baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Spottolski wirft für Englisch

Beitrag vom 5 Juli 2016

Trabbel mit den Akzenten: Für die Angelsachsen sind Fremdsprachen echt schlecht. (Bild © Baer)


Spottolski, der kaum katholische Kater, vormals Marketingexperte, dann Politiker, dann wieder nicht, wirft sich für die Wertmarkigkeit der englischen Sprache in die Waagschale. Gleich nachdem sich der Brexit bis zu ihm durchgesprochen hatte, beendete er die Belagerung der Eisdielenmieze und kreuzte in der Redaktion auf. Zum Entzücken der Volontärin – ältere Leser erinnern sich, die mit dem Rock und den Beinen – wo waren wir? Ach so, die hat er spontan eingespannt, sie solle mal notieren, was er kundtut.

Und hub der Kater an, Englisch als fortzuwährende Amts- und Arbeitssprache der EU zu verteilen, Quatsch, verteidigen. Will sagen, die soll bleiben. Warum? Weil erstens, dozierte Spottolski, weil erstens die englische Sprache total demokratisch sei und überhaupt sei das mühelos zu begründen: „Englisch ist total klassenorientiert. Wer Latein kann, versteht den Arzt. Wer nicht, der nicht. Da weiß man doch, und das ist Demokratie.“

Den wallenden Widerspruch der Kurzberockten winkte er sogleich durch: „Jetzt nicht! Das muss raus.“ Englisch sei auch voll integrativ. Die englischen Universitäten verlangen keine Kenntnis von Fremdsprachen mehr. Da kommt also jeder rein, demokratisches Klassenbewusstsein vorausgesetzt, aber das hatte die Berockte bereits auf dem Block.

„Die Engländer haben genug Ausländer – ich sage nur ein Wort: oberschlesische Jobschmarotzer, die den Einheimischen allen Ehrgeiz auf ehrliche Arbeit nehmen – sind wir schon bei Zweitens? Gut so, genug Ausländer, die schon Fremdsprachen können.“ Da sehe man wieder, was das bringt: Fremdenhass. Daher Englisch.

Die Sprache der Briten, fuhr er fort, sei vorzuziehen, da sie als Lernvorbild für alle anderen stehen. Wer? Die Briten. Keiner lerne so gründlich seine Muttersprache wie sie. Da könne man sich eine Scheibe von abdingsen. Dass die Engländer keine andere Sprache drauf haben, sei kein Chauvinismus, da müsse mal Tacheles gebügelt werden: Schlechtes Englisch für alle! Na bitte.

„Reicht das?“ schrie Spottolski, er habe zu tun drüben hinter der Eisdiele. „Halt!“ fügte er hinzu: „Das AAA Rating ist schon mal weg.“ Schnell warfen wir die Frage ein, er war schon fast zur Tür hinaus: Was das mit der Eurosprache zu tun habe? „Keine Ahnung, aber es macht was her.“ Sprach’s und verschwand. Und stand gleich wieder da: „Die Antwort ‚Die Regierung sieht keinen Handlungsbedarf.‘ kommt auf Englisch doppelt so stark rüber. Wetten?“ Das müsse man nutzen. Und verschwand – nicht. Er guckte noch einmal zur Tür herein: „Das sind narzisstische Psychopathen. Der nächste ist Donald Duck. Ich muss jetzt weg. God save the Whatsit!“

Oliver Baer @ 14:56
Gespeichert in: Spottolski
Blödsinn vom Böhmermann

Beitrag vom 1 Mai 2016

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Ich bin keine Ziege, und die da auch nicht. (Bild © Behland)

Nichts gegen derbe Sprache, nichts gegen anzügliche Texte, nichts gegen schmähende Gedichte, alles zu seiner Zeit an seinem Platz! Aber mir kocht die Frage hoch, ob zur Kunst alles zählt, was uns so einfällt, wenn der Tag lang ist? Bis auf die eine Begründung – sonst fällt mir keine ein –, dass wir alle die Freiheit einfordern, unsere Meinung zu äußern, und sei es künstlerisch, o Graus.

Nur diesen Wunsch hat Böhmermanns Text mit der Ausübung von Kunst gemeinsam, sonst nichts. Schon gar nichts mit Kunst zu schaffen hat der Präsident unseres NATO-Partners Türkei. Er treibt sich auf jeder Baustelle herum, wo ihn eine Kamera beim Absondern von Phrasen abbilden kann. Merke: Ob sich jemand beleidigt fühlt, zu Recht oder nicht, mag mit allerlei zu tun haben, nur nichts mit der Kunst.

Frühzeitig erfuhren wir: „Das war nett, mein Junge und es reimt auch so schön, aber weißt du, es dichtet nicht.“ Ab wann ein Text dichtet? Da tut sich eine Grauzone auf. Aber nur weil etwas grau daherkommt, erklär ich nicht alles Graue zur Kunst. Böhmermanns Schmähtext ist geschmacklos. Schon die Mohammedkarikaturen enttäuschten mich: Als Satire waren sie beinahe gelungen. Beinahe. Oder muss ich nun jeden Furz, sobald ihn ein Satiriker lässt, als grundgesetzlich schützenswert zur Kenntnis nehmen? Da stelle ich andere Ansprüche, und ich weiß, wovon ich rede; mir ist selber schon so manche Satire missraten. Hinsetzen und neu schreiben! Kein Fuchteln mit der Kunstkeule wird den Text retten! Selbst auf einem Meinungsknopf lässt sich Satire tiefer, bissiger, giftiger rüberbringen als in den Reimen des Böhmermanns.

Auf der Bühne wie angesengt zu schreien ist kein Ersatz für das Sprechen, und schon gar nicht wird Kunst daraus, wenn kein Wort zu verstehen ist. Es gälte denn das Motto: „Die Sprache ist der Tod des Theaters“ (O-Ton aus einer deutschen Theaterprobe). Oder aus dem Blickwinkel des Geldes: Wenn Beyoncé 250 Millionen Dollar schwer ist, mag davon eine Million zur Kunst gehören, weiß der Geier, nehmen wir es mal an, aber die übrigen 249 sind Anmache, Sex und Geschäft. Nichts dagegen, alles paletti, aber Kunst? Sonst müssten wir – mit den wenigen gelungenen, den wirklich schätzenswerten Grafitti – sämtliche Klosettschmiererein auf diesem Planeten zur Kunst zählen. Böhmermanns Verse sind plakativ, nicht satirisch. Zur Satire gehört Können, das erkenne ich hier nicht. Zur Satire gehört Sprache, um die muss man sich bemühen.

Sprache ist kein Lebewesen, gegen Missbrauch kann sie sich nicht wehren. Verantwortung für ihren Gebrauch trägt jeder. Da darf er gern auch mal scheitern, aber seid so nett: Probiert es wenigstens und erklärt nicht gleich jeden Reim zum Gedicht, und nicht jede Beleidigung zur Kunst.

Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:23
Gespeichert in: Gesellschaft
Sprache sollte auch etwas nützen

Beitrag vom 1 Mai 2016

Nichts bildet das Gehirn so vielseitig aus wie die mit demselben Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

Nichts bildet ein Gehirn so vielseitig aus wie die mit dem Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei“, so Kurt Tucholskys trockenes Urteil über großstädtisches Geschwätz. Aber seien wir gerecht: Schon in der Muttersprache gelingt gute Verständigung nur mühsam. Derweil verbreitet Facebook die Illusion, ein Smiley hätte einen kommunikativen Nutzwert. In solchem Gelärme kann man zum Trend erklären, was auch ohne Alkohol im Kopf Geschwätz bleibt: Englisch als Amtssprache.

Wer wäre mal so nett, den Trend zum Englischen zu bitten, dass er einen Augenblick innehält! Der Trend möge kurz Atem holen, damit wir uns auf Wolf Schneiders Definition besinnen:
Information heißt nicht: „Ich will etwas mitteilen“,
nicht einmal: „Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen“,
sondern: „Ich bin verstanden worden.“

Recht hat Schneider, denn was nützt es, wenn einer sein Maul aufmacht, aber nicht einmal einen Widerspruch provoziert: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich sehe das anders!“ Nötig wäre, dass das Gesprochene und Geschriebene einen Sinn ergibt, den es zu verstehen lohnt und, dass da eine Bereitschaft zum Zuhören besteht. Und diesen Mangel an Verständigung nun auf Englisch zelebrieren? Nehmen wir spaßeshalber die wichtigste Voraussetzung als gegeben an: Dass alle Betroffenen ausgezeichnetes Englisch beherrschten. Das müssen wir annehmen, denn eine Art Kiezenglisch reicht vielleicht zum Rappen, aber nicht zum Regieren, Verwalten, Organisieren und Erledigen.

Nehmen wir es an, trotzdem würde Englisch als zweite Amtssprache mehr schaden als nützen. Den Grund versteht, wer schon im Wörterbuch die peinliche Entdeckung macht, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Übersetzung in seinem Falle zutrifft. Selbst die pfiffigste Software wird an den Feinheiten scheitern. Es ist nun mal so: Oft besitzen anscheinend identische Begriffe im Deutschen und Englischen stark abweichende Bedeutungen.

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit bilden das europäische Koordinatensystem, dennoch ist nicht gesichert, dass jeder dieser Begriffe in den Landessprachen der EU genauso interpretiert wird wie im Deutschen. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik in Jena.

Bleiben wir bei Deutsch und Englisch. Nicht nur die Rechtsordnungen unterscheiden sich fundamental. Schon bevor die Sache dem Richter vorliegt, verstehen ein Brite und ein Deutscher nicht dasselbe unter anscheinend identischen Begriffen. Etwa beim Begriff der Gerechtigkeit. Im Englischen stehe mit justice vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, erklärt Rosemarie Lühr. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen.“ Liebe Leser, diesen himmelweiten Unterschied mit einem Achselzucken abzutun, wäre kein Leichtsinn, das wäre Blödheit.

Da möchte sich der Bürger, dem keiner die Kenntnis solcher Feinheiten abfordern darf, an einem Geländer festhalten, und das ist nun mal die Muttersprache. Intuitiv verlässt er sich darauf, dass die Muttersprache auch Landessprache ist. Zwar haben wir in Deutschland auch Minderheitensprachen, offizielle wie inoffizielle. Sie sollen zu ihrem Recht kommen, aber das Rückgrat der Verständigung im Lande muss die Landessprache sein. Sie hat zumal dort zu gelten, wo es kompliziert wird: auf Ämtern, vor Gericht, im beruflichen Alltag, im Verbraucherschutz, um nur einige Bereiche zu nennen, wo wir die Menge der Missverständnisse nicht noch vermehren möchten, indem wir Englisch, ausgerechnet Englisch zur zweiten Amtssprache erklären.

Warum ausgerechnet Englisch nicht? Das ist doch die Weltsprache? Eben deswegen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das mag genügen, wo es nicht anders geht. Im eigenen Lande muss sich der Bürger zuhause fühlen können. Hier können wir voneinander verlangen, dass sich jeder auf die Bedingung besinnt: Information heißt: „Ich bin verstanden worden.“ Sonst war sie überflüssig.

Falls die Menge der überflüssigen Texte und Reden weiter zunimmt, hätten wir ein Problem. Wir haben es bereits. Die etablierte Politik führt keinen Dialog mit den Wählern, die Reaktion ist an den Wahlergebnissen abzulesen. In dieser Lage Englisch als Amtssprache zu fordern, ist ein Ablenkungsmanöver ohne den geringsten Nutzwert, aber mit hohem Schadenspotenzial.


Zu diesem Thema gibt es vom Autor noch einiges mehr zu lesen: Von Babylon nach Globylon. Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen.

Oliver Baer @ 10:20
Gespeichert in: Von Babylon nach Globylon
Fetziges über Pegida

Beitrag vom 4 März 2016

Also, cari amici miei, die Ihr mich bedauert, weil ich in Dresden lebe (und ob ich nicht auswandern möchte?): Vor über einem Jahr habe ich mit Aussagen über die Pegida mein Renommee riskiert. Sie beruhten auf eigenen Beobachtungen. Mitunter begreift einer am Ort des Geschehens die Fakten schneller als die Routiniers in den Redaktionen.

Über die besorgten Freunde mokierte ich mich, weil sie alle Pegidisten am liebsten zu einer braunen Masse verrühren. Ich hatte hier behauptet, die Mehrheit dieser Leute seien keine Nazis, auch Islamhasser vermutete ich nicht in der Mehrheit. Hallo Querleser: Islamhasser und vom Islam Verängstigte sind nicht identisch, kapiert? Danke. Nun stellt sich heraus, wie genau meine Beobachtungen stimmten.

Wen die Tatsachen aus der Bahn werfen, kann auf die folgende Lektüre verzichten. Die Lernfähigen finden die Pegidastudie von Professor Werner Patzelt hier: die Zusammenfassung der Ergebnisse über den einjährigen Beobachtungszeitraum, ferner die detaillierten Präsentationsfolien und die Fragebögen. Und falls hier jemand mitliest, der eine solche Untersuchung von vornherein ablehnt, und dann noch von Patzelt: Wir verabreden uns dann mal im Dresdner Alaunpark, jeder bringt seine eigene Pegida mit, die malen wir dann in vielen schönen Wachsfarben aus. Einverstanden?

Hier nehme ich Professor Patzelt in einem Punkt vorweg, obwohl er diesen Begriff nicht verwendet: Die meisten Pegidisten sind offenbar Wendeverlierer. Wenn überhaupt, kommen sie nicht vom rechten Spektrum, und dass „Die Linke“ dabei sei, haben auch schon andere berichtet. Nur das Ausmaß überrascht – eigentlich nicht. Dem ukrainischen Journalisten Viktor Timtschenko verdanke ich übrigens diese passende Beobachtung: Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, Agoraphobie die Angst vor weiten Plätzen, Xenophobie ist Fremdenfeindlichkeit. Nanu?

Auch nicht so ganz typisch für die Karoo (Bild: ® Goldblatt)

Übrigens, cari amici: auswandern wohin? Nach Trump-Disneyland, in das Zuma-Paradies oder gar Mugabes Schlaraffenland? Apropos „Lügenpresse“ (ein Wort aus der Kiste der Geschmacklosigkeiten), obwohl: Die Kiste daneben ist auch nicht blütenrein: Bartholomeus Grill hat neulich im Spiegel nach dreißig Jahren in Afrika am Beispiel Robert Mugabes zugegeben, dass er nun anfängt zu kapieren, wie Afrika wirklich tickt. Eine Woche später folgte auf Spiegel Online einer seiner typischen, radikal einseitig verfassten Beiträge über Südafrika. Tja, Herr Grill, mal abgesehen von Ihrem BILD-Niveau: Ich habe nur vier Jahre gebraucht, bis ich (als Europäer in Afrika) anfing über südafrikanische Probleme die Klappe zu halten.

Offenbar verdienen auch die seriösen Medien einiges, was man ihnen vorwirft. Was nicht nur Pegidisten fuchsig macht, ist journalistische Arroganz. Sie ist kein bisschen wertvoller als der Hass, der den Medien entgegenschlägt. Aber ihr, liebe Freunde aus dem Westen und aus Dresden, Spottolski wünscht euch Friede in allen Eierkuchen, und ihr dürft ihn besuchen, er hat noch was in petto.

Oliver Baer @ 15:58
Gespeichert in: Gesellschaft
Ich bin stolz

Beitrag vom 4 März 2016

Auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, erwiderte Bundespräsident Gustav Heinemann: „Ich liebe meine Frau.“ Das überrascht manche Bürger bis heute. Dabei hatte der Weise recht, er achtete auf den Wortsinn.

Plattheiten sind im Deutschen nicht nötig, wir bezeichnen Dinge anders, die anders sind. „Ich liebe mein Land“, klingt als ob da einer falsch singt. Mit Liebe meinen wir im Deutschen das Verhältnis von Menschen zueinander. Ich liebe meine Mutter, meine Enkel, meine Frau, möglicherweise auch meine heimliche Geliebte. Die Behauptung, dass ich meine Balkonnachbarin liebe, wie sie da nackt sonnenbadet, klingt schon einen Halbton zu hoch.

Noch Verliebtheit oder schon Liebe? (Bild ©Baer)

Wir sind pingelig, von der Liebe unterscheiden wir die Verliebtheit. Diese verliert sich, es kann Jahre dauern, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Die Liebe hingegen schlägt nicht ein wie der Blitz. Liebe wird erarbeitet, erneuert, genossen, vor allem wird sie gepflegt, ein Leben lang.

In der englischen Sprache ist der Umgang mit dieser Aufgabe anscheinend frivoler. Englisch erlaubt einen freieren Gebrauch des Wortes, auf die Gefahr des platten Umgangs mit der Bedeutung. Wenn McDonalds sagt: „I love it!“, ist das nach unserem Sprachgefühl Quatsch mit Soße. Eine Boulette lieben, wie denn das? Umso schwieriger wird es für den Engländer zu klären, was er meint: Liebt er die Nachbarin wie einen Hot Dog, oder wie Pippa Middleton in der Ferne des Internets, oder liebt er sie weniger als die Frau im Ehebett? Das ist im Englischen schwieriger auseinander zu halten als im Deutschen, außer in Hollywoodfilmen, da wird alles geloved.

Auf dünnes Eis lockt der Patriot: „Ich bin stolz auf mein Land.“ Halt mal, Stolz worauf? Stolz auf die Dichter und Denker, auf die Erfinder und Unternehmer? Ich für meinen Teil habe dazu nicht viel beigetragen und bei dem bisschen etwas bin ich genau darauf stolz, mehr nicht. Wird Jogi Löws Truppe Weltmeister, brülle ich Juhu, ich gebe auch einen aus, aber Stolz? Der steht dem Jogi zu, er hat etwas dafür getan, dass „unsere Jungs“ wussten, was zu tun ist.

Falls es dennoch Stolz auf die Leistung anderer gibt, dann nur im Bündel. Zum Beispiel ich wäre nicht, wer ich bin, ohne Schillers Briefe zur Ästhetischen Erziehung, ohne Bismarcks Diplomatie, ohne Schumanns Klavierquintett, ohne die Farben Emil Noldes, ohne Wilhelm Busch und Loriot. So bewege ich mich in der Kultur der Deutschen. Als Franzose stünde mir Marcel Pagnol näher, als Engländer Henry Fielding. In eben dem Maße, wie ich ein Miteigentum am kulturellen Erbe der Deutschen beanspruche, mag sich Stolz in mir regen. Zugleich aber zählt zu diesem Erbe ein früherer Bundesminister, der angesichts des sauren Regens verkündete, dann werde man eben „säureresistente Bäume“ züchten; zum Erbe zählt ein General Falkenhayn, der ohne den geringsten militärischen Sinn das Massaker um Verdun entfesselte, und dazu zählt ein Postkartenmaler aus Braunau am Inn, der eines Tages beschloss Politiker zu werden.

„Also Herr Notar, dann machen wir es doch so: Ich nehme das Erbe an, diesen Teil mit Schiller und Schumann, nur den Rest, mit dem Hitler und Verdun, den können sie entsorgen!“ – Kann er nicht. Der Versuch sich aus der Geschichte davonzustehlen, käme einer Amputation der Wirbelsäule gleich. Ist nicht.

Also, den Stolz auf Deutschland gibt es nicht wie am kalten Buffet: beim Lachs nachfassen, die Gürkchen weglassen. Da verdirbt mir nicht nur der Falkenhayn den Appetit. Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte: Hängen wir die Sache um vom falschen Nagel auf den Haken, wo sie hingehört: Seien wir stolz auf unseren Umgang mit der Muttersprache, indem wir sie mit Umsicht und Zartgefühl, mit Freude und Geist anwenden, also nicht zum Herumgrölen. Das wäre eine Leistung, alle Achtung.

Oliver Baer @ 15:33
Gespeichert in: Gesellschaft
Sprache mit der Mistgabel verwechseln

Beitrag vom 25 Februar 2016

„Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ (Loriot) (© Bild Behland)

Über Frau Merkels Fehlgriffe kann man streiten. Mit „Volksverräterin!“ ist jedoch eine Grenze überschritten. Solche Worte sind wie der erste Schlag einer Kneipenprügelei. Angefangen haben allerdings die Politiker, sie reden offenbar in der Gewissheit, was sie sagen, habe eh nichts zu bedeuten.

Angela Merkel (CDU) trägt eine Mitschuld: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt.“ Franz Müntefering (SPD) hält es sogar für „unfair, wenn wir an den Wahlversprechen gemessen werden.“ Hoppla, woran denn sonst? In der repräsentativen Demokratie ist der Wähler nur alle paar Jahre gefragt. Ausgerechnet dann darf man ihn belügen?

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ sagte eben dieser Müntefering. Was immerhin ein konsequenter Standpunkt wäre. Wer es jedoch damit ernst meint, müsste auch die Arbeitsplätze garantieren, und weil das offenbar nicht so einfach geht, kommt Münteferings Zungenschlag ziemlich zynisch rüber.

Perfekten Vertrauensverlust in die Politik besorgte einst Sozialminister Norbert Blüm (CDU): „Eins ist sicher: die Rente.“ Dabei war ihm bekannt, dass die Altersbezüge an das Gehalt gebunden sind. Nanu? Eins und Eins macht Drei? Schwer zu übertreffen war auch Walter Ulbrichts Klassiker: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!“ Da hat er seine Glaubwürdigkeit glatt aufs Spiel gesetzt.

Dass Helmut Kohl (CDU) versprach die neuen Bundesländern „in blühende Landschaften zu verwandeln“, kann man noch verstehen. Er ahnte nicht, was er redet. Bemerkenswert die Haltung seiner Experten, die es besser wussten – und so ganz demokratisch die Klappe hielten. Apropos Haltung: Borniertheit ist mit Dummheit gepaarte Arroganz. Hart an der Grenze bewegte sich der Forschungsminister Hans Matthöfer (SPD), als er 1976 versicherte: „Atommüllbeseitigung ist technisch gelöst.“ Na, Gott sei Dank!

Beenden wir die Sammlung mit einem Klops aus höchstem Munde: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Das geht hier nicht als Rechtschreibfehler durch, Herr Wulf. Sicher gehören die Muslime, die wir riefen, zu Deutschland, auch die Flüchtlinge, die wir aufnehmen, gehören zu Deutschland. Bevor jedoch der Islam zu Deutschland gehört, werden ein paar Jahrhunderte vergehen und dann wird er so bedeutungslos sein, wie sich die christlichen Kirchen bis dahin ihrerseits demontiert haben.

Das Recht die Sprache zu missbrauchen, beansprucht offenbar nur, wer glaubt, dass die Geräusche nichts ausmachen, die aus seinem Gesicht quellen. Dann hätte er besser geschwiegen. Wer erwartet, dass er die Sprache wie eine Mistgabel schwingen darf, soll sich nicht über Pegida wundern, über den Hass im Internet, den von jedem Denken befreiten Umgang mit der Sprache, den er selber gesellschaftsfähig gemacht hat.

Merke: Umsonst gibt es nichts, jeder Folge geht Ursache voraus. In der Demokratie hat der Wähler den Anspruch, ernst genommen zu werden. Andernfalls, warnte Kurt Tucholsky, „unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind!“ – übrigens ein Linker, der die deutsche Sprache trotzdem zu schätzen wusste, wie auch Bertolt Brecht. Tja, dann müsst ihr mal nachschlagen, wer diese Leute waren!

Oliver Baer @ 11:58
Gespeichert in: Gesellschaft
Vorschlag zur Gendergüte

Beitrag vom 25 Februar 2016

Dass di der Teifi hol! (© Bild Behland)

Gesteuerter Sprachgebrauch im Sinne der sprachsensiblen Gleichstellung verändert die Sprache. Das ist gewollt und es wirkt. Über die ästhetischen und politischen Aspekte lässt sich streiten. Schwerer wiegt hier der Umgang mit der Wirklichkeit, der das angesagte Ziel verfehlt, dabei etwas Wichtiges zerstört.

Dass grammatisches und biologisches Geschlecht verwechselt werden, liegt im Interesse der genderbewegten Sprachveränderer. Dass die Verwechslung einem Denkfehler entspringt, gilt als verpönter Einwurf. Sprache werde ohnehin dauernd manipuliert, das müsse – zu einem ausnahmsweise guten Zweck – dann auch mal statthaft sein.

Das kann man so sehen, vorausgesetzt wir nehmen die Kollisionen mit der Wirklichkeit in Kauf. Verwirbeln wir Fragen der Gleichstellung mit Fragen des Sprachgebrauchs, geraten wir in einen Kategorienstreit, und solcher ist bekanntlich unlösbar. Ein plattes Beispiel: Vermengung der Kategorien träte ein, wenn auf dem Fußballplatz nach den Regeln des Kegelns gepfiffen würde.

Sprache dient als Medium und Werkzeug zum Denken. Wer seine Sprache abstumpft, nimmt ihr die Schärfe, Klarheit und Fülle zur Formulierung von neuen, schöpferischen Gedanken, die übrigens im eigenen Gehirn Synapsen bilden müssen, damit sie etwas nützen. Dass vom Binnen-I über Passivsätze bis zur Doppelnennung die Sprache immer sperriger wird, kann ernsthaft keiner bestreiten. Die Folge ist zunehmende Verflachung des Denkens, Verdummung, Versklavung.

Tatsächlich wird nicht nur das Denken behindert, in Frage steht auch der Nutzen für die Gleichstellung. Je stumpfer die gegenderte Sprache, desto abgestumpfter die Wahrnehmung solcher Rede durch Leser und Zuhörer. Wer binnen Sekunden dreimal „die Kolleginnen und Kollegen“ erwähnt, erreicht vor allem eines: Unsere Aufmerksamkeit lässt nach, hinhören lohnt nicht mehr, da ist das Geschehen auf dem Flachfon spannender als der immer gleiche Sermon. Zu Ende gedacht: Das erzwungene Bekenntnis zur sprachlichen Sensibilisierung verpufft nicht nur zum Lippenbekenntnis, es wendet sich in seiner Wirkung gegen den ursprünglichen Zweck. Wenn aus Radfahrern Rad fahrende werden, wie soll man die Verfasser der Straßenverkehrsordnung noch ernst nehmen?

Versuchen wir einen Brückenschlag zwischen den Kategorien. Feministen beklagen, dass etwa die Funktionsbezeichnungen auf Männer verweisen, nur bei Diensten auf Frauen: die Krankenschwester gegenüber dem Doktor. Tatsächlich gelten der Schreiner, der Zählerableser, der Psychopath, der Armleuchter als Männer. Bliebe es bei der hergebrachten Ausdrucksweise, seien die Frauen immer bloß mitgemeint.

Was anscheinend so logisch daherkommt, ist aber geschwindelt. Dass Frauen nur mitgemeint seien, ist kein linguistisches Argument, sondern ein biologistisches. Linguistisch spielt es nämlich keine Rolle, wer mit der, die oder das gemeint ist: Biologisch mag es wichtig sein, linguistisch ist unerheblich, ob das Mädchen sächlich ist. Mitgemeint sind stets sowohl Frauen wie Männer. Dass nur Frauen mitgemeint seien, ist also eine ziemlich unfreundliche Zwecklüge. Geht es um die Wahrheit, muss also das Mitgemeintsein linguistisch nicht mehr zurechtgegendert werden. Man glaubt ja fast schon selber, es handle sich beim Lehrer um einen männlichen Beruf (real sind 90 Prozent Frauen). Manches muss man nur oft genug behaupten, dann wird es geglaubt.

Dennoch bietet sich ein Kompromiss sogar aus linguistischer Sicht an. Besinnen wir uns erstens auf die biologische Geschlechtslosigkeit der grammatischen Bezeichnung, so können wir zweitens sämtliche Erweiterungen ausmerzen, die auf das biologisch weibliche Geschlecht verweisen. Dann gibt es keine Sekretärinnen mehr, keine Präsidentinnen, Faschistinnen, Narzistinnen, Pfarrerinnen. Dann lautet die korrekte Anrede „Frau Präsident!“ und „Sehr geehrte Ehebrecher und Ehebrecherinnen!“ benötigt ja keiner. Tatsächlich brauchen wir das /in/ nur, wo es genannt sein muss, etwa in der Tarifverhandlung: „Gleicher Lohn nun auch für die Laborantinnen!“

Zugegeben, gewöhnungsbedürftig ist die Umkehr zur Vernunft schon, aber auch unendlich viel praktischer als mit aller Gewalt zum Sportwart die Sportwartin zu erfinden. Auch werden wir viel Sprachunfug los: „Frauen sind die vernünftigeren AutofahrerInnen“. Auch Kollateralnutzen hat der Vorschlag: Es muss nicht jedesmal „Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten“ gesagt werden…

In Wirklichkeit nähern wir uns abseits der genderbedingten Sprachmanipulation mit Riesenschritten der Emanzipation der Geschlechter. Wie schön! Verschonen wir die Sprache, wir brauchen sie in bester Verfassung zur Behandlung völlig ungelöster Probleme, zum Beispiel: Wie geht es weiter, wenn in Arabien und Afrika das Grundwasser erschöpft ist? Streben dann die überlebenden fünfhundert Millionen in das gemäßigte Klima zu uns?

Oliver Baer @ 11:57
Gespeichert in: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Deutsch als nichttariffäres Handelshindernis

Beitrag vom 25 Februar 2016

Der Verein Deutsche Sprache und der französische Sprachverein Avenir de la Langue Française fordern die Regierungen und Parlamente ihrer Länder auf, ihre nationalen Sprachen und Kulturen nicht dem Freihandels­abkommen TTIP zu opfern. „Wir haben nichts gegen den einfachen Austausch von Waren und Ideen, aber unter dem Druck eines schranken­losen Marktes fürchten wir die Abwertung unserer Sprachen zu ’nicht­tarifären Handels­hindernissen'“, erklären die beiden Vorsitzenden, der Dortmunder Wirtschafts­professor Walter Krämer und der Ex-Diplomat Albert Salon. Der Zwang zur globalen Einheits­sprache Englisch sei in TTIP zwar nicht offen ausgesprochen, aber implizit eingebaut.

Offenbar glauben die Amerikaner, dass die Sonne durch ihr Gesäß leuchtet (Bild © Behland)

„Bücher, Filme und Theaterproduktionen sind keine beliebig reproduzierbare Massenware“, erklären die Vorsitzenden darüber hinaus. Europas Bürger wollten ein Abkommen, das Kulturgüter nicht so behandelt wie Autoteile, Fleischwaren oder Staubsauger. Beide Vereine erinnern daran, dass im Oktober 2005 die Mitgliedstaaten das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt mit überwältigender Mehrheit bei nur zwei Gegenstimmen, darunter die USA, unterzeichnet haben. Die USA haben damals schon eine Sonderrolle für die Kultur abgelehnt.

Soweit die beiden Sprachvereine. Dass die USA die Sonderrolle der Kultur nicht begreifen, bedeutet ja nicht, dass es dort keine Kultur gäbe. Wir kennen glänzende Orchester und sie überleben in den USA, obwohl die Kunst den Staat nichts angeht. Aber wenn die Amerikaner nicht einmal ahnen, dass wir manches anders sehen, und aus guten Gründen, dann gibt es nur eines: an dieser Stelle unbedingten Widerstand leisten. Sie ist nicht die einzige Position im TTIP, die den Beweis liefert, dass wir keine Wahl haben als abzulehnen, wohlgemerkt mit einem „Nein!“, keinem „No!“ Das Gleiche gilt für das Abkommen mit Kanada.

Oliver Baer @ 00:03
Gespeichert in: Gesellschaft
Lobender Zwischenruf

Beitrag vom 10 Februar 2016

Ausnahmsweise hier der Hinweis auf eine Buchrezension über meinen Anteil an einem Buch:

Rezension in der Zeitschrift Flüssiggas Nr 1 2016


Energieexperten sind die anderen Autoren, ich verantworte die Sprache. Der Rezensent sagt: „Eine für wissenschaftliche Publikationen überraschend verständliche Beschreibung erleichtert die Beschäftigung mit der komplexen Thematik …“ – das ist schönstes Lob für mich. Falls also jemand sein Fachgebiet ähnlich behandelt lesen möchte: Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme: courriel (dann der Klammeraffe, gefolgt von)oliver-baer.de.

Oliver Baer @ 15:18
Gespeichert in: Unternehmen
Spottolski und das Antlitz der Frau

Beitrag vom 8 Februar 2016

Romantiker wähnen sich bereits an der Grenze, auf Waffen wartend (© Behland)

In Spottolskis Herz ist bekanntlich Platz für jede Menge Miezen. Neue Leser bitte Obacht geben: Er stammt aus der Familie der Felidae, er sitzt herum, wenn er keine Miezen betreut und er hat eine Meinung, oder mehrere. Sein neues Steckenpferd sind Miezengesichter, die Sorte Visage, auf der man Nüsse knacken kann. Kennt man ja, Margaret Thatcher hatte so eine (die mit dem Bügeleisen in der Handtasche), Imelda Marcos (die mit den tausend Paar Schuhen) – ja Kinder, da müsst Ihr mal gugeln: Frühgeschichte, das europäische Paläozen (20. Jh.); sonst heißt es nachher, Spotto sei ein Lügenpresser.

Übrigens, dass es keine Irrtümer gibt: Lächeln können sie alle. Aber das können sogar Psychopathen, sie täuschen es sogar besonders geschickt vor. Wo waren wir? Ach ja, hierzulande hatte Spottolski schon immer die Altmeisterin aller Gewichtsklassen Alice Schwarzer im Auge, aber mit ihr wird er nicht warm. Vergewaltiger verleumden, nun ja, Kunststück (Verleumdung musst du oft betreiben, es wird dann schon was hängen bleiben) und die Frauen in ihrer Redaktion piesacken, wenn sie keine Lesben sind, kann man machen, aber na und. Selbst ihr Umgang mit staatlichen Ansinnen (sie möge doch ihre Steuern zahlen) gibt nichts her. Unter uns: Die Schwarzer ist einfach zu nett.

Höher in Spottolskis Kurs steht Erika Steinbach, klassischer Fall, sie ist der Nussknacker schlechthin. Es genügt eine Haselnuss mit dem Foto der Steinbach zu konfrontieren, schon bricht die Schale. Das weiß man in Deutschland zu schätzen. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Es fehlte bisher der Gegenpart, und den haben die Polen nun ins Amt gehievt: Beata Szydło, die neue Chefin (ist an der Regierung in Warschau beteiligt). Innenseiter sagen ihr nach, sie knacke einen ganzen Korb mit Nüssen ohne hinzuschauen, er muss nur vor dem Bildschirm stehen. Vorteil Szydło. Klarer Fall: Die Steinbach lässt nach, wir brauchen Verstärkung.

Dafür bot sich bereits Beatrix von Storch an, war aber auch nix; schlagseitiger Leerschwatz genügt für die Sammlung nicht. Dann schon Maria-Elisabeth Schaeffler, diese Unternehmerin lobt Spottolski ausdrücklich. Sie müsse nur noch das Sanfte aus der Mimik merzen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwähnt. Die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat Spottolski bei Sarah Wagenknecht, vor deren Liebreiz jeder Blumenstrauß abnickt. Aber auch sie reicht, streng genommen, nicht an die pernsionierte Steinbach heran.

Was er mit seiner Sammlung bezwecke, unterbrechen wir Spottolski bei der Arbeit. „Nichts, in erster Linie gar nichts.“ Warum dann das ganze, setzen wir nach, das sei doch sinnfrei! „Ja eben!“ entgegnet er und fängt an zu fuchteln: Das sei wegen dem Internet, die Verschwörungen, die Therapien zur Verschwörung. Theorien, wenden wir ein, und wegen des Internets. „Sag ich doch,“ blafft er. „Wenn das Theorien wären, könnte man sie studieren, diskursiv zerlegen und wieder zusammensetzen“, schreit er. „Was jedoch weder beweisbar noch widerlegbar ist, ist der reine Schwachsinn.“ Und das gelte im übrigen für 88,37 Prozent des Internets. Die Zahl hat er bei mir abgeschrieben.

Er hat irgendwie Recht. Gerald Hoffnung hatte in den fünfziger Jahren ein Zeichen gesetzt und alle Arten von Sauerkraut gesammelt. Trotzdem folgten darauf die Sechziger. Spottolski ließ sich transpirieren, wie er behauptet und hat das Sammeln von Quark probiert; die Bestände hat er beizeiten mit einer Shortposition im Markt plaziert. Ferner beobachtet er Nachbars Sohn, der heftet bereits seine elfundneunzigste Stellenbewerbung ab. Wenn das nicht sinnfrei sei! brüllt er. „Apropos Sauerkraut“, flicht Spottolski ein: „Sauer einstampfen kannste, was die Pegida sagt und genau so was ihre Gegner zur Flüchtlingskiste absondern und in Form von öffentlichen Lügen abpressen lassen.“

So fällt endlich das Stichwort. Was er von Frauke Petry halte, fragen wir. Da leuchten seine Augen. Na endlich, eine Frau mit Steiß! Alle Welt fällt über sie her, dabei hat sie bloß geäußert, wovor sich die Politrambos drücken: „Wie schließt man eine Grenze? Mit Stachelbeeren? Mit heißer Luft aus Kreuth?“ Oder (schlage ich vor) nach dem Vorbild des kulturbeflissenen schlesischen Gauleiters: Der hat im Endkampf um Breslau 1945, bevor er sich mannhaft aus dem Staub machte, Folianten aus der Breslauer Universitätsbibliothek auf die Straße kippen lassen, als Bollwerk gegen die sowjetischen Panzer. Der hatte wenigstens Phantasie, der Mann.

Stellt euch das konkret vor, sagt Spottolski: Da kriecht im Gebüsch diese syrische Mutter mit ihrem kleinen Ali und der kopfbetuchten Leila, typisch Teenager. Mit einer MP wird dieser Grenzabschnitt von Frauke Petry bewacht, er liegt bei Sebnitz, weiß der Geier, wie sie dahinkommt, wahrscheinlich mit dem Bus. Die Syrerin schleicht sich heran, gleich überschreitet diese muslimische Sozialschmarotzerin samt ihrem Sippengesindel die Grenze, kein Zweifel, Frauke Petrys Leben ist bedroht, unmittelbar gefährdet von einer islamistischen Invasorin, aber Frauke ist bereit, sie wird ihr Leben sowie das Vaterland teuer verkaufen, klar doch. Sie legt den Finger an den Abzug, sie schaltet den Verstand aus. Da, die Sau tritt über die Grenze mit ihren Ferkeln; Frauke drückt ab, natürlich nicht auf das Kleinkind. Das ist verboten, kommt nicht in Frage.

„Die Frau hat recht!“ ereifert sich Spottolski. Das muss mal gesagt werden dürfen: Wer nicht bereit ist, das Leben von Flüchtlingen auszuknipsen, und zwar höchstpersönlich beim Dienst am Grenzzaun, der darf zum Thema Obergrenze erst mal den Mund halten. Bis ihm was Intelligenteres einfällt. Insofern führt nun die Petry als Nussoberknacker die Spitze der Tabelle an, da kann die Steinbach einpacken, wir haben die Weltnussmeisterin, habemus nucem mundi.

„Wollt ihr die totale Nuss?“ schreit Spottolski. „Jawoll!“ brüllt der Nachbar, aber das war wegen unserer Handballer im Fernseher, die haben gerade in Sydney den Poetry Slam gewonnen. Ist doch gut, wenn man Internet, wie sehen Sie das?

Oliver Baer @ 17:22
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Nibelungentreu in den Krieg ziehen

Beitrag vom 2 Dezember 2015

Wem gehört es, wer treibt es, wessen Hund bewacht es? Klar ist nur eines: Das Schaf sind wir (Bild: © Behland)

Der Pariser Regierungselite fällt als erstes und einziges ein, was gegen den Terrorismus noch nie funktioniert hat: den Krieg erklären – man achte auf die Wortwahl! Gleich besinnt sich die Berliner Regierungselite auf die urgermanische Tugend der Nibelungentreue: Wenn unsere Freunde Mist bauen, bleiben wir nicht außen vor, wir mischen mit.

An die Front gegen den Daisch gehört aber Intelligenz, nicht gepanzertes Material. Leider sind Denker dieser Tage weniger sexy als Rambos. Sonst hielten wir nämlich inne, bevor wir entlang der Wortwahl mit unseren Taten den Terroristen in genau die Falle laufen, die sie uns gestellt haben. Schon haben sie es geschafft, dass Millionen Europäer die Flüchtlinge für Terroristen halten.

Sind wir bereits digital dement, oder kann es noch schlimmer werden? An der Sprache sollt ihr sie erkennen. Liebe Leser, gesucht wird auch mit Ihrer Hilfe eine Wortneuschöpfung mit der Bedeutung «von Anfang an zum Scheitern verurteilt». Damit ausnahmsweise wieder die Wahrheit gilt.

Oliver Baer @ 11:13
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Spottolski, Pegida und Kopftuch

Beitrag vom 23 November 2015

„Chef“, sagt Spottolski von der Fensterbank her. „Chef, die Miezen da drüben, die meiden unseren Garten. Sie sagen, du wärst ein Pegidaversteher, igitt.“

„Deine Miezen? Können wohl kein Deutsch,“ sage ich und weil er so verloren dreinschaut: „Eifer ist kein Ersatz für klares Denken.“ Da guckt Spottolski noch nicht klüger. „Verstehen kann man mit billigen eigentlich nicht verwechseln!“ füge ich hinzu.

Verstehst du das, Suli? Zuerst waren sie Flüchtlinge, weil hier dauernd geschossen wird. Dann erzählt ein Schlaumeier, hier wär alles ruhig, eigentlich sei Syrien wie Sylt, nur billiger, und mehr Dünen. Nun sind sie auf einmal Terroristen, auch die Kinder – das müsste man ihnen doch ansehen. Suleika, schau mal, schauen die aus wie na du weißt schon? (Bild: © Behland)

„Ach so“, mimt Spottolski den Klügeren, der bekanntlich nachgibt, „und was du gegen das Kopftuch hättest, möchten sie wissen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Die Miezen sagen, das Kopftuch tragen sie zu Ehren des Christkindes.“

„Und die Weiber im Westen tragen Bikini zu Ehren des Papstes.“

„Das hat doch damit nichts zu tun!“ wirft Spottolski ein.

„Du sagst es. Mit dem Kopftuch halten die Männer in rückständigen Gesellschaften ihre Frauen an der kurzen Leine.“ Spottolski schaut drein, als wollte er „Wa?“ sagen.

Er sagt: „Wa?“

„Wie bescheuert du gucken kannst!“ sage ich. „Sobald eine Frau ihre Haare öffnet, bestimmt sie das Geschehen. Da kommt der Mann nicht mehr mit, die Frau ist ihm erotisch einfach überlegen. Das wissen die Imame.“

Spottolski blickt sparsam drein, bei seinen Miezen ist das natürlich ganz anders. Ich fahre fort: „Das kann man verstehen, die Männer möchten im Bett eine Schlampe und im übrigen soll sie sich mit keiner eigenen Meinung einmengen. Solange sich die Frau verhüllt, ist sie gefügig, das Signal ist deutlich. Die entsprechenden Vorschriften haben mit dem Islam so viel zu tun wie Tangas mit dem Evangelium. Übrigens hat auch der Islamismus mit dem Islam nicht viel zu tun.“

„Warum lassen sich die Frauen darauf ein?“

„Sie fallen auf einen Trick herein.“

„Ein Trick zum Unterdrücken der Miezen? Lass hören, erzähl!“

„Ein ideologischer Doppelpass. Die Männer behaupten, Allah wünscht, dass sie sich verhüllen mit der Burka, dem Kopftuch – das ist in jedem islamischen Land anders –, und zugleich haben sie festgelegt, dass Frauen zu einer anderen Auslegung des Korans nichts, aber auch gar nichts beizutragen haben – Querpass zurück, Schuss, Tor! Eine lupenreine Erfindung zur Demütigung der Frauen.“

„Und was tut Allah?“

„Wer weiß? Wahrscheinlich wundert er sich, was sich die Weiber bieten lassen in seinem Namen, und solange sie nicht von selber aufmucken, tut er sowieso nichts.“

„Chef, und du muckst auf gegen die Pegidanichtversteher? Wer hilft dir dabei, die Grünen?“

„Die sind ja nun auch unwählbar geworden. Schau dir dieses Bild im SPIEGEL an: ‚Tu was gegen Rechts! und Pegidaversteher.‘

„Stimmt doch, sogar die Rechtschreibung, beinahe.“

„Enthält aber zwei Denkfehler. Spotto, du bist doch sonst nicht so dösig. Was tut der Kommissar, damit er dem Täter auf die Schliche kommt? Er sucht ihn zu verstehen. Sonst stochert er mit der Stange im Nebel herum.“

„Und worin stocherst du?“

„In der Pegida. Da gibt es – außer ein paar Nazis und einer Handvoll Leute, die sich bei dem Wort Islam spontan in die Hose scheißen – eine Mehrheit von Leuten, deren Sorgen und Ängste ganz normal sind: Denen macht die Politik deutlich, dass ihre Sorgen unbegründet sind. Das sind sächsische Nichtwähler und die haben haufenweise Gründe, die ihnen keiner glaubhaft und arroganzfrei widerlegt.“

„Verstehe“, sagt Spottolski, „und die lockt man zur Wahlurne, indem man sie beschimpft. Genial.“

„Das geht so: Fünfzig Prozent der Wähler sind Nichtwähler, die sind blöd, überhaupt ist das Wahlvolk – Schwamm drüber -, es weiß nicht, wo es langgeht, da kann man die Wehrlosen ruhig mal ausgrenzen. Übrig bleibt das wohlige Gefühl ein besserer Mensch zu sein, wenn man auf andere herabblicken kann.“

„Und das soll ich jetzt meinen Miezen ausreden?“

„Kannste vergessen. Sag ihnen, dein Chef spinnt, ist aber harmlos, fast harmlos. Halt, warte mal!“ Ich schaue meinem Spottolski in die Augen. „Fordere sie mal auf ‚Tu was gegen rechts‘ zu ersetzen durch einen Satz mit dem Wort für.“

„Warum? Wie zum Beispiel?“

„Zum Beispiel: ‚Für ideologiefreie Bildung!‘ – Schule ohne Moralkeule würde den Sumpf Rechtsaußen binnen einer Generation trockenlegen. Weil sie dann selber denken müssten, die Lehrer und die Schüler. Aber ‚Tu was gegen Rechts!‘ brüllen ist bequemer. Da muss im Gehirn nicht eine Synapse zur Teilnahme bewegt werden.“

„Chef“, sagt Spottolski, „sag mal was Nettes zu meinen Miezen!“

„Wie denn? Reicht es nicht, dass ich mit meinem Kater rede, als ob … Na gut, sag ihnen, ich spendiere eine Büchse Thunfisch für den besten Für-Satz.“

Oliver Baer @ 19:56
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Als ich Quintaner war

Beitrag vom 17 November 2015

Demografische Verjüngung ist angezeigt, wenn es sein muss auch auf Kosten der liebgewonnenen Einfarbigkeit (Bild: Fotolia)

Die Lateinquinta war unterwegs von Düsseldorf zum Landschulheim im Allgäu, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta.

Also Wahles, Schweden 1958 (Pelé, Garrincha, Vavá und so…). Zu den Helden der Quinta zählten Männer mit langen Namen: Hans Cieslarczyk, Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak, vor allem unser Erich Juskowiak, der Hammer. Nach einem Elfer von dem musste man das Netz flicken. Der Hammer, den der Schiri vom Platz stellte, obwohl der Hamrin Schuld war, unfasslich! Der Juskowiak hatte an der Ecke Bismarck- und Oststraße einen Zigarrenladen, keine fünfzig Meter von meiner Haustür. Hans, Heinrich, Horst, Erich, alles Deutsche. Dass sie von den Ruhrpolen abstammten, erstens wussten wir es nicht, jedenfalls war es kein Gesprächsstoff, und zweitens: na und?

Zu jener Zeit schleppte mich meine sudetendeutsche Tante zu Heimabenden ihrer landsmannschaftlichen Jugend. Ich war elf und in die glutäugige Brigitte verknallt, sie war pausbäckig und Schlesierin; dass man sie und ihre Eltern im Westen widerwillig aufgenommen hatte: kaum nachvollziehbar. Unmöglich soll ja schon dieses rollende /R/ gewesen sein („Polacken!“); auch was sie kochten, roch polnisch. Manch einer wünschte sich die Bagage ins Meer gekippt. Dabei wäre das Wirtschaftswunder ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen als Arbeitskräfte und als Verbraucher nicht so flott entstanden. Sie bezogen den Lastenausgleich (für im Osten Verlorenes), diese Schmarotzer, bezahlt von den Westlern, die selber in Ruinen lebten [1]. Na gut, das Geld floss direkt in den Kreislauf eines lebhaften Binnenmarktes. Erklär das mal einem!

Mitte der Fünfziger hatte ich – da lebte ich noch in Luxemburg – einen italienischen Spielkameraden verloren. Sein Vater Giusto, Kollege meines Vaters, war Bratscher; die Mutter komponierte Pasta asciuta, die war zum Schwärmen. Signore Cappone folgte einem Ruf der Berliner Philharmoniker, und als ich Lucio Jahre später wiederbegegnete, berlinerte er wie ein Wilmersdorfer. In Luxemburg hatte ich schon die Europaschule besucht, da passte sie noch in ein dreistöckiges Mietshaus. Mit dem Deutschlehrer sangen wir „Ich hatt‘ einen Kameraden“, und er schleppte uns zum Fort Douaumont, wo schier endlose Reihen von weißen Kreuzen an die 700.000 Menschen erinnern, die im Kampf um Verdun ihr Leben gelassen haben – sicher einer der Gründe, weshalb mir Europa ans Herz wuchs.

Heute, Jahrzehnte später, neckt mich in Heidelberg der georgische Taxifahrer, als im Radio von Stalin die Rede ist: „Du kennst Stalin, he? Dschugaschwili, mein Onkel, ja. Seine eigenen Leute hat er erschossen…“ Gibt es noch deutsch-muttersprachige Taxifahrer? Und wenn schon. Am selben Tag begegne ich im Bahnhof einer bildhübschen jungen Frau im Hidschab, die aussieht wie meine Älteste. Ich lasse mir ein Probeabo der ZEIT andrehen und erfrage ihre Herkunft: Afghanistan. „Paschtu?“ frage ich ins Blaue. Ja, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch; zu Hause sprachen sie von ihrem Vater her einen tadschikischen Dialekt des Dari – und Paschtu. Aufgewachsen sei sie in Deutschland. Ich staune im Stillen: Am Dresdner Elbufer könnten wir dich an Montagabenden gut gebrauchen.

Anschließend besorge ich mir nebenan eine dieser elliptischen Pizzen im Knabberkarton, eine Pizza spetschale. Wieder eine junge Schöne, auch im Kopftuch, verkauft sie mir. „Aber Sie sind doch Deutscher?“ Nur Italiener würden speciale so aussprechen. „Das kann schon mal vorkommen“, sage ich und frage auch sie aus: Irak. Lauter akzentfrei und fließend gutes Deutsch sprechende Musliminnen, in unserem Land aufgewachsen. Ich sag es mal so: Gottseidank bringen Einwanderer und Flüchtlinge ihre Kinder und gebären weitere. So haben außer Erich Juskowiak und Lucio Cappone Millionen von sesshaft gewordenen Gastarbeiterfamilien eines mit uns gemeinsam: Sie sprechen Deutsch.

Da regt sich die Frage: Regelt noch immer die Abstammung die Nationalität? In den Augen der Bürger offenbar nicht mehr. 97 Prozent der Befragten einer Studie von 2014 waren der Meinung, deutsch ist, wer Deutsch spricht. 79 Prozent meinten dazu (in einer niedlichen Verwechslung von Ursache und Wirkung), Deutscher sei man, wenn es im Pass steht („Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“). Nur 37 Prozent verlangten deutsche Vorfahren [2].

Ist unsere Sprache nicht sowieso der einzige Klebstoff, der achtzig Millionen Bürger noch zusammenhält? Halt doch, es gibt einen Neunzigminuten-Kleber: unsere Jungs auf dem Rasen. Wo sie antreten, auch wenn sie Klose, Boateng oder Özil heißen, verbindet heilige Eintracht – Fischköppe und Bayern, Schwaben und Sachsen. Nach dem Abpfiff tut es dann wieder nur die Sprache.

Lasst uns einfach anerkennen: Deutsch ist, wer Deutsch spricht – mit Verbeugungen in Richtung Wien und Zürich, wo immerhin einige der besten Bühnen deutscher Sprache stehen. Und da wir sowieso viele junge Neubürger benötigen, lasst uns dafür sorgen, dass sie Deutsch lernen, flott und gründlich. Und dass ihre Familien nachkommen. Unsere muss ja keine Regenbogennation werden, aber hoffentlich eine Gesellschaft, in der eines nicht mehr vorkommt: dass wir schwerhörigen Alten kraft unserer Mehrheit die benachbarte Kita verhindern – weil die Kinder so einen Lärm machen. So eine Gesellschaft gehört aufgemischt! Sei’s drum, dann eben mit Syrern und Afghanen. Rassisch rein waren wir in Mitteleuropa sowieso nie. Also: Was zählt, ist die Sprache, und die ist hierzulande die deutsche. Wie schön!


Vertriebene: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article147487793/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html DIE WELT, 12. Oktober 2015

Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung: Deutsche finden Abstammung unwichtig fürs Deutsch-Sein DIE ZEIT, 30. November 2014

Oliver Baer @ 10:26
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Deutschsein heißt für mich …

Beitrag vom 28 August 2015

Muslime im christlichen Abendland - warum nicht? Aber nach unseren Regeln: ohne Scharia (Bild Baer)

Für mich enthält das Deutschsein eine Reihe von Selbstverständlichkeiten. Offenbar muss ich sie trotzdem einzeln aufführen. Ich gebe zu, ich nenne sie im Zorn:

Deutschsein heißt, dass wir schon immer in der Mitte Europas lebten.
Wenige Nationen haben so viele Nachbarländer wie wir. Deshalb kann es ohne uns kein Europa geben, und ohne Europa stünden wir ziemlich bescheuert in der Mitte herum.

Deutschsein heißt, dass wir rassisch durchmischt sind, und das schon seit Jahrtausenden.
Irgendwelche Rassenreinheit ausgerechnet in der Mitte Europas zu beschwören, ist so abwegig wie die Hoffnung, dass die Sonne demnächst im Süden aufginge. Hervorgebracht haben uns Mitteleuropäer unter anderen die Germanen, Kelten, Slawen sowie römische Bürger von ziemlich bunter Herkunft aus der antiken Welt.

Deutschsein heißt, dass sich Fremde bei uns wohlfühlen, nicht nur während der Fußball-WM.
Wir sind gastfreundlich – auf unsere eigene, manchmal hölzerne Art. Da haben wir von den vielen Gastarbeitern aus dem Süden an Herzlichkeit schon etwas dazugelernt. Ach ja, vom Tourismus leben hier viele Bürger.

Deutschsein heißt, uns imponiert sonst jeder Vater, jede Mutter, die alles tun, sogar den Tod riskieren, damit ihre Familie überlebt.
In halb Afrika regieren Gangster; sie lassen ehrlichen Bürgern keine Chance. In Arabien fallen Fassbomben auf die eigenen Bürger. Im südlichen Balkan herrscht Korruption, da nagt am Hungertuch, wer nicht dazugehört. Es gibt Motive, die wir als Grund für Flucht und Asylantrag anerkennen – würden wir nicht dasselbe zu unseren Gunsten erhoffen, wenn wir auf der Flucht vor solchen Verbrechern wären?

Deutschsein heißt, dass wir über zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene integriert haben.
Mag sein, dass es den Einheimischen schwerfiel, aber wir haben nach dem Krieg den Menschen aus dem Osten zu einer neuen Heimat verholfen – was uns auf lange Sicht übrigens sehr genützt hat. Das „Wirtschaftswunder“ wäre ohne sie nicht möglich gewesen.

Deutschsein heißt, dass wir uns vor der braunen Vergangenheit nicht davonstehlen.
Ob wir zu den Guten zählen, ist sowieso fragwürdig, und unsere Nazivergangenheit wird nicht dadurch blütenweiß, dass wir Deutsch verschmähen und lieber (schlechtes) Englisch plappern. Immerhin haben wir uns hierzulande mit Judenmord und Kriegsverbrechen jahrzehntelang auseinandergesetzt – da sind wir anderen Nationen weit voraus.

Deutschsein heißt, dass die Nachbarn und wir voneinander lernen.
Dazu zählt, um ein triviales Beispiel zu nennen, die Esskultur. Vor fünfzig Jahren war der Besuch eines deutschen Restaurants ein trostloses Ereignis.

Deutschsein heißt, dass wir die Einwanderer willkommen heißen.
Wir sind klug genug zu begreifen, dass wir fünf zehn (wer weiß, vielleicht bis zu zehn zwanzig) Millionen neue Deutsche benötigen, damit die Wirtschaft mit jungen Arbeitskräften aufblüht, das Rentensystem wieder funktioniert, die Gesellschaft nicht an den Alten (meiner Generation) erstickt, die jedes Neue mit dem Beelzebub verwechseln und die neue KITA nebenan verhindern, weil ihnen keine Kinder in den Kram passen.

Deutschsein heißt, dass ich mich einer Tradition der Denker, nicht der Schwätzer verpflichtet fühle.
Ich statte mich mittels eigener Gedanken mit eigenen Überzeugungen aus; ich lehne den Kitsch des „Gesunden Volksempfindens“ ebenso ab wie den Kitsch der „Politischen Korrektheit“. Merke: Wenn es nicht wehtat, war es kein eigenes Denken, sondern das Wiederkäuen von Gedankenschnipseln anderer Leute

Deutschsein heißt, dass wir die Religionsfreiheit schätzen.
Dazu zählt die Freiheit Konfessionen auch abzulehnen. Muslime sind hier willkommen wie jeder andere, aber auch zum Islam darf hier keiner gezwungen werden, und die Scharia hat in Deutschland schon gar nichts zu suchen.

Deutschsein heißt, wir schätzen an unserem Grundgesetz, dass es weltweit keine bessere Verfassung gibt.
Dazu zählt, dass unser Staat wehrhaft sein muss, damit er seine Bürger gegen jeden, aber auch jeden verfassungsfeindlichen Angriff nach Kräften beschützt, sei es durch Nationalsozialisten, durch Islamisten, durch Antifaschisten oder sonstwen. Wir sind eine Nation friedliebender Menschen, keine Zusammenrottung von Hooligans mit Testosteronproblemen.

Deutschsein heißt, Frauen und Männer genießen in dieser Republik dieselben Rechte.
Wir entfernen zur Zeit die letzten Reste der Diskriminierung von Frauen. Wer hier einwandern und seine Frau weiter unterdrücken möchte, muss umlernen. Merke: Das Kopftuch ist in traditionell-konservativen Völkern ein bewährtes Mittel, Herrschaft über Frauen darzustellen – mit dem Islam hat das Kopftuch aber nachweislich nichts zu tun.

Deutschsein heißt, wir erkennen die Not der Menschen, deshalb: „Flüchtlinge sind willkommen!“
„Refugees welcome!“ist ein Schmarren. Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, hier ist die Lingua franca Deutsch, hier können die wenigsten ein belastbares Englisch, und die Flüchtlinge schon gar nicht. Die mediengeile Protzerei mit Englisch passt zur Not der Flüchtlinge wie eine offene Hose zum Besuch ihrer Notunterkunft.

Deutschsein heißt, wir haben nach unseren Erfahrungen mit Diktaturen für Bevormundung jeder Art keinen Bedarf.
Nazis haben uns nichts Bedenkenswertes mitzuteilen, dasselbe gilt indessen für Antifaschisten, für christliche und islamische Fanatiker, für Russen, die wieder an den Storch glauben, und es gilt für unsere muslimischen Mitbürger, wenn sie in ihrem Machogehabe mal wieder Kreuzberg mit Anatolien verwechseln.

Deutschsein heißt, wir erkennen unsere gemeinsame Identität in der deutschen Sprache.
Für 97 von 100 Deutschen ist die Sprache das wichtigste Kriterium für das Deutschsein: „Deutsch ist, wer Deutsch spricht.“ Die gemeinsame Sprache ist der Klebstoff, der uns zusammenhält. Sie ist nicht ersetzbar durch Gedankentreibgut, das hierzulande nur deshalb gut ankommt, weil keiner merkt, aus welchen trüben Tiefen die englischen Sprachfetzen gefischt werden.


Was Deutschsein für andere bedeutet, ist deren Sache. Ich habe meine Positionen genannt, sie sind nicht verhandelbar. Aber Ihr könnt Euch ja mit differenzierter Meinung anschließen.

Es darf jedenfalls nicht zur akzeptierten Norm erstarren, dass wir unsere Muttersprache preisgeben. Mit dieser Forderung richte ich mich erstens gegen die Arschkriecherei, mit der wir hierzulande jeden englischen Furz einem zu Ende formulierten Satz auf Deutsch vorziehen. Deutsch ist immerhin die Sprache, die wir zum Denken benötigen. Nein, Euer Englisch reicht für klares Denken nicht, vergesst es! Denken benötigt Sprache auf hohem Niveau.

Ich richte mich zweitens gegen die Gleichgültigkeit, mit der linke Intellektuelle die Muttersprache dem rechten Mob überlassen. Ihr habt wohl vergessen, wie Hitler und Goebbels die deutsche Sprache verdarben. Dieses Geschenk hat der Mob nicht verdient; das sind Menschen, die anderer Leute Gedankengut wiederkäuen ohne eine eigene Synapse auch nur gestreift zu haben. Diese Leute sind nicht Deutschland, ihnen gehört die Muttersprache nicht!

Also liebe Landsleute, lasst Euren Hochmut! Die deutsche Sprache ist das einzige, was diese Nation zu einer funktionierenden Gesellschaft zusammenfügt! Wenn Ihr diese Sprache verschmäht, seid Ihr so arrogant wie die Engländer. Sie halten sich mit Oxfordenglisch den Pöbel vom Hals, so wie Ihr Euch erhebt über Bürger, die nun mal echte Angst haben vor Hunderttausenden von Fremden. Ihr spielt die Flüchtlinge gegen diese Leute aus – wem soll das nützen?

Ich fordere von der Politik, dass sich der Staat gegen gewaltbereite Fanatiker und ihre Mitläufer mit Polizeigewalt durchsetzt. Und wenn sich diese Mitbürger nicht an die Verfassung halten, dann muss auch mal härter durchgegriffen werden, als es das Grundgesetz vorsieht. Dazu wird man mehr Polizisten benötigen.

Oliver Baer, Dresden am 28. August 2015.
Den Text habe ich nachgebessert am 22. November.

Nachtrag:

Wenn wir tatsächlich nicht mehr in der Lage sind, die Menschen menschenwürdig unterzubringen, dann sind wir überfordert und müssen die Tore schließen, auf dass wir sie wieder öffnen, wenn wir dazu in der Lage sind. Das ist doch selbstverständlich.

Oliver Baer @ 22:45
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Sprache ist so leicht ersetzbar wie Energie

Beitrag vom 18 August 2015

Sprache ist eine Ressource des Geisteslebens und so endlich wie Ressourcen der Natur (Bild: Fotolia)

Über sterbende Sprachen hat man Krokodilstränen zu vergießen, das gefällt dem Zeitgeist, und es ändert nichts. Dazu erklärt ein zackiger ZEIT-Leser: „Eine Sprache stirbt dann aus, wenn sie niemand mehr spricht, und eine Sprache die niemand spricht, ist offensichtlich überflüssig.“

Auf öffentlichen Klos habe ich schon klügeren Magerquark gelesen. Also dann mal zackig: Sprachen sind keine Organismen, sie sind Kulturgut, vom Menschen geschaffen, sie leben nicht, sie sterben nicht. Sie können verschwinden, ganz oder in Teilen. Mit einer Sprache „verlieren wir Jahrhunderte menschlichen Denkens über Zeit, Meerestiere, Rentiere, essbare Pflanzen, Mythen, Musik, das Unbekannte und das Alltägliche.“ erklärt Robert Harris°. Da verschwindet mehr als ein paar Vokabeln und die Folgen trägt die Volkswirtschaft – das sind wir alle, auch die Klosettlogiker.

Am Amazonas sterben Indianer aus, die gegen jedes Leiden ein Kraut kennen. Ihr Wissen geben sie mündlich weiter. Verschwindet ihre Sprache, verfällt das in ihr gespeicherte Wissen. Zum Vergleich: Pharmakonzerne investieren Milliarden zur Lösung von Fragen, die im Urwald schon beantwortet wurden. Milliarden die irgendwer bezahlen muss. Wer wohl?

So etwas müsste Thema der Grünen sein. Zwar funktioniert statt Kupfer oft Aluminium, statt Eisen Beton; unersetzbar sind nur Wasser, Luft, Energie – und die Sprache. Dagegen ist invertierter Snobismus („Deutscher kann man nicht mehr sein“) so putzig wie der Furz einer Ente. Stirbt der Vogel X, vermehrt sich Insekt Y und frisst die Ernte Z. Also sprüht der Landwirt Gift, es gerät in die Nahrungskette, daran verrecken der Bauer und die Kunden, auch jene die den Schutz der Umwelt mit einer Glaubensfrage verwechseln.

Aber, so hallt es in den Laubengängen, dafür genüge doch eine, die Weltsprache. Diese können wir umso gründlicher umsorgen. „Man solle etwa an die Möglichkeit denken, aufgrund einer gemeinsamen Sprache mit den Taliban direkt sprechen zu können.“ schlug Ulrich Ammon vor. Nein, wie niedlich! Dass darauf die Amerikaner nicht kamen, als sie einander 1861 bis 1865 in nie gekannter Grausamkeit niedermetzelten!

Sprachen sind Träger von Methoden, Verfahren, Lösungsansätzen, die es in anderen Sprachen gar nicht, oder was noch spannender ist, in ähnlicher Form gibt. Aus dieser Vielfalt erwachsen die besten Lösungen, und Europas Stärke liegt in seiner Vielfalt. Die Monokultur einer englisch dominierten Welt kann nur eintönige Lösungen zustandebringen. Das ist so leicht zu begreifen wie man es ignorieren kann, sei es aus Abneigung gegen die eigene Sprache, weil man die Welt beherrschen möchte oder weil es am besten zum vorhandenen Vorurteil passt.

Ist Deutsch bedroht, muss man sich sorgen? Schwer zu sagen? Wir könnten es abwarten. Die Antwort erfahren wir, wenn es zu spät ist die Folgen zu verhindern. Macht nichts, die Erderwärmung ist schließlich auch nur eine Theorie, oder? Die Sprache der Wissenschaften und der Wirtschaft betrifft die Steuerzahler, das sind Sie, liebe Leser, auch die Grünen und Sozialdemokraten, die mit der Schulter zucken: „Mir fehlt das sprachpatriotische Gen.“ Mit Patriotismus hat diese Sache aber so viel zu tun wie die Auswahl des Ladens, wo Sie Ihren Schlandwimpel erwerben.

„Macht nichts, sobald das Problem den Wählern auffällt, findet sich eine Mehrheit, es anzupacken.“ Ach ja? So naiv möchte ich mal sein, und die Wartezeit verkürze ich mir mit Chinesisch. Ab 2016 gibt es in Südafrika Mandarin-Unterricht – an den Grundschulen. Schade, die englische Sprache, bevor sie als Weltsprache verhunzt wurde, war eine schöne, reichhaltige Sprache. Heute sind dieser Meinung nur noch eine Million gebildeter Angelsachsen. Die übrigen native speakers kotzen ein Englisch aus, dass man sich Ohrenklappen wünscht.

Die Monokultur wird die Vielfalt ausrotten. Der Ersatz der Muttersprachen durch Englisch endet in einer angelsächsischen Denkweise: in neoliberaler Kälte, bei Barbiepuppen und McDonalds. Englisch ist eine antidemokratische Sprache, mit ihr hält sich die Oberklasse den Pöbel vom Halse. Außerdem ist aller Aufwand für die gemeinsame Wissenschaftssprache vergebens, denn auf dem Niveau für kreatives Denken steht sie nur wenigen offen (das C1-Niveau, liebe Leute, reicht für die zweite Liga, mehr ist nicht drin). Und was die geschichtlichen Skrupel anlangt: Mit Angloholismus stiehlt sich keiner aus der deutschen Geschichte davon. Ihr Freunde auf der Linken: Wenn es schon die Rechten nicht begreifen, was die Sprache wert ist: Es gibt viel zu tun. Get off the fence!

° Robert Harris vom Living Tongues Institute in Washington

Oliver Baer @ 17:22
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