{"id":4199,"date":"2006-09-24T18:20:46","date_gmt":"2006-09-24T17:20:46","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4199"},"modified":"2017-10-09T16:47:33","modified_gmt":"2017-10-09T15:47:33","slug":"von-welcher-nation-reden-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/von-welcher-nation-reden-wir","title":{"rendered":"Von welcher Nation reden wir?"},"content":{"rendered":"<p><em>Hier wird dem Argument begegnet, dass schon allein die Pflege der deutschen Sprache nur in der Naziecke enden k\u00f6nne. Ein billiges Argument.<\/em><\/p>\n<h3>Theotisk ist Deutsch, die Sprache des Volkes<\/h3>\n<p>Verwirrt ist, wer sich in das Studium der deutschen Geschichte wagt. Er findet zun\u00e4chst keine Deutschen, wie wir sie innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik heute definieren. Er findet Menschen, die Theotisk sprechen &#8211; was nichts anderes bedeutete als die \u201eSprache des Volkes\u201c. In das Mosaik der Geschichte geh\u00f6rt, dass das R\u00fcckgrat der englischen Sprache von den Sachsen, Angeln und J\u00fcten \u00fcber das Meer nach Britannien gebracht wurde. Dass uns das Angels\u00e4chsische als Welthandels- und Verkehrssprache Kopfzerbrechen bereitet, haben wir uns daher selber zuzuschreiben. W\u00e4ren die Germanen geblieben, wo sie lebten &#8230; aber so denken seri\u00f6se Historiker nicht. <\/p>\n<p>Jahrhundertelang verband die Menschen in Mitteleuropa, die Deutschen, nur die Sprache, nichts als die Sprache. Das Wort theotisk, aus dem das Wort deutsch wurde, beschrieb die Gemeinsamkeit einer Sprache, damals gleichbedeutend mit der Gemeinsamkeit eines Volkes, lange bevor ein deutscher Nationalstaat entstand, Jahrhunderte nach den klassischen Nationalstaaten Frankreich und England. Nebenbei bemerkt, es waren Jahrhunderte, als von den Deutschen kein Angriffskrieg ausging. Kriege wurden von den Deutschen erlitten, nicht angefacht. <\/p>\n<h3>Das Dritte Reich?<\/h3>\n<p>Beleuchten wir den Vorwurf, der Verein Deutsche Sprache oder die Stiftung Deutsche Sprache folgen einem nationalistischen Impuls, wenn sie sich bem\u00fchen, die deutsche Sprache zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Von welcher Nation mag in diesem Vorwurf die Rede sein? Vom Dritten Reich wohl kaum. Deutsch war die Sprache auch der nationalsozialistischen Massenm\u00f6rder, das steht fest. Aber welche Sprache? Hitlers und Goebbels Deutsch war ein \u00e4u\u00dferst wirksames, aber miserables, kaum zu ertragendes Deutsch, durchsetzt von stahlharten Fremdw\u00f6rtern (fanatisch, Fanal, Garant, Propaganda). Das Vokabular verwies auf mechanische oder gleich auf milit\u00e4rische Verrichtung, es hat der Kultursprache viel von ihrer Einf\u00fchlsamkeit genommen. <\/p>\n<p>Eine Sache gro\u00df \u201eaufziehen\u201c, den Glauben der Volksgenossen \u201eausrichten\u201c, Menschen in ein Amt \u201eeinsetzen\u201c, L\u00f6sungen \u201eumsetzen\u201c &#8211; alles Beispiele aus der Sprache des Unmenschen. Man k\u00f6nnte statt aufziehen darbringen, statt ausrichten einstimmen, statt einsetzen hineinwachsen und statt umsetzen verwirklichen sagen. Allerdings m\u00fcsste man seine S\u00e4tze anders bilden, in der Tat, es m\u00fcssten andere Gedanken flie\u00dfen, die zu einem anderen Gebrauch der W\u00f6rter f\u00fchren, und die W\u00f6rter erm\u00f6glichten ein anderes Denken. Wurde unserer Sprache durch diese <em>LTI<\/em> &#8211; die <em>lingua tertii imperii<\/em> (Sprache des dritten Reiches) &#8211; wirklich etwas genommen? Die besseren W\u00f6rter gibt es doch weiterhin? Ja, aber sie werden kaum noch gebraucht. LTI lebte fort in der Bundesrepublik und in der DDR und ist bis heute nicht besser geworden.<\/p>\n<h3>Das Zweite Reich?<\/h3>\n<p>Aus sprachlichen Gr\u00fcnden berufen wir uns also nicht auf das Dritte Reich, aus allen anderen Gr\u00fcnden schon gar nicht. Schwebt daher dem Sprachpfleger das Zweite Deutsche Reich vor Augen, das Reich Bismarcks, die kleindeutsche L\u00f6sung? Das war immerhin eine Reichsbildung ohne \u00d6sterreich, ohne die Schweiz und ohne die zahlreichen Minderheiten rings um unsere heutigen Grenzen, von S\u00fcdtirol \u00fcber das Elsass, das \u00f6stliche Belgien, das s\u00fcdliche J\u00fctland. Das ber\u00fchrt die ungl\u00fcckliche Nationengeschichte unserer polnischen Nachbarn, denen auch die &#8211; vergleichsweise bescheidene &#8211; kleindeutsche L\u00f6sung weder ein eigenes Vaterland noch gleichberechtigten Minderheitenstatus zugestehen mochte. Und es ber\u00fchrt die deutschen Minderheiten in den Nachfolgestaaten des Habsburger Reiches. Die kleindeutsche L\u00f6sung war keine konsequent kleindeutsche, sie bedeutete in Polen zu herrschen, auf B\u00f6hmen zu verzichten. <\/p>\n<p>Der Verein Deutsche Sprache tr\u00e4gt in seinem Logo mit Schwarz-Rot-Gold die Farben der Paulskirchenversammlung von 1848. Das war eine gutb\u00fcrgerliche Versammlung der feinsten Geister deutscher Zunge, mit freisinnigen Gedanken, die zu kennen es dem Sprachpfleger gut anst\u00fcnde. Und es war \u00fcbrigens ein Jude, Eduard von Simson, der umsichtige Versammlungsleiter der Paulskirche, den die Delegierten beauftragten, dem K\u00f6nig von Preu\u00dfen die Kaiserkrone anzutragen; ein erinnernswerter Verweis auf den Beitrag der emanzipierten, gleichgestellten Juden zum Geistesleben jener Zeit in Deutschland. Auf diese fruchtbare Zeit zwischen dem 1. und dem 2. Reich &#8211; zwischen 1806 und 1871 &#8211; k\u00f6nnte man sich demnach schon eher berufen. Schwarz-Rot-Gold bedeutete keinen realen Nationalstaat. Die Farben waren Symbol f\u00fcr eine kulturelle Gemeinschaft, die sich von der Bevormundung durch ihre starken Nachbarn befreien mochte und daf\u00fcr einen eigenen Nationalstaat zu ben\u00f6tigen glaubte. <\/p>\n<p>Ein Rest von Unzufriedenheit bleibt, denn die Paulskirchener kamen zu keinem brauchbaren Ergebnis: Die gro\u00dfdeutsche L\u00f6sung musste entweder voraussetzen, dass sich das Habsburger Reich aus freien St\u00fccken selbst aufl\u00f6ste (eine vergleichbare Leistung hat bisher nur Michael Gorbatschows Sowjetunion vollbracht) oder das neue Kaiserreich der Deutschen h\u00e4tte die Millionen Tschechen, Ungarn und viele andere als Erbe des Habsburger Reiches \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Dem stand die kleindeutsche L\u00f6sung gegen\u00fcber, welche diesem Erbe ausweichen sollte, sie meinte ein deutsches Reich ohne die Deutschen in den \u00f6sterreichischen Stammlanden. Dreiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter setzte Bismarck dann die kleindeutsche L\u00f6sung durch, allerdings mit demselben Geburtsfehler, zu dessen Behebung die Einsicht oder die Kraft fehlte.<\/p>\n<h3>Das Erste Reich?<\/h3>\n<p>Das hei\u00dft, keine der beiden L\u00f6sungen erf\u00fcllte beide Bedingungen zugleich: Dass sie alle Menschen deutscher Sprache umfasste und, dass sie den unvermeidbaren fremdsprachlichen Minderheiten zugestand, worum es den Deutschen selbst ging. Denn im Grunde h\u00e4tte es gen\u00fcgt, kulturelle Autonomie zu erlangen, egal in welchem und egal in wievielen deutschen Bundesstaaten. Damit kehren wir zum Kern der Sache zur\u00fcck. Den VDS und die Stiftung interessiert keine Nation im Sinne eines Staates, es interessiert sie nur die Sprache, oder wenn man so will: die Nation im Sinne eines Volkes, jenseits aller staatlichen Grenzen. Das Modell daf\u00fcr liefert das Erste Reich, in jener langen Zeit, als es einen Staat Deutschland nicht gab. Es gab die Deutschen, womit man nichts anderes meinte als jene, die Deutsch sprechen &#8211; theotisk, die Sprache des Volkes. Sie lebten im Rahmen eines europ\u00e4ischen Gebildes, das sich das Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation nannte. Dieses Reich umfasste zahlreiche souver\u00e4ne Staaten, etwa so wie die Europ\u00e4ische Union unserer Tage aus souver\u00e4nen Staaten besteht. <\/p>\n<p>Wenn \u00fcberhaupt ein nationaler Impuls mit Sprachpflege etwas Ernstzunehmendes zu tun hat, kann es nur der des Ersten Reiches sein, es sei denn, man w\u00fcrde Millionen deutschen Muttersprachlern absprechen, sie h\u00e4tten etwas mit der deutschen Sprache zu tun. Dieser Impuls des Ersten Reiches passt &#8211; zuf\u00e4llig? &#8211; in die europ\u00e4ische Landschaft besser als die Sehnsucht nach der Gloire Fran\u00e7aise und sicherlich sehr viel besser als das imperiale Gehabe unserer angels\u00e4chsischen Nachfahren jenseits des Kanals, die sich f\u00fcr Europa nur insoweit interessieren, als es ihnen wirtschaftlich in den Kram passt &#8230; und sofern die Leute gef\u00e4lligst Englisch sprechen. Nicht zuf\u00e4llig sind die Deutschen die musterhaften Europ\u00e4er, es liegt in ihrer Geschichte begr\u00fcndet. Wie dort auch begr\u00fcndet liegt, dass die Deutschen mitunter zu nachgiebig sind, dass sie sich krummlegen zu assimilieren, was an Fremden auf sie einstr\u00f6mt und, dass sie gelegentlich in das andere Extrem geraten und sich als die Gr\u00f6\u00dften aufspielen, als m\u00fcssten sie kompensieren, was sie zuvor zu viel vergeben haben. <\/p>\n<p>Die Zeit der Gro\u00dfmannssucht beginnt im 19. Jahrhundert, als an der nationalstaatlichen Engstirnigkeit alle litten, als auch die kleinsten Nationen Europas zu Chauvinisten wurden und einen eigenen Staat verlangten, stets auf Kosten der sprachlichen Minderheiten in ihren Grenzen. In der Mitte Europas h\u00e4tte uns theotiske Menschen etwas Bescheidenheit geadelt, aber die Chance haben wir vertan. Wie auch unsere Nachbarn sich nie als die Kl\u00fcgeren erwiesen haben. Wir Menschen deutscher Sprache, ob kleindeutsch oder gro\u00dfdeutsch gestimmt, k\u00f6nnen die letzte Gelegenheit ergreifen, die sich noch bietet: Retten wir vor dem Verfall, woraus unser wichtigster Beitrag zu Europa besteht, retten wir unsere Kultur! Dazu z\u00e4hlt unsere Sprache. Die Kultur zu retten, wird ohne unsere Sprache nicht gelingen. Sie z\u00e4hlt zum Bauwerk Europa, zum Gesamtkunstwerk Europa, auf sie k\u00f6nnen wir ebenso wenig verzichten wie auf die Leistung aller anderen Mitarbeiter der Bauh\u00fctte aus Italien, B\u00f6hmen, Flandern usw. &#8211; die Liste ist so lang wie die Zahl der L\u00e4nder und Regionen Europas. Sie alle brauchen zu diesem Gesamtkunstwerk ihre eigene Muttersprache. Sie alle sind dabei, ihr Bestes f\u00fcr einen Big Mac zu opfern, und wieder einmal stehen wir ganz vorne in der Schlange.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier wird dem Argument begegnet, dass schon allein die Pflege der deutschen Sprache nur in der Naziecke enden k\u00f6nne. Ein billiges Argument. Theotisk ist Deutsch, die Sprache des Volkes Verwirrt ist, wer sich in das Studium der deutschen Geschichte wagt. Er findet zun\u00e4chst keine Deutschen, wie wir sie innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik heute definieren. 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