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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Dackel beißt Rentnerin

Beitrag vom 19 Mai 2017

„Rentnerin Renate R. wurde von Nachbars Dackel nicht gebissen“ kommt in keiner Zeitung vor; „Erneut vom Dackel gebissen“ wäre einen kurzen Einspalter wert. Insgeheim hoffen die Leser auf „Rentnerin beißt zurück!“

Ich bin kein Dackel (© Behland )

Wir sind es selber schuld, unsere Lust als Leser bestimmt, was uns an Nachrichten geboten wird: die Lust auf die Ausnahmen, die Abweichungen vom Alltag. Da kommt eine wadenbeißende Witwe gerade recht. Texte müssen aber zeilengerecht oder auf die Sekunde genau gekürzt werden. Farbig soll die Lektüre sein, das verschiebt Akzente, und schon tönt ein falscher Zungenschlag. Ab wann haben wir es mit Falschmeldung zu tun? Fake News gibt es in mindestens drei Formen: Erstens die Nachricht, die auf Nebensächliches übertriebene Aufmerksamkeit lenkt, zweitens Propaganda, zumal im Wahlkampf, drittens die gezielte Desinformation.

Ob der vorläufig Festgenommene „südländisch“ aussieht, kann sogar ein wichtiges Detail sein, oder auch ein unerhebliches, das zur Sache nichts beiträgt, aber Stimmung macht, erst recht wenn manche Leser genau diese Angabe vermissen. Propaganda erfordert mehr Aufwand. Die Mischung aus falschen und wahren Informationen soll die eine Seite schwächen, die andere stärken. Hauptsache die Informationen werden geglaubt. Zum Beispiel ist es sicher die Debatte wert, ob heutzutage frische Aufrüstung angezeigt ist. Aber es befremdet die Leser, wenn der aufgelaufene Bedarf an Ersatzteilen und Reparaturen bereits zur Aufrüstung gezählt wird: falsch.

Die höchste Stufe von Fake News ist die Desinformation. In ihrer Folge soll gar nicht geglaubt werden, vielmehr sollen die Bürger das Wahre und Falsche nicht mehr auseinanderhalten können. Sie sollen das Gespür verlieren, wie man eine unseriöse Informationsquelle erkennt und mit den seriösen nicht verwechselt. Ist dieser Zustand erst erreicht, fressen die Leute die wildesten Verdrehungen. Typisch war der Abschuss des Passagierfliegers über der Ukraine. Stets neue, zum Teil ganz abstruse Hergänge wurden als Tatsache dargestellt. Egal welche stimmen mochte, oder auch nicht, am Ende traut man keiner Quelle mehr; das ist der Sinn der Desinformation.

Schon bei Dackeln und Rentnern fällt eine faire Berichterstattung schwer. Umso mehr bei gewollter Irreführung. Wie wehren wir uns als sprachbewegte Bürger? Achten wir auf den Umgang mit der Sprache, in ihr verraten sich auch die Verfälscher. Lesen wir mit langen Armen, lernen wir nach und nach ihre Kniffe zu durchschauen, die Muster sind stets die gleichen. Wir sind nicht wehrlos, sogar in Diktaturen konnte, wer sich bemühte, zwischen den Zeilen viel Wahres herausfiltern. Unsere Mühe wird in dem Maße belohnt, wie wir unser Sprachgefühl hegen und pflegen, zum Beispiel durch Lesen von Romanen. Sie schärfen unser Vermögen die Wahrheit wahrzunehmen, damit wir nicht ohne weiteres Wissen durch Glauben oder Gleichgültigkeit ersetzen.

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Quelle: Ethan Zuckerman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in: Jonas Kaiser, Fake News: Der Lackmustest für die politische Öffentlichkeit, Bundeszentrale für politische Bildung, nachzulesen bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Oliver Baer @ 15:27
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Widerstand gegen Fremdwörter

Beitrag vom 19 Mai 2017

Geht es um die Bewahrung der reinen Sprache, gelten Fremdwörter oft als Fremdkörper. Die Abneigung gegen ihren Gebrauch ist leicht nachzuvollziehen, wird aber meist schwach begründet.

Nichts gegen Wischwaschi! (Fotolia 40701364)

Das Bedürfnis nach einer reinen Sprache befriedigen die Isländer auf ihrer Insel, in der vieldurchquerten Mitte Europas gelingt Ähnliches nicht. Wir schauen lateinisch aus dem Fenster (fenestra), nicht durch das Windauge (window) und Sex kommt uns reizvoller vor als Geschlechtsverkehr. Es ist vielfach belegt: Die reine deutsche Sprache ist eine Vorstellung, keine machbare Sache. Zu Recht wünschen sich Sprachfreunde trotzdem, dass sie von lästigen, weil überflüssigen Fremdwörtern verschont bleiben.

Wer sie benützt, findet sie jedoch wunderbar. Alle Anderen erkennen die lästigen Fremdwörter auch ohne puristischen Eifer. Jedes Wort hat so etwas wie eine ihm eigene Wärme und einen eigenen Geruch. So umweht Nebel die dedizierten Teams, die Prozesse aufsetzen um performante Lösungen zu replizieren. Derlei bullshit bingo klingt wie Deutsch, ist aber nur Gefriersprache aus übersetztem Englisch. So etwas signalisiert den angesagten Stallgeruch: Wir können bei Opex ein paar cuts machen. Das wäre meines Erachtens der beste approach, unser headcount ist an den benchmarks gemessen ohnehin zu hoch. Anderen stinkt dieser Ton, aber aufgepasst: Die whiz kids bleiben an Bord, die Übrigen bekommen career change opportunities, im Klartext: Sie dürfen ihre Karriere woanders fortsetzen!

Bevor wir im selbstgefälligen Spott verharren, machen wir uns nichts vor: Kalt kann auch sein, was sich wie reines Deutsch anhört. Bei Tucholsky verabredet sich ein Oberbuchhalter mit seiner Freundin, die er damit sicherlich in Schwingungen versetzt: „Es wird nachher in meiner Wohnung voraussichtlich zu Zärtlichkeiten kommen.“ Immerhin hat er sich verständlich ausgedrückt.

Dennoch sind es insbesondere die lateinischen und neuerdings die englischen Fremdwörter, die das Verständnis behindern. Der Zuhörer schaltet ab, sobald sein Maß an unverstandenen und Blähwörtern voll ist. Sie rauschen von Ohr zu Ohr, ohne unterwegs eine Synapse sonderlich bemüht zu haben, und die Konzentration bricht ein. Merkt er die Absicht, dass ihm der Sprecher imponieren möchte, wird er verstimmt. Soll er zugequatscht werden, wird er sich rächen, etwa an der Wahlurne, und sei es, dass er ihr fernbleibt.

Falls ein Politiker oder Manager Wert darauf legt verstanden zu werden, muss er dafür sorgen, dass er verstanden wird. Anderenfalls misstrauen wir Zuhörer ihm und vermuten, oft zu Recht, dass er uns einen Bären aufbinden möchte. Gegen jeglichen Missbrauch der Sprache ist Widerspruch unser gutes Recht. Falls er möchte, dass wir ihm nicht so genau zuhören, ist Widerspruch sogar Bürgerpflicht.

Mehr über hier wiedergegebenen Bullshit Bingo

Oliver Baer @ 15:16
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Auf zur Aufmüpfigkeit

Beitrag vom 19 Mai 2017

Pfeif auf die Maobibel. Hier ist mehr los. (Bilschirmfoto Baer)


Wer sich vom Verlangen nach Wahrheit und Tatsachen noch nicht verabschiedet hat, findet in Timothy Snyders Lektionen für den Widerstand ein Manifest, das sich beim Lesen anfühlt wie der Biss in eine knackige Bockwurst.

Es ähnelt einer Prüfliste zum Abhaken, jedes seiner zwanzig sehr kurzen Kapitel bietet Kraftnahrung für frische Dehnübungen im Gehirn. Geschrieben in den USA, trifft nahezu alles Gesagte auf Europa zu. Während des wachsenden Lesevergnügens kommt ein doppelter Boden zum Vorschein, denn Snyders Anleitung zur Wiederentdeckung des Alltagsverstandes gilt keineswegs nur für Systementtäuschte. Sie ermutigt auch die überzeugten Demokraten zum Widerstand gegen die unzumutbaren Gebräuche im realen Demokratiebetrieb.

Der Bedeutung der Sprache ist nicht nur das Kapitel Neun gewidmet: „Sei freundlich zu deiner Sprache“. Leser, Bürger, Wähler finden durchweg Anregungen zum Umgang mit Wahrheiten und Tatsachen mithilfe der Sprache. Snyders ist Geschichtsprofessor, dieses Buch hat er für Bürger aus allen Milieus geschrieben.

Zum Auftanken: Über Tyrannei, zwanzig Lektionen für den Widerstand, 127 Seiten, Verlag C.H. Beck, München 2017, Zehn Euro.

Oliver Baer @ 14:58
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Wahrheit kann vorkommen

Beitrag vom 19 Mai 2017

„Der Präsident brüllt seinen Fernseher an, stimmt das?“ Spottolski steht am offenen Fenster, er reibt seine Flanke am Rahmen. Gleich wird er wieder Katerweisheiten absondern. Was der Präsident vor der Mattscheibe anstellt, sei ein Gerücht, nicke ich.

Verschlungen sind die Pfade der Suche nach dem Ding in seiner Ansichheit (© Behland)

„Recht hat er. Dazu sind Fernseher da“, sagt Spottolski. Er lässt sich Zeit, mal sehen, ob ich darauf eingehe. Ich warte, ich kenne unseren Redakteur für Alles sowie Nichts Anderes. „Ihn ärgert wohl, dass ihm der Fernseher weismacht, was wahr sei.“ Er klingt wie am Krankenbett: „Das ist Aufgabe des Fernsehers, Chef, dass er für dich wahrnimmt, worauf du nicht scharf bist. In der Zeit kannst du was Anderes tun.“

Das hat er von der Mieze nebenan, jede Wette, die kleine Graue von der Friseuse, altklug, aber sonst ganz patent. Sie hat ja recht. Die TV-Sender, auf der misslichen täglichen Suche nach saftiger Wahrheit, stören bei der Findung derselben. Besonders beim Regieren grenzt ihr Treiben an Nötigung.

„Der Präsident leuchtet vorbildhaft“, sage ich. „Die Wahrheit ist ein so kostbares Gut, damit muss man sparsam umgehen.“

„Genau. Zwar ist eine Notlüge immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.“ Liest mein Kater neuerdings Bücher, oder er lässt lesen?

„Ohnehin fällt die Wahrheit nicht besser aus, wenn sie erlogen ist“, versuche ich zu punkten.

„Das mag sein, aber die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst keinem mehr glauben kann. Der Präsident möchte doch geliebt werden, oder?“ Mein Kater ist verliebt, so viel ist klar. Unklar is, worauf er hinaus will. „Du würdest auch brüllen.“

„Ich sehe fern nur im Hotel.“

„Ein guter Propagandist kann sogar mit Hilfe der Wahrheit überzeugen!“ versucht er mich auszubremsen.

„Immer vorausgesetzt er weiß, wo es langgeht“, kontere ich. „Die Tatsachen sollte man immerhin kennen, bevor man sie verdreht.“

„Ach was! Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt. „Das Fernsehen hat schließlich Publikümer zu bedienen.“ Er holt zum Gnadenstoß aus: „Das Gerät hat eine Taste, auf der steht POWER: Drücken = Aus!“

Ja, Wahrheit kann schon mal vorkommen. Demnächst erkläre ich ihm Facebook, das wollen wir doch mal sehen.
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Mit so einem Mitdenker, da weiß man doch. Unser Dank gilt Mark Twain, Karl Kraus, Andej Okorn, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, Wieslaw Brudzinski sowie Douglas Adams.

Oliver Baer @ 14:51
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So bitte nicht!

Beitrag vom 19 Mai 2017

Der Polizei muss doch mal eine Lanze – wie sehen Sie das, die muss doch mal gebrochen werden, sowie den Opfern, so geht das jedenfalls nicht!

Pressemeldung der Kreispolizeibehörde Wesel vom 6.5.2017

In dieser Meldung wird das Opfer in seiner Eigenschaft als „Mann“ unmissverständlich hervorgehoben, ja verunglimpft. Das wird die Männerrechtler auf den Plan rufen. Zielgerichtete Einengung auf nur ein Geschlecht ist total unstatthaft sowie geeignet bei der Aufklärung des Falles massiv zu stören, schon wegen der Nebengeräusche. Sodann ist der „unbekannte Mann“ zu beanstanden. Ist er unbekannt, wieso steht vorab fest, es handle sich um einen Mann? Als ob in Zeiten der erstarkten Frauenbewegung eine weibliche Täterschaft von vorneherein ausgeschlossen wäre? Und überhaupt, nicht auszudenken, das Täterwesen wäre weder Fleisch noch Fisch, oder gar beides oder überhaupt irgendwas? Bedenklich!

Dass das Alter des Opfers mit dreißig Jahren angegeben ist, muss ebenfalls beanstandet werden, denn das erleichtert seine Identifikation durch Bekannte (BekanntInnen!) sowie durch spitzzüngige Familienangehörige (meistens Weiber, die mit der Zunge). So käme zum Schaden des Opfers der Hohn. Da kann sich die Polizei getrost einer diskreteren Wortwahl befleißigen! Sachlich korrekt ist immerhin die Anmutung, dass der/die Täter(in) geflüchtet sei, indes folgt darauf ein grundlegender Eckgipfel der Peinlichkeit: „Der Täter kann nur als männlich und groß beschrieben werden“. Als ob die Moerser Polizei zu anderen Beschreibungen nicht fähig wäre! Wie steht der Wachtmeister da vor seinen Kindern? Das wirft ein Licht auf die Polizei, das sie getrost unter den Scheffel stellen kann, da brennt nichts an.

Als nächstes wird die Frage impliziert, ob ein vertikal vergleichsweise geringer ausgeprägter Mensch demzufolge kein richtiger Mann sei! So nicht! Auf diese Weise werden großgewachsene Männer diskriminiert, das ist ein Anschlag auf die Selbstbestimmung des Mannes als soziales Konstrukt, der durch den letzten Satz der Polizeimeldung vollends in den Schatten gedrückt wird: „Er sprach akzentfrei Deutsch.“

Da verschlägt es die Sprache schlechthin. Nicht nur muss als selbstverständlich gelten, dass Ausländer hierzulande Deutsch beherrschen, sodass es einer derart sarkastischen Überhöhung wahrhaftig nicht bedarf, sondern vielmehr, außerdem und überhaupt gehören Fremde, die sich redlich um die spurenlose Erfüllung dieser Anforderung bemühen, ausdrücklich gelobt! Der Unterton der Moerser Polizei ist anstößig, ach was, umstößig. Gesetztenfalls das täternde Wesen wäre ein einheimisches deutsches in siebter oder sagen wir achter Generation, wäre sein/ihr akzentfreier Umgang mit ihrer/seiner Muttersprache kaum der Rede wert. Wäre zu hoffen. Also bitte Ihr da in Moers und Wesel, kommt mal klar! Dürfen Frauen keine Opfer mehr sein?

Oliver Baer @ 14:32
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Wer nichts weiß, muss alles glauben

Beitrag vom 17 Februar 2017

Was heißt hier: Geht nicht?  (Bild Fotolia)

Was heißt hier: Geht nicht? (Bild Fotolia)

Möchten die Leute einem Wortführer glauben, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht, so ist das ihre Sache. Wer nichts weiß, muss alles glauben. Aber auch der frechste Wortführer kommt nicht damit dadurch, dass er die Bedeutung der Wörter in ihr Gegenteil verkehrt – außer wir lassen ihn.

Die Sonne geht im Osten auf. Genauer: die Rotation der Erde bewirkt, was wir als Sonnenaufgang bezeichnen. Das ist eine Tatsache: Im Westen geht sie jedenfalls nicht auf. Alle Tatsachen sind alternativlos. Aber was ist dann alternativ möglich? Verschiedene Ursachen, auch andere Auslöser kann es geben. Unsere Wahrnehmung der Tatsache kann getrübt sein, ihre Folgen können wir unterschiedlich auslegen. Wir können verschiedener Meinung sein, wie wir zu den Folgen stehen. Die Tatsache bleibt dieselbe.

Tatsache ist, dass der Nachbar behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Er kann reden, was er will, die Erde ist in Wirklichkeit eher kugelförmig. Dass der Nachbar wirres Zeug redet, ist die Tatsache. Was er da redet, ist keine. Das lässt sich säuberlich auseinanderhalten. Ich stehe zum Sonnenaufgang auf, oder ich lasse es sein – dazu muss ich ein Urteil fällen. Etwa, dass mir der böse Blick der Chefin egal ist, wenn ich keine Lust zum Aufstehen habe. Ohne die Tatsache des Sonnenaufgangs erübrigt sich das Urteil.

Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, ist es nicht so einfach, Tatsachen vom Wunschdenken zu unterscheiden. Deshalb ist sogar die Aussage eines Augenzeugen nicht immer glaubhaft. Sodann ist unsere Wahrnehmung einer Tatsache manipulierbar. Die Tatsache ist es nicht: Ist das Geld ausgegeben, ist es weg. Will uns jemand klarmachen, eine kosmische Geldbörse hielte Knete für alle bereit, wir müssten es nur glauben: Der will uns manipulieren. Es dennoch zu glauben, ist Privatsache. Andere zum Mitglauben zu bedrängen, ist eine Unsitte, etwa in der Politik, in der Kirche, im Büro. Da muss man aber nicht mitmachen, heucheln genügt. Nur die „alternativen Fakten“ gibt es nicht. Was meinte die langhaarige Blonde, die immer so müde aussieht, in Wirklichkeit? Dass sie alternative Informationen habe: dass sie auf dieselbe Tatsache eine andere Sichtweise habe – sowas gibt es.

Wir haben die Wahl, wir können zulassen, dass als Tatsache gilt, was dem Wortführer in den Kram passt. Die Folgen sind drastisch, auch für die Gläubigen, denen solche Haarspalterei nicht passt. Aber aufgepasst: Wer uns alternative Fakten andrehen will, der vertraut darauf, dass wir mit der Sprache umgehen wie mit einem Putzlappen: ist verbraucht, in die Tonne damit!

Wahrscheinlich sollten wir Bürger einander versprechen, dass wir die Muttersprache nicht nur hinlänglich, sondern gut beherrschen, bevor wir sie vernichten durch Verdrehungen, Lippenbekenntnisse und Blähwörter. Auch mit Anglizismen können wir sparsamer umgehen. Für den gekonnten Umgang mit der Muttersprache gibt es keinen Ersatz, wenn wir Lügen und Tatsachen auseinanderhalten wollen, und das müssen wir ja.

Oliver Baer @ 11:17
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Lösungen à la Kater

Beitrag vom 17 Februar 2017

Spottolski hat sich geautet. Keiner ahnt was Böses, plötzlich steht der Kater auf der Matte: „Warum sagt mir keiner was? Der Mann ist genial!“ brüllt er. „Er hat den Stein der Weisheit gefressen!“

Klima, wer braucht das schon? (Bild Fotolia)

Klima, wer braucht das schon? (Bild Fotolia)

Schnell schieben wir dem Kater einen Napf vor die Nase. Bei Thunfisch in Olivenöl hört er auf zu maulen, meistens, unser Spezialist für alles Ungewisse.

„Wer?“ frage ich vorsichtig. „Sehr gut,“ er leckt sich das Maul. „Der Typ mit den Muschis. Hat den Klimawandel abgeschafft.“ Wenn es ihn nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Nicht den Fisch, den Trump.

Dass wir nicht selber auf die Idee gekommen sind! Wir machen uns Gedanken, wie man dem Wandel beikommt, wir kommen auf die tollsten Lösungen – zu Zweit duschen, mehr kuscheln, solche Sachen – und schreiben dicke Bücher, damit Tonga nicht im Meer versinkt, und Hamburg, und Manhattan.

Dann kommt der Präsident der verunsicherten Staaten und tut was? „Unterschreibt ein Stück Papier!“ erklärt der Kater. Macht keine Faxen, schon hebt er den Blick und schreit: „Was noch? Bin gerade groß in Form.“

Was lernen wir daraus? Komplexe Probleme eignen sich für einfache Lösungen! Der Mann denkt gegen den Strich. Dazu nickt Spottolski und er senkt die Stimme: Als nächstes werde er die Krim abschaffen, und den Krebs. Der Trump. Das wisse er von den Miezen nebenan. Und die Kriminalität.

Aber nicht den Kreisverkehr, werfe ich ein. „Ich beanstande Dich,“ sagt Spottolski, „du unterschätzt den Mann. Apropos Krabben, die mit Mayonnaise, wenn ich bitten darf. Das wird man ja noch sagen dürfen!“

Wer in der Redaktion keinen Durchblick hat, braucht einen Kater.

Oliver Baer @ 11:16
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Ein eigenes Universum schaffen

Beitrag vom 17 Februar 2017

highway in berlin at night with motion blur

Geruchsarmes Marketing – auf Englisch eher nicht (Bild Fotolia)

Zwei Denkschulen des Marketings gibt es. In der einen wird das Unternehmen den Bedürfnissen seiner Kunden gerecht, in der anderen werden die Kunden über den Tisch gezogen. Gemeinsam ist beiden, dass der Anbieter irgendwie – und manchmal mit Erfolg – ermittelt, was die Kunden brauchen oder wenigstens, was sie wünschen. Die Gesamtheit der potentiellen Kunden ist der Markt. Was ihm angetan wird, nennt man die Vermarktung. Das klingt nach Verwurstung, deshalb spricht man vom Marketing. Eine Abart dieser Disziplin wird bei Volkswagen geübt.

Der Konzern spricht neuerdings ab einer gewissen Führungsebene statt Deutsch lieber Englisch. Es hat im Marketing des Konzerns schon vor Jahren Fuß gefasst. Als Sprache der Führungskräfte wird die Weltsprache Flurschaden anrichten, das hat schon bei Daimlers Ehe mit Chrysler nicht funktioniert. Hier fragen wir uns nur: Bringt die Weltsprache wenigstens dort einen greifbaren Nutzen, wo sie schon fast zur Lingua franca gediehen ist, im Marketing?

In der seriöseren der beiden Denkschulen ist die Unternehmensführung bemüht, den Erwartungen der Kunden, der Geldgeber sowie der Mitarbeiter gerecht zu werden – drei Gruppen mit teils widersprüchlichen Forderungen. Mitarbeiter, so viel Zeit muss sein, sind die Menschen, die ihre Arbeitskraft einbringen, nicht die Automaten und Algorithmen, deren – übrigens auch nicht englische – Muttersprache hier nicht zur Debatte steht, noch nicht. Seriöses Marketing betrifft demnach die Beschaffung, die Fertigung, die Verwaltung und ganz besonders das Zusammenwirken der Menschen im Hause sowie mit den Kunden. Da zahlt sich eine fehlerarme Verständigung aus, sonst werden Dinge ins Auto eingebaut, die da nicht hineingehören und anschließend dem Unternehmen, egal in welcher Sprache, Kopfschmerzen bereiten.

Der Einfachheit halber lassen wir hier außen vor, dass auch das Marketing zum kulturellen Genfundus des Unternehmens zählt. Wer auf Kultur pfeift, hat keine, Hauptsache die Kunden kaufen. In solchen Unternehmen erschafft und erneuert das Marketing von früh bis spät ein eigenes Universum. Daran glaubt das Unternehmen, die Mitarbeiter sollen glauben, sie müssen es, denn es gibt (während der Arbeitszeit) keine Alternative und so produziert der Konzern stets neue Seifenblasen. Ein Haufen Leute im Hause hat mit Schaumschlagen alle Hände voll zu tun, eine Tätigkeit die umso edler aussieht, je weniger Deutsch dabei gesprochen wird.

Das muss nicht verblüffen, es war schon immer so, dass das Fremdländische – wenn es nicht abschreckt oder Angst macht – zum Imponieren geeignet ist. So heißt bei VW der Allradantrieb 4MOTION, ein Begriff der auch auf Englisch kaum zu ertragen ist. So dümmlich kann die Grammatik gegen den Strich nur bürsten, wer weder Deutsch noch Englisch beherrscht. Oder das RSE, es steht für Rear Seat Entertainment, das den Fondpassagieren multimediale Unterhaltung bietet. Rücksitzunterhaltung hätte haarklein dasselbe besagt, aber Blähwörter blühen bunter auf Englisch. Das Dumme ist nur: Wer schon vorher glaubwürdig war, kann sich solche Sprachvernichtung ausnahmsweise erlauben. Volkswagen aber weckt Fragen im Hinterkopf des aufgeweckten Kunden: Das sind doch die Leute, deren Betriebsrat in brasilianischen Bordellen gefügig gemacht wurde; die urplötzlich überflüssige Vorstandsmitglieder mit geradezu sagenhaften Rentenansprüchen nach Hause schicken. Könnte es sein, fragt sich König Kunde, dass der Kaufpreis meiner Kiste noch mehr von solchem Quatsch bezahlt? Schließlich stellt sich heraus, dass ich in Sachen Abgas nicht bekomme, was mir versprochen wurde. Mit anderen Worten: Ich fühle mich über die Kante gezogen.

Immerhin ergibt das ganze einen Sinn, sobald sich der Kreis schließt: In einer denglischen Sprachtunke lässt sich viel verbergen, even the biggest Schmuh sounds better in English. Merke, die Wahrheit klingt auf Deutsch glaubwürdiger, übrigens auch nachhaltiger für das kurz- wie langfristige Streben nach Gewinn. Seriöse Unternehmen setzen auf Glaubwürdigkeit, alle anderen dürfen auf Englisch weitermachen.

Oliver Baer @ 11:14
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Durchgreifen nach dem Wahlsieg in USA

Beitrag vom 9 November 2016

Das geringere Übel gewählt

Das geringere Übel gewählt

Die Präsidentenwahl wurde nicht gewonnen, sie wurde verloren. Zu dieser Erkenntnis kam Kater Spottolski heute früh nach Beratung mit den Miezen nebenan.

Künftig gehe er ihnen auch ohne Aufforderung an die Wäsche, habe er angekündigt, wie Trump: „Er sagt, wie es ist.“ „Das tust du sowieso. Immer“, soll die Gefleckte aus dem Friseursladen erwidert haben. Da waren sie sich einig, die Miezen, bis auf die Persianerin mit dem sexy Silberblick. Ihr ist der Anstoß zu der Zutunliste zu verdanken, die er als Redakteur für Beklopftes einreichte: honorarfrei und sinnfrei, wie immer:

Spottolskis Zutunliste

• Politische Korrektheit: mehr davon, hat sich voll bewährt
• Pegida beschimpfen: Immer feste druff!
• AfD rechts überholen: wo sonst?
• Nichtwähler mobilisieren: System aufmischen!
• Die europäische Idee vernebeln: weiter so!
• Die Engländer vergraulen: raus mit ihnen!
• Griechenland zumachen: Mauer drum herum
• Italien: auch
• Rumänien: sowieso
• Erdogan: Asyl in Warnemünde anbieten: hat er verdient
• Frau Petry: flachlegen; dabei ans Vaterland denken
• Politiker: Lernkurve sofort: Wie täuscht man Echtheit vor?
• Thunfisch: nur noch in Olivenöl!

Spottolski verspricht eine Fortsetzung der Liste: „Klare Sprache, ohne erkennbaren Zusammenhang, Erfolgsrezept!“. Die Liste werde am offenen Herzen nachgebessert, no risk no fun. Welcher Punkt sei der wichtigste, fragten wir ihn. „Alle!“, schrie er, „bis auf den letzten. Der gilt sowieso.“ Das sei nun unklar, wandten wir ein. „Dann fragt Trump, der isst authentisch. Fisch nur aus der Dose, im feinsten Öl. Anschließend Sex.“

Liebe Leser, wir halten sie auf dem laufenden, die Dosen betreffend.

Oliver Baer @ 10:44
Gespeichert in: Spottolski
Der Ton macht die Musik

Beitrag vom 9 November 2016

Durch's Dorf getrieben  (Bild ® Behland )

Durchs Dorf getrieben (Bild ® Behland )

Eines zum Abhaken vorweg: Zorn ist an sich nichts Böses. Dass einem der Hut hochgeht, kann passieren. Ein gut gepflegter Zorn mag der blinden Wut sogar vorbeugen. Aber unterscheiden müssen wir zwischen Zorn und Kritik, und mit Wut sollte sie schon gar nicht verwechselt werden.

In den Medien und auf der Straße, nun auch im US-amerikanischen Wahlkampf beobachten wir nicht nur den Verlust aller Manieren der Zivilgesellschaft. Wir erleben Menschen, die auf die Zukunft pfeifen, denn wie soll es morgen weitergehen, wenn wir heute so hasserfüllt aneinander vorbeireden, wenn wir auf jede Vermutung abfahren als wäre sie tatsächlich eine Tatsache? Die Gesellschaft gleicht nun mal keiner Ehe, wo Versöhnung gelegentlich im Schlafzimmer stattfindet.

Nehmen wir die Pegidisten und gleich auch ihre Gegner, einschließlich der in diesen Dunstkreisen wirkenden Mitschimpfer über die deutsche Sprache. Sie schimpfen, sie halten ihr Gepöbel für Kritik. Da wird das Wort Kritik falsch verwendet. Was tut der Literaturkritiker? Grundsätzlich verreißen, was ihm vor die Augen gerät? Keineswegs, selbst der gefürchtete Marcel Reich-Ranicki fand Gutes, Gelungenes, Erfreuliches zu erwähnen. Kritik ist nichts Böses; Kritik kann, muss aber nicht auf den Zorn des Kritikers beschränkt bleiben.

Kritik im eigentlichen Sinne fußt auf einer Bedingung, die in Vergessenheit gerät: dass ich den Standpunkt des anderen würdige, auch wenn er mir nicht passt. Schließlich hat er einen Grund dafür, auch wenn er sich irrt oder nur ungeschickt ausdrückt. Missachte ich das Recht des anderen auf seinen Standpunkt, auch sein Recht auf Irrtum, fehlt wiederum mir das Recht ihn zu kritisieren.

Klarstellung: Nur Dreck schleudert, wer Kritik nicht in diesem Sinne leistet. Damit kann man Wahlen gewinnen, aber nicht die Zukunft. Auch Gegenpöbelei baut keine Brücken. Daher dieser Vorschlag zur Güte: Setzen wir zum Maßstab unseres Verhaltens die kleine Feier in unserem Wohnzimmer. Wer dort nicht aufhört zu pöbeln, riskiert den Rausschmiss, jedenfalls wird er nicht mehr eingeladen. Das ist das Recht und die Pflicht des Hausherrn. Er muss, bei aller Streitkultur, eine Grenze ziehen. Wem das nicht passt, der kann sich wie – die klügeren – Hooligans zur herzhaften Schlägerei im Wald verabreden. Eine Zivilgesellschaft, in der wir darauf verzichten einander mit Knüppeln zu überzeugen, kann sich den Ton nicht leisten, der im Internet herrscht und von Populisten, Pegidisten und ihren Gegnern aufgegriffen wird.

Geht es hier nur darum den Knigge wiederzubeleben? Nein, lasst uns bedenken, dass wir einander wiederbegegnen könnten, um eine Brücke wieder aufzubauen, um ein wenig Brüderlichkeit zurückzugewinnen. Dieser Gedanke ist selbstverständlich in den Wind gerufen. In Pöbelei steckt mehr Lustgewinn. In der Anwendung des Verstandes steckt nur stille Befriedigung.

Oliver Baer @ 09:30
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Mit der Sprache tanzen darf jeder

Beitrag vom 9 November 2016

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)

Wem gehört die Sprache? Dem Duden, den Bürgern, der rechtschreibenden Tante Klara? Anders gefragt, mit einem Blick auf benachbartes Kulturgut: Wem gehört Mozart? Den Deutschen, den Österreichern, den Salzburgern, den Wienern? Der ganzen Welt? Oder ganz persönlich: Gehört der langsame Satz seines d-Moll-Streichquartetts der verflossenen großen Liebe? Gehört in der Kultur überhaupt etwas irgendwem – außer dem Urheber, wohlgemerkt? Gehört die Sprache allen, so gehört sie keinem – das kommt auf dasselbe heraus. Warum solche Fragerei? Weil uns Besitzansprüche zu schaffen machen, die unseren Sprachgebrauch einengen.

Sehen wir es vom Standpunkt des Einzelnen: Keiner verdient Vorwürfe für seine Vorlieben und Abneigungen. Etwa wenn ihm Wörter Pein bereiten, weil sie von einem Joseph Goebbels bis zum bitteren Ende durch die Medien gepeitscht wurden. Das war der Propagandaminister mit der Vorliebe für Fremdwörter: „fanatisch“, „Fanal“, „total“. Beinahe harmlos war dagegen Herbert Wehners „Übelkrähe“, zum Ärger des so beschimpften Abgeordneten Wohlrabe (und vermutlich seines Sohnes auf dem Schulhof). Wer besaß die Übelkrähe?

Konsequenterweise verdient Vorwürfe auch nicht, wem bei „Umvolkung“ schlecht wird. Schon „völkisch“ kann einem sauer aufstoßen. Ältere Mitbürger zögern schon bei dem Wort „Muttersprache“, ihnen baumelt gleich das Mutterkreuz vor dem inneren Auge. Es gibt Wörter, die sind mit Altlasten verseucht wie alte Armeetankstellen mit Diesel. So verlieren wir Wörter, ganze Begriffsfelder an Feinde, auch Freunde, an Umstände jenseits unserer Reichweite. Muss das so bleiben, oder kann man belastete Wörter wieder salonfähig machen?

Man kann es vielleicht nicht immer, bei dem Wort „Volk“ muss es sogar geschehen. Das Volk gab es lange vor 1933, lange bevor Deutschland 1867 zu einem Staat (wenn auch ohne die Deutschen des Habsburger Reiches) zusammenwuchs. Das Wort „Volk“ ist über ein Jahrtausend alt. Es ist das wichtigste Wort der deutschen Sprache. Dazu ein Blick auf die europäische Geschichte

Seit Ende des 8. Jahrhunderts ist das lateinische Wort „theodiscus“ in Dokumenten zu finden. Es ist bezogen auf das gotische thiuda (Þiuda) mit der übertragenen Bedeutung des Begriffes „Volk“. „Theodiscus“ bedeutet daher „volkssprachlich“, will sagen „nicht das Latein der Gelehrten“. Die Volkssprache diente der Verständigung der nichtgelehrten Leute untereinander. In allen Dokumenten geht es um Mitglieder der germanischen Sprachfamilie. Selbst Jahrhunderte später, als es über „theodisc“ „diutisc“, „diutsch“ schließlich zu „dütsch“ gewandelt wurde, bezeichnete das Wort sprachliche Gemeinsamkeit, nicht etwa sprachliche Einheit: Es diente zur Unterscheidung der eigenen von fremden Sprachen (genauer, spannender und auch für Nichtlinguisten nachvollziehbar, ist Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache) von Jochen Bär.

Womit wir zur Kernfrage gelangen. Lassen wir uns dieses Wort nehmen, so fehlt uns der einzige Begriff, der uns zusammenhält: Das deutsche Volk ist definiert durch seine Sprache, nur durch die Sprache und sonst nichts. Kein Wunder, dass es uns schwerfällt Einigung über eine Leitkultur zu finden, oder gar einen „deutschen Geist“ dingfest zu machen. Dazu sind wir in Mitteleuropa ethnisch viel zu gründlich durchmischt, nicht erst seit wir über eine Million Gastarbeiter ins Land riefen. Seither wird hier mehr Pizza verputzt als Jägerschnitzel. Das Deutschsein durch eine Liste von Wesensmerkmalen zu definieren, so verständlich die Sehnsucht danach sein mag, gelingt nicht, es hat uns mehr Unheil als Segen beschert.

Beschränken wir uns daher auf das einzige wirklich Deutsche, die gemeinsame Sprache. Bestehen wir darauf, dass das Wort „Volk“ in unseren Sprachalltag wieder aufgenommen wird! Ohne braune Färbung. Verzichten wir auf „völkisch“ und „Umvolkung“, aber bleiben wir hart bei „Volk“. Die Nationalsozialisten haben es nicht verdient, dass es ihnen gehören dürfte. Würden wir es den Braunen überlassen, hätten Hitler und Goebbels am Ende doch gewonnen, nur weil sich ihre politisch korrekten Gegner das Wort aus dem Mund nehmen lassen.

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Quelle: Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache, von Jochen A. Bär
Bild: Reichstag_inschrift.jpg Von Lighttracer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,

Oliver Baer @ 09:00
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Wissenschaftsfeindlich sind wir nicht

Beitrag vom 22 September 2016

Zwischen Linguisten und Sprachbewahrern im Verein Deutsche Sprache herrscht miese Stimmung. der Verein sei wissenschaftsfeindlich, behaupten jene. Sie täten nichts zum Schutz der Sprache vor schädlichen Einflüssen, beklagen diese. Hinzu kommt der Vorwurf, der Verein sei nationalistisch unterwandert. Als Beleg dafür dient der Widerspruch zwischen Beiträgen und Leserbriefen in den vierteljährlichen Sprachnachrichten.

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Haken wir die politische Frage gleich ab. Ein Verein mit so vielen Mitgliedern wie der VDS bildet viele Milieus der Gesellschaft ab. Ein Beispiel: Horst Hensel, dessen Werk über Rosa Luxemburg untermauert, woher er kommt – vom linken Flügel der Arbeiterklasse. Der im Otto-Suhr-Institut gar nicht zu Wort kam, weil ihn die angehenden Wissenschaftler als Nazi im Visier hatten. Das muss man sich vorstellen: Er hadert mit der gängigen Sprachästhetik, das aber ist politisch nicht korrekt, der kann also nur reaktionär sein. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte einem solchen Versagen aller Denkfähigkeit gram sind. Und so finden sich unter den Mitgliedern auch Wähler der AfD, wie unanständig. Man sollte das Volk verbannen und sich ein neues suchen.

Da wird die Muttersprache munter mit dem Vaterland in einem Topf verrührt, ein Vorwurf den sich in der Umkehrung auch die VDS-kritischen Linguisten einhandeln. Wissenschaftlichkeit sieht anders aus, abwägend, abgeklärt gegenüber falschen Zungenschlägen aus den Niederungen des Volkes. Wenn Wissenschaftler vom Volk nicht verstanden werden, liegt es an ihrem rücksichtslosen, elitären Umgang mit der Sprache der Steuerzahler. Ein, zwei Scheibchen könnte man sich von der Einstellung amerikanischer Akademiker abschneiden, sie neigen dazu sich verständlich zu machen.
Wenn Beiträge und Leserbriefe ein verwirrendes Bild abgeben, belegt das die Meinungsvielfalt im Verein. Zwischen Sprachästheten und Anglizistenjägern herrscht ein fortwährender, auch hitziger Streit. Warum auch nicht? Dass Fremdwörter zur deutschen Sprache gehören, kann man auch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Dass von den Anglizismen zu viele nur unter Ausschaltung des Gehirns gedeihen, dürfte ebenso unstrittig sein. Was soll das, wenn eine vielgelesene EM-Teilnehmerliste alle Nationen auf Deutsch nennt, außer Germany? Hat das der Autor der Liste nicht bemerkt? So weit sind wir schon? Wollen Sie diesen Satz noch einmal lesen?

Der Verein Deutsche Sprache vermisst Beiträge der Linguisten, warum solcher Unfug mit der Sprache von über hundert Millionen Menschen geschieht, welche Folgen das zeitigt, wie man sich dazu verhalten könnte. Aber die Linguisten (alle, viele, einige?) beschränken sich darauf zu beschreiben, was ist. Bemerkt der Statiker Risse in der Autobahnbrücke, genügt nicht die Beschreibung des Übels, da erwartet der Bürger, dass Reparatur angestoßen wird. Der Vergleich ist keineswegs schief. In manchen Domänen haben wir unsere Sprache bereits aufgegeben, am schlimmsten sieht es in den Wissenschaften aus. Na und, dann reden wir eben Englisch! Eben nicht. Mit ihrem armseligen Englisch können deutsche Muttersprachler kaum über die Rampe bringen, was an ihrem Beitrag so wertvoll ist, wie sie darauf gekommen sind, was daraus zu machen wäre. Ausgerechnet die Wissenschaftler verwechseln gern ihre rezeptive Fertigkeit einen englisch verfassten Beitrag zu verstehen mit der produktiven Fähigkeit, Gleiches auf Englisch zu leisten.

Liebe Linguisten, hört die – sicher auch mal unsachliche – Kritik der Sprachbewahrer als einen Schrei um Hilfe! Sprache hat mit Denken zu tun, im wechselseitigen Einfluss. Über das Ausmaß lässt sich streiten, aber wir können nicht so tun, als habe es nichts zu bedeuten, wenn Schulabgänger einen ganzen Satz nicht mehr unfallfrei zu Ende bringen. Wie sollen sie in einer globalisierten Welt, wo bald alles digitalisiert ist (schon quellen ganze Häuser aus 3D-Druckern!), wenn das einzige nicht Digitalisierbare, das schöpferische Denken, in einem Sprachgebrauch versumpft, der bald nur noch zum Bierholen genügt?

Schwarzmalerei? Wie wäre es, wenn sich Linguisten darauf einließen, ihren Standpunkt den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache plausibel zu machen, und zwar in den Sprachnachrichten des Vereins? Sodass eine fruchtbare Debatte folgt, vielleicht sogar ein Meinungsaustausch: Ihr schätzt unsere Meinung, wir teilen Eure, wenigstens zum Teil? Wissenschaftsfeindlich ist der Verein Deutsche Sprache nicht, aber skeptisch, enttäuscht, allein gelassen mit einem Problem, das man ignorieren kann, aber davon geht es nicht weg. Die Linguistik müsste sich des Themas nur annehmen, sie würde sicher mit wichtigen Beiträgen brillieren können. Darauf hoffen die Sprachbewahrer: dass Wege aufgezeigt werden, wie man aus dem manchmal peinlichen Jammern zu nützlichem Handeln kommt. Linguisten, Ihr seid dran!

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Oliver Baer @ 19:06
Gespeichert in: Gesellschaft
Weiter geht es mit dem Schattenboxen

Beitrag vom 22 September 2016

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Ein fairer Wettlauf, selbstverständlich ohne Substanzen einzuwerfen (Bild ©Behland)

Englisch als erste Sprache der Europäer in Brüssel, Straßburg und Luxemburg wird überleben und sei es in den informellen Kanälen der kleinen Kameradenwege. Zumindest bleibt ihr globalesisches Englisch ein Störfaktor. Wer schreibt, der bleibt. Die meisten Vorlagen werden so formuliert und bestimmen schon deshalb den Verlauf der Debatte. Widerstreitende, überlegene Gedanken, die nur aus anderen Sprachen möglich sind, fallen auf keinen fruchtbaren Boden. Genau betrachtet, bewegt Globalesisch die Gemüter mehr als nötig, es gibt Wichtigeres. Würde es nämlich durch die französische Kanzleisprache oder das Amtsdeutsch abgelöst, das Hauptproblem bliebe bestehen: Sprache als Mittel zum Überleben geht uns nach und nach verloren.

Ja, zum Überleben. Worauf wir uns sprachlich einlassen, das ist, als würden wir zum Hundertmeterlauf in Gummistiefeln antreten. Als event mag so etwas lustig sein, aber Sprache ist das erste Werkzeug zum klaren Denken und zur fehlerarmen Verständigung. Ihr Missbrauch gehört ersetzt wie falsches Schuhwerk durch Läuferschuhe, Wanderstiefel, Strandlatschen.

Mit welcher Sprache hat uns denn die Mutter vertraut gemacht? Mit der Sprache, in der wir denken. Das gilt für uns alle – abgesehen von den Genies, aber sie sind kein Maßstab. Wer in zehn Sekunden hundert Meter zurücklegt, hat dafür lange trainiert (auch mit verbotenen Substanzen fällt nichts vom Himmel). Kein Wunder, dass sich die Muttersprache am besten eignet, sie hat uns schon im Mutterleib geprägt. Dass Denken und Sprache ursächlich verknüpft sind und einander bedingen, kann jeder selbst erleben. Versuchen wir einen komplizierten Sachverhalt von der Idee bis zur Schlussfolgerung in unserem Schulenglisch zu Ende zu denken, unseren Vorschlag auf Englisch zu verteidigen und gegen Widersprüche der Mitdenker auch noch zu bereichern. Wer das wirklich kann, hat viele (VIELE!), mindestens fünf Jahre in gebildeter Umgebung täglich nur Englisch gesprochen, fleißig Bücher gelesen und den Punkt erreicht, wo er auf Englisch denkt. So einer bewegt sich im oberen C2-Bereich des GER.

Das ist nun mal so, keiner muss deshalb das Gesicht verlieren. Warum sollten ausgerechnet Naturwissenschaftler und Ingenieure derart sprachbegabt sein, dass diese Beschränkung für sie nicht gälte? Leider lassen wir uns täuschen, wenn wir fremdsprachliche Texte lesend verstehen. Das ist nur ein Wiederkäuen der Gedanken anderer Leute. Hingegen eigene Gedanken in der fremden Sprache zu beschreiben, ist ein schöpferischer Vorgang, und den stemmen die meisten nicht, auch nicht Chefs und schon gar nicht die Benutzer des Euroglobalesischen.

Schlagen wir den Bogen zur Muttersprache: Mit unserem Englischwahn kreisen wir in einer Blase der Einbildung. Was Eurokraten zustandebringen, das sind durchweg formelhafte Wendungen, mit Sprachhülsen verfilzte Unsäglichkeiten. Für die Verwaltung mag das genügen (wirklich?). Für Geburt und Aufzucht von Problemlösungen gegen Finanzkrisen, Flüchtlingsdesaster, getürkte Militärputsche und für den Umgang mit Wählern, die ihre Stimme wie das Altpapier abgeben – dafür brauchen wir kreative Menschen, die zu neuen, eigenen Gedanken fähig sind. Weil das aber am besten, wenn überhaupt, in der Muttersprache gelingt, müssen wir Europäer endlich die Konsequenzen unseres Angloholismus ausdiskutieren. Das Ergebnis dieser Debatte dürfte die folgenden Komponenten enthalten:

Die Kinder, Schüler, Erwachsenen lernen als erstes ihre eigene Sprache bewusst zu verwenden. Auf dieser Grundlage lassen sich Fremdsprachen oberhalb des touristischen Gebrauchs erwerben. Dazu sollten wir mindestens zwei Sprachen der Nachbarn erwerben, Dänisch, Tschechisch, Niederländisch. Auch Englisch. Wir müssen sogar zweierlei Englisch unterscheiden. Die Kultursprache verwechseln wir nicht mit der Weltsprache; nennen wir diese Globisch, ein weltweit verständliches und korrektes, aber vereinfachtes Kulturenglisch. Es ist kein Pidgin. Zu erwerben sind ferner die Fachsprachen unserer Berufe, dazu mag das Euroglobalesische zählen – das wäre zu erörtern. Weder Globisch noch Globalesisch sind ein Ersatz für bewussten Sprachgebrauch, der uns weiterbringt.

Sodann benötigen wir viele gut ausgebildete, fleißige Dolmetscher und Übersetzer. Sie sind wichtiger als Autobahnkilometer. Sie müssen unsere muttersprachlich durchformulierten Gedanken angemessen übersetzen, und zwar ohne Mogelpackung, also nicht von Polnisch über Englisch zu Dänisch hinüber hangeln, sondern direkt. Nur dann schöpfen wir den Reichtum europäischer Vielfalt aus, sie ist unser großer Vorteil in einem Weltmarkt, wo uns grenzenloser digitaler Unfug überschwemmt. So eine Welt mag mit schlechtem Englisch als Weltsprache auskommen. Uns genügt weder die Sprache von Automaten noch der Schnack von Gartenzwergen.

Was also sollten sie in Brüssel sprechen? Wenn es – in Gottes Namen – eine Eurokratensprache sein soll, dann bitte jede beliebige, nur nicht das grauenvolle Englischderivat, mit dem ganz Europa eine Weltsicht aufgezwungen wird, die nicht einmal den Engländern passt, wie uns der Brexit zeigt. Wir Europäer verdienen einen neuen Ansatz, einen der Europa den Wählern wieder näher bringt. Einen Ansatz auf Grundlage der Muttersprachen, aller Muttersprachen.

Jetzt auch Tweets von Oliver Baer


Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GeR; englisch: CEFR) […] ist eine umfangreiche Empfehlung, die den Spracherwerb, die Sprachanwendung und die Sprachkompetenz […] transparent und vergleichbar macht. Die Empfehlung wird für alle Teilqualifikationen (Leseverstehen, Hörverstehen, Schreiben und Sprechen) vorgenommen und ist in Form von sechs Kompetenzniveaus […] formuliert.

Kompetenzniveau A: Elementare Sprachverwendung — A1 Einstieg, A2 Grundlagen
Kompetenzniveau B: Selbständige Sprachverwendung — B1 Mittelstufe, B2 Gute Mittelstufe
Kompetenzniveau C: Kompetente Sprachverwendung — C1 fortgeschrittene Kenntnisse, C2 exzellente Kenntnisse

Die Stufen sind umfangreich beschrieben, (Zitate Wikipedia). Richtig zu verstehen ist Stufe C2. Sie ist nach oben offen, im unteren C2-Bereich gelten die Kenntnisse als annähernd muttersprachlich.

Oliver Baer @ 17:48
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Weshalb sich Selbsternannte selbst ernennen

Beitrag vom 22 September 2016

Anlass zum Sprachschutz finden „selbsternannte Sprachschützer“ jeden Tag. Die Anlässe entstehen wie auf einem laufenden Band. Es muss nur jemand vor Mikrofonen oder Kameras stehen, schon sondert er Unsägliches ab.

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran? (Bild ©Behland)

Apropos, wer ist diese Woche mit Ernennen dran?

„Diese Anschläge sind erschütternd, bedrückend und deprimierend“, meint die Bundeskanzlerin. Unklar bleibt, welche Sprache sie verwendet. Sie hört sich an wie Deutsch. Schwächer als mit derart abgegriffenen Mittelwörtern könnte sie ihre Empfindung nicht darlegen. „Auf die Machenschaften dieser Täter fallen wir nicht herein!“ – Das wäre ein Wort gewesen, da hätte die Nation aufgehorcht: Merkel macht ernst! Lasst uns hinhören, gleich kommt eine Ansage!

Nichtssagung gelingt auch schriftlich, beispielsweise bei der Aufforderung zum Nichtrauchen: „Rauchen ist tödlich“. Dass es ungesund ist, bestreitet ja keiner. Aber tödlich? So weit es präzise Zahlen gibt: Etwa ein Drittel der Raucher stirbt vom Rauchen, zwei Drittel der Raucher sterben von etwas anderem. „Rauchen ist tödlich“ ergibt daher so viel Sinn wie „Heiraten führt zur Scheidung“, auch da soll die Häufigkeit bei einem Drittel liegen. Solche Sätze sind Unfug der Kategorie strong>Sprachhülsen, unglaubwürdig, mithin überflüssig, also schädlich, denn sie verleiten zum Weghören. Merke: Nur das Leben führt mit Sicherheit zum Tode. Wer den vermeiden will, sollte nicht erst geboren werden.

„Bullshit ist Gerede, bei dem der Sprecher sich nicht darum schert, ob es stimmt“, meint Harry Frankfurt. Wenn aber keiner mehr zuhört, erübrigt sich die Sprache. Genau das soll die Sprache der Mikrofonbenutzer bewirken. Vertraut uns, wir werden es schon richten. Ach ja? Viele Modewörter fallen in dieselbe Kategorie: Commitment, Infotainment, Roadmap, Shitstorm, Smart Data, Work-Life-Balance. Bei diesen Wörtern steht „der alsbaldige Gebrauch eindeutig vor dem Nachdenken über die richtige Verwendung.“ (Danke, Joachim Kronsbein für diese schöne Formulierung).

„Sprache ermöglicht hochdifferenzierte Mitteilungen“ (Danke, Georg Schramm). Wo diese ausbleiben, fühlen sich Sprachschützer zum Widerstand berufen. Überhaupt gilt die Frage: Müssen Sprachschützer überhaupt ernannt werden? Von wem? In Frankreich gibt es die Académie Française, ihr Ziel ist die „Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache“. In Deutschland müssen wir uns selbst kümmern, uns selbst ernennen. Das muss so sein, denn „ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“ (Danke, Element of Crime). Es muss nun mal ein paar Leute geben, die den Gartenzwergen in die Kniekehlen treten. Also, liebe selbsternannte Kritiker der Sprachschützer: Falls sich der VDS umbenennt in „Selbsternannte Sprachschützer e.V.“ – was dann, wäret ihr sprachlos?

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Oliver Baer @ 16:52
Gespeichert in: Gesellschaft
Spottolski wirft für Englisch

Beitrag vom 5 Juli 2016

Trabbel mit den Akzenten: Für die Angelsachsen sind Fremdsprachen echt schlecht. (Bild © Baer)


Spottolski, der kaum katholische Kater, vormals Marketingexperte, dann Politiker, dann wieder nicht, wirft sich für die Wertmarkigkeit der englischen Sprache in die Waagschale. Gleich nachdem sich der Brexit bis zu ihm durchgesprochen hatte, beendete er die Belagerung der Eisdielenmieze und kreuzte in der Redaktion auf. Zum Entzücken der Volontärin – ältere Leser erinnern sich, die mit dem Rock und den Beinen – wo waren wir? Ach so, die hat er spontan eingespannt, sie solle mal notieren, was er kundtut.

Und hub der Kater an, Englisch als fortzuwährende Amts- und Arbeitssprache der EU zu verteilen, Quatsch, verteidigen. Will sagen, die soll bleiben. Warum? Weil erstens, dozierte Spottolski, weil erstens die englische Sprache total demokratisch sei und überhaupt sei das mühelos zu begründen: „Englisch ist total klassenorientiert. Wer Latein kann, versteht den Arzt. Wer nicht, der nicht. Da weiß man doch, und das ist Demokratie.“

Den wallenden Widerspruch der Kurzberockten winkte er sogleich durch: „Jetzt nicht! Das muss raus.“ Englisch sei auch voll integrativ. Die englischen Universitäten verlangen keine Kenntnis von Fremdsprachen mehr. Da kommt also jeder rein, demokratisches Klassenbewusstsein vorausgesetzt, aber das hatte die Berockte bereits auf dem Block.

„Die Engländer haben genug Ausländer – ich sage nur ein Wort: oberschlesische Jobschmarotzer, die den Einheimischen allen Ehrgeiz auf ehrliche Arbeit nehmen – sind wir schon bei Zweitens? Gut so, genug Ausländer, die schon Fremdsprachen können.“ Da sehe man wieder, was das bringt: Fremdenhass. Daher Englisch.

Die Sprache der Briten, fuhr er fort, sei vorzuziehen, da sie als Lernvorbild für alle anderen stehen. Wer? Die Briten. Keiner lerne so gründlich seine Muttersprache wie sie. Da könne man sich eine Scheibe von abdingsen. Dass die Engländer keine andere Sprache drauf haben, sei kein Chauvinismus, da müsse mal Tacheles gebügelt werden: Schlechtes Englisch für alle! Na bitte.

„Reicht das?“ schrie Spottolski, er habe zu tun drüben hinter der Eisdiele. „Halt!“ fügte er hinzu: „Das AAA Rating ist schon mal weg.“ Schnell warfen wir die Frage ein, er war schon fast zur Tür hinaus: Was das mit der Eurosprache zu tun habe? „Keine Ahnung, aber es macht was her.“ Sprach’s und verschwand. Und stand gleich wieder da: „Die Antwort ‚Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf.‘ kommt auf Englisch doppelt so stark rüber. Wetten?“ Das müsse man nutzen. Und verschwand – nicht. Er guckte noch einmal zur Tür herein: „Das sind narzisstische Psychopathen. Der nächste ist Donald Duck. Ich muss jetzt weg. God save the Whatsit!“

Oliver Baer @ 14:56
Gespeichert in: Spottolski