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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Durchgreifen nach dem Wahlsieg in USA

Beitrag vom 9 November 2016

Das geringere Übel gewählt

Das geringere Übel gewählt

Die Präsidentenwahl wurde nicht gewonnen, sie wurde verloren. Zu dieser Erkenntnis kam Kater Spottolski heute früh nach Beratung mit den Miezen nebenan.

Künftig gehe er ihnen auch ohne Aufforderung an die Wäsche, habe er angekündigt, wie Trump: „Er sagt, wie es ist.“ „Das tust du sowieso. Immer“, soll die Gefleckte aus dem Friseursladen erwidert haben. Da waren sie sich einig, die Miezen, bis auf die Persianerin mit dem sexy Silberblick. Ihr ist der Anstoß zu der Zutunliste zu verdanken, die er als Redakteur für Beklopftes einreichte: honorarfrei und sinnfrei, wie immer:

Spottolskis Zutunliste

• Politische Korrektheit: mehr davon, hat sich voll bewährt
• Pegida beschimpfen: Immer feste druff!
• AfD rechts überholen: wo sonst?
• Nichtwähler mobilisieren: System aufmischen!
• Die europäische Idee vernebeln: weiter so!
• Die Engländer vergraulen: raus mit ihnen!
• Griechenland zumachen: Mauer drum herum
• Italien: auch
• Rumänien: sowieso
• Erdogan: Asyl in Warnemünde anbieten: hat er verdient
• Frau Petry: flachlegen; dabei ans Vaterland denken
• Politiker: Lernkurve sofort: Wie täuscht man Echtheit vor?
• Thunfisch: nur noch in Olivenöl!

Spottolski verspricht eine Fortsetzung der Liste: „Klare Sprache, ohne erkennbaren Zusammenhang, Erfolgsrezept!“. Die Liste werde am offenen Herzen nachgebessert, no risk no fun. Welcher Punkt sei der wichtigste, fragten wir ihn. „Alle!“, schrie er, „bis auf den letzten. Der gilt sowieso.“ Das sei nun unklar, wandten wir ein. „Dann fragt Trump, der isst authentisch. Fisch nur aus der Dose, im feinsten Öl. Anschließend Sex.“

Liebe Leser, wir halten sie auf dem laufenden, die Dosen betreffend.

Oliver Baer @ 10:44
Gespeichert in: Spottolski
Der Ton macht die Musik

Beitrag vom 9 November 2016

Durch's Dorf getrieben  (Bild ® Behland )

Durchs Dorf getrieben (Bild ® Behland )

Eines zum Abhaken vorweg: Zorn ist an sich nichts Böses. Dass einem der Hut hochgeht, kann passieren. Ein gut gepflegter Zorn mag der blinden Wut sogar vorbeugen. Aber unterscheiden müssen wir zwischen Zorn und Kritik, und mit Wut sollte sie schon gar nicht verwechselt werden.

In den Medien und auf der Straße, nun auch im US-amerikanischen Wahlkampf beobachten wir nicht nur den Verlust aller Manieren der Zivilgesellschaft. Wir erleben Menschen, die auf die Zukunft pfeifen, denn wie soll es morgen weitergehen, wenn wir heute so hasserfüllt aneinander vorbeireden, wenn wir auf jede Vermutung abfahren als wäre sie tatsächlich eine Tatsache? Die Gesellschaft gleicht nun mal keiner Ehe, wo Versöhnung gelegentlich im Schlafzimmer stattfindet.

Nehmen wir die Pegidisten und gleich auch ihre Gegner, einschließlich der in diesen Dunstkreisen wirkenden Mitschimpfer über die deutsche Sprache. Sie schimpfen, sie halten ihr Gepöbel für Kritik. Da wird das Wort Kritik falsch verwendet. Was tut der Literaturkritiker? Grundsätzlich verreißen, was ihm vor die Augen gerät? Keineswegs, selbst der gefürchtete Marcel Reich-Ranicki fand Gutes, Gelungenes, Erfreuliches zu erwähnen. Kritik ist nichts Böses; Kritik kann, muss aber nicht auf den Zorn des Kritikers beschränkt bleiben.

Kritik im eigentlichen Sinne fußt auf einer Bedingung, die in Vergessenheit gerät: dass ich den Standpunkt des anderen würdige, auch wenn er mir nicht passt. Schließlich hat er einen Grund dafür, auch wenn er sich irrt oder nur ungeschickt ausdrückt. Missachte ich das Recht des anderen auf seinen Standpunkt, auch sein Recht auf Irrtum, fehlt wiederum mir das Recht ihn zu kritisieren.

Klarstellung: Nur Dreck schleudert, wer Kritik nicht in diesem Sinne leistet. Damit kann man Wahlen gewinnen, aber nicht die Zukunft. Auch Gegenpöbelei baut keine Brücken. Daher dieser Vorschlag zur Güte: Setzen wir zum Maßstab unseres Verhaltens die kleine Feier in unserem Wohnzimmer. Wer dort nicht aufhört zu pöbeln, riskiert den Rausschmiss, jedenfalls wird er nicht mehr eingeladen. Das ist das Recht und die Pflicht des Hausherrn. Er muss, bei aller Streitkultur, eine Grenze ziehen. Wem das nicht passt, der kann sich wie – die klügeren – Hooligans zur herzhaften Schlägerei im Wald verabreden. Eine Zivilgesellschaft, in der wir darauf verzichten einander mit Knüppeln zu überzeugen, kann sich den Ton nicht leisten, der im Internet herrscht und von Populisten, Pegidisten und ihren Gegnern aufgegriffen wird.

Geht es hier nur darum den Knigge wiederzubeleben? Nein, lasst uns bedenken, dass wir einander wiederbegegnen könnten, um eine Brücke wieder aufzubauen, um ein wenig Brüderlichkeit zurückzugewinnen. Dieser Gedanke ist selbstverständlich in den Wind gerufen. In Pöbelei steckt mehr Lustgewinn. In der Anwendung des Verstandes steckt nur stille Befriedigung.

Oliver Baer @ 09:30
Gespeichert in: Gesellschaft
Mit der Sprache tanzen darf jeder

Beitrag vom 9 November 2016

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Wem gehört die Sprache? Dem Duden, den Bürgern, der rechtschreibenden Tante Klara? Anders gefragt, mit einem Blick auf benachbartes Kulturgut: Wem gehört Mozart? Den Deutschen, den Österreichern, den Salzburgern, den Wienern? Der ganzen Welt? Oder ganz persönlich: Gehört der langsame Satz seines d-Moll-Streichquartetts der verflossenen großen Liebe? Gehört in der Kultur überhaupt etwas irgendwem – außer dem Urheber, wohlgemerkt? Gehört die Sprache allen, so gehört sie keinem – das kommt auf dasselbe heraus. Warum solche Fragerei? Weil uns Besitzansprüche zu schaffen machen, die unseren Sprachgebrauch einengen.

Sehen wir es vom Standpunkt des Einzelnen: Keiner verdient Vorwürfe für seine Vorlieben und Abneigungen. Etwa wenn ihm Wörter Pein bereiten, weil sie von einem Joseph Goebbels bis zum bitteren Ende durch die Medien gepeitscht wurden. Das war der Propagandaminister mit der Vorliebe für Fremdwörter: „fanatisch“, „Fanal“, „total“. Beinahe harmlos war dagegen Herbert Wehners „Übelkrähe“, zum Ärger des so beschimpften Abgeordneten Wohlrabe (und vermutlich seines Sohnes auf dem Schulhof). Wer besaß die Übelkrähe?

Konsequenterweise verdient Vorwürfe auch nicht, wem bei „Umvolkung“ schlecht wird. Schon „völkisch“ kann einem sauer aufstoßen. Ältere Mitbürger zögern schon bei dem Wort „Muttersprache“, ihnen baumelt gleich das Mutterkreuz vor dem inneren Auge. Es gibt Wörter, die sind mit Altlasten verseucht wie alte Armeetankstellen mit Diesel. So verlieren wir Wörter, ganze Begriffsfelder an Feinde, auch Freunde, an Umstände jenseits unserer Reichweite. Muss das so bleiben, oder kann man belastete Wörter wieder salonfähig machen?

Man kann es vielleicht nicht immer, bei dem Wort „Volk“ muss es sogar geschehen. Das Volk gab es lange vor 1933, lange bevor Deutschland 1867 zu einem Staat (wenn auch ohne die Deutschen des Habsburger Reiches) zusammenwuchs. Das Wort „Volk“ ist über ein Jahrtausend alt. Es ist das wichtigste Wort der deutschen Sprache. Dazu ein Blick auf die europäische Geschichte

Seit Ende des 8. Jahrhunderts ist das lateinische Wort „theodiscus“ in Dokumenten zu finden. Es ist bezogen auf das gotische thiuda (Þiuda) mit der übertragenen Bedeutung des Begriffes „Volk“. „Theodiscus“ bedeutet daher „volkssprachlich“, will sagen „nicht das Latein der Gelehrten“. Die Volkssprache diente der Verständigung der nichtgelehrten Leute untereinander. In allen Dokumenten geht es um Mitglieder der germanischen Sprachfamilie. Selbst Jahrhunderte später, als es über „theodisc“ „diutisc“, „diutsch“ schließlich zu „dütsch“ gewandelt wurde, bezeichnete das Wort sprachliche Gemeinsamkeit, nicht etwa sprachliche Einheit: Es diente zur Unterscheidung der eigenen von fremden Sprachen (genauer, spannender und auch für Nichtlinguisten nachvollziehbar, ist Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache) von Jochen Bär.

Womit wir zur Kernfrage gelangen. Lassen wir uns dieses Wort nehmen, so fehlt uns der einzige Begriff, der uns zusammenhält: Das deutsche Volk ist definiert durch seine Sprache, nur durch die Sprache und sonst nichts. Kein Wunder, dass es uns schwerfällt Einigung über eine Leitkultur zu finden, oder gar einen „deutschen Geist“ dingfest zu machen. Dazu sind wir in Mitteleuropa ethnisch viel zu gründlich durchmischt, nicht erst seit wir über eine Million Gastarbeiter ins Land riefen. Seither wird hier mehr Pizza verputzt als Jägerschnitzel. Das Deutschsein durch eine Liste von Wesensmerkmalen zu definieren, so verständlich die Sehnsucht danach sein mag, gelingt nicht, es hat uns mehr Unheil als Segen beschert.

Beschränken wir uns daher auf das einzige wirklich Deutsche, die gemeinsame Sprache. Bestehen wir darauf, dass das Wort „Volk“ in unseren Sprachalltag wieder aufgenommen wird! Ohne braune Färbung. Verzichten wir auf „völkisch“ und „Umvolkung“, aber bleiben wir hart bei „Volk“. Die Nationalsozialisten haben es nicht verdient, dass es ihnen gehören dürfte. Würden wir es den Braunen überlassen, hätten Hitler und Goebbels am Ende doch gewonnen, nur weil sich ihre politisch korrekten Gegner das Wort aus dem Mund nehmen lassen.

——-

Quelle: Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache, von Jochen A. Bär
Bild: Reichstag_inschrift.jpg Von Lighttracer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

Oliver Baer @ 09:00
Gespeichert in: Gesellschaft
Wissenschaftsfeindlich sind wir nicht

Beitrag vom 22 September 2016

Zwischen Linguisten und Sprachbewahrern im Verein Deutsche Sprache herrscht miese Stimmung. der Verein sei wissenschaftsfeindlich, behaupten jene. Sie täten nichts zum Schutz der Sprache vor schädlichen Einflüssen, beklagen diese. Hinzu kommt der Vorwurf, der Verein sei nationalistisch unterwandert. Als Beleg dafür dient der Widerspruch zwischen Beiträgen und Leserbriefen in den vierteljährlichen Sprachnachrichten.

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Haken wir die politische Frage gleich ab. Ein Verein mit so vielen Mitgliedern wie der VDS bildet viele Milieus der Gesellschaft ab. Ein Beispiel: Horst Hensel, dessen Werk über Rosa Luxemburg untermauert, woher er kommt – vom linken Flügel der Arbeiterklasse. Der im Otto-Suhr-Institut gar nicht zu Wort kam, weil ihn die angehenden Wissenschaftler als Nazi im Visier hatten. Das muss man sich vorstellen: Er hadert mit der gängigen Sprachästhetik, das aber ist politisch nicht korrekt, der kann also nur reaktionär sein. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte einem solchen Versagen aller Denkfähigkeit gram sind. Und so finden sich unter den Mitgliedern auch Wähler der AfD, wie unanständig. Man sollte das Volk verbannen und sich ein neues suchen.

Da wird die Muttersprache munter mit dem Vaterland in einem Topf verrührt, ein Vorwurf den sich in der Umkehrung auch die VDS-kritischen Linguisten einhandeln. Wissenschaftlichkeit sieht anders aus, abwägend, abgeklärt gegenüber falschen Zungenschlägen aus den Niederungen des Volkes. Wenn Wissenschaftler vom Volk nicht verstanden werden, liegt es an ihrem rücksichtslosen, elitären Umgang mit der Sprache der Steuerzahler. Ein, zwei Scheibchen könnte man sich von der Einstellung amerikanischer Akademiker abschneiden, sie neigen dazu sich verständlich zu machen.
Wenn Beiträge und Leserbriefe ein verwirrendes Bild abgeben, belegt das die Meinungsvielfalt im Verein. Zwischen Sprachästheten und Anglizistenjägern herrscht ein fortwährender, auch hitziger Streit. Warum auch nicht? Dass Fremdwörter zur deutschen Sprache gehören, kann man auch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Dass von den Anglizismen zu viele nur unter Ausschaltung des Gehirns gedeihen, dürfte ebenso unstrittig sein. Was soll das, wenn eine vielgelesene EM-Teilnehmerliste alle Nationen auf Deutsch nennt, außer Germany? Hat das der Autor der Liste nicht bemerkt? So weit sind wir schon? Wollen Sie diesen Satz noch einmal lesen?

Der Verein Deutsche Sprache vermisst Beiträge der Linguisten, warum solcher Unfug mit der Sprache von über hundert Millionen Menschen geschieht, welche Folgen das zeitigt, wie man sich dazu verhalten könnte. Aber die Linguisten (alle, viele, einige?) beschränken sich darauf zu beschreiben, was ist. Bemerkt der Statiker Risse in der Autobahnbrücke, genügt nicht die Beschreibung des Übels, da erwartet der Bürger, dass Reparatur angestoßen wird. Der Vergleich ist keineswegs schief. In manchen Domänen haben wir unsere Sprache bereits aufgegeben, am schlimmsten sieht es in den Wissenschaften aus. Na und, dann reden wir eben Englisch! Eben nicht. Mit ihrem armseligen Englisch können deutsche Muttersprachler kaum über die Rampe bringen, was an ihrem Beitrag so wertvoll ist, wie sie darauf gekommen sind, was daraus zu machen wäre. Ausgerechnet die Wissenschaftler verwechseln gern ihre rezeptive Fertigkeit einen englisch verfassten Beitrag zu verstehen mit der produktiven Fähigkeit, Gleiches auf Englisch zu leisten.

Liebe Linguisten, hört die – sicher auch mal unsachliche – Kritik der Sprachbewahrer als einen Schrei um Hilfe! Sprache hat mit Denken zu tun, im wechselseitigen Einfluss. Über das Ausmaß lässt sich streiten, aber wir können nicht so tun, als habe es nichts zu bedeuten, wenn Schulabgänger einen ganzen Satz nicht mehr unfallfrei zu Ende bringen. Wie sollen sie in einer globalisierten Welt, wo bald alles digitalisiert ist (schon quellen ganze Häuser aus 3D-Druckern!), wenn das einzige nicht Digitalisierbare, das schöpferische Denken, in einem Sprachgebrauch versumpft, der bald nur noch zum Bierholen genügt?

Schwarzmalerei? Wie wäre es, wenn sich Linguisten darauf einließen, ihren Standpunkt den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache plausibel zu machen, und zwar in den Sprachnachrichten des Vereins? Sodass eine fruchtbare Debatte folgt, vielleicht sogar ein Meinungsaustausch: Ihr schätzt unsere Meinung, wir teilen Eure, wenigstens zum Teil? Wissenschaftsfeindlich ist der Verein Deutsche Sprache nicht, aber skeptisch, enttäuscht, allein gelassen mit einem Problem, das man ignorieren kann, aber davon geht es nicht weg. Die Linguistik müsste sich des Themas nur annehmen, sie würde sicher mit wichtigen Beiträgen brillieren können. Darauf hoffen die Sprachbewahrer: dass Wege aufgezeigt werden, wie man aus dem manchmal peinlichen Jammern zu nützlichem Handeln kommt. Linguisten, Ihr seid dran!

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Oliver Baer @ 19:06
Gespeichert in: Gesellschaft
Weiter geht es mit dem Schattenboxen

Beitrag vom 22 September 2016

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Englisch als erste Sprache der Europäer in Brüssel, Straßburg und Luxemburg wird überleben und sei es in den informellen Kanälen der kleinen Kameradenwege. Zumindest bleibt ihr globalesisches Englisch ein Störfaktor. Wer schreibt, der bleibt. Die meisten Vorlagen werden so formuliert und bestimmen schon deshalb den Verlauf der Debatte. Widerstreitende, überlegene Gedanken, die nur aus anderen Sprachen möglich sind, fallen auf keinen fruchtbaren Boden. Genau betrachtet, bewegt Globalesisch die Gemüter mehr als nötig, es gibt Wichtigeres. Würde es nämlich durch die französische Kanzleisprache oder das Amtsdeutsch abgelöst, das Hauptproblem bliebe bestehen: Sprache als Mittel zum Überleben geht uns nach und nach verloren.

Ja, zum Überleben. Worauf wir uns sprachlich einlassen, das ist, als würden wir zum Hundertmeterlauf in Gummistiefeln antreten. Als event mag so etwas lustig sein, aber Sprache ist das erste Werkzeug zum klaren Denken und zur fehlerarmen Verständigung. Ihr Missbrauch gehört ersetzt wie falsches Schuhwerk durch Läuferschuhe, Wanderstiefel, Strandlatschen.

Mit welcher Sprache hat uns denn die Mutter vertraut gemacht? Mit der Sprache, in der wir denken. Das gilt für uns alle – abgesehen von den Genies, aber sie sind kein Maßstab. Wer in zehn Sekunden hundert Meter zurücklegt, hat dafür lange trainiert (auch mit verbotenen Substanzen fällt nichts vom Himmel). Kein Wunder, dass sich die Muttersprache am besten eignet, sie hat uns schon im Mutterleib geprägt. Dass Denken und Sprache ursächlich verknüpft sind und einander bedingen, kann jeder selbst erleben. Versuchen wir einen komplizierten Sachverhalt von der Idee bis zur Schlussfolgerung in unserem Schulenglisch zu Ende zu denken, unseren Vorschlag auf Englisch zu verteidigen und gegen Widersprüche der Mitdenker auch noch zu bereichern. Wer das wirklich kann, hat viele (VIELE!), mindestens fünf Jahre in gebildeter Umgebung täglich nur Englisch gesprochen, fleißig Bücher gelesen und den Punkt erreicht, wo er auf Englisch denkt. So einer bewegt sich im oberen C2-Bereich des GER.

Das ist nun mal so, keiner muss deshalb das Gesicht verlieren. Warum sollten ausgerechnet Naturwissenschaftler und Ingenieure derart sprachbegabt sein, dass diese Beschränkung für sie nicht gälte? Leider lassen wir uns täuschen, wenn wir fremdsprachliche Texte lesend verstehen. Das ist nur ein Wiederkäuen der Gedanken anderer Leute. Hingegen eigene Gedanken in der fremden Sprache zu beschreiben, ist ein schöpferischer Vorgang, und den stemmen die meisten nicht, auch nicht Chefs und schon gar nicht die Benutzer des Euroglobalesischen.

Schlagen wir den Bogen zur Muttersprache: Mit unserem Englischwahn kreisen wir in einer Blase der Einbildung. Was Eurokraten zustandebringen, das sind durchweg formelhafte Wendungen, mit Sprachhülsen verfilzte Unsäglichkeiten. Für die Verwaltung mag das genügen (wirklich?). Für Geburt und Aufzucht von Problemlösungen gegen Finanzkrisen, Flüchtlingsdesaster, getürkte Militärputsche und für den Umgang mit Wählern, die ihre Stimme wie das Altpapier abgeben – dafür brauchen wir kreative Menschen, die zu neuen, eigenen Gedanken fähig sind. Weil das aber am besten, wenn überhaupt, in der Muttersprache gelingt, müssen wir Europäer endlich die Konsequenzen unseres Angloholismus ausdiskutieren. Das Ergebnis dieser Debatte dürfte die folgenden Komponenten enthalten:

Die Kinder, Schüler, Erwachsenen lernen als erstes ihre eigene Sprache bewusst zu verwenden. Auf dieser Grundlage lassen sich Fremdsprachen oberhalb des touristischen Gebrauchs erwerben. Dazu sollten wir mindestens zwei Sprachen der Nachbarn erwerben, Dänisch, Tschechisch, Niederländisch. Auch Englisch. Wir müssen sogar zweierlei Englisch unterscheiden. Die Kultursprache verwechseln wir nicht mit der Weltsprache; nennen wir diese Globisch, ein weltweit verständliches und korrektes, aber vereinfachtes Kulturenglisch. Es ist kein Pidgin. Zu erwerben sind ferner die Fachsprachen unserer Berufe, dazu mag das Euroglobalesische zählen – das wäre zu erörtern. Weder Globisch noch Globalesisch sind ein Ersatz für bewussten Sprachgebrauch, der uns weiterbringt.

Sodann benötigen wir viele gut ausgebildete, fleißige Dolmetscher und Übersetzer. Sie sind wichtiger als Autobahnkilometer. Sie müssen unsere muttersprachlich durchformulierten Gedanken angemessen übersetzen, und zwar ohne Mogelpackung, also nicht von Polnisch über Englisch zu Dänisch hinüber hangeln, sondern direkt. Nur dann schöpfen wir den Reichtum europäischer Vielfalt aus, sie ist unser großer Vorteil in einem Weltmarkt, wo uns grenzenloser digitaler Unfug überschwemmt. So eine Welt mag mit schlechtem Englisch als Weltsprache auskommen. Uns genügt weder die Sprache von Automaten noch der Schnack von Gartenzwergen.

Was also sollten sie in Brüssel sprechen? Wenn es – in Gottes Namen – eine Eurokratensprache sein soll, dann bitte jede beliebige, nur nicht das grauenvolle Englischderivat, mit dem ganz Europa eine Weltsicht aufgezwungen wird, die nicht einmal den Engländern passt, wie uns der Brexit zeigt. Wir Europäer verdienen einen neuen Ansatz, einen der Europa den Wählern wieder näher bringt. Einen Ansatz auf Grundlage der Muttersprachen, aller Muttersprachen.

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Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR; englisch: CEFR) […] ist eine umfangreiche Empfehlung, die den Spracherwerb, die Sprachanwendung und die Sprachkompetenz […] transparent und vergleichbar macht. Die Empfehlung wird für alle Teilqualifikationen (Leseverstehen, Hörverstehen, Schreiben und Sprechen) vorgenommen und ist in Form von sechs Kompetenzniveaus […] formuliert.

Kompetenzniveau A: Elementare Sprachverwendung — A1 Einstieg, A2 Grundlagen
Kompetenzniveau B: Selbständige Sprachverwendung — B1 Mittelstufe, B2 Gute Mittelstufe
Kompetenzniveau C: Kompetente Sprachverwendung — C1 fortgeschrittene Kenntnisse, C2 exzellente Kenntnisse

Die Stufen sind umfangreich beschrieben, (Zitate Wikipedia). Richtig zu verstehen ist Stufe C2. Sie ist nach oben offen, im unteren C2-Bereich gelten die Kenntnisse als annähernd muttersprachlich.

Oliver Baer @ 17:48
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Weshalb sich Selbsternannte selbst ernennen

Beitrag vom 22 September 2016

Anlass zum Sprachschutz finden „selbsternannte Sprachschützer“ jeden Tag. Die Anlässe entstehen wie auf einem laufenden Band. Es muss nur jemand vor Mikrofonen oder Kameras stehen, schon sondert er Unsägliches ab.

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran? (Bild ©Behland)

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran?

„Diese Anschläge sind erschütternd, bedrückend und deprimierend“, meint die Bundeskanzlerin. Unklar bleibt, welche Sprache sie verwendet. Sie hört sich an wie Deutsch. Schwächer als mit derart abgegriffenen Mittelwörtern könnte sie ihre Empfindung nicht darlegen. „Auf die Machenschaften dieser Täter fallen wir nicht herein!“ – Das wäre ein Wort gewesen, da hätte die Nation aufgehorcht: Merkel macht ernst! Lasst uns hinhören, gleich kommt eine Ansage!

Nichtssagung gelingt auch schriftlich, beispielsweise bei der Aufforderung zum Nichtrauchen: „Rauchen ist tödlich“. Dass es ungesund ist, bestreitet ja keiner. Aber tödlich? So weit es präzise Zahlen gibt: Etwa ein Drittel der Raucher stirbt vom Rauchen, zwei Drittel der Raucher sterben von etwas anderem. „Rauchen ist tödlich“ ergibt daher so viel Sinn wie „Heiraten führt zur Scheidung“, auch da soll die Häufigkeit bei einem Drittel liegen. Solche Sätze sind Unfug der Kategorie strong>Sprachhülsen, unglaubwürdig, mithin überflüssig, also schädlich, denn sie verleiten zum Weghören. Merke: Nur das Leben führt mit Sicherheit zum Tode. Wer den vermeiden will, sollte nicht erst geboren werden.

„Bullshit ist Gerede, bei dem der Sprecher sich nicht darum schert, ob es stimmt“, meint Harry Frankfurt. Wenn aber keiner mehr zuhört, erübrigt sich die Sprache. Genau das soll die Sprache der Mikrofonbenutzer bewirken. Vertraut uns, wir werden es schon richten. Ach ja? Viele Modewörter fallen in dieselbe Kategorie: Commitment, Infotainment, Roadmap, Shitstorm, Smart Data, Work-Life-Balance. Bei diesen Wörtern steht „der alsbaldige Gebrauch eindeutig vor dem Nachdenken über die richtige Verwendung.“ (Danke, Joachim Kronsbein für diese schöne Formulierung).

„Sprache ermöglicht hochdifferenzierte Mitteilungen“ (Danke, Georg Schramm). Wo diese ausbleiben, fühlen sich Sprachschützer zum Widerstand berufen. Überhaupt gilt die Frage: Müssen Sprachschützer überhaupt ernannt werden? Von wem? In Frankreich gibt es die Académie Française, ihr Ziel ist die „Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“. In Deutschland müssen wir uns selbst kümmern, uns selbst ernennen. Das muss so sein, denn „ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“ (Danke, Element of Crime). Es muss nun mal ein paar Leute geben, die den Gartenzwergen in die Kniekehlen treten. Also, liebe selbsternannte Kritiker der Sprachschützer: Falls sich der VDS umbenennt in „Selbsternannte Sprachschützer e.V.“ – was dann, wäret ihr sprachlos?

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Oliver Baer @ 16:52
Gespeichert in: Gesellschaft
Spottolski wirft für Englisch

Beitrag vom 5 Juli 2016

Trabbel mit den Akzenten: Für die Angelsachsen sind Fremdsprachen echt schlecht. (Bild © Baer)


Spottolski, der kaum katholische Kater, vormals Marketingexperte, dann Politiker, dann wieder nicht, wirft sich für die Wertmarkigkeit der englischen Sprache in die Waagschale. Gleich nachdem sich der Brexit bis zu ihm durchgesprochen hatte, beendete er die Belagerung der Eisdielenmieze und kreuzte in der Redaktion auf. Zum Entzücken der Volontärin – ältere Leser erinnern sich, die mit dem Rock und den Beinen – wo waren wir? Ach so, die hat er spontan eingespannt, sie solle mal notieren, was er kundtut.

Und hub der Kater an, Englisch als fortzuwährende Amts- und Arbeitssprache der EU zu verteilen, Quatsch, verteidigen. Will sagen, die soll bleiben. Warum? Weil erstens, dozierte Spottolski, weil erstens die englische Sprache total demokratisch sei und überhaupt sei das mühelos zu begründen: „Englisch ist total klassenorientiert. Wer Latein kann, versteht den Arzt. Wer nicht, der nicht. Da weiß man doch, und das ist Demokratie.“

Den wallenden Widerspruch der Kurzberockten winkte er sogleich durch: „Jetzt nicht! Das muss raus.“ Englisch sei auch voll integrativ. Die englischen Universitäten verlangen keine Kenntnis von Fremdsprachen mehr. Da kommt also jeder rein, demokratisches Klassenbewusstsein vorausgesetzt, aber das hatte die Berockte bereits auf dem Block.

„Die Engländer haben genug Ausländer – ich sage nur ein Wort: oberschlesische Jobschmarotzer, die den Einheimischen allen Ehrgeiz auf ehrliche Arbeit nehmen – sind wir schon bei Zweitens? Gut so, genug Ausländer, die schon Fremdsprachen können.“ Da sehe man wieder, was das bringt: Fremdenhass. Daher Englisch.

Die Sprache der Briten, fuhr er fort, sei vorzuziehen, da sie als Lernvorbild für alle anderen stehen. Wer? Die Briten. Keiner lerne so gründlich seine Muttersprache wie sie. Da könne man sich eine Scheibe von abdingsen. Dass die Engländer keine andere Sprache drauf haben, sei kein Chauvinismus, da müsse mal Tacheles gebügelt werden: Schlechtes Englisch für alle! Na bitte.

„Reicht das?“ schrie Spottolski, er habe zu tun drüben hinter der Eisdiele. „Halt!“ fügte er hinzu: „Das AAA Rating ist schon mal weg.“ Schnell warfen wir die Frage ein, er war schon fast zur Tür hinaus: Was das mit der Eurosprache zu tun habe? „Keine Ahnung, aber es macht was her.“ Sprach’s und verschwand. Und stand gleich wieder da: „Die Antwort ‚Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf.‘ kommt auf Englisch doppelt so stark rüber. Wetten?“ Das müsse man nutzen. Und verschwand – nicht. Er guckte noch einmal zur Tür herein: „Das sind narzisstische Psychopathen. Der nächste ist Donald Duck. Ich muss jetzt weg. God save the Whatsit!“

Oliver Baer @ 14:56
Gespeichert in: Spottolski
Blödsinn vom Böhmermann

Beitrag vom 1 Mai 2016

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Nichts gegen derbe Sprache, nichts gegen anzügliche Texte, nichts gegen schmähende Gedichte, alles zu seiner Zeit an seinem Platz! Aber mir kocht die Frage hoch, ob zur Kunst alles zählt, was uns so einfällt, wenn der Tag lang ist? Bis auf die eine Begründung – sonst fällt mir keine ein –, dass wir alle die Freiheit einfordern, unsere Meinung zu äußern, und sei es künstlerisch, o Graus.

Nur diesen Wunsch hat Böhmermanns Text mit der Ausübung von Kunst gemeinsam, sonst nichts. Schon gar nichts mit Kunst zu schaffen hat der Präsident unseres NATO-Partners Türkei. Er treibt sich auf jeder Baustelle herum, wo ihn eine Kamera beim Absondern von Phrasen abbilden kann. Merke: Ob sich jemand beleidigt fühlt, zu Recht oder nicht, mag mit allerlei zu tun haben, nur nichts mit der Kunst.

Frühzeitig erfuhren wir: „Das war nett, mein Junge und es reimt auch so schön, aber weißt du, es dichtet nicht.“ Ab wann ein Text dichtet? Da tut sich eine Grauzone auf. Aber nur weil etwas grau daherkommt, erklär ich nicht alles Graue zur Kunst. Böhmermanns Schmähtext ist geschmacklos. Schon die Mohammedkarikaturen enttäuschten mich: Als Satire waren sie beinahe gelungen. Beinahe. Oder muss ich nun jeden Furz, sobald ihn ein Satiriker lässt, als grundgesetzlich schützenswert zur Kenntnis nehmen? Da stelle ich andere Ansprüche, und ich weiß, wovon ich rede; mir ist selber schon so manche Satire missraten. Hinsetzen und neu schreiben! Kein Fuchteln mit der Kunstkeule wird den Text retten! Selbst auf einem Meinungsknopf lässt sich Satire tiefer, bissiger, giftiger rüberbringen als in den Reimen des Böhmermanns.

Auf der Bühne wie angesengt zu schreien ist kein Ersatz für das Sprechen, und schon gar nicht wird Kunst daraus, wenn kein Wort zu verstehen ist. Es gälte denn das Motto: „Die Sprache ist der Tod des Theaters“ (O-Ton aus einer deutschen Theaterprobe). Oder aus dem Blickwinkel des Geldes: Wenn Beyoncé 250 Millionen Dollar schwer ist, mag davon eine Million zur Kunst gehören, weiß der Geier, nehmen wir es mal an, aber die übrigen 249 sind Anmache, Sex und Geschäft. Nichts dagegen, alles paletti, aber Kunst? Sonst müssten wir – mit den wenigen gelungenen, den wirklich schätzenswerten Grafitti – sämtliche Klosettschmiererein auf diesem Planeten zur Kunst zählen. Böhmermanns Verse sind plakativ, nicht satirisch. Zur Satire gehört Können, das erkenne ich hier nicht. Zur Satire gehört Sprache, um die muss man sich bemühen.

Sprache ist kein Lebewesen, gegen Missbrauch kann sie sich nicht wehren. Verantwortung für ihren Gebrauch trägt jeder. Da darf er gern auch mal scheitern, aber seid so nett: Probiert es wenigstens und erklärt nicht gleich jeden Reim zum Gedicht, und nicht jede Beleidigung zur Kunst.

Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:23
Gespeichert in: Gesellschaft
Sprache sollte auch etwas nützen

Beitrag vom 1 Mai 2016

Nichts bildet das Gehirn so vielseitig aus wie die mit demselben Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

Nichts bildet ein Gehirn so vielseitig aus wie die mit dem Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei“, so Kurt Tucholskys trockenes Urteil über großstädtisches Geschwätz. Aber seien wir gerecht: Schon in der Muttersprache gelingt gute Verständigung nur mühsam. Derweil verbreitet Facebook die Illusion, ein Smiley hätte einen kommunikativen Nutzwert. In solchem Gelärme kann man zum Trend erklären, was auch ohne Alkohol im Kopf Geschwätz bleibt: Englisch als Amtssprache.

Wer wäre mal so nett, den Trend zum Englischen zu bitten, dass er einen Augenblick innehält! Der Trend möge kurz Atem holen, damit wir uns auf Wolf Schneiders Definition besinnen:
Information heißt nicht: „Ich will etwas mitteilen“,
nicht einmal: „Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen“,
sondern: „Ich bin verstanden worden.“

Recht hat Schneider, denn was nützt es, wenn einer sein Maul aufmacht, aber nicht einmal einen Widerspruch provoziert: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich sehe das anders!“ Nötig wäre, dass das Gesprochene und Geschriebene einen Sinn ergibt, den es zu verstehen lohnt und, dass da eine Bereitschaft zum Zuhören besteht. Und diesen Mangel an Verständigung nun auf Englisch zelebrieren? Nehmen wir spaßeshalber die wichtigste Voraussetzung als gegeben an: Dass alle Betroffenen ausgezeichnetes Englisch beherrschten. Das müssen wir annehmen, denn eine Art Kiezenglisch reicht vielleicht zum Rappen, aber nicht zum Regieren, Verwalten, Organisieren und Erledigen.

Nehmen wir es an, trotzdem würde Englisch als zweite Amtssprache mehr schaden als nützen. Den Grund versteht, wer schon im Wörterbuch die peinliche Entdeckung macht, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Übersetzung in seinem Falle zutrifft. Selbst die pfiffigste Software wird an den Feinheiten scheitern. Es ist nun mal so: Oft besitzen anscheinend identische Begriffe im Deutschen und Englischen stark abweichende Bedeutungen.

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit bilden das europäische Koordinatensystem, dennoch ist nicht gesichert, dass jeder dieser Begriffe in den Landessprachen der EU genauso interpretiert wird wie im Deutschen. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik in Jena.

Bleiben wir bei Deutsch und Englisch. Nicht nur die Rechtsordnungen unterscheiden sich fundamental. Schon bevor die Sache dem Richter vorliegt, verstehen ein Brite und ein Deutscher nicht dasselbe unter anscheinend identischen Begriffen. Etwa beim Begriff der Gerechtigkeit. Im Englischen stehe mit justice vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, erklärt Rosemarie Lühr. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen.“ Liebe Leser, diesen himmelweiten Unterschied mit einem Achselzucken abzutun, wäre kein Leichtsinn, das wäre Blödheit.

Da möchte sich der Bürger, dem keiner die Kenntnis solcher Feinheiten abfordern darf, an einem Geländer festhalten, und das ist nun mal die Muttersprache. Intuitiv verlässt er sich darauf, dass die Muttersprache auch Landessprache ist. Zwar haben wir in Deutschland auch Minderheitensprachen, offizielle wie inoffizielle. Sie sollen zu ihrem Recht kommen, aber das Rückgrat der Verständigung im Lande muss die Landessprache sein. Sie hat zumal dort zu gelten, wo es kompliziert wird: auf Ämtern, vor Gericht, im beruflichen Alltag, im Verbraucherschutz, um nur einige Bereiche zu nennen, wo wir die Menge der Missverständnisse nicht noch vermehren möchten, indem wir Englisch, ausgerechnet Englisch zur zweiten Amtssprache erklären.

Warum ausgerechnet Englisch nicht? Das ist doch die Weltsprache? Eben deswegen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das mag genügen, wo es nicht anders geht. Im eigenen Lande muss sich der Bürger zuhause fühlen können. Hier können wir voneinander verlangen, dass sich jeder auf die Bedingung besinnt: Information heißt: „Ich bin verstanden worden.“ Sonst war sie überflüssig.

Falls die Menge der überflüssigen Texte und Reden weiter zunimmt, hätten wir ein Problem. Wir haben es bereits. Die etablierte Politik führt keinen Dialog mit den Wählern, die Reaktion ist an den Wahlergebnissen abzulesen. In dieser Lage Englisch als Amtssprache zu fordern, ist ein Ablenkungsmanöver ohne den geringsten Nutzwert, aber mit hohem Schadenspotenzial.


Zu diesem Thema gibt es vom Autor noch einiges mehr zu lesen: Von Babylon nach Globylon. Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:20
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Fetziges über Pegida

Beitrag vom 4 März 2016

Also, cari amici miei, die Ihr mich bedauert, weil ich in Dresden lebe (und ob ich nicht auswandern möchte?): Vor über einem Jahr habe ich mit Aussagen über die Pegida mein Renommee riskiert. Sie beruhten auf eigenen Beobachtungen. Mitunter begreift einer am Ort des Geschehens die Fakten schneller als die Routiniers in den Redaktionen.

Über die besorgten Freunde mokierte ich mich, weil sie alle Pegidisten am liebsten zu einer braunen Masse verrühren. Ich hatte hier behauptet, die Mehrheit dieser Leute seien keine Nazis, auch Islamhasser vermutete ich nicht in der Mehrheit. Hallo Querleser: Islamhasser und vom Islam Verängstigte sind nicht identisch, kapiert? Danke. Nun stellt sich heraus, wie genau meine Beobachtungen stimmten.

Wen die Tatsachen aus der Bahn werfen, kann auf die folgende Lektüre verzichten. Die Lernfähigen finden die Pegidastudie von Professor Werner Patzelt hier: die Zusammenfassung der Ergebnisse über den einjährigen Beobachtungszeitraum, ferner die detaillierten Präsentationsfolien und die Fragebögen. Und falls hier jemand mitliest, der eine solche Untersuchung von vornherein ablehnt, und dann noch von Patzelt: Wir verabreden uns dann mal im Dresdner Alaunpark, jeder bringt seine eigene Pegida mit, die malen wir dann in vielen schönen Wachsfarben aus. Einverstanden?

Hier nehme ich Professor Patzelt in einem Punkt vorweg, obwohl er diesen Begriff nicht verwendet: Die meisten Pegidisten sind offenbar Wendeverlierer. Wenn überhaupt, kommen sie nicht vom rechten Spektrum, und dass „Die Linke“ dabei sei, haben auch schon andere berichtet. Nur das Ausmaß überrascht – eigentlich nicht. Dem ukrainischen Journalisten Viktor Timtschenko verdanke ich übrigens diese passende Beobachtung: Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, Agoraphobie die Angst vor weiten Plätzen, Xenophobie ist Fremdenfeindlichkeit. Nanu?

Auch nicht so ganz typisch für die Karoo (Bild: ® Goldblatt)

Übrigens, cari amici: auswandern wohin? Nach Trump-Disneyland, in das Zuma-Paradies oder gar Mugabes Schlaraffenland? Apropos „Lügenpresse“ (ein Wort aus der Kiste der Geschmacklosigkeiten), obwohl: Die Kiste daneben ist auch nicht blütenrein: Bartholomeus Grill hat neulich im Spiegel nach dreißig Jahren in Afrika am Beispiel Robert Mugabes zugegeben, dass er nun anfängt zu kapieren, wie Afrika wirklich tickt. Eine Woche später folgte auf Spiegel Online einer seiner typischen, radikal einseitig verfassten Beiträge über Südafrika. Tja, Herr Grill, mal abgesehen von Ihrem BILD-Niveau: Ich habe nur vier Jahre gebraucht, bis ich (als Europäer in Afrika) anfing über südafrikanische Probleme die Klappe zu halten.

Offenbar verdienen auch die seriösen Medien einiges, was man ihnen vorwirft. Was nicht nur Pegidisten fuchsig macht, ist journalistische Arroganz. Sie ist kein bisschen wertvoller als der Hass, der den Medien entgegenschlägt. Aber ihr, liebe Freunde aus dem Westen und aus Dresden, Spottolski wünscht euch Friede in allen Eierkuchen, und ihr dürft ihn besuchen, er hat noch was in petto.

Oliver Baer @ 15:58
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Ich bin stolz

Beitrag vom 4 März 2016

Auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, erwiderte Bundespräsident Gustav Heinemann: „Ich liebe meine Frau.“ Das überrascht manche Bürger bis heute. Dabei hatte der Weise recht, er achtete auf den Wortsinn.

Plattheiten sind im Deutschen nicht nötig, wir bezeichnen Dinge anders, die anders sind. „Ich liebe mein Land“, klingt als ob da einer falsch singt. Mit Liebe meinen wir im Deutschen das Verhältnis von Menschen zueinander. Ich liebe meine Mutter, meine Enkel, meine Frau, möglicherweise auch meine heimliche Geliebte. Die Behauptung, dass ich meine Balkonnachbarin liebe, wie sie da nackt sonnenbadet, klingt schon einen Halbton zu hoch.

Noch Verliebtheit oder schon Liebe? (Bild ©Baer)

Wir sind pingelig, von der Liebe unterscheiden wir die Verliebtheit. Diese verliert sich, es kann Jahre dauern, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Die Liebe hingegen schlägt nicht ein wie der Blitz. Liebe wird erarbeitet, erneuert, genossen, vor allem wird sie gepflegt, ein Leben lang.

In der englischen Sprache ist der Umgang mit dieser Aufgabe anscheinend frivoler. Englisch erlaubt einen freieren Gebrauch des Wortes, auf die Gefahr des platten Umgangs mit der Bedeutung. Wenn McDonalds sagt: „I love it!“, ist das nach unserem Sprachgefühl Quatsch mit Soße. Eine Boulette lieben, wie denn das? Umso schwieriger wird es für den Engländer zu klären, was er meint: Liebt er die Nachbarin wie einen Hot Dog, oder wie Pippa Middleton in der Ferne des Internets, oder liebt er sie weniger als die Frau im Ehebett? Das ist im Englischen schwieriger auseinander zu halten als im Deutschen, außer in Hollywoodfilmen, da wird alles geloved.

Auf dünnes Eis lockt der Patriot: „Ich bin stolz auf mein Land.“ Halt mal, Stolz worauf? Stolz auf die Dichter und Denker, auf die Erfinder und Unternehmer? Ich für meinen Teil habe dazu nicht viel beigetragen und bei dem bisschen etwas bin ich genau darauf stolz, mehr nicht. Wird Jogi Löws Truppe Weltmeister, brülle ich Juhu, ich gebe auch einen aus, aber Stolz? Der steht dem Jogi zu, er hat etwas dafür getan, dass „unsere Jungs“ wussten, was zu tun ist.

Falls es dennoch Stolz auf die Leistung anderer gibt, dann nur im Bündel. Zum Beispiel ich wäre nicht, wer ich bin, ohne Schillers Briefe zur Ästhetischen Erziehung, ohne Bismarcks Diplomatie, ohne Schumanns Klavierquintett, ohne die Farben Emil Noldes, ohne Wilhelm Busch und Loriot. So bewege ich mich in der Kultur der Deutschen. Als Franzose stünde mir Marcel Pagnol näher, als Engländer Henry Fielding. In eben dem Maße, wie ich ein Miteigentum am kulturellen Erbe der Deutschen beanspruche, mag sich Stolz in mir regen. Zugleich aber zählt zu diesem Erbe ein früherer Bundesminister, der angesichts des sauren Regens verkündete, dann werde man eben „säureresistente Bäume“ züchten; zum Erbe zählt ein General Falkenhayn, der ohne den geringsten militärischen Sinn das Massaker um Verdun entfesselte, und dazu zählt ein Postkartenmaler aus Braunau am Inn, der eines Tages beschloss Politiker zu werden.

„Also Herr Notar, dann machen wir es doch so: Ich nehme das Erbe an, diesen Teil mit Schiller und Schumann, nur den Rest, mit dem Hitler und Verdun, den können sie entsorgen!“ – Kann er nicht. Der Versuch sich aus der Geschichte davonzustehlen, käme einer Amputation der Wirbelsäule gleich. Ist nicht.

Also, den Stolz auf Deutschland gibt es nicht wie am kalten Buffet: beim Lachs nachfassen, die Gürkchen weglassen. Da verdirbt mir nicht nur der Falkenhayn den Appetit. Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte: Hängen wir die Sache um vom falschen Nagel auf den Haken, wo sie hingehört: Seien wir stolz auf unseren Umgang mit der Muttersprache, indem wir sie mit Umsicht und Zartgefühl, mit Freude und Geist anwenden, also nicht zum Herumgrölen. Das wäre eine Leistung, alle Achtung.

Oliver Baer @ 15:33
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Sprache mit der Mistgabel verwechseln

Beitrag vom 25 Februar 2016

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ (Loriot) (© Bild Behland)

Über Frau Merkels Fehlgriffe kann man streiten. Mit „Volksverräterin!“ ist jedoch eine Grenze überschritten. Solche Worte sind wie der erste Schlag einer Kneipenprügelei. Angefangen haben allerdings die Politiker, sie reden offenbar in der Gewissheit, was sie sagen, habe eh nichts zu bedeuten.

Angela Merkel (CDU) trägt eine Mitschuld: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt.“ Franz Müntefering (SPD) hält es sogar für „unfair, wenn wir an den Wahlversprechen gemessen werden.“ Hoppla, woran denn sonst? In der repräsentativen Demokratie ist der Wähler nur alle paar Jahre gefragt. Ausgerechnet dann darf man ihn belügen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ sagte eben dieser Müntefering. Was immerhin ein konsequenter Standpunkt wäre. Wer es jedoch damit ernst meint, müsste auch die Arbeitsplätze garantieren, und weil das offenbar nicht so einfach geht, kommt Münteferings Zungenschlag ziemlich zynisch rüber.

Perfekten Vertrauensverlust in die Politik besorgte einst Sozialminister Norbert Blüm (CDU): „Eins ist sicher: die Rente.“ Dabei war ihm bekannt, dass die Altersbezüge an das Gehalt gebunden sind. Nanu? Eins und Eins macht Drei? Schwer zu übertreffen war auch Walter Ulbrichts Klassiker: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“ Da hat er seine Glaubwürdigkeit glatt aufs Spiel gesetzt.

Dass Helmut Kohl (CDU) versprach die neuen Bundesländern „in blühende Landschaften zu verwandeln“, kann man noch verstehen. Er ahnte nicht, was er redet. Bemerkenswert die Haltung seiner Experten, die es besser wussten – und so ganz demokratisch die Klappe hielten. Apropos Haltung: Borniertheit ist mit Dummheit gepaarte Arroganz. Hart an der Grenze bewegte sich der Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD), als er 1976 versicherte: „Atommüllbeseitigung ist technisch gelöst.“ Na, Gott sei Dank!

Beenden wir die Sammlung mit einem Klops aus höchstem Munde: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das geht hier nicht als Rechtschreibfehler durch, Herr Wulf. Sicher gehören die Muslime, die wir riefen, zu Deutschland, auch die Flüchtlinge, die wir aufnehmen, gehören zu Deutschland. Bevor jedoch der Islam zu Deutschland gehört, werden ein paar Jahrhunderte vergehen und dann wird er so bedeutungslos sein, wie sich die christlichen Kirchen bis dahin ihrerseits demontiert haben.

Das Recht die Sprache zu missbrauchen, beansprucht offenbar nur, wer glaubt, dass die Geräusche nichts ausmachen, die aus seinem Gesicht quellen. Dann hätte er besser geschwiegen. Wer erwartet, dass er die Sprache wie eine Mistgabel schwingen darf, soll sich nicht über Pegida wundern, über den Hass im Internet, den von jedem Denken befreiten Umgang mit der Sprache, den er selber gesellschaftsfähig gemacht hat.

Merke: Umsonst gibt es nichts, jeder Folge geht Ursache voraus. In der Demokratie hat der Wähler den Anspruch, ernst genommen zu werden. Andernfalls, warnte Kurt Tucholsky, „unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind!“ – übrigens ein Linker, der die deutsche Sprache trotzdem zu schätzen wusste, wie auch Bertolt Brecht. Tja, dann müsst ihr mal nachschlagen, wer diese Leute waren!

Oliver Baer @ 11:58
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Vorschlag zur Gendergüte

Beitrag vom 25 Februar 2016

Dass di der Teifi hol! (© Bild Behland)

Gesteuerter Sprachgebrauch im Sinne der sprachsensiblen Gleichstellung verändert die Sprache. Das ist gewollt und es wirkt. Über die ästhetischen und politischen Aspekte lässt sich streiten. Schwerer wiegt hier der Umgang mit der Wirklichkeit, der das angesagte Ziel verfehlt, dabei etwas Wichtiges zerstört.

Dass grammatisches und biologisches Geschlecht verwechselt werden, liegt im Interesse der genderbewegten Sprachveränderer. Dass die Verwechslung einem Denkfehler entspringt, gilt als verpönter Einwurf. Sprache werde ohnehin dauernd manipuliert, das müsse – zu einem ausnahmsweise guten Zweck – dann auch mal statthaft sein.

Das kann man so sehen, vorausgesetzt wir nehmen die Kollisionen mit der Wirklichkeit in Kauf. Verwirbeln wir Fragen der Gleichstellung mit Fragen des Sprachgebrauchs, geraten wir in einen Kategorienstreit, und solcher ist bekanntlich unlösbar. Ein plattes Beispiel: Vermengung der Kategorien träte ein, wenn auf dem Fußballplatz nach den Regeln des Kegelns gepfiffen würde.

Sprache dient als Medium und Werkzeug zum Denken. Wer seine Sprache abstumpft, nimmt ihr die Schärfe, Klarheit und Fülle zur Formulierung von neuen, schöpferischen Gedanken, die übrigens im eigenen Gehirn Synapsen bilden müssen, damit sie etwas nützen. Dass vom Binnen-I über Passivsätze bis zur Doppelnennung die Sprache immer sperriger wird, kann ernsthaft keiner bestreiten. Die Folge ist zunehmende Verflachung des Denkens, Verdummung, Versklavung.

Tatsächlich wird nicht nur das Denken behindert, in Frage steht auch der Nutzen für die Gleichstellung. Je stumpfer die gegenderte Sprache, desto abgestumpfter die Wahrnehmung solcher Rede durch Leser und Zuhörer. Wer binnen Sekunden dreimal „die Kolleginnen und Kollegen“ erwähnt, erreicht vor allem eines: Unsere Aufmerksamkeit lässt nach, hinhören lohnt nicht mehr, da ist das Geschehen auf dem Flachfon spannender als der immer gleiche Sermon. Zu Ende gedacht: Das erzwungene Bekenntnis zur sprachlichen Sensibilisierung verpufft nicht nur zum Lippenbekenntnis, es wendet sich in seiner Wirkung gegen den ursprünglichen Zweck. Wenn aus Radfahrern Rad fahrende werden, wie soll man die Verfasser der Straßenverkehrsordnung noch ernst nehmen?

Versuchen wir einen Brückenschlag zwischen den Kategorien. Feministen beklagen, dass etwa die Funktionsbezeichnungen auf Männer verweisen, nur bei Diensten auf Frauen: die Krankenschwester gegenüber dem Doktor. Tatsächlich gelten der Schreiner, der Zählerableser, der Psychopath, der Armleuchter als Männer. Bliebe es bei der hergebrachten Ausdrucksweise, seien die Frauen immer bloß mitgemeint.

Was anscheinend so logisch daherkommt, ist aber geschwindelt. Dass Frauen nur mitgemeint seien, ist kein linguistisches Argument, sondern ein biologistisches. Linguistisch spielt es nämlich keine Rolle, wer mit der, die oder das gemeint ist: Biologisch mag es wichtig sein, linguistisch ist unerheblich, ob das Mädchen sächlich ist. Mitgemeint sind stets sowohl Frauen wie Männer. Dass nur Frauen mitgemeint seien, ist also eine ziemlich unfreundliche Zwecklüge. Geht es um die Wahrheit, muss also das Mitgemeintsein linguistisch nicht mehr zurechtgegendert werden. Man glaubt ja fast schon selber, es handle sich beim Lehrer um einen männlichen Beruf (real sind 90 Prozent Frauen). Manches muss man nur oft genug behaupten, dann wird es geglaubt.

Dennoch bietet sich ein Kompromiss sogar aus linguistischer Sicht an. Besinnen wir uns erstens auf die biologische Geschlechtslosigkeit der grammatischen Bezeichnung, so können wir zweitens sämtliche Erweiterungen ausmerzen, die auf das biologisch weibliche Geschlecht verweisen. Dann gibt es keine Sekretärinnen mehr, keine Präsidentinnen, Faschistinnen, Narzistinnen, Pfarrerinnen. Dann lautet die korrekte Anrede „Frau Präsident!“ und „Sehr geehrte Ehebrecher und Ehebrecherinnen!“ benötigt ja keiner. Tatsächlich brauchen wir das /in/ nur, wo es genannt sein muss, etwa in der Tarifverhandlung: „Gleicher Lohn nun auch für die Laborantinnen!“

Zugegeben, gewöhnungsbedürftig ist die Umkehr zur Vernunft schon, aber auch unendlich viel praktischer als mit aller Gewalt zum Sportwart die Sportwartin zu erfinden. Auch werden wir viel Sprachunfug los: „Frauen sind die vernünftigeren AutofahrerInnen“. Auch Kollateralnutzen hat der Vorschlag: Es muss nicht jedesmal „Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten“ gesagt werden…

In Wirklichkeit nähern wir uns abseits der genderbedingten Sprachmanipulation mit Riesenschritten der Emanzipation der Geschlechter. Wie schön! Verschonen wir die Sprache, wir brauchen sie in bester Verfassung zur Behandlung völlig ungelöster Probleme, zum Beispiel: Wie geht es weiter, wenn in Arabien und Afrika das Grundwasser erschöpft ist? Streben dann die überlebenden fünfhundert Millionen in das gemäßigte Klima zu uns?

Oliver Baer @ 11:57
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Deutsch als nichttariffäres Handelshindernis

Beitrag vom 25 Februar 2016

Der Verein Deutsche Sprache und der französische Sprachverein Avenir de la Langue Française fordern die Regierungen und Parlamente ihrer Länder auf, ihre nationalen Sprachen und Kulturen nicht dem Freihandels­abkommen TTIP zu opfern. „Wir haben nichts gegen den einfachen Austausch von Waren und Ideen, aber unter dem Druck eines schranken­losen Marktes fürchten wir die Abwertung unserer Sprachen zu ’nicht­tarifären Handels­hindernissen'“, erklären die beiden Vorsitzenden, der Dortmunder Wirtschafts­professor Walter Krämer und der Ex-Diplomat Albert Salon. Der Zwang zur globalen Einheits­sprache Englisch sei in TTIP zwar nicht offen ausgesprochen, aber implizit eingebaut.

Offenbar glauben die Amerikaner, dass die Sonne durch ihr Gesäß leuchtet (Bild © Behland)

„Bücher, Filme und Theaterproduktionen sind keine beliebig reproduzierbare Massenware“, erklären die Vorsitzenden darüber hinaus. Europas Bürger wollten ein Abkommen, das Kulturgüter nicht so behandelt wie Autoteile, Fleischwaren oder Staubsauger. Beide Vereine erinnern daran, dass im Oktober 2005 die Mitgliedstaaten das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt mit überwältigender Mehrheit bei nur zwei Gegenstimmen, darunter die USA, unterzeichnet haben. Die USA haben damals schon eine Sonderrolle für die Kultur abgelehnt.

Soweit die beiden Sprachvereine. Dass die USA die Sonderrolle der Kultur nicht begreifen, bedeutet ja nicht, dass es dort keine Kultur gäbe. Wir kennen glänzende Orchester und sie überleben in den USA, obwohl die Kunst den Staat nichts angeht. Aber wenn die Amerikaner nicht einmal ahnen, dass wir manches anders sehen, und aus guten Gründen, dann gibt es nur eines: an dieser Stelle unbedingten Widerstand leisten. Sie ist nicht die einzige Position im TTIP, die den Beweis liefert, dass wir keine Wahl haben als abzulehnen, wohlgemerkt mit einem „Nein!“, keinem „No!“ Das Gleiche gilt für das Abkommen mit Kanada.

Oliver Baer @ 00:03
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Lobender Zwischenruf

Beitrag vom 10 Februar 2016

Ausnahmsweise hier der Hinweis auf eine Buchrezension über meinen Anteil an einem Buch:

Rezension in der Zeitschrift Flüssiggas Nr 1 2016


Energieexperten sind die anderen Autoren, ich verantworte die Sprache. Der Rezensent sagt: „Eine für wissenschaftliche Publikationen überraschend verständliche Beschreibung erleichtert die Beschäftigung mit der komplexen Thematik …“ – das ist schönstes Lob für mich. Falls also jemand sein Fachgebiet ähnlich behandelt lesen möchte: Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme: courriel (dann der Klammeraffe, gefolgt von)oliver-baer.de.

Oliver Baer @ 15:18
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