{"id":4420,"date":"2007-06-02T20:44:50","date_gmt":"2007-06-02T19:44:50","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4420"},"modified":"2017-10-02T21:27:53","modified_gmt":"2017-10-02T20:27:53","slug":"sackzess-im-bisiness","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/sackzess-im-bisiness","title":{"rendered":"Sackzess im Bisiness"},"content":{"rendered":"<p><em>Sprache schafft Chancen, Sprache verdirbt Chancen. Sprachpflege im Gesch\u00e4ft zahlt sich aus. Auf dem Spiel steht mehr als der Gewinn oder Verlust f\u00fcr ein falsch beworbenes Produkt. An der Sprache erkennt der Kunde die Unternehmenskultur, sie ist die Grundlage des Marketings. Die Muttersprache bietet handfeste Vorteile f\u00fcr das Marketing und die Unternehmenskultur. <\/em><\/p>\n<p>Fr\u00fcher gab es bei der Bahn einen Schalter, der hie\u00df Auskunft, jetzt hei\u00dft er Service Point. So kommt die Bahn ausl\u00e4ndischen Besuchern entgegen, weil es Englisch klingt. Aber nicht ist. Gottlob sind die Ausl\u00e4nder weltl\u00e4ufig, sie begreifen trotzdem, worum es geht. Schlie\u00dflich ist der Geisterfahrer auch keiner, der Gespenster durch die Gegend f\u00e4hrt. \u00c4rger hat die Bahn nur mit den Kunden im Inland. Sie durchschauen, was gespielt wird, und darin liegt das Problem. <\/p>\n<p>Hartmut Mehdorn m\u00f6chte seine Bahn an die B\u00f6rse bringen. Die Regierung hat es versprochen: &#8222;Der Kabinettsbeschluss ist ein tragender Meilenstein.&#8220; Was immer das sein mag, ein tragender Meilenstein. Dennoch k\u00f6nnte das Vorhaben entgleisen, das Schienennetz darf die Bahn schon nicht mehr mitnehmen. Der W\u00e4hler, zugleich Kunde der Bahn, hat zu viele Anschl\u00fcsse verpasst, zu oft um ein Ticket angestanden, er misstraut dem Plan der Bahn, Shareholder Value und Service unter einen Hut zu bringen. Er begreift das ganze als ein geschn\u00fcrtes Paket, sein Inhalt verr\u00e4t sich durch die Sprache: Vorsicht, Zur\u00fcck treten von der Kante! <\/p>\n<p>Was Die Bahn betreibt, ist ein PR-GAU, der Gr\u00f6\u00dfte Anzunehmende Unfug in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Offenbar glaubt sie ihrem eigenen Wortgeklingel, und das eine Kardinals\u00fcnde des Marketings. Spr\u00e4che sie nicht, was sie f\u00fcr Englisch h\u00e4lt, sondern Deutsch, w\u00fcrde sie es selbst h\u00f6ren: Da singt jemand laut, aber falsch. <\/p>\n<p>Dass sich Widerstand organisiert, war abzusehen. Der Verein Deutsche Sprache entstand 1997, weil wir der Worth\u00fclsen hierzulande genug haben, da fehlten uns die englischen gerade noch. Was so harmlos aussieht &#8211; 6500 Anglizismen, keine zwei Prozent des Wortschatzes &#8211; ist l\u00e4cherlich, manchmal \u00e4rgerlich, oft peinlich, mitunter sogar gef\u00e4hrlich. Was Bahn, Telekom, Post und die DAX-gelisteten Unternehmen in der Werbung anstellen, kostet viel und erbringt wenig, manchmal das genaue Gegenteil des Gew\u00fcnschten. <\/p>\n<h3>Aufrichtiges Marketing<\/h3>\n<p>Tchibo bietet Handt\u00fccher von Mitch &#038; Co als 2 Towels an: &#8222;Um kundennah aufzutreten, \u00fcbernehmen wir zum Teil nat\u00fcrlich auch die entsprechende Sprache der Kunden,&#8220; erwidert Tchibo den entsprechenden Kritikern in einem Standardschreiben. Falls ihr der Kunde zu nahe kommt, wird sie ihre entsprechende sprachliche Bl\u00f6\u00dfe mit den zwei Towels bedecken. Wen meint Tchibo? Die Jungen, die zwar so reden, aber Towel weder aussprechen noch schreiben k\u00f6nnen? Oder die Yuppies, von denen man &#8211; fr\u00fcher zu Recht &#8211; annahm, sie k\u00e4men ohne Business Reengineering, Benchmarking und Customer Relationship Management nicht aus dem Knick? Auch ihnen w\u00e4chst das Sprachgulasch bereits zum Halse heraus. Gerade in diesem Milieu gilt der Versandhauskatalog von Manufactum wegen seiner Sprache als Kultobjekt: &#8222;Es gibt sie noch, die guten Dinge.&#8220; Gepflegtes Deutsch ist zeitlos. <\/p>\n<p>Trotzdem wird im Markt beherzt aneinander vorbeigeredet. Vielleicht liegt es daran, dass die Marketing- und Mediaexperten aus eben diesem Milieu nur die Wasserl\u00f6cher aufsuchen, wo sich ihr Zielwild nicht hintraut. Dabei widersprach schon David Ogilvy seinen Kollegen in der Werbung: &#8222;Wenn du neben dem Kunden stehst, brauchst du nicht zu schreien.&#8220; Schon gar nicht in einer Sprache, die bei Vielen ein schlechtes Gewissen weckt: Ob mein Englisch wohl gen\u00fcgt in diesem globalen Dorf? <\/p>\n<p>Ogilvy meinte \u00fcbrigens auch, die Werber sollten in der Sprache der Kunden schreiben, in der Umgangssprache. In seinem Sinne ruft eine Stadtsparkasse die Jungen zu einer Party mit &#8222;Styling f\u00fcr dich oder deine Finanzen&#8220;. Entweder geht, vor lauter Anbiederei im Jugendjargon, der Verstand \u00fcber Bord oder die Sparkasse trimmt ihre Kunden beizeiten auf innovative Finanzprodukte. Dann w\u00e4re ihr Marketing folgerichtig, und kurzsichtig. Eine Ferienhausagentur am Mittelmeer, auf der Suche nach einem Namen, mit dem auch Italiener und Spanier fertig werden, sagte ihrem Werbeberater: &#8222;Es kann ruhig ein deutscher Name sein, die englisch-angehauchten h\u00f6ren sich oft so austauschbar an.&#8220; <\/p>\n<h3>Glaubw\u00fcrdiger Ausdruck<\/h3>\n<p>Sicher, es gibt Produkte wie Anti-Aging-Creme, aber dar\u00fcber sollen sich die Kunden keine Gedanken machen: eine Creme gegen das Altern. Fehlt nur die Salbe gegen schlechte Schulnoten. H\u00e4lt man die Alten wie die Jungen f\u00fcr schwachsinnig? Die man \u00fcber das Bauchgef\u00fchl einf\u00e4ngt, oder was noch weiter s\u00fcdlich liegt? Das w\u00e4re zwar g\u00e4ngige Praxis, bliebe aber ein Marketing der verbrannten Erde, f\u00fcr jedes seri\u00f6se Angebot ungeeignet. <\/p>\n<p>Darauf l\u00e4sst sich zum Beispiel die Weleda nicht ein. An ihren Formulierungen sp\u00fcrt der Leser das Bem\u00fchen, dass sie ein Gegengewicht zu unerl\u00e4sslichen Schl\u00fcsselw\u00f6rtern wie Wellness und Peeling sucht: &#8222;Regelm\u00e4\u00dfige Bewegung und Entspannung, eine ausgewogene, gesunde Ern\u00e4hrung, genussvolle und wohltuende Hautpflege und Achtsamkeit in der Gestaltung Ihrer Beziehungen: All das tr\u00e4gt zu Ihrer Gesundheit und Ihrem Wohlbefinden bei.&#8220; Das begriff auch der Bauchladen, ein Bautzener Gesch\u00e4ft f\u00fcr Schwangerenbedarf bei der Wahl seines Namens. <\/p>\n<p>Zu Zeiten des geilen Geizes gen\u00fcgt es nicht, seine Sache gut zu machen. Man muss auch \u00fcber die Rampe bringen, dass man zu dieser Leistung f\u00e4hig ist und auch k\u00fcnftig noch willens sein wird. Beispielsweise Dr. Oetkers Sorge um Allergiker geht schon aus der sachlich gehaltenen, aber in warmen T\u00f6nen getroffenen Sprache hervor. Sie ermutigt zum Weiterlesen, zur Kontaktaufnahme mit Oetkers Versuchsk\u00fcche. <\/p>\n<p>Was meinte David Ogilvy damit: Sprecht wie Eure Kunden? Meinte er das krause Zeug, was der Volksmund in der Stra\u00dfenbahn sagt? Das brachte Hanns-Dieter H\u00fcsch auf die Kleinkunstb\u00fchne. Er stilisierte es, er f\u00fcgte Satzfetzen zu Kabarettst\u00fcckchen zusammen, das wurde sehr komisch. Ebenso filtert der Werbetexter aus der Umgangssprache, was f\u00fcr seine Zwecke verdaulich ist, alles andere entsorgt er. Mit Anglizismen, Kanaksprak, Amts- oder Soziologendeutsch kann er spielen, so lange er nur andeutet, nicht platt walzt. W\u00fcrde Richard III den ganzen Abend \u00fcber die B\u00fchne hinken, w\u00fcrde uns sein Klumpfu\u00df von der Trag\u00f6die ablenken. Eine \u00e4hnliche Umsicht und Behutsamkeit beim Sprachgebrauch ist in keinem Milieu vergeudet. Finanzen zu stylen bleibt ein Stilbruch, den sich ein guter Werber drei mal \u00fcberlegt. <\/p>\n<p>Oetker genie\u00dft die Treue seiner Kunden zur Marke. Auch Eon m\u00f6chte die Kunden bei der Stange halten, trotz des schlechten Rufes, der Energieanbietern anhaftet. Denn auf die Dauer kan man nur die Identit\u00e4t darbieten, die der Wahrheit entspricht. Deshalbb muss das Marketing mit der Unternehmenskultur vers\u00f6hnt werden. Sonst landet man bei Umfragen (&#8222;Wessen Service ist gut?&#8220;) auf den untersten Pl\u00e4tzen, bei Bahn, Post und Telekom. Deren Service ist \u00fcbrigens besser als ihr Ruf, aber der Kunde vergleicht ihr \u00f6ffentliches Auftreten mit der Corporate Identity (Unternehmenskultur), wie er sie erlebt. Weichen sie voneinander ab, ver\u00fcbelt er die L\u00fcge mehr als er die Leistung w\u00fcrdigt. Solche Unternehmen reden mit ihren Kunden in der falschen Mundart. Das ist unklug, wenn man zur gleichen Zeit die alten Brieftr\u00e4ger feuert. <\/p>\n<h3>Vertrauen auf Augenh\u00f6he<\/h3>\n<p>Die Post wendet ein, sie sei kein deutsches Unternehmen mehr, sondern ein Global Player, folglich m\u00fcsse sie sich der Welthandels- und Verkehrssprache bedienen. Auch in Wei\u00dfwasser, Bottrop und Reutlingen? &#8222;Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,&#8220; meint David Crystal, Mitverfasser der Cambridge Enzyklop\u00e4die der Englischen Sprache. Ogivly w\u00fcrde sich im Grabe umdrehen, da alle Zielgruppen mit der selben Fertigso\u00dfe gef\u00fcttert werden. So wird Globalisierung zu einer Art Kolonialisierung, der sich nur ideologisch getrimmte Mitarbeiter freiwillig unterwerfen. Falls aber die Post in Madrid und Berlin zweierlei Ma\u00df anlegt &#8211; sags den Spaniern auf Spanisch, den Deutschen auf Englisch &#8211; k\u00f6nnte das hierzulande als unfreundlicher Akt aufgefasst werden. Warum sollte der deutsche W\u00e4hler ein Briefmonopol (bei \u00fcberh\u00f6htem Porto) dulden, wenn sich die Post nicht mehr als deutsches Unternehmen versteht? <\/p>\n<p>Was macht die Eon richtig? Sie vollf\u00fchrt mit der Sprache eine Geste, die von innen nach au\u00dfen wirkt. Wer im B\u00fcro statt zum Meeting zur Besprechung eilt, der nennt auch sorgf\u00e4ltig verfasste Briefe an die Kunden sein eigen, wird Amtsdeutsch meiden, Fachjargon erl\u00e4utern, protzige Anglizismen vor dem Gebrauch entsorgen. Der verfasst E-Mails wie handgeschriebene Briefe und gew\u00f6hnt sich an einen Tonfall, mit dem sich musizieren lie\u00dfe. Mithilfe der Sprache ver\u00e4ndert Eon seine Kultur, das Marketing kann ihr m\u00fchelos folgen. Das spart nicht nur Kosten in der Werbung, es entlastet den Betrieb, zum Beispiel weil einen die Kunden mit weniger R\u00fcckfragen plagen. <\/p>\n<p>\u00c4hnlich geht es Soli fer Solardach, einem Handwerksbetrieb f\u00fcr Sonnenw\u00e4rmeanlagen, bereits in der Phase der Anbahnung. Seit dem Tag, als der Chef in seinen Fachvortr\u00e4gen Low Flow Technology durch Tr\u00e4gflusstechnik ersetzte, h\u00f6ren seine k\u00fcnftigen Kunden mit gespitzten Ohren zu. Er hat daraufhin mit Fachjargon und Anglizismen gr\u00fcndlich aufger\u00e4umt und die Kunden sagen: Jetzt verstehe ich, worum es geht. Soli fer holt den Kunden auf Augenh\u00f6he mit dem Fachberater, da wird nicht imponiert, sondern informiert. F\u00fcr den Kunden, der mit seiner f\u00fcnfstelligen Investition immerhin den Gegenwert eines Kleinwagens auf sein Dach legen soll, wird das Risiko \u00fcberschaubar. Soli fer geht einen Schritt weiter und setzt Fremdw\u00f6rter grunds\u00e4tzlich sparsam ein, denn bekanntlich bricht die Aufmerksamkeit des H\u00f6rers in dem Augenblick zusammen, wenn er auf ein Wort st\u00f6\u00dft, das er nicht versteht. <\/p>\n<h3>Angewandtes Sprachempfinden<\/h3>\n<p>F\u00fcr sorgsame Wortwahl gibt es auch einen tieferen Grund. Jedes Wort, jeder Laut besitzt seine eigene Farbe und Temperatur. Daraus kann man einen Satz wie eine Taktfolge komponieren. Horchen wir uns hinein: Empfinden wir dasselbe, wenn wir dem Arzt unser Gef\u00fchl beschreiben, als wenn \u00fcber eine Emotion informieren? Geh\u00f6rt nicht der Blinddarm zu mir, der Appendix in die Klinik? Arbeitet einer wirklich sch\u00f6pferisch, wenn er kreativ ist? An solchen Feinheiten h\u00e4ngt, ob der H\u00f6rer, der Leser, mitgeht oder davonl\u00e4uft. <\/p>\n<p>Meistens gen\u00fcgt es nicht, ein Wort auszutauschen, wir m\u00fcssen den ganzen Satz neu entwerfen. &#8222;Wir orientieren die Arbeitsmarktpolitik an XYZ&#8220; rauscht vom einen Ohr zum anderen und wieder hinaus, es hinterl\u00e4sst keine Spur. &#8222;Wir richten die Arbeitsmarkpoltik an XYZ aus,&#8220; vermeidet das Fremdwort, klingt aber nach Kasernenhof. &#8222;Wir m\u00f6chten von den Betroffenen erfahren, wie sich XYZ auf sie auswirkt,&#8220; hingegen fordert den Sprecher auf, Farbe zu bekennen, das l\u00e4dt ein zum Mitlesen und Mitdenken, darauf kann, wer so spricht, sogar mit einer n\u00fctzlichen Antwort rechnen. <\/p>\n<p>Was wir gemeinhin als Fremdwort bezeichnen, ist meist k\u00e4lter als das Synonym, das wir noch als &#8222;Deutsch&#8220; empfinden. Vielleicht stopfen wir diese w\u00f6rter deshalb in Fremdw\u00f6rterb\u00fccher; im Englischen kennt man solche Trennung nicht. Man schl\u00e4gt nach &#8211; sieh an, das also bedeutet es &#8211; und kehrt zur\u00fcck ins Vertraute. Aber w\u00fcrden wir der Geliebten einen Body Bag schenken, wenn wir w\u00fcssten, es ist ein Leichensack? Wieviel Fremdw\u00f6rter, zumal die vielsilbigen romanischen (&#8222;Ich bin emotional involviert&#8220;) und die modischen englischen (&#8222;Von Feeling her habe ich ein gutes Gef\u00fchl&#8220;), vertr\u00e4gt ein Liebesbrief? <\/p>\n<p>Mit dem, was wir kalt finden, kommen die Franzosen auch in der Liebe zurecht, aber es war ihre Landsm\u00e4nnin, Madame de Sta\u00ebl, die meinte: &#8222;Die Deutsche Sprache ist viel philosophischer als die italienische, viel poetischer in ihrer K\u00fchnheit als die franz\u00f6sische, dem Rhythmus der Verse viel g\u00fcnstiger als die englische.&#8220; Deshalb tr\u00e4gt protzen weiter als imponieren, und statt zu informieren k\u00f6nnten wir erl\u00e4utern, erkl\u00e4ren, verdeutlichen, erz\u00e4hlen \u2026 und schon schenkt uns der H\u00f6rer sein Ohr. <\/p>\n<p>Auf den Kitzel von Modew\u00f6rtern verzichten Marketingleute ungern, schlie\u00dflich stehen sie innovativ und kreativ unter Dampf. Aber jeder Reiz unterliegt dem abnehmenden Grenznutzen. Uns geht es wie mit dem Gorgonzola auf dem Brot: Doppelt so dick gestrichen schmeckt nicht doppelt so gut, bei vier mal so dick grausts einem schon. Sogar ein Hamburger zur rechten Zeit schmeckt, denn er ist mit Geschmacksverst\u00e4rker angereichert. Das Natriumglutamat stumpft die Geschmacksnerven ab, bis man nichts mehr mag als den Fra\u00df, der damit versetzt ist. Haben wir uns an Geisteskost aus Sprachh\u00fclsen erst gew\u00f6hnt, versiegt auch das Denken. Und wie man Success in Business ausspricht (oder es lieber sein l\u00e4sst), haben wir dann auch verpasst. <\/p>\n<h3>Selbstgewisses Auftreten<\/h3>\n<p>Den Kunden abzuholen, wo er steht, hei\u00dft nicht, wie ein Cham\u00e4leon darauf zu warten, dass er sich in unsere Reichweite wagt. Wer etwas auf sich h\u00e4lt, bekennt Farbe. BMW, zum Beispiel, hat Verfahren zum Spritsparen mit eben jener Pfiffigkeit entwickelt, die man von Made in Germany kennt und erwartet, und stellt sie auf der Messe als Efficient Dynamics vor, global angepasst und anonym, als stammte die Idee aus Taipeh. Ist Deutsch den Bayern zu betulich? Wieso ducken sie sich unter die Bank, als h\u00e4tten sie ihre Schularbeiten nicht gemacht? Auf Globalesisch muss doch nur auftreten, wer den BMWs nicht das Wasser reicht! <\/p>\n<p>Exportweltmeister war man schon, als Englisch noch kein Beweis f\u00fcr Weltl\u00e4ufigkeit war. Den Airbag hat Daimler Benz erfunden, aber alle Welt h\u00e4lt ihn f\u00fcr eine amerikanische Erfindung. Man stelle sich vor, was es kostet, einer solchen Rufsch\u00e4digung durch Werbung zu begegnen. Audi wirbt mit Vorsprung durch Technik, das kann in England keiner aussprechen, aber Audi ist ein Kultauto. Ferrari bietet auf der Messe den Millechili an, so wie es Ferrari in den Kram passt, nicht als One Ton Car. Dass die Leute Millechili aussprechen, als ginge es um Peperoni, ist dem Hause Ferrari v\u00f6llig egal Man wahrt seine Identit\u00e4t, indem man tut, was man f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Sobald Ferrari diese Haltung aufg\u00e4be, k\u00f6nnten sie in Maranello das Licht ausschalten. <\/p>\n<h3>Hausinterne Dialoge<\/h3>\n<p>Ist die Betriebstemperatur zu kalt, f\u00fchlen sich die Mitarbeiter unsicher, sie verkrampfen und leisten weniger. Ist sie zu hei\u00df, entsteht ein Gruppenmief, in dem alles Sch\u00f6pferische eingeht. Englisch bleibt, ob es dem Deutschen noch so verwandt ist, eine Fremdsprache, die von den meisten im Lande nicht beherrscht wird, selbst nicht von denen, die es sich einbilden; die Temperatur f\u00e4llt. Englisch zur Konzernsprache zu erheben, bedeutet daher den Verzicht, an den flie\u00dfenden Grenzen des Gedachten und Gef\u00fchlten etwas dazuzulernen, Neues mit Begeisterung zu vermitteln. Das Spannendste in der Architektur sind die \u00dcberg\u00e4nge, nicht die Fl\u00e4chen; Neues entsteht an den R\u00e4ndern, nicht im Hauptstrom der Mitl\u00e4ufer. <\/p>\n<p>Wenn wir nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich sprachbegabt sind, fehlt uns in der Fremdsprache zum sch\u00f6pferischen Denken und zum f\u00f6rderlichen Dialog ganz einfach das professionelle Werkzeug. Ein auf das Notwendige beschr\u00e4nkte, kulturell neutralisiertes Globalesisch bietet zwar Rationalisierungsvorteile: In seiner beschr\u00e4nkten Funktion wird aber der Einzelne durch Hart- und Weichware ersetzbar; als Person verliert er im Arbeitsleben seine Daseinsberechtigung. Ein so aufgestelltes Unternehmen ist dann auch leichter zu verschachern. Wer das Englisch der Global Player drauf hat, sonst nichts, hat gute Chancen den Eigent\u00fcmerwechsel zu \u00fcberstehen. Bis zum n\u00e4chsten mal, dann ist auch er f\u00e4llig. <\/p>\n<p>Solche Aufsteiger verteidigen mit Energie ein Art Naturrecht auf schlechtes Englisch, sind aber nur denkfaul. Kommt etwas Neues auf den Markt, bildet das Wort die Synapse im Gehirn, das als erstes genannt wird. Das geschieht in Redaktionen, denen die Zeit zum Vordenken fehlt, und bei Wortsch\u00f6pfern in Madison Avenue. So gab es auf einmal den Podcast, gebildet aus iPod und Broadcast = Rundfunk. Ein ausgeschlafener Journalist mit Phantasie (und Zeit) h\u00e4tte daraus den Schotenfunk gemacht. Und nicht f\u00fcr Apple geworben. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Deshalb h\u00e4tte sich Prallsack statt Airbag m\u00fchelos durchsetzen lassen, sogar in Iowa, siehe Audi. <\/p>\n<p>Vollends peinlich wird es, wenn der Deutschlandfunk berichtet: &#8222;Die Deutsche Post bevorzugt Halle\/Leipzig f\u00fcr zentrales DHL-Hub&#8220;, Hub ist dabei ausgesprochen wie in Hubraum. Sicher, hub hei\u00dft Nabe, auch G\u00fcterverteilzentrum, Drehkreuz, aber wer wei\u00df das Was soll Information ohne Haken, an den man sie h\u00e4ngen kann? Sogar die Lufthansa hat das Wort Drehkreuz noch nicht aufgegeben. <\/p>\n<p>Wem solche M\u00e4tzchen wie Gehirnw\u00e4sche vorkommen, der w\u00fcnscht sich f\u00fcr den deutschen Sprachraum Gesetze wie das Loi Toubon (Sprachgesetz, erzwingt bei fremden W\u00f6rtern, die fanz\u00f6sische \u00dcbersetzung hinzuzuf\u00fcgen). Ob so etwas hierzulande Sinn stiftete, ob es durchsetzbar w\u00e4re, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass sich der B\u00fcrger bewegt, dass er jedem schlampigen Sprachgebrauch etwas bewusst Gew\u00e4hltes entgegenh\u00e4lt, das von Herzen kommt und vor Gebrauch im Kopf bewegt wird. Vorangehen k\u00f6nnten die deutschen Volksvertreter und die Landessprache im Grundgesetz verankern. Deutsch ist immerhin die Lingua Franca der Zuwanderer untereinander und &#8211; nebenbei gesagt &#8211; die Muttersprache von \u00fcber 90 Millionen Einheimischen in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz. Davon beherrscht h\u00f6chstens jeder Vierte die englische Sprache f\u00fcr ein einigerma\u00dfen fl\u00fcssiges Gespr\u00e4ch. Bei Verhandlungen auf oberster Ebene ist sogar der Fortgeschrittene dem Muttersprachler unterlegen. Davor sch\u00fctzt nur professionelles Dolmetschen. Es mag teuer sein; der Verzicht darauf kommt aber nicht billiger. Das konnte man aus Joint Ventures in Amerika lernen. <\/p>\n<h3>Menschen im Wettbewerb<\/h3>\n<p>Sprache ist nicht nur, was man in W\u00f6rterb\u00fcchern nachschl\u00e4gt. Wir verst\u00e4ndigen uns durch Bilder, Metaphern, Idiome. Das bezeugte ein Vorstand auf seiner Hauptversammlung, als er die Entlassung von einigen hundert Mitarbeitern begr\u00fcndete: &#8222;It is better to cut off our hands and feets than our arms and legs.&#8220; (Es ist besser, wir schneiden unsere H\u00e4nde und Fu\u00dfen ab als unsere Arme und Beine). H\u00e4tte sich dieser Deutsche der Sprache bedient, die er auf dem Scho\u00df der Mutter h\u00f6rte, ihm w\u00e4re nicht nur die Mehrzahl von Fu\u00df ohne Blutvergie\u00dfen gelungen, er h\u00e4tte sich eher auf die Lippen gebissen als ein Kettens\u00e4genmassaker anzuk\u00fcndigen. <\/p>\n<p>&#8222;Man kann sich in einer fremden Sprache nur unfrei ausdr\u00fccken. Im Zweifelsfall sagt man lieber, was man richtig und einwandfrei zu sagen hofft, als das, was man eigentlich sagen will. Oder man sagt, was man zu sagen glaubt, in der fremden Sprache, aber wird es anders verstanden, als es gemeint war,&#8220; sagte Franz Moln\u00e1r. Derlei kann uns sogar in der Muttersprache geschehen, aber da kommt uns das Sprachgef\u00fchl zu Hilfe, wir verbessern uns oder fragen den Sprecher, ob er das nun so oder so meinte. Wer soll das in einer Fremdsprache fertigbringen? Ist es praktikabel zu fordern, dass man es k\u00f6nne? <\/p>\n<p>Ein verhandlungsfestes Englisch setzt jahrelangen Aufenthalt im passenden Ausland voraus, v\u00f6lliges Eintauchen in die andere Sprache, gr\u00fcndlicher als J\u00fcrgen Schrempp es vorweisen kann; an seinem s\u00fcdafrikanischen Wohnort sprach er wahrscheinlich zu viel Deutsch, zu Hause und im B\u00fcro. Schrempp war der Chief Executive Officer, der aus der deutschen Daimler-Benz und der amerikanischen Chrysler einen Englisch sprechenden Weltkonzern zusammenr\u00fchrte. Fort mit Schaden (good riddance)! <\/p>\n<p>Ein leitender Forscher der BASF, dem die &#8211; nur noch in Englisch verfassten &#8211; Berichte seiner Mitarbeiter \u00fcber den Tisch gehen, findet darin zahlreiche Schw\u00e4chen und sogar sinnentstellende Fehler. Das gab es zu Zeiten der deutschen Berichterstattung nicht; mit einem Federstrich ist die BASF in die zweite Liga abgestiegen. Mittlerweile hat dieser Bereich einen neuen Chef bekommen, der von der Forschung nichts versteht, aber die Konzernsprache drauf hat. Der Schein bestimmt das Bewusstsein. <\/p>\n<p>Auf niederer Ebene wird diese Tendenz bei der Advanced Micro Electronics (AMD) best\u00e4tigt, die sich in Dresden nicht wegen der Staatsknete niederlie\u00df (die gabs anderswo auch), sondern weil da Fachkr\u00e4fte aus DDR-Zeiten leben. Teilnehmer eines Englischlehrgangs, Fachleute der Elektronik, berichten, dass AMD als erstes ihre Kenntnisse im Englischen pr\u00fcft. Wer durchf\u00e4llt, k\u00f6nne gleich nach Hause gehen, die fachliche Qualifikation werde nicht erst erfragt. <\/p>\n<h3>Muttersprache ein Muss &#8211; Weltenglisch ein Plus<\/h3>\n<p>Englisch besetzt nun den Raum, ob wir es wollen oder nicht, den Esperanto besser ausgef\u00fcllt h\u00e4tte. Schon allein, weil sich mit Esperanto keiner falsche Vorstellungen machte, man verst\u00fcnde einander, blo\u00df weil der andere nicht widerspricht. Aber Esperanto hat keine Chance. Also, was sollten wir tun? <\/p>\n<p>Kl\u00e4ren wir, wozu sich die Welthandels- und Verkehrssprache eignet und wof\u00fcr nicht. Sie ist glatt, das erleichtert den Umgang und den Zugang. Zugleich fehlt ihr die Genauigkeit einer kantigen Sprache (welche das Hochenglisch besitzt, aber das ist mit Globalesisch nicht zu verwechseln). Auf die Dauer ist es auch nicht im Sinne der Amerikaner und Engl\u00e4nder, wenn sie ihren Vorteil der Muttersprachlichkeit auf Kosten aller anderen ausspielen. Sie genie\u00dfen die \u00dcberlegenheit auf absch\u00fcssiger Bahn, denn so wie der kulturelle Beitrag aus den \u00fcbrigen Muttersprachen verf\u00e4llt, wird die Welt insgesamt verarmen, auch ihre. Au\u00dferdem spaltet sich die globalesische Sprache bereits in immer mehr Dialekte. Das kann nur gut finden, wer noch nicht bemerkt hat, dass zum Fortschritt eine farbige Vielfalt jeder Monokultur vorzuziehen ist. <\/p>\n<p>&#8222;Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache,&#8220; lie\u00df ein deutscher Ministerpr\u00e4sident h\u00f6ren. Er irrt, die Weltsprache ist ein Zerrbild. Angenommen, die Deutschen w\u00fcrden dennoch und mit Gewalt Englisch zur neuen Muttersprache erkl\u00e4ren: Wie lange w\u00fcrde es dauern, bis eine Mehrheit der Kinder hierzulande mit einem Englisch auf muttersprachlichem Niveau aufw\u00e4chst? Mindestens eine Generation, und im Verlauf dieser zwanzig Jahre m\u00fcsste auf alles Erreichte verzichtet werden, auf Vorsprung durch Technik, aber BSE h\u00e4tten wir (Bad Simple English). <\/p>\n<p>Das verdeutlichte Porsche-Chef Wiedeking: &#8222;Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sich die Manager in Englisch verst\u00e4ndigen. Aber das ist nicht auf allen Arbeitsebenen der Fall. Ganz schwierig wird es, wenn es um Details geht, um die Einzelteile eines Motors beispielsweise, doch gerade bei diesen Themen m\u00fcssen sich die Mitarbeiter perfekt verst\u00e4ndigen.&#8220; Wir w\u00fcrden uns bald auf chinesischem Lohnniveau befinden, nat\u00fcrlich ohne Sozialstaat, den k\u00f6nnte sich die Volkswirtschaft nicht mehr leisten. <\/p>\n<p>Lassen wir uns nicht auf falsche Vorstellungen ein, globales Englisch ist unser Esperanto, mehr nicht. Wir wollen uns weltweit verst\u00e4ndigen und unsere F\u00e4higkeit zum sch\u00f6pferischen Denken erhalten. Dazu m\u00fcssen wir die Muttersprache, alle Muttersprachen, die noch zu retten sind, davor sch\u00fctzen, dass sie f\u00fcr ein Linsengericht verh\u00f6kert werden. Jede Muttersprache besitzt Vorz\u00fcge, wir m\u00fcssen sie nutzen, dann sch\u00e4tzen wir sie, dann f\u00e4llt uns ihre Pflege und weitere Entwicklung nicht schwer. Gemeinsinn gedeiht, wo wir das Anderssein w\u00fcrdigen, nicht verdr\u00e4ngen. Werden alle Sprachen gew\u00fcrdigt, haben alle viel zu bieten. <\/p>\n<hr \/>\n<p>Leicht redigierte Fassung des Beitrags in der Festschrift zum zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Vereins Deutsche Sprache e.V. <\/p>\n<p>Leicht redigierte Fassung des Beitrags in der Festschrift zum zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Vereins Deutsche Sprache e.V. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache schafft Chancen, Sprache verdirbt Chancen. Sprachpflege im Gesch\u00e4ft zahlt sich aus. 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