{"id":4470,"date":"2011-06-11T16:16:10","date_gmt":"2011-06-11T15:16:10","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4470"},"modified":"2017-12-08T15:41:50","modified_gmt":"2017-12-08T14:41:50","slug":"traber-sind-keine-springpferde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/traber-sind-keine-springpferde","title":{"rendered":"Traber sind keine Springpferde"},"content":{"rendered":"
In unserer Sprache kann man sich besonders pr\u00e4zise ausdr\u00fccken. Ist das ein Klischee, gibt es etwa bessere und schlechtere Sprachen? Wohl kaum, aber typische Unterschiede fallen auf. <\/em><\/p>\n Der Ingenieur Gerhard Junker war viele Jahre deutscher Sprecher im Lenkungsausschuss der europ\u00e4ischen Luftfahrtnormung.213 Der Ausschuss hatte Handlungsanleitungen in englischer, franz\u00f6sischer und deutscher Sprache so anzufertigen, dass Airbus-Mitarbeiter in Bristol, Toulouse und Hamburg exakt dasselbe verstanden und verrichteten. Die Debatten des Normenausschusses verliefen nach einem gleichbleibenden Muster: In der synoptischen Darstellung war stets der k\u00fcrzeste Text der englische, der l\u00e4ngste der deutsche, und selbst die sprachstolzen Franzosen r\u00e4umten ein: Der deutsche ist der pr\u00e4ziseste \u2013 eine willkommene Eigenschaft, wo es um Flugsicherheit geht.<\/p>\n Lassen wir offen, ob Deutsch eine besondere Pr\u00e4zision bedingt oder ob Pr\u00e4zision ein Charakterzug ist, der gewisserma\u00dfen im genetischen Allgemeingut verankert ist und sich in der Sprache (oder in mehreren, wie in der Schweiz) niederschl\u00e4gt. Reizvoll ist dann die Frage, ob zwischen den Auslegungen eine Wechselwirkung best\u00fcnde. Die Praxis best\u00e4tigt immerhin eines: Selbstverst\u00e4ndlich kann man im Englischen so genau wie in jeder anderen ausgebauten Sprache sein. Wenn man sich bem\u00fcht. Das tun wir im Deutschen nun mal gr\u00fcndlicher \u2013 das ist nichts Neues, und typisch.<\/p>\n Ebenso sicher kann man Gewissenhaftigkeit in jeder Sprache unterdr\u00fccken, aber im Englischen gelingt es mit weniger M\u00fche. Beim Absondern wohlklingender Worte ohne erw\u00e4hnenswerten Inhalt kann man auf Englisch minutenlang unertappt bleiben. Im Deutschen horchen die Leute schon nach drei S\u00e4tzen auf: Der redet ja wie die Regierung!<\/p>\n Die deutsche Sprache ist nicht als solche pr\u00e4ziser, aber sie ermuntert zur Pr\u00e4zision. Englisch erlaubt einen gro\u00dfz\u00fcgigeren Umgang mit dem Wort.<\/p>\n
Leseprobe Nr. 3 aus Von Babylon nach Globylon<\/em><\/p>\n