{"id":77,"date":"2006-11-23T00:10:41","date_gmt":"2006-11-22T22:10:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.baer-coach.de\/tatze\/archiv\/77"},"modified":"2009-02-28T15:46:00","modified_gmt":"2009-02-28T14:46:00","slug":"klesmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/klesmer","title":{"rendered":"Klesmer f\u00fcr eine Million"},"content":{"rendered":"
Lehnw\u00f6rter bereichern den Sprachschatz, wenn der Volksmund, die Wissenschaft oder sonstwer einen neuen Begriff hinzugewinnt, und sei es nur eine Schattierung eines bekannten Begriffes. So ist beispielsweise ein Clown nicht dasselbe wie ein Kasper und nicht jeder Spa\u00dfmacher k\u00f6nnte sich im Zirkus verdingen.<\/em><\/p>\n Keinen Zugewinn bringt uns der Chopper<\/em>, amerikanischer Volksmund f\u00fcr den Helicopter. Wenn schon Verniedlichung, w\u00fcrde im Deutschen der Hubi<\/em> gen\u00fcgen, wie ihn der Kommissar in Till Schweigers Film Knocking on Heavens Door<\/em> nennt, worauf ihn sein Assistent korrigiert: Chef, das hei\u00dft Heli<\/em>.<\/p>\n Immerhin richtet der Chopper im Deutschen keinen erkennbaren Schaden an. Wor\u00fcber man streiten k\u00f6nnte, denn allzuviel profitfreier Import von dieser Sorte tr\u00fcbt unser Verm\u00f6gen, das Echte vom Bockmist zu unterscheiden. Angenommen, G\u00fcnter Jauch fragte Sie f\u00fcr eine Million, wie man Giora Feidmans<\/a> Musik nennt: <\/p>\n Klesmer, Kletzmer, Klezmer oder Kletsmer?<\/p><\/blockquote>\n Im deutschsprachigen WWW findet der Google Klezmer<\/em> fast 600.00 mal, aber nur 20.000 mal Klesmer<\/em>. Klarer Fall, die Mehrheit kann nicht irren? Irrtum: Mit dem Z<\/strong> h\u00e4tten Sie nur den Trostpreis kassiert, richtig ist das S<\/strong> in Klesmer. Auf das TZ<\/strong> kommen wir noch.<\/p>\n Die Aufl\u00f6sung ist einfach: Mit dem Z<\/em> kennzeichnet das Englische, was wir im Deutschen als eher weiches S<\/em> kennen. Klesmer kommt \u00fcber das Jiddische aus dem Hebr\u00e4ischen und wir schreiben es, wie wir es aussprechen. Das tun die Engl\u00e4nder auch, daher schreiben sie es mit Z<\/em>. Da wir alles, was aus dem Englischen kommt, mit dem Evangelium verwechseln, schreibt nun das deutschsprachige Netzvolk 33 mal h\u00e4ufiger Klezmer<\/em> als Klesmer<\/em>.<\/p>\n Darauf folgt, wie das Amen dem Gebet, dass ahnungslose DJs Klezmer lesen und als Kletzmer aussprechen; woher soll einer – in diesem wischiwaschi Sprachmischmasch – auch wissen, ob das Wort auf dem Zettel ein deutsches oder englisches w\u00e4re? Er sagt Kletzmer<\/em> mit einem scharfen TZ<\/strong> \u2013\u201c und alle quatschen es nach. „So hat es der nette Typ im Radio eben gesagt, der muss es wissen.“ <\/p>\n Nichts wei\u00df er. Kletzmer stimmt in keiner Sprache, nicht auf diesem Planeten. Durch den unn\u00f6tigen Re-Import eines bereits vorhandenen Wortes ohne jede neue Bedeutung ist aus einem richtigen ein falsches Wort geworden. Falls Sie es nicht glauben, es gibt Leute, die sich auskennen, etwa die Klesmergruppe Aufwind<\/em>, sie schreibt es auf ihren deutschen Seiten Klesmer<\/a> und auf den englischen Klezmer<\/a>.<\/p>\n Ist das irgendwelcher Aufregung Wert?<\/p>\n Im Radio h\u00f6rte ich einem Redakteur der Deutschen Welle zu, wie sein Sender die Auslandsdeutschen bediene; er nannte sie expatriots<\/em>. Ich denke, ich h\u00f6re nicht recht: „ehemalige Patrioten“? Aber dann wiederholte er das Wort, es war eindeutig expatriot, wie in ex-husband (fr\u00fcherer Ehemann). Gemeint waren nat\u00fcrlich expatriates<\/em>, den Unterschied kennt er, kein Zweifel, es war also nur ein Fehler der Aussprache, eine Fl\u00fcchtigkeit, die aus den armen Auslandsdeutschen vaterlandslose Gesellen macht.<\/p>\n Solche Beispiele findet man ungez\u00e4hlte. Es gibt V\u00f6lker mit einer Sprache, die noch sperriger ist als unsere. Beispielsweise die Finnen genieren sich nicht, ein vielsilbiges, eigenes Wort f\u00fcr fair<\/em> zu verwenden. Ein grotesk-sch\u00f6nes Videoerlebnis, das beweist, sie tun es in aller \u00d6ffentlichkeit, verdanken wir Heiko Walkenhorsts Hinweis: Du bist Finnland! (Oder etwa nicht?)<\/a>. Es dauert sieben Minuten. H\u00f6ren Sie genau hin, das Wort fair<\/em> kommt mehrmals vor. Wenn englische Untertitel Sie nicht umhauen, machen Sie sich auf einen Genuss gefasst.<\/p>\n Und hier die Moral von der Geschicht‘: Beim Importieren eines Lehnwortes empfiehlt sich ein Quentchen Aufmerksamkeit, eine Prise Bewusstsein: N\u00fctzt es, schadet es oder blamier ich mich blo\u00df? Sonst passiert Ihnen so etwas: Art goes Christmas<\/a>. Diese Kreation zieht gleich Zweien das Hemd aus der Hose: Deutschen und Engl\u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" Lehnw\u00f6rter bereichern den Sprachschatz, wenn der Volksmund, die Wissenschaft oder sonstwer einen neuen Begriff hinzugewinnt, und sei es nur eine Schattierung eines bekannten Begriffes. So ist beispielsweise ein Clown nicht dasselbe wie ein Kasper und nicht jeder Spa\u00dfmacher k\u00f6nnte sich im Zirkus verdingen. Keinen Zugewinn bringt uns der Chopper, amerikanischer Volksmund f\u00fcr den Helicopter. Wenn […]<\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-77","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesellschaft"],"yoast_head":"\n