{"id":2585,"date":"2013-07-02T11:08:47","date_gmt":"2013-07-02T10:08:47","guid":{"rendered":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/?p=2585"},"modified":"2018-01-02T16:01:29","modified_gmt":"2018-01-02T15:01:29","slug":"because-we-are-such-english-canners","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/because-we-are-such-english-canners","title":{"rendered":"Because we are such English canners"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_2637\" aria-describedby=\"caption-attachment-2637\" style=\"width: 306px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/01-felskopf_red.jpg\" alt=\"\" title=\"01-felskopf_red\" width=\"306\" height=\"408\" class=\"size-full wp-image-2637\" srcset=\"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/01-felskopf_red.jpg 306w, https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/01-felskopf_red-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2637\" class=\"wp-caption-text\">Die alternativlose Klarheit der Wahrnehmung (\u00a9 Behland)<\/figcaption><\/figure><em>Im Streit was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg f\u00fcr die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn man schaute genauer hin. Sprachen sind aber kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schl\u00e4ge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt.<\/em><\/p>\n<p>Der SPIEGEL hatte \u00fcber das Treiben der Landesbank Berlin (LBB) mit einem amerikanischen Kunden in Kalifornien berichtet. Dieser ist ein Erfolgsmensch aus der Wirtschaft, verheiratet mit einer Deutschen, und auf Englisch so gut zu Fu\u00df, wie es von einem Muttersprachler zu erwarten ist. Den Internetzugang zu seinem Konto hatte die Bank nicht auf die Beine gestellt, also verkehrte man per E-Mail; m\u00f6glich ist ja vieles, man muss es nur wollen, und bittesch\u00f6n ein bisserl vorsichtig bleiben. <\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist nur: Die Bank lie\u00df sein Konto von Betr\u00fcgern nach und nach leer r\u00e4umen. Wie das? Nun, die Betr\u00fcger hatten sie ganz freundlich \u2013 ebenfalls per E-Mail \u2013 dazu aufgefordert.<\/p>\n<p>Die Verkehrssprache zwischen den Gaunern und der Bank war Englisch, genauer: ein d\u00fcrftiges Englisch, die Korrespondenz strotzte nur so von Fehlern. Die Bank \u00fcberwies trotzdem stets wohin und wieviel die Gauner in schlechtem und der Kunde in makellosem Englisch anwiesen. Als endlich der Kunde seinen Kontostand zum ersten mal auf dem Bildschirm zu sehen bekam, war das Konto leer. Das fiel ihm auf. Da musste sich jemand anderer bedient haben.<\/p>\n<p>Empfinden wir Schadenfreude, weil da jemand in der Bank nicht genug Englisch draufhatte? Wohl kaum, schlechtes Englisch m\u00fcsste durchgehen, Hauptsache man versteht sein Fach. Dennoch gibt es Positionen, da z\u00e4hlt die Verst\u00e4ndigung in der Welthandels- und Verkehrssprache zur Grundausstattung. Beispielsweise als Bankier im <strong>internationalen<\/strong> Gesch\u00e4ftsverkehr. Uns geht der Fall nahe wegen der Pointe, deren Feinheit auch dem SPIEGEL entging: Die Weltsprache ist bei der LBB offenbar gewohnheitsm\u00e4\u00dfig so \u00fcbel. Sonst w\u00e4re es irgendwem aufgefallen: Der echte Kunde schreibt ausgezeichnetes, die Betr\u00fcger schreiben grottiges Englisch, nanu! Auf Deutsch h\u00e4tte sich das etwa so angeh\u00f6rt: \u201eSie haben meinen Tag retten\u201c. Autsch. Aber der Unterschied fiel keinem auf.<\/p>\n<p>Im Alltag geht es nicht nur der LBB so. Die Ursache ist leicht zu verstehen. Die Welthandels- und Verkehrssprache ist n\u00e4mlich nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch, wie uns der Linguist David Crystal aus Cambridge versichert. Und Hand aufs Herz: Gutes Englisch verstehen selbst wir beflissenen Deutschen nicht, obwohl bei uns die halbe Bev\u00f6lkerung treuherzig an die Heilkraft einer perfekten englischen Sprachbeherrschung glaubt. Diese Fr\u00f6mmelei bildet den Hintergrund, vor dem die Universit\u00e4ten das Deutsche zugunsten des Englischen verdr\u00e4ngen; in der Schule unterrichtet kein Staat seine Muttersprache so wenig wie wir es hierzulande tun, und nirgends foltert man so viele Babys durch Berieselung der Waege mit Fr\u00fchenglisch von der CD wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Der Knoten lie\u00dfe sich ohne Umst\u00e4nde entwirren. Als erstes unterscheiden wir, wo ein gutes Englisch angebracht ist: Beispielsweise bei der LBB m\u00fcsste es nur Einer k\u00f6nnen, ein Mitarbeiter w\u00fcrde gen\u00fcgen. Als zweites entdecken wir: Gutes Englisch (bitte langsam lesen: <em>Gutes<\/em> Englisch) ist so n\u00f6tig wie gutes Italienisch. In aller Regel ist ein Luxus, keine berufliche Notwendigkeit. Drittens gen\u00fcgt f\u00fcr die Karriere ein <em>schlichtes<\/em> (wieder langsam lesen: kein schlechtes) Englisch nicht nur, es ist dem guten Englisch sogar vorzuziehen. Doch, Sie haben es ganz korrekt langsam gelesen: Schlichtes ist besser als gutes Englisch.<\/p>\n<p>Die Wirklichkeit sieht n\u00e4mlich so aus: Selbst die meisten englischen Muttersprachler (4 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung) beherrschen ihre Sprache nicht, sie gehen noch schlimmer damit um als wir mit unserer Muttersprache. \u00c4hnlich geht es 40 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung, die auf Englisch irgendwie \u00fcber die Runden kommen m\u00fcssen, ihr Englisch reicht von schwach bis grottig. Die restlichen 56 Prozent der Weltb\u00fcrger k\u00f6nnen \u00fcberhaupt kein Englisch, nicht einmal \u201eGuten Tag!\u201c Mit anderen Worten: Das gute Englisch, das flei\u00dfige Deutsche zu erwerben suchen, w\u00fcrden sie im Erfolgsfall mit vielleicht 0,1 Prozent aller Weltb\u00fcrger weltweit teilen \u2013 wenn es denn so viele sind. Alle anderen verstehen Bahnhof, sobald Sie Ihr teuer erworbenes Englisch auspacken.<\/p>\n<p>Unser Aufwand f\u00fcr Englisch ist f\u00fcr die Katz, schlimmer: Er schadet jedem, der gutes Englisch wirklich beherrschen m\u00f6chte oder muss, denn die Voraussetzung f\u00fcr jegliches Lernen (auch der italienischen Kultursprache) ist die Muttersprache. Diese wird hierzulande einer Ideologie preisgegeben, derzufolge Englisch wichtiger w\u00e4re. Torten backen ohne Tortenboden, das wird Obstsalat, kein guter. Muttersprache, das sei mal erw\u00e4hnt, ist hierzulande die deutsche Sprache, zugleich Verkehrssprache zwischen Eingeborenen und Eingewanderten sowie der Eingewanderten untereinander. Falls Sie das Wort <em>Migrationshintergrund<\/em> vermissen: In meiner Muttersprache sind Einwanderer Einwanderer, nicht Migranten (= Nomaden) mit irgendwelchem Hintergrund.<\/p>\n<p>Ohne gutes Deutsch lernen Deutsche und Einwanderer zu wenig. Auch das Allheilmittel Englisch erschlie\u00dft sich dem am besten, der mit gepflegter Muttersprache antritt. In den Kultusministerien begreift das keiner, sonst h\u00e4tten sie schon l\u00e4ngst wieder angemessene Stundenzahlen f\u00fcr den Deutschunterricht in den Stundenpl\u00e4nen festgeschrieben. Und noch etwas: H\u00e4tten sie es verstanden, dann w\u00fcssten sie in den Ministerien: Wir brauchen einige Zigtausend ausgezeichnet ausgebildete \u00dcbersetzer und Dolmetscher, die in allen F\u00e4llen einspringen, wo wirklich gutes Englisch unerl\u00e4sslich ist. Sie h\u00e4tten an den Hochschulen die deutschen Ver\u00f6ffentlichungen in ausgezeichnetes Englisch zu \u00fcbertragen. Und zwar auf Staatskosten, denn die geistige Infrastruktur eines Hochlohnlandes ist wichtiger als die Autobahnen! Ja was denn sonst? Wer Autobahnen f\u00fcr wichtiger h\u00e4lt als Investitionen in den Geist, bekommt, was er verdient: Schlagl\u00f6cher. <\/p>\n<p>Aber nein, lieber blamieren wir uns mit der Zweitklassigkeit, auf die wir zielstrebig zusteuern, seit wir eigene Gedanken kaum noch zustandebringen. Es ist f\u00fcr den Kopf bequemer, die Schablonen aus Amerika nachzubeten, die da lauten: Englisch ist die Weltsprache, man ist international aufgestellt, und \u00fcberhaupt, alle Welt spricht doch Englisch (au\u00dfer den Terroristen). Folglich m\u00fcssen wir eben noch besseres Englisch lernen, und so weiter und so fort. Schablonen als Denkersatz. Aus solchen Schubladen stammt auch: &#8222;Man kann es sich ja nicht aussuchen.&#8220; Merke: Unabsteigbar ist auch Deutschland nicht. <\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu dem Kalifornier mit dem Berliner Zweitwohnsitz. Die Sache ist h\u00e4ngig, die Bank h\u00e4lt ihn, den Kunden, f\u00fcr den Betr\u00fcger. Die in der Bank sind halt <em>English canners<\/em>! <\/p>\n<hr \/>\n<p>Diesen Artikel fand man auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr 59 (III 2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Streit was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg f\u00fcr die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn man schaute genauer hin. Sprachen sind aber kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schl\u00e4ge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt. 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