{"id":4041,"date":"2016-11-09T09:00:32","date_gmt":"2016-11-09T08:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=4041"},"modified":"2017-12-07T10:11:56","modified_gmt":"2017-12-07T09:11:56","slug":"mit-der-sprache-tanzen-darf-jeder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/mit-der-sprache-tanzen-darf-jeder","title":{"rendered":"Mit der Sprache tanzen darf jeder"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_4042\" aria-describedby=\"caption-attachment-4042\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/330px-Reichstag_inschrift.jpg\" alt=\"Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)\" width=\"250\" height=\"188\" class=\"size-full wp-image-4042\" srcset=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/330px-Reichstag_inschrift.jpg 330w, https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/330px-Reichstag_inschrift-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4042\" class=\"wp-caption-text\">Volk, das unbekannte Wort (Bild: Wikipedia)<\/figcaption><\/figure><em>Wem geh\u00f6rt die Sprache? Dem Duden, den B\u00fcrgern, der rechtschreibenden Tante Klara? Anders gefragt, mit einem Blick auf benachbartes Kulturgut: Wem geh\u00f6rt Mozart? Den Deutschen, den \u00d6sterreichern, den Salzburgern, den Wienern? Der ganzen Welt? Oder ganz pers\u00f6nlich: Geh\u00f6rt der langsame Satz seines d-Moll-Streichquartetts der verflossenen gro\u00dfen Liebe? Geh\u00f6rt in der Kultur \u00fcberhaupt etwas irgendwem \u2013 au\u00dfer dem Urheber, wohlgemerkt? Geh\u00f6rt die Sprache allen, so geh\u00f6rt sie keinem \u2013 das kommt auf dasselbe heraus. Warum solche Fragerei? Weil uns Besitzanspr\u00fcche zu schaffen machen, die unseren Sprachgebrauch einengen. <\/em><\/p>\n<p>Sehen wir es vom Standpunkt des Einzelnen: Keiner verdient Vorw\u00fcrfe f\u00fcr seine Vorlieben und Abneigungen. Etwa wenn ihm W\u00f6rter Pein bereiten, weil sie von einem Joseph Goebbels bis zum bitteren Ende durch die Medien gepeitscht wurden. Das war der Propagandaminister mit der Vorliebe f\u00fcr Fremdw\u00f6rter: \u201efanatisch\u201c, \u201eFanal\u201c, \u201etotal\u201c. Beinahe harmlos war dagegen Herbert Wehners \u201e\u00dcbelkr\u00e4he\u201c, zum \u00c4rger des so beschimpften Abgeordneten Wohlrabe (und vermutlich seines Sohnes auf dem Schulhof). Wer besa\u00df die \u00dcbelkr\u00e4he?<\/p>\n<p>Konsequenterweise verdient Vorw\u00fcrfe auch nicht, wem bei \u201eUmvolkung\u201c schlecht wird. Schon \u201ev\u00f6lkisch\u201c kann einem sauer aufsto\u00dfen. \u00c4ltere Mitb\u00fcrger z\u00f6gern schon bei dem Wort \u201eMuttersprache\u201c, ihnen baumelt gleich der Kitsch des Mutterkreuzes vor dem inneren Auge. Es gibt W\u00f6rter, die sind mit Altlasten verseucht wie alte Armeetankstellen mit Diesel. So verlieren wir W\u00f6rter, ganze Begriffsfelder an Feinde, auch Freunde, an Umst\u00e4nde jenseits unserer Reichweite. Muss das so bleiben, oder kann man belastete W\u00f6rter wieder salonf\u00e4hig machen?<\/p>\n<p>Man kann es vielleicht nicht immer, bei dem Wort \u201eVolk\u201c muss es sogar geschehen. Das Volk gab es lange vor 1933, lange bevor Deutschland 1867 zu einem Staat (wenn auch ohne die Deutschen des Habsburger Reiches) zusammenwuchs. Das Wort \u201eVolk\u201c ist \u00fcber ein Jahrtausend alt. Es ist das wichtigste Wort der deutschen Sprache. Dazu ein Blick auf die europ\u00e4ische Geschichte<\/p>\n<p>Seit Ende des 8. Jahrhunderts ist das lateinische Wort \u201etheodiscus\u201c in Dokumenten zu finden. Es ist bezogen auf das gotische thiuda (\u00deiuda) mit der \u00fcbertragenen Bedeutung des Begriffes \u201eVolk\u201c. \u201eTheodiscus\u201c bedeutet daher \u201evolkssprachlich\u201c, womit man sagen wollte: \u201enicht das Latein der Gelehrten\u201c. Die Volkssprache diente der Verst\u00e4ndigung der nichtgelehrten Leute untereinander. In allen Dokumenten geht es um Mitglieder der germanischen Sprachfamilie. Selbst Jahrhunderte sp\u00e4ter, als es \u00fcber \u201etheodisc\u201c \u201ediutisc\u201c, \u201ediutsch\u201c schlie\u00dflich zu \u201ed\u00fctsch\u201c gewandelt wurde, bezeichnete das Wort <strong>sprachliche Gemeinsamkeit, nicht etwa sprachliche Einheit<\/strong>: Es diente zur Unterscheidung der eigenen von fremden Sprachen (genauer, spannender und auch f\u00fcr Nichtlinguisten nachvollziehbar, ist <a href=\"http:\/\/www.baer-linguistik.de\/sprachgeschichte\/theodisk.htm\" target=\"_blank\">Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache<\/a>) von Jochen B\u00e4r.<\/p>\n<p>Womit wir zur Kernfrage gelangen. Lassen wir uns dieses Wort nehmen, so fehlt uns der einzige Begriff, der uns zusammenh\u00e4lt: Das deutsche Volk ist definiert durch seine Sprache, nur durch die Sprache und sonst nichts. Kein Wunder, dass es uns schwerf\u00e4llt Einigung \u00fcber eine Leitkultur zu finden, oder gar einen \u201edeutschen Geist\u201c dingfest zu machen. Dazu sind wir in Mitteleuropa ethnisch viel zu gr\u00fcndlich durchmischt, nicht erst seit wir \u00fcber eine Million Gastarbeiter ins Land riefen. Seither wird hier mehr Pizza verputzt als J\u00e4gerschnitzel. Das Deutschsein durch eine Liste von Wesensmerkmalen zu definieren, so verst\u00e4ndlich die Sehnsucht danach sein mag, gelingt nicht. Die meisten dieser Merkmale teilen wir mit einem oder mehreren Nachbarv\u00f6lkern. Nationaler Chauvinismus hat uns mehr Unheil als Segen beschert.<\/p>\n<p>Beschr\u00e4nken wir uns daher auf das einzige wirklich Deutsche, die gemeinsame Sprache. Bestehen wir darauf, dass das Wort \u201eVolk\u201c in unseren Sprachalltag wieder aufgenommen wird! Ohne braune F\u00e4rbung. Verzichten wir auf \u201ev\u00f6lkisch\u201c und \u201eUmvolkung\u201c, aber bleiben wir hart bei \u201eVolk\u201c. Die Nationalsozialisten haben es nicht verdient, dass es ihnen geh\u00f6ren d\u00fcrfte. W\u00fcrden wir es den Braunen \u00fcberlassen, h\u00e4tten Hitler und Goebbels am Ende doch gewonnen, nur weil sich ihre politisch korrekten Gegner das Wort aus dem Mund nehmen lassen.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Quelle: Eine kurze Geschichte der deutschen Sprache, von Jochen A. B\u00e4r<br \/>\nBild: Reichstag_inschrift.jpg <a href=\"ttps:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3626877\" target=\"_blank\">Von Lighttracer &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wem geh\u00f6rt die Sprache? Dem Duden, den B\u00fcrgern, der rechtschreibenden Tante Klara? Anders gefragt, mit einem Blick auf benachbartes Kulturgut: Wem geh\u00f6rt Mozart? Den Deutschen, den \u00d6sterreichern, den Salzburgern, den Wienern? Der ganzen Welt? 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