{"id":102,"date":"2007-05-01T16:20:09","date_gmt":"2007-05-01T15:20:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.baer-coach.de\/tatze\/archiv\/102"},"modified":"2015-02-01T11:45:58","modified_gmt":"2015-02-01T10:45:58","slug":"reiz-der-fulle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oliver-baer.de\/tatze\/reiz-der-fulle","title":{"rendered":"Reiz der F\u00fclle"},"content":{"rendered":"
Reiche einem Xhosa etwas, so streckt er die Hand aus, wie wir es tun. Da hinein legst Du die Blume, die M\u00fcnze, den L\u00f6ffel. Aber er benutzt zum Nehmen beide H\u00e4nde, mit nur einer w\u00e4re die Geste ungeh\u00f6rig. Seine Linke st\u00fctzt den R\u00fccken der ausgestreckten rechten Hand.<\/em><\/p>\n Diese w\u00fcrdevolle Geste er\u00fcbrigt das „Danke!“, in den Bantusprachen h\u00f6rt man es nicht. Daraus zu schlie\u00dfen, es mangelte den Bantu an Dankbarkeit, w\u00e4re falsch. Mit dem Begriff Dankbarkeit verbinden sich verschiedene Vorstellungen, jede ist schl\u00fcssig und auf die eigene Kultur beschr\u00e4nkt. Da bietet sich ein Verdacht an: Vielleicht ist, wof\u00fcr man kein Wort besitzt, so selbstverst\u00e4ndlich, dass es der Erw\u00e4hnung nicht bedarf? Wie w\u00e4re es, wenn uns die Xhosa als Barbaren wahrnehmen, da wir statt einer Geste ein Wort ben\u00f6tigen? <\/p>\n Mir halfen Muttersprachler bei den polnischen Passagen der Kreisauer Rede<\/a>. Mir scheint, sie verstanden den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland aufgrund ihrer Kenntnis des Deutschen (oder des Englischen: mother-tongue<\/em> und fatherland<\/em>). Sie boten an, was sich wie heimatliches Land<\/em> und heimatliche Sprache<\/em> anf\u00fchlt. In der \u00dcbersetzung verbleibt also eine Spannung, die man durch Umschreibung, durch Bilder l\u00f6sen muss (\u00c2\u00b0). <\/p>\n F\u00fcr Deutsche liegt der Unterschied auf der Hand. Sprache (Zunge) ist nicht dasselbe wie Land, wozu g\u00e4be es sonst die Unterscheidung? Daf\u00fcr fehlt Trennsch\u00e4rfe im Wort Deutsche<\/em>, meint es doch hier die Menschen deutscher Zunge. Dazu z\u00e4hlen Millionen, die im Stadion Geb\u00e4rden sich Polen mangels Muttersprache<\/em> einen Schuss nationalbewusster als andere, da sie ans Vaterland denken, wenn sie ihre Sprache meinen? Wie dr\u00fcckt sich ein Pole aus, wenn er meint, was wir die Muttersprache nennen? Bei solchen Fragen erschlie\u00dft sich der Reiz der europ\u00e4ischen Sprachenf\u00fclle. In \u00dcbersetzungen fremder Autoren schwingt dann zwischen den Zeilen etwas, worauf wir Europ\u00e4er zu unserem Schaden verzichten, wenn wir uns auf eine, die englische Sprache beschr\u00e4nken. <\/p>\n Nebenbei gefragt: Wieso gibt es deutsche Muttersprachler, die den Unterschied zwischen Muttersprache<\/strong> und Vaterland<\/strong> nicht denken k\u00f6nnen? <\/p>\n Abschweifung: Typischerweise begegnen einander an dieser Stelle das rechte und das linke politische Extrem. Beide missverstehen jede \u00c4u\u00dferung f\u00fcr die Muttersprache als Aufforderung zum Tanz nach braunen Noten; sonst haben beide zur Sache nichts beizutragen. Ohne Respekt vor der Muttersprache bringt man offenbar keine trennscharfen Gedanken zustande. <\/em><\/p>\n Die L\u00fccke schmerzt, denn der kulturelle Respekt vor den Muttersprachen seiner B\u00fcrger begr\u00fcndet Europas St\u00e4rke, so wie umgekehrt das Verschwinden der Schlagb\u00e4ume Europa auf Kosten der Vaterl\u00e4nder st\u00e4rkt. Daraus m\u00fcsste der lange verfehlte Zweck einer erneuerten ausw\u00e4rtigen Kulturpolitik folgen. <\/p>\n Die Politik beruht auf einem Denkfehler: Zwar einigt sich alle Welt auf eine Handels- und Verkehrssprache. Man nennt sie Englisch, ohne siche die M\u00fche zu machen, ein bisschen zu unterscheiden. Die Weltsprache sei nicht Englisch, die Weltsprache sei schlechtes Englisch, meint David Crystal<\/a> und das geh\u00f6rt ernst genommen. Die Weltsprache ist eine Hilfssprache, dem Esperanto n\u00e4her als einer Kultursprache, aber viel schwerer zu erlernen. <\/p>\n Der besseren Unterscheidung wegen k\u00f6nnte man dieses Gebilde Globisch<\/em> nennen. Einen Ersatz f\u00fcr die Muttersprachen bietet das globische Flachenglisch nicht. Leider gehen diesem Irrtum ma\u00dfgebliche Leute auf den Leim. Wenn ein bekannter Professor der Wirtschaftswissenschaften verk\u00fcndet: „Ich bin daf\u00fcr, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf Englisch lesen“, ist er der mangelnden Trennsch\u00e4rfe der Weltsprache bereits zum Opfer gefallen: Helmut Seitz<\/a>, seinerzeit an der Viadrina Universit\u00e4t, an der Grenze zu Polen.<\/p>\n Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Je glatter und flacher die Welthandels- und Verkehrssprache ist \u2013\u201c das muss sie sein, sonst st\u00fcnde sie der Verst\u00e4ndigung im Wege \u2013\u201c desto wichtiger wird unsere Besinnung auf die Muttersprachen. Das Praktische der Weltsprache hat seinen Preis: Tiefe, Genauigkeit, Erfindungsgeist, die F\u00e4higkeit zu entwickeln und zu forschen erfordern ein geeignetes Werkzeug. Das gibt es, wir haben es, wir m\u00fcssen es nur pflegen: Es ist die Muttersprache, die allein zur Kultursprache steigerungsf\u00e4hig ist. Globisches Flachenglisch ist daf\u00fcr so geeignet wie ein Hammer zum Schrauben.<\/p>\n Wenn wir schon von den fernen Xhosa die W\u00fcrde einer gepflegten K\u00f6rpersprache (wieder) erlernen k\u00f6nnten, um wieviel ergiebiger d\u00fcrfte es sein, von den Sprachen unserer Nachbarn zu lernen, etwa den Polen? Darauf sollte sich Kulturpolitik konzentrieren: Erstens auf die Pflege und Vermittlung der Muttersprache, zweitens auf die F\u00e4higkeit zum Austausch mit den Nachbarsprachen. „Der geistige Reichtum Europas muss sich in der Pflege seiner Sprachenvielfalt widerspiegeln,“ sagt Lutz G\u00f6tze in seinem Beitrag Ausw\u00e4rtige Kulturpolitik ohne Deutschkenntnis<\/a> in Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>. Flachenglisch kann so wenig Thema der Kulturpolitik sein wie Javascript<\/em> oder der Fachjargon der Mediziner. <\/p>\nStadium<\/strike> andere Flaggen schwenken als die schwarz-rot-goldene. <\/p>\n