baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Der Vermeidungsimpuls im Bezug zur Wahrheit

Freitag 26 Juli 2002

Spottolski war in eine Sache verwickelt, die auf unserem Rasen Haarbüschel hinterließ, sowohl seine schönen schwarzen als auch die blütenweißen des dicken Don von nebenan. Der ist übrigens Nachfolger von Fat Cat, der den großen Kater im Himmel besuchen ging und seither vermisst wird.

Vier Uhr früh, erkläre ich, sei vier Stunden zu früh für Kartellverhandlungen, jedenfalls solche unter meinem Schlafzimmer. Kartelle ließen sich weiß Gott ein Stück weit diskreter erörtern.

Spottolski ist aufgebracht, geradezu unkonzentriert, und legt sich auf die Lauer, diesseits des Küchenfensters. Und blutet vor sich hin. „Das ist normal;“ sagt er, „Marketing, kommt in den besten Familien vor.“

„Ihr habt euch gebalgt, um das Revier gestritten,“ korrigiere ich, „mitten in der Nacht, Ihr habt nicht alle Latten im Zaun.“

Der Zaun sei klar markiert, knurrt Spottolski, einschließlich allem was da herunter fällt. Oder oben bleibt, das ist unklar. Deshalb habe er dem Kollegen den Vermeidungsimpuls erklärt. „Geplaudert haben wir. Ich suche keinen Streit, du kennst mich doch.“

Auf der Wiese gegenüber, direkt neben Dons Scheune, ist zur Zeit nichts von diesem zu sehen. „Überhaupt, ein weißer Kater!“ schreit Spottolski. „Sowas von bescheuert sieht der aus!“

Ich bezweifele seine argumentative Durchdringung des Vermeidungsimpulses. Zumal im Zusammenhang mit Zaunfragen, er könne doch den Impuls kaum vom Radetzkymarsch unterscheiden. Aber Spottolski besteht darauf: „Ich sag, wie’s ist! Warum sollte ich lügen?“

„Eben, warum solltest du?“

„Ich gebe überhaupt ausschließlich die Wahrheit von mir“, sagt er, während ich sein Ohr mit Salbe behandelte. Früher sah es aus wie Blumenkohl, jetzt wie Endivien. Dann wische ich die Fensterbank und den Boden auf.

„Katzen können nicht lügen.“ verkündet mein Experte. „Die reine Wahrheit ist, was ich in dem Moment glaube, wenn ich es sage. Oder umgekehrt, das hängt von irgendwas anderem ab.“

„Echt?“

„Echt.“ Er sieht mich gönnerhaft an. „Ohne Wahrheit kommst du im Marketing zu nichts.“

Mein Experte, ich wüsste nicht, wie ich ohne ihn zurechtkäme.

Echt.


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