{"id":4422,"date":"2006-07-03T10:34:10","date_gmt":"2006-07-03T09:34:10","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4422"},"modified":"2018-01-02T14:51:26","modified_gmt":"2018-01-02T13:51:26","slug":"verraten-und-verkauft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/verraten-und-verkauft","title":{"rendered":"Verraten und verkauft"},"content":{"rendered":"<p><em>Von der antifaschistischen Bewegung bis ins liberale Milieu der Postmateriellen gilt die Sprache der Dichter und Denker als Belastung; die modische Mitte gebraucht sie als Einkaufst\u00fcte, ab in die gelbe Tonne; im Gesch\u00e4ftsleben verliert sie ihren Mehrwert, und der Fl\u00fcgel rechts au\u00dfen steht, wie schon immer, auf Kriegsfu\u00df mit der Sprache; in der Debatte um den Patriotismus kommt die Sprache \u2013 beider Seiten \u2013 zumeist als flach gespielter Fehlpass vor.<\/em> <\/p>\n<p>Baden-W\u00fcrttembergs Ministerpr\u00e4sident Oettinger ist kulturell bereits so vereinsamt, dass er die deutsche Sprache nur noch zum Bierholen sch\u00e4tzt. Vom Facharbeiter bis zur F\u00fchrungskraft sollten wir Englisch sprechen. Schon liegt es nahe, Englisch gleich zur Landessprache zu machen. Es g\u00e4hnt zwischen der Bl\u00e4sse von Oettingers Weltsicht und dem Ruf &#8222;Nie wieder Deutschland!&#8220; eine Koalition der Gedankenleere. <\/p>\n<p>Die Muttersprache ist ein leichtes Gep\u00e4ck, unterwegs geht sie schnell verloren. Sie ist uns unter den Nazis entglitten, die verrieten sich schon durch ihre Wortwahl. Das haben wir nur verdr\u00e4ngt, sonst w\u00fcssten wir: Sie war nicht die Sprache Schillers und Goethes. Das Idiom von Hitler und Goebbels war ein wirksames, aber grauenhaftes Deutsch, es war von st\u00e4hlernen Fremdw\u00f6rtern durchsetzt (fanatisch, Fanal, Garant, Propaganda). Es zielte auf Verrichtung und Ausrichtung: Mechanik und Milit\u00e4r. In der Sprache des Dritten Reichs sollte nicht gedacht, nur gemacht werden. Verp\u00f6nt war der Einzelne, sch\u00e4dlich sein Denken. Eine Sache gro\u00df <em>aufziehen<\/em>, den Glauben der Genossen <em>ausrichten<\/em>, Menschen ins Amt <em>einsetzen<\/em>, L\u00f6sungen <em>umsetzen<\/em>: Alles ist machbar, das ist die Sprache des Unmenschen. Peinlich, drei Generationen sp\u00e4ter reden wir so noch immer! Wir verlangen eine <em>Neuausrichtung <\/em>der Familienpolitik, als m\u00fc\u00dften wir einen LKW einparken und wir <em>bek\u00e4mpfen <\/em>die Arbeitslosigkeit, als k\u00f6nnte man dem Wandel mit der Keule beikommen. <\/p>\n<p>Der verqueren Sprache entspricht die G\u00fcte der Politik. Da stimmt etwas mit dem Denken nicht oder mit der Sprache, vermutlich fehlt es an beidem, denn sie bewirken einander. Und wer k\u00fcmmert sich ums Gep\u00e4ck? Das Goethe-Institut verabschiedet sich, der Gesellschaft f\u00fcr Deutsche Sprache kommt alles halb so schlimm vor. Die Wissenschaft h\u00e4lt sich ans Zuschauen und Herr Oettinger geht, in unser aller Namen, einer Amerikanisierung auf den Leim, die wir uns, nett und gel\u00e4utert, wie wir sind, als Globalisierung andrehen lassen. Das ist manchen so wenig geheuer, da\u00df sie an Verschw\u00f6rung glauben. Aber ihrer bedarf es nicht. Was sich hier abspielt, ist \u00fcbler: Wir, die guten Deutschen, seit 1945 in allen Varianten die Klassenbesten, lassen uns nicht zweimal bitten, wir kolonisieren uns freiwillig. Mit einem \u00fcberschaubaren Opfer, wie wir glauben, was sind schon sechstausend Anglizismen, bei einem Wortschatz von einer halben Million? Peanuts! <\/p>\n<p>Die Sprache des Unmenschen kam und kommt mit weniger zurecht. Denn nicht die Menge schadet, sondern wie gierig und bar jeden Geistes wir die Rosinen picken. Manche Anw\u00e4rter auf Lehrstellen bringen schon keinen ganzen Satz mehr zustande, in ihrer Welt tickt man nur noch K\u00e4stchen an. In solchen K\u00f6pfen wartet jede Menge Stauraum auf rechtes Flachgut. Derweil reden wenigstens die Einwanderer Deutsch miteinander, und das ist gut so, sonst mag sie Herr Oettinger nicht integrieren. Wie sonst k\u00f6nnten sie mit den Deutschen zusammen Englisch lernen? <\/p>\n<p>Englisch besitzt allerdings einen Vorteil, es ist sozusagen aseptisch, f\u00fcr alle gleich schlecht, sogar f\u00fcr die Engl\u00e4nder. Europa ist drauf und dran, sich auf eine lingua franca zu einigen, deren Muttersprachler von Europa nichts halten. Sinn sieht so nicht aus, denn was wir bekommen, ist ein Abklatsch der Kultursprache Englisch, uns bl\u00fcht die verewigte Armut einer kantenlosen Arbeitssprache. EU-Kommissar Vladimir \u0160pidla, vormals Ministerpr\u00e4sident auf der Prager Burg, wurde einmal gefragt, warum er nicht, wie die \u00fcbrigen Anwesenden, Englisch spreche. Es gebe Gedanken, sagte \u0160pidla die k\u00f6nne man nur auf Deutsch \u00e4u\u00dfern. Recht hat er, Fragen der Cuisine gestalten sich auf Franz\u00f6sisch ergiebiger als auf Finnisch. Oder gar Englisch. In Br\u00fcssel haben die Dolmetscher nach jahrelangen Klagen wieder Alarm geschlagen. Viele Politiker, Diplomaten und Beamte w\u00fcrden in Sitzungen ein so katastrophales Englisch reden, da\u00df die Dolmetscher nur Bahnhof verstehen. In den Konferenzs\u00e4len liegen jetzt Fibeln aus mit dem Hinweis, man m\u00f6ge, &#8222;wenn es m\u00f6glich ist, seine Muttersprache verwenden!&#8220; <\/p>\n<p>Der Verein Deutsche Sprache bittet: Sagen wir statt aufziehen <em>darbringen<\/em>, statt ausrichten <em>einstimmen<\/em>, statt einsetzen <em>hineinwachsen <\/em>und statt umsetzen probieren wir es mit <em>verwirklichen<\/em>. Sicher, dazu m\u00fc\u00dften wir unsere S\u00e4tze anders bilden, die W\u00f6rter auszutauschen gen\u00fcgt nicht. Notfalls m\u00fc\u00dften wir uns neue Gedanken machen. Gedanken, aus denen Bilder und Worte erbl\u00fchen, die den ganzen Menschen betreffen und zugleich mit dem Machen das F\u00fchlen und das Denken wiedergeben. Solche Sprache widerst\u00fcnde jedem Versuch, den Menschen als Mechanismus zu h\u00e4ndeln, der sich nach einem F\u00fchrer, einer Ideologie oder dem Nutzen der Aktion\u00e4re ausrichten lie\u00dfe. <\/p>\n<p>Noch eine Bitte: \u00dcberspringen wir ein paar Sprachh\u00fclsen, verzichten wir auf jeden zweiten Anglizismus! Kramen wir im Wortschatz, was er zur Bildung neuer Begriffe hergibt. Die Aktion Lebendiges Deutsch beweist, wie saftig, farbig, witzig wir die Sprache gebrauchen k\u00f6nnen. Ohne den Druck, eine Welthandels- und Verkehrssprache sein zu m\u00fcssen, hat unsere Sprache n\u00e4mlich ihre Vorz\u00fcge behalten. Aber die Sprache verdorrt, wenn wir sie nicht gie\u00dfen, sie wird uns zertreten, wenn wir die Sprachmissbraucher in den Garten lassen. Sprache ist eine nat\u00fcrliche Sache, sie w\u00e4chst und gedeiht &#8230; wie der G\u00e4rtner sie pflegt. <\/p>\n<hr \/>\n<p>Diese Fassung entspricht weitgehend dem Aufmacher der Sprachnachrichten Nr. 31 des Vereins Deutsche Sprache vom Juli 2006.\t  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der antifaschistischen Bewegung bis ins liberale Milieu der Postmateriellen gilt die Sprache der Dichter und Denker als Belastung; die modische Mitte gebraucht sie als Einkaufst\u00fcte, ab in die gelbe Tonne; im Gesch\u00e4ftsleben verliert sie ihren Mehrwert, und der Fl\u00fcgel rechts au\u00dfen steht, wie schon immer, auf Kriegsfu\u00df mit der Sprache; in der Debatte um [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v22.7 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Verraten und verkauft - baerentatze<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/verraten-und-verkauft\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verraten und verkauft - baerentatze\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Von der antifaschistischen Bewegung bis ins liberale Milieu der Postmateriellen gilt die Sprache der Dichter und Denker als Belastung; 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