{"id":4190,"date":"2006-09-22T20:50:11","date_gmt":"2006-09-22T19:50:11","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4190"},"modified":"2025-10-07T09:49:49","modified_gmt":"2025-10-07T08:49:49","slug":"sprache-weit-mehr-als-ein-luxus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/sprache-weit-mehr-als-ein-luxus","title":{"rendered":"Sprache, weit mehr als ein Luxus"},"content":{"rendered":"<p><em>Was wir Kunden und Kollegen mit der Sprache antun, grenzt an K\u00f6rperverletzung. Wir vergiften unsere F\u00e4higkeit, das Wesentliche vom Banalen zu unterscheiden. Wir belasten unsere Beziehungen, statt sie durch behutsamen Ausdruck zu erneuern. Wir verabschieden uns von eigenen Gedanken, wir lassen denken. Mit den Begriffen, die wir \u2013beispielsweise Management \u2013 aus dem v\u00f6llig fremden Kultur- und Rechtsraum der USA einholen, \u00fcbernehmen wir nicht nur neue Ideen, sondern auch Denkweisen. Was an sich nichts \u00dcbles ist, aber vieles w\u00fcrde hier keine f\u00fcnf Tage \u00fcberlebten, wenn unser Englisch auf der H\u00f6he w\u00e4re. <\/em><\/p>\n<p>Leicht angewidert nannte einmal die Londoner Times unsere Liebedienerei \u201elinguistic submissiveness\u201c, sprachliche Unterwerfung. An den Anglizismen, die unsere Sprache garnieren, w\u00e4re nichts auszusetzen, st\u00fcnden sie nicht als Symptom f\u00fcr ein Leiden, das nicht so trivial ist, wie es zun\u00e4chst erscheint. Denn auch ohne Anleihen aus dem Englischen muten wir einander eine schauderhafte Sprache zu. Kein Wunder, dass Zuh\u00f6ren aus der Mode kommt. Dieser Trend wird ein teurer Spa\u00df, denn Sprache ist mehr als Kulturgut, sie ist ein Wettbewerbsvorteil. F\u00fcr den, der ihn nutzt.<\/p>\n<h3>Anglizismen, sch\u00f6n und schaurig<\/h3>\n<p>Anglizismen sind eine feine Sache, wie Pralinen. Zuerst schmecken sie, dann haben wir uns \u00fcberfressen. Sie kommen, wie alle Fremdw\u00f6rter, mit dem Reiz des Neuen. Tats\u00e4chlich sind manche, wie das H\u00e4ndi, ausgesprochen witzig und geh\u00f6ren schleunigst eingedeutscht, damit uns im Telefonladen ein Hinweis wie dieser erspart bleibe: <em>Handie&#8217;s sind keine Echtger\u00e4te sind Dummies<\/em>. Dagegen ist der <em>Bratwurst Point <\/em>blo\u00df albern und Marketingbl\u00e4hungen wie <em>Wellness <\/em>und <em>Nordic Walking<\/em> beginnen bereits peinlich zu werden. Wenn die Sparkasse ihren jungen Kunden <em>Styling f\u00fcr die Finanzen<\/em> anbietet, gewinnt sie vielleicht neue Kunden, aber keine treuen Kunden. Die jungen Leute nehmen die Lockzinsen mit und sind so flott weg, wie sie angeworben wurden.<\/p>\n<p>Lautes Vorlesen verdient die Schlagzeile: \u201eNach der Wellness-Welle kommt jetzt die Healthness-Welle\u201c, die ein paar Zeilen weiter bereits zur <em>Wealthness-Welle<\/em> anschwillt; da muss dem Schreiber der Verstand abgeschmiert sein. Das Hemd aus der Hose zieht einem der Umgang mit dem Leben: Wir kommen hierzulande schon mit <em>Live<\/em> nicht zurecht, m\u00fcssen daher <em>Life<\/em>-Musik anh\u00f6ren; das lange AI mit dem weichen W ger\u00e4t uns zu einem gepfefferten EIFF. Vollends zum Affen machen wir uns mit der Betonung von Transparency (auf dem REN) und den Executives, wo wir gleich drei Aussprachefehler in einem Wort fertigbringen: Das x in Executives ist weich auszusprechen, wie EGG mit weichem S, aber die Angeber hierzulande machen daraus ein ECK mit hartem S. Falsch ist auch die betonte vorletzte Silbe, richtig liegt der Akzent auf der zweiten Silbe. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt ans Ende kein knallhartes F, sondern ein weiches W. Wie unfair diese Kritik ist, er\u00f6rtern wir sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>In unserer Gier nach dem Schwung des Neuen sch\u00f6pfen wir den <em>Easy Peeler<\/em>, der ist nicht etwa ein Sch\u00e4lger\u00e4t, sondern eine leicht sch\u00e4lbare Orange. Ungez\u00e4hlte Badezimmergestalter ziehen sich selber als <em>Bad Designer<\/em> durch den Kakao. Eine Spitzenleistung bietet der Kosmetikladen <em>\u00c4stethic Nails<\/em> &#8211; und das ist kein Tippfehler! <em>Drive Alive<\/em>, Mitsubishis Aufforderung sich lebend ans Steuer zu setzen, mag man auf Englisch lieber nicht geh\u00f6rt haben. Dem sprachlichen Kollaps schon bedrohlich nahe, preisen wir <em>delicious Br\u00f6tchen fresh belegt<\/em> an, den Kollaps bereits hinter sich hat die <em>Klesmermusik<\/em>, deren englische Schreibweise <em>Klezmer<\/em> sogar gebildete Deutsche dazu bringt, auf der Aussprache <em>Kletzmer<\/em> zu bestehen.<\/p>\n<h3>Englisch denken<\/h3>\n<p>Die Marketing- und die Medienleute schmoren halt im eigenen Saft, halten ihr Denglisch f\u00fcr die Landessprache und bemerken nicht, wie einfach es w\u00e4re, Alleinstellung und Ansehen bei den Kunden zu gewinnen: Sprich, dass dich die Leute ernstnehmen, versuchs auf Deutsch! Hierzulande sprechen wir n\u00e4mlich kein gutes Englisch. Selbst die wenigen, die darin gut zu Fu\u00df sind, verraten ihre Grenzen: <em>\u201eIt is better to cut off our hands and feets than our arms and legs,\u201c<\/em> ( \u201eEs ist besser, wir schneiden uns die H\u00e4nde und Fu\u00dfen ab als die Arme und Beine\u201c) k\u00fcndigte ein deutscher Executive ein Kettens\u00e4gen-Event unter seinen Mitarbeitern an. In der Muttersprache w\u00e4re ihm nicht nur die Mehrzahl von Fu\u00df ohne Blutvergie\u00dfen gelungen, er h\u00e4tte eine solche Geschmacklosigkeit kaum \u00fcber die Lippen gebracht.<\/p>\n<p>Was soll&#8217;s, k\u00f6nnte man sagen, wenn es nicht im Trend l\u00e4ge, dass Englisch zur Konzernsprache wird. Wogegen wenig einzuwenden w\u00e4re, wenn dem nicht ein schwerer Denkfehler zugrunde l\u00e4ge. Die globale Konzernsprache ist n\u00e4mlich nur eine glattgeb\u00fcgelte Abart des Englischen. Sie mag praktisch klingen, aber sie ist ungenau, sie dient der Verschleierung mehr als der Kl\u00e4rung, die Faust des St\u00e4rkeren setzt sich durch, nicht das Argument des Kl\u00fcgeren. Aber sie gurgelt und kn\u00f6delt ganz harmonisch vor sich hin, ohne viel Verbindliches zu sagen. Das ist wie in der Oper: Die k\u00f6nnten da oben das Telefonbuch absingen, Hauptsache italienisch, das klingt immer gut.<\/p>\n<p>In dem Sprachdunst, den wir f\u00fcr Kommunikation halten, verlieren wir den Zusammenhang zwischen Sprache, Kultur, Geschichtsbewusstsein und Denkverm\u00f6gen. Machen wir die Probe aufs Exempel: Einen komplizierten Gedanken k\u00f6nnen wir in der Muttersprache, gewisserma\u00dfen im Selbstgespr\u00e4ch, in Worte fassen. Wir erziehen den Gedanken, verkn\u00fcpfen ihn mit anderen und formen daraus neue Gebilde; das ist Innovation, das Neudenken von bereits gehabten Erkenntnissen. So entwickeln wir ein Produkt, melden es zum Patent an, verteidigen es, stellen es dem Markt vor, bauen ringsum einen Dienst am Kunden auf, horchen auf seine Einw\u00e4nde und verbessern uns immer weiter. Bringen wir diese Schritte in einer fremden Sprache fertig, <strong>dann beherrschen wir sie, und nur dann!<\/strong> Zugegeben, das ist eine strenge Pr\u00fcfung, aber der englische Muttersprachler genie\u00dft nun mal seinen Vorsprung und wird den Teufel tun, ihn herzugeben.<\/p>\n<h3>Vorteil f\u00fcr Muttersprachler<\/h3>\n<p>Beherrschen wir das Welsche nicht, bleiben wir am besten bei der Muttersprache. \u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnen sich die Manager in Englisch verst\u00e4ndigen.\u201c sagte Porsche-Chef Wiedeking. \u201eAber das ist nicht auf allen Arbeitsebenen der Fall. Ganz schwierig wird es, wenn es um Details geht, um die Einzelteile eines Motors beispielsweise, doch gerade bei diesen Themen m\u00fcssen sich die Mitarbeiter perfekt verst\u00e4ndigen.\u201c Wer es nicht glaubt, besitzt bestimmt einen PC. Aus der Microsoft-Wissensdatenbank kann er maschinell \u00fcbersetzte Texte abrufen, mit der ausdr\u00fccklichen Ma\u00dfgabe: \u201eMicrosoft stellt diese Artikel deutschsprachigen Benutzern, die der englischen Sprache nicht m\u00e4chtig sind, als Hilfe zur Verf\u00fcgung, damit diese den Inhalt dieser Artikel verstehen k\u00f6nnen.\u201c Ein IT-Trainer verriet mir dazu: \u201eObwohl ich den technischen Hintergrund besitze, sind die Artikel schlicht unverst\u00e4ndlich.\u201c Zum Beispiel dieser Satz: \u201eM\u00f6glicherweise zeigt Sie an &#8218;ob die Initializestrings-Methode die falsche Nummer der Zeichenfolgen zur\u00fcckgab&#8216; Fehlermeldung, wenn Sie FrontPage 2003 verwenden, um die Eigenschaftsfenster eines Webparts zu \u00f6ffnen.\u201c<\/p>\n<p>Es ahnt der Juser, wie ihm geschieht und er ist verschnupft. Ist der deutschsprachige Markt bereits so klein, dass die Kunden f\u00fcr voll zu nehmen nicht mehr lohnt? Es ist ja nicht so, als seien die englischen Originale in der Sache \u00fcber allen Zweifel erhaben oder wenigstens sprachlich fehlerfrei, sodass man den sachlichen Schw\u00e4chen durch Hin- und R\u00fcck\u00fcbersetzung auf die Schliche k\u00e4me. Damit kann der englische Muttersprachler ggfs. noch umgehen, man fummelt sich so durch. Der Deutsche, der Finne, der Bulgare, der Schwede m\u00fcssen sich damit anfreunden, fragw\u00fcrdige, aber marktdominierende Produkte mit Bordmitteln zu begreifen, die ihm ein fortw\u00e4hrendes Gef\u00fchl der Unterlegenheit vermitteln.<\/p>\n<h3>Das Ende des Denkens<\/h3>\n<p>Wo diese Alltagswirklichkeit nicht l\u00e4nger ins globale Panorama passt und daher verdr\u00e4ngt wird, ereignet sich ein fataler Fehlschluss. \u201eWenn es so weitergeht, dann k\u00f6nnen die Deutschen in zehn Jahren nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch.\u201c bemerkte Walter Jens. Stellen wir uns vor, es w\u00e4re zehn Jahre so weitergegangen und wir gerieten bei dem erw\u00e4hnten, komplizierten Gedanken schon auf Deutsch ins Stottern, denn die Begriffe br\u00f6ckeln uns weg, da war doch was, wie hie\u00df das blo\u00df! Leider br\u00e4chten wir den Gedanken auf Englisch aber auch nicht zustande, dazu fehlt uns das kulturelle Unterfutter, die Sprache pr\u00e4zise zwischen Pr\u00e4positionen, Modalverben und Idiome hindurch zu steuern. Englisch ist keine leichte Sprache, nur der Einstieg ist billig zu haben.<\/p>\n<p>Wer setzt sich derweil im Markt durch? Wir nicht, wir spielen dann in der zweiten Liga, und zwar in beiden Sprachen. Selbst im Binnenmarkt wartet keiner auch nur einen Tag, dass wir unseren R\u00fcckstand einholen. Aber sie ermuntern uns gerne, unsere Wettbewerber, dass wir mit Re-engineering, Benchmarking und Customer Relationship Management (CRM) unsere Gehirne eindieseln. Erkl\u00e4ren Sie spa\u00dfeshalber Ihrer Mutter auf Deutsch, was mit CRM gemeint sein k\u00f6nnte, da tut sich g\u00e4hnende Leere auf; ein heilsamer Vorgang, denn er sch\u00e4rft unsere Sinne Plattit\u00fcden als Flachsprache zu erkennen.<\/p>\n<h3>Geeignete Sprachen<\/h3>\n<p>Dass wir unsere Muttersprache auf dem Altar einer Amerikanisierung opfern, die wir uns, nett wie wir sind, als Globalisierung andrehen lassen, w\u00e4re selbst dann fragw\u00fcrdig, wenn der Tausch Englisch f\u00fcr Deutsch gel\u00e4nge. Das Typische, dem wir unseren weltweiten Ruf der Wertarbeit verdanken, tragen wir in unserer Sprache. Selbst dort, wo uns f\u00fcr Begriffe die W\u00f6rter fehlen, hangeln wir uns am vertrauten Sprachschatz entlang, bis wir ahnen und schlie\u00dflich verstehen, was bisher unausgesprochen blieb.<\/p>\n<p>Dieses K\u00f6nnen retten wir ins Englische nicht hin\u00fcber, auch nicht durch Lesen dicker englischer B\u00fccher, denn dort geht es in der feingek\u00e4mmten Unverbindlichkeit einer Welthandelssprache verloren, die auf Pr\u00e4zision und Nuancen verzichten muss, damit sie Weltsprache sein kann. F\u00fcr die Naturwissenschaften mag das mit aller Gewalt noch funktionieren, f\u00fcr die Geisteswissenschaften ist Englisch v\u00f6llig ungeeignet, denn auch als Kultursprache hat es die Kanten f\u00fcr ein scharfes Denken bereits verloren. Die lingua franca der Wissenschaftler ist ja kein Englisch auf h\u00f6chstem Niveau, sondern auf einem gemeinsamen Nenner, der zwischen Mittelma\u00df und angestrengter K\u00fcnstelei anzusiedeln ist. Da Ingenieure und Naturwissenschaftler in der Regel keine Spitzentalente im Sprachgebrauch sind, schleichen sich in ihre Laborberichte Ungenauigkeiten und Nuancenverluste ein, die ihnen keiner ausbessert.<\/p>\n<p>Vladimir \u0160pidla, vormals Ministerpr\u00e4sident unserer tschechischen Nachbarn, nun EU-Kommissar, wurde einmal gefragt, warum er nicht, wie die anderen Anwesenden, Englisch spr\u00e4che. Es gebe Gedanken, sagte er, die k\u00f6nne man nur auf Deutsch sagen. Dem w\u00e4re nicht nur aus H\u00f6flichkeit zu erwidern, dass es Gedanken gibt, die nur auf Tschechisch, D\u00e4nisch, Italienisch einen wahren Sinn stiften. Am Amazonas sterben t\u00e4glich Sprachen aus, deren Tr\u00e4ger noch Flora, Fauna, Wetter, Heilmittel verstehen, ein Wissen um den Umgang mit der Natur, welches ein f\u00fcr alle Mal verloren geht, denn wir haben keine Begriffe, nicht einmal die W\u00f6rter, das Wissen dieser Menschen zu bewahren.<\/p>\n<p>Mit der Kultursprache Englisch, der Sprache Shakespeares, hat die \u2013 am besten Globisch zu nennende \u2013 Weltsprache ohnehin wenig gemeinsam. Shakespeare wurde bereits aus den englischen Schulpl\u00e4nen gestrichen. Immerhin kommt auch im Mutterland der Sprache, die dabei ist, die Sprachen der europ\u00e4ischen Nachbarn zu verdr\u00e4ngen, eine Debatte um Sprachverlust und Kulturverfall in Schwung. (Siehe <em>Death Sentences &#8211; How Clich\u00e9s, Weasel Words and Management-Speak Are Strangling Public Language<\/em>, von Don Watson)<\/p>\n<h3>Das nationalsozialistische Erbe<\/h3>\n<p>Unser Selbsthass auf die Sprache der Nationalsozialisten \u00fcbersieht, dass es vor dem Tausendj\u00e4hrigen Reich viele Jahrhunderte gab, in denen die Menschen deutscher Zunge noch die friedlichsten waren. Als etwa ein Herder daf\u00fcr pl\u00e4dierte, das Litauische zu bewahren, sonst ginge der Menschheit ein wahrer Schatz verloren. Als Shakespeare von Schlegel und Tieck genial ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde, worauf ihn die Engl\u00e4nder, die ihn schn\u00f6de vergessen hatten, wieder auf ihre B\u00fchnen brachten.<\/p>\n<p>Dennoch, das Dritte Reich hat, neben viel Schlimmerem, eine peinliche Tatsache hinterlassen. Sie n\u00e4hrt unser Unbehagen, ohne dass wir uns bewusst sind, was geschieht: Wir haben die Sprache des Dritten Reichs n\u00e4mlich nicht abgelegt. Wir <em>setzen<\/em> Menschen <em>ein<\/em>, wir <em>setzen <\/em>L\u00f6sungen <em>um<\/em>, wir <em>ziehen <\/em>Themen gro\u00df <em>auf<\/em>. Wir feiern immer noch, in aller Ahnungslosigkeit, ein mechanistisches Weltbild, worin der Mensch so ersetzbar wie einsetzbar ist. Viktor Klemperer nannte sie die LTI, Lingua Tertii Imperii (die Sprache des Dritten Reichs). Da wird nicht gedacht, nur gemacht. Da er\u00f6rtern wir die <em>Neuausrichtung<\/em> der Familienpolitik, als h\u00e4tten wir sie wie einen LKW einzuparken. Da <em>bek\u00e4mpfen<\/em> wir die Arbeitslosigkeit, als k\u00f6nnte man dem Wandel mit der Keule begegnen. Wer soll eine Sprache noch sch\u00e4tzen, die tagein, tagaus zur Anfertigung von L\u00fcgen gepr\u00fcgelt wird?<\/p>\n<p>\u201eEs ist keineswegs gleichg\u00fcltig, wie wir die Dinge benennen,\u201c sagt Karl Jaspers: \u201eDer Name schon bringt eine Auffassungstendenz mit sich, kann gl\u00fccklich treffen oder in die Irre f\u00fchren. Er legt sich wie Schleier oder Fessel um die Dinge.\u201c Dazu bedarf es keiner Entlehnung aus dem Englischen, l\u00e4hmen l\u00e4sst sich der Verstand auch mit hausgemachten Wortget\u00fcmen wie der Verselbst\u00e4ndigkeitsanalyse oder der Grunddienstbarkeitsbewilligungserkl\u00e4rung. So kehren wir einen wunderbaren Vorzug der deutschen Sprache in sein Gegenteil: Die F\u00e4higkeit, neue W\u00f6rter durch Verschmelzung zu bilden, die sich von selbst erkl\u00e4ren, wie der <em>Zwischenkieferknochen<\/em>, da wei\u00df man, wo der zu suchen w\u00e4re. Oder der <em>Schmollwinkel<\/em>, der <em>Prinzipienreiter<\/em>. \u201eManche dieser W\u00f6rter verdienen es gar, in einen kleinen goldenen Rahmen gesteckt und an die Wand geh\u00e4ngt zu werden\u201c, zitiert Dieter E. Zimmer die englische Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Fraser.<\/p>\n<p>Der S\u00fcnden sind noch mehr: Da erh\u00f6ht keiner die Steuern, den man zur Verantwortung ziehen k\u00f6nnte, sondern sie werden erh\u00f6ht. Weil man sich hinter dem Passiv besser verstecken kann &#8211; ich war\u2019s nicht, es waren die da. Oder die Weglassung von T\u00e4tigkeitsw\u00f6rtern, zum Beispiel bei der Aufrechterhaltung unserer Forderung zur Wiederherstellung der Geltung der Deutschen Sprache &#8211; wer so redet, m\u00f6chte nicht beim Wort genommen werden, denn am Anfang steht der Logos, der hat etwas damit zu tun, dass man tut, was man sagt. \u201eAber wo keine inneren Bilder durch die Worte entstehen, wird auch keine Sch\u00f6pferenergie in Bewegung gesetzt. Mit bildhafter, verst\u00e4ndlicher Sprache, die alle nachvollziehen k\u00f6nnen und deren Inhalt am eigenen K\u00f6rper sp\u00fcrbar ist, lassen sich Bilder erzeugen, die \u00dcberzeugen \u00fcberfl\u00fcssig machen.\u201c (Sabine M\u00fchlisch)<\/p>\n<h3>Logos &#8211; Wort und Tat<\/h3>\n<p>Was wir denken und was wir sagen, bedingt einander wie die Henne und das Ei. Die Flucht in ein verarmtes, aber modisches Globisch gibt uns den Anstrich, zu einer schickeren Welt zu z\u00e4hlen. Schade nur, dass wir schon jetzt kaum noch entziffern, was Schiller in seinen Briefen zur \u00e4sthetischen Erziehung des Menschen schrieb. Mehr brauchte man zur F\u00fchrung von Mitarbeitern n\u00e4mlich nicht zu studieren. Ich kenne zu Marketing und Management kein englisch geschriebenes Paper, das ich freiwillig zu Ende gelesen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Entdecken wir unsere Kultur wieder, sie ist der Quell unserer Energie und mit der Sprache, mit dem Logos, k\u00f6nnen wir getrost beginnen. Wer sich seiner Sprache bewusst wird, darf sie n\u00e4mlich auch strapazieren, beispielsweise um zu erkl\u00e4ren, dass wir Produkte und Dienste anbieten, die mehr Wert besitzen und ihn auch besitzen m\u00fcssen. Sonst k\u00f6nnten wir gleich Mandarin lernen, statt unsere Zeit mit Englisch zu vergeuden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was wir Kunden und Kollegen mit der Sprache antun, grenzt an K\u00f6rperverletzung. Wir vergiften unsere F\u00e4higkeit, das Wesentliche vom Banalen zu unterscheiden. Wir belasten unsere Beziehungen, statt sie durch behutsamen Ausdruck zu erneuern. Wir verabschieden uns von eigenen Gedanken, wir lassen denken. 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