baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wahrheit kann vorkommen

Freitag 19 Mai 2017

„Der Präsident brüllt seinen Fernseher an, stimmt das?“ Spottolski steht am offenen Fenster, er reibt seine Flanke am Rahmen. Gleich wird er wieder Katerweisheiten absondern. Was der Präsident vor der Mattscheibe anstellt, sei ein Gerücht, nicke ich.

Verschlungen sind die Pfade der Suche nach dem Ding in seiner Ansichheit (© Behland)

„Recht hat er. Dazu sind Fernseher da“, sagt Spottolski. Er lässt sich Zeit, mal sehen, ob ich darauf eingehe. Ich warte, ich kenne unseren Redakteur für Alles sowie Nichts Anderes. „Ihn ärgert wohl, dass ihm der Fernseher weismacht, was wahr sei.“ Er klingt wie am Krankenbett: „Das ist Aufgabe des Fernsehers, Chef, dass er für dich wahrnimmt, worauf du nicht scharf bist. In der Zeit kannst du was Anderes tun.“

Das hat er von der Mieze nebenan, jede Wette, die kleine Graue von der Friseuse, altklug, aber sonst ganz patent. Sie hat ja recht. Die TV-Sender, auf der misslichen täglichen Suche nach saftiger Wahrheit, stören bei der Findung derselben. Besonders beim Regieren grenzt ihr Treiben an Nötigung.

„Der Präsident leuchtet vorbildhaft“, sage ich. „Die Wahrheit ist ein so kostbares Gut, damit muss man sparsam umgehen.“

„Genau. Zwar ist eine Notlüge immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht.“ Liest mein Kater neuerdings Bücher, oder lässt er lesen?

„Ohnehin fällt die Wahrheit nicht besser aus, wenn sie erlogen ist“, versuche ich zu punkten.

„Das mag sein, aber die Strafe des Lügners ist nicht, dass ihm niemand mehr glaubt, sondern dass er selbst keinem mehr glauben kann. Der Präsident möchte doch geliebt werden, oder?“ Mein Kater ist verliebt, so viel ist klar. Unklar is, worauf er hinaus will. „Du würdest auch brüllen.“

„Ich sehe fern nur im Hotel.“

„Ein guter Propagandist kann sogar mit Hilfe der Wahrheit überzeugen!“ versucht er mich auszubremsen.

„Immer vorausgesetzt er weiß, wo es langgeht“, kontere ich. „Die Tatsachen sollte man immerhin kennen, bevor man sie verdreht.“

„Ach was! Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt. „Das Fernsehen hat schließlich Publikümer zu bedienen.“ Er holt zum Gnadenstoß aus: „Das Gerät hat eine Taste, auf der steht POWER: Drücken = Aus!“

Ja, Wahrheit kann schon mal vorkommen. Demnächst erkläre ich ihm Facebook, das wollen wir doch mal sehen.
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Bei so einem Mitdenker, da weiß man doch! Unser Dank für Zitierbares gilt Mark Twain, Karl Kraus, Andrej Okorn, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, Wiesław Brudzinski sowie Douglas Adams.


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