{"id":4417,"date":"2008-03-02T20:36:42","date_gmt":"2008-03-02T19:36:42","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4417"},"modified":"2017-10-02T20:40:03","modified_gmt":"2017-10-02T19:40:03","slug":"viel-laerm-um-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/viel-laerm-um-nichts","title":{"rendered":"Viel L\u00e4rm um nichts"},"content":{"rendered":"<p><em>Hysterie um Englischkenntnisse. Englischkenntnisse f\u00fcr Beruf und Wissenschaft m\u00fcssen gezielt erworben werden, nicht unterschiedslos, etwa aus Angst; und wenn es auf Kosten der Muttersprache geschieht, wird es teuer. Wenn wir unsere Kinder fachlich zu fr\u00fch beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Vorhersagen sind immer schwierig&#8220;, meinte Mark Twain, &#8222;vor allem \u00fcber die Zukunft.&#8220; Ihrer Sache sicher, dass andere Sprachen \u00fcberfl\u00fcssig sind, bem\u00fchen sich Engl\u00e4nder und Amerikaner kaum noch um Fremdsprachen. Aber nachdem ein Bus explodierte, suchte Scotland Yard auf einmal Mitarbeiter mit Kenntnissen in Urdu und Arabisch. Und die CIA hatte in ihrem Glauben an die Elektronik die klassischen Spione pensioniert, was sie nach dem 11. September 2001 schnell bereute. Im eigenen Lande erleben die Amerikaner, wie Spanisch dem Englischen zu Leibe r\u00fcckt (und kurzerhand Englisch per Gesetz zur Landessprache erkl\u00e4rt). In Europa kannten wir vor f\u00fcnfzehn Jahren, was China anbelangt, nur den Tinnef aus Taiwan. Wer h\u00e4tte hier vorausgesehen, dass komplette Fabriken nach Hang shou \u00fcbersiedeln? Und wer h\u00e4tte den Indern IT-Arbeitspl\u00e4tze in Bangalore zugetraut? <\/p>\n<p>Eltern, die ihre Krabbler f\u00fcrsorglich mit Englisch berieseln, k\u00f6nnten ihrer Angst eine neue Zielrichtung g\u00f6nnen: wer wei\u00df, vielleicht wird in f\u00fcnfzehn Jahren nicht Englisch, sondern Mandarin die Welthandels- und Verkehrssprache sein? Die Amerikaner tun jedenfalls ihr \u00c4u\u00dferstes, Englisch zum roten Tuch f\u00fcr eine Milliarde Muslime zu machen. Wer als Fremdsprache nur Englisch drauf hat, w\u00e4re dann unterqualifiziert, falsch ausgebildet. Niederl\u00e4ndische und d\u00e4nische Unternehmer finden schon jetzt kaum Personal mit Deutschkenntnis, das schadet ihrem Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Wer auf Englisch starrt wie das Kaninchen auf die Schlange, \u00fcbersieht, dass man das Vertrauen der Kunden in der Sprache der Kunden erwirbt, nur ein paar Ahnungslose lassen sich mit weltl\u00e4ufigem Gehabe einfangen. Die Berufschancen unserer Kinder steigen, wenn wir sie zu Fremdsprachen ermutigen, mit denen sie im Markt herausragen. Wo sie Fachkenntnis mit Sprachkompetenz verschr\u00e4nken, die in dieser Zusammenstellung nur wenige vorweisen. Unsere M\u00e4rkte liegen auch in Europa, allein da gibt es zwei Dutzend Sprachen zu lernen. <\/p>\n<p>Kein Zweifel, auch Englisch m\u00fcssen wir lernen, aber mit Augenma\u00df. Was sich zur Zeit abspielt, kennen Volkswirte als den Schweinezyklus: die Aussicht auf Erl\u00f6se aus Schnitzel und Eisbein verf\u00fchrt mehr Bauern, auf Schweinemast zu setzen. Daraus entsteht ein \u00dcberangebot an Schweinefleisch, die Preise fallen. Die Bauern steigen aus, bis wieder die Nachfrage h\u00f6her ist als das Angebot, die Preise steigen, die Schnitzelgewinne winken wieder. <\/p>\n<p>Jetzt hei\u00dft unser Schnitzel Karriere und durch das globale Dorf wird eine Englischsau nach der anderen getrieben. Wir lassen unsere Kinder auf Englisch drillen, wir erliegen schiefen Argumenten f\u00fcr das totale Eintauchen in das Englische in s\u00e4mtlichen F\u00e4chern (Immersionsunterricht) und, dass Englisch an der Schule die erste Fremdsprache sei, bezweifelt kaum noch einer. Tats\u00e4chlich ist auch dies der Mode, nicht der Vernunft geschuldet, also fragw\u00fcrdig. <\/p>\n<p>Englisch erschlie\u00dft sich scheinbar leicht, denn Sprachen wie Franz\u00f6sisch oder Polnisch, mit ihren Konjugationen und Deklinationen, machen viel mehr M\u00fche. Aber sie zu lernen, schult das Denken, w\u00e4hrend sich Englisch wie vonselbst einnistet. Was wir f\u00fcr Englisch halten, ist aber eine Illusion. Ein Englisch, das pr\u00e4zise Gedanken ausdr\u00fcckt, ist kein bisschen leichter als Latein. Und wer Englisch als erstes gelernt hat, verliert die Lust an den &#8222;schweren&#8220; Sprachen. Englisch ist die Einstiegsdroge zur Denkfaulheit. Mit Anglizismen oder gar Denglisch durchsetzt, \u00e4u\u00dfern sich Kirchen, Beh\u00f6rden, Regierung, Prominente. Sie verspielen die nat\u00fcrliche Neigung der Kinder zur Muttersprache. Wortspiele wie &#8222;We kehr for you&#8220; (Berliner Stadtreinigung), sind wunderbar, vorausgesetzt man kann sich leisten, was man mit der Sprache anstellt. <\/p>\n<p>Das Fundament f\u00fcr fremde Sprachen ist nun mal die Muttersprache. Ohnehin ist die Grundschule nicht dazu da, f\u00fcr den Beruf zu qualifizieren. Den k\u00fcnftigen Bedarf k\u00f6nnen gerade die Kultusminister am wenigsten vorhersehen. Mindestens bis zur Pubert\u00e4t darf es an der Schule nicht um Fertigkeiten gehen, sondern um F\u00e4higkeiten, um soziales Verhalten, Lernf\u00e4higkeit, um den Boden, auf dem der Erwerb von Fertigkeiten w\u00e4chst. <\/p>\n<p>Sodann m\u00fcssen wir unterscheiden, um welches Englisch es geht, zu welcher Zeit, an welchem Ort. Die Kultursprache Englisch, die Sprache Shakespeares, Byrons, Shaws und le Carr\u00e9s ist das R\u00fcstzeug um sp\u00e4ter verhandlungssicher mit Juristen, Betriebswirten, Erfindern und Wissenschaftlern auf Augenh\u00f6he zu verkehren. Dazu geh\u00f6rt mehr als Schulenglisch, unter f\u00fcnf Jahren Auslandsaufenthalt gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen. <\/p>\n<p>Anders die Welthandels- und Verkehrssprache, nennen wir sie Globisch, um Verwechslungen zu vermeiden. Sie ist kein schlechtes, primitives Englisch, sie ist ein vollkommen regelgerechtes, aber reduziertes Englisch. Das lernt auch der weniger Begabte noch als Erwachsener. F\u00fcr allt\u00e4gliche Kommunikationsroutinen gen\u00fcgt diese Lingua Franca. Das Risiko ist sie nicht wert, das wir mit Englisch als erster Fremdsprache oder gar mit Immersionsunterricht eingehen. Sorgen wir als Vorbilder f\u00fcr gutes Deutsch, halten wir sie von der Mattscheibe fern &#8211; man sieht doch, dass Fernsehen die Kinder dumm, dick und tr\u00e4ge macht. Verweigern wir ihnen den Rechner, bis sie die Reife besitzen, eigenverantwortlich damit umgehen. Zum Kinderparken, weil wir keine Zeit f\u00fcr sie haben, m\u00f6gen die Medien taugen, aber das mit F\u00fcrsorge f\u00fcr ihre berufliche Qualifikation zu verbr\u00e4men, ist eine Schwindelei. Die Untersuchungen nach PISA belegen, unter welchen Bedingungen Kinder die besten Chancen erwerben. Fr\u00fches Englisch z\u00e4hlt in Deutschland nicht dazu, die Muttersprache, die Landessprache, aber ist unersetzlich. Noch wichtiger w\u00e4re musikalische Fr\u00fcherziehung, der Umgang mit einem Instrument, das Spiel im Ensemble, sie bef\u00f6rdern Denkf\u00e4higkeit, Phantasie und Teamf\u00e4higkeit mehr als alles andere. <\/p>\n<p>Wenn wir unsere Kinder fachlich zu fr\u00fch beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten &#8211; \u00fcbrigens ein Wort, das den Engl\u00e4ndern so gut schmeckt, dass sie es entlehnt haben. Fachidioten werden stets als erste durch Maschinen und Programme ersetzt, sie sind zum Dazulernen nicht ger\u00fcstet. Schon jetzt brauchen wir in den Fabriken kaum noch denkfaule Hilfsarbeiter, sondern Facharbeiter, die mit komplizierter Steuerung schwierige Abl\u00e4ufe in zahlreichen Variationen bew\u00e4ltigen. Und in den B\u00fcros ben\u00f6tigen wir die Menschen &#8211; angesichts der wunderbaren Welt des Rechners &#8211; bald nur noch f\u00fcr Aufgaben, zu denen Automaten nicht f\u00e4hig sind. Also wenn schon der Blick auf den Arbeitsmarkt unser Handeln bestimmt, dann erziehen wir unsere Kinder lieber zum selbst\u00e4ndigen Denken und Handeln. Der Streit um fr\u00fches Englisch ist viel L\u00e4rm um nichts &#8211; er lenkt ab vom wesentlichen. <\/p>\n<hr \/>\n<p>Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 37, M\u00e4rz 2008. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hysterie um Englischkenntnisse. 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