baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Nein, kein Mobbing

Beitrag vom 14 November 2011

Manche glauben fromm an den Duden, als wäre er das Neue Testament der rechten Schreibung: Wenn’s im Duden steht, dann gibt es das und und zwar in genau der Schreibweise.

Steht es jedoch nicht im Duden, beweist das zwar ebenso wenig, gibt aber zickigen Zweiflern anscheinend recht: „Dann gibt es das Wort gar nicht. Dann dürfen Sie es auch nicht verwenden!“ (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:53
Rubrik: Gesellschaft
Die Tigerente und der Computer

Beitrag vom 14 November 2011

Als der Rechner erfunden wurde, hieß er „Rechner“; das geschah nämlich hierzulande, durch einen gewissen Konrad Zuse. So eine Überraschung. Dann übernahmen die Amerikaner die Erfindung und übersetzten – genauer geht es nicht – den Rechner als „computer“. Keine Überraschung, sie sind ja nicht dumm, unsere Cousins da drüben. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:39
Rubrik: Gesellschaft
Verwirrte Geräusche unterlassen

Beitrag vom 2 November 2011

Ich werde immer wieder aufgefordert, mit Beispielen zu belegen, was ich mit „zu gutem Englisch“ meine. Ganz wörtlich: zu gut für eine erfolgreiche Verständigung. Hier ist ein Beispiel, das beweist, wie wenig Beweiskraft Beispiele besitzen. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 14:53
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Welche Sprache für türkische Kinder?

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Abdülmecit II, der letzte Kalif des Osmanischen Reiches. Seine Leidenschaft galt der Malerei. Von ihm gemalte Porträts von Beethoven und Goethe wurden 1918 in Wien ausgestellt.

Petra Schulz, Professorin für Deutsch als Zweitsprache – Theorie und Didaktik des Zweitsprachenerwerbs im Interview mit dem SPIEGEL über den Streit, welche Sprache türkische Kinder in Deutschland zuerst erlernen sollen:

„… Wenn Kinder im Alter von drei Jahren beginnen, Deutsch zu lernen, stehen die Chancen nicht schlecht. In der Schule wird es neben dem eigentlichen Lernstoff schon schwieriger. … [Die Eltern] können ihren Kindern etwa dadurch Vorbild sein, dass sie selbst Deutschkurse belegen. Mit den Kindern sollen sie in der Sprache sprechen, in der sie zu Hause sind. Denn Sprache transportiert immer auch Identität und Emotion, da wären verunsicherte Eltern eher kontraproduktiv.“ (aus SPIEGEL Nr. 10/2011, Seite 31)

Ergänzung zu Rollenverteilung im zweisprachigen Haushalt (Von Babylon nach GlobylonSeite 63 ff.)

Oliver Baer @ 14:39
Rubrik: Gesellschaft
Audi traut sich

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Als Marke eingetragen, international als Slogan angesehen

In meinem Buch mache ich einigen Wind um Audis Slogan Vorsprung durch Technik. Mich fasziniert dieser Seitenhieb auf die „international aufgestellten“ deutschen Unternehmen. Darunter verstehen sie zumeist die flächendeckende Verwendung der Weltsprache, bis in die Winkel des deutschen Binnenmarktes. Von Heathrow bis zur Hallertau hauen sie uns Englisch um die Ohren. Eines der Bilder im Buch zeigt dagegen eine Audi-Werbung an der M1 bei Johannesburg: Vorsprung’s finest hour.

Das ist Mythenbildung vom Feinsten. Erfindergeist, Präzision, Originalität, Tradition – alles „deutsche“ Tugenden -, das impliziert diese Werbung, noch dazu mit einem Zungenbrecher für Engländer, den sie aber liebevoll zitieren: Vorsprung durch Technik. Genial, alle Achtung vor Audi! (siehe Von Babylon nach Globylon, Seite 146 ff.)


Nachtrag 2017: Schade, der gute Ruf ist hin.

Oliver Baer @ 14:17
Rubrik: Unternehmen
Gestammel am Quartier F

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Vor dieser Schaufenster-Collage fragt meine Jennifer (immerhin eine englische Muttersprachlerin): „Was meinen die bloß mit clothed bath?“ Ein angezogenes Badezimmer? Escada bekleidet Badezimmer? Ist ein Bad zum Designer geworden? Während wir unser Eis schleckten, haben wir die Frage hin- und hergewälzt. Wir haben es nicht herausbekommen. Zusammen bringen wir beide immerhin 69 Lebensjahre in englischsprechender Umgebung auf die Waage. Auch Stummelenglisch haben wir drauf, schlechtes Englisch, Pidgin, und diverse Dialekte (sowie Globisch) – dachten wir jedenfalls. Ich zücke die Kamera, genauer: das Händi, von dem ich meist vergesse, dass es auch Fotos fertigbringt und trete näher.

Wortcollage am Schaufenster einer Dresdner Modeboutique

Gestammel Nummer 1 am Quartier F

Der zwanglose Umgang mit der Weltsprache – von der die Boutique sicherlich vermutet, dass Millionen Dresden-Pilger sie verstehen -, findet sich auch am nächsten Fenster: renewal open coming soon. Renovierung offen kommt bald? Also was nun: Isses oder kommtes? Man ahnt irgendwie, was die Escada-Leute meinen, denn es folgt – im zeitgemäßen Sprachallerlei – die Aufforderung zum Besuch ihres temporary store im 1. Stock.

Hineis auf der Tür zur Boutique

renewal open coming soon

Collagierte Sprachlosigkeit als Sinnbild für – teure Klamotten. In London gibt es ähnliches. Bei John le Carré findet der Leser in fast jedem Roman Beispiele für Belgravia Cockney, das zusammengefaltete Englisch der Londoner Oberklasse – das Ende aller intelligenten Verständigung.

Gesehen im Quartier F an der Frauenkirche zu Dresden, gleich neben der (übrigens vorzüglichen!) Gelateria Bellagio. Es handelt sich im zweiten Bild tatsächlich um die Tür zur Escada-Boutique. In der Sonne spiegelt das Glas die Fassade des Jüdenhofs zwischen Verkehrsmuseum und Fürstenzug.

(Bilder: O. Baer)

Oliver Baer @ 14:06
Rubrik: Unternehmen
Von Babylon nach Globylon – Inhalt in 38 Thesen

Beitrag vom 19 August 2011

Die Thesen in vier Abschnitten:

A: Über die Weltsprache
B: Über die Muttersprachen und Englisch
C: Über die Sprachen der Wissenschaft
D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

Abschnitt A: Über die Weltsprache

1 – Alle verwechseln die Weltsprache mit Englisch

Die Weltsprache sieht zwar aus wie Englisch und sie klingt wie Englisch – ist aber meist nur schlechtes Englisch. Immer öfter ist eher Globisch die Weltsprache für jenes Drittel der Weltbürger, die in irgendeiner Form des Englischen bereits irgendwie miteinander verkehren – die meisten davon mehr schlecht als recht. (S. 16)

2 – Nur eine Minderheit der Weltbevölkerung beherrscht gutes Englisch

Von den sieben Milliarden der Weltbevölkerung sprechen knapp fünf Prozent Englisch als ihre Muttersprache. Insgesamt benutzt etwa ein Drittel Englisch, oder was man dafür halten kann. Zwei Drittel der Menschheit kann überhaupt kein Englisch, das es zu verbessern gäbe. Wie diese qualifizierte Mehrheit gutes Englisch erwirbt? Der Anspruch, dass ein gutes Englisch die Weltsprache sei oder sein müsse, ist daher verwegen, jedenfalls irreal. (S. 16)

3 – Die englischen Muttersprachler überfordern den Rest der Welt

Die rund zwei Milliarden Benutzer von meist schlechtem Englisch (oder Globisch) sind in aller Regel mit gutem Englisch überfordert. So geht es beispielsweise den meisten Deutschen mit Englischkenntnissen, deren Qualität sie systematisch überschätzen. Wer seinerseits im globalen Verkehr ein gutes Englisch verwendet, behindert die Kommunikation, denn er trägt zur Produktion von Missverständnissen bei. (S. 16)

4 – Überlegenes Englisch geht stets auf Kosten der Anderen

Einen Nutzen aus seiner sprachlichen Überlegenheit genießt der englische Muttersprachler nur, wo es darum geht andere zu übervorteilen, etwa in der Politik oder bei Verträgen, mit denen er den Kontrahenten über den Tisch zieht. In allen übrigen Situationen des wirtschaftlichen Alltags erreichen die Geschäftspartner mit dem Gleichlang des Globischen gemeinsam mehr.

5 – Als Weltsprache eignet sich globisches Englisch besser

Globisch ist ein funktionsfähiges Zweckenglisch für den Alltagsbedarf des Geschäftslebens. Wo Globisch nicht genügt – für Verhandlungen auf höchster Ebene -, genügt auch gutes Englisch nicht. Da genügt nur makelloses Englisch in professioneller Fehlerlosigkeit. Dazwischen gibt es keinen gleitenden Übergang, nur Profis können da mithalten – keine Halbprofis, keine ambitionierten Amateure. (S. 19)

6 – Globisch wird 200mal besser verstanden als Englisch

Globisch hat einen begrenzten Wortschatz, eine reduzierte Grammatik und Beschränkungen im Sprachgebrauch. Das entspricht dem tatsächlichen Gebrauch der Weltsprache. Jeglicher Mehraufwand für besseres Englisch ist ein privater Luxus, keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wieso 200 mal? Es könnte auch 500 mal sein. (S. 24)

7 – Verhandlungssicheres Englisch erwerben nur Wenige

Nur zwei Sub-Submilieus der Gesellschaft erlangen muttersprachliches Englischniveau und nur sie können mit Muttersprachlern ebenbürtig verkehren: Das sind erstens die von Hause aus Sprachprivilegierten sowie zweitens die Dolmetscher und Übersetzer. Alle anderen sind mit Globisch besser bedient, denn Spitzenenglisch zu erstreben, ist eine Illusion. Auch zehnmal so viel Englischstunden in der Schule würden daran wenig ändern. Sprachprivilegierter wird, wer fünf Jahre in einer englischen Umgebung zubringt, die ihm kein deutsches Wort durchgehen lässt; außerdem muss er sprachbegabt sein und fleißig englische Literatur lesen. Schulenglisch liefert dafür die Ausgangsbasis, mehr nicht. Mehr könnte keine Schule der Welt leisten, selbst wenn sie sämtliche Fächer auf Englisch unterrichtete. (S. 110 ff.)

8 – Gutes Englisch ist aristokratisch und nützt keiner Allgemeinheit

Hochenglisch ist die Kultursprache der angelsächsischen Oberschicht, mit der sie sich den Pöbel vom Halse hält und vorwitzige Fremde an der Nase herumführt. Ähnliches kommt auch im Deutschen vor, aber nicht in dieser kalkulierten Krassheit. Globisch ist dagegen eine demokratische Sprache; sie dient dazu, dass alle Weltbürger einander verstehen.

9 – Als Englisch gilt auch der „globalesische“ Sprachmüll

Globalesisch (nicht zu verwechseln mit Globisch) ist die Tarnsprache einer neureichen Scheinelite im Geschäftsleben. Mit dieser Variante des Englischen vernebelt sie Zusammenhänge statt Klarheit zu schaffen. Zugleich dient ihr globalesisches Idiom dazu, sich von allen Anderen abzugrenzen. Das akademische Halbenglisch ist, was Hochschullehrer (meist mit dem gebührenden schlechten Gewissen) für passables Englisch halten. Merke: Neureiche sowie Sprachprotzer zählen nicht zum Adel. (S. 19 ff., 26, 84, 129, 179, 213 ff.)

10 – Globisch ist eine bessere Weltsprache als jedes andere Englisch

Globisch dient ausschließlich der schnörkellosen Information und der nüchternen Kommunikation. Mit Kultur, Kunst, Poesie, Schönheit hat Globisch nichts zu tun – es ermöglicht nur die fehlerarme Verständigung. Demgegenüber haben Bad Simple English (BSE) und Hochenglisch eines gemeinsam: Sie provozieren Missverständnisse, und die kommen teuer. (S. 156 ff., 171 ff.)

11 – Für den Export brauchen wir kein besseres Englisch

Exportweltmeister waren wir, als unsere Kaufleute und Ingenieure Englisch erst in der Oberstufe gelernt haben (nach so furchtbar nutzlosen Sprachen wie Latein und Altgriechisch). Seit wir so viel Aufhebens um Englisch machen, sind wir hinter China und die USA auf den dritten Platz zurückgefallen. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat? Nichts. (S. 146 ff.)

Abschnitt B: Über die Muttersprachen und Englisch

12 – Als Konzernsprache blockiert Englisch die Verständigung

Wer zur Sache etwas Wichtiges beizutragen hätte, aber auf Englisch fällt es ihm nicht ein, der hält den Mund und überlässt das Feld denen, die zwar Englisch können, oft aber sonst nichts draufhaben. Bei DaimlerChrysler gingen die Kosten der erzwungenen Konzernsprache Englisch in die Milliarden. Mit der Muttersprache plus Globisch plus dem Einsatz von Profis hätte die Scheidung von Chrysler früher und billiger geschehen können, oder die Mesalliance hätte sich sogar vermeiden lassen. (S. 155 f.)

13 – Blähenglisch blockiert das Denken

Mit der globalesischen (nicht der globischen) Variante der englischen Sprache übernehmen die executives Versatzstücke einer Denkweise, die der unseren verwandt, aber nicht mit ihr identisch ist. Das globalesische Englisch, das eher zum Glauben als zum Verstehen verleitet, war bereits Geburtshelfer der weltweiten Finanzkrise. Mit seinen Englischkenntnissen müsste man schon außerordentlich sprachbegabt (mehr als sprachfertig) sein, um in diese Falle nicht zu tappen. Aber sogar gutes Englisch (auch ohne die globalesischen Versatzstücke) kann uns behindern: Wenn uns das Bemühen über Gebühr ablenkt; wenn wir Aufwand betreiben zu verstehen, was uns auf Englisch korrekt, aber unzugänglich dargelegt wurde. Im gleichen Maße kommen wir nicht zum eigenen Denken über das Gesagte: eine ziemlich infame, aber erfolgreiche Verhandlungstaktik, denn wer gibt schon zu, dass er nicht mitkäme? (S. 33 ff., 192 ff.)

14 – „Englisch ein Muss!“ behindert de Experten

Mit der Forderung nach „Englisch perfekt in Wort und Schrift“ unterzieht man Fachleute einem nutzlosen Stress. Er hat mit der Sache nichts zu tun, schmälert aber die Fähigkeit die Leistung zu erbringen um die es eigentlich geht. Tatsächlich können nicht einmal native speakers perfektes Englisch. So wird eine abstrakte Forderung nach Perfektion zu einer Norm erklärt, deren Maßstäbe willkürlich verschiebbar sind – grober Unfug ist das. Sprachbegabte mögen in solcher Lage noch punkten können, alle anderen werden ohne erkennbaren Nutzen gequält. Keiner bekommt, was er braucht: die angemessenen Sprachkenntnisse. Wo Fachkenntnis weniger gilt als Sprachkenntnis, ist mit einem überhöhten Anteil von Hochstaplern zu rechnen, die vor allem eines gut verstehen: ihre Selbstvermarktung. Kluge Unternehmer verabschieden sich von diesen kostspieligen Verwirrspielen. (S. 86 ff., 115)

15 – Standorte mit Zukunft pflegen die Muttersprache

Die Muttersprache ist ein Produktionsfaktor, der in jeder Volkswirtschaft den Erfolg dirigiert. Das Denken des Forschers und Entwicklers gelingt in der eigenen Sprache in aller Regel besser als in fremden Sprachen. Als gepflegte Muttersprache nimmt sie auch Einflüsse aus fremden Sprachen auf und kann sie zu ihrem Vorteil einverleiben. Die Abkehr von der Muttersprache hin zur englischen als Sprache der Wirtschaft- und der Wissenschaft riskiert den Verlust des mit der Muttersprache verbundenen Standortvorteils. Das implizite Versprechen auf Teilhabe an der Weltwirtschaft in englischer Sprache wiegt nichts, es ist kaum mehr als ein Lockvogel. Exporterfolge gab es, lange bevor Englisch zur anscheinend unverzichtbaren Voraussetzung für Exporterfolge avancierte. Verkaufen kann man – sogar radebrechend – in jeder Sprache, das haben wir jahrzehntelang bewiesen. Aber entwickeln muss man überlegene Produkte in der eigenen Sprache. (S. 165 ff.)

16 – Englische Frühförderung ist vergebliche Liebesmüh

Früh geförderte Kinder werden in aller Regel vergebens auf Englisch indoktriniert und sie werden einem erhöhten Risiko des Stotterns ausgesetzt. Spätestens zur Pubertät werden sie von den Spätstartern überholt, nicht nur eingeholt; das ist bereits erwiesen. Der Rummel um die Frühförderung ähnelt der Stümperei mit Canapés: Immer noch etwas draufzulegen verfeinert den Geschmack nicht mehr, es sieht nur nach mehr aus. Der ganze Aufwand wäre nützlicher in die Muttersprache investiert – und käme letztlich auch dem Englischlernen zugute. (S. 67 f.)

17 – Als erste Fremdsprache eignet sich Englisch besonders schlecht

Der Einstieg erscheint so einfach, so werden die Schüler zur Denkfaulheit verwöhnt. Später haben sie es schwer im Gelände des höheren Englisch. Die Engländer und Amerikaner sind bereits zu träge zum Fremdsprachenlernen, mithin sind sie schon jedem Chinesen unterlegen, der neben seinem Mandarin ein bisschen Globisch beherrscht. Eltern können sich getrost den gelegentlichen Zweifel erlauben, ob das Englischniveau, das sie für ihre Kinder als Ziel setzen, mit einer derart verfrühten Überbetonung des Englischen überhaupt zu erreichen ist oder ob dieses sogar verhindert wird. Erwiesen ist seit langem, dass sich Latein, Russisch, sogar Französisch als erste Fremdsprache besser eignen. (S. 65)

18 – Der Englischeifer nährt sich aus fragwürdigen Motiven

Die Motive für weitreichende Entscheidungen pro Englisch kontra Muttersprache verdienen einen Schuss gesunder Skepsis. Wo Englisch als schick gilt, sollte man sich an die Kurzlebigkeit der Mode erinnern. Besonders eklig ist der Klassendünkel entlang von Sprachgrenzen, der aus dem Englischen herüberschwappt und bei uns in abgewandelter Form heimisch wird: Demzufolge ist Deutsch zwar geeignet die Einwanderer zu integrieren, aber für die eigenen Kinder gilt die Ausrichtung auf eine vollkommen englische Globalisierung; in manchen Submilieus hat man sich aus der Muttersprache bereits verabschiedet. Geradezu peinlich ist die Annahme, dass Englisch politisch korrekter wäre als Deutsch. (S. 60 ff.)

19 – Gutes Englisch lässt sich sowieso nicht erzwingen

Mit dem gesteigerten schulischen Aufwand für Englischziele, die von vorneherein irreal gesteckt sind, knicken die Schulbehörden gegenüber den übereifrigen Eltern ein. So bedienen sie – wider besseres Wissen – die Ängste und den Dünkel der Bürger statt dem pädagogisch Vernünftigen zum Durchbruch zu verhelfen. Dem vorgeschützten Ziel – möglichst gute Englischkenntnisse für die Schüler – nähern sich die Schulen durch derlei willfähriges Verhalten aber nicht. Für gutes Englisch kann die Schule bestenfalls Grundlagen liefern, so wie sie es schon immer tat; dafür ist es unnötig den Aufwand für Englisch zu vervielfachen. Die Illusionen der Eltern müssen Privatsache bleiben, sie zu bedienen ist keine Bildungsaufgabe des Staates. (S. 67 f.)

20 – Die weltweit wichtigste Sprache ist die eigene

Die Muttersprache ist die erste Grundlage für jegliches Lernen. Vielleicht ist es notwendig zu erwähnen, dass diese schlichte Erkenntnis von der Linguistik bestätigt wird: Ohne gutes Deutsch gibt es kein gutes Englisch , von Mathematik, Physik, Ethik, Geschichte ganz zu schweigen. Ohne Deutsch gibt es gute Noten nur im Sport. Diese Feststellung gilt für sämtliche Muttersprachen und wird in den meisten Staaten der Welt folgerichtig beherzigt, außer in Deutschland: Hier wird der Anteil des Deutschunterrichts zugunsten des Englischen zusehends verringert. Vielerorts gilt gar die Immersionsmethode als überlegen, bei der einige oder sogar alle Fächer auf Englisch unterrichtet werden. Mit Ausnahme des Sports, und gerade da böte sich eine Umkehrung an: Den Sport haben wir tatsächlich von den Engländern (und Cricket haben wir noch immer nicht) gelernt. (S. 165 ff.)

Abschnitt C: Über die Sprachen der Wissenschaft

21 – Die Wissenschaften veröden in der Einengung auf Englisch

Die Wissenschaften leben von der Vielfalt des Denkens, der Kulturen und der Sprachen. Schwergewichtige Beiträge zur Vermehrung des Wissens der Menschheit leistet, wer in eben der Sprache denkt, die er wirklich beherrscht, und in dieser Sprache vorträgt und veröffentlicht. Das ist in aller Regel die Muttersprache – Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch diese Erkenntnis ist eine Binsenweisheit und auch sie geht verloren in der gegenwärtigen Manie, dass alle Wissenschaft auf Englisch ausgerichtet sein müsse. Monokultur laugt auf die Dauer den besten Boden aus. (S. 209 ff.)

22 – Die Chinesen forschen und entwickeln – nicht auf Englisch

Wer vor den Chinesen, den Indern, Japanern und anderen den Respekt aufbringt, der ihnen gebührt, wird von der Antwort nicht überrascht sein, in welcher Sprache sie wohl ihre Wissenschaften betreiben mögen? Sie tun es in der eigenen. Es gibt keine ernst zunehmende Quelle für die Annahme, dass beispielsweise China an dieser Regelung etwas ändern wollte. (S. 81 f., 160 f., 205, 224, 295)

23 – Wissenschaft braucht die Terminologie in der Muttersprache

Exzellente Wissenschaft entfaltet sich stets entlang der Terminologieschöpfung in der eigenen Sprache. Verzichten wir auf diese Leistung und ersetzen wir sie durch Übernahme englischer Terminologien, können wir sie später in deutscher Sprache schwerlich wieder aufnehmen. Wie die Dinge liegen, werden wir den Verlust aber erst dann ernstnehmen, wenn wir gemerkt haben, dass es ohne Terminologie in der Muttersprache keinen Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga der Wissenschaften gibt. Dorthin rutschen wir ab, wenn wir den gegenwärtigen Trend weiter mitmachen; wir sind bereits unterwegs. (S. 185, 187)

24 – Lehre auf Halbenglisch ist weniger als die Hälfte

Hochschullehre in akademischem Halbenglisch gebiert Absolventen, die Deutsch in ihrem Fach nicht mehr richtig und Englisch noch nicht richtig können. Man sollte sich erinnern: Der Lehrbetrieb auf Deutsch hat uns über die Jahrzehnte mit Absolventen global vernetzt – die dann unsere Maschinen und Geräte importiert haben. Unsere Erfolge im Export beruhen auch darauf, dass wir auf allgemeine und fachliche Bildung Wert gelegt haben, und zwar in deutscher Sprache, und auf englische Lehre verzichtet haben. Die Wissenschaftler wissen das, die Regierenden wollen es nicht hören, die zuständigen Ministerien ignorieren es bewusst und die indischen Studenten gehen (wenn ihnen Englisch am Herzen liegt) im Zweifel gleich in die USA. (S. 218)

25 – Publizieren in schlechtem Englisch blamiert den Autor

Für das akademische Publizieren gibt es eine intelligentere Lösung als sich mit einem kargen Englisch bloßzustellen. Die Frage ist berechtigt: Mit welchem Recht darf man Spitzenenglisch von Wissenschaftlern überhaupt verlangen? Erkennbar wird hier ein Descartes’scher Analogieschluss unter dem Einfluss der Informationstechnik und des Internets: „Englisch muss ich können, also kann ich es.“ Der Irrtum schmerzt: Die Meisten können es nicht, dem Kenner stockt der Atem. Dennoch gilt: Wissenschaftler müssen auf Englisch publizieren. Warum tun sie es nicht zuerst in der Sprache, die das Denken beflügelt (nicht einengt) und in der sie die Feinheiten ihrer Arbeit am besten darstellen können? Wegen der Kosten der Übersetzung (die ihnen keiner erstattet) oder aus Eitelkeit? Die Übertragung ins Englische kann nur Sache von Experten sein; experten der Sprache. Die Gesellschaft hat sich dafür stark zu machen, dass es genügend dieser Profis gibt und, dass Akademiker sich ihrer bedienen können. (S. 211)

26 – Für den akademischen Gedankenaustausch kann dürftiges Englisch nicht genügen

Radebrechen genügt für den Tourismus. Der akademische Gedankenaustausch in gebrochener Ausdrucksweise ist hingegen fragwürdig. Dabei gehen als erstes jene Feinheiten verloren, um deren Austausch es im Grunde geht. Mangels aktiver (produktiver) Beherrschung der englischen Lingua franca bringen die nichtenglischen Muttersprachler nur gestammelte Beiträge hervor, wenn sie nicht sowieso widerwillig schweigen. So überlassen sie jenen native speakers das Feld, die sich nicht genieren, auf Kosten der Zögerlichen zu punkten. Den Wissenschaften ist damit nicht gedient, denn Sinn wird nur gestiftet, wenn sich jeder der Sprache bedient, in der er denkt und das Besondere an seiner Arbeit in allen erforderlichen Analogien erklären kann. Das ist fast immer die Muttersprache. Die Übertragung des Gesagten ist daher eine Aufgabe für professionelle Dolmetscher. (S. 223)

Abschnitt D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

27 – Weltbürger wird man nicht durch Liebedienerei

Als Weltbürger qualifiziert sich, wer sich auf Grundlage seiner kulturellen Herkunft dazu bekennt. Anderenfalls wirkt seine Hinwendung als peinlich oder sogar als Flucht vor seiner historischen Mitverantwortung. Als Deutscher und als Österreicher entkommt man der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch nicht durch Verleugnung der deutschen Sprache, so billig kommt keiner davon. Verzichtet er auf seine Muttersprache, bewirkt er das Gegenteil dessen, was er darstellen möchte: Von Liebedienerei lässt sich keiner zufriedenstellen; auch das eigene Gewissen lässt sich nicht übertölpeln. Im Übrigen muss sich für die paar Rechtsextremen hierzulande keiner mehr schämen als unsere Nachbarn für die ihren; es gibt sie bekanntlich auch im englischen Sprachraum. Ihretwegen auf die Muttersprache zu verzichten unglaubwürdig. (S. 44 f.)

28 – Der Glaube an Englisch grenzt Millionen von Mitbürgern aus

Mit der geradezu religiösen Verehrung der englischen auf Kosten der Landessprache widersprechen wir dem Grundgesetz. Den Einwanderern rauben wir das Motiv zum Erwerb einer menschenwürdigen Teilhabe an der Gesellschaft vermittels der hier gültigen Landessprache. Manche Minderheiten ohne Englischkenntnisse schließen wir aus der Alltagskommunikation aus, als gäbe es sie nicht: die Alten, die es in der Schule nicht lernten, die Sprachschwachen, die funktionalen Analphabeten. Der einzige Stoff, der unsere Gesellschaft zusammenleimt, ist aber die Landessprache. Sprachpflege, nämlich ein Schutz vor Übertreibung bei Entlehnungen, ist daher im Grunde eine gesellschaftliche Aufgabe und nicht nur eine Privatsache. (S. 69 ff.)

29 – „Englisch als Landessprache!“ – eine Forderung ohne den geringsten Denkinhalt

Englisch als Landessprache in Deutschland zu fordern ergibt noch weniger Sinn als die Chihuahua-Hunde für Polizeiaufgaben zu züchten. Man muss nur zu Ende denken, unter welchen Anstrengungen so ein Ziel angestrebt und trotzdem nicht erreicht würde. Englisch als Landessprache fordert in aller Regel, wer sein Gestammel mit Englisch verwechselt und schon lange nicht mehr in der Presse erwähnt wurde. (S. 229)

30 – Sprachpflege zählt zum Ressourcenschutz

Wenn wir die Muttersprache ernstnehmen, ist sie eine Quelle geistiger Energie. Sie ist unversiegbar, vorausgesetzt wir kümmern uns um sie. Dann ist sie, was es nur in der Kultur, nicht in der Natur geben kann: ein Apparat der mehr Energie verfügbar macht als man zu seinem Betrieb hineinstecken muss. Vernachlässigen wir die Sprache, so gilt jedoch der umgekehrte Fall: Wir verbrauchen die Substanz bis sie auf dem Niveau eines Dialektes dahinsiecht. So gesehen ist Sprache ein endlicher Rohstoff – da gibt es auch nichts mehr zu recyceln. (S. 187 ff.)

31 – Englisch als Gerichtssprache dient nicht dem Volk

Aufgabe der Rechtsprechung ist die Wahrung des Rechtsfriedens. Wie das den Gerichten gelingen soll, wenn Zivilprozesse zunehmend auf Englisch geführt werden, hat bisher keiner befriedigend beantworten können. Prozessführung auf Englisch liegt im Interesse einer Minderheit, die keines Schutzes bedarf; außer wenigen Spezialisten in den Anwaltskanzleien versteht hierzulande keiner das Juristenenglisch. Das Volk spricht Deutsch; es möchte verstehen, was sich in seinem Namen vor den Gerichten im eigenen Lande abspielt. Und wenn es schon (ausnahmsweise!) Englisch sein muss, dann in in der Variante, die immerhin den Meisten im Lande noch zugänglich ist oder gemacht werden kann: Globisch, nicht Hochenglisch. (S. 72 ff.)

32 – Als einigende Sprache braucht Europa – die Sprache seiner Gegner am wenigsten

Europas einzigartiger Standortvorteil beruht auf der Vielfalt seiner Kulturen und Sprachen. Aus der Vielfalt gehen Gedanken hervor, die nicht zustande kämen, wenn sich alle Europäer in einer gemeinsamen Sprache auszudrücken hätten, schon gar nicht in der Sprache der erklärten Gegner Europas, und das sind die Engländer. Dass eine einheitliche Sprache völkerverbindende, friedensstiftende Kraft besäße, ist nicht beweisbar. Im Gegenteil: Bürgerkriege wie in Spanien, am Balkan, in Korea und anderswo wurden durch gemeinsame Sprache nicht verhindert. Die Muttersprachen Europas gewinnen ihre Geltung in dem Maße zurück, wie das Brüsseler Gemenge aus Bad Simple English und Beamtenenglisch durch ein ordentliches Globisch ersetzt wird; zusätzlich benötigt Europa mehr Dolmetscher und Übersetzer. (S. 90 ff.)

33 – Andere verwenden ihre Sprache als Waffe – wir nicht

Wir denken gar nicht erst daran, unsere Muttersprache international als Waffe einzusetzen. Dabei mag es bleiben, kein vernünftiger Mensch möchte es rückgängig machen. Vernünftig wäre indes auch, dass wir das Kolonialgehabe der Amerikaner und Briten immerhin als den Sprachimperialismus identifizieren, der er ist. Ihre bewusste (offen eingestandene) Sprachpolitik hat auch wirtschaftliche Folgen zu unseren Ungunsten. Wehren sollten wir uns auch gegen die Chuzpe, mit der – ausgerechnet – die europafeindlichsten EU-Mitglieder mit ihrer Sprache sämtlichen anderen Mitgliedern britische Denkweisen aufzwingen. Einflussreiche Amerikaner führen sich sogar so auf, als müsste die Welt an ihrem Wesen genesen. Uns sollten solche Töne bekannt vorkommen und skeptisch stimmen. (S. 36, 79 ff.)

34 – Erstes Opfer des Sprachimperialismus ist – Hochenglisch

Der Sprachimperialismus macht paradoxerweise die englische Sprache zum ersten Opfer der Globalisierung: Die englische Kultursprache ist bedroht. Ihre nichtmuttersprachlichen Nutzer verflachen sie mit minderwertigem Englisch. Die Engländer selber unterscheiden noch nicht zwischen Globisch und Englisch und sie lassen es zu, dass der globalesische Jargon der Geschäfts- und Finanzwelt als Hochenglisch durchgeht. Es wäre ein schwer zu verkraftendes Opfer des Sprachwandels, wenn die Sprache Shakespeares zertrampelt würde. (S. 59, 182 f.)

35 – Globisch nützt allen Muttersprachen

Die Erkenntnis, dass ein Drittel der globalen Bürger bereits Globisch spricht oder sich auf dem Umweg über schlechtes Englisch auf Globisch zubewegt, könnte das Ende des gängigen Englischwahns von der Wiege bis zur Rente einleiten: So könnte die eigene Sprache (jede Muttersprache, auch die englische) den Spielraum zurückgewinnen, den ihre Sprecher zum eigenen Denken und für eine geordnete Verständigung benötigen. (S. 21 f, 60 ff.)

36 – Sprache verändert sich nicht – sie wird verändert

Einer plappert es dem Anderen nach, dass sich die Sprache verändere. Auch durch häufige Wiederholung wird dieser Satz nicht stimmiger. Tatsächlich verändert nicht die Sprache sich, sondern sie wird verändert, und zwar von denen, die sie gebrauchen oder missbrauchen. Das müsste über kurz oder lang auch den Linguisten auffallen, die sich über die „selbsternannten Sprachschützer“ mokieren. Wenn aber die Muttersprache derart gedankenlos misshandelt wird, liegt es nahe, dass sich andere um sie kümmern, obwohl beispielsweise die Neonazis von guter Spracher besonders weit entfernt sind. An gepflegter Veränderung kann jeder mitwirken – durch bewussten Umgang mit seiner Muttersprache. (S. 54 ff.)

37 – „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ ist ein blödes Argument

Es ist schließlich der Sinn von Wortschöpfungen, dass neue Begriffe mit neuen Wörtern bezeichnet werden, sei es durch Neuerfindung, durch Umdeutung vorhandener Wörter aus dem Sprachschatz oder gegebenenfalls durch Entlehnung aus anderen Sprachen. „Gibt es nicht!“ gibt es nicht in der Sprache. Nur Denkfaulheit (oder Denkverbot) spricht dafür, dass man sich zur Einkleidung aus fremden Garderoben bedient, bevor man in der eigenen nachsieht. Für ein wirklich neues Ding gibt es in keiner Sprache bereits ein Wort, nicht einmal in der englischen, und was die Amerikaner und Briten können („Let’s call that a stalker“), kann jeder andere auch („Dann nennen wir das doch den Nachsteller“). Manche fremdsprachlich gebildeten Engländer sind geradezu fasziniert von den Möglichkeiten, Neues in der deutschen Sprache begrifflich zu fassen. Indem wir uns auf die Gehirnwäsche einlassen, dass nur Englisch zu Neuem fähig sei („denn im Deutschen gibt es dafür kein Wort“), setzen wir unsere Denkfähigkeit aufs Spiel. In der eigenen Sprache trauen wir uns nicht mehr zum Denken, wir schreiben ab – und machen dabei lauter Fehler. (S. 117 ff.)

38 – Die Muttersprache kommt kostenlos, nicht umsonst

Die Muttersprache ist leichtes Gepäck, leicht geht es verloren – für immer. Was manchen politisch Korrekten als Ersatz vorschwebt – das Weltsprachenenglisch – eignet sich als Ersatz für Muttersprachen am wenigsten. Genau das blüht uns aber, wenn wir nicht eingreifen. (S. 182 ff.)

Darüber hinaus

Im Abschnitt 6 – Globisch lernen des Buches Von Babylon nach Globylon erfahren Sie, was Sie tun müssen, um Globisch zu beherrschen und was Sie dabei getrost überspringen können: Globisch ist zwar kein Fingerschlecken, aber für jedermann in überschaubarer Zeit erreichbar.

Oliver Baer @ 15:33
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Renaissance der Muttersprachen

Beitrag vom 11 August 2011

Interview mit den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache

Sprachnachrichten: Sie machen sich stark für Englisch als Weltsprache. Braucht Englisch Ihre Fürsprache?

Baer: Nein. Ich mache mich stark für Deutsch, für die Muttersprachen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das weiß jeder, aber keiner zieht daraus die Konsequenzen.

SN: Und die wären: Besseres Englisch lernen für alle?

Baer: Eben nicht. Die meisten Benutzer des Englischen sind keine Muttersprachler, sie reden, wie sie es können, und das genügt – fast. Was sie sprechen, ist ein beschränktes Englisch, das wir besser Globisch nennen sollten.

SN: Ist der Unterschied so groß?

Baer: Es sollte mit der englischen Hochsprache nicht in einem Topf verrührt werden. Darunter leidet unsere Sprache, weil alle Ressourcen auf „perfektes Englisch“ verschwendet werden. Wenn diese Hysterie wegfällt, können wir uns wieder auf unsere Sprache besinnen: die Grundlage für sämtliches Lernen – übrigens auch zum Englischlernen, auch für Globisch.

SN: Sprachwissenschaftlich betrachtet, ist Globisch eine Varietät des Englischen. Also kämpfen Sie doch für Englisch, und für Deutsch nur so nebenher.

Baer: Mehr als die Hälfte meines Buches begründet, warum es wichtig ist, dass wir uns auf Deutsch besinnen. Der Aufwand für Englisch von der KiTa bis zur Hochschule, das modische Geschwätz in Wirtschaft und Medien – sie blockieren unsere Wahrnehmung der deutschen Sprache.

SN: Die Unternehmen sagen, sie müssten sich international aufstellen.

Baer: Exportweltmeister war Deutschland, als davon noch keine Rede war. Inzwischen können wir besseres Englisch, aber die Chinesen überholen uns – mit schlechterem Englisch. Die denken übrigens nicht im Traum daran, Englisch als Landessprache einzuführen.

SN: Wissenschaftler müssen auf Englisch veröffentlichen, sonst wird ihre Arbeit nicht zur Kenntnis genommen.

Baer: Das stimmt nur zur Hälfte. Damit sie in die amerikanischen Zitierindizes gelangen, müssen sie auf Englisch zu lesen sein. Ihre Arbeit wird trotzdem ignoriert, wenn sie in einem Englisch daherkommt, das alle Feinheiten ihres Denkens verkleistert.

SN: Was sollten sie stattdessen tun?

Baer: Auf Deutsch denken, forschen, niederschreiben, veröffentlichen. Zugleich die Arbeit übersetzen lassen – von Leuten, die etwas von Englisch verstehen. Woher soll ein Physiker Englisch wie ein native speaker können? Von seinen drei Jahren am MIT?

SN: Und dann auf Englisch veröffentlichen? Dann wird alles gut?

Baer: Sogar das genügt nicht. Der erste Eindruck bestimmt, ob das Papier gelesen wird. Als erstes bemerkt der amerikanische Kollege die Einleitung. Die sieht zwar Englisch aus, wurde vielleicht sogar erstklassig übersetzt, aber sie ist immer noch deutsch.

SN: Wozu hat der Forscher dann teure Übersetzer herangezogen?

Baer: Er hat auf Deutsch gedacht. Engländer sind eine andere Einleitung gewohnt. Ihre ist wie ein Plädoyer vor Gericht, unsere besteht aus einer Begriffsbestimmung. Das guckt sich der Harvardkollege an und – legt es weg. Die Angelsachsen denken anders als wir – nicht besser, nicht schlechter: anders! Und wir müssen die Einleitung für sie neu schreiben.

SN: Müssen wir lernen, wie sie zu denken?

Baer: Dazu müssten wir Englisch mit der Muttermilch, schon während der Schwangerschaft aufsaugen. Dann denken wir wie Engländer.

SN: Wenn es das globale Dorf so will, können wir uns ausschließen?

Baer: Selbstverständlich müssen wir das sogar. Die Artenvielfalt des Denkens aus dem Fenster zu werfen, wäre so nützlich wie der Raubbau, den die Banken veranstalten.

SN: Sie meinen, jede Muttersprache muss ihr Recht verteidigen auf das ihr eigene Denken?

Baer: Das können nur wir, ihre Sprecher, die Sprache selber ist wehrlos.

SN: Inwiefern genügt Globisch statt Englisch?

Baer: Weil es bereits Weltsprache ist.

SN: Ein Englisch zweiter Klasse machen die Kultusminister und Schulbehörden nie mit.

Baer: Das tun sie schon längst. Sie forcieren Englisch auf C1-Niveau, aber die meisten landen nur bei B1. Für Globisch reicht das.

SN: Also können die meisten bereits Globisch?

Baer: Viele, und nur beinahe. Es fehlt eine letzte Anstrengung, Globisch zu normieren: ein bewusst begrenzter Wortschatz, bewusst beschränkte Grammatik sowie der bewusste Verzicht auf alles, was Sprache schön macht: Humor, Wortspielereien, Doppeldeutigkeiten.

SN: Das hat alles schon Esperanto geboten.

Baer: Globisch sprechen bald drei Milliarden, Esperanto nach hundert Jahren nur 100.000. Globisch ist, was Esperanto hätte sein können, aber nie wurde.

SN: Und was haben wir davon?

Baer: Das Ende der Englischlüge und den Anfang einer Renaissance der Muttersprachen.


Mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 17:01
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Englisch und Globisch: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 5 aus Von Babylon nach Globylon

Globisch ist ordentliches Englisch, es ist keine Spezialsprache mit eigenem Vokabular. Die globische Rechtschreibung verwendet die Buchstaben, Zeichen und Zahlen des Englischen. Es verwendet die englische Grammatik. Es hört sich an wie Englisch, mit den Regional- und Dialektakzenten aus aller Welt. Wie wir sehen werden, bietet diese Vielfalt der Aussprachen dem Globisch-Schüler einen kleinen und unerwarteten Vorteil.

Aus dem gewaltigen englischen Wortschatz ist Globisch im ersten Schritt auf überschaubare 1.500 Wörter begrenzt.296 Im zweiten Schritt ergänzen wir sie. Zum Beispiel aus moderate bilden wir mit Vor- und Nachsilben moderator und moderating, aus model entstehen mehrteilige Wörter wie dessous modelling. Präpositional- und Partikelverben (phrasal verbs) vergrößern die Liste nach und nach. Sie wächst ferner durch Namen und Titel sowie die internationalen Begriffe wie police und pizza und schließlich durch die Fachbegriffe. Zum Beispiel verwenden wir für den Zweck dieses Buches Fachbegriffe wie Verb, rezeptiv, plurizentrisch – sie sind in den 1.500 Wörtern nicht enthalten. Ein wichtiger Unterschied ist die Regel, mit der wir im Globischen kurze Sätze bilden, höchstens fünfzehn Wörter lang.

Globisch begnügt sich mit weniger Verbformen bei Tempus (ich komme, ich kam, ich werde kommen) und Modus (ich gehe, ich ginge, ich würde gehen). Wir benutzen von den vielen Zeitformen in aller Regel sechs, und nur im gegenseitigen Einvernehmen elf, und mit Passivformen verschonen wir unser Gegenüber, zum Beispiel:

The car has been parked by the doorman. Das Auto wurde vom Portier geparkt. Besser: The doorman has parked the car. … Der Portier hat das Auto geparkt.

Glück haben wir bei der Aussprache. Sie ist weniger streng als im gebildeten Englisch. Wir müssen nicht alle schwierigen Laute aussprechen können; nur um die kritischen bemühen wir uns, jene die das Verständnis stören können, indem sie bei falscher Aussprache den Gesprächspartner auf eine falsche Fährte locken.

Der größte Unterschied zum Hochenglischen liegt im Gebrauch von Redewendungen, Redensarten, Witzen, Anekdoten, geflügelten Worten: Sie sind tabu. Mit Globish®/Globisch besitzt die Weltsprache einen Namen und ein eigenes Bedeutungsfeld, das sich wie von alleine durchsetzt; auf dieser Grundlage können wir uns weltweit mit jedem Gesprächspartner verständigen.

In einem offenen System entstehen die benötigten Formen im Laufe seines langen Gebrauchs. So ist die Verlaufsform (progressive oder continuous tense) Ausdruck einer Entfernung des Englischen von den übrigen germanischen Sprachen.

We might be calling later. Having turned the TV on, we waited for the news. I am very much looking forward to seeing you.

Die Entwicklung hat dazu geführt, dass im modernen Englischen die Zeiten der Verben anders gehandhabt werden als im Deutschen:

I am doing it besagt dasselbe wie: Ich bin dabei, es zu tun.

Das Englische hat damit eine praktische und vielgebrauchte Form gewonnen, mit denen Nichtanglophone erstaunlich schlecht zurechtkommen. Im Deutschen, Französischen und Italienischen haben wir ziemlich ungelenke Entsprechungen – wir drücken das Gleiche mit anderen Formen aus: Wir konstruieren die Sätze um. Am Niederrhein könnte dieselbe Aussage lauten: „Ich bin es am Machen.“ In den slawischen Sprachen wird der Aspekt raffinierter verwirklicht (dafür fehlen dort wiederum andere komplizierte Zeitformen). Im Globischen verwenden wir die einfachen Verlaufsformen; die komplizierten müssen wir (rezeptiv) nur richtig auslegen können, wenn sie unseren Weg kreuzen.

Im Gegensatz zur Hochsprache ist Globisch beides zugleich: eine natürliche Sprache und ein geschlossenes System konstruierter Sprache. Es setzt sichtbare Zäune an die Grenzen, die wir in der Hochsprache häufig missachten (und wo wir die Aufmerksamkeit unseres Gesprächspartners verlieren). Ein geschlossenes System ist beispielsweise die Regel, dass wir auf der rechten Straßenseite fahren. Daran hält sich sogar der Geisterfahrer auf der Autobahn – auf seine Weise.

Natürlich an Globisch ist, dass es den Sprachgebrauch der Nichtanglophonen sowie der bildungsfernen native speakers widerspiegelt. Konstruiert (oder künstlich) ist der Eingriff der ordnenden Hand, mit der wir Empfehlungen folgen, die das Lernen erleichtern und uns im Gebrauch von Abweichungen einschränken. Insofern ist Globisch eine offene natürliche Sprache, die künstlich geschlossen wird.

… (Ausführliches weiter auf Seite 240 im Buch Von Babylon nach Globylon).

Oliver Baer @ 16:24
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Lingua franca der Nomaden

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 4 aus Von Babylon nach Globylon

Zuguterletzt spricht ein soziologisches und zugleich soziodemografisches (mithin volkswirtschaftliches) Motiv dafür, dass wir Deutsch als Wirtschafts- oder Produktionsfaktor ernstnehmen. Allein in Deutschland leben über 15 Millionen Personen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“; das sind Deutsche aus dem Ausland (Spätaussiedler), es sind die Einwanderer mit ihren Kindern sowie Asylanten – zusammen fast ein Fünftel der Bevölkerung: Deutschland ist – wie Österreich und die Schweiz – ein Einwanderungsland.

Neben ihrer Muttersprache brauchen die Einwanderer Deutsch, damit werden sie bei uns heimisch. Nebenbei dient unsere Landessprache nämlich als ihre Lingua franca. Untereinander verständigen sich Wolgadeutsche und Albaner, Polen und Türken im Lande – auf Deutsch. Die Deutschprüfung nach dem Integrationskurs verlangt das GER-Niveau B1 und wir haben sie gefälligst dabei zu unterstützen, dass sie dieses Niveau erreichen – auch in unserem Interesse.

In der Bildungspolitik käme mehr Selbstvertrauen gelegen, sonst behält Walter Jens recht, der schon in den Neunzigern meinte, wenn es so weiterginge, könnten die Deutschen bald nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch.

In der Alltagssprache spielt diese Befürchtung keine Rolle. Zu beachten im Schaubild ist jedoch der obere, blaue Bereich: Wie hoch wird der grüne (englische) Pfeil bestenfalls reichen? Oben ist die Zone der Sprachbeherrschung, in der sich das kreative Denken abspielt, die helle Zone ganz unten genügt zum Leeren der Mülltonnen. Wo die Pfeile einander kreuzen, hätten wir demnach mehr verloren als gewonnen.

Immerhin kämen bei dieser Abwärtsbewegung die Eingeborenen den Einwanderern im Deutschen entgegen, während sie selbst ins Englische flüchten (S. 69).

So stehen wir als Einzelne, wie die Volkswirtschaft, vor der Notwendigkeit, klüger zu investieren: Erst in Deutsch, dann im angemessenen Umfang in die Fremdsprachen, zuerst die der Nachbarn, dann in Englisch, als Grundlage für das Globische. Dass wir Deutsch in der Schule als ein Fach unter vielen ansehen, und Deutsch als Unterrichtsmedium von Englisch verdrängen lassen, das wäre so ziemlich das Dümmste, was wir uns antun können.

Mehr zu diesem Thema im Buch Von Babylon nach Globylon ab Seite 182.

Oliver Baer @ 16:24
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Fremdsprachen in der Schule

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 2 aus Von Babylon nach Globylon

Der Rummel um die Frühförderung grenzt an Hysterie, da stehen die Väter und Mütter zusammen: Es gilt, die Kinder für die Weltsprache rundum fit zu machen: Fitness statt Bildung. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu lernen: Intelligenz bilden, Kreativität entfalten, seelische Ausgeglichenheit erwerben, soziale Kompetenz üben, die Grundlagen für ein erfülltes Lernen und Leben.

Es gibt für diese Erziehungs- und Schulziele keine bessere Grundlage als – das Musizieren, allein und mit anderen. Dafür investierte Zeit im Stundenplan ist rundum ergiebiger als den Englischunterricht noch weiter aufzustocken. Pädagogen wissen das, aber gegen den gängigen Angloholismus agieren sie ungern: Da gibt es keine Punkte zu gewinnen!

Was aber, wenn der Aufwand für das Englische vergebens war? „Wenn der Nachwuchs bereits vor der Schule zwei Sprachen lernt, wächst das Risiko, dass die Worte nicht richtig herauswollen“, und zwar in beiden Sprachen! Und die Heilung des Stotterns dauert länger, versichert Mark Hammer.

Eine bittere Überraschung folgt: Spätestens in der Pubertät holen die anderen die Frühstarter ein und überholen sie. Das Pulver ist verschossen, der Donner der Geschütze hat keinen Geländegewinn erbracht. Im Übrigen genügt selbst das beste Schulenglisch nicht dem angestrebten Zweck, dem Vorsprung auf der Karriereleiter. Es leistet nur, was man für Globisch (und für höheres Englisch) benötigt – den Einstieg.

Früher Fremdsprachenunterricht kann Sinn stiften. Waldorf- und Montessorischulen machen damit gute Erfahrungen. Wenn die Schule und die Eltern behutsam bleiben: Was brauchen die Kinder, und in welchem Alter? Kann Immersionsunterricht den muttersprachlichen Fachunterricht ergänzen?(78) Dann erweitert er den Horizont der Kinder. Wenn er die Muttersprache in mehr als zwei Fächern ersetzt, besteht der Verdacht auf Ideologie („gut für die multikulturelle Gesellschaft!“) oder auf Profilbedürfnis der Schule („gut für die Karriere!“).

Würde eine gemeinsame Sprache Nennenswertes für die Völkerverständigung leisten, müsste das Leben im Londoner Völkergemisch paradiesisch sein, es gäbe keine Bürgerkriege wie im Spanien der dreißiger Jahre, Nord- und Südkorea wären vereint, Serben und Kroaten innig verbrüdert. Mit dem Englischwahn lässt sich an den Elternängsten gut verdienen und in den Medien viel Wind machen.

… (im Buch Von Babylon nach Globylon weiter auf Seite 68)

Oliver Baer @ 16:23
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Das Lied vom Tod – und eines von der Liebe

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 1 aus Von Babylon nach Globylon

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass hier vom Leben und Sterben die Rede ist – als hätten wir nicht schon in aller Sorgfalt geklärt, dass solche Rede nur passt, wenn man glaubt, die Sprache sei ein Organismus: Die Analogie taugt daher nichts bis zum schlüssigen Beweis des Gegenteils (siehe „Verändert sich die Sprache?“).

An der Beweisführung arbeitet jedoch keiner. Schade, denn falls sie sich bestätigte, müssten wir unsere Umgangsformen überdenken, und Denkmäler und Altäre für die Sprache errichten. Bis dahin bleibt es eine gefährliche Analogie für jene, die sie im Munde führen: Sie müssten dann zu Schlüssen kommen, die ihnen noch weniger in den Kram passen als die Mär von der Sprache die „sich verändert“.

Kein schiefes Bild, sondern eine Tatsache ist der Tod von Kulturen im Regenwald. Ganze Indianerstämme sterben aus, und mit ihnen geht die Sprache, in der sie die Flora und Fauna ihres Biotops beschreiben, und dessen Gleichgewicht sie erhalten, damit sie überleben. Uns kommt das rückständig vor, aber sie wissen Einmaliges. Zum Beispiel über die Heilkraft eines Krauts, das nur dort vorkommt, und die Insekten, die in Symbiose mit ihm leben.

Eine Pharmaindustrie, die ihre Lösungen mit Milliardenaufwand erzwingt, könnte öfter der Natur am Amazonas die Lösungen abschauen. Solange die Stämme noch leben, denn mit ihrer Sprache verliert die Welt ihr Wissen. An dem Punkt ist Endstation für die Bionik, immerhin eine der Überlebenswissenschaften, falls wir die Welt weiter ausrauben wie bisher.

„Verliert man eine Kultur“, sagte der Biologe William Sutherland, „verliert man ein einzigartiges Set aus Antworten auf die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“ Dazu Anne-Catherine Simon: „Trauriger noch, könnte man hinzufügen: Wenn sich alle immer ähnlicher werden, glaubt man die Antwort zu kennen und fragt gar nicht mehr.“

Tritt das ein, können wir die Universitäten stilllegen, das wäre das Ende der Wissenschaften. Spannung folgt aus den Fragen, nicht aus den Antworten.


… (im Buch Von Babylon nach Globylon weiter auf Seite 187)

Oliver Baer @ 16:20
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Traber sind keine Springpferde

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 3 aus Von Babylon nach Globylon

In unserer Sprache kann man sich besonders präzise ausdrücken. Ist das ein Klischee, gibt es etwa bessere und schlechtere Sprachen? Wohl kaum, aber typische Unterschiede fallen auf.

Der Ingenieur Gerhard Junker war viele Jahre deutscher Sprecher im Lenkungsausschuss der europäischen Luftfahrtnormung.213 Der Ausschuss hatte Handlungsanleitungen in englischer, französischer und deutscher Sprache so anzufertigen, dass Airbus-Mitarbeiter in Bristol, Toulouse und Hamburg exakt dasselbe verstanden und verrichteten. Die Debatten des Normenausschusses verliefen nach einem gleichbleibenden Muster: In der synoptischen Darstellung war stets der kürzeste Text der englische, der längste der deutsche, und selbst die sprachstolzen Franzosen räumten ein: Der deutsche ist der präziseste – eine willkommene Eigenschaft, wo es um Flugsicherheit geht.

Lassen wir offen, ob Deutsch eine besondere Präzision bedingt oder ob Präzision ein Charakterzug ist, der gewissermaßen im genetischen Allgemeingut verankert ist und sich in der Sprache (oder in mehreren, wie in der Schweiz) niederschlägt. Reizvoll ist dann die Frage, ob zwischen den Auslegungen eine Wechselwirkung bestünde. Die Praxis bestätigt immerhin eines: Selbstverständlich kann man im Englischen so genau wie in jeder anderen ausgebauten Sprache sein. Wenn man sich bemüht. Das tun wir im Deutschen nun mal gründlicher – das ist nichts Neues, und typisch.

Ebenso sicher kann man Gewissenhaftigkeit in jeder Sprache unterdrücken, aber im Englischen gelingt es mit weniger Mühe. Beim Absondern wohlklingender Worte ohne erwähnenswerten Inhalt kann man auf Englisch minutenlang unertappt bleiben. Im Deutschen horchen die Leute schon nach drei Sätzen auf: Der redet ja wie die Regierung!

Die deutsche Sprache ist nicht als solche präziser, aber sie ermuntert zur Präzision. Englisch erlaubt einen großzügigeren Umgang mit dem Wort.

… (im Buch Von Babylon nach Globylon weiter auf Seite 172)

Oliver Baer @ 16:16
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Ist Globish dasselbe wie Globisch?

Beitrag vom 23 Mai 2011

Kurze Antwort: Ja.

Im Buch näher erläutert, hier kurz erwähnt: Von Babylon nach Globylon hat einen Paten namens Globish the World Over von Jean Paul Nerrière und David Hon. So gut wie alles, was in diesem steht, finden Sie in meinem, aber auf Deutsch und ausdrücklich für die Leseinteressen deutscher Muttersprachler geschrieben. Es enthält viele Kapitel, die bei Nerrière und Hon nicht vorkommen, auch meine Beispiele und Musterdialoge sind eigene.

Trotzdem empfehle ich ebenso ausdrücklich, Globish the World Over zu beachten. Dafür steht ein wichtiger Grund. Es besitzt einen auf Deutsch nicht nachahmbaren Vorzug: Es ist auf Globisch verfasst und somit der greifbare Beweis, dass Globisch kein Primitivenglisch ist, sondern eine voll funktionsfähige Varietät des Englischen. Damit kann man sogar Grammatik erörtern – in meinem Buch geschieht das im Abschnitt 6 (Globisch lernen).

Von Globish the World Over gibt es eine deutsche Übersetzung, erschienen bei Langenscheidt: Globish: Die neue Weltsprache?. Ihr fehlt der besondere Charme des Originals: dass der Leser erfährt, wie sich Globisch anfühlt. Kürzlich wies mich übrigens ein Netzbürger zurecht: Das müsse ja wohl Globish heißen, nicht Globisch. Die Begründung blieb er schuldig; vermutlich meint er, die Sprache der Engländer sei English, nicht Englisch und die der Franzosen sei French, nicht Französisch. Lassen wir die Kirche im Dorf: Mein Buch ist in deutscher Sprache verfasst.

Oliver Baer @ 09:34
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Von Babylon nach Globylon

Beitrag vom 22 Mai 2011

Worum es geht

Wir wollen die Weltsprache und lernen die falsche.
Wir opfern die eigene Sprache, und die fehlt dann –
auch zum Erlernen der Weltsprache.

Buchumschlag Titelseite Von-Babylon-nach-Globylon Der Aufwand, den wir in die englische Sprache investieren, fehlt der Muttersprache. Das kommt uns teuer zu stehen. Erstens benötigen wir die Muttersprache für alles, was es zu lernen gibt – unter anderem Englisch. In Wirtschaft und Wissenschaft verpassen wir das Klassenziel mit minderwertigem Englisch, und wir verpulvern Ressourcen für ein unerreichbares Ziel: das perfekte Englisch. Zweitens brauchen die meisten kein gutes Englisch; sie brauchen Globisch, die wahre Weltsprache, denn gutes Englisch schadet mehr als es nützt – die meisten globalen Bürger verstehen es nicht.

Das Buch klärt drei Fragen: Zu welchem Zweck müssen wir mehr für unser Deutsch tun, welche Minderheit benötigt bestes Hochenglisch, und wie kommt die Mehrheit an das benötigte Globisch – ein ordentliches, regelgerechtes, auf das Notwendige reduziertes Englisch; hier wird es vorgestellt.

Von Babylon nach Globylon
IFB Verlag
ISBN 978-3-942409-12-4
19,60 €

Bestellen Sie bitte im Buchhandel oder beim IFB Verlag, Paderborn. So weit der Klappentext des Buches. Hier finden Sie in der baerentatze einige Leseproben:

Der Inhalt in 38 Thesen,
Traber sind keine Springpferde
das Lied vom Tod und eines von der Liebe
Fremdsprachen in der Schule
Lingua franca der Nomaden
Englisch und Globisch – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

ein Interview mit dem Autor über die Renaissance der Muttersprachen
zu der Frage „Ist Globish dasselbe wie Globisch?“ eine Antwort,
und einige Rezensionen.

Mittlerweile gibt es bei Amazon Von Babylon nach Globylon für den KINDLE. Auch auf anderen Geräten ist es lesbar, dazu brauchen Sie eine Weichware, die Sie bei Amazon kostenlos auf Ihr Flachfon herunterladen.

Oliver Baer @ 07:41
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Rezensionen: Von Babylon nach Globylon

Beitrag vom 21 Mai 2011

Auszüge aus Rezensionen
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Erstens die Muttersprache. Dann Globisch. Aus den Fremdsprachen wird nichts ohne die gepflegte Muttersprache

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Autor Horst Hensel[…] Deutsch erleidet fortwährend Domänenverluste oder Angriffe auf Domänen, also Sprachbereiche: Von der Kosmetik über den Sport und ausgesuchte Schulfächer, wenn sie auf Englisch unterrichtet werden bis zur Gerichtssprache und der Sprache von Gesetzestexten: Längst schon müssen sich die deutschen Bürger englischsprachigen Gesetzen aus Brüssel unterwerfen, ebenso politischen Beschlüssen, die der Bundestag auf der Grundlage englischsprachiger Brüsseler Vorlagen trifft, die allerdings von der Mehrzahl der Abgeordneten nicht verstanden werden bzw. ihr nicht in ausreichendem Ausmaß bekannt sind. Kommt hinzu, dass in Deutschland neuerdings Prozesse auf Englisch geführt werden dürfen. Durch all das droht das Einverständnis der Bürger mit dem Rechtswesen zerstört zu werden, mehr noch, wird die Demokratie angegriffen, da öffentliche Angelegenheiten von allen sprachlich verstanden, also muttersprachlich verhandelt werden müssen!

[…] So kommuniziert alle Welt auf Englisch (oder, Baer folgend, in einem Idiom, das sie für Englisch hält), ist damit aber dem Globischen näher als dem Englischen. Baer erneuert einen pragmatischen Vorschlag: Wissenschaft möge ihre Ergebnisse zweisprachig veröffentlichen, zuerst muttersprachlich, um sich gut auszudrücken und den eigensprachlichen Anschluss an die Entwicklung der Wissenschaft zu halten, erst dann auf Englisch, um international wahrgenommen zu werden; und das sollten die besten Übersetzer des Landes für sie tun auf Kosten des Steuerzahlers, denn die geistige Infrastruktur ist Staatsaufgabe, wie die Autobahnen, nur viel wichtiger.

Für den mündlichen Austausch schlägt Baer vor, dass ganz bewusst unterschieden werde: Wenn Englisch, dann nur mit Simultanübersetzern (der besten Qualifikation), anderenfalls müsse es Globisch sein, in der weisen und gemeinsamen Beschränkung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

[…] Das Kapitel über Globisch belehrt. Und es ermuntert. Zum Beispiel den Verfasser dieser Rezension. Seine Erkenntnis, dass er, von niederer Herkunft und entsprechender Bildung, es mit Mühe zum Hochdeutschen, nicht aber zum Hochenglischen gebracht hat, nötigt ihn nun nicht mehr dazu, sich sprachlich zurückzuhalten, vor allem im Beisein seiner Töchter, von denen eine in Cambridge studiert hat. Er spricht ja Globisch!

Der Autor Oliver Baer hat ein wichtiges, ja, notwendiges Buch geschrieben; er verfügt über Kenntnisse, hat Humor, denkt folgerichtig und schreibt klar. Sein Buch vermittelt neue Einsichten und versammelt darüber hinaus so viele inzwischen geläufige davon, dass es auch als eine Art Nachschlagewerk benutzt werden kann. Seine Botschaft? Erstens die Muttersprache. Dann Globisch. Drittens Fremdsprachen und Übersetzungen.

Januar 2012,
Horst Hensel.

Bei Amazon finden Sie die ungekürzte Rezension.


Wie ein gutes Arzneimittel

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Volkmar Weise (Bild: www.fishfriendlyweir.com)

Oft beginnen Vor- und Nachworte, aber auch Rezensionen damit, wer das Buch lesen sollte. Hier ist die Verneinung sinnvoller, weil einfacher: Nicht lesen sollte es, wer meint in Bezug auf Sprache(n) schon alles zu wissen. Es könnte sein Selbstvertrauen untergraben.

In den ersten Teilen analysiert Oliver Baer nach einem Ausflug in die Sprachgeschichte akribisch den Wert der Muttersprache. Vielen ist zu wenig bewusst, dass die Muttersprache schon vor ihrem Erlernen von entscheidender Bedeutung für die Ausbildung des Denkens ist. Jede später dazugelernte Sprache baut darauf auf.

Nach Darstellung der Verluste, die wir mit dem Aufgeben der eigenen Muttersprache in Kauf nehmen müssten, geht Baer weiter zu der entscheidenden Frage: Können wir so einfach auf Englisch umsteigen? Er zeigt uns, auch anhand selbst erlebter Situationen, was Nichtmuttersprachler [1] im Englischen, auch unter optimalen Bedingungen, bestenfalls erreichen können. Das führt zu ernüchternden Schlussfolgerungen.

Auch ich fühle mich ertappt. Neben der Mehrzahl deutschsprachiger Lehrveranstaltungen halte ich auch eine in Englisch. Dank Oliver Baer weiß ich jetzt, dass es doch eher Globisch ist. Baer zeigt mit dem vorliegenden Buch die Fallen, in die ich getappt bin: Redewendungen, unklare Silbenbetonung. „Wenn’s weh tut, war es ein Treffer”, um den Autor hier treffend zu zitieren.

Der letzte Teil des Buches ist als Einstiegs-Lehrbuch für Globish gestaltet. Man ist geneigt, diesen Teil direkt für den Sprachunterricht an den Schulen vorzuschlagen, auch für den Deutschunterricht. Ja, als Lehrbuch, und trotzdem unterhaltsam. Das ist, was vielen Lehrbüchern fehlt. Wenn ich an meine Unterrichtsstunden in Englisch denke – die dabei erworbene Steifigkeit zu überwinden hat mich Jahre gekostet, um danach endlich Englisch, besser Globisch, praktisch sprechen zu können.

Globisch soll dorthin kommen, wo einige Teilgebiete der Informatik schon lange sind, nämlich zu einer gewissen Definition; mit der Möglichkeit der Erweiterung um Fachbegriffe. Auch der Philosoph Peter Janich betont in einem Interview [2]: „Daß begriffliche und argumentative Sorgfalt die Dinge zum Besseren wenden kann.”
Von Babylon nach Globylon ist ein Werkzeug zu dieser Sorgfalt – ein wichtiges, gutes Buch. „Gute Bücher wie gute Arzneimittel machen einiges besser.” sagte Voltaire. Ein Zitate- und Aphorismensammler hat mit diesem Buch übrigens alle Hände voll zu tun.

Zittau, November 2011.
Prof. Dr.-Ing. habil. Volkmar Weise
Vorsitzender der Fachgruppe Energietechnik an der Hochschule Zittau/Görlitz

[1] Wer die Leistungsfähigkeit der deutschen Sprache noch nicht verstanden hat, möge das Wort Nichtmuttersprachler in drei englischen Beispielsätzen mit verschiedenen aktiven und passiven Zeitformen einbauen.

[2] Peter Janich, Professor für Systematische Philosophie an der Universität Marburg. In: Forschung & Lehre 3/1999, S.168


Abschied von Babylon

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Holger Klatte, Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache (Bild: VDS)

Abiturienten lernen in Deutschland heute mindestens acht Jahre Englisch. Nach der Schulzeit können sie alltägliche Gespräche in der Fremdsprache führen und die meisten Situationen auf Reisen bewältigen. Mehr nicht! Wer nicht das Glück hatte, längere Zeit in Großbritannien oder in den USA zu verbringen, fühlt sich ertappt, wenn er beim Eintritt ins Berufsleben Stellenanzeigen liest, in denen „fließend Englisch“ eine Grundvoraussetzung ist. Bestimmt können sich die Absolventen auf Englisch ganz gut verständlich machen, lesen englische Bücher und verstehen die meisten englischen Filme auch ohne Untertitel. Aber fließend? Spätestens bei der ersten Verhandlung mit englischen Muttersprachlern wird deutlich: Wir können nicht mithalten!

Denn gutes Englisch ist kein bisschen leichter zu erwerben als Polnisch, sagt der Marketingpraktiker und Publizist Oliver Baer in seinem Buch „Von Babylon nach Globylon“.

„Je besser man Englisch als Fremdsprache beherrscht, desto schwieriger ist es, darin Vollkommenheit zu erreichen“, weiß Baer, der selbst mehrere Sprachen spricht. In seinem Buch stellt er das oft lebenslange Bestreben in Frage, die Fremdsprache Englisch perfekt beherrschen zu müssen. Baer schlägt dem deutschen Publikum einen Ausweg vor: Globisch.

[…] Das bedeutet nicht, dass weltweite Kommunikation künftig ausschließlich in „gedrosseltem Englisch“ stattfinden soll. Für die anspruchsvolle Verständigung sind Fachleute gefragt. Baer nennt sie die „Sprachprivilegierten“, jene, die mehrsprachig aufwachsen, viele Jahre im anglophonen Ausland zugebracht oder Fremdsprachen studiert und zu ihrem Beruf gemacht haben. Baers Buch ist deswegen auch ein Plädoyer für den Berufsstand der Übersetzer und Dolmetscher – denn sie bieten Dienste an, die Unternehmen künftig anerkennen und einrechnen müssen, damit sie nicht über den Tisch gezogen werden. „Planstellen für Übersetzer sind staatliche Aufgaben wie der Bau von Autobahnen, nur wichtiger“, so Baer.

[…] Noch ein Grund dafür, dieses Buch zu lesen, ist die Leidenschaft, mit der es geschrieben ist. Baer erklärt die Gründe zur Förderung der eigenen Muttersprache so überzeugend, dass selbst der ärgste Anglizismen-Abwiegler ins Grübeln kommen muss.

Er rechnet vor, dass das weltweite Streben nach englischer Perfektion erheblichen (unbemerkten) Schaden für die Volks- und Sprachgemeinschaften bedeuten kann. „Nicht, dass es schlecht wäre, Englisch zu beherrschen, sondern weil es so bedingungslos wie gedankenlos angestrebt wird“, so Baer. Er weiß, dass aus den Unterschieden im Englischniveau ungezählte Missverständnisse entstehen, die Volkswirtschaften teuer bezahlen müssen, weil sich die Beteiligten selten bewusst sind, dass sie sich ungenügend verständigen. Baer macht an eindrucksvollen Beispielen deutlich, dass die Welt mit dem Anspruch auf vollkommenes Englisch viel Zeit (und Geld) vergeudet.

Globisch ermöglicht es, diese Zeit für die Muttersprache zu verwenden, sich mit der Literatur zu beschäftigen und vielleicht die eine oder andere Fremdsprache zu erlernen. Und damit nützt Globisch den Volkssprachen: Da, wo sich der Sprecher am besten auskennt, wo er zu Hause ist und sich sicher fühlt, in seiner Muttersprache, wird gedichtet, Literatur erzeugt, selbst geschrieben. Globisch stattdessen, dient der nüchternen Sachlichkeit.

Dr. Holger Klatte. Sprachnachrichten des Vereins deutsche Sprache Nr 50, Mai 2011.


Oliver Baer @ 09:38
Rubrik: Von Babylon nach Globylon

Harte Währung statt falscher Fuffziger beim Sprachenlernen

Beitrag vom 2 Juli 2009

Englisch und Globisch sind zweierlei: Zu viel des Guten, nämlich des guten Englisch, schadet in der globalen Wirtschaft in 95 von 100 Gesprächssituationen: In allen anderen wird es nicht verstanden. Eine Lösung des Problems gibt es, sie heißt Globisch.

Die Welthandels- und Verkehrssprache ähnelt der englischen Sprache, aber sie entspricht ihr nur an der Oberfläche. Dennoch bemühen sich Wirtschaft und Gesellschaft um reines Englisch, von der Wiege bis zur Hochschule, ohne viel Nutzen für die globale Kommunikation, der zuliebe dieser ganze Aufwand getrieben wird. Leidtragende ist nicht nur die Muttersprache, die Sprache in der sowohl das kreative Denken als auch die Genauigkeit der Information und Kommunikation die beste Aussicht auf Erfolg bieten. Die Unternehmen vermissen die zweckmäßige Sprachfertigkeit, die sie benötigen, und sie vergeuden dafür Zeit und Mittel. Unangemessenes Englisch verdammt seine Benutzer zur Zweitklassigkeit im wirtschaftlichen wie im wissenschaftlichen Alltag. Eine vergleichsweise einfache, wirtschaftsverträgliche Lösung des Problems bietet sich an.

Irreführender Ehrgeiz

Geringen Nutzen, bei potenziell großem Schaden, richtet die Hinwendung der deutschen Muttersprachler zur Welthandels- und Verkehrssprache an. Nicht, dass es schlecht wäre, Englisch zu beherrschen, sondern weil es so bedingungslos wie gedankenlos angestrebt wird. Der Nutzen dieser Massenbewegung ist überschaubar, da sie fast immer zu einem minderwertigen und nur teilweise zweckmäßigen Englisch führt. David Crystal (Mitautor der Cambridge Encyclope-dia of the English Language) bemerkt: „Die Welthandels- und Verkehrssprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch.“ Daraus entstehen ungezählte Missverständnisse in der alltäglichen Abwicklung von Geschäften. Sie ziehen einen kaum kalkulierbaren Zusatzaufwand nach sich, weil sich die Beteiligten selten bewusst sind, dass sie sich ungenügend verständigen, und wenn sie es denn ahnen, fehlt die Übersicht, was sie besser machen könnten.

Noch schwieriger kalkulierbar sind die Verluste aus entgangener Nutzung von Synergien, wenn sich Kreative (Erfinder, Innovatoren, Kommunikatoren) anschicken, komplizierte Sachverhalte in einer anderen als ihrer Muttersprache zu vermitteln; außer ihrer eigenen Denkfähigkeit behindern sie die Fähigkeit des Gesprächspartners, zum Sachverhalt maßgeblich beizutragen. Obendrein verstoßen sie gegen Gebote der Höflichkeit gerade dort, wo sie taktvollerweise annehmen, es sei freundlicher, auf Englisch zu radebrechen.

Fragwürdige Reaktion

Erschwert wird das Problem durch die – verständliche, aber zu kurz gesprungene – Spontanreaktion: „Dann müssen wir ein viel besseres Englisch lernen, und zwar schnell!“ Ein mittlerweile klassischer Vermittler dieses Bauchgefühls ist Ministerpräsident Oettinger, der sogar vom Facharbeiter Englisch als Arbeitssprache erwartet. Guten Willens, aber schlecht beraten, befördert er ein flächendeckendes Missverständnis. Es hat zwei Seiten.

Erstens kann „gutes Englisch“ (was immer das sein mag) nur würdigen, wer selber gutes Englisch beherrscht. Und das erwirbt der Fremdsprachler nur, wenn er mindestens fünf Jahre im Intensivkontakt mit gebildeten Muttersprachlern in anglophonen Ländern verbringt, die ihm kein deutsches Wort durchgehen lassen. Und selbst dann bleibt der fleißigste Lehrling dem geschulten englischen Muttersprachler unterlegen.

Zweitens schaden allzu gute Englischkenntnisse überall, wo im globalen Geschäft mit Leuten verkehrt werden muss, die ihrerseits ein dürftiges Englisch mitbringen – das umfasst von Chile bis China, vom Irak bis Island nahezu sämtliche Nichtmuttersprachler des Englischen. Hinzu kommen Millionen von Engländern, Kanadiern, Australiern – von Amerikanern ganz zu schweigen -, die ihrer Muttersprache keine Mühe gönnen und keinerlei Druck zu ihrer Aufwertung verspüren: „Wozu, die ganze Welt versteht uns doch!“

Irrtum, im Umgang mit ihnen muss man seine Englischkenntnisse künstlich, also bewusst zurücknehmen. Das ist für den fortgeschrittenen Sprachschüler in der Regel schwieriger als für den unbefangenen Neuling. Eine Unterscheidung in verschiedene, je nach Situation angemessene Sprachniveaus bringen viele schon auf Deutsch kaum gestemmt („Du Türke? Ich dir sagen, wo es langgeht“). In einer Fremdsprache sind sie vollends überfordert.

Kurzatmige Erziehung

Das Bild wird zusätzlich verdüstert durch den Umstand, dass alle Bemühungen um englische Frühberieselung im Kindergarten, durch Immersionsunterricht und sonstige Frühförderung der Englischkenntnisse nicht einmal das zuwege bringen, was zu ihren Gunsten behauptet wird (vornehmlich von Anbietern, die an dieser Hysterie ganz gut verdienen): Frühenglisch führt jedenfalls – so viel ist bereits erwiesen – nicht zur besseren Sprachbeherrschung. Schüler ohne Frühförderung holen die Frühstarter spätestens zur Pubertät nicht nur ein, sie überholen sie sogar. Ebenfalls belegt ist, dass zu frühes Englisch das Vorkommen von Stottern erhöht. Die Untersuchung von Langzeitschäden bei Millionen frühberieselter Versuchskaninchen müssen wir noch abwarten. Diese Aussicht könnte Eltern grübeln machen.

An dieser Stelle gehört ein Pflock eingeschlagen: Für die erste Schulklasse eignet sich Englisch besonders schlecht. Wenn ihm nicht der natürliche Erwerb der Muttersprache vorausging, gleicht Englisch als erste Fremdsprache einer Folter – die den Kindern zugute kommt wie Schläge auf den Hinterkopf. Immerhin erbrachte das alte Angstfach Latein eine späte Rendite beim Erlernen nahezu jeder Fremdsprache, auch der nicht verwandten, dank der Denkdisziplin, die man beim Lateinbüffeln erwarb. Eben dieser Effekt wird durch Englisch gestört.

Englisch ist eine besonders schwierige Sprache (nur der Einstieg ist leicht), deren Reichtum sich dem Schüler am besten erschließt, der zuvor die Disziplin einer flektierenden Sprache eingeübt hat. Die deutsche, die Muttersprache erfüllt diese Bedingung spielend, da sie die Neugier des Kindes auf das Lernen als erste befriedigt. Im Gegensatz zur Muttersprache besitzt frühes Englisch demnach keinerlei kommerziellen Wert. Im Gegenteil, zu frühes Englisch behindert, was es den verängstigten Eltern zu bieten vorgibt: einen Vorsprung bei der Vorbereitung auf die globale Wirtschaft.

Sprachniveaus

Offen bleibt demnach die Kernfrage: Wie ist damit umzugehen, dass die Welthandels- und Verkehrssprache nun mal Englisch ist, oder genauer gesagt, dass sie dem Englischen verwandter ist als jeder anderen Sprache? Die Lösung muss wirtschaftsverträglich, verständlich und anwendbar sein, sonst hat sie keine Chance gegen die massenhafte Panikmache. Dazu hilft als erstes die Analyse, was wirklich gebraucht wird.

Grob gesagt, stellen wir in der Wirtschaft zweierlei Ansprüche an Sprache, die wir – hier verkürzt – als Kreativität und Kommunikation bezeichnen. Während Kreativität meist auf sprachlich hohem Niveau verkehrt, können und müssen für die Kommunikation zweckmäßige Verhandlungsebenen unterschieden werden: Erstens eine hochsprachliche, beispielsweise um bei internationalen Joint Ventures nicht über die Kante gezogen zu werden, und zweitens eine niedersprachliche für den Alltag. Sie bildet den kleinsten gemeinsamen Nenner, der noch ohne inhaltlichen Substanzverlust definiert werden kann.

Da das hochsprachliche Niveau praktisch nur von gut ausgebildeten Dolmetschern und Übersetzern erreicht wird, bietet sich Teil Eins der Lösung von selbst an: Auf dem oberen Niveau brauchen wir einige Zigtausend mehr von ihrer Sorte. Schließlich kämen wir auch nicht auf die Idee, in Peking auf höchster Ebene ohne Dolmetscher aufzukreuzen. Die Kosten für ausgezeichnete Übersetzungsleistungen – um der Bauchreaktion des Controllers gleich zu widersprechen – liegen um das vieltausendfache niedriger als die Opportunitätskosten mangelhafter Verständigung. Die geplatzte Ehe zwischen Daimler und Chrysler hat Milliarden verpulvert, da die Konzernsprache den kulturellen Bedürfnissen nur der einen Seite entgegenkam und damit beide (!) Seiten behinderte.

Teil zwei der Lösung betrifft das niedersprachliche Niveau. Es muss den Bedürfnissen der alltäglichen Abwicklung von Geschäften dienen, sonst nichts. Verständigung darf nicht durch Vieldeutigkeiten, Wortspielereien, Redewendungen und dergleichen erschwert werden. Kenner wissen: Gerade die englische Sprache strotzt nur so von Mehrdeutigkeiten; Wortspielereien bilden das Rückgrat des vielgerühmten englischen Humors; keine andere Weltsprache lebt in so hohem Maße von der Lebendigkeit der Redewendungen. Tatsächlich ist Englisch – das gebildete Kulturenglisch – eine besonders schwer zu beherrschende Sprache, als Welthandels- und Verkehrssprache nützt es nur den englischen Muttersprachlern – bei strengerem Hinsehen schadet es sogar diesen, weil sie als letzte bemerken, wo sie unverstanden bleiben.

Einfache Umgangssprache

Tatsächlich besteht die Welthandels- und Verkehrssprache nicht aus Kulturenglisch, sondern aus einem Soziolekt der englischen Sprache, genauer: aus einer Vielzahl von Varianten eines Soziolektes, die man unter dem Oberbegriff Simple English gruppieren kann: einfaches Englisch. Die Alltagskommunikation auf Simple English ist umso erfolgreicher, je gründlicher auf die Säulen des Kulturenglisch verzichtet wird. Simple English ist herzlos, es ist praktisch, es ist weltweit verbreitet, wenn auch in wuchernder Vielfalt.

Seine Verbreitung liefert die Begründung, weshalb jede Debatte um eine Plansprache, zum Beispiel Esperanto, müßig ist. Sie müsste erst durchgesetzt werden – ein seit Jahrzehnten hoffnungsloses Unterfangen. Man mag es bedauern, denn intellektuell gesehen wäre Esperanto eine vernünftige Lösung gewesen, aber es lässt sich nicht ändern.

Die Lingua franca der Welt ist Simple English, nicht jenes Englisch, mit dem sich Kinder, Schüler, Mitarbeiter, Chefs, Studenten, Lehrer und Professoren herumplagen. Aber die Lingua franca ist vorderhand mit einem Problem behaftet: Noch ist sie es nicht, sie ist auf dem Weg zur akzeptierten – oder sagen wir: akzeptablen – und einheitlichen Weltsprache. Am klügsten ist es, wenn wir sie als eine eigene Sprache gelten lassen, so wie sich C+++ oder Pascal von der Alltagssprache unterscheiden. Linguistisch mag das fragwürdig sein; wirtschaftlich ist es praktisch, denn dem einfachen Englisch fehlt nur noch ein beherztes Aufräumen. Es hat bereits begonnen. Mittlerweile gibt es mindestens zwei bemerkenswerte Ansätze. Der eine kann im Internet unter dem Stichwort „Simple English“ ergugelt werden (nicht zu verwechseln mit Ogden’s Basic English). Der andere Ansatz ist mit dem naheliegenden Wort „Globisch“ verknüpft; Globisch ist der weiter entwickelte Ansatz und wird deshalb hier skizziert.

Wirtschaftsverträgliche Lösung

Mit Globisch ahben wir ein fix und fertiges Sprachangebot, es kann ersetzen, was unter „Geschäftsenglisch für Mitarbeiter“ firmiert. Es enthält, was dem Chaos der Welthandels- und Verkehrssprache fehlt: Ein einfaches Regelgerüst und ein ausgesuchter Wortschatz. Jean Paul Nerrière hat es in seinem französisch verfassten Buch, Don’t Speak English – Parlez Globish! vorgestellt. Es besteht im Wesentlichen aus

  • einem begrenzten Wortschatz von 1500 Vokabeln
  • Anweisungen zum Bau verständlicher Sätze
  • Regeln zur Vermeidung von Zweideutigkeiten
  • zur deutlichen Formulierung von Verneinungen
  • zur strikten Vermeidung von Redewendungen
  • und einiges dergleichen mehr

Schon diese Übersicht zeigt: Dem Globischen fehlt alles, was die Sprache Steinbecks und Shakespeares zur Kultursprache macht, alles was an Sprachen das Herz und den Verstand erfreut. Globisch ist praktisch, sonst nichts. Globisch gefährdet daher auch keine Muttersprache, und es nimmt auch den Druck von der englischen Hochsprache.

Globisch erübrigt Milliarden für jahrelange, enttäuschende Bemühungen um besseres Englisch, das anschließend die wenigsten ausschöpfen können und dürfen (!) und das dem eigentlich benötigten einfachen Englisch im Wege steht. Globisch kann mühelos von Oberklässlern oder Erwachsenen gelernt werden. Und es erfordert nur einen kleinen Schritt vom gegenwärtigen, weltweiten Sprach-Chaos zu einer Lingua franca, mit der man umgeht wie mit HTML und CSS zum Bau seiner Seiten im Internet. Derart kodifiziert, wird Globisch selber bereits zum Bestandteil von Programmen der Textverarbeitung, ähnlich der Rechtschreibüberprüfung: Das Programm schlägt Formulierungen vor, wo ein Wort, ein Idiom, eine doppelte Verneinung „unglobische“ Missverständnisse auslösen könnte.

Verständlicher Widerstand

Globale Sprachprobleme lassen sich mit schlechtem Englisch schlecht lösen, da hilft nur die geschickte Kombination der beiden Komponenten: hier Globisch, dort Übersetzerexpertise. Beide sind harte Währung statt falscher Fuffziger, je nach ihrem Verwendungsort.

Widerstand gegen Globisch ist leicht zu verstehen, er kommt vom Herzen: Wer mit Mühe, Fleiß und Zeit gutes Englisch erworben hat, möchte seine Sprachfertigkeit vorweisen; es schmerzt ihn, das Niveau zu senken. Globisch bietet aber auch ihm eine Perspektive: Indem er sich – neben seiner hochsprachlichen Fertigkeit – auf Globisch wie auf eine zweite Fremdsprache einlässt, verbessert er seine Kommunikation ohne an Würde einzubüßen.


Redigierte und etwas erweiterte Wiedergabe des Artikels in den Betriebslinguistischen Beiträgen – Zeitschrift für Unternehmenskommunikation des Instituts für Betriebslinguistik, Paderborn, Juli 2009, Heft 7, 11. Jahrgang.


Nachtrag

Mittlerweile liegt ein Buch vor, das David Hon zusammen mit Jean-Paul Nerrière verfasst hat, und zwar von Anfang bis Ende auf Globisch, mit dem Titel: „Globish The World Over“. Den anspruchsvollen Englischkenner mag es ein bisschen langweilen, aber es stellt das Thema in vollgültiger Ausdrucksweise vor: Globisch hat mit Pidgin nichts gemein. Tatsächlich hat schon vor Jahrzehnten der Linguist Frederick (eigentlich Friedrich) Bodmer eine Welthilfssprache im Umfang von 1700 bis 1800 Wörtern für möglich und sinnvoll gehalten.

Was tun?

Die Argumente dieses Beitrages sind durch eigene Erfahrung gestützt. Der Autor hat Englisch erst mit dreizehn Jahren gelernt; er hat dennoch im Johannesburger Geschäftsleben mit Texten in englischer Sprache gut verdient, im Auftrag englischer Muttersprachler. In Zusammenarbeit mit dem Paderborner Institut für Betriebslinguistik (IFB), steht der Autor zur Verfügung, um Ihnen Ansatz und Methodik zu vermitteln, die einen zweifachen Vorteil einbringen: Für Ihre Kommunikation das angemessene Zweckenglisch, und für Ihr Weiterbildungsbudget eine spürbare Entlastung. Den Umständen entsprechend, kann Sie diese Beratung in den Stand versetzen, mit Bordmitteln zu kostensparenden Erfolgen zu gelangen. Gegebenenfalls ist auch eine zeitweise Begleitung möglich.


Aus diesem Aufsatz ist mittlerweile ein Buch geworden: Von Babylon nach Globylon, 392 Seiten (mit Anlagen), ISBN 978-3-942409-12-4, IFB Verlag, Paderborn, 19,60 €. Bestellen Sie bitte beim IFB Verlag, Paderborn, im Buchhandel, auch bei Amazon, wo es auch als E-Buch für den Kindle erhältlich ist.

Oliver Baer @ 20:26
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Wie verkauft man Öko?

Beitrag vom 11 Juli 2008

Handbuch für Anbieter von Öko-Produkten und Dienstleistungen„Anstand und Redlichkeit sind der Schlüssel zum Erfolg. Kannst du sie vorspiegeln, hast du es geschafft“, sagte Groucho Marx. So viel Öko gibt es nicht, wie bereits angeboten wird. Das Ökomarketing wird anspruchsvoller.

Wir Marketingleute sind Marxisten. In unserer Welt gilt, was der Römer seinem Kunden zuruft: „Passe er gefälligst auf – caveat emptor!“ Der Kaufmann alter Schule, vor hundert Jahren, sah das nicht so römisch, er folgte einem anderen Rechtsempfinden. Es ist kein Zufall, dass der Schutz der Umwelt nirgends mit solcher Inbrunst umarmt wird wie bei uns und den sprachlich benachbarten Völkern, den Weltmeistern der Mülltrennung. Bei Öko hat Rom ausgedient.

Bevor das Marketing hierzulande dem amerikanischen Vorbild folgte – gelehriger Schüler war ein gewisser Joseph Goebbels -, diente die Werbung einer schlichten Regel: Sie sollte kundtun, was es wann und wo zu welchem Preis zu haben gibt. Das konnte man doof oder auch witzig gestalten, viel weiter ging es nicht.

Mit dem Massenmarketing haben wir diese biedere Redlichkeit in den Wind geschlagen. Wir haben die Sinne der Verbraucher abgestumpft. Wir schießen mit immer größerem Kaliber nach den Spatzen oder binden sie in immer raffiniertere vernetzte Gemeinschaften ein, wo sie im Gedröhn des endlosen Gequatsches hoffentlich den Durchblick verlieren, damit sie kaufen, was wir feilbieten.

Es ist erklärte Absicht, mit dem Web 2.0 eine Infrastruktur für Werbung ohne Streuverlust zu schaffen. Die Struktur heißt Netzwerk, weil sich im Netz einer ans Werk macht, die anderen in Kokons zu wickeln. Hier hätte die richtige Übersetzung für das Wort Web gepasst: The spider’s web ist das Spinnennetz.

Aber die Grenzen dieses Marketings zeichnen sich ab. Beim Massenmarketing wussten wir: Die Hälfte des Aufwands ist vergeudet. Mit den neuen Marketingtricks verpuffen wir 90 Prozent der positiven Energien. Sie fehlen dann für ein gedeihliches Verhältnis zwischen Anbieter und Kunden.

Die Netze im Internet bieten sich geradezu an, missbraucht zu werden. Sie stoßen Spam-Lawinen an und gebären Datenbanken, die unschwer zu knacken sind. Intime Daten werden auch ohne böse Absicht verraten oder wissentlich ausbaldowert. Wer sich Nackedeis herunterlädt, kann bis zu seinem PC aufgespürt werden. Es ist ein Kinderspiel, den Ruf seines Lehrers mit verfälschten Fotos im Spinnennetz zu zerstören. Wer in diesem Netz Spuren lässt, schafft ein Profil. Künftige Personalchef werden unsere Bilder von Paules Polterabend ergugeln und staunen.

In der Mitte angekommen

Es ist kein Wunder, dass in dieser Welt eine Gegenströmung verläuft, deren Jünger man vor der PC-Ära noch am Schuhwerk erkannte. Alternatives Leben war auf ein kleines, neues Milieu beschränkt. Heute durchdringt Zustimmung zur Ökologie alle sozialen Milieus, von der Mitte aufwärts.

Erinnern wir uns an den Ursprung: Das griechische oykos entspricht unserem Haus, auch dem Haushalten, dem Wirtschaften, der Ökonomie; und Ökologie ist die Lehre des Haushaltens, nicht das Gegenteil der Ökonomie. Auf Befragen geben viele an, sie würden für Öko mehr bezahlen; manche tun es sogar. Und kaufen doch beim Discounter. Sind sie die Nachfahren der Sandalenträger? Ja und nein, viele sind dazugekommen, auch leichtgläubige Wackelkandidaten.

Seither sollte es einfacher geworden sein, Öko zu verkaufen, ist es aber nicht. Eine hermetische Nische hat sich zum Segment geweitet, in dem allerlei möglich ist. Die Discounter machen uns weis, auch Öko gebe es billig; man müsse die Hersteller nur an die Kandare nehmen. Das funktioniert, schmeckt aber wie kalte Schnauze.

Unter dem Preisdruck des Marktes verschwimmt der Konsens, was Öko ist und was nicht. Der Verbraucher fragt immer öfter: Ist wirklich drin, was draufsteht? Und mancher zahlt im Zweifel lieber für das Billige. Falls er doch beschummelt würde, stünde er nicht schlechter da als früher. Die Kaltschnäuzigkeit wird gefährlich. Intuitiv weiß der Verbraucher, bevor der Verstand einsetzt: So viel Öko kann es nicht geben, nicht so plötzlich, nicht so billig! Die Klamotten wurden von Zehnjährigen genäht, der Büffelkäse schmeckt wie holländische Tomate. Und der meisterlich getrennte Müll landet in einer Schiffsladung nach Irgendwo. Seine Zweifel verdichten sich zum Misstrauen. Nachtigall, ich hör dich grübeln.

Wir haben es zu tun mit zwei verwandten Zielgruppen: die kritischen und die leichtgläubigen Kunden einer Ware, die mehr oder minder Öko ist. Da fragen sich erwachsene Experten allen Ernstes, wie man Authentizität eventuell quasi vielleicht doch vortäuschen könne? Sie haben ihren Marx nicht verdaut. Außerdem ist die leichtgläubige Kundenvariante schwer zu verorten, Ökokunden aller Schattierungen sind in allen Milieus vertreten, die für Ökomarketing infrage kommen. Für die Leichtgläubigen müssen wir sogar mehr Aufwand treiben als für die Kritischen.

Wort zum Sonntag

Den idealen, treuen Kunden mit Geld für Öko gewinnt, wer glaubhaft über die Rampe bringt, dass er des Vertrauens würdig ist. Wieder hilft Groucho Marx: „Du kriegst heraus, ob einer ehrlich ist: Frag ihn! Sagt er ja, ist er es nicht.“ Deswegen behaupten wir es nicht, wir beweisen es. Wo der Beweis nicht möglich ist, beim Neukunden, müssen Indizien herhalten. Und damit uns der Kunde überhaupt wahrnimmt, bieten wir ihm etwas Ungewöhnliches: Wir sehen in ihm nicht mehr den Verbraucher, wir sehen in ihm den Menschen. „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein!“ ist genial. Nur stimmen muss es. Da müssen wir Marketingleute wohl oder übel unsere Auffassung umstülpen.

Das liest sich wie das Wort zum Sonntag.

Und ist so leicht zu machen wie die tätige Reue des Büßers. Das Customer Relationship Management (CRM), hinter dem wir uns verstecken, damit wir nur ja keinem lebendigen Kunden über den Weg laufen, können wir getrost zu unserer sündigen Vergangenheit zählen. Nun müssen wir echte Beziehungen zu unseren Kunden aufbauen: reale, nicht nur virtuelle Beziehungen.

Gar nicht einfach in einer Welt, die sich mit Beziehungskisten schon schwer genug tut. Dabei liegt der Gedanke nahe und neu ist er schon gar nicht. Er bedeutet den Mut zur Redlichkeit und den Verzicht auf die kleinen, weißen Lügen. Echtes Öko ist teuer, und das kann und muss erläutert werden. Gefährlich ist es, wenn nicht ernst gemeint. Wer das Mogeln nicht missen möchte, bellt bei dieser Zielgruppe den falschen Baum an.

Auch aufwendig ist es, denn wir öffnen dem Kunden unsere Unternehmenskultur: Er soll sich von ihr angezogen fühlen, so sehr, dass er uns verbunden bleibt. Ungemütlich mag es sein, aber die Unternehmenskultur schimmert durch alles, was wir tun und sagen. Das ist so wenig zu verhindern wie die Fußspuren, die unser Lieferdienst im Blumenbeet des Kunden hinterlässt.

Weiterhin müssen wir uns milieugerecht verhalten. Was voraussetzt, dass wir wissen, ob unsere Kunden zur bürgerlichen Mitte zählen, ob sie Experimentalisten oder Postmaterielle sind. Und, dass wir selbst dazu passen: Unternehmen und Kundenmilieu ergänzen einander im Ökomarketing. Und noch etwas fällt abgebrühten Vermarktern schwer: Unsere Wertanalyse muss wie die des Försters sein: Er denkt die Nachhaltigkeit, also mehrere Generationen im voraus. Frei nach Carlowitz bedeutet unser Mindestmaß an Nachhaltigkeit: „Nicht mehr Kunden verprellen, als wir neue dazugewinnen!“

Sagen, was ist

Das wichtigste Element unserer Unternehmenskultur ist die Sprache. Sie verrät, was wir im Schilde führen, sie verrät auch den Dolch im Gewande, den wir vergaßen abzulegen. Die intuitive Wahrnehmung hat immer Recht. Je mehr Kunden ihr vertrauen, desto besser unsere Chancen bei ihm.

Hier lauert eine Versuchung: Die Intuition des Kunden lässt sich durch Lärm ersticken, den Lärm unseres Marketings. Schalten wir ihn ab! Beteiligen wir uns an Messen ohne jede Beschallung! Denn im Grunde weiß der Kunde: Wer laut wird, hat nicht recht. Das ist eine miese Ausgangslage für eine Beziehung. Ökomarketing ist Beziehungsmarketing. Man könnte der Versuchung erliegen und beim Lärm bleiben. Das wäre riskant und unnötig, denn der Überdruss unserer Mitmenschen an der Reizüberflutung gebiert eine immer stärkere Sehnsucht nach Ruhe und nach Sicherheit im Geborgenen. Wer diesem Bedürfnis entgegenkommt, steht nahe beim Kunden.

Schaffen wir den Raum, worin sich die Sprache entfaltet: auch die des Kunden. Und dann: Hören wir zu! Zuhören ist die höchste der Künste, eine aussterbende Kunst. Aber in dem Maße, wie sie uns doch noch gelingt, erleben wir ein Wunder: Der andere hält uns für sympathisch, intelligent, vertrauenswürdig. Das Callcenter in Bangalore kann da nicht mithalten, es kennt nur Customer Relationship, von Beziehung versteht es nichts.

Wir genießen auch einen geldwerten Nebennutzen des Zuhörens: Wir erfahren, ohne Tiefenbefragung, welchen Mehrwert wir mit unserem Ökoangebot bündeln sollten. Selbst echten Ökofreunden genügt Öko alleine nicht mehr. Was, außer dem Schutz der Umwelt, hat unser Produkt zu bieten: Gesundheit? Geselligkeit? Etwas zum Dazulernen, zum beruflichen Fortkommen, zur schieren Freude an der Sache, zur Ästhetik?

Verderben wir die Stimmung dann nicht durch eine gedankenarme oder gar gestanzte Sprache. Unseren Worten soll anhaften, dass sie auf dem Weg zum Kunden von Hirn und Herz umgewälzt wurden. Ersetzen wir Fachjargon durch Worte, die auch Oma versteht. Verkneifen wir uns betriebliche Kürzel („Infopaket“). Reden wir von Paletten nur, wenn man sie stapeln oder damit malen kann. Bürsten wir die Anglizismen in unserem Hause auf. Nichts zerstört die Glaubwürdigkeit wie der liederliche Gebrauch von Klingelwörtern amerikanischer Herkunft, die kaum je etwas Wichtiges bedeuten. Nicht umsonst macht der Spruch die Runde: „Wer nichts zu sagen hat, sagt es auf Englisch.“

Nach Wolf Schneider heißt Information nicht: „Ich teile etwas mit“, nicht einmal: „Ich bemühe mich, es verständlich zu machen“, sondern: „Ich bin verstanden worden.“ Wir merken schon, mit Brecht: Das Einfache ist schwierig zu machen. Hier ist Sorgfalt gefordert.

Alleinstellung

Der Aufwand zahlt sich aus. Zwar gibt es nichts, was andere nicht so schlecht kopieren könnten, dass das Original darunter nicht leidet. Aber unsere Alleinstellung, die gepriesene USP, besteht nicht im patentierten Schutz unserer Innovationen, sondern in unserer Unternehmenskultur. Sie ist so einzigartig wie jeder unserer Mitarbeiter ein Individuum ist und wie wir ihn dazu ermuntern, seine Person im Unternehmen einzubrigen. Wenn kein Blatt des Baumes dem anderen entspricht, gibt es Menschen schon gar nicht in Dubletten. Noch weniger kann eine Unternehmenskultur abgekupfert werden, denn sie besteht aus der Konstellation aller einzigartigen Menschen im Unternehmen. Die eigene Kultur zu entwickeln und zu pflegen ist daher sehr viel billiger und preiswerter als eine fremde zu kopieren.

Gute Beziehungen bieten handfeste Vorteile auch im Tagesgeschäft. Mit der Tiefe der Beziehung steigt die Fehlertoleranz des Kunden, falls doch etwas schiefgeht. Aus seinen wohlwollenden Rückmeldungen lernen wir. Am Ende entsteht, was sogar im modernen Marketingjargon schon vorkommt: Prosumer Relationship, die Zusammenarbeit des Produzenten mit dem Konsumenten. Sie zielt auf das Ideal des brüderlichen Wirtschaftens, eine gegenseitige Treue, wie sie zwischen dem Ökohof und seinen Gemüsekunden besteht. Wo die Prosumer Society gar auf Englisch daherkommt, weckt sie ein vorbeugendes Misstrauen; Anglizismen sind nicht nur eine Landplage, sie schaden dem Geschäft.

Auf die Werbemittel einzugehen, fehlt hier der Platz. Sie sollen die tatsächliche Unternehmenskultur widerspiegeln, nicht was sich Marketingleute gern ersatzhalber ausdenken. Mit der Kultur zu arbeiten, ist unter dem Strich vielleicht kostspieliger als mit Werbekampagnen das Land zu verwüsten, wird aber mit mehrfachem Nutzen belohnt: in der Produktivität, in der Reklamationshäufigkeit, in den Entwicklungszeiten. Als Ökovermarkter schichten wir nicht das Marketingbudget um, sondern das Budget des Unternehmens, weg von den Werbemitteln, hin zur Kulturpflege.

Das Schnäppchen-Gen

Die Leichtgläubigen, verwandt und leicht zu verwechseln mit den Kritischen, wollen zu uns, lassen sich auf dem Weg aber schon mal aufs Kreuz legen von den konkurrierenden Täuschern. Nicht immer, aber oft genug, um unsere Absatzplanung zu durchkreuzen.

Sie bedienen wir zunächst mit demselben Marketing wie die Kritischen. Darüber hinaus ermuntern wir sie zur Treue und weisen Wege, wo sie das Licht der Erkenntnis in sich aufnehmen, dass wir tatsächlich sind, wer wir behaupten zu sein. Das Dumme ist, dass in dieser Gruppe das Schnäppchen-Gen am häufigsten anzutreffen ist. Womit wir beim Thema Frauen angelangt sind (sowie bei den Männern, die sich wie Frauen verhalten).

Im Haushalt kann keine Konsumentscheidung Sinn stiften, die gegen den Willen der Frau gefällt wird. Der Haussegen hängt schief, an ihm rutscht auch Öko ab. Frauen haben zum Geld eine praktische Beziehung: Es kommt und es geht, und was ich hier zuviel ausgebe, spare ich dort wieder ein. Außerdem weiß ich alles besser. Manchmal sogar zu Recht.

Erwischt man einen Mann beim Aldi, kann man sicher sein: Er folgt in diesem Moment seiner weiblichen Natur. Oder er hat Schiss vor der Partnerin. Frauen sind für Ökoanbieter das Primärziel in jeder Zielgruppe. Am häufigsten verstößt dagegen der Handwerker: In der Annahme, es ginge um etwas Technisches, Männliches, bespricht er sich mit dem Hausherrn, und ignoriert oder belächelt, was die Frau meint. Das rächt sich. Und es ist leicht zu ändern. Der Meister braucht nichts weiter zu tun, als sich zu besinnen: Keine Frau ist nur Frau, jeder Mann ist auch Frau. Das ist ganz einfach zu verstehen, siehe oben: Bertolt Brecht.

Klein ist hübsch

Was wir den Leichtgläubigen bieten, ist auch bei den Kritischen gut plaziert: Treueboni, vernetzte Angebote, bei denen wir als Agenten der Kundenzufriedenheit auftreten, Vorstellen der guten Vorbilder in der Gemeinschaft unserer Kunden.

Großbetriebe leisten sich dafür die Mechanik des Marketings, dann aber fällt der ökogerechte Gesamtauftritt schwer. Laut Gallup-Umfrage ist in vielen Unternehmen das Betriebsklima durchsetzt mit „Dienst nach Vorschrift“. So eine Kultur mag man sicher nicht widerspiegeln. Das erklärt den Aufwand, der für das Polieren der Corporate Identity draufgeht. Früher nannte man sie das Image, immer schon war es die Unternehmenskultur. Wenn kosmetische Imagepflege dennoch funktioniert, dann zu so hohen Kosten, dass eine Wertanalyse die Frage aufwerfen würde: „Liebe Leute, wäre es nicht billiger, eine fruchtbare Unternehmenskultur zu säen, hegen und pflegen?“

Mit der Kultur punkten überschaubare Betriebe am leichtesten. Große Anbieter können sie durch Dezentralisierung (wieder) herstellen. Meist fehlen dazu der Wille und der Mut. Und das Denken über den Quartalshorizont hinaus.

„Schöne, gesetzte Worte kann aber auch setzen, wer nichts Gutes im Schilde führt?“ mag man dennoch entgegenhalten. Richtig, aber um damit durchzukommen, bedarf es der Übung. Der Unaufrichtige ist nämlich zur aufrichtigen Sprache normalerweise unfähig, er muss Schreiber mieten, die das für ihn erledigen. Und ihnen nicht ins Handwerk pfuschen. Auch das kann er in aller Regel – nicht. Gar nicht so einfach, das Ökomarketing.


Veröffentlicht in der Reihe der Betriebslinguistischen Beiträge, Heft 7, Juli 2008, des Instituts für Betriebslinguistik, Paderborn.

Dieser Beitrag enthält Teile des Buchs „Öko und noch etwas, Handbuch für ökologische Produkte und Dienstleistungen im Bauhandwerk“, verfasst von Oliver Baer für die Handwerkskammer zu Leipzig, 2008. Dazu diese Rezension.

Oliver Baer @ 15:25
Rubrik: Unternehmen
Imponierende Wissenschaft

Beitrag vom 30 Juni 2008

Die Wissenschaft steigt um auf die englische Sprache – die sie aber nur auf Zweitliganiveau beherrscht. Das hat Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Welt wird aber nicht verständlicher, wenn wir sie auf Englisch erklären.

Die Finanzwelt ist gänzlich aus den Fugen geraten, ihre Sprache ist Englisch: eine zufällige Übereinstimmung oder ursächliche Verknüpfung? Könnte es sein, daß Englisch unserer geistigen, ethischen und wirtschaftlichen Gesundheit schadet? Immerhin verdrängt Englisch, oder eine Variante davon, als Konzernsprache das Deutsche, und in der Wissenschaft sind die Messen bereits gesungen: Wessen Bericht nicht auf Englisch gedruckt wird, der gilt nichts.

Armselige Gedanken gebären keine starke Sprache, und sprachliche Dürftigkeit und mangelnde Sprachbeherrschung behindern das Denken. Dennoch wird verbissen das Recht beansprucht, Englisch zu sprechen, sobald es wichtig wird. Dieser Krampf erstreckt sich von der kleinsten Fachhochschule zu den Eliteuniversitäten, von Greenpeace zum Auswärtigen Amt, vom Marketing zu den Ingenieuren. Welche Denkweise dem zugrundliegt, beleuchtet ein Beitrag in der Financial Times (London). Da wird Porsche vorgeworfen, man betreibe die Entwicklungsarbeit auf Deutsch, obwohl der wichtigste, der amerikanische Markt, Englisch spricht. Die Mühe zu erläutern, was das eine mit dem anderen zu tun habe, macht sich das Blatt nicht.

Selbstverständlich kann man auf Englisch einen komplizierten Gedanken so gut führen wie in jeder anderen entwickelten Sprache. Ebenso stimmt, daß die glatte Beliebigkeit des Globalenglischen eine notwendige Eigenschaft der Weltsprache ist. Sie kommt teuer, denn im gleichen Maße fehlt der Weltsprache das Gegenteil, die kantige Gewissenhaftigkeit der deutschen Sprache. Zwei Drittel der Englischkundigen weltweit sind keine englischen Muttersprachler; was sie der Sprache antun, bleibt der deutschen erspart. Engländer gelangen dennoch zum selben Ergebnis wie Deutsche, denn ihnen stehen die Nuancen, Idiome, Analogien ihrer vertrauten Sprache zur Verfügung. Den Fremdsprachlern im Englischen, den Deutschen, fehlen sie.

Die willkommene Glätte der Welthandels- und Verkehrssprache hat einen weiteren Nachteil: Sie verführt zum Mißbrauch. Wer beim Reden in wohlklingenden Worten nichts sagen möchte, bleibt auf Englisch länger unertappt als auf Deutsch, da schaltet man nach wenigen Sätzen bereits ab. Auffällig hemmungslos gefällt sich die Finanzbranche in Formulierungen, die nicht im entferntesten vermuten lassen, der deutsche Kunde könne sie noch verstehen.

Ihre virtuelle Sprache bedeutet wenig, füllt aber den Äther mit einem Grundrauschen, das Dissonanzen unterdrückt, Komplexität verdrängt, Unterscheidungen in Grauzonen auflöst. Daran gewöhnt man sich, dem verfällt man wie einer Droge. Im Licht der Skandalwelle möchte man der Bankaufsicht raten, dieser Frage nachzugehen. Autofahren im Suff ist schließlich auch nicht erlaubt.

Daß unter gebildeten Menschen das Werbe- und Wirtschafts-Wischiwaschi nicht flächendeckend verpönt ist, haben die Universitäten mit zu verantworten. Sie setzen Maßstäbe, sie verlangen sogar, daß sich Akademie einer fremden Sprache bedient, noch dazu einer, die auf hohem Niveau besonders schwer zu beherrschen ist. Daran gestalten sie mit wie die Passagiere eines Zuges am Fahrplan. In ihren Berichten häufen sich sinnentstellende Fehler, und auf Symposien blamieren sie die Wissenschaft. Selbst an der Quelle dieses Übels, dem Druck zur Veröffentlichung in zitierfähigen, also englischen Publikationen, unterbleibt Kritik an der sprachlichen Dürftigkeit ihrer Produkte. Wissenschaftliches Niveau erreicht man so nicht.

Derart in die Irre geführt, finden die Geprüften in die Praxis hinaus. Bestenfalls ausgestattet mit einem höheren Globalesisch (aber minderen Englisch), bringen sie kaum den Mut auf, mit muttersprachlicher Denkschärfe so etwas wie die strukturierten Bankprodukte zu hinterfragen. Damit nichts schief geht, verharren sie in „elaborierten Codes“, die alle Zweifel vernebeln. Mangelnde Erkenntnistiefe wird ersetzt durch das Gruppenerlebnis, irgendwie cool und sexy unter Gleichgesinnten zu sein. Anzulasten wäre der englischen Sprache die Eignung für solchen Mumpitz nur, wenn Sprache ein lebendiger Organismus wäre, den man notfalls in Beugehaft nimmt. Aber Sprache bestraft man so wenig wie die Kräuter im Garten.

Die Wissenschafts- wie auch die Wirtschaftssprache müssen der Zusammenarbeit dienen, der Fehlerkorrektur, der Verläßlichkeit, der Genauigkeit. Beide Begründungen, der Muttersprache ein fragwürdiges Englisch vorzuziehen, stammen aus der zweiten Reihe: Englisch ist zeitgemäß, und Englisch ist schon da. Sie werden wie die Semmeln vom Vortag schmecken, sobald sich herumspricht, daß sich alle Muttersprachler, bis auf die Angelsachsen, unter Wert verkaufen.

Den Beweis, daß sich Deutsch als Wissenschaftssprache eignet, brauchen wir nicht zu führen. Auch die Wirtschaft hat das – ursprünglich als Makelzeichen erzwungene – „Made in Germany“ zum Gütezeichen gewandelt, zu einer Zeit, als Englisch noch nicht im Kindergarten gelehrt wurde. Verwenden wir daher unsere Muttersprache, beherzt und ohne Komplexe! Sie war auch die Sprache der Göttinger Professoren, zu deren Füßen alle Welt saß. Denken und arbeiten wir in Wissenschaft und Wirtschaft zuerst und ausschließlich in der Muttersprache und lassen wir dann ihr Ergebnis ins Englische übertragen, von Experten, die der Sprache kundig sind! Das wird Dolmetscher und Übersetzer kosten. Aber wir würden auch in China nicht ohne sie antreten.

Auf diesen anscheinenden Umweg zu verzichten, wäre noch teurer. Wir investieren in Dolmetscher und Übersetzer, um das Wissen, das in der Vielfalt der Muttersprachen steckt, zu nutzen und zu mehren. Wissen, das sonst verloren ginge. Der Verzicht darauf wäre kaum rückgängig zu machen. Ihn zu verhindern, zählt sicher mehr als den Kollegen mit Englisch zu imponieren.

Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 38, Juni 2008.

Oliver Baer @ 16:23
Rubrik: Gesellschaft
Fußball keine öffentliche Aufbahrung mehr

Beitrag vom 10 Juni 2008

„Das WDR-Radio 1 Live hat die beste Wort-Alternative für Public Viewing gesucht – und gefunden: Rudelgucken. Die Duden-Redaktion zeigt sich angetan von dem Begriff.“ Quelle: Digital Fernsehen

Zwei Initiativen des Vereins Deutsche Sprache, der Anglizismenindex und die Aktion Lebendiges Deutsch (ALD) standen Pate, wenn nun auch die Hörer von Live 1 witzige Komposita bilden.

Ein bisserl wird hier der ALD die Schau gestohlen, denn für eben diesen Begriff sucht sie in diesem Monat. Fremde Federn schmücken auch, aber was solls: Wenn es unserer Sprache zugutekommt? Und sogar der Duden aufwacht?

Zur Erinnerung: In Amerika – dem Land, aus dem wir offenbar unsere Kultur beziehen, zumindest unsere Anglizismen – versteht man unter Public Viewing eine öffentliche Aufbahrung. Sie findet statt, wenn ein Prominenter verschieden ist. Frage: Wie flach müssen Bildung und Englischkenntnisse sein, damit einer diesen Begriff für das Betrachten von Fußball umdeutet?

Antworten sie mit einer Geste.

Oliver Baer @ 11:52
Rubrik: Gesellschaft
Glänzende Marketingidee

Beitrag vom 27 März 2008

Eine brillante Idee für seine Direktwerbung per Schneckenpost hat mein Kunde Ingenieurbüro Simon in Dresden verwirklicht. Rechtzeitig vor Ostern flatterte diese Postkarte in den Kasten:

Direktwerbung Postkarte

mit einer Einladung zum Spaziergang am Tatort eines Objekts, wo das Büro die Tragwerksplanung durchführt. Die Restaurierung von Schlössern bietet Statikern Anlass zu dem Beweis, dass diese staubtrockene Ingenieurstätigkeit sehr wohl einige Kreativität verlangt.

Und hier die Rückseite der Postkarte:

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Die Empfänger von solchen Sendungen wissen zu schätzen, dass Jochen Simon zu fotografieren weiß und sammeln seine Werke. Darunter befinden sich die schon traditionellen, handgefertigten Kalender mit Reisebildern aus eigener Herstellung. Dabei ist jedes Bild händisch eingeklebt: Manufactum est. So wie jede Statikaufgabe einzeln gelöst wird.

Übrigens haben die Simons ihre Postkartenidee ganz ohne mich geboren. Wenn sich das herumspricht, hab ich bald nichts mehr zu tun.

Oliver Baer @ 14:04
Rubrik: Unternehmen
Geheimtipp für Banken

Beitrag vom 19 März 2008

Immer wieder läuft einem der vermeintliche O-Ton von Hilmar Kopper über den Weg. Man erinnert sich, er war es, der den Erdnüssen („Peanuts“) eine volkswirtschaftliche Weltgeltung verschaffte. Er soll außerdem gesagt haben:

„… jeder muss im job permanently seine intangible assets mit high risk neu relaunchen und seine skills so posten, dass die benefits alle ratings sprengen, damit der cash-flow stimmt. Wichtig ist corporate-identity, die mit perfect customizing und eye catchern jedes Jahr geupgedatet wird!“

So zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung im März 2007. Auch wiederholtes Klicken und Googeln bestätigt den Verdacht: Er hat es gesagt, er muss es gesagt haben.

Nun aber meldet sich die Londoner Financial Times, ihr passt die ganze Richtung nicht, wenn die Deutschen ihre Sprache als Produktionsfaktor wiederentdecken: An advantage or a sign of disrespect? Wenn es nach der FT ginge, müsste Porsche seine Entwicklungsarbeit lieber in englischer Sprache betreiben: „The company insists on all development work –“ and much else –“ being done in German, even when its largest market is the US.“

Man lasse das auf der Zunge zergehen: Weil der größte Markt der amerikanische ist, soll Porsche darauf verzichten, dass sich seine Techniker in der Sprache verständigen, die sie am besten beherrschen.

Und wem sollte das nützen? Den Investoren, den Lesern der Financial Times, gar den Kunden, ganz zu schweigen von den Mitarbeitern? Wohin es führt, wenn das Personal vor lauter Fremdsprache nicht mehr durchblickt, in welche Richtung die Türen auf- und zugehen, hat die Finanzwelt sattsam bewiesen, seit sie mit intangible assets fortlaufend high risk neu relauncht und ihre skills so postet, dass die benefits alle ratings sprengen. Das kann mal wohl sagen, Herr Kopper, allerdings stimmt der cash-flow nicht mehr. Dumm gelaufen, und zwar für die ganze Weltwirtschaft.

Mein Marketingtipp für Banken: Sprechen Sie Deutsch, besetzen Sie die Sprache als einzigartiges Merkmal (USP, fälschlicherweise als Alleinstellungsmerkmal übersetzt) für Geschäfte, die ab sofort nur noch seriöser Natur sind. Dass Banken Englisch für halbseidene Geschäfte verwenden, hat sich herumgesprochen.


Nachtrag: siehe Kommentar unten!

Oliver Baer @ 11:09
Rubrik: Unternehmen
Sprachstarke Marketing-Kultur

Beitrag vom 11 März 2008

Eine Empfehlung (nicht nur) für das ökologische Bauhandwerk, erschienen in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (VDS)

Handbuch für Anbieter von Öko-Produkten und Dienstleistungen

Der Dresdner Marketing-Experte Oliver Baer hat in seiner jüngsten Veröffentlichung unter dem Titel „ÖKO UND NOCH ETWAS –“ Handbuch zum Marketing ökologischer Produkte und Dienstleistungen im Bauhandwerk“ einen außergewöhnlichen Leitfaden für sprachstarkes Marketing vorgelegt.

In Baers Sinne ist Marketing mehr Kunst als Wissenschaft. Und so setzt er denn –“ fernab vom üblichen Guerilla-Marketing-Getöse –“ auf Werte und Methoden, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen schaffen. Eine ehrliche Sprache ist gefragt. Denn der Erfolg eines Unternehmens ist nicht nur von Qualität, Termintreue und vielen anderen Faktoren abhängig, sondern auch von einer glaubwürdigen Unternehmensführung. Baers Marketingkonzept trägt zur Kundengewinnung und -bindung bei, schafft Wettbewerbsvorteile.

Dabei setzt Baer nicht nur auf klassische Werbemittel. Eine seiner Hauptthesen lautet: Werbemittel kann jeder kopieren, die Pflege von Beziehungen ist einmalig, weil sie an Personen gebunden ist. Und: Eine ökologische, aufrichtige Beziehung hält nur der ehrliche Anbieter durch. Und der überzeugt nicht zuletzt durch seine aufrechte Sprache.

(Nicht nur) Handwerker finden in diesem Kompendium Fragen und Antworten zum Beziehungsmarketing und zur Mechanik des Marketings von ökologischen Produkten und Dienstleistungen. Baers Wegweiser setzt auf nachhaltige Absatzförderung und Kundenpflege mit ihren Facetten Markenpflege, Erscheinungsbild, Zielgruppen, Umgang mit Kunden und Beschwerden, Verkaufsgespräche und nicht zuletzt auf eine gelungene Präsentation der eigenen Firmenkultur. Verschiedene Arten von Drucksachen, Anzeigen, Internetdarstellungen, Presse- und Medienarbeit sowie die Art und Weise auf Kunden zuzugehen werden beispielhaft erläutert und dargestellt. Die wichtigsten Zusammenfassungen der Kapitel in prägnanten Merksätzen sowie ein kleines aber feines Literaturverzeichnis runden den durch und durch gelungenen Band ab.

Zuletzt sei das Buch auch all jenen empfohlen, die von Zeit zu Zeit kompetente, zuverlässige und freundliche Handwerker verpflichten müssen. Nach der Lektüre des Buches habe ich verstanden, warum ich intuitiv stets die richtigen Entscheidungen bei der Auftragsvergabe an Handwerker gefällt habe.

Und so finden in diesem Buch nicht nur Handwerker, sondern auch Kaufleute und Dienstleister Anregungen und Beispiele für gelingsicheres Marketing. Nebenbei werden alle Leser lernen, wie sinnvoll und gewinnbringend die respektvolle Anwendung der deutschen Sprache ist.

Vera Pogarell

Der 74seitige Leitfaden ist für eine Schutzgebühr von 7,50 € zu beziehen über die
Handwerkskammer zu Leipzig
www.hwk-leipzig.de


Da ich mich selbst nicht so loben dürfte wie es die Rezensentin tut, habe ich mir die Erlaubnis besorgt, Vera Pogarells Buchbesprechung hier wiederzugeben. (Oliver Baer)

Eine Kurzfassung und Einführung in das Thema findet sich in dem Beitrag Wie verkauft man Öko?

Oliver Baer @ 14:43
Rubrik: Unternehmen
Krieg gegen die Armut

Beitrag vom 10 März 2008

Die südafrikanische Regierung hat einen War Room eingerichtet, für den War Against Poverty, den Krieg gegen die Armut.

Eine Idee ganz nach dem Geschmack des Kollegen, den wir in Johannesburg besuchten. „Sie werden eine A-Bombe draufwerfen“, sagte er, „auf die Armut“. Auf Englisch klang das so: „They’ll nuke it.“ Nein, meinte ein anderer: „Gib ihr 24 Stunden, das Land zu verlassen, sonst setzt es was.“

Die Älteren erinnern sich vielleicht an den war room aus Stanley Kubricks Film Dr. Strangelove or: How I learned to Stop Worrying and love the Bomb (Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben) aus dem Jahr 1964. Dort inszenierten psychopathische Generäle, Politiker und Wissenschaftler ihre Vorstellung vom Krieg.

Jüngeren Datums ist der Aufstand der Anständigen, zu dem Kanzler Schröder nach dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge aufrief. Kollege Charlier sah bereits Kohorten von Rentnern mit erhobenem Schirm durch die Straßen ziehen, den Braunen viel Furcht einflößend.

Sprache in der Politik verrät nun mal den Geisteszustand ihrer Benutzer. Zum Beispiel beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Hat ihr schon mal einer die Fresse poliert, der Arbeitsminister zum Beispiel? Natürlich nicht, so war der Kampf nicht gemeint. Und der Krieg in Südafrika auch nicht. Aber, was meinen die Regierenden wirklich?

Oliver Baer @ 20:09
Rubrik: Gesellschaft
Der entsorgte Verstand

Beitrag vom 10 März 2008

Alles paletti? Nein, alles Englisch. Der Sinn und der Zweck englischer Sprachfetzen im Marketing, nicht nur in der Werbung, erschließen sich auch bei näherem Hinsehen nicht.

Was sind wir Marketingfritzen doch ein seltsames Völkchen! Wir schaffen uns ein eigenes Universum, und das Unternehmen muss daran glauben. In den oberen Etagen gelingt das sogar, die Leute haben zu viel um die Ohren, um unser Wort auf die Goldwaage zu legen. Dumm ist daran nur, dass uns die Todsünde der Werbung unterläuft: Wir glauben unser Wortgeklingel. Und je falscher es klingt, desto lauter singen wir.

Nur die Mitarbeiter des Kunden ziehen nicht mit. Wie sollten sie auch, unser Getue hat mit ihnen nichts zu tun. Dass uns keine Peinlichkeit zu blöde ist, merken sie, auch die Kunden merken es, nur wir merken nichts. Denn wir beziehen diese Schmonzes in einer Fremdsprache, von der wir in rührender Selbstverliebtheit glauben, dass wir sie beherrschten. Kämen wir sonst auf die Idee, irgendwelche albernen Symbole auf dem Bildschirm als Ikonen (icons) zu bezeichnen? Wir schaffen ein Universum, in dem offenbar miese Produkte den Ton angeben, die muss man schreiend anpreisen und am besten nichts Wahres von sich geben.

Das geht auf Englisch am besten, glauben wir.

Im Grunde passt diese Tour hierzulande nicht, aber da der sprachliche Kollaps auch in den oberen Etagen zuhause ist, bieten selbst die Bayrischen Motorenwerke ihre –
wahrhaft pfiffige – Energieverwaltung im Auto als Efficient Dynamics an, eine Sprachhülse ohne nennenswerten Nährwert. Dabei hat Audi längst bewiesen, dass der TT mit „Vorsprung durch Technik“ zum Londoner Kultauto wurde, auf Deutsch, sieh mal an.

Englisch schadet der Werbung in Deutschland mehr als es nützt, das weiß schon der Alltagsverstand. Kein Wunder, dass unser Treiben den Leuten zum Halse heraushängt. „Ich habe kein Marketing gemacht, ich habe meine Kunden geliebt“, sagte Zino Davidoff. Dazu sind wir unfähig, wir verachten die Kunden. Derweil verwechseln wir das Kundenverhalten mit Basisdemokratie – in dem trüben Glauben, die Leute würden mit der Brieftasche abstimmen: „Kauft Ramsch, Millionen Verbraucher können nicht irren!“

Was wir erfinden, ist nichts Neues, es klingt nur so. Sicher, als Ambient Media hat es den Gedanken, zu werben, wo sich die Leute aufhalten, zum Beispiel auf dem Klo, vorher nicht gegeben, das ging auch ohne ein neues Klingelwort. Trotzdem, den Mut „My first Zahnbuerste“ auf den Markt zu werfen, muss man schon durch einen Strohhalm bezogen haben. Das Pulver würde erklären, weshalb uns die Fähigkeit abhanden kommt, neue Begriffe in der Sprache des Kunden abzubilden, in der Sprache, die er von der Mutter lernte. Novel Food klingt geil, zugeben, aber wir sprechen es hierzulande aus wie Nowell Fut. Da klappen einem Engländer die Zehennägel hoch. Aber wir merken schon nichts mehr, und verpassen die Gelegenheit, neue Wörter in die Welt zu setzen, wie früher den Geisterfahrer, den erfand der Volksmund. Wörter zum Mitmachen, wo die Phantasie der Kunden gekitzelt wird. Was ist Podcasting? Schotenfunk, sollte man meinen, aber nein, bei uns heißt es Pottkassting – mit doppeltem T und doppeltem S.

Da wir uns einer Sprache bedienen, die wir erstens nicht beherrschen, zweitens falsch aussprechen, blamieren wir uns. Der Leipziger Logistik-Hub der DHL geht uns über die Lippen wie der Hub in Hubraum. Warum, weil uns „Drehscheibe“ schon gar nicht mehr einfällt. Das Spitzenpils nennen wir Premium, auf Englisch, als könnten die Angelsachsen zum Bierbrauen auch nur etwas Erinnernswertes beitragen. Und wenn wir zum Lounge einladen, meinen wir eigentlich unseren Launch – da fragt sich der Engländer, wo denn der Relaunch stattfinde, vielleicht im Rückzimmer, was immer das sein mag?

In Wirklichkeit sind wir nicht so blöd, wir haben das Ethnomarketing erfunden, mit dem wir auf die kulturellen Unterschiede von Minderheiten eingehen – es darf uns aber keiner dreinreden, wenn wir die Mehrheit der Verbraucher weiter auf Englisch anquatschen. Allerdings kostet dieser Unfug Arbeitsplätze, und irgendwann unser aller Einkommen. Der Airbag stammt nämlich vom Daimler, aber vom Nordkap bis Neuseeland glaubt alle Welt, das Ding hätten die Amis erfunden. Es lässt sich ausrechnen, wieviel ein solcher PR-Coup gekostet hätte, hätten wir den Ährbeck nicht verschenkt – weil deutsche Wörter so doof sind. Als Prallkissen, Luftsack oder weiß der Geier welch ein Wort uns gepasst hätte, wäre das Ding aber besser angekommen, denn mit Innovationen vom Exportweltmeister rechnet alle Welt. Audi wirbt für den R8 frech mit „Vorsprung’s finest hour“ und fährt gut damit. Exportweltmeister waren wir nämlich schon, als noch keiner meinte, wir müssten unsere Weltläufigkeit mit Englisch beweisen.

Wir denken nicht mehr, wir verstecken uns hinter Computerspielzeug. Statt dem Kunden aufs Maul zu schauen, fummeln wir am Customer Relationship Management (CRM), damit mogeln wir uns an der Berührung mit dem Endkunden vorbei. Eine Berührung, aus der wir etwas lernen könnten – geht aber nicht, die Software hat ihn soeben zum B-Kunden, zur Unperson, herabgestuft.

Glück gehabt, die Berührung wäre riskant, denn der Kunde würde merken, was wir vermarkten, die Kultur des Unternehmens, ersatzweise die Fata Morgana einer Kultur, die wir gerne hätten, weil uns die tatsächliche zu poplig ist. So haben die Großbanken das Privatkundengeschäft aus den Augen verloren (und jüngst wiederentdeckt), nun heißt es Consumer Banking. Seither stylen sie die Finanzen ihrer jungen Kunden. Die sind natürlich ganz außer sich und nehmen die Lockzinsen locker mit. Nur treu bleiben sie nicht. Die können nämlich selber kein Englisch, nur Denglisch.

„Man kann sich in einer fremden Sprache nur unfrei ausdrücken. Im Zweifelsfall sagt man lieber, was man richtig und einwandfrei zu sagen hofft, als das, was man eigentlich sagen will. Oder man sagt, was man zu sagen glaubt, aber es wird anders verstanden, als es gemeint war.“

Das sagte der Ungar Molnár Ferenc, der als Franz Molnar Weltliteratur nicht nur auf Deutsch, sondern sogar auf Englisch fertigbrachte. Aber das ist Kunst und hat mit unsererem Universum nichts zu tun. Wo die Sprache der Kunden, zusammen mit unserem Verstand, entsorgt wird.

Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 37, März 2008.

Oliver Baer @ 16:30
Rubrik: Unternehmen
Viel Lärm um nichts

Beitrag vom 2 März 2008

Hysterie um Englischkenntnisse. Englischkenntnisse für Beruf und Wissenschaft müssen gezielt erworben werden, nicht unterschiedslos, etwa aus Angst; und wenn es auf Kosten der Muttersprache geschieht, wird es teuer. Wenn wir unsere Kinder fachlich zu früh beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten.

„Vorhersagen sind immer schwierig“, meinte Mark Twain, „vor allem über die Zukunft.“ Ihrer Sache sicher, dass andere Sprachen überflüssig sind, bemühen sich Engländer und Amerikaner kaum noch um Fremdsprachen. Aber nachdem ein Bus explodierte, suchte Scotland Yard auf einmal Mitarbeiter mit Kenntnissen in Urdu und Arabisch. Und die CIA hatte in ihrem Glauben an die Elektronik die klassischen Spione pensioniert, was sie nach dem 11. September 2001 schnell bereute. Im eigenen Lande erleben die Amerikaner, wie Spanisch dem Englischen zu Leibe rückt (und kurzerhand Englisch per Gesetz zur Landessprache erklärt). In Europa kannten wir vor fünfzehn Jahren, was China anbelangt, nur den Tinnef aus Taiwan. Wer hätte hier vorausgesehen, dass komplette Fabriken nach Hang shou übersiedeln? Und wer hätte den Indern IT-Arbeitsplätze in Bangalore zugetraut?

Eltern, die ihre Krabbler fürsorglich mit Englisch berieseln, könnten ihrer Angst eine neue Zielrichtung gönnen: wer weiß, vielleicht wird in fünfzehn Jahren nicht Englisch, sondern Mandarin die Welthandels- und Verkehrssprache sein? Die Amerikaner tun jedenfalls ihr Äußerstes, Englisch zum roten Tuch für eine Milliarde Muslime zu machen. Wer als Fremdsprache nur Englisch drauf hat, wäre dann unterqualifiziert, falsch ausgebildet. Niederländische und dänische Unternehmer finden schon jetzt kaum Personal mit Deutschkenntnis, das schadet ihrem Geschäft.

Wer auf Englisch starrt wie das Kaninchen auf die Schlange, übersieht, dass man das Vertrauen der Kunden in der Sprache der Kunden erwirbt, nur ein paar Ahnungslose lassen sich mit weltläufigem Gehabe einfangen. Die Berufschancen unserer Kinder steigen, wenn wir sie zu Fremdsprachen ermutigen, mit denen sie im Markt herausragen. Wo sie Fachkenntnis mit Sprachkompetenz verschränken, die in dieser Zusammenstellung nur wenige vorweisen. Unsere Märkte liegen auch in Europa, allein da gibt es zwei Dutzend Sprachen zu lernen.

Kein Zweifel, auch Englisch müssen wir lernen, aber mit Augenmaß. Was sich zur Zeit abspielt, kennen Volkswirte als den Schweinezyklus: die Aussicht auf Erlöse aus Schnitzel und Eisbein verführt mehr Bauern, auf Schweinemast zu setzen. Daraus entsteht ein Überangebot an Schweinefleisch, die Preise fallen. Die Bauern steigen aus, bis wieder die Nachfrage höher ist als das Angebot, die Preise steigen, die Schnitzelgewinne winken wieder.

Jetzt heißt unser Schnitzel Karriere und durch das globale Dorf wird eine Englischsau nach der anderen getrieben. Wir lassen unsere Kinder auf Englisch drillen, wir erliegen schiefen Argumenten für das totale Eintauchen in das Englische in sämtlichen Fächern (Immersionsunterricht) und, dass Englisch an der Schule die erste Fremdsprache sei, bezweifelt kaum noch einer. Tatsächlich ist auch dies der Mode, nicht der Vernunft geschuldet, also fragwürdig.

Englisch erschließt sich scheinbar leicht, denn Sprachen wie Französisch oder Polnisch, mit ihren Konjugationen und Deklinationen, machen viel mehr Mühe. Aber sie zu lernen, schult das Denken, während sich Englisch wie vonselbst einnistet. Was wir für Englisch halten, ist aber eine Illusion. Ein Englisch, das präzise Gedanken ausdrückt, ist kein bisschen leichter als Latein. Und wer Englisch als erstes gelernt hat, verliert die Lust an den „schweren“ Sprachen. Englisch ist die Einstiegsdroge zur Denkfaulheit. Mit Anglizismen oder gar Denglisch durchsetzt, äußern sich Kirchen, Behörden, Regierung, Prominente. Sie verspielen die natürliche Neigung der Kinder zur Muttersprache. Wortspiele wie „We kehr for you“ (Berliner Stadtreinigung), sind wunderbar, vorausgesetzt man kann sich leisten, was man mit der Sprache anstellt.

Das Fundament für fremde Sprachen ist nun mal die Muttersprache. Ohnehin ist die Grundschule nicht dazu da, für den Beruf zu qualifizieren. Den künftigen Bedarf können gerade die Kultusminister am wenigsten vorhersehen. Mindestens bis zur Pubertät darf es an der Schule nicht um Fertigkeiten gehen, sondern um Fähigkeiten, um soziales Verhalten, Lernfähigkeit, um den Boden, auf dem der Erwerb von Fertigkeiten wächst.

Sodann müssen wir unterscheiden, um welches Englisch es geht, zu welcher Zeit, an welchem Ort. Die Kultursprache Englisch, die Sprache Shakespeares, Byrons, Shaws und le Carrés ist das Rüstzeug um später verhandlungssicher mit Juristen, Betriebswirten, Erfindern und Wissenschaftlern auf Augenhöhe zu verkehren. Dazu gehört mehr als Schulenglisch, unter fünf Jahren Auslandsaufenthalt gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen.

Anders die Welthandels- und Verkehrssprache, nennen wir sie Globisch, um Verwechslungen zu vermeiden. Sie ist kein schlechtes, primitives Englisch, sie ist ein vollkommen regelgerechtes, aber reduziertes Englisch. Das lernt auch der weniger Begabte noch als Erwachsener. Für alltägliche Kommunikationsroutinen genügt diese Lingua Franca. Das Risiko ist sie nicht wert, das wir mit Englisch als erster Fremdsprache oder gar mit Immersionsunterricht eingehen. Sorgen wir als Vorbilder für gutes Deutsch, halten wir sie von der Mattscheibe fern – man sieht doch, dass Fernsehen die Kinder dumm, dick und träge macht. Verweigern wir ihnen den Rechner, bis sie die Reife besitzen, eigenverantwortlich damit umgehen. Zum Kinderparken, weil wir keine Zeit für sie haben, mögen die Medien taugen, aber das mit Fürsorge für ihre berufliche Qualifikation zu verbrämen, ist eine Schwindelei. Die Untersuchungen nach PISA belegen, unter welchen Bedingungen Kinder die besten Chancen erwerben. Frühes Englisch zählt in Deutschland nicht dazu, die Muttersprache, die Landessprache, aber ist unersetzlich. Noch wichtiger wäre musikalische Früherziehung, der Umgang mit einem Instrument, das Spiel im Ensemble, sie befördern Denkfähigkeit, Phantasie und Teamfähigkeit mehr als alles andere.

Wenn wir unsere Kinder fachlich zu früh beladen, erziehen wir sie zu Fachidioten – übrigens ein Wort, das den Engländern so gut schmeckt, dass sie es entlehnt haben. Fachidioten werden stets als erste durch Maschinen und Programme ersetzt, sie sind zum Dazulernen nicht gerüstet. Schon jetzt brauchen wir in den Fabriken kaum noch denkfaule Hilfsarbeiter, sondern Facharbeiter, die mit komplizierter Steuerung schwierige Abläufe in zahlreichen Variationen bewältigen. Und in den Büros benötigen wir die Menschen – angesichts der wunderbaren Welt des Rechners – bald nur noch für Aufgaben, zu denen Automaten nicht fähig sind. Also wenn schon der Blick auf den Arbeitsmarkt unser Handeln bestimmt, dann erziehen wir unsere Kinder lieber zum selbständigen Denken und Handeln. Der Streit um frühes Englisch ist viel Lärm um nichts – er lenkt ab vom wesentlichen.


Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, Heft 37, März 2008.

Oliver Baer @ 20:36
Rubrik: Gesellschaft
Steht’s im Duden?

Beitrag vom 8 Dezember 2007

Manche Texter berichten, dass ihr Kunde einer wohlüberlegten, neuen Wortschöpfung misstraut: „Steht’s im Duden?“ Nur dann sei es rechtens, sonst müsse das Wort durch ein bekanntes ersetzt werden, und sei es noch so abgelutscht.

Die Frage geht am Wesen der Sprache vorbei, und sie widerspricht der Absicht der Dudenredaktion. Wozu der Duden da ist, beschreibt Karin Rautmann von der Redaktion hier: Wie kommt ein Wort in den Duden?.

Demzufolge kommt über kurz oder lang in den Duden, was das Sprachvolk so häufig verwendet, dass man es nicht mehr übersehen kann. Nicht der Duden entscheidet, sondern wir alle zusammen. Das ist mit Demokratie aber nicht zu verwechseln, denn dazu müsste eine von zwei Bedingungen zutreffen:

Entweder es gäbe ein (demokratisch entstandenes) Gesetz, das lautet: Was Deutsch ist, bestimmt der Duden. Oder es müsste für jedes Wort ein Volksentscheid herbeigeführt werden. Beides ist nicht der Fall. Der Duden ist auch nicht die Bibel der deutschen Sprache. Er profitiert davon, dass die Leute glauben, er sei der Wahrer der Sprache. Nach dem Selbstverständnis der Redaktion ist er das aber schon gar nicht: Der Duden beobachtet, was sich in der deutschen Sprache tut und zeichnet es auf. Was davon bewahrenswert ist, beurteilt er ausdrücklich nicht.

Ob einem das passt, ist eine andere Frage. Ob ein Wort im Duden steht, kann jedenfalls nicht zu der Antwort führen: „Wenn’s im Duden steht, gibt es das Wort.“ Also, liebe Kunden: Öffnen wir unsere Fenster für Wörter, die den Leser überraschen und ansprechen (und die Redaktionen des Wahrig und des Duden verblüffen).

Oliver Baer @ 13:14
Rubrik: Unternehmen
Cooler Slogan gesearcht

Beitrag vom 23 November 2007

Im Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks finden wir die zwei Bedingungen für Nordrhein-Westfalens neuen Slogan: „Erstens sollten sich alle Bürger aus ganz NRW mit dem Slogan identifizieren können, zweitens sollte er – wenn möglich – ein englisches Wort enthalten.“

Dazu sammelte der WDR Vorschläge, darunter:

My NRWay!
Simply-NRW
NRW – Numberone Region. Worldwide
NRW4ever
No Run aWays
Living NRW

Einen hübschen Vergleich brachte Dr. Alfred Becker im internen Verteiler des VDS (Verein Deutsche Sprache): „Wenn ein hipper Abteilungsfuzzi der Landesregierung meint: ‚Unsere Community braucht einen coolen Slogan zur besseren Promotion‘, dann wird er garantiert befördert. Wenn sein englischer Kollege sagt: ‚Our Gemeinwesen needs a lockeren Wahlspruch for better Werbung!‘ dann kommt er in die Klapsmühle (loony bin). Manchmal wünscht man sich englische Verhältnisse!“

Oliver Baer @ 19:34
Rubrik: Gesellschaft
Wieso die Bahn verliert

Beitrag vom 17 November 2007

Wie der Streik auch ausgehen mag, die Bahn hatte ihn verloren, bevor er begann. Weil sie die Bürger gegen sich aufbringt. So unbeliebt war die Bahn zu keiner Zeit, auch nicht als wir noch eine Bahnsteigkarte lösen mussten, um die Lieben am Zug zu begrüßen. Seither hat sich die Bahn ihren Kunden entfremdet. Schon durch ihre Sprache verrät sie Tag für Tag, dass sie uns nicht als Fahrgast schätzt, sondern als Komponente ihrer Gewinn- und Verlustrechnung.

Der Kunde merkt’s und ist verstimmt. Und hält klammheimlich zu den Lokführern: „Endlich mal einer, der es der Bahn zeigt! Das ist die Mühe wert.“ Hätte die Bahn im Bürger einen Verbündeten, hätten die Lokführer längst klein beigegeben. So kann die Bahn ihre streikbedingten Millionenverluste nur sich selbst zuschreiben. Die Lokführer nutzen die Gunst der Stunde. Ob die Bahn daraus lernt? Falls ja, werden wir es an ihrer Sprache merken, denn sie spiegelt die Einstellung des Bahnvorstands zu seinen Kunden.

Oliver Baer @ 11:16
Rubrik: Unternehmen
Mehrheit gegen Schönheit

Beitrag vom 15 November 2007

Kern der Waldschlösschenfrage ist nicht, ob es eine Brücke gibt, sondern wie sie in die Landschaft passt. Dass es eine geben soll, hatten die Bürger entschieden. Das mag wehtun, gehört aber zur Demokratie. Wie die Brücke aussehen sollte, hat man allerdings auch den Bürgern überlassen.

Das aber hat mit Demokratie nichts zu tun, denn von Ästhetik versteht der mehrheitliche Bürger nichts. Er hält auch nichts davon, deswegen sollte er damit nicht erst befasst werden. Würde in Fragen der Kultur der Wille der Mehrheit gelten, dann sähe Dresden vielleicht aus wie Hoyerswerda, nur nicht so lieblich.

Die Brücke, die nun am Waldschlösschen entsteht, sieht genau so aus, wie es die Betonköpfe verdienen. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Brücke zu bauen, mit der die Mehrheit ihren Frieden findet, und die Minderheit möglicherweise auch.

Oliver Baer @ 07:03
Rubrik: Gesellschaft
Zwei Dutzend Nachbarn im Garten

Beitrag vom 23 September 2007

Tunnelblick und Sturheit behindern Bündnisse zwischen den europäischen Muttersprachlern. Die Sprachen der anderen gehen uns etwas an, im eigenen Interesse. Ein Appell an den Verein Deutsche Sprache.

Im Polnischen, Estnischen, Französischen, Niederländischen gibt es dieselben Probleme wie bei uns mit einem Primitivenglisch, das sich verbreitet wie die Karnickel in Australien. Vielleicht ist der größte aller Sprachvereine, der VDS, in seinem Zorn nur deshalb so weit gediehen, weil nirgends so viele Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden wie an unseren Universitäten, in der Wirtschaft, in den Medien, in der Werbung. Aber Obacht: 90 Millionen deutsche Muttersprachler (unter 493 Millionen Europäern der Union) werden allein durch ihre Menge das Überleben der deutschen Sprache – oberhalb des Oettingerniveaus – nicht stemmen. Einem ähnlichen Irrtum sind bereits die Perser bei Marathon aufgesessen.

Zwei gute Gründe gelten, den benachbarten Sprachen mehr zu gönnen als Bekenntnisse zu „ihrer kulturellen Bedeutung für die Vielfalt Europas“ und was einem sonst an Hülsen einfällt, wenn man nichts Greifbares zu tun vorhat. Der wichtigere und schönere Grund ist die Kultur: In keine andere Sprache wird so viel Literatur anderer Völker übersetzt und die Verlage gehen daran nicht zugrunde, das heißt, die Bücher werden auch gekauft und manche vielleicht gelesen. Will sagen, offener für die Kulturen der Welt kann man nicht sein. Hat uns geschadet, daß unsere Dichter und Denker in den Sprachen der Nachbarn zuhause waren? Bricht uns ein Stein aus der Krone, weil Kant und Herder die Bedeutung der litauischen Sprache für die Geisteswissenschaften in aller Welt betonten? Der Genius eines Volkes offenbare sich nirgends besser als in der Physiognomie seiner Rede, sagte Herder. Demnach läge in der Vielfalt der Genien die Stärke, nicht ein Handicap Europas. Eine Stärke, die man uns neidet?

Zwei Dutzend Nachbarn

So gut wie alle Sprachen Europas zählen zu unseren Nachbarn. Darin unterscheiden wir uns von Franzosen und Briten, die sich mit dem Verlust ihrer Weltreiche immer noch schwertun. Ihre Sprachen rücken uns nicht auf den Pelz, nicht das Französische, auch nicht das Oxford-Englisch, das keine drei Prozent der Briten beherrschen. Schmerzen bereiten uns die Denkmuster und Subkulturen, die wir mitsamt Jargon gedankenlos vereinnahmen. Wobei wir uns zu wenig beim besten bedienen, das Amerika zu bieten hat. Mittlerweile blüht uns, daß sich eine platte Variante des Englischen schon deshalb als einzig überlebende Arbeitssprache der EU durchsetzt, weil zu viele Europäer auf das – ach so plausible – Argument hereinfallen, drei Arbeits- und über zwei Dutzend Amtssprachen seien unpraktisch und schlichtweg zu teuer. Offenbar ist es praktischer, wenn wir 96 Prozent unserer Denkfähigkeit lahmlegen, so wird das Weltbild überschaubar. Und billiger käme es, wir bäten gleich um Aufnahme in die Vereinigten Staaten.

Tunnelblick aufs Unkraut

Daß uns die Nachbarsprachen etwas angehen, hat mit Strategie in eigener Sache zu tun. „Wir kümmern uns um Deutsch, die anderen um ihre eigene Sprache.“ So heißt es, und außerdem „sollten die Deutschen aufhören, vor anderen auf die Knie zu fallen“. Solcher Tunnelblick bekommt uns schlecht. Blicken wir trotzdem über die Grenzen, finden wir Freunde bei deutschen Minderheiten in Schlesien, Südtirol, im Elsaß sowie unter den Deutschlehrern vom Nordkap bis Neuseeland. Auf diese Weise sichern wir uns den Beifall derer, die sowieso unserer Meinung sind und in ihren Ländern schon deshalb nichts bewegen, weil sie als Minderheiten oder Gäste gut beraten sind, den Mund zu halten.

So lange sich die Sorge des VDS auf die eigene Sprache beschränkt, wird sich daran nichts ändern. Zwar sind auch die Nachbarn von einem dominanten Denkersatz bedroht, den alle Welt mit Englisch verwechselt. Zu einer gemeinsamen Politik fehlt also nicht die Begründung, es fehlt der Anlaß. Warum sollten 38 Millionen Polen 90 Millionen deutschen Muttersprachlern die Stange halten? Schätzen wir etwa Andrzej Szczypiorski, einen Freund unserer Kultur? Wenn in Europa jeder so gleichgültig seinem Chauvinismus frönt, braucht auf den Ausgang nicht gewettet zu werden: Der Sieger ist Englisch, noch dazu eines, das nicht einmal die Engländer erfreut.

Bevor noch die Türken die falsche Sprache feiern

Die Lösung liegt auf der Hand: Tun wir uns mit den muttersprachlichen Polen, Esten, Franzosen, Flamen zusammen, auch mit den Engländern, in unserer gemeinsamen Sorge um die Sprachen Europas! Nützlich wäre, wenn wir das auf die Beine brächten, bevor 72 Millionen Türken den Drang zum Euroenglisch noch verstärken. Hinweise auf unsere Satzung – „Mitglieder können ausgeschlossen werden, wenn sie … die Förderung der deutschen Sprache zur Verunglimpfung von anderen Sprachen und Kulturen nutzen“ wiegen wenig, wenn dahinter nichts steckt als die Angst vor den Erntehelfern.

Kehren wir zum schöneren Argument zurück, es verspricht reichen Lohn. Nicht nur geziemt es sich, in der Mitte eines Kontinents ein Herz für die Nachbarn zu haben. Es macht sogar Freude, und es bereichert uns. Wir haben den Genius so vielfach in unserer Mitte, wie wir die Zahl und Substanz der Muttersprachen pflegen. „Sonderbar!“ sagte eine Polin, sie sang es geradezu. In dieses Wort sei sie geradezu verliebt. Sonderbar ist die Angst, wir würden auf die Knie fallen, wenn wir einander im Garten zur Hand gehen. Wer noch nie erlebt hat, wie gerührt ein Krakauer auf Worte in seiner Landessprache reagiert, sollte es mal probieren.

Im Garten keine Goldwaage

Sicher wird es schwierig, mit den Nachbarn Sprachbündnisse zu schmieden. Etwa die Polen besitzen für den Begriff Muttersprache kein eigenes Wort, selbst bei uns unterscheiden manche zu unscharf Muttersprache und Vaterland. Sprachbündnisse zu verhandeln, verlangt Diplomatie, Geduld und selbstgewisses Vertrauen in die Verhandlungsführer. Wir sollten nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Bündnisse formulieren das Gemeinsame; was uns unterscheidet, wie den Gorgonzola vom Roquefort, mag getrost den Partnern überlassen bleiben.

Warum wagen wir nicht den großen Schritt und ergreifen, als stärkster Sprachverein in Europa, die Initiative? Oder lassen wir uns von den Franzosen die Schau stehlen?

Leicht redigierte Fassung des Artikels in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache, 3/2007.

Oliver Baer @ 17:25
Rubrik: Gesellschaft
Verändert sich die Sprache?

Beitrag vom 18 Juli 2007

Die Sprache verändert sich. Wohl jeder von uns hat diesen Satz schon verwendet. Und viel wird mit diesem Satz gerechtfertigt:

„Wir müssen die Anglizismen hinnehmen, die Sprache hat sich doch immer schon verändert“, „Wir müssen die Rechtschreibung verändern, weil sich die Sprache verändert.“ Der Durchschnittsmensch hört diesen Satz und akzeptiert dann [jeden sprachlichen Unfug als „natürliche“ Veränderung]. Und doch ist er falsch, die Sprache verändert sich nicht.

Halt, halt, wird da manch einer sagen, das stimmt doch nicht, wir sprechen doch nicht mehr wie im Mittelalter, ohne Studium kann man Althochdeutsch nicht verstehen, nicht einmal immer Luther. Nun, ich bestreite nicht, daß die Sprache anders ist als früher, aber sie verändert sich nicht. Schon Wittgenstein wies darauf hin, daß das Denken durch die Ausdrucksweise der Sprache in die Irre geführt werden kann. Die Sprache verändert sich nicht, sondern sie wird verändert, und zwar vom Menschen.

Früher haben Herrscher, Sprachakademien, Sprachgenies wie Dichter oder Sprachpfleger und das gemeine Volk sie verändert, heute nehmen sich vornehmlich die internationalen Konzerne dieser Aufgabe an. Die Sprache wird vom Menschen verändert, aber nicht immer bewußt, absichtlich, sondern auch unbewußt (vgl. Keller, Rudi: Sprachwandel, UTB 1567), so wie ein Stau ja nicht absichtlich von Menschen verursacht wird, aber von Menschen verursacht wird.

Man kann aber den Satz „Die Sprache verändert sich“ schon benutzen, nämlich wie den Satz „Der Porsche hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert“, also im übertragenen Sinne, aber nicht im Sinne von „Tante Kunigunde hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert“, denn der Sprache wohnen keine Gene inne, welche die Geschichte der Sprache steuern. Das große Problem, das zu vielen Mißverständnissen geführt hat, ist, daß viele Menschen die Sprache bewußt oder unbewußt als einen Organismus behandelten und behandeln.

Diesen Beitrag zitiere ich hier ungekürzt, mit Erlaubnis des Autors, Dr. Gottfried Fischer. An der Quelle Die beliebtesten Irrtümer finden Sie übrigens auch die Richtigstellung eines oft wiederholten Anwurfs: Nein, der sogenannte Führer hat Verdeutschungen eben nicht geschätzt, er hat sie unterbunden. Und die schöne Frakturschrift hat er auch verboten.

Oliver Baer @ 08:04
Rubrik: Gesellschaft
Elbquere Kompetenz

Beitrag vom 23 Juni 2007

In Christchurch soll eine Entscheidung fallen über eine Brücke in Dresden. Warum in Neuseeland? Dort tagt das Weltkulturerbekomitee der UNESCO.

Das ist seltsam. Ob es die Dresdner fertigbringen, eine Eisenbahnbrücke von ausgesuchter Unangemessenheit über die Elbe zu ziehen, hat mit dem Weltkulturerbe zunächst einmal nichts zu tun. Dass die Brücke so nicht in die Landschaft passt, konnte einem auch ohne die UNESCO ins Auge fallen.

Erstaunlich ist nicht die Betonköpfigkeit, die sich jeder Besserung verweigert. Grotesk ist der Gedanke, man könne Kunst demokratisch bestimmen. Selbstverständlich ist es Sache des Volkes zu sagen: Ja, wir brauchen eine weitere Elbquerung. Wie sie aussieht, darüber kann aber nur entscheiden, wer die Kompetenz dazu besitzt, und zwar im doppelten Sinne: Der etwas davon versteht und der dazu das Sagen hat – oder dazu beauftragt wird.

Darin liegt der Fehler: Die falsch formulierte Frage entzweit die Dresdener. Der Bürgerentscheid, wenn er nichts zuließ als den damals vorliegenden Brückenentwurf, war eine Kompetenzüberschreitung. Sobald wir es zulassen, dass über Fragen des Geistes, über Fragen der Kunst, der Gestaltung usw. basisdemokratisch abgestimmt werde, kommt keine Einigung zustande, nur Zwietracht.

Demokratie lebt auch davon, dass man sich Gedanken darüber macht, wer wann was zu entscheiden habe. Dass alle immer alles bestimmen, wäre nur eine von vielen möglichen Auslegungen, nämlich die dümmste.

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Oliver Baer @ 05:57
Rubrik: Gesellschaft
Sackzess im Bisiness

Beitrag vom 2 Juni 2007

Sprache schafft Chancen, Sprache verdirbt Chancen. Sprachpflege im Geschäft zahlt sich aus. Auf dem Spiel steht mehr als der Gewinn oder Verlust für ein falsch beworbenes Produkt. An der Sprache erkennt der Kunde die Unternehmenskultur, sie ist die Grundlage des Marketings. Die Muttersprache bietet handfeste Vorteile für das Marketing und die Unternehmenskultur.

Früher gab es bei der Bahn einen Schalter, der hieß Auskunft, jetzt heißt er Service Point. So kommt die Bahn ausländischen Besuchern entgegen, weil es Englisch klingt. Aber nicht ist. Gottlob sind die Ausländer weltläufig, sie begreifen trotzdem, worum es geht. Schließlich ist der Geisterfahrer auch keiner, der Gespenster durch die Gegend fährt. Ärger hat die Bahn nur mit den Kunden im Inland. Sie durchschauen, was gespielt wird, und darin liegt das Problem.

Hartmut Mehdorn möchte seine Bahn an die Börse bringen. Die Regierung hat es versprochen: „Der Kabinettsbeschluss ist ein tragender Meilenstein.“ Was immer das sein mag, ein tragender Meilenstein. Dennoch könnte das Vorhaben entgleisen, das Schienennetz darf die Bahn schon nicht mehr mitnehmen. Der Wähler, zugleich Kunde der Bahn, hat zu viele Anschlüsse verpasst, zu oft um ein Ticket angestanden, er misstraut dem Plan der Bahn, Shareholder Value und Service unter einen Hut zu bringen. Er begreift das ganze als ein geschnürtes Paket, sein Inhalt verrät sich durch die Sprache: Vorsicht, Zurück treten von der Kante!

Was Die Bahn betreibt, ist ein PR-GAU, der Größte Anzunehmende Unfug in der Öffentlichkeitsarbeit. Offenbar glaubt sie ihrem eigenen Wortgeklingel, und das eine Kardinalsünde des Marketings. Spräche sie nicht, was sie für Englisch hält, sondern Deutsch, würde sie es selbst hören: Da singt jemand laut, aber falsch.

Dass sich Widerstand organisiert, war abzusehen. Der Verein Deutsche Sprache entstand 1997, weil wir der Worthülsen hierzulande genug haben, da fehlten uns die englischen gerade noch. Was so harmlos aussieht – 6500 Anglizismen, keine zwei Prozent des Wortschatzes – ist lächerlich, manchmal ärgerlich, oft peinlich, mitunter sogar gefährlich. Was Bahn, Telekom, Post und die DAX-gelisteten Unternehmen in der Werbung anstellen, kostet viel und erbringt wenig, manchmal das genaue Gegenteil des Gewünschten.

Aufrichtiges Marketing

Tchibo bietet Handtücher von Mitch & Co als 2 Towels an: „Um kundennah aufzutreten, übernehmen wir zum Teil natürlich auch die entsprechende Sprache der Kunden,“ erwidert Tchibo den entsprechenden Kritikern in einem Standardschreiben. Falls ihr der Kunde zu nahe kommt, wird sie ihre entsprechende sprachliche Blöße mit den zwei Towels bedecken. Wen meint Tchibo? Die Jungen, die zwar so reden, aber Towel weder aussprechen noch schreiben können? Oder die Yuppies, von denen man – früher zu Recht – annahm, sie kämen ohne Business Reengineering, Benchmarking und Customer Relationship Management nicht aus dem Knick? Auch ihnen wächst das Sprachgulasch bereits zum Halse heraus. Gerade in diesem Milieu gilt der Versandhauskatalog von Manufactum wegen seiner Sprache als Kultobjekt: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“ Gepflegtes Deutsch ist zeitlos.

Trotzdem wird im Markt beherzt aneinander vorbeigeredet. Vielleicht liegt es daran, dass die Marketing- und Mediaexperten aus eben diesem Milieu nur die Wasserlöcher aufsuchen, wo sich ihr Zielwild nicht hintraut. Dabei widersprach schon David Ogilvy seinen Kollegen in der Werbung: „Wenn du neben dem Kunden stehst, brauchst du nicht zu schreien.“ Schon gar nicht in einer Sprache, die bei Vielen ein schlechtes Gewissen weckt: Ob mein Englisch wohl genügt in diesem globalen Dorf?

Ogilvy meinte übrigens auch, die Werber sollten in der Sprache der Kunden schreiben, in der Umgangssprache. In seinem Sinne ruft eine Stadtsparkasse die Jungen zu einer Party mit „Styling für dich oder deine Finanzen“. Entweder geht, vor lauter Anbiederei im Jugendjargon, der Verstand über Bord oder die Sparkasse trimmt ihre Kunden beizeiten auf innovative Finanzprodukte. Dann wäre ihr Marketing folgerichtig, und kurzsichtig. Eine Ferienhausagentur am Mittelmeer, auf der Suche nach einem Namen, mit dem auch Italiener und Spanier fertig werden, sagte ihrem Werbeberater: „Es kann ruhig ein deutscher Name sein, die englisch-angehauchten hören sich oft so austauschbar an.“

Glaubwürdiger Ausdruck

Sicher, es gibt Produkte wie Anti-Aging-Creme, aber darüber sollen sich die Kunden keine Gedanken machen: eine Creme gegen das Altern. Fehlt nur die Salbe gegen schlechte Schulnoten. Hält man die Alten wie die Jungen für schwachsinnig? Die man über das Bauchgefühl einfängt, oder was noch weiter südlich liegt? Das wäre zwar gängige Praxis, bliebe aber ein Marketing der verbrannten Erde, für jedes seriöse Angebot ungeeignet.

Darauf lässt sich zum Beispiel die Weleda nicht ein. An ihren Formulierungen spürt der Leser das Bemühen, dass sie ein Gegengewicht zu unerlässlichen Schlüsselwörtern wie Wellness und Peeling sucht: „Regelmäßige Bewegung und Entspannung, eine ausgewogene, gesunde Ernährung, genussvolle und wohltuende Hautpflege und Achtsamkeit in der Gestaltung Ihrer Beziehungen: All das trägt zu Ihrer Gesundheit und Ihrem Wohlbefinden bei.“ Das begriff auch der Bauchladen, ein Bautzener Geschäft für Schwangerenbedarf bei der Wahl seines Namens.

Zu Zeiten des geilen Geizes genügt es nicht, seine Sache gut zu machen. Man muss auch über die Rampe bringen, dass man zu dieser Leistung fähig ist und auch künftig noch willens sein wird. Beispielsweise Dr. Oetkers Sorge um Allergiker geht schon aus der sachlich gehaltenen, aber in warmen Tönen getroffenen Sprache hervor. Sie ermutigt zum Weiterlesen, zur Kontaktaufnahme mit Oetkers Versuchsküche.

Was meinte David Ogilvy damit: Sprecht wie Eure Kunden? Meinte er das krause Zeug, was der Volksmund in der Straßenbahn sagt? Das brachte Hanns-Dieter Hüsch auf die Kleinkunstbühne. Er stilisierte es, er fügte Satzfetzen zu Kabarettstückchen zusammen, das wurde sehr komisch. Ebenso filtert der Werbetexter aus der Umgangssprache, was für seine Zwecke verdaulich ist, alles andere entsorgt er. Mit Anglizismen, Kanaksprak, Amts- oder Soziologendeutsch kann er spielen, so lange er nur andeutet, nicht platt walzt. Würde Richard III den ganzen Abend über die Bühne hinken, würde uns sein Klumpfuß von der Tragödie ablenken. Eine ähnliche Umsicht und Behutsamkeit beim Sprachgebrauch ist in keinem Milieu vergeudet. Finanzen zu stylen bleibt ein Stilbruch, den sich ein guter Werber drei mal überlegt.

Oetker genießt die Treue seiner Kunden zur Marke. Auch Eon möchte die Kunden bei der Stange halten, trotz des schlechten Rufes, der Energieanbietern anhaftet. Denn auf die Dauer kan man nur die Identität darbieten, die der Wahrheit entspricht. Deshalbb muss das Marketing mit der Unternehmenskultur versöhnt werden. Sonst landet man bei Umfragen („Wessen Service ist gut?“) auf den untersten Plätzen, bei Bahn, Post und Telekom. Deren Service ist übrigens besser als ihr Ruf, aber der Kunde vergleicht ihr öffentliches Auftreten mit der Corporate Identity (Unternehmenskultur), wie er sie erlebt. Weichen sie voneinander ab, verübelt er die Lüge mehr als er die Leistung würdigt. Solche Unternehmen reden mit ihren Kunden in der falschen Mundart. Das ist unklug, wenn man zur gleichen Zeit die alten Briefträger feuert.

Vertrauen auf Augenhöhe

Die Post wendet ein, sie sei kein deutsches Unternehmen mehr, sondern ein Global Player, folglich müsse sie sich der Welthandels- und Verkehrssprache bedienen. Auch in Weißwasser, Bottrop und Reutlingen? „Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,“ meint David Crystal, Mitverfasser der Cambridge Enzyklopädie der Englischen Sprache. Ogivly würde sich im Grabe umdrehen, da alle Zielgruppen mit der selben Fertigsoße gefüttert werden. So wird Globalisierung zu einer Art Kolonialisierung, der sich nur ideologisch getrimmte Mitarbeiter freiwillig unterwerfen. Falls aber die Post in Madrid und Berlin zweierlei Maß anlegt – sags den Spaniern auf Spanisch, den Deutschen auf Englisch – könnte das hierzulande als unfreundlicher Akt aufgefasst werden. Warum sollte der deutsche Wähler ein Briefmonopol (bei überhöhtem Porto) dulden, wenn sich die Post nicht mehr als deutsches Unternehmen versteht?

Was macht die Eon richtig? Sie vollführt mit der Sprache eine Geste, die von innen nach außen wirkt. Wer im Büro statt zum Meeting zur Besprechung eilt, der nennt auch sorgfältig verfasste Briefe an die Kunden sein eigen, wird Amtsdeutsch meiden, Fachjargon erläutern, protzige Anglizismen vor dem Gebrauch entsorgen. Der verfasst E-Mails wie handgeschriebene Briefe und gewöhnt sich an einen Tonfall, mit dem sich musizieren ließe. Mithilfe der Sprache verändert Eon seine Kultur, das Marketing kann ihr mühelos folgen. Das spart nicht nur Kosten in der Werbung, es entlastet den Betrieb, zum Beispiel weil einen die Kunden mit weniger Rückfragen plagen.

Ähnlich geht es Soli fer Solardach, einem Handwerksbetrieb für Sonnenwärmeanlagen, bereits in der Phase der Anbahnung. Seit dem Tag, als der Chef in seinen Fachvorträgen Low Flow Technology durch Trägflusstechnik ersetzte, hören seine künftigen Kunden mit gespitzten Ohren zu. Er hat daraufhin mit Fachjargon und Anglizismen gründlich aufgeräumt und die Kunden sagen: Jetzt verstehe ich, worum es geht. Soli fer holt den Kunden auf Augenhöhe mit dem Fachberater, da wird nicht imponiert, sondern informiert. Für den Kunden, der mit seiner fünfstelligen Investition immerhin den Gegenwert eines Kleinwagens auf sein Dach legen soll, wird das Risiko überschaubar. Soli fer geht einen Schritt weiter und setzt Fremdwörter grundsätzlich sparsam ein, denn bekanntlich bricht die Aufmerksamkeit des Hörers in dem Augenblick zusammen, wenn er auf ein Wort stößt, das er nicht versteht.

Angewandtes Sprachempfinden

Für sorgsame Wortwahl gibt es auch einen tieferen Grund. Jedes Wort, jeder Laut besitzt seine eigene Farbe und Temperatur. Daraus kann man einen Satz wie eine Taktfolge komponieren. Horchen wir uns hinein: Empfinden wir dasselbe, wenn wir dem Arzt unser Gefühl beschreiben, als wenn über eine Emotion informieren? Gehört nicht der Blinddarm zu mir, der Appendix in die Klinik? Arbeitet einer wirklich schöpferisch, wenn er kreativ ist? An solchen Feinheiten hängt, ob der Hörer, der Leser, mitgeht oder davonläuft.

Meistens genügt es nicht, ein Wort auszutauschen, wir müssen den ganzen Satz neu entwerfen. „Wir orientieren die Arbeitsmarktpolitik an XYZ“ rauscht vom einen Ohr zum anderen und wieder hinaus, es hinterlässt keine Spur. „Wir richten die Arbeitsmarkpoltik an XYZ aus,“ vermeidet das Fremdwort, klingt aber nach Kasernenhof. „Wir möchten von den Betroffenen erfahren, wie sich XYZ auf sie auswirkt,“ hingegen fordert den Sprecher auf, Farbe zu bekennen, das lädt ein zum Mitlesen und Mitdenken, darauf kann, wer so spricht, sogar mit einer nützlichen Antwort rechnen.

Was wir gemeinhin als Fremdwort bezeichnen, ist meist kälter als das Synonym, das wir noch als „Deutsch“ empfinden. Vielleicht stopfen wir diese wörter deshalb in Fremdwörterbücher; im Englischen kennt man solche Trennung nicht. Man schlägt nach – sieh an, das also bedeutet es – und kehrt zurück ins Vertraute. Aber würden wir der Geliebten einen Body Bag schenken, wenn wir wüssten, es ist ein Leichensack? Wieviel Fremdwörter, zumal die vielsilbigen romanischen („Ich bin emotional involviert“) und die modischen englischen („Von Feeling her habe ich ein gutes Gefühl“), verträgt ein Liebesbrief?

Mit dem, was wir kalt finden, kommen die Franzosen auch in der Liebe zurecht, aber es war ihre Landsmännin, Madame de Staël, die meinte: „Die Deutsche Sprache ist viel philosophischer als die italienische, viel poetischer in ihrer Kühnheit als die französische, dem Rhythmus der Verse viel günstiger als die englische.“ Deshalb trägt protzen weiter als imponieren, und statt zu informieren könnten wir erläutern, erklären, verdeutlichen, erzählen … und schon schenkt uns der Hörer sein Ohr.

Auf den Kitzel von Modewörtern verzichten Marketingleute ungern, schließlich stehen sie innovativ und kreativ unter Dampf. Aber jeder Reiz unterliegt dem abnehmenden Grenznutzen. Uns geht es wie mit dem Gorgonzola auf dem Brot: Doppelt so dick gestrichen schmeckt nicht doppelt so gut, bei vier mal so dick grausts einem schon. Sogar ein Hamburger zur rechten Zeit schmeckt, denn er ist mit Geschmacksverstärker angereichert. Das Natriumglutamat stumpft die Geschmacksnerven ab, bis man nichts mehr mag als den Fraß, der damit versetzt ist. Haben wir uns an Geisteskost aus Sprachhülsen erst gewöhnt, versiegt auch das Denken. Und wie man Success in Business ausspricht (oder es lieber sein lässt), haben wir dann auch verpasst.

Selbstgewisses Auftreten

Den Kunden abzuholen, wo er steht, heißt nicht, wie ein Chamäleon darauf zu warten, dass er sich in unsere Reichweite wagt. Wer etwas auf sich hält, bekennt Farbe. BMW, zum Beispiel, hat Verfahren zum Spritsparen mit eben jener Pfiffigkeit entwickelt, die man von Made in Germany kennt und erwartet, und stellt sie auf der Messe als Efficient Dynamics vor, global angepasst und anonym, als stammte die Idee aus Taipeh. Ist Deutsch den Bayern zu betulich? Wieso ducken sie sich unter die Bank, als hätten sie ihre Schularbeiten nicht gemacht? Auf Globalesisch muss doch nur auftreten, wer den BMWs nicht das Wasser reicht!

Exportweltmeister war man schon, als Englisch noch kein Beweis für Weltläufigkeit war. Den Airbag hat Daimler Benz erfunden, aber alle Welt hält ihn für eine amerikanische Erfindung. Man stelle sich vor, was es kostet, einer solchen Rufschädigung durch Werbung zu begegnen. Audi wirbt mit Vorsprung durch Technik, das kann in England keiner aussprechen, aber Audi ist ein Kultauto. Ferrari bietet auf der Messe den Millechili an, so wie es Ferrari in den Kram passt, nicht als One Ton Car. Dass die Leute Millechili aussprechen, als ginge es um Peperoni, ist dem Hause Ferrari völlig egal Man wahrt seine Identität, indem man tut, was man für richtig hält. Sobald Ferrari diese Haltung aufgäbe, könnten sie in Maranello das Licht ausschalten.

Hausinterne Dialoge

Ist die Betriebstemperatur zu kalt, fühlen sich die Mitarbeiter unsicher, sie verkrampfen und leisten weniger. Ist sie zu heiß, entsteht ein Gruppenmief, in dem alles Schöpferische eingeht. Englisch bleibt, ob es dem Deutschen noch so verwandt ist, eine Fremdsprache, die von den meisten im Lande nicht beherrscht wird, selbst nicht von denen, die es sich einbilden; die Temperatur fällt. Englisch zur Konzernsprache zu erheben, bedeutet daher den Verzicht, an den fließenden Grenzen des Gedachten und Gefühlten etwas dazuzulernen, Neues mit Begeisterung zu vermitteln. Das Spannendste in der Architektur sind die Übergänge, nicht die Flächen; Neues entsteht an den Rändern, nicht im Hauptstrom der Mitläufer.

Wenn wir nicht außergewöhnlich sprachbegabt sind, fehlt uns in der Fremdsprache zum schöpferischen Denken und zum förderlichen Dialog ganz einfach das professionelle Werkzeug. Ein auf das Notwendige beschränkte, kulturell neutralisiertes Globalesisch bietet zwar Rationalisierungsvorteile: In seiner beschränkten Funktion wird aber der Einzelne durch Hart- und Weichware ersetzbar; als Person verliert er im Arbeitsleben seine Daseinsberechtigung. Ein so aufgestelltes Unternehmen ist dann auch leichter zu verschachern. Wer das Englisch der Global Player drauf hat, sonst nichts, hat gute Chancen den Eigentümerwechsel zu überstehen. Bis zum nächsten mal, dann ist auch er fällig.

Solche Aufsteiger verteidigen mit Energie ein Art Naturrecht auf schlechtes Englisch, sind aber nur denkfaul. Kommt etwas Neues auf den Markt, bildet das Wort die Synapse im Gehirn, das als erstes genannt wird. Das geschieht in Redaktionen, denen die Zeit zum Vordenken fehlt, und bei Wortschöpfern in Madison Avenue. So gab es auf einmal den Podcast, gebildet aus iPod und Broadcast = Rundfunk. Ein ausgeschlafener Journalist mit Phantasie (und Zeit) hätte daraus den Schotenfunk gemacht. Und nicht für Apple geworben. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Deshalb hätte sich Prallsack statt Airbag mühelos durchsetzen lassen, sogar in Iowa, siehe Audi.

Vollends peinlich wird es, wenn der Deutschlandfunk berichtet: „Die Deutsche Post bevorzugt Halle/Leipzig für zentrales DHL-Hub“, Hub ist dabei ausgesprochen wie in Hubraum. Sicher, hub heißt Nabe, auch Güterverteilzentrum, Drehkreuz, aber wer weiß das Was soll Information ohne Haken, an den man sie hängen kann? Sogar die Lufthansa hat das Wort Drehkreuz noch nicht aufgegeben.

Wem solche Mätzchen wie Gehirnwäsche vorkommen, der wünscht sich für den deutschen Sprachraum Gesetze wie das Loi Toubon (Sprachgesetz, erzwingt bei fremden Wörtern, die fanzösische Übersetzung hinzuzufügen). Ob so etwas hierzulande Sinn stiftete, ob es durchsetzbar wäre, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass sich der Bürger bewegt, dass er jedem schlampigen Sprachgebrauch etwas bewusst Gewähltes entgegenhält, das von Herzen kommt und vor Gebrauch im Kopf bewegt wird. Vorangehen könnten die deutschen Volksvertreter und die Landessprache im Grundgesetz verankern. Deutsch ist immerhin die Lingua Franca der Zuwanderer untereinander und – nebenbei gesagt – die Muttersprache von über 90 Millionen Einheimischen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Davon beherrscht höchstens jeder Vierte die englische Sprache für ein einigermaßen flüssiges Gespräch. Bei Verhandlungen auf oberster Ebene ist sogar der Fortgeschrittene dem Muttersprachler unterlegen. Davor schützt nur professionelles Dolmetschen. Es mag teuer sein; der Verzicht darauf kommt aber nicht billiger. Das konnte man aus Joint Ventures in Amerika lernen.

Menschen im Wettbewerb

Sprache ist nicht nur, was man in Wörterbüchern nachschlägt. Wir verständigen uns durch Bilder, Metaphern, Idiome. Das bezeugte ein Vorstand auf seiner Hauptversammlung, als er die Entlassung von einigen hundert Mitarbeitern begründete: „It is better to cut off our hands and feets than our arms and legs.“ (Es ist besser, wir schneiden unsere Hände und Fußen ab als unsere Arme und Beine). Hätte sich dieser Deutsche der Sprache bedient, die er auf dem Schoß der Mutter hörte, ihm wäre nicht nur die Mehrzahl von Fuß ohne Blutvergießen gelungen, er hätte sich eher auf die Lippen gebissen als ein Kettensägenmassaker anzukündigen.

„Man kann sich in einer fremden Sprache nur unfrei ausdrücken. Im Zweifelsfall sagt man lieber, was man richtig und einwandfrei zu sagen hofft, als das, was man eigentlich sagen will. Oder man sagt, was man zu sagen glaubt, in der fremden Sprache, aber wird es anders verstanden, als es gemeint war,“ sagte Franz Molnár. Derlei kann uns sogar in der Muttersprache geschehen, aber da kommt uns das Sprachgefühl zu Hilfe, wir verbessern uns oder fragen den Sprecher, ob er das nun so oder so meinte. Wer soll das in einer Fremdsprache fertigbringen? Ist es praktikabel zu fordern, dass man es könne?

Ein verhandlungsfestes Englisch setzt jahrelangen Aufenthalt im passenden Ausland voraus, völliges Eintauchen in die andere Sprache, gründlicher als Jürgen Schrempp es vorweisen kann; an seinem südafrikanischen Wohnort sprach er wahrscheinlich zu viel Deutsch, zu Hause und im Büro. Schrempp war der Chief Executive Officer, der aus der deutschen Daimler-Benz und der amerikanischen Chrysler einen Englisch sprechenden Weltkonzern zusammenrührte. Fort mit Schaden (good riddance)!

Ein leitender Forscher der BASF, dem die – nur noch in Englisch verfassten – Berichte seiner Mitarbeiter über den Tisch gehen, findet darin zahlreiche Schwächen und sogar sinnentstellende Fehler. Das gab es zu Zeiten der deutschen Berichterstattung nicht; mit einem Federstrich ist die BASF in die zweite Liga abgestiegen. Mittlerweile hat dieser Bereich einen neuen Chef bekommen, der von der Forschung nichts versteht, aber die Konzernsprache drauf hat. Der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Auf niederer Ebene wird diese Tendenz bei der Advanced Micro Electronics (AMD) bestätigt, die sich in Dresden nicht wegen der Staatsknete niederließ (die gabs anderswo auch), sondern weil da Fachkräfte aus DDR-Zeiten leben. Teilnehmer eines Englischlehrgangs, Fachleute der Elektronik, berichten, dass AMD als erstes ihre Kenntnisse im Englischen prüft. Wer durchfällt, könne gleich nach Hause gehen, die fachliche Qualifikation werde nicht erst erfragt.

Muttersprache ein Muss – Weltenglisch ein Plus

Englisch besetzt nun den Raum, ob wir es wollen oder nicht, den Esperanto besser ausgefüllt hätte. Schon allein, weil sich mit Esperanto keiner falsche Vorstellungen machte, man verstünde einander, bloß weil der andere nicht widerspricht. Aber Esperanto hat keine Chance. Also, was sollten wir tun?

Klären wir, wozu sich die Welthandels- und Verkehrssprache eignet und wofür nicht. Sie ist glatt, das erleichtert den Umgang und den Zugang. Zugleich fehlt ihr die Genauigkeit einer kantigen Sprache (welche das Hochenglisch besitzt, aber das ist mit Globalesisch nicht zu verwechseln). Auf die Dauer ist es auch nicht im Sinne der Amerikaner und Engländer, wenn sie ihren Vorteil der Muttersprachlichkeit auf Kosten aller anderen ausspielen. Sie genießen die Überlegenheit auf abschüssiger Bahn, denn so wie der kulturelle Beitrag aus den übrigen Muttersprachen verfällt, wird die Welt insgesamt verarmen, auch ihre. Außerdem spaltet sich die globalesische Sprache bereits in immer mehr Dialekte. Das kann nur gut finden, wer noch nicht bemerkt hat, dass zum Fortschritt eine farbige Vielfalt jeder Monokultur vorzuziehen ist.

„Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache,“ ließ ein deutscher Ministerpräsident hören. Er irrt, die Weltsprache ist ein Zerrbild. Angenommen, die Deutschen würden dennoch und mit Gewalt Englisch zur neuen Muttersprache erklären: Wie lange würde es dauern, bis eine Mehrheit der Kinder hierzulande mit einem Englisch auf muttersprachlichem Niveau aufwächst? Mindestens eine Generation, und im Verlauf dieser zwanzig Jahre müsste auf alles Erreichte verzichtet werden, auf Vorsprung durch Technik, aber BSE hätten wir (Bad Simple English).

Das verdeutlichte Porsche-Chef Wiedeking: „Natürlich können sich die Manager in Englisch verständigen. Aber das ist nicht auf allen Arbeitsebenen der Fall. Ganz schwierig wird es, wenn es um Details geht, um die Einzelteile eines Motors beispielsweise, doch gerade bei diesen Themen müssen sich die Mitarbeiter perfekt verständigen.“ Wir würden uns bald auf chinesischem Lohnniveau befinden, natürlich ohne Sozialstaat, den könnte sich die Volkswirtschaft nicht mehr leisten.

Lassen wir uns nicht auf falsche Vorstellungen ein, globales Englisch ist unser Esperanto, mehr nicht. Wir wollen uns weltweit verständigen und unsere Fähigkeit zum schöpferischen Denken erhalten. Dazu müssen wir die Muttersprache, alle Muttersprachen, die noch zu retten sind, davor schützen, dass sie für ein Linsengericht verhökert werden. Jede Muttersprache besitzt Vorzüge, wir müssen sie nutzen, dann schätzen wir sie, dann fällt uns ihre Pflege und weitere Entwicklung nicht schwer. Gemeinsinn gedeiht, wo wir das Anderssein würdigen, nicht verdrängen. Werden alle Sprachen gewürdigt, haben alle viel zu bieten.


Leicht redigierte Fassung des Beitrags in der Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum des Vereins Deutsche Sprache e.V.

Leicht redigierte Fassung des Beitrags in der Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum des Vereins Deutsche Sprache e.V.

Oliver Baer @ 20:44
Rubrik: Unternehmen
Kunden wollen es wissen

Beitrag vom 22 Mai 2007

Zum guten Stil gehört mehr als das gewählte Wort. Um den Sprecher zu entlarven, genügt ein zweiter Blick auf seine Tätigkeitswörter: Sagt er, was er tun werde oder sieht man seinen Floskeln an, was geschieht, nämlich nichts?

„Wir sind uns unserer Verantwortlichkeit bewusst.“ Was Frau Merkel damit sagen möchte oder eher nicht, bleibt im trüben, wo es hingehört. Insofern stimmt der Ton. Form und Inhalt bilden ein vollkommenes Designprodukt nach dem Postulat fff (form follows function) von Louis Henry Sullivan: Die Form folgt aus der Funktion. Ich will nicht beim Wort genommen werden, also werfe ich Nebelkerzen.

Klarheit anstelle des Nebels entstünde, hätte Frau Merkel von Verantwortung gesprochen. Es gibt sie, mancher hat sie schon mal erlebt. Das könnte dann so lauten: „Ich bin mir der Verantwortung bewusst“. Man sieht förmlich, wie sich das Rückgrat strafft, da stellt sich einer den Dingen, wie sie sind. Politiker, wenn auf dem falschen Fuß erwischt, sagen so etwas, zum Beispiel bei Jahrhundertfluten.

Aber es geschieht nicht viel. Ein Bekenntnis höherer Ordnung müsste mehr wagen: „Ich trage die Verantwortung“ riecht nach Taten, die folgen werden. Darauf vertraut der Hörer, jedenfalls ein bisschen, denn man kennt das, erst die großen Worte und dann wars das. Aber so richtig hellhörig wird der Mensch –“ hier kommt die Stelle zum Mitschreiben –“ bei den Worten: „Wir verantworten das.“ Da liest man ein Ausrufezeichen, man schätzt den Mut dessen, der verantwortet, was er nicht verschuldet hat (die Flut an der Elbe) – der wird wiedergewählt.

Es ist das Verb, das Tätigkeits- oder auch Tuwort, in dem die Kraft steckt, der Wille zur Tat, der mehr ist als blasses Möchten. Dumm wäre dann nur, wenn immer noch nichts passierte. Aus diesem Dilemma rührt der farblose Reiz des Merkelschen „Wir sind uns unserer Verantwortlichkeit bewusst“, da kann halt nichts schiefgehen, gelogen hat man nicht…

Ist das im Marketing anders, etwa besser? Keine Bohne. Wenn ich nichts zu sagen habe, nenne ich meine Pampe Anti Aging Creme, in der Hoffnung, es werde schon keiner nachfragen, wie eine Krem das Altern verhindern werde. Aber das wäre Beckmesserei, so wars nicht gemeint, es geht um ein Fihling, oder ein Pihling, weiß der Geier.

Hauptsache, man sagts auf Englisch, dann ist es zeitgemäß, nämlich kühl, leblos. In diese Kategorie fallen neunzig von hundert Anglizismen (Ausnahme: das Händi, sehr hübsch) sowie das Amtsdeutsch und alle Blähjargons, deren Anfertigung übrigens auch ohne Englisch gelingt. Das rächt sich, etwa im hausinternen Dialog mit Kollegen und Mitarbeitern, siehe Telekom (Stichworte downsizing, outsourcing und folgerichtig: der Streik).

Das genaue Gegenteil gilt für Dinge, die man erklären muss. Sie konkurrieren im Markt mit Angeboten, die so aussehen, als leisteten sie dasselbe. Hier muss der Anbieter den Unterschied glaubhaft rüberbringen. Gefühle in der Gürtelregion gehören dazu, genügen aber nicht. Es ist die Sprache, die den Kunden auf Augenhöhe mit dem Anbieter hievt. Er soll den Verkäufer beim Wort nehmen können. Das ist zum einen eine Stilfrage, zum Beispiel der Wortwahl – siehe oben: Verben –“ und zum anderen eine Sache des Willens, man muss den Stil durchhalten wollen. Die Sprachtechnik kann man erwerben, oder Fachleute dafür mieten.


Laut Duden, der aber auch jeden Unfug aufnimmt, wenn er nur oft genug wiederholt wird, bedeutet Verantwortlichkeit das Verantwortlichsein. Aber nein doch.

Oliver Baer @ 16:34
Rubrik: Unternehmen
Die Times aus London

Beitrag vom 18 Mai 2007

Beim Blättern in englischen Tageszeitungen fällt auf, dass mittlerweile sogar The Times auf einem Niveau angelangt ist, das einen glatt deprimieren könnte. Es ist kein Wunder, dass die Engländer in ihrem Deutschlandbild behindert sind, wenn selbst die Times nicht mehr als Vorbild für deutschsprachige Tageszeitungen herhalten kann. Alleine mit der Süddeutschen, der Frankfurter Allgemeinen, der Wiener Presse, der Neuen Zürcher Zeitung haben wir mindestens vier Tageszeitungen, die das Vorbild beschämen. Anmerkung: Die Times kennt mittelbar jeder PC-Nutzer, für sie wurde einst die Schriftart Times Roman entwickelt.

Oliver Baer @ 11:06
Rubrik: Gesellschaft
Amazon vergreift sich an meinem Rechner

Beitrag vom 18 Mai 2007

Offener Brief an den Geschäftsführer der Amazon Deutschland GmbH:

Betrifft: Schaden, den Ihre Lieferung an meinem Rechner angerichtet hat

Sehr geehrter Herr Kleber,

ich besitze nur legal erworbene DVD-Spielfilme, unter anderem von Amazon. Wir sehen die Filme auf dem Bildschirm des PC, damit gab es bisher keine Probleme.

Kürzlich haben wir uns erstmals auf einen DVD-Verleih eingelassen, nämlich Ihren. Seit dem Abspielen der ersten gelieferten DVD ist nun mein System gestört, offenbar durch Ihre Kopierschutzmechanismen. DVD-Spielfilme, egal welche, kann ich seither nicht mehr ansehen. Für den zeitlichen und kausalen Zusammenhang habe ich Zeugen.

Die schadensauslösende DVD liegt diesem Brief bei. Meine Kündigung des Leihvertrags gilt ab sofort.

Nun bin ich gespannt, was Sie unternehmen werden, meinen PC in den vorherigen Stand zu versetzen.

Mit freundlichem Gruß,
Oliver Baer

Oliver Baer @ 10:50
Rubrik: Unternehmen
Das Netz, ein nützlich Werk

Beitrag vom 18 Mai 2007

Ein Wort mit hohem Blähwert im Deutschen ist das Netzwerk. Es nützt so viel wie der Wackeldackel im Rückfenster. Das Wort Netz beschreibt, worum es es sich handelt: Ein Netz von Beziehungen, alles schon dagewesen, kurz und knackig. Aber Rettung naht: Dem Kollegen Werner W. Jaing verdanken wir die Neuschöpfung Nutzwerk. An diesem Gedankenblitz stört Spottolski nur, dass er ihn nicht selbst hatte.

Oliver Baer @ 10:46
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Die Rückseite der Medaille

Beitrag vom 11 Mai 2007

Götz Werners Vorschlag zum bedingungslosen Grundeinkommen gleicht einer Medaille. Die brisante Hälfte ist auf der Rückseite abgebildet: Eine Steuerreform, die ermöglichen würde, was unser gewachsenes Steuersystem verhindert: Dass wirtschaftliche Entscheidungen aufgrund vernünftiger Überlegung nach freier Wahl zustande kämen, nicht um Arbeitskosten zu minimieren.

In seinem Buch Einkommen für alle berichtet Werner über zwei typische Reaktionen. Das Publikum folge entweder dem „neoliberalen Verstand“ oder dem „sozialistischen Herz“. Applaudieren die einen dem Steuerprinzip und halten das Grundeinkommen für Sozialromantik, preisen die anderen seine Gerechtigkeit, wollen aber auf keinen Fall die Unternehmer steuerlich entlasten. Beide übersehen den Münzcharakter der Idee: Vorder- und Rückseite haben miteinander zu tun, sie bedingen einander sogar.

Bauen Sie mal Ihre Steuererklärung selbst, das muss man erlebt haben! Das deutsche Steuersystem ist obszön, es bremst alle schöpferische Energie. Der Staat käme zur gleichen Summe Geldes mit einem Bruchteil des Aufwandes (und ohne seine Bürger zu verdächtigen, sie seien Kriminelle, sobald man sie ließe), wenn er Steuern nicht am Anfang, sondern am Ende des Produktionsprozesses erhöbe. Der Endkunde bezahlt ja sowieso sämtliche Steuern und Sozialabgaben, die den Unternehmen abgeknöpft werden, egal was das sozialistische Herz davon hält (siehe Nachts ist es kälter als draußen). Götz Werners Modell wäre sowohl ehrlicher als auch sozial bekömmlicher.

Das bedingungslose Grundeinkommen, gekoppelt mit der Konsumbesteuerung, würde an der Wirklichkeit an sich nichts ändern; unser Umgang mit ihr würde intelligent. Wir würden unser Verhalten ändern. Diese Aussicht allein macht Werners Vorschlag so spannend. Er kämmt unsere Wahrnehmung gegen den Strich, das tut immer gut. Wem ein ganzes Buch zuviel ist: Enno Schmidt und Daniel Häni erläutern den steuerlichen Aspekt mit Beispielen: In den reifen Apfel beißen – Warum eine ausschließliche Besteuerung erst beim Konsum sinnvoll und wirklichkeitsgemäß ist.

Zu den Befürworter eines Bürgergeldes oder Grundeinkommens zählen der Bundespräsident, Horst Köhler, und Thüringens Ministerpräsident, Dieter Althaus. Sie eint mit Götz Werner, dass die Idee zum öffentlichen Thema werden muss. Vorher kann man nicht entscheiden, weil man nicht weiß, wovon man redet. Und dann, „wenn man etwas machen will,“ sagt Götz Werner, „dann muss man es erst einmal denken können. Wenn man es dann wirklich will, findet man auch Wege. Und wenn man es nicht will, findet man Gründe.“

Gründe kennen wir, wo es um Steuern geht, um Sozialabgaben, um Krankenversicherung, um Arbeitslose: Alles muss bleiben, wie es ist, obwohl alle Kundigen wissen, das ist nicht haltbar: Götz Werner nennt Hartz IV sogar einen „offenen Strafvollzug“. Aber lesen sie selbst:

Einkommen für alle
Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens
Götz W. Werner, Verlag Kiepenheuer & Witsch
2007. 221 S. 22 cm, Gebunden, ISBN: 3462037757

Oliver Baer @ 20:15
Rubrik: Gesellschaft
Spottolski sagt was zur Brücke

Beitrag vom 11 Mai 2007

Spottolski musste kürzlich Einbußen in seiner Napffüllungslage hinnehmen. Aufgrund eines logistischen Fernsehens wurde die gewohnte Kost knapp, stattdessen fand er in seinem Napf einen Dosenhering. In Kräuter-Dillsoße (für Fernsehen lies Versehen).

Ein oder zwei Wiederbelebungsversuchen blieb der Erfolg versagt. Schließlich fraß er den Hering samt Beilagen, was uns an seiner seelischen Verfassung zweifeln ließ, zumal die üblichen Anschuldigungen ausblieben. „Wie geht’s in der Politik?“ eröffnete ich diskret das Gespräch. Fragetechnik ist meine Stärke.

„Supa,“ verkündete er. Nach dem nun geregelten Verbot des Essens in der Öffentlichkeit, in Wartesälen, Bushaltestellen sowie sonst wo rechne er nun mit einem Aktionsplan der Regierung gegen Gedankenarmut. „Liegt in der Schublade. Aber zitier mich nicht,“ raunte er. „Klar doch,“ sagte ich, Vertrauen ist das X und U der Pressearbeit. Wir ließen ihn reden.

Vorschriften würden keine gemacht, gab er bekannt, die Regierung werde mit gutem Beispiel vorangehen: „Sie wird zurücktreten.“ – „Wen?“ – „Das wird in der Pressemitteilung in allen Einzelheiten verheimlicht, nur Geduld. Und der Bundestag wird versteigert. Die Landtage gleich mit, alles ein Aufwasch.“

„Bis auf das Monetarium für Landwirtschaft,“ fuhr unser Jungpolitiker fort, „überhaupt alles, was mit Kultur zu tun hat, bleibt. Brückenbau und solche Sachen.“

„Wegen der Waldschlösschenbrücke?“

„Dazu habe ich meine eigene Meinung,“ sagte Spottolski. „Man muss das differenzieren: Die selbsternannten Kritiker der Welterbeverfechter – sag mal, schreibst du mit? – haben sich in Sachen Kultur durch vehementes Nichtstun … is was ?“ Er schüttelte den Kopf, als hätte ich seinen Napf ausgesoffen. „Ich beanstande dich,“ sagte er. „Wo waren wir? Ach ja, … zu Nichtstuern in Sachen Kultur – hast du das? – Wie gesagt, die sind voll im Bilde.“

Ich sagte: die Brücke gilt als eine ausgesucht unschöne Brücke …“ – „Mit dem Bau wird unverzüglich, will sagen ohne Verzug, da muss jetzt was passieren,“ versicherte er treuherzig.

„Eine klare Aussage,“ sagte meine Frau, die etwas gegen Volontärinnen hat, jedenfalls in kurzen Röcken mit schlecht vernähtem Saum, deswegen ist die jetzt auch weg. „Und kann ihnen geholfen werden!“, fügte Spottolski drohend hinzu, dem hörbar der Dill vom Hering aufstieß.

„Wie?“, wollten wir wissen. „Was wie? Die Bagger müssen rollen!“ schrie Spottolski. „Und wenn die Welt in Scherben fällt …“ – „Heut ist der Tag der klassischen Zitate!“ rief ich – „Jawoll … so werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen.“

Es gehe um den Bau, nicht die Zerstörung einer Brücke, bemerkte ich. „Sag ich doch!“ wurde Spottolski lauter. „Diesen Betonköpfen muss klar vermittelt werden, wo der Hase hängt.“ – „Der Hammer!“ – „Wieso Hammer? Der Hase muss rollen, der Bagger, er wird rollen. Schreibst du überhaupt mit?“

Wie es denn seinen Wählern gehe, lenkte ich ab (siehe unser erstes Gespräch nach Spottolskis beispiellosem Entschluss, Politiker zu werden – wir berichteten hier). „Wem?“ Ich sagte, das seien die Leute, deren Sache er vertrete. „Das tu ich, ich bin für vernünftige Dosenkost.“

„Und Gedankenarmut?“ –“ „Allemal!“ Die sei in besten Händen, versicherte er. Dann wollte er schleunigst ins Freie, vielleicht bekamen ihm die Kräuter nicht.


Oliver Baer @ 19:28
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Mittelstands-PR

Beitrag vom 11 Mai 2007

In der Öffentlichkeitsarbeit ist die Pressearbeit enthalten, im Mittelstand sind dafür meist dieselben zuständig wie für Marketing, Werbung, Verkauf. Ihnen bietet sich eine Gelegenheit, im kleinen Kreise zu beraten, was man besser machen kann, aber auch sollte, als die Großen im Markt.

((Der Verweis auf die hier angekündigte Veranstaltung ist veraltet; der Rest dieses Beitrages wurde daher gestrichen))

Oliver Baer @ 15:10
Rubrik: Unternehmen
Reiz der Fülle

Beitrag vom 1 Mai 2007

Reiche einem Xhosa etwas, so streckt er die Hand aus, wie wir es tun. Da hinein legst Du die Blume, die Münze, den Löffel. Aber er benutzt zum Nehmen beide Hände, mit nur einer wäre die Geste ungehörig. Seine Linke stützt den Rücken der ausgestreckten rechten Hand.

Diese würdevolle Geste erübrigt das „Danke!“, in den Bantusprachen hört man es nicht. Daraus zu schließen, es mangelte den Bantu an Dankbarkeit, wäre falsch. Mit dem Begriff Dankbarkeit verbinden sich verschiedene Vorstellungen, jede ist schlüssig und auf die eigene Kultur beschränkt. Da bietet sich ein Verdacht an: Vielleicht ist, wofür man kein Wort besitzt, so selbstverständlich, dass es der Erwähnung nicht bedarf? Wie wäre es, wenn uns die Xhosa als Barbaren wahrnehmen, da wir statt einer Geste ein Wort benötigen?

Mir halfen Muttersprachler bei den polnischen Passagen der Kreisauer Rede. Mir scheint, sie verstanden den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland aufgrund ihrer Kenntnis des Deutschen (oder des Englischen: mother-tongue und fatherland). Sie boten an, was sich wie heimatliches Land und heimatliche Sprache anfühlt. In der Übersetzung verbleibt also eine Spannung, die man durch Umschreibung, durch Bilder lösen muss (°).

Für Deutsche liegt der Unterschied auf der Hand. Sprache (Zunge) ist nicht dasselbe wie Land, wozu gäbe es sonst die Unterscheidung? Dafür fehlt Trennschärfe im Wort Deutsche, meint es doch hier die Menschen deutscher Zunge. Dazu zählen Millionen, die im Stadion Stadium andere Flaggen schwenken als die schwarz-rot-goldene.

Gebärden sich Polen mangels Muttersprache einen Schuss nationalbewusster als andere, da sie ans Vaterland denken, wenn sie ihre Sprache meinen? Wie drückt sich ein Pole aus, wenn er meint, was wir die Muttersprache nennen? Bei solchen Fragen erschließt sich der Reiz der europäischen Sprachenfülle. In Übersetzungen fremder Autoren schwingt dann zwischen den Zeilen etwas, worauf wir Europäer zu unserem Schaden verzichten, wenn wir uns auf eine, die englische Sprache beschränken.

Nebenbei gefragt: Wieso gibt es deutsche Muttersprachler, die den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland nicht denken können?

Abschweifung: Typischerweise begegnen einander an dieser Stelle das rechte und das linke politische Extrem. Beide missverstehen jede Äußerung für die Muttersprache als Aufforderung zum Tanz nach braunen Noten; sonst haben beide zur Sache nichts beizutragen. Ohne Respekt vor der Muttersprache bringt man offenbar keine trennscharfen Gedanken zustande.

Die Lücke schmerzt, denn der kulturelle Respekt vor den Muttersprachen seiner Bürger begründet Europas Stärke, so wie umgekehrt das Verschwinden der Schlagbäume Europa auf Kosten der Vaterländer stärkt. Daraus müsste der lange verfehlte Zweck einer erneuerten auswärtigen Kulturpolitik folgen.

Die Politik beruht auf einem Denkfehler: Zwar einigt sich alle Welt auf eine Handels- und Verkehrssprache. Man nennt sie Englisch, ohne siche die Mühe zu machen, ein bisschen zu unterscheiden. Die Weltsprache sei nicht Englisch, die Weltsprache sei schlechtes Englisch, meint David Crystal und das gehört ernst genommen. Die Weltsprache ist eine Hilfssprache, dem Esperanto näher als einer Kultursprache, aber viel schwerer zu erlernen.

Der besseren Unterscheidung wegen könnte man dieses Gebilde Globisch nennen. Einen Ersatz für die Muttersprachen bietet das globische Flachenglisch nicht. Leider gehen diesem Irrtum maßgebliche Leute auf den Leim. Wenn ein bekannter Professor der Wirtschaftswissenschaften verkündet: „Ich bin dafür, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf Englisch lesen“, ist er der mangelnden Trennschärfe der Weltsprache bereits zum Opfer gefallen: Helmut Seitz, seinerzeit an der Viadrina Universität, an der Grenze zu Polen.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Je glatter und flacher die Welthandels- und Verkehrssprache ist –“ das muss sie sein, sonst stünde sie der Verständigung im Wege –“ desto wichtiger wird unsere Besinnung auf die Muttersprachen. Das Praktische der Weltsprache hat seinen Preis: Tiefe, Genauigkeit, Erfindungsgeist, die Fähigkeit zu entwickeln und zu forschen erfordern ein geeignetes Werkzeug. Das gibt es, wir haben es, wir müssen es nur pflegen: Es ist die Muttersprache, die allein zur Kultursprache steigerungsfähig ist. Globisches Flachenglisch ist dafür so geeignet wie ein Hammer zum Schrauben.

Wenn wir schon von den fernen Xhosa die Würde einer gepflegten Körpersprache (wieder) erlernen könnten, um wieviel ergiebiger dürfte es sein, von den Sprachen unserer Nachbarn zu lernen, etwa den Polen? Darauf sollte sich Kulturpolitik konzentrieren: Erstens auf die Pflege und Vermittlung der Muttersprache, zweitens auf die Fähigkeit zum Austausch mit den Nachbarsprachen. „Der geistige Reichtum Europas muss sich in der Pflege seiner Sprachenvielfalt widerspiegeln,“ sagt Lutz Götze in seinem Beitrag Auswärtige Kulturpolitik ohne Deutschkenntnis in Blätter für deutsche und internationale Politik. Flachenglisch kann so wenig Thema der Kulturpolitik sein wie Javascript oder der Fachjargon der Mediziner.

Das international erforderliche Flachenglisch lernt man mühelos auch noch als Erwachsener, man erlebt es als ein Art höheren Pidgins auf Konferenzen. Englisch als Kultursprache hingegen ist wichtig, auch in der Wirtschaft, um auf Augenhöhe mit Muttersprachlern Dinge zu erörtern, für die das Globische nicht genügt, nie genügen wird. Das sind allerdings meist Situationen, in denen ein Dolmetscher mehr nützt, dafür ist er ausgebildet. Oder käme einer auf die Idee, in Schanghai ohne Dolmetscher aufzutreten? Um auf Augenhöhe mit englischen Muttersprachlern zu verkehren, müsste man fünf Jahre in ihrer Sprache leben. Mindestens und das rund um die Uhr.

Die Kultursprache Englisch sitzt im selben Boot wie Deutsch und Polnisch, sie ist bedroht von Sprachfaulheit (Shakespeare wurde bereits aus den britischen Schulplänen gestrichen ) und von dem Irrglauben, die Welthandelssprache würde sprachlich abdecken, was wir global benötigen. Das richtige Englisch braucht unseren Respekt. Aber es ist kein bisschen wichtiger als Polnisch. Oder Deutsch.


(°) Meinen tschechischen Ratgebern standen vlast für Heimat und mateřština für Muttersprache zur Verfügung.

Oliver Baer @ 16:20
Rubrik: Gesellschaft
Rede in Kreisau über die Muttersprache

Beitrag vom 9 März 2007

Unter dem Titel Nachbarschaft beschwerte ich mich vor zwei Jahren, dass ein Konzert des Jungen Klangforums Mitte Europa auf Englisch beworben wurde, obwohl die beteiligten jungen Musiker aus Polen, Böhmen und Deutschland stammen. Zumal am Ort des Konzertes, Theresienstadt, kam mir das widersinnig vor.

Gestern war ich eingeladen, vor den Musikern kluge Dinge über den Vorzug der Muttersprache zu verkünden, aber bitte auf Englisch, denn in dieser Sprache verständigen sich die jungen Leute, proben gemeinsam, schließen Freundschaft. Eine kitzlige Aufgabe, als Vorstand des Vereins Deutsche Sprache, auf Englisch die deutsche Muttersprache vor Polen und Tschechen zu bewerben. Ort des ganzen war Krzyżowa, die Begegnungsstätte der Stiftung Kreisau, seinerzeit Sitz der Moltkes und Treffpunkt von vorausschauenden Menschen im Widerstand gegen Hitler. Anlass waren die Proben für das Konzert am 11. März in Berlin, für die Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler.

Das Junge Klangforum … möchte durch die einzigartige Sprache der Musik dazu beitragen, die Gemeinsamkeit Deutschlands mit Polen und der Tschechischen Republik zu stärken., so heißt es auf der Startseite.

Dank übersetzungsfreudiger Bekannter und Freunde gelang die folgende mehrsprachige, kurze Rede mit dem Titel Skipping the mother tongues und der Unterzeile Which language serves best to strengthen the central European identity of Poles, Czechs and Germans?, über deren unerwartetes Echo ich mich im Anschluss auslasse:


Panie i Panowie,

Wybaczcie mi, gdyż nie potrafię w waszym języku przedstawić owej subtelnej różnicy pomiędzy krajem ojczystym a ojczystym językiem. Proszę zatem o chwilę cierpliwości dla mojej próby wyjaśnienia tego zagadnienia w języku angielskim.

Dámí a pánové,

promiňte, že vám nemohu češtině vysvětlit ten jemný rozdíl mezi pojmem vlast a mateřština. Dovolte mi, abych se o to pokusil v angličtine.

Meine Damen und Herren,

sehen Sie mir nach, dass ich den feinen Unterschied zwischen Vaterland und Muttersprache hier nicht auf Deutsch erörtere, sondern auf Englisch.

Ladies and Gentlemen,

I cannot discuss the subtle difference between fatherland and mother tongue in all our languages here today. Let me try it in English.

Going to Terezín for your Dvořák concerto two years ago, I had braced myself: Here I was, a German about to face what been done in the name of Germans by Germans. Obviously I am not guilty myself, but I did and I do feel responsible. I want to respond. I want to face history as a German first, then as a European. What’s the point of being German if I denied any one facet of my people’s history?

But how did I experiene Terezín? All your signposting, all your announcements, the speeches – everything was in English! It was odd, there was no German. There was no Polish, either …

I felt cheated, I felt out of place.

And why, of all languages: English? Surely one of the many beautiful languages in Europe, it is the mother tongue of the nation least inclined towards a European identity.

On the other hand, your medium is English, for making friends, for rehearsing together. Steffen tells me, it is for him a joyful experience to converse with people he would otherwise not understand. Lovely!

So –“ what’s the point of arguing the use of English?

English is your lingua franca. It is however, an awkward compliment to call a language the lingua franca. English actually suffers from being the world’s lingua franca. It spawns many regional variations of English – Hinglish, Singlish, Japlish, Denglish, Carribean English (not to mention American English, which George Bernhard Shaw regarded as particularly awful).

And there is a tendency of the lingua franca turning into a kind of strong Pidgin. For an educated Englishman the world’s commercial language is almost a foreign language, one might as well call it Globish –“ so as not to confuse it with proper English. –¦

Allow me to mention five points on this issue. Don’t worry, I’ll make it short.

First. As you know, the European Union has three official working languages, French, German and English. So, in a meeting whatever is being said in one language, will be made available in the other two.

Once, in a meeting the former Czech prime minister, now EU commissar, Vladimir Špidla, as he was speaking German, was interrupted: „Why don’t you speak English, like everybody else in this room?“

Mr Špidla said: „There are thoughts that can only be voiced in German.“ –¦

May I add: There are thoughts that can only be voiced in Czech, in Polish, in English, by Milan Kundera, by Tadeusz Borowski, by William Shakespeare. Shakespeare, incidentally, has just been removed from school curricula in the United Kingdom.

Back to Mr Špidla: why would he take a stand against the zeitgeist, why would a Czech prefer the German language? Why is this significant? We’ll come back to this.

My second point: The Amazon basin acts, as we know, as the lungs of this Earth. If the Amazon rain forests get chopped down, there won’t be enough oxygen to breathe for the world population. There is no substitute for the Amazon rain forest.

That includes all plants, as they interact with each other and all the animal life as it interacts with plant life. And it includes the people living there. They know about insects and birds and snakes and about the plants, their fruit and their roots –“ they know all that is absolutely essential for their little portion of the rain forest to survive.

We here have no idea what we do not know.

No Western or Eastern scientist is anywhere near the knowledge that lives in the languages of hundreds of little Amazon tribes. Some of them consist of just a few families, and while we sit here rehearsing for Berlin, another tribe will have left the Earth forever and they have taken their language with them and they have taken their knowledge of survival with them.

Each language bears facets of culture that are unique to the language, they may be similar in other languages, but they are not the same.

For our survival, the science of bionics will become essential. Bionics is where we learn from nature how to solve modern technical problems. Think of shark skin, that we now emulate in aerodynamics. If we don’t care for languages, soon we won’t know how to copy nature.

Third point: Imagine, for a moment, we did not have music. Imagine, we had to express words with movements of our body, with our arms and legs, without speaking! Think of a tree! Would tree look the same as Baum, would drzewo look the same as strom? In speech-eurythmy these four words look like this:

((Eurythmist performing the English word, the German word, the Polish word, the Czech word))

Four different pictures for the same plant! That would indicate, there are four entirely different perspectives of one simple matter. Imagine, how much more diverse the views must be on more complicated phenomena!

Point Number Four: Let me quote to you what Walter Krämer, professor for economic and social statistics has to say about scientists in Germany. You may not be aware of it, but German scientists are currently abandoning their mother tongue for the sake of English as the sole language of science:

„The German mother tongue“ –“ he says –“ “ is the medium of scientists born and bred here, in which they think, they ponder, they let ideas unfold, they formulate hypotheses, they think laterally to connect with other thoughts, they spark fresh creative thinking. The mother tongue is not just their tool, it is the midwife of theories and ideas.“

You see, when we think, we give birth to new synapses in our brain all the time. Of course, this works in any language, but it works best and most fruitfully in our mother tongue. If I keep dabbling in a foreign language, I think at a lower level, I create less of these fresh brain cell connections.

And we are not discussing just words. There is the concept and there is the word. There are probably four times more concepts in our minds than words in our languages, but we need words to take hold of the concept, explain it, work on it –¦ and maybe create other new words.

Last Point: Let me give you a really awful example of the lack of concept: The Chief Executive Officer of a German multinational company addressed the Annual General Meeting of shareholders. The board was about to fire several hundred employees and this is how the CEO announced it to the shareholders. He spoke English, not his mother tongue. This is what he said:

„It is better to cut off our hands and feets than our arms and legs.“

I think we get the message. But I bet my hat, if this man had used the language his mother taught him, for one thing he would have found the correct plural of foot, but more importantly, he would have bitten his lips rather than to announce a chainsaw massacre amongst the workers.

Lets wrap up what we have said: A common language is nice for communicating. But communication is just the most primitive function of language. If we reduce language, any language, to its function as a tool, we abandon all historic and cultural substance.

And we dry out our source of poetry. There is more to language:

Following Vladimir Špidla: Language and thinking require each other, there is wisdom in every language.

Following the Amazon Indians: Languages carry knowledge that is unique to each language.

Following our picture of the tree: People of different languages see things in their own way, even basic things are not the same in languages. You know that from music.

Following the statistics professor: Language can enhance or disable creative processes.

And not following the Chief Executive Officer: Language is more than „Pass me the butter, please!“ Language is to be respected as an expression of our culture, otherwise before we know it, language will have turned into a chainsaw.

The language we learnt from our mothers –“ the mother tongue – is among all languages the one closest to our hearts, and it is the basis from where we learn … each other’s languages.

The mother tongue is a piece of luggage that is weightless. Let us not allow ourselves to think it is worthless –“ we might lose it and not even notice until it is too late.

Before I make one last additional point, my answer to the question is obvious: Which language serves best to strengthen the central European identity of Poles, Czechs and Germans? It is the mother tongue to begin with, followed by the neighbours‘ languages.

English can hardly be the answer.

Here is one last point. Let us consider love. Not the love for a hamburger, but our respect for another person’s soul. Let me quote from the work you are rehearsing, from the Alto voice in the last movement:

Uwielbiam ton twojego głosu kiedy mówisz …

O uwierz moje serce! O uwierz:
Nic nie jest stracone!
Twoje jest, tak twoje, to za czym tęskniłeś
Twoje, co kochałeś, twoje o co walczyłeś!
—-

Miluji tón tvého hlasu, kdy říkáš …

Ó, ver, srdce mé! Ó, ver:
Nic neztratís!
Tvé je, ano Tvé, po cem touzís,
Tvé, co milujes a co sis vybojoval!
—-

I love your tone of voice when you say …

Oh believe, my heart! Oh believe:
You shall loose nothing!
It is yours, yes yours, what you desired,
Yours, what you loved, for what you fought!
—-

And now in my mother tongue:

Ich liebe den Ton Deiner Stimme, wenn Du sagst …

O glaube, mein Herz! O glaube:
Es geht dir nichts verloren!
Dein ist, ja Dein, was Du gesehnt,
Dein, was Du geliebt, was Du gestritten!


Das Echo? Es war so, dass ich am liebsten nur noch vor Musikern sprechen möchte. Sie verstehen es zuzuhören. Außerdem hatten wir eine feine Aussprache hinterher, bei der mir Jennifer, meine Frau und vorführende Eurythmistin, die Schau stahl. So bald nehme ich sie nicht mehr mit …

Oliver Baer @ 17:22
Rubrik: Gesellschaft
Gewonnen wird im Mittelfeld

Beitrag vom 1 März 2007

Im Mittelfeld begegnen einander Kunde und Verkäufer, dort wird das Spiel entschieden. In Verkäuferschulungen geht es hauptsächlich um die Trophäe. Anders als im Sport, endet die perfekte Begegnung jedoch nicht in einem rauschenden Sieg, sondern mit einem „Entschieden“, das beide Seiten zufriedenstellt.

Ernsthaft wird dem keiner widersprechen, trotzdem werden im Training die alten Standardtricks geklopft, mit überschaubarem Erfolg. Getreu dem Grundsatz der Nachhaltigkeit –“ „Vergraule nur soviele Kunden, wie du neu hinzugewinnst“ –“ genügt ein sportlich erkämpfter Vorteil eben nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um Leistungen geht, die der Kunde „zu teuer“ nennt.

Betrachten wir die Investition in eine Sache am Haus, die der Gesetzgeber erzwingt. Davon wird es künftig mehr geben. Beispielsweise mit der Entsorgung seines schmutzigen Abwassers möchte sich keiner lange befassen. In dieser Situation bemüht sich der Techniker mit sachlichen Argumenten, einen widerwilligen Kunden von einem Mehrwert zu überzeugen, der seinen Preis wert ist. Wir leben ja in einer Welt, in der ist „man nicht blöd“, wenn man das geringste Geld für eine Sache ausgibt und wer auf John Ruskin (siehe unten) verweist, gilt als blauäugig: „Schön wärs, aber die Welt, sie ist nicht so.“ Ist in dieser Welt die antrainierte Technik des harten Verkaufens besser? Für manche Dinge ja, aber Verkäufer solcher Produkte lesen hier nicht die baerentatze.

Was geschieht im Mittelfeld? Das übliche Training trimmt Fertigkeiten der Gesprächsführung, die dem Verkäufer einen Vorteil verschaffen: „Wer fragt, der führt!“ Der Kniff ist leicht zu begreifen, aber schwer durchzuhalten. Der sensible Verkäufer spürt nämlich, dass ihn sein Trainer zum Sieg hetzt. Sicher, Verkaufen ähnelt dem Jagen, aber das ist nur ein Teil, es ist der einfachste Teil der Schulung.

Dass er auf Blut aus sein soll, widerstrebt dem zivilisierten Menschen sogar dann, wenn er wegen seines Produktes kein schlechtes Gewissen hat. Sachlich gerechtfertigt ist sein Mehrpreis, das weiß er. Was hindert ihn, mehr zu verkaufen? Findet er nicht die anspielbare Position im Mittelfeld?

Geben der Chef und sein Verkaufstrainer Siegeswillen vor, gerät der Verkäufer, der Berater, der Experte in eine Zwickmühle. Das wirklich gute Geschäft beschert beiden Seiten eine ausgewogene Zufriedenheit. Sie erhebt Verkäufer und Kunden gemeinsam auf eine höhere Ebene. Das lohnt sich, denn dort besorgt der Kunde für den Verkäufer weitere Kunden.

Ein Verkaufstraining, das auf diese Ebene zielt, unterscheidet sich von den marktüblichen Würgschopps. Es geht auf die Menschen ein, wie sie nunmal sind, nicht wie sie der von seinen Zahlen geplagte Chef geschnitzt sehen möchte. Ein solches Verkaufstraining behandelt selbstverständlich, wie man Gespräche führt, vor allem aber schält es heraus, wie das Unternehmen seine Experten für lösbare Aufgaben ins Feld schickt, etwa wie sie auf die Milieus ihrer Kunden eingehen. So erzielen sie Verkaufszahlen nicht mit Raubbau, sondern wie der Förster seinen Wald pflegt, mit dem Blick auf die kommenden Jahre und den sofort erzielbaren Nutzen zugleich.

Im Mittelfeld ist man am weitesten entfernt von den Extremen, einerseits dem vergeblichen Bemühen um Sachlichkeit, wo andererseits der Kunde bloß das Billigste will.


Was Nachhaltigkeit tatsächlich bedeutet und wie es zu diesem Begriff schon vor einigen Jahrhunderten kam, bevor es als sustainable development neu erfunden und zu Nachhaltigkeit rückübersetzt wurde (Hauptsache, der Begriff kommt auf Englisch daher), das beschreibt in einem flott lesbaren Beitrag Ulrich Grober: Der Erfinder der Nachhaltigkeit. Dieser war übrigens ein sächsischer Edler in Freiberg, der Freiherr Hans Carl von Carlowitz. Er würde uns verzeihen, wenn wir sein durchdachtes Gesamtwerk auf den Satz verkürzen: Nur so viel verbrauchen, wie immer wieder nachwächst.

Was John Ruskin zugeschrieben wird, darüber kann man meditieren.

Um einen weiteren Aspekt der Partnerschaft mit dem Kunden geht es bei: Die Tante vertraut ihrem Urteil.

Oliver Baer @ 11:03
Rubrik: Unternehmen
John Ruskin zugeschrieben

Beitrag vom 1 März 2007

John Ruskin zugeschrieben:

Auf Managerseminaren vielfach zitiert (und sofort wieder vergessen) wird der englische Sozialreformer John Ruskin (1819-1900). Diese Worte werden ihm zugeschrieben:

Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld. Das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten.

Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.


Interessant ist für die Praxis nur die Frage, wie man mit dieser Binsenweisheit umgeht.

Oliver Baer @ 09:47
Rubrik: Unternehmen
Menschen im Betrieb

Beitrag vom 28 Februar 2007

Für einen Kunden durfte ich eine Stellenanzeige formulieren. Zuvor hatte er seine sämtlichen Mitarbeiter in einer Schulungsmaßnahme aufgeklärt, was sie wegen des Allgemeinen Gleichbehandungsgesetzes (AGG) von nun ab zu tun und zu unterlassen hätten.

In der Anzeige formulierte ich „die Menschen im Unternehmen“. Die Firmenanwältin prüfte den Text auf weiche Stellen, damit nur keiner wegen Diskriminierung klagen könne. Sie schlug vor, „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ zu sagen. „Wieso?“ – „Weil es AGG-mäßig besser klingt,“ schrieb sie zurück. Meine Antwort: Siehe unten!

Etwa zur gleichen Zeit hörte man im Deutschlandfunk einen Akademiker, der brachte in drei Sätzen viermal „Doktoranden und Doktorandinnen“ über die Lippen. Ohne sich zu vertun. Nach dieser Logik wird demnächst einer über die Stasi-Informanten und Stasi-Informantinnen sprechen, über Mörder und Mörderinnen, Veruntreuer und Veruntreuerinnen. Fällt es nicht auf, dass negativ besetzte Begriffe stets männlich bleiben? Apropos Gleichstellung?

Mit Gleichbehandlung hat es wenig zu tun, wenn wir das grammatische Geschlecht mit dem verwechseln, was die Leute zwischen den Beinen haben. Sonst müssten wir klären, weshalb die Mauer weiblich ist und der Schuh männlich. Es gibt Sprachen, da ist das grammatisch Männliche und Weibliche zu einem Geschlecht verschmolzen, dem sogenannten Utrum. Das Englische gar kennt nur noch ein Geschlecht; Gleichbehandler hätten womöglich die Frage zu klären, wie sich die Leute dort vermehren.

Um den Kern der Sache geht es in Wirklichkeit nicht. Tatsächlich kann mit Aussicht auf Erfolg ein Böswilliger drei Monatsgehälter einklagen, weil er sich durch ein Stellenangebot diskriminiert fühlt. Firma Hase sucht eine Sekretärin, das darf sie nicht. Es könnte sich nämlich ein Mann melden wollen. Nehmen wir an, er wollte sich bewerben. Dann könnte er seinen Verstand einschalten und schreiben:

„Alles, was Sie laut Anzeige von einer Frau erwarten, kann ich besser als jede Sekretärin, der ich begegnet bin. Muss es eine Frau sein oder wollen Sie mich zum Gespräch einladen?“

Ich würde ihn sofort zum Gespräch bitten. Selbst wenn ich gute Gründe hätte, eine Frau vorzuziehen, weil mich der Männerüberschuss in meinem Betrieb nervt.

Solche Gedanken kann sich der Unternehmer von nun ab schenken, sie passen nicht in den Sinn des neuen Gesetzes. Es dient denen, die sich nicht bewerben wollen, eine flotte Mark zu kassieren. Seit dem AGG sind Vorurteile verboten, aber immer noch da. Mord und falsch parken sind auch verboten. Jetzt wohnen die Vorurteile eine Etage tiefer. Wo sie umso schwerer zu packen und so gut wie gar nicht mehr auszurotten sind.

Ist eine erzwungene Tugend eine echte Tugend, oder nur eine Pflichtübung? Welchen moralischen Nährwert besitzt vorurteilsfreies Handeln, wenn es vorgeschrieben wird? Eine Tugend, die wir selbst erwerben, schafft Charakter, eine auferlegte Aufgabe ersetzt den Charakter durch Druck von außen. Druck schafft Gegendruck, also das Gegenteil dessen, was gewünscht war. Jemand die Chance zu nehmen, dass er seine Tugend selbst erwerbe, heißt, ihm die Würde zu verweigern, die ihm als Menschen zusteht beziehungsweise ihr als Menschen zusteht. Entschuldigung, das muss natürlich Menschin heißen. Gar nicht so einfach, das.

Somit vergreift sich das Gleichbehandlungsgesetz am Grundgesetz, Artikel 1, Absatz 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und was sich in der Wirklichkeit abspielt, seit dieses Gesetz in Kraft trat, ist nur noch würdelos, und spottet vollends der Absicht des Gesetzes. Dabei wäre es so einfach gewesen, Gut und Böse zu unterscheiden, denn wie immer verrät sich das Böse in seiner Sprache. Die Wortfolge „Doktoranden und Doktorandinnen“ beweist nämlich keinen Respekt, sie verhöhnt die Zuhörer und macht die Betroffenen zu Instrumenten einer Ideologie.


Meine Antwort lautete: „Hier beginnt der Widerstand!“

Die baerentatze verspricht: Hier wird auch in Zukunft für Menschen geschrieben.

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Oliver Baer @ 16:05
Rubrik: Unternehmen
Werkzeug der Trendforschung

Beitrag vom 28 Februar 2007

Trendforscher bilden Trends ab und vermuten öffentlich, wohin der Zeitgeist wehen könnte. Matthias Horx ist so einer, den man ernstnehmen möchte. Sein Umgang mit dem Werkzeug weckt aber Zweifel.

Das Werkzeug des Denkers ist seine Sprache: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben als Trend- und Zukunftsforscher ist es, neue Wörter vorzuschlagen und auszuprobieren –“ Wörter, die Wandel und Veränderung ausdrücken können.“ erläutert Matthias Horx, weshalb er sich aus dem Englischen bedient. Beispielsweise schöpft er das Wort Selfness per Analogieschluss aus dem bereits gut eingeführten, aber bescheuerten Wellness.

Die Wortwahl des Trendforschers könnte einem zu schaffen machen. So widerstandslos frisst, wer mitdenkt, englische Neuwörter nämlich nicht mehr. Im Gegenteil, sie stehen unter Spontanverdacht, denn „… gerade wo Begriffe fehlen, stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein“, verhöhnte Mephisto den Wissenschaftsbetrieb (Goethe, Faust I, Schülerszene). Es spricht sich herum: Wer nichts zu sagen hat, sagt es auf Englisch.

Protest gegen seine Sprachwahl bügelt Horx ab: „Wollen wir wirklich Kokonieren statt Cocooning sagen? Haben wir es besser, wenn Wellness als Wohlfühlsein verplüscht wird?“ Hübsch formuliert, aber so widerlegt er sich selbst –“ das bildkräftige Wort verplüschen schöpft er aus dem Deutschen. Aber fragen wir: Was ist denn am Cocooning besser, wertvoller, praktischer, verständlicher oder sonstwie vorteilhafter als am Kokonieren? Nach Wichtigtuerei klingt beides.

Horx bedient sich aus einer Begriffswelt, die sich eindeutig qualifiziert, nämlich als Mode. Millionen Menschen glauben an Wellness, aber schon mehren sich die Meldungen, dass der zahlenden Kundschaft die Wellness zum Halse heraushängt. Wörter wie dieses bebildern den Zeitgeist. Als Fundament für Trends, deren Entfaltung in der Zukunft liegt, wünscht man sich jedoch mehr Ingenieurdenken, schon der Statik wegen. Horx geht den umgekehrten Weg, aus Talmi baut er neue Begriffe. Vorsicht: Ich kenne englische Muttersprachler, die stecken sich lieber den Finger in den Hals, als „wellness“ zu sagen – bei „selfness“ kämen sie aus dem Spucken nicht mehr heraus.

Wenn schon aus der Luft gegriffen: Warum bedienen wir uns nicht beim Mandarin, der vielleicht wichtigsten Handelssprache des Jahrhunderts? Vermutlich, weil uns der Beitrag neureicher Chinesen –“ in ihrem gegenwärtigen Geisteszustand – noch mehr anödet als das Gedröhn um Enduring Freeedom aus Amerika.

Ein Trendforscher, der ernstgenommen werden möchte, sollte die Reihenfolge einhalten: Erst den Begriff bilden, dann das passende Wort dazu finden. Was Horx macht, zuerst die Verpackung, dann den Inhalt, führt geradewegs zu McDonalds: Das Marketing ist smart, das Produkt … erübrigt jeden Kommentar. Horx extrapoliert die Zukunft aus der Gestalt des Whoppers. Wozu der Krampf? Aus dem Deutschen zu schöpfen, ist unendlich viel ergiebiger! Die Angelsachsen beneiden uns um die grenzenlose Fähigkeit des Deutschen, Wörter zu bilden wie Liebreiz, Rührseligkeit, Wahrnehmung.

Auf dem gemeinsamen Fundament der Muttersprache besteht immerhin eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit, dass wir einander verstehen, sprich: dass wir uns zur Tat verständigen. Trendforschung gerinnt nunmal leicht zur Vorhersage billigster Art. Vorhersagen bieten die Chance, Taten anzustoßen, die dazu führen, dass das Vorhergesagte eben nicht eintrifft. Gottseidank, sonst ergäben Vorhersagen keinen Sinn.

Wo die Dinge so ungewiss sind, sollten wir das Werkzeug nicht aus dem Baumarkt beziehen. Vielleicht bin ich zu deutsch um so Ungründliches zu tolerieren. Ich ziehe eine ernsthafte, durch Zurückhaltung gekennzeichnete Trendforschung vor, bspw. von der Sinus-Sociovision, auch wenn der Zeitgeist Trendangeber wie Horx vorzieht. Es blättern halt mehr Menschen in der BILD-Zeitung als sie die Frankfurter Allgemeine lesen.

Oliver Baer @ 16:04
Rubrik: Gesellschaft
Spottolski voll fokussiert

Beitrag vom 27 Februar 2007

Spottolski geht in die Politik! Eben noch wurde er auf Gottfried Kaisers Wiese bei fragwürdigen Absprachen um Marktanteile beobachtet und nun hängt er das Marketing an den Nagel? Wir nützten den Augenblick einer zeitweiligen Leere in seinem Napf, ihn zur Rede zu stellen.

„Ein Interju?“ Spottolski verlangte Thunfisch, frei Napf, ungefähr ein bis acht Dosen, schon waren wir im Gespräch.
„Wieso Marketing ade?“
„Marketing ist Käse,“ verkündete Spottolski, „Pauli ist kuhl.“
„Pauli?“
„Sie versteht was von Katern.“

Was er denn als Programm zu bieten habe, fragten wir. „Wieso Programm?“ Das sei üblich, ermunterten wir ihn, Politiker brauchen ein Programm, schon wegen des Profils. Profil, das leuchtete ihm ein. „Na schön,“ sagte er: „Marketing ist für Warmduscher!“
„Ein durchdachtes Programm mit hohem USP,“ sagte Veronika, unsere Volontärin (Kennzeichen: schlecht sitzender, immerhin kurzer Rock).
„Das auch,“ sagte Spottolski, „Mein USP ist die kooperative Zusammenarbeit.“
„Ein weißer Schimmel,“ sagte sie.
„Wo? Den mach ich zur Schnecke.“
Ich öffnete die nächste Dose Thunfisch.

„Politik unterscheidet sich ja erheblich vom Marketing,“ fuhr Spottolski fort. „Im Markt wird den Kunden ein X für ein U vorgemacht. Das ist in der Politik ganz anders herum. Ich bin voll darauf fokussiert.“
„Was sind deine politischen Pläne?“ fragte Veronika. (Gut drauf ist sie ja, dachte ich, bis auf das Rockfutter, nicht richtig vernietet, oder wie das heißt).
„Ich bin fokussiert, wiederholte Spottolski, „auf Förmchen,“
„Förmchen?“
„Förmchen,“ erklärte Spottolski, „Förmchen für Gesundheit, Förmchen für Rechtschreibung, Förmchen so weit das Auge nicht bricht.“ Er hielt inne. „Politik ist eine Art Kuchenbäckerei.“
„Aber Reformen sind doch altbacken, die kauft dir keiner ab.“
„Abwarten.“ Er sei, wie gesagt, ganz schön voll drauf, sagte Spottolski, und der Migrationshintergrund müsse weg: „Wird überpinselt.“ Er sah aus, als käme ihm ein Gedanke. „Pisa muss weg!“ fügte er hinzu.

Das werde die Italiener beeindrucken, versicherten wir. Ob er denn auch für etwas sei, wollten wir wissen. „Wir müssen in der Familienpolitik einen beherzten Schritt nach vorne tun, in Richtung auf den richtigen Weg.“ erklärte Spottolski. „Wir stehen am Abgrund.“
So redeten Politiker, nickte die Volontärin und ich auch. (Müsste das nicht VolontärIn heißen? Nicht, dass sich da ein Volonteur einklagt, der auch nicht bezahlt werden möchte?)

„Willst Du die zentralen Eckpfeiler der Familie verschieben?“ wandte sie ein.
„Die Grundpfeiler unserer Familienpolitik verlangen eine positive Bilanz der Vermehrung …“
„… mehr Kinder?“
„Wir brauchen das Gender Mainstreaming. Jeder wird gleich bezahlt, auch die Vegetarier, zu Kompromissen bin ich bereit. Wir brauchen, ich sag dir, was wir brauchen: Die Gebährenmaschinenwende!“
„Ob das Frau Pauli gefallen wird?“
„Ich erklärs ihr. Die Miezen werden auf Vordermann gebracht.“

So würde in der Politik aber nicht gesprochen, warfen wir ein. Politsprech sei in der Tat gewöhnungsbedürftig, gab Spottolski zu. Aber er würde jetzt persönlich beraten, jawohl, von Walter Krämer, einem echten Professor aus Dortmund, und alles, von wegen Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch (siehe unten).

„Da kommt jede Menge Politik auf deine Wähler zu,“ kam ich Veronika zuvor. Spottolski überlegte kurz, dann fragte er: „Wähler?“ Die müsse er überzeugen, brachten wir ihm bei, sonst würden sie nicht für seine Sache stimmen.
„Dann kriegen sie eins vor den Latz!“ entschied er.
„Die Wahlen sind aber geheim.“
„Das ist nicht nötig.“
„Damit soll verhindert werden, dass einer kommt wie du und die Leute mürbe macht.“
„Ist das wahr?“ Spottolski sah nicht überzeugt aus.
Es komme auf die Fähigkeit an, die Dinge im großen zu verändern, erklärte ich, notfalls auch gegen den kurzsichtigen Willen der Wähler. Da sei Überzeugungsarbeit nötig.
„Da kenne ich mich aus,“ erwiderte Spottolski. Er stand auf und kratzte am Fenster, jemand möge ihn jetzt rauslassen.
„Ein anspruchsvolles Programm,“ sagte Veronika und zupfte an ihrem Saum.
„Und voll fokussiert.“ bestätigte Spottolski: „Das Interju ist vorüber.“

Wir rechnen mit Spottolskis Rückkehr in die Wirtschaft.


Spottolskis Weisheiten werden befruchtet und sein Wirken beflügelt durch Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch, im Buchhandel seit dem 27. Februar käuflich zu erwerben (auf Deutsch: zu kaufen). Kundige erkennen im Autor Walter Krämer, den Gründer des Vereins Deutsche Sprache e.V. und im anderen Autor jemand anders – nämlich Roland Kaehlbrand, der hat schon mal Deutsch für Eliten geschrieben. Das kann vorkommen.

Oliver Baer @ 16:45
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Den Hund auf Anglizismen loslassen

Beitrag vom 15 Februar 2007

„Im selben Moment, wo mir von dem Radfahrer gredt habn, ist einer komma,“ berichtete Karl Valentin. Das könne kein Zufall sein, meinte er. Manchen geht es ähnlich mit den Anglizismen.

Früher amüsierte ich mich alleine damit, in der baerentatze Anglizismen aufzuspießen und den Missbrauch der Sprache im Marketing zu verhöhnen. Dann wurde ich für den Verein Deutsche Sprache (VDS) gekeilt und im Nu ging es mir wie Karl Valentin. Den Blick durch die Beispiele geschärft, die im Verein herumgereicht werden, fühlte ich mich von Anglizismen geradezu umstellt. Der Fachbegriff für diesen Zustand lautet Paranoia, Verfolgungswahn.

Ein begründeter Wahn. Viele Anglizismen sind harmlos, die meisten blamieren ihren Benutzer. Spätestens vor dem Schaufenster des Kosmetikstudios, das sich als Ästethic Nails anpreist, reift der Verdacht: Hier geht es der Sprache an die Nähte, in diesem Fall gleich zwei Kultursprachen. Und vielleicht müsste man mit der Sprache, in ihrer Wehrlosigkeit, liebevoller umgehen. Diesen Verdacht belegen die nicht mehr zählbaren Schnitzer wie live-long learning und Life-Sendung. Wenn sich Wellness in Richtung Healthness und Careness ausbreitet, zieht solcher Unfug dem Sprachkundigen das Hemd aus der Hose. Das ist nicht mehr schöpferische Freiheit der Werbung, das ist Schwachsinn. Dass jeder zweite Radiosprecher Vanity Fair englisch wie Wanity Fair ausspricht, mag noch hingehen, es belegt aber, dass unsere Englischkenntnisse hierzulande dürftig sind. Und durch das Englischgetue nicht besser werden.

Auf jedes neue englische Wort empfindlich zu reagieren, ist aber kein Reagieren mehr, es nähert sich dem Pawlowschen Reflex, einem zwanghaften Verhalten, es ist das genaue Gegenteil von Freiheit. Und an dieser Stelle hört der Spaß auf. Immerhin gibt es eine Fülle französischer, lateinischer, englischer Wörter, die unsere Sprache gebildet und bereichert haben. Es nützt daher nicht das geringste, jedes welsche Wort flugs unter Generalverdacht zu stellen: „Da, schon wieder ein Schädling!“ Mich putzte mal eine ehemaliges Mitglied des VDS herunter, weil ich zum Jour fixe einlud; das sei kein deutsches Wort!

Verständlich mag solcher Eifer sein, aber er spiegelt nur den Mangel an geistiger Freiheit in den Köpfen. Reflexhaftes Handeln macht uns unfähig zu einer bewussten Unterscheidung. Sicher, es mag schwierig sein zu erkennen, welche Begriffe einen Wert und welche einen Virus mit sich bringen. Manche Sprachwissenschaftler drücken sich vor der Antwort vollends, sie beschränken sich auf die Schadensaufnahme. Liegt das Kind erst im Brunnen, kommt die BILD-Zeitung. Wie wärs, wenn man sich beizeiten, weit weg vom Brunnen, schon fragte, was an Sport in school is cool so wahnsinnig smart sein soll? Wenn man sich mal ein bisschen bemühte um den passenden Ausdruck?

Im gleichen Maße irren allerdings die Abwiegler, wenn sie meinen, die paar Anglizismen könnten dem deutschen Wortschatz kaum schaden, der VDS rege sich zu Unrecht auf. Als käme es auf Zahlenspielchen an! In ihrem Garten lassen sie auch nicht jedes Unkraut blühen, nur weil das der „natürliche Gang der Dinge ist“. Dieser Sprachenstreit ist zur gelebten Zwanghaftigkeit geraten. Gedankenlos legen Anglizismenjäger auf alles an, was sich bewegt – wie Pawlow’sche sabbern die anderen und wiegeln ab.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Es schadet nicht der Anglizismus an sich, vielleicht nicht einmal die Menge seines Auftretens. Was sicher schadet, ist die Gedankenlosigkeit, mit der englische Wörter gebraucht und somit englische Begriffe und Denkmuster übernommen werden. Die Flut der Anglizismen und das elende Denglisch sind aber nur Symptome einer Entwicklung, die den meisten im Lande nicht bewusst ist. Fähige Forscher drücken sich auf unfähige Weise aus, in einer Sprache, die sie nicht beherrschen: Englisch. Englisch ersetzt Deutsch als Sprache an den Universitäten. Dasselbe geschieht in der Wirtschaft. Mit anderen Worten, wir treten international auf Zweitliganiveau an, denn dass wir mehr können, verbergen hinter unseren Sprachunkenntnisssen. Kreativ zu denken ist nun mal für die meisten Menschen eine Sache, die sie in der Muttersprache zustande bringen. Wenige können es zwei- oder gar mehrsprachig – sie sind die Ausnahme. Die meisten überschätzen ihre Englischkenntnisse.

Im Umgang mit Entlehnungen aus anderen Sprachen stünde uns mehr Bewusstheit gut zu Gesicht. Es muss schon jeder selbst, aus eigener Freiheit, entscheiden können: Verwende ich dieses Wort oder finde ich ein besseres? Passt der Begriff, oder denke ich in eine Sackgasse hinein? Ohne diese Freiheit wäre aller Streit um die Sprache reiner Dogmatismus, Zeitvergeudung, denn Recht hat in diesen Dingen nie einer alleine. Sprache gehört allen. Ein Verein, der sich um die Sprache sorgt, kann dafür sorgen, dass sie wieder strapazierfähig wird. Dann erträgt sie sogar ein Übermaß an Modewörtern.

Unserer Freiheit im Geiste sind wir es schuldig, reflexhaftes Verhalten zu erkennen, so lange wir dazu noch fähig sind, vor allem unser eigenes. Die Sprache ist geistiges Gut. Wenn wir ihn verteidigen wie ein Kettenhund, bringen wir ihn um den Verstand und er verlässt uns.


Erläuterung: Wenn schon lebenslanges Lernen auf Englisch, dann life-long und wenn schon nicht Direktübertragung, dann Live-Sendung. MDR Life bedeutet nicht Live-Sendung, sondern es deutet auf etwas wie Leben mit dem MDR. Vielleicht war das die Absicht, na ja, man kann die Bedeutungen auch an den Haaren herbeiziehen.

Nachtrag: Die baerentatze wird auch in Zukunft Anglizismen aufs Korn nehmen. Nach Möglichkeit mit dem Augenmaß des Försters, der um das Gleichgewicht im Walde bemüht ist.

Nachtrag 2: Überflüssiges Apostroph in Pawlow’scher Reflex wurde entfernt.

Oliver Baer @ 14:24
Rubrik: Gesellschaft
anti-everything that might be bothering you

Beitrag vom 29 Januar 2007

Ein Kunde schrieb an die SILIT-Werke in Riedlingen. Wir geben den Brief ungekürzt wieder, als Beispiel für Beschwerden ähnlicher Art. Oft lautet die Antwort: „Wir sind ein international agierendes Unternehmen.“

Das Argument, man müsse deshalb Englisch auftreten, wird nur in wenigen Ländern geführt. Die Kunden mucken auf – nicht nur Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache

Sehr geehrte Damen und Herren,

kürzlich war ich bei einem Fachhändler weil ich mich für einen Wok interessiere. Ich habe dann zum Nachlesen die Werbebroschüre „Wok und Fondue“ mit nach Hause genommen. Schon beim ersten mal Umblättern vielen mir auf der Seite 3 äußerst unangenehme Anglizismen wie „anti-scratch“ „easy-clean“, „anti-allergic“ und „anti-bacteria“ sowie der runde Hinweis „Also for induction“ auf. An den Ausdrücken reddot Award 2002 will ich mich schon gar nicht mehr ereifern, dennoch gebe ich folgendes zu bedenken:

Global agierende Unternehmen, die Wert darauf legen, die Landessprache und -kultur zu achten, verfahren nach dem Leitsatz: „Think global – act local“. Japanische Firmen sind dabei vorbildlich. Wenn nun Silit der Meinung ist, daß die eigene Landessprache nicht mehr ausreicht, Produkteigenschaften treffend zu beschreiben, dann kann ich dazu nur bedauernd feststellen, dass ich zukünftig um die Produkte Ihres Unternehmens einen grossen Bogen machen werde. Ich ärgere mich nun auch, dass ich vor einem Jahr ein Topfset aus Silargan erworben habe.

Und Sie dürfen sich dessen auch sicher sein, dass ich im Freundes- und Bekanntenkreis keine Gelegenheit versäumen werden, auf Ihre als absolut dümmlich erscheinende Werbesprache hinzuweisen, damit sie ähnlich wie ich prüfen, ob Ihre Wettbewerber sich ähnlich Anti-Deutsch verhalten.

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Ich bin seit Jahrzehnten ein Paneuropäer, der sich auch als Parteigänger der Paneuropa-Union für die Aussöhnung und den engen Zusammenschluss der europäischen Länder einsetzt. Aber immer unter Wahrung der eigenen nationalen Identität.

Beruflich war und bin ich im Vertrieb bei mehreren multinationalen Unternehmen beschäftigt gewesen und kenne die Überlegungen der Marketing-Heinis nur zu gut…

Mit freundlichen Grüßen aus dem östlichen Oberbayern
Rudi Püchner,
85659 Forstern


Anmerkung:

Werner Kieser, bekannt für seine Kieser-Trainingszentren, sagt rundweg: „Wer sein Fachgebiet nicht in seiner Muttersprache vermitteln kann, hat es nicht vollständig begriffen.“ Das dürfte bei Silit kaum der Fall sein. Das übliche Werberargument „Die Leute brauchen das nicht zu verstehen, sie müssen nur in die Kaufstimmung kommen!“ zieht hier aber nicht, denn dieser Anbieter möchte technische Vorzüge als Nutzenargumente überbringen. Das dürfte in Deutschland auf Deutsch besser gelingen, denn die Mehrheit – gerade in dieser Zielgruppe – kommt mit schwachen Englischkenntnissen in den Laden.

Ein Gespräch mit Werner Kieser führte Eva-Maria Kieselbach in den Sprachnachrichten Nr. 4 von 2006 (als pdf-Dokument). Das Gespräch lohnt die Lektüre, denn Kieser erläutert auch den Zusammenhang zwischen der Pflege des Bewegungsapparates und der Sprachpflege.

Oliver Baer @ 16:35
Rubrik: Unternehmen