{"id":3592,"date":"2015-11-17T10:26:05","date_gmt":"2015-11-17T09:26:05","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=3592"},"modified":"2017-12-08T17:47:38","modified_gmt":"2017-12-08T16:47:38","slug":"als-ich-quintaner-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/als-ich-quintaner-war","title":{"rendered":"Als ich Quintaner war"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3603\" aria-describedby=\"caption-attachment-3603\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Buntstifte_Fotolia_43433927_XS.jpg\" alt=\"\" title=\"Welle aus Buntstiften\" width=\"300\" height=\"200\" class=\"size-full wp-image-3603\" srcset=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Buntstifte_Fotolia_43433927_XS.jpg 424w, https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Buntstifte_Fotolia_43433927_XS-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3603\" class=\"wp-caption-text\">Demografische Verj\u00fcngung ist angezeigt, wenn es sein muss auch auf Kosten der liebgewonnenen Einfarbigkeit (Bild: Fotolia)<\/figcaption><\/figure><em>Die Lateinquinta war unterwegs von D\u00fcsseldorf zum Landschulheim im Allg\u00e4u, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta.<\/em><\/p>\n<p>Also Wahles hie\u00df das Land, in Schweden 1958 (Pel\u00e9, Garrincha, Vav\u00e1 und so&#8230;). Zu den Helden der Quinta z\u00e4hlten M\u00e4nner mit langen Namen: Hans Cieslarczyk, Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak, vor allem unser Erich Juskowiak, der Hammer. Nach einem Elfer von dem musste man das Netz flicken. Der Hammer, den der Schiri vom Platz stellte, obwohl Hamrin Schuld war, unfasslich! Der Juskowiak hatte an der Ecke Bismarck- und Oststra\u00dfe einen Zigarrenladen, keine f\u00fcnfzig Meter von meiner Haust\u00fcr. Hans, Heinrich, Horst, Erich, alles Deutsche. Dass sie von den Ruhrpolen abstammten, erstens wussten wir es nicht, jedenfalls war es kein Gespr\u00e4chsstoff, und zweitens: na und?<\/p>\n<p>Zu jener Zeit schleppte mich meine sudetendeutsche Tante zu Heimabenden ihrer landsmannschaftlichen Jugend. Ich war elf und in die glut\u00e4ugige Brigitte verknallt, sie war pausb\u00e4ckig und Schlesierin; dass man sie und ihre Eltern im Westen widerwillig aufgenommen hatte: kaum nachvollziehbar. Unm\u00f6glich soll ja schon dieses rollende \/R\/ gewesen sein (\u201ePolacken!\u201c); auch was sie kochten, roch polnisch. Manch einer w\u00fcnschte sich die Bagage ins Meer gekippt. Dabei w\u00e4re das Wirtschaftswunder ohne die Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen als Arbeitskr\u00e4fte und als Verbraucher nicht so flott entstanden. Sie bezogen den Lastenausgleich (f\u00fcr im Osten Verlorenes), diese Schmarotzer, bezahlt von den Westlern, die selber in Ruinen lebten [1]. Na gut, das Geld floss direkt in den Kreislauf eines lebhaften Binnenmarktes. Erkl\u00e4r das mal einem!<\/p>\n<p>Mitte der F\u00fcnfziger hatte ich \u2013 da lebte ich noch in Luxemburg \u2013 einen italienischen Spielkameraden verloren. Sein Vater Giusto, Kollege meines Vaters, war Bratscher; die Mutter komponierte Pasta asciuta, die war zum Schw\u00e4rmen. Signore Cappone folgte einem Ruf der Berliner Philharmoniker, und als ich Lucio Jahre sp\u00e4ter wiederbegegnete, berlinerte er wie ein Wilmersdorfer. In Luxemburg hatte ich schon die Europaschule besucht, da passte sie noch in ein dreist\u00f6ckiges Mietshaus. Mit dem Deutschlehrer sangen wir \u201eIch hatt\u2018 einen Kameraden\u201c, und er schleppte uns zum Fort Douaumont, wo schier endlose Reihen von wei\u00dfen Kreuzen an die 700.000 Menschen erinnern, die im Kampf um Verdun ihr Leben gelassen haben \u2013 sicher die Begr\u00fcndung, weshalb mir Europa ans Herz wuchs.<\/p>\n<p>Heute, Jahrzehnte sp\u00e4ter, neckt mich in Heidelberg der georgische Taxifahrer, als im Radio von Stalin die Rede ist: \u201eDu kennst Stalin, he? Dschugaschwili, mein Onkel, ja. Seine eigenen Leute hat er erschossen&#8230;\u201c Gibt es noch deutsch-muttersprachige Taxifahrer? Und wenn schon. Am selben Tag begegne ich im Bahnhof einer bildh\u00fcbschen jungen Frau im Hidschab, die aussieht wie meine \u00c4lteste. Ich lasse mir ein Probeabo der ZEIT andrehen und erfrage ihre Herkunft: Afghanistan. \u201ePaschtu?\u201c frage ich ins Blaue. Ja, erz\u00e4hlt sie in akzentfreiem Deutsch; zu Hause sprachen sie von ihrem Vater her einen tadschikischen Dialekt des Dari &#8211; und Paschtu. Aufgewachsen sei sie in Deutschland. Ich staune im Stillen: Am Dresdner Elbufer k\u00f6nnten wir dich an Montagabenden gut gebrauchen.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend besorge ich mir nebenan eine dieser elliptischen Pizzen im Knabberkarton, eine Pizza spetschale. Wieder eine junge Sch\u00f6ne, auch im Kopftuch, verkauft sie mir. \u201eAber Sie sind doch Deutscher?\u201c Nur Italiener w\u00fcrden speciale so aussprechen. \u201eDas kann schon mal vorkommen\u201c, sage ich und frage auch sie aus: Irak. Lauter akzentfrei und flie\u00dfend gutes Deutsch sprechende Musliminnen, in unserem Land aufgewachsen. Ich sag es mal so: Gottseidank bringen Einwanderer und Fl\u00fcchtlinge ihre Kinder und geb\u00e4ren weitere. So haben au\u00dfer Erich Juskowiak und Lucio Cappone Millionen von sesshaft gewordenen Gastarbeiterfamilien eines mit uns gemeinsam: Sie sprechen Deutsch.<\/p>\n<p>Da regt sich die Frage: Bestimmt noch immer die Abstammung die Nationalit\u00e4t? In den Augen der B\u00fcrger offenbar nicht mehr. 97 Prozent der Befragten einer Studie von 2014 waren der Meinung, <em><strong>deutsch ist, wer Deutsch spricht<\/strong><\/em>. 79 Prozent meinten dar\u00fcber hinaus (in einer niedlichen Verwechslung von Ursache und Wirkung), Deutscher sei man, wenn es im Pass steht (\u201eAbseits ist, wenn der Schiri pfeift\u201c). Nur 37 Prozent verlangten deutsche Vorfahren [2].<\/p>\n<p>Ist unsere Sprache nicht sowieso der einzige Klebstoff, der achtzig Millionen B\u00fcrger noch zusammenh\u00e4lt? Halt doch, es gibt einen Neunzigminuten-Kleber: unsere Jungs auf dem Rasen. Wo sie antreten, auch wenn sie Klose, Boateng oder \u00d6zil hei\u00dfen, verbindet heilige Eintracht \u2013 die Fischk\u00f6ppe und Bayern, die Schwaben und Sachsen. Nach dem Abpfiff tut das Kleben wieder nur die Sprache. <\/p>\n<p>Lasst uns einfach anerkennen: Deutsch ist, wer Deutsch spricht \u2013 mit Verbeugungen in Richtung Wien und Z\u00fcrich, wo immerhin einige der besten B\u00fchnen deutscher Sprache stehen. Und da wir sowieso viele junge Neub\u00fcrger ben\u00f6tigen, lasst uns daf\u00fcr sorgen, dass sie Deutsch lernen, flott und gr\u00fcndlich. Und dass ihre Familien nachkommen. Unsere muss ja keine Regenbogennation werden, aber hoffentlich eine Gesellschaft, in der eines nicht mehr vorkommt: dass wir schwerh\u00f6rigen deutschen Alten kraft unserer Mehrheit die neue Kita in der Nachbarschaft verhindern \u2013 weil die Kinder so einen L\u00e4rm machen! So eine Gesellschaft geh\u00f6rt aufgemischt, sei\u2019s drum, dann eben mit Syrern und Afghanen! Rassisch rein waren wir in Mitteleuropa sowieso nie. Also: Was z\u00e4hlt, ist die Sprache, und die ist hierzulande die deutsche. Wie sch\u00f6n!<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1]  Vertriebene: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article147487793\/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html\" title=\"\"Die Fl\u00fcchtlinge m\u00fcssen hinausgeworfen werden\"\" target=\"_blank\">http:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article147487793\/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html<\/a> DIE WELT, 12. Oktober 2015<\/p>\n<p>[2]  Studie des Berliner Instituts f\u00fcr empirische Integrations- und Migrationsforschung: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2014-11\/deutsche-identitaet-umfrage\" target=\"_blank\">Deutsche finden Abstammung unwichtig f\u00fcrs Deutsch-Sein<\/a> DIE ZEIT, 30. November 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lateinquinta war unterwegs von D\u00fcsseldorf zum Landschulheim im Allg\u00e4u, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta. Also Wahles hie\u00df das Land, in Schweden 1958 (Pel\u00e9, Garrincha, Vav\u00e1 und so&#8230;). 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