{"id":4168,"date":"2008-06-30T16:23:15","date_gmt":"2008-06-30T15:23:15","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4168"},"modified":"2017-09-22T16:26:46","modified_gmt":"2017-09-22T15:26:46","slug":"imponierende-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/imponierende-wissenschaft","title":{"rendered":"Imponierende Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Wissenschaft steigt um auf die englische Sprache \u2013 die sie aber nur auf Zweitliganiveau beherrscht. Das hat Folgen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft. Die Welt wird aber nicht verst\u00e4ndlicher, wenn wir sie auf Englisch erkl\u00e4ren.<\/em><\/p>\n<p>Die Finanzwelt ist g\u00e4nzlich aus den Fugen geraten, ihre Sprache ist Englisch: eine zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmung oder urs\u00e4chliche Verkn\u00fcpfung? K\u00f6nnte es sein, da\u00df Englisch unserer geistigen, ethischen und wirtschaftlichen Gesundheit schadet? Immerhin verdr\u00e4ngt Englisch, oder eine Variante davon, als Konzernsprache das Deutsche, und in der Wissenschaft sind die Messen bereits gesungen: Wessen Bericht nicht auf Englisch gedruckt wird, der gilt nichts.<\/p>\n<p>Armselige Gedanken geb\u00e4ren keine starke Sprache, und sprachliche D\u00fcrftigkeit und mangelnde Sprachbeherrschung behindern das Denken. Dennoch wird verbissen das Recht beansprucht, Englisch zu sprechen, sobald es wichtig wird. Dieser Krampf erstreckt sich von der kleinsten Fachhochschule zu den Eliteuniversit\u00e4ten, von Greenpeace zum Ausw\u00e4rtigen Amt, vom Marketing zu den Ingenieuren. Welche Denkweise dem zugrundliegt, beleuchtet ein Beitrag in der Financial Times (London). Da wird Porsche vorgeworfen, man betreibe die Entwicklungsarbeit auf Deutsch, obwohl der wichtigste, der amerikanische Markt, Englisch spricht. Die M\u00fche zu erl\u00e4utern, was das eine mit dem anderen zu tun habe, macht sich das Blatt nicht.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann man auf Englisch einen komplizierten Gedanken so gut f\u00fchren wie in jeder anderen entwickelten Sprache. Ebenso stimmt, da\u00df die glatte Beliebigkeit des Globalenglischen eine notwendige Eigenschaft der Weltsprache ist. Sie kommt teuer, denn im gleichen Ma\u00dfe fehlt der Weltsprache das Gegenteil, die kantige Gewissenhaftigkeit der deutschen Sprache. Zwei Drittel der Englischkundigen weltweit sind keine englischen Muttersprachler; was sie der Sprache antun, bleibt der deutschen erspart. Engl\u00e4nder gelangen dennoch zum selben Ergebnis wie Deutsche, denn ihnen stehen die Nuancen, Idiome, Analogien ihrer vertrauten Sprache zur Verf\u00fcgung. Den Fremdsprachlern im Englischen, den Deutschen, fehlen sie.<\/p>\n<p>Die willkommene Gl\u00e4tte der Welthandels- und Verkehrssprache hat einen weiteren Nachteil: Sie verf\u00fchrt zum Mi\u00dfbrauch. Wer beim Reden in wohlklingenden Worten nichts sagen m\u00f6chte, bleibt auf Englisch l\u00e4nger unertappt als auf Deutsch, da schaltet man nach wenigen S\u00e4tzen bereits ab. Auff\u00e4llig hemmungslos gef\u00e4llt sich die Finanzbranche in Formulierungen, die nicht im entferntesten vermuten lassen, der deutsche Kunde k\u00f6nne sie noch verstehen.<\/p>\n<p>Ihre virtuelle Sprache bedeutet wenig, f\u00fcllt aber den \u00c4ther mit einem Grundrauschen, das Dissonanzen unterdr\u00fcckt, Komplexit\u00e4t verdr\u00e4ngt, Unterscheidungen in Grauzonen aufl\u00f6st. Daran gew\u00f6hnt man sich, dem verf\u00e4llt man wie einer Droge. Im Licht der Skandalwelle m\u00f6chte man der Bankaufsicht raten, dieser Frage nachzugehen. Autofahren im Suff ist schlie\u00dflich auch nicht erlaubt.<\/p>\n<p>Da\u00df unter gebildeten Menschen das Werbe- und Wirtschafts-Wischiwaschi nicht fl\u00e4chendeckend verp\u00f6nt ist, haben die Universit\u00e4ten mit zu verantworten. Sie setzen Ma\u00dfst\u00e4be, sie verlangen sogar, da\u00df sich Akademie einer fremden Sprache bedient, noch dazu einer, die auf hohem Niveau besonders schwer zu beherrschen ist. Daran gestalten sie mit wie die Passagiere eines Zuges am Fahrplan. In ihren Berichten h\u00e4ufen sich sinnentstellende Fehler, und auf Symposien blamieren sie die Wissenschaft. Selbst an der Quelle dieses \u00dcbels, dem Druck zur Ver\u00f6ffentlichung in zitierf\u00e4higen, also englischen Publikationen, unterbleibt Kritik an der sprachlichen D\u00fcrftigkeit ihrer Produkte. Wissenschaftliches Niveau erreicht man so nicht.<\/p>\n<p>Derart in die Irre gef\u00fchrt, finden die Gepr\u00fcften in die Praxis hinaus. Bestenfalls ausgestattet mit einem h\u00f6heren Globalesisch (aber minderen Englisch), bringen sie kaum den Mut auf, mit muttersprachlicher Denksch\u00e4rfe so etwas wie die strukturierten Bankprodukte zu hinterfragen. Damit nichts schief geht, verharren sie in \u201eelaborierten Codes\u201c, die alle Zweifel vernebeln. Mangelnde Erkenntnistiefe wird ersetzt durch das Gruppenerlebnis, irgendwie cool und sexy unter Gleichgesinnten zu sein. Anzulasten w\u00e4re der englischen Sprache die Eignung f\u00fcr solchen Mumpitz nur, wenn Sprache ein lebendiger Organismus w\u00e4re, den man notfalls in Beugehaft nimmt. Aber Sprache bestraft man so wenig wie die Kr\u00e4uter im Garten.<\/p>\n<p>Die Wissenschafts- wie auch die Wirtschaftssprache m\u00fcssen der Zusammenarbeit dienen, der Fehlerkorrektur, der Verl\u00e4\u00dflichkeit, der Genauigkeit. Beide Begr\u00fcndungen, der Muttersprache ein fragw\u00fcrdiges Englisch vorzuziehen, stammen aus der zweiten Reihe: Englisch ist zeitgem\u00e4\u00df, und Englisch ist schon da. Sie werden wie die Semmeln vom Vortag schmecken, sobald sich herumspricht, da\u00df sich alle Muttersprachler, bis auf die Angelsachsen, unter Wert verkaufen.<\/p>\n<p>Den Beweis, da\u00df sich Deutsch als Wissenschaftssprache eignet, brauchen wir nicht zu f\u00fchren. Auch die Wirtschaft hat das \u2013 urspr\u00fcnglich als Makelzeichen erzwungene \u2013 \u201eMade in Germany\u201c zum G\u00fctezeichen gewandelt, zu einer Zeit, als Englisch noch nicht im Kindergarten gelehrt wurde. Verwenden wir daher unsere Muttersprache, beherzt und ohne Komplexe! Sie war auch die Sprache der G\u00f6ttinger Professoren, zu deren F\u00fc\u00dfen alle Welt sa\u00df. Denken und arbeiten wir in Wissenschaft und Wirtschaft zuerst und ausschlie\u00dflich in der Muttersprache und lassen wir dann ihr Ergebnis ins Englische \u00fcbertragen, von Experten, die der Sprache kundig sind! Das wird Dolmetscher und \u00dcbersetzer kosten. Aber wir w\u00fcrden auch in China nicht ohne sie antreten.<\/p>\n<p>Auf diesen anscheinenden Umweg zu verzichten, w\u00e4re noch teurer. Wir investieren in Dolmetscher und \u00dcbersetzer, um das Wissen, das in der Vielfalt der Muttersprachen steckt, zu nutzen und zu mehren. Wissen, das sonst verloren ginge. Der Verzicht darauf w\u00e4re kaum r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Ihn zu verhindern, z\u00e4hlt sicher mehr als den Kollegen mit Englisch zu imponieren.<\/p>\n<p>Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 38, Juni 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wissenschaft steigt um auf die englische Sprache \u2013 die sie aber nur auf Zweitliganiveau beherrscht. Das hat Folgen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft. Die Welt wird aber nicht verst\u00e4ndlicher, wenn wir sie auf Englisch erkl\u00e4ren. Die Finanzwelt ist g\u00e4nzlich aus den Fugen geraten, ihre Sprache ist Englisch: eine zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmung oder urs\u00e4chliche Verkn\u00fcpfung? 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