baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Spottolski voll fokussiert

Dienstag 27 Februar 2007

Spottolski geht in die Politik! Eben noch wurde er auf Gottfried Kaisers Wiese bei fragwürdigen Absprachen um Marktanteile beobachtet und nun hängt er das Marketing an den Nagel? Wir nützten den Augenblick einer zeitweiligen Leere in seinem Napf, ihn zur Rede zu stellen.

„Ein Interju?“ Spottolski verlangte Thunfisch, frei Napf, ungefähr ein bis acht Dosen, schon waren wir im Gespräch.
„Wieso Marketing ade?“
„Marketing ist Käse,“ verkündete Spottolski, „Pauli ist kuhl.“
„Pauli?“
„Sie versteht was von Katern.“

Was er denn als Programm zu bieten habe, fragten wir. „Wieso Programm?“ Das sei üblich, ermunterten wir ihn, Politiker brauchen ein Programm, schon wegen des Profils. Profil, das leuchtete ihm ein. „Na schön,“ sagte er: „Marketing ist für Warmduscher!“
„Ein durchdachtes Programm mit hohem USP,“ sagte Veronika, unsere Volontärin (Kennzeichen: schlecht sitzender, immerhin kurzer Rock).
„Das auch,“ sagte Spottolski, „Mein USP ist die kooperative Zusammenarbeit.“
„Ein weißer Schimmel,“ sagte sie.
„Wo? Den mach ich zur Schnecke.“
Ich öffnete die nächste Dose Thunfisch.

„Politik unterscheidet sich ja erheblich vom Marketing,“ fuhr Spottolski fort. „Im Markt wird den Kunden ein X für ein U vorgemacht. Das ist in der Politik ganz anders herum. Ich bin voll darauf fokussiert.“
„Was sind deine politischen Pläne?“ fragte Veronika. (Gut drauf ist sie ja, dachte ich, bis auf das Rockfutter, nicht richtig vernietet, oder wie das heißt).
„Ich bin fokussiert, wiederholte Spottolski, „auf Förmchen,“
„Förmchen?“
„Förmchen,“ erklärte Spottolski, „Förmchen für Gesundheit, Förmchen für Rechtschreibung, Förmchen so weit das Auge nicht bricht.“ Er hielt inne. „Politik ist eine Art Kuchenbäckerei.“
„Aber Reformen sind doch altbacken, die kauft dir keiner ab.“
„Abwarten.“ Er sei, wie gesagt, ganz schön voll drauf, sagte Spottolski, und der Migrationshintergrund müsse weg: „Wird überpinselt.“ Er sah aus, als käme ihm ein Gedanke. „Pisa muss weg!“ fügte er hinzu.

Das werde die Italiener beeindrucken, versicherten wir. Ob er denn auch für etwas sei, wollten wir wissen. „Wir müssen in der Familienpolitik einen beherzten Schritt nach vorne tun, in Richtung auf den richtigen Weg.“ erklärte Spottolski. „Wir stehen am Abgrund.“
So redeten Politiker, nickte die Volontärin und ich auch. (Müsste das nicht VolontärIn heißen? Nicht, dass sich da ein Volonteur einklagt, der auch nicht bezahlt werden möchte?)

„Willst Du die zentralen Eckpfeiler der Familie verschieben?“ wandte sie ein.
„Die Grundpfeiler unserer Familienpolitik verlangen eine positive Bilanz der Vermehrung …“
„… mehr Kinder?“
„Wir brauchen das Gender Mainstreaming. Jeder wird gleich bezahlt, auch die Vegetarier, zu Kompromissen bin ich bereit. Wir brauchen, ich sag dir, was wir brauchen: Die Gebährenmaschinenwende!“
„Ob das Frau Pauli gefallen wird?“
„Ich erklärs ihr. Die Miezen werden auf Vordermann gebracht.“

So würde in der Politik aber nicht gesprochen, warfen wir ein. Politsprech sei in der Tat gewöhnungsbedürftig, gab Spottolski zu. Aber er würde jetzt persönlich beraten, jawohl, von Walter Krämer, einem echten Professor aus Dortmund, und alles, von wegen Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch (siehe unten).

„Da kommt jede Menge Politik auf deine Wähler zu,“ kam ich Veronika zuvor. Spottolski überlegte kurz, dann fragte er: „Wähler?“ Die müsse er überzeugen, brachten wir ihm bei, sonst würden sie nicht für seine Sache stimmen.
„Dann kriegen sie eins vor den Latz!“ entschied er.
„Die Wahlen sind aber geheim.“
„Das ist nicht nötig.“
„Damit soll verhindert werden, dass einer kommt wie du und die Leute mürbe macht.“
„Ist das wahr?“ Spottolski sah nicht überzeugt aus.
Es komme auf die Fähigkeit an, die Dinge im großen zu verändern, erklärte ich, notfalls auch gegen den kurzsichtigen Willen der Wähler. Da sei Überzeugungsarbeit nötig.
„Da kenne ich mich aus,“ erwiderte Spottolski. Er stand auf und kratzte am Fenster, jemand möge ihn jetzt rauslassen.
„Ein anspruchsvolles Programm,“ sagte Veronika und zupfte an ihrem Saum.
„Und voll fokussiert.“ bestätigte Spottolski: „Das Interju ist vorüber.“

Wir rechnen mit Spottolskis Rückkehr in die Wirtschaft.


Spottolskis Weisheiten werden befruchtet und sein Wirken beflügelt durch Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch, im Buchhandel seit dem 27. Februar käuflich zu erwerben (auf Deutsch: zu kaufen). Kundige erkennen im Autor Walter Krämer, den Gründer des Vereins Deutsche Sprache e.V. und im anderen Autor jemand anders – nämlich Roland Kaehlbrand, der hat schon mal Deutsch für Eliten geschrieben. Das kann vorkommen.
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  1.  
    15/02/2012 | 16:06
     

    […] klare Aussage,” sagte meine Frau, die etwas gegen Volontärinnen hat, jedenfalls die mit kurzen Röcken, schon gar mit schlecht vernähtem Saum, deswegen ist die jetzt weg. “Und kann ihnen geholfen […]

  2.  
    11/05/2007 | 19:28
     

    […] „Eine klare Aussage,“ sagte meine Frau, die Volontärinnen nicht mag, nicht mit kurzen Röcken, deswegen ist die jetzt weg. „Und kann ihnen geholfen werden!“, fügte Spottolski drohend hinzu, dem jetzt der Dill vom Hering aufstieß. […]

  3.  
    02/03/2007 | 22:29
     

    Bei welschen Namen passiert’s mir auch immer, ächz: passierts mir auch immer.

  4.  
    Paulousek
    02/03/2007 | 17:03
     

    Also für den „sächsischen Genitiv“ oben entschuldige ich mich natürlich in aller Form. Aber so ganz verkehrt/schlecht finde ich ihn auch nicht, zumal selbst Nietzsche (in der historisch-kritischen Ausgabe) ihn regelmässig verwendet. Aber der ist ja auch Sachse …

  5.  
    Paulousek
    02/03/2007 | 14:08
     

    Großartig! Das erinnert mich an Celine’s fiktives „Interwju“ mit Professor Y. Das habe ich unvorsichtigerweise in der Öffentlichkeit gelesen, und durch lautes Lachen Ärgernis erregt…

    Sie sind ein Literat, Herr Baer!

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