{"id":4194,"date":"2007-09-23T17:25:29","date_gmt":"2007-09-23T16:25:29","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4194"},"modified":"2017-10-09T16:58:23","modified_gmt":"2017-10-09T15:58:23","slug":"zwei-dutzend-nachbarn-im-garten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/zwei-dutzend-nachbarn-im-garten","title":{"rendered":"Zwei Dutzend Nachbarn im Garten"},"content":{"rendered":"<p><em>Tunnelblick und Sturheit behindern B\u00fcndnisse zwischen den europ\u00e4ischen Muttersprachlern. Die Sprachen der anderen gehen uns etwas an, im eigenen Interesse. Ein Appell an den Verein Deutsche Sprache.<\/em><\/p>\n<p>Im Polnischen, Estnischen, Franz\u00f6sischen, Niederl\u00e4ndischen gibt es dieselben Probleme wie bei uns mit einem Primitivenglisch, das sich verbreitet wie die Karnickel in Australien. Vielleicht ist der gr\u00f6\u00dfte aller Sprachvereine, der VDS, in seinem Zorn nur deshalb so weit gediehen, weil nirgends so viele Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden wie an unseren Universit\u00e4ten, in der Wirtschaft, in den Medien, in der Werbung. Aber Obacht: 90 Millionen deutsche Muttersprachler (unter 493 Millionen Europ\u00e4ern der Union) werden allein durch ihre Menge das \u00dcberleben der deutschen Sprache \u2013 oberhalb des Oettingerniveaus \u2013 nicht stemmen. Einem \u00e4hnlichen Irrtum sind bereits die Perser bei Marathon aufgesessen. <\/p>\n<p>Zwei gute Gr\u00fcnde gelten, den benachbarten Sprachen mehr zu g\u00f6nnen als Bekenntnisse zu \u201eihrer kulturellen Bedeutung f\u00fcr die Vielfalt Europas\u201c und was einem sonst an H\u00fclsen einf\u00e4llt, wenn man nichts Greifbares zu tun vorhat. Der wichtigere und sch\u00f6nere Grund ist die Kultur: In keine andere Sprache wird so viel Literatur anderer V\u00f6lker \u00fcbersetzt und die Verlage gehen daran nicht zugrunde, das hei\u00dft, die B\u00fccher werden auch gekauft und manche vielleicht gelesen. Will sagen, offener f\u00fcr die Kulturen der Welt kann man nicht sein. Hat uns geschadet, da\u00df unsere Dichter und Denker in den Sprachen der Nachbarn zuhause waren? Bricht uns ein Stein aus der Krone, weil Kant und Herder die Bedeutung der litauischen Sprache f\u00fcr die Geisteswissenschaften in aller Welt betonten? Der Genius eines Volkes offenbare sich nirgends besser als in der Physiognomie seiner Rede, sagte Herder. Demnach l\u00e4ge in der Vielfalt der Genien die St\u00e4rke, nicht ein Handicap Europas. Eine St\u00e4rke, die man uns neidet?<\/p>\n<h3>Zwei Dutzend Nachbarn<\/h3>\n<p>So gut wie alle Sprachen Europas z\u00e4hlen zu unseren Nachbarn. Darin unterscheiden wir uns von Franzosen und Briten, die sich mit dem Verlust ihrer Weltreiche immer noch schwertun. Ihre Sprachen r\u00fccken uns nicht auf den Pelz, nicht das Franz\u00f6sische, auch nicht das Oxford-Englisch, das keine drei Prozent der Briten beherrschen. Schmerzen bereiten uns die Denkmuster und Subkulturen, die wir mitsamt Jargon gedankenlos vereinnahmen. Wobei wir uns zu wenig beim besten bedienen, das Amerika zu bieten hat. Mittlerweile bl\u00fcht uns, da\u00df sich eine platte Variante des Englischen schon deshalb als einzig \u00fcberlebende Arbeitssprache der EU durchsetzt, weil zu viele Europ\u00e4er auf das \u2013 ach so plausible \u2013 Argument hereinfallen, drei Arbeits- und \u00fcber zwei Dutzend Amtssprachen seien unpraktisch und schlichtweg zu teuer. Offenbar ist es praktischer, wenn wir 96 Prozent unserer Denkf\u00e4higkeit lahmlegen, so wird das Weltbild \u00fcberschaubar. Und billiger k\u00e4me es, wir b\u00e4ten gleich um Aufnahme in die Vereinigten Staaten.<\/p>\n<h3>Tunnelblick aufs Unkraut<\/h3>\n<p>Da\u00df uns die Nachbarsprachen etwas angehen, hat mit Strategie in eigener Sache zu tun. \u201eWir k\u00fcmmern uns um Deutsch, die anderen um ihre eigene Sprache.\u201c So hei\u00dft es, und au\u00dferdem \u201esollten die Deutschen aufh\u00f6ren, vor anderen auf die Knie zu fallen\u201c. Solcher Tunnelblick bekommt uns schlecht. Blicken wir trotzdem \u00fcber die Grenzen, finden wir Freunde bei deutschen Minderheiten in Schlesien, S\u00fcdtirol, im Elsa\u00df sowie unter den Deutschlehrern vom Nordkap bis Neuseeland. Auf diese Weise sichern wir uns den Beifall derer, die sowieso unserer Meinung sind und in ihren L\u00e4ndern schon deshalb nichts bewegen, weil sie als Minderheiten oder G\u00e4ste gut beraten sind, den Mund zu halten. <\/p>\n<p>So lange sich die Sorge des VDS auf die eigene Sprache beschr\u00e4nkt, wird sich daran nichts \u00e4ndern. Zwar sind auch die Nachbarn von einem dominanten Denkersatz bedroht, den alle Welt mit Englisch verwechselt. Zu einer gemeinsamen Politik fehlt also nicht die Begr\u00fcndung, es fehlt der Anla\u00df. Warum sollten 38 Millionen Polen 90 Millionen deutschen Muttersprachlern die Stange halten? Sch\u00e4tzen wir etwa Andrzej Szczypiorski, einen Freund unserer Kultur? Wenn in Europa jeder so gleichg\u00fcltig seinem Chauvinismus fr\u00f6nt, braucht auf den Ausgang nicht gewettet zu werden: Der Sieger ist Englisch, noch dazu eines, das nicht einmal die Engl\u00e4nder erfreut.<\/p>\n<h3>Bevor noch die T\u00fcrken die falsche Sprache feiern<\/h3>\n<p>Die L\u00f6sung liegt auf der Hand: Tun wir uns mit den muttersprachlichen Polen, Esten, Franzosen, Flamen zusammen, auch mit den Engl\u00e4ndern, in unserer gemeinsamen Sorge um die Sprachen Europas! N\u00fctzlich w\u00e4re, wenn wir das auf die Beine br\u00e4chten, bevor 72 Millionen T\u00fcrken den Drang zum Euroenglisch noch verst\u00e4rken. Hinweise auf unsere Satzung \u2013 \u201eMitglieder k\u00f6nnen ausgeschlossen werden, wenn sie &#8230; die F\u00f6rderung der deutschen Sprache zur Verunglimpfung von anderen Sprachen und Kulturen nutzen\u201c wiegen wenig, wenn dahinter nichts steckt als die Angst vor den Erntehelfern. <\/p>\n<p>Kehren wir zum sch\u00f6neren Argument zur\u00fcck, es verspricht reichen Lohn. Nicht nur geziemt es sich, in der Mitte eines Kontinents ein Herz f\u00fcr die Nachbarn zu haben. Es macht sogar Freude, und es bereichert uns. Wir haben den Genius so vielfach in unserer Mitte, wie wir die Zahl und Substanz der Muttersprachen pflegen. \u201eSonderbar!\u201c sagte eine Polin, sie sang es geradezu. In dieses Wort sei sie geradezu verliebt. Sonderbar ist die Angst, wir w\u00fcrden auf die Knie fallen, wenn wir einander im Garten zur Hand gehen. Wer noch nie erlebt hat, wie ger\u00fchrt ein Krakauer auf Worte in seiner Landessprache reagiert, sollte es mal probieren.<\/p>\n<h3>Im Garten keine Goldwaage<\/h3>\n<p>Sicher wird es schwierig, mit den Nachbarn Sprachb\u00fcndnisse zu schmieden. Etwa die Polen besitzen f\u00fcr den Begriff Muttersprache kein eigenes Wort, selbst bei uns unterscheiden manche zu unscharf Muttersprache und Vaterland. Sprachb\u00fcndnisse zu verhandeln, verlangt Diplomatie, Geduld und selbstgewisses Vertrauen in die Verhandlungsf\u00fchrer. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. B\u00fcndnisse formulieren das Gemeinsame; was uns unterscheidet, wie den Gorgonzola vom Roquefort, mag getrost den Partnern \u00fcberlassen bleiben. <\/p>\n<p>Warum wagen wir nicht den gro\u00dfen Schritt und ergreifen, als st\u00e4rkster Sprachverein in Europa, die Initiative? Oder lassen wir uns von den Franzosen die Schau stehlen? <\/p>\n<p>Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, 3\/2007.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tunnelblick und Sturheit behindern B\u00fcndnisse zwischen den europ\u00e4ischen Muttersprachlern. Die Sprachen der anderen gehen uns etwas an, im eigenen Interesse. Ein Appell an den Verein Deutsche Sprache. Im Polnischen, Estnischen, Franz\u00f6sischen, Niederl\u00e4ndischen gibt es dieselben Probleme wie bei uns mit einem Primitivenglisch, das sich verbreitet wie die Karnickel in Australien. 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