{"id":4434,"date":"2006-09-09T15:24:33","date_gmt":"2006-09-09T14:24:33","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4434"},"modified":"2018-01-02T15:30:49","modified_gmt":"2018-01-02T14:30:49","slug":"sprachen-tragen-keine-farbe-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/sprachen-tragen-keine-farbe-2","title":{"rendered":"Sprachen tragen keine Farbe"},"content":{"rendered":"<p><em>Muttersprache und Vaterland sind nicht dasselbe, nicht einmal das Gleiche. Schwarz-Rot-Gold kann nicht f\u00fcr die Muttersprache Deutsch stehen. Dennoch schm\u00fccken sich Sprachsch\u00fctzer gerne mit der Nationalflagge, der Verein Deutsche Sprache tr\u00e4gt Schwarz-Rot-Gold im Logo, manche Sprachfreunde verb\u00fcnden sich in ihrem \u00dcberschwang sogar mit Initiativen wie \u201eDu bist Deutschland\u201c (die mit dem schwarzrotgoldenen Hundeh\u00e4ufchen als Logo). Aber stehen die deutschen Farben auch f\u00fcr die deutsche Sprache?<\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4435\" aria-describedby=\"caption-attachment-4435\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Kokarde_Hambach.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"179\" class=\"size-full wp-image-4435\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4435\" class=\"wp-caption-text\">Farben der Studenten auf Schloss Hambach<\/figcaption><\/figure>Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Bundesrepublik Deutschland, zumal wenn elf Deutsche Fu\u00dfball spielen. Deutsch hingegen ist auch die Muttersprache von Millionen, die im Stadion ganz andere Fahnen schwenken, die \u00f6sterreichische, die belgische, die italienische und die schweizerische. In der Sprache, in der Kultur sind wir einander verwandt, in allem anderem sind wir verschieden, zum Beispiel bei den Pommes, davon verstehen die Belgier mehr. <\/p>\n<p>Schon vor dem ersten Anpfiff zur WM stellte sich heraus: Die anscheinend humorlosen, die dr\u00f6gen Deutschen sind im Sommer 2006 witzige, weltoffene Gastgeber f\u00fcr 31 Fu\u00dfballnationen, Weltmeister der Gastfreundschaft. Tats\u00e4chlich spr\u00f6de waren die Engl\u00e4nder, sie verschanzten sich im Hotel, sie verloren und reisten sogleich ab. Auch mein zweisprachiger Haushalt lie\u00df sich anstecken; Flaggen am Auto hatten wir keine, aber wir dr\u00fcckten schwarz-rot-goldene Daumen f\u00fcr unsere aufgeweckten, couragierten Klinsm\u00e4nner. \u00dcbrigens unsere Familie zur Rugby-Weltmeisterschaft 1997 die bunte Flagge des neuen, bunten S\u00fcdafrika auf den Fenstersims gestellt, wenn schon, denn schon! <\/p>\n<p>\u201eNelson Mandela, bekleidet mit einem Springbok-Trikot und einer passenden Schildm\u00fctze, \u00fcberreichte dem Kapit\u00e4n Francois Pienaar die Troph\u00e4e. Diese Szene ist eine der ber\u00fchmtesten der Sportgeschichte\u201c, berichtet die Wikipedia. Das ging uns nahe, in S\u00fcdafrika kamen unsere Kinder zur Welt. <\/p>\n<p>So bringen auch heimatlose Weltb\u00fcrger Nationalbewusstsein auf. Die Farben symbolisieren, womit man sich eins erkl\u00e4rt: Lebensfreude in Deutschland, Vers\u00f6hnung in S\u00fcdafrika, Esskultur in Italien (au\u00dfer bei den Pommes). Die Symbole bedeuten nicht f\u00fcr alle das Gleiche. Immer stehen sie f\u00fcr allerlei Diffuses, Sch\u00f6nes, Erfreuliches, nur leider am wenigsten stehen sie \u2013 f\u00fcr die Sprache. Wenn an der Flugschanze die Schlachtenbummler aus Bayern und Tirol einander zur Wei\u00dfglut reizen, bleibt ihnen doch eine Gemeinsamkeit: Ihre Gesetze sind in deutscher Sprache verfasst, im Radio regiert die Hochsprache, ihre Literatur ist Deutsch, sie ist nicht etwa Schw\u00e4bisch oder Steirisch. F\u00fcr mich war Max Frisch lange Zeit der wichtigste Schriftsteller, ein Schweizer durch und durch, zugleich Weltb\u00fcrger, ein Meister der deutschen Sprache. <\/p>\n<h3>Heimat<\/h3>\n<p>Es ist, als tr\u00fcge der Mensch in Schichten seiner Seele gleich mehrere Orte, die er Heimat nennt. So h\u00e4ngt mein Herz an einer Stadt, ich bin Dresdner, nicht Leipziger, lebe jedoch auf dem Lande, in meinem Garten bin ich Ohorner. Laut meinem Pass bin ich \u00d6sterreicher, vertraut ist mir Deutschland. Ich bin Europ\u00e4er, ein deutschsprachiger Mitteleurop\u00e4er, dessen kulturelle Heimat von V\u00e4rmland bis Apulien, vom Elsass bis zur Bukowina reicht, also bis weit in die Geographie der benachbarten V\u00f6lker. Und doch ist und bleibt mein Mittelpunkt die deutsche Sprache. Meine Identit\u00e4ten sind ineinander verflochten, sie bedingen einander. <\/p>\n<p>Ich kann es drehen oder wenden, wie ich mag, Schwarz-Rot-Gold bedeutet mir viel, aber meine Muttersprache enth\u00e4lt auch blau, gr\u00fcn, lila und wei\u00df. Schwarz-Rot-Gold steht, dar\u00fcber kann es keinen Streit geben, f\u00fcr Epochen unserer Geschichte, die es \u00fcbrigens lohnt zu kennen. Es waren die Farben der Hambacher Studenten im Eifer der   b\u00fcrgerlichen Opposition in der Zeit der Restauration und zu Beginn des Vorm\u00e4rz. Es waren die Farben der geistigen Elite in der Paulskirche, als sie eine Verfassung f\u00fcr das zu einende Deutschland suchten. An der Frage, ob daf\u00fcr die gro\u00dfdeutsche oder die kleindeutsche L\u00f6sung vorzuziehen sei, sind die Paulskirchner gescheitert, und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sollte man kennen, sie erkl\u00e4ren die darauffolgenden anderthalb Jahrhunderte. <em>Gro\u00dfdeutsch <\/em>h\u00e4tte bedeutet, Habsburg muss in das geeinte Deutschland nicht nur seine Deutschen einbringen, sondern auch alle Slawen, Magyaren, Italiener, Rum\u00e4nen, die unter seiner Herrschaft leben. <em>Kleindeutsch <\/em>h\u00e4tte zur Folge gehabt, das Kaiserreich \u00d6sterreich &#8211; der tats\u00e4chliche Nachfolger des 1806 beendeten Heiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nation \u2013 w\u00fcrde aufgel\u00f6st und nur die Deutschen vereinigen sich mit den Deutschen: Will sagen, nur die Steirer, K\u00e4rtner, Vorarlberger vereinigen sich mit den Badenern, Hessen, Berlinern. Beides trat nicht ein, wen wunderts! <\/p>\n<p>Kleindeutsch war dann Bismarcks L\u00f6sung, die er unter preu\u00dfischer Vorherrschaft durchsetzte. Kleindeutsch sollte bedeuten, das Reich darf nur Menschen deutscher Zunge umfassen, wennschon es auf die Deutschen im Habsburgischen B\u00f6hmen, K\u00e4rnten, der Bukowina verzichten musste. Das war inkonsequent, wie auch die kleindeutsche L\u00f6sung nicht hielt, was sie versprach, denn auch Preu\u00dfen verzichtete nicht auf seine slawischen Besitzungen &#8211; im heutigen Polen. Wie auch, wenn in weiten Teilen dieses Landes seit Jahrhunderten sowohl polnisch als auch deutsch gesprochen wurde? Trennung kam nicht infrage, der Vermischung stand der nationale Impuls der Epoche entgegen. Am Ende kam es dann doch zur Trennung, nach den beiden Weltkriegen. Der nationale Gedanke, wie ihn die Menschen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begriffen, lie\u00df keinen Raum f\u00fcr Heimatorte in verschiedenen Seelenschichten: T\u00fcrken und Griechen wurden brutal voneinander getrennt. Millionen Deutsche und Polen wurden wie M\u00f6bel verschoben, aus ihren H\u00e4usern geschmissen, viele kamen um. Als das britische Indien unter Muslimen und Hindus aufgeteilt wurde, lie\u00dfen gar Millionen ihr Leben. Wieviel Menschen innerhalb der Sowjetunion verschleppt wurden, bleibt aufzuarbeiten. <\/p>\n<p>Bis heute kommt kein belastbarer Frieden zustande, wo so getan wird, als seien staatliche Nation und kulturelle Nation ein- und dasselbe. So lange das geschieht, wird Europa mit der Gewalt in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, mit der ungekl\u00e4rten Lage der Albaner, mit dem Zypernproblem oder dem Chauvinismus im benachbarten Polen nicht fertig. Wo kein Respekt besteht vor der kulturellen Identit\u00e4t der Menschen, wo kein Respekt vor ihrer Verschiedenheit regiert, kann Gemeinsamkeit nicht hergestellt werden. Zur Identit\u00e4t z\u00e4hlt als erstes die Muttersprache. <\/p>\n<h3>Nation<\/h3>\n<p>Franzosen, Engl\u00e4nder, Spanier waren seit Jahrhunderten Nationen im modernen Sinne des Wortes, als noch immer nichts als ihre Sprache die Deutschen einte. Die Deutschen waren sogar vergleichsweise friedlich, und zwar so lange und immer dann, wenn sie keinen starken Staat im Herzen Europas bildeten. Jahrhundertelang gen\u00fcgte der Zusammenhalt, der sich schon im Wort theotisk ausdr\u00fcckte: Es bedeutet \u201edie Sprache des Volkes\u201c. Aus theotisk wurde schlie\u00dflich deutsch. Aber ein Staat war das Deutsche lange nicht; eine Nation waren die Deutschen allein im kulturellen Sinne. <\/p>\n<p>Wenn im alten B\u00f6hmen ein Tscheche \u00fcber die Deutschen redete, meinte er die Dorfnachbarn, die Deutsch sprechen. Und die Deutschen meinten mit den Tschechen kein Staatsvolk, sondern die Mitb\u00fcrger tschechischer Muttersprache. Zu sp\u00e4t erkannte man in Wien, dass ihnen das gleiche Recht auf Identit\u00e4t zustand wie den Deutschen. Die Aufsplittterung in nationale Nachfolgestaaten der Doppelmonarchie h\u00e4tte sich er\u00fcbrigt, wenn ihren Kulturnationen gleiches Recht zugestanden h\u00e4tte. Die Chance, der sp\u00e4teren Europ\u00e4ischen Union als Vorbild zu leuchten, wurde mit dem Ersten Weltkrieg endg\u00fcltig vertan. Meinte ein Wiener Journalist noch in den zwanziger Jahren die Kollegen in Frankfurt, sprach er von den Reichsdeutschen, denn Deutscher war auch er, in Wien. <\/p>\n<p>Daraus wird deutlich, weder die Geschichte noch das klare Denken erlauben, den Begriff Deutsch f\u00fcr nur einen Teil dessen zu reklamieren, was Deutsch ist. In der Sprache sind wir um die hundert Millionen Muttersprachler in Europa, im erweiterten, stets kulturellen Sinne kommen etliche Millionen weltweit hinzu, die sich der Sprache verbunden f\u00fchlen (und aus denen sich \u00fcbrigens die H\u00e4lfte der gegenw\u00e4rtigen VDS-Mitglieder darstellt). Diese Menschen sind mehr oder minder patriotische Italiener, Belgier, D\u00e4nen, \u00d6sterreicher, Schweizer, auch Deutschst\u00e4mmige in \u00dcbersee und \u2013 nat\u00fcrlich die deutschen Staatsb\u00fcrger der Bundesrepublik Deutschland. <\/p>\n<p>Selbst wenn sie die Mehrheit darstellen, es ist und bleibt ein Denkfehler, ihre Nationalfarben &#8211; so schick sie auch sind &#8211; als die Farben der deutschen Sprache zu beanpruchen. Im Gegenteil, wer den Kardinalfehler des Nationalgedankens verstanden hat, wird mit den Minderheiten besonders behutsam umgehen. Der Nationalgedanke ist wichtig, denn eine Gemeinsamkeit (eine europ\u00e4ische, eine globale) kann nur auf der Grundlage gesund sein, dass wir unsere kulturellen Unterschiede erkennen und anerkennen. Ein Nationalgedanke ohne den Respekt vor der kulturellen Minderheit ist jedoch keinen Pfifferling wert. Das m\u00fcsste schon aus der Logik der Selbsterhaltung hervorgehen, dass irgendwo ein jeder in der Minderheit ist. <\/p>\n<p>Der winzige Vorsprung, den Schwarz-Rot-Gold als Sprachenflagge genie\u00dfen k\u00f6nnte, erw\u00e4chst alleine aus der Paulskirchentradition. Sie gen\u00fcgt aber nicht, um sie anderen Staatsflaggen vorzuziehen. Als gemeinsame Flagge aller Menschen deutscher Kultur haben alle deutschen Staatsflaggen versagt. So bleibt die Frage: Welche Farben k\u00f6nnten f\u00fcr die deutsche Muttersprache stehen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muttersprache und Vaterland sind nicht dasselbe, nicht einmal das Gleiche. 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