fast immer mit Photovoltaik verwechselt wird. Sehen Sie sich das Schaubild links oben an: Das ist die Wirklichkeit in deutschen Haushalten: Die meiste Energie geht zum Heizen drauf (darin enthalten ist das Duschen), und ziemlich wenig für Dinge, die nur mit Elektrizität gelingen (Händi aufladen, zum Beispiel). An Elektrizität benötigt die Solarthermie zur Versorgung Ihres Haushalts mit Wärme nur Hilfsstrom, also in überschaubarer Menge. Wie das alles funktioniert, erklärt unser Buch, und weshalb es auch für Sie lesbar ist, hat ein Kritiker wie folgt beschrieben:

„Drei Ingenieure mit Leidenschaft für Kommunikation und pädagogischer Ader tun sich zusammen, um ein Buch zu schreiben. Das ist ein Glücksfall für die Solarthermie und alle, die als mehr oder weniger Laien an ihr interessiert sind. Fachleute dürfen das Buch wegen seines durchaus gegebenen Unterhaltungswertes lesen und sollten es allein schon deshalb tun, weil man hier lernen kann, wie man Solarwärme Kunden, Politikern, aber auch Fachidioten nahebringen und erklären kann.“

Ein Buch das die Energiewende noch retten könnte ... (© Sebastian Matthies)

Ja, es ist eine Übertreibung, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es die Energiewende noch retten könnte, wenn dieses Buch gelesen würde. Tatsächlich wird durch mehr Solarthermie das öffentliche Stromnetz entlastet (durch Photovoltaik wird es strapaziert), und wir, die Gesellschaft, der Staat, könnten daher auf besonders aufwendige Techniken verzichten – Techniken, die zwar keiner bezahlen möchte, an denen aber einige Anbieter (die mit einer starken Lobby) gut verdienen. Das Dumme ist: Politiker informieren sich ungern über das Vernünftige, sie regieren lieber so, dass Leute sie wiederwählen, die sich nicht informiert haben.

Bestellen Sie bitte am besten mit einem Klick bei der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (Landesverband Franken). Dann erleben sie auch, wie sich die Autoren an Wolf Schneider orientieren: „Information bedeutet nicht: Ich habe etwas mitzuteilen. Information bedeutet auch nicht: „Ich bemühe mich, es verständlich mitzuteilen.“ Information bedeutet: „Ich bin verstanden worden.“ – Das ist uns in diesem Buch streckenweise gelungen. Vielleicht kommt es noch zur rechten Zeit.

Oliver Baer @ 16:59
Rubrik: Gesellschaft
Wrotzlaff ist falsch

Beitrag vom 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Die Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den wallonen und Flamen als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir hier zu sagen pflegen. Sie ahnen es: richtig ist es wie beim s-pitzen S-tein.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des polnischen ń-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben, den deutschen Stadtnamen Breslau. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław (übrigens sehr sanft auszusprechen), auf deutsch Breslau.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 64 (IV 2014)

Oliver Baer @ 14:00
Rubrik: Gesellschaft
China spricht total Englisch

Beitrag vom 10 Juni 2014

Kurz, knapp und klar übersetzbar ins Englische (© Fotolia)

Die Chinesen lesen und verstehen Englisch, außerdem sprechen sie es, ihre Regierung jedenfalls verlautbart auf Englisch. Oder auf Chinesisch. Oder nichts Genaues weiß man nicht? Fragen wir Einen, der dort war.

Da trägt im Chinesischen Pavillon zu Dresden ein Experte aus seiner dreijährigen China-Erfahrung vor, farbig, aufschlussreich, man merkt, er ist neugierig auf das Fremde, das Andere und er berichtet mit Rücksicht und Einsicht. Der Referent spricht Deutsch, gutes Deutsch, ein paar Gutmenschen-Anglizismen kann man ihm nachsehen.

Nicht zu übersehen sind die per Powerpoint an die Wand geworfenen Zitate aus chinesischen Quellen, darunter die Regierung; The war on Pollution liefert den Titel des Vortrags. Zu überhören sind auch nicht seine Hinweise auf die chinesischen Friends of Nature. Im Publikum wächst die Überzeugung: „China kann Englisch!“ Nun ist ja einzusehen, dass kein Europäer viel verstünde, wenn ihm diese Texte auf Chinesisch pauergepeuntet würden. Vermutlich ist deswegen alles übersetzt, ins Englische.

Der Sprecher ist übrigens in der DDR aufgewachsen, Englisch war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vortrag ereignet sich in Sachsen, keine Hochburg der Englischkenner. Immerhin, die Dresdner wissen, was sie wissen und was nicht. Einen Sprachkundigen hätte jedenfalls gestört, dass der Referent im englischen Titel (Krieg gegen die Verpestung) das wichtigste Wort klein geschrieben hat. Dabei soll es ausdrücklich den Kontrast betonen zu früheren Aufrufen der Regierung. Diese galten der Harmonie, dem Traum, und nun dem Krieg: The War on Pollution, denn in englischen Titeln, liebe Englischbesserwisser, wird außer den Partikeln jedes Wort groß geschrieben. Besonders das wichtigste Wort in der ganzen Überschrift!

Eine lässliche Sünde, ein Tippfehler? Sicherlich, müsste man nicht dauernd mitanhören, wie da jemand falsch singt. Die Chinesen sprechen nicht Englisch, auch Deutsch nur ausnahmsweise, sie bedienen sich ihrer Muttersprachen – ja, da staunt der Laie. Man muss ihre Rede für unsereins übersetzen, aber warum das auf dem Umweg über Englisch besser gelingen sollte als direkt ins Deutsche, erschließt sich dem Publikum nicht.

So hat der Vortrag im Chinesischen Pavillon einen weiteren Beleg geliefert, dass unsere Sprache auf dem Rückzug in die Bedeutungslosigkeit der Ziellinie immer näher kommt. Da sagt man es lieber falsch über die englische Sprache als um Präzision bemüht in der eigenen. Na und? In einer der klügeren Wortmeldungen nach dem Vortrag fiel das Wort level, gemeint war Niveau, kurz darauf kamen „lebbel“ zur Sprache, gemeint waren labels = Etiketten, akustisch von level nicht zu unterscheiden. Nun denn, wenn wir unsere Muttersprache als entbehrlich abwerfen und ersatzhalber das Englische nur auf dem zweithöchstem Lebbel gebacken bekommen, haben wir unseren Lewwel der geistigen Bedeutungslosigkeit bereits verdient.

Wir können das Thema Muttersprache bald begraben. Die Linken und die Grünen halten die deutsche Sprache für ein bürgerliches Thema mit rechtslastiger Schieflage (ihren Marx kennen sie nicht, Brecht bedeutet nichts und von Tucholsky haben sie keine Zeile gelesen), die Christ- und die Sozialdemokraten verpennen die Sprachfrage (war da was, da war doch was, so mit Rechtschreibung, oder wie?), allen gemeinsam ist das politische Flachsprech, das mit der deutschen Sprache allenfalls die Benutzeroberfläche teilt.

Ihr werdet euch noch wundern, was Ihr mit der Muttersprache entsorgt habt. Sicher, manches im Leben ist ersetzbar, aber nicht alles. Statt Kaffee geht Tee, statt Kupfer genügt für Kabel Aluminium, statt Weizen schmeckt auch der Reis. Energie ist durch nichts ersetzbar, Sprache auch nicht. Da gibt es nur die Wahl zwischen Sprache, in der man Gedanken fasst und Taten vollbringt oder einem Wischiwaschi, das zum Leiken und Teilen genügt.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 63 (III 2014)

Oliver Baer @ 09:42
Rubrik: Gesellschaft
Fähns und Fenns sowie Zuschläger

Beitrag vom 5 Juni 2014

Hulig'n unterwegs zum Rudolf-Harbig-Stadion (© Behland)

Anglizismen gedeihen am schönsten, wenn beim Sprecher wie beim Hörer das Gehirn in die Halbzeitpause verschwindet. Da stört kein Denkversuch die eingefahrenen Sprachmuster.

Ein Beispiel dafür sind die Fans von Dynamo Dresden. Zwar trennt der Autor des folgenden brav die Böcke von den Schafen: „Teile der Fanszene haben also mal wieder das Bild bestätigt, das Fußball-Deutschland sowieso von Dynamo Dresden hat – ungerechterweise allerdings von dessen gesamter Fanszene.“ (in Spiegel Online unter dem Titel: Randale bei Dresdens Abstieg: Getroffen bis ins Mark)
Dennoch findet der Autor keinen Weg aus dem Dilemma, dass Fans und Fans zweierlei Kreaturen sind.

Auf die Idee ganz einfach zwei Wörter für zwei verschiedene Gruppen von Menschen zu verwenden, kommt er nicht. Notfalls könnte er sich beim Englischen bedienen und die Fans von den Hooligans unterscheiden. Diesen Unterschied begreifen sogar Sportreporter: Fähns, liebe Leute, sind die Anhänger eines Vereins, sie bezahlen Eintritt, damit sie ihren Verein spielen sehen und feuern ihn an, sie bringen die Kinder mit und verzehren geschmacksarme Bockwürste. Huhlig’ns unterscheiden sich von den Fähns, indem sie über den Durst trinken und weniger das Spiel als die Randale schätzen, meistens nur diese, und den Anlass dafür schaffen sie sich notfalls selber. Womit sie an Tucholskys Beschreibung des Hundes erinnern:

„Der Hund bellt immer. Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlaß hat, erbellt er sich einen.“

So erbellen sich die Huhlig’ns ihre eigenen Befindlichkeiten, zu denen eine jedenfalls nicht zählt: die Vereinstreue. Sonst würden sie brav mit den Fähns leiden, still den Heimweg antreten und einander versprechen bessere Menschen zu werden, vorausgesetzt Dynamo steigt nicht ab.

Dynamo ist aber abgestiegen, und nun wäre es zur Abwechslung ganz nett, wenn die Medien aufhörten die Fähns mit den Huhlig’ns zu verwechseln – das kann so schwer nicht sein. Oder? Für Hooligan schlägt mein Wörterbuch vor: der Krawallmacher, der Rabauke, der Randalierer, der Rowdy, ich füge hinzu: der Zuschläger. Wenn es schon Lehnwörter sein müssen: Männliche Fähns sind aficionados, weibliche sind aficionadas, zu deutsch: Kenner, auch Liebhaber. Jedenfalls ist es grotesk, wenn man die Fähns haften lässt für die Taten der Huhlig’ns. Das ist sozialpädagogisch so nahrhaft wie für die Gesundheit ein Teller Cornflakes.

Andererseits muss man verstehen: Bei Blutleere im Hirn gedeihen keine Gedanken, nur Reflexe, und falls die Sprache eine solche Ödnis wiedergeben muss, genießen wir schon, wenn die Leute ihre Anglizismen richtig aussprechen: Fenns ist schon mal total falsch, richtig ist Fähns mit langem Ä, und die Huhlig‘ns sind keine Huligääähns, sondern Blödmänner, die im Stadion nichts zu suchen haben, sondern in eigene Kampfstätten draußen im Grünen gehören, wo sie nur mit Schlägerausweis eingelassen werden.

Wenn ihr die Huhlig’ns so loswerdet, dürft ihr von mir aus die Fans auch Fenns nennen …

Oliver Baer @ 21:05
Rubrik: Gesellschaft
Es spielt doch eine Rolle

Beitrag vom 14 April 2014

Wenn zwei Dinge weder dasselbe noch das Gleiche sind (© Fotolia)

Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir eine Sache benennen und welche Wörter wir uns verkneifen. Wie Jürgen Trabant ausführte [1], ist es nicht das Gleiche, ob uns eine Person als Freiheitskämpfer oder als Rebell vorgestellt wird.

„Das kann man nicht vergleichen!“ klingt hohl. Der Satz enthält so viel Kalorien wie: „Nachts ist es kälter als draußen.“ Wer A und B für unvergleichbar hält, musste zuerst was tun? Er musste A und B nebeneinander stellen und vergleichen, sonst hätte er zu seinem messerscharfen Schluss nicht gelangen können, dass man A mit B nicht vergleichen könne. Gemeint hat dieser Hohlsprecher etwas anderes: Man könne A mit B nicht gleichsetzen. Tatsächlich sind vergleichen und gleichsetzen nicht das Gleiche, und woher wissen wir das? Indem wir die Bedeutung der Wörter nebeneinander … wie gehabt, siehe oben!

Wer das Wort gleichsetzen aus seinem Wortschatz streicht und vergleichen sagt, wo gleichsetzen korrekt wäre, der halbiert an dieser Stelle sein Denkvermögen. Vergleichen brauchen wir zum Überleben: Zielt dieser Kerl mit der Stange auf meinen Kopf oder will er bloß den Mond weiterschieben – gehe ich in Deckung oder lade ich ihn zu einem fidelen Bierchen ein? Wer sich verbietet, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins und Maos zu vergleichen, dem fehlt die Erkenntnis, dass auch Pol Pot in die Kategorie „Massenmörder“ gehört: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat er mehr Menschen auf dem Gewissen als die anderen Verbrecher. Wir aber lassen solche Leute an die Macht kommen, lassen uns von ihnen täuschen, wir lassen ihre Massaker zu, und hinterher behaupten wir einfach, das könne man alles nicht vergleichen. Sehr praktisch.

Gut ist auch der „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“. Anlässlich Obamas Besuch mussten die Dresdner Bürger hinnehmen, dass die Stadt weitgehend stillgelegt wurde; die Gullideckel waren verschweißt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet, alle hielten den Atem an: Der ist bald wieder weg! Als hingegen Putin zuletzt in Dresden war, begrüßten ihn zwar Dresdner Bürger mit „Mörder“-Rufen (wegen der Journalistin Politkowskaja). Trotzdem verließ er am Morgen sein Hotel, spazierte gut zwei Kilometer durch die Altstadt, überquerte lose aufliegende Gullideckel und kehrte bei einem Bäcker ein. Ungezählte Dresdner haben ihn erkannt: „Hier liest Putin bei Kaffee & Schnecke die Morgenpost“. Will sagen: Einem Vladimir Putin droht man nicht, dazu hat der Mann zuviel Courage. So einem schlägt man sofort auf die Nuss, oder man lässt es bleiben; man steht nicht herum und schaut gefährlich drein. Am besten, man überlegt sich etwas Klügeres als ein Gerede, dessen Hohlräume dem Gegner bekannt sind.

Nach Jahren einer sagenhaft ungeschickten Russlandpolitik seitens der EU, der NATO, der USA und ihrer eigenen Regierung haben viele Deutsche das Recht, die Weisheit der Oberen zu bezweifeln. Ob sie selber klüger wären, sei dahingestellt, aber diese Bürger als Versteher zu verunglimpfen, ist ganz einfach saudummes Zeug. Derartige Sprachregelung dient nur einem Zweck: Es gibt Gedanken, die dürfen uns gar nicht erst kommen, und wenn, sollen wir uns wenigstens schämen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Versteher? Kann ich mich in den Kerl mit der Stange hineinversetzen? Wenn nein, sollte ich die Straßenseite wechseln. Was die Sprachregler meinen, ist etwas anderes: Sie möchten nicht, dass wir Putins Verhalten billigen, rechtfertigen, unterstützen. Dann sagt es doch, ihr Lautsprecher, statt mit amputiertem Wortschatz euer Denken zu beschränken!

Übrigens: Äpfel und Birnen sind Obst.


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[1] Feige Rhetorik, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014_blank


Diesen Beitarg konnte man auch in den Sprachnachrichten des VDS lesen: Nr. 62 (II 2014)

Oliver Baer @ 21:17
Rubrik: Gesellschaft
Schlimmer als die verpatzte Energiewende

Beitrag vom 7 April 2014

very strong engländisch (© Behland)

Wie Zocker verspielen wir eine Ressource, ihr Verlust wird uns teurer zu stehen kommen als die verpatzte Energiewende.

Unsere Enkel werden fragen, warum wir die Muttersprache nicht auf dem Niveau hielten, das die deutschen Nobelpreisträger (darunter viele Juden) des vorigen Jahrhunderts verwendeten. Sie werden fragen, was wir unternahmen, damit nicht jeder fünfte Jugendliche schon sprachlich am Fahrkartenautomat versagt. Warum Wissenschaftler in schlechtem Englisch statt zuerst in gutem Deutsch publizieren.

Die Antwort: Wir ließen zu, dass die Muttersprache mit dem Vaterland zu einem Eintopf verrührt wird; der schmeckte braun, da fraßen wir lieber junk food aus Amerika.

Was wir mit Englisch anstellen, eignet sich zum Blödeln, nicht aber zum Denken. Gerade die deutsche ist eine jener Sprachen, die ihre Sprecher zum genauen Ausdruck ermuntern. Sie schubst, zügelt, quengelt: „Sag, wie es ist!“ Damit einher geht das klare Denken. Man kann in jeder Sprache Flugtechnik so beschreiben, dass die Flieger nicht vom Himmel fallen, in manchen aber geht es besser. Das beweisen die synoptischen Texte des Normenausschusses Luft- und Raumfahrt. Aus seinen Arbeitstreffen berichtete Gerhard Junker: „Das Ergebnis war stets: Kürzester Text war der englische, aber selbst die sprachstolzen Franzosen befanden: Der beste Text ist der deutsche.“

Das hat nichts mit Nationalismus, sondern mit realen Eigenschaften der Sprachen zu tun. Das Englische eignet sich zur leichtfüßigen Verständigung; deshalb ist es – trotz seiner vertrackten Rechtschreibung – die geeignete Weltsprache; für diesen Zweck wäre das Deutsche zu sperrig, besserwisserisch, es bremst die Verständigung. Andererseits kann man im Englischen mühelos zehn Minuten schwafeln, bis die Hörer merken: Der sagt ja nichts! Auf Deutsch wäre der nach einer Minute entlarvt.

Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen, es gibt Werkzeug für diesen oder jenen Zweck. Deutsch müsste aufgrund seiner Eigenarten eine bevorzugte Sprache der Wissenschaften sein (wie sie es war, bevor die Nationalsozialisten das Renommé der Deustchen verspielten). Akademiker fallen lieber auf die Behauptung herein, dass die englische Weltsprache dem Austausch von Wissen am besten diene. Solchen Unfug nennt man Monokultur, das Gegenteil von geistiger Vielfalt. Zudem beherrscht weltweit nur eine überschaubare Zahl von Akademikern so gutes Englisch, dass mit Amerikanern ein Austausch auf Augenhöhe gelänge. In dem frommen Glauben, das alles geschähe folgenlos für ihre Wissenschaft, formulieren deutsche Akademiker in ihrem Stummelenglisch. Ihre deutsche Terminologie verarmt und die Zusammenhänge radebrechen sie. Das Volk, das sich bei dieser geistigen Auszehrung der verbleibenden Restsprache bedient, hat zur Lösung der Weltprobleme bald nichts mehr zu bieten als eine verlängerte Werkbank.

Schuld an dieser Misere tragen nicht nur die Grünen und Linken, die nicht begreifen: Die geistigen Ressourcen zählen zu den endlichen Rohstoffen, sie müssen ständig erneuert werden. Wer glaubt, die Sprache „entwickle sich vonselber“, verhält sich wie der Faulpelz, der seinen Garten sich selbst überlässt: Sieger ist das „Unkraut“. Schuld tragen indes auch die Sprachschützer, denen der Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland nicht einleuchtet. Sie machen Sprachpflege zu einer deutschnationalen Angelegenheit, so als würde unsere Muttersprache nur in Deutschland gesprochen. Nebenbei: Die Sprache der Nazis war kein gutes Deutsch, sondern ein Gruselsurium der Aufgeblasenheit, auf die man hereinfiel und hereinfällt, statt die Unwörter zu jäten.

Dass es bei liederlicher Sprache mit dem Denken bergab geht, ist in den Gesprächsforen des Internets zu besichtigen: Leere im Hirn, Mangel an einfachster Logik und Verfall der Sprache treten gemeinsam auf. Dagegen hilft, liebe Leute auf der Linken, auch nicht Euer geliebtes Englisch. Warum? Weil Schrumpfenglisch nicht genügt und gutes Englisch nur auf Grundlage der gepflegten Muttersprache gedeiht. Das zu kapieren kann so schwer nicht sein…


Der verstorbene Dipl.-Ing. Junker war Gründungsmitglied des Vereins deutsche Sprache

Oliver Baer @ 14:39
Rubrik: Gesellschaft