baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wrotzlaff ist falsch

Beitrag vom 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Die Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den wallonen und Flamen als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir hier zu sagen pflegen. Sie ahnen es: richtig ist es wie beim s-pitzen S-tein.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des polnischen ń-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben, den deutschen Stadtnamen Breslau. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław (übrigens sehr sanft auszusprechen), auf deutsch Breslau.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 64 (IV 2014)

Oliver Baer @ 14:00
Rubrik: Gesellschaft
China spricht total Englisch

Beitrag vom 10 Juni 2014

Kurz, knapp und klar übersetzbar ins Englische (© Fotolia)

Die Chinesen lesen und verstehen Englisch, außerdem sprechen sie es, ihre Regierung jedenfalls verlautbart auf Englisch. Oder auf Chinesisch. Oder nichts Genaues weiß man nicht? Fragen wir Einen, der dort war.

Da trägt im Chinesischen Pavillon zu Dresden ein Experte aus seiner dreijährigen China-Erfahrung vor, farbig, aufschlussreich, man merkt, er ist neugierig auf das Fremde, das Andere und er berichtet mit Rücksicht und Einsicht. Der Referent spricht Deutsch, gutes Deutsch, ein paar Gutmenschen-Anglizismen kann man ihm nachsehen.

Nicht zu übersehen sind die per Powerpoint an die Wand geworfenen Zitate aus chinesischen Quellen, darunter die Regierung; The war on Pollution liefert den Titel des Vortrags. Zu überhören sind auch nicht seine Hinweise auf die chinesischen Friends of Nature. Im Publikum wächst die Überzeugung: „China kann Englisch!“ Nun ist ja einzusehen, dass kein Europäer viel verstünde, wenn ihm diese Texte auf Chinesisch pauergepeuntet würden. Vermutlich ist deswegen alles übersetzt, ins Englische.

Der Sprecher ist übrigens in der DDR aufgewachsen, Englisch war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vortrag ereignet sich in Sachsen, keine Hochburg der Englischkenner. Immerhin, die Dresdner wissen, was sie wissen und was nicht. Einen Sprachkundigen hätte jedenfalls gestört, dass der Referent im englischen Titel (Krieg gegen die Verpestung) das wichtigste Wort klein geschrieben hat. Dabei soll es ausdrücklich den Kontrast betonen zu früheren Aufrufen der Regierung. Diese galten der Harmonie, dem Traum, und nun dem Krieg: The War on Pollution, denn in englischen Titeln, liebe Englischbesserwisser, wird außer den Partikeln jedes Wort groß geschrieben. Besonders das wichtigste Wort in der ganzen Überschrift!

Eine lässliche Sünde, ein Tippfehler? Sicherlich, müsste man nicht dauernd mitanhören, wie da jemand falsch singt. Die Chinesen sprechen nicht Englisch, auch Deutsch nur ausnahmsweise, sie bedienen sich ihrer Muttersprachen – ja, da staunt der Laie. Man muss ihre Rede für unsereins übersetzen, aber warum das auf dem Umweg über Englisch besser gelingen sollte als direkt ins Deutsche, erschließt sich dem Publikum nicht.

So hat der Vortrag im Chinesischen Pavillon einen weiteren Beleg geliefert, dass unsere Sprache auf dem Rückzug in die Bedeutungslosigkeit der Ziellinie immer näher kommt. Da sagt man es lieber falsch über die englische Sprache als um Präzision bemüht in der eigenen. Na und? In einer der klügeren Wortmeldungen nach dem Vortrag fiel das Wort level, gemeint war Niveau, kurz darauf kamen „lebbel“ zur Sprache, gemeint waren labels = Etiketten, akustisch von level nicht zu unterscheiden. Nun denn, wenn wir unsere Muttersprache als entbehrlich abwerfen und ersatzhalber das Englische nur auf dem zweithöchstem Lebbel gebacken bekommen, haben wir unseren Lewwel der geistigen Bedeutungslosigkeit bereits verdient.

Wir können das Thema Muttersprache bald begraben. Die Linken und die Grünen halten die deutsche Sprache für ein bürgerliches Thema mit rechtslastiger Schieflage (ihren Marx kennen sie nicht, Brecht bedeutet nichts und von Tucholsky haben sie keine Zeile gelesen), die Christ- und die Sozialdemokraten verpennen die Sprachfrage (war da was, da war doch was, so mit Rechtschreibung, oder wie?), allen gemeinsam ist das politische Flachsprech, das mit der deutschen Sprache allenfalls die Benutzeroberfläche teilt.

Ihr werdet euch noch wundern, was Ihr mit der Muttersprache entsorgt habt. Sicher, manches im Leben ist ersetzbar, aber nicht alles. Statt Kaffee geht Tee, statt Kupfer genügt für Kabel Aluminium, statt Weizen schmeckt auch der Reis. Energie ist durch nichts ersetzbar, Sprache auch nicht. Da gibt es nur die Wahl zwischen Sprache, in der man Gedanken fasst und Taten vollbringt oder einem Wischiwaschi, das zum Leiken und Teilen genügt.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 63 (III 2014)

Oliver Baer @ 09:42
Rubrik: Gesellschaft
Fähns und Fenns sowie Zuschläger

Beitrag vom 5 Juni 2014

Hulig'n unterwegs zum Rudolf-Harbig-Stadion (© Behland)

Anglizismen gedeihen am schönsten, wenn beim Sprecher wie beim Hörer das Gehirn in die Halbzeitpause verschwindet. Da stört kein Denkversuch die eingefahrenen Sprachmuster.

Ein Beispiel dafür sind die Fans von Dynamo Dresden. Zwar trennt der Autor des folgenden brav die Böcke von den Schafen: „Teile der Fanszene haben also mal wieder das Bild bestätigt, das Fußball-Deutschland sowieso von Dynamo Dresden hat – ungerechterweise allerdings von dessen gesamter Fanszene.“ (in Spiegel Online unter dem Titel: Randale bei Dresdens Abstieg: Getroffen bis ins Mark)
Dennoch findet der Autor keinen Weg aus dem Dilemma, dass Fans und Fans zweierlei Kreaturen sind.

Auf die Idee ganz einfach zwei Wörter für zwei verschiedene Gruppen von Menschen zu verwenden, kommt er nicht. Notfalls könnte er sich beim Englischen bedienen und die Fans von den Hooligans unterscheiden. Diesen Unterschied begreifen sogar Sportreporter: Fähns, liebe Leute, sind die Anhänger eines Vereins, sie bezahlen Eintritt, damit sie ihren Verein spielen sehen und feuern ihn an, sie bringen die Kinder mit und verzehren geschmacksarme Bockwürste. Huhlig’ns unterscheiden sich von den Fähns, indem sie über den Durst trinken und weniger das Spiel als die Randale schätzen, meistens nur diese, und den Anlass dafür schaffen sie sich notfalls selber. Womit sie an Tucholskys Beschreibung des Hundes erinnern:

„Der Hund bellt immer. Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlaß hat, erbellt er sich einen.“

So erbellen sich die Huhlig’ns ihre eigenen Befindlichkeiten, zu denen eine jedenfalls nicht zählt: die Vereinstreue. Sonst würden sie brav mit den Fähns leiden, still den Heimweg antreten und einander versprechen bessere Menschen zu werden, vorausgesetzt Dynamo steigt nicht ab.

Dynamo ist aber abgestiegen, und nun wäre es zur Abwechslung ganz nett, wenn die Medien aufhörten die Fähns mit den Huhlig’ns zu verwechseln – das kann so schwer nicht sein. Oder? Für Hooligan schlägt mein Wörterbuch vor: der Krawallmacher, der Rabauke, der Randalierer, der Rowdy, ich füge hinzu: der Zuschläger. Wenn es schon Lehnwörter sein müssen: Männliche Fähns sind aficionados, weibliche sind aficionadas, zu deutsch: Kenner, auch Liebhaber. Jedenfalls ist es grotesk, wenn man die Fähns haften lässt für die Taten der Huhlig’ns. Das ist sozialpädagogisch so nahrhaft wie für die Gesundheit ein Teller Cornflakes.

Andererseits muss man verstehen: Bei Blutleere im Hirn gedeihen keine Gedanken, nur Reflexe, und falls die Sprache eine solche Ödnis wiedergeben muss, genießen wir schon, wenn die Leute ihre Anglizismen richtig aussprechen: Fenns ist schon mal total falsch, richtig ist Fähns mit langem Ä, und die Huhlig‘ns sind keine Huligääähns, sondern Blödmänner, die im Stadion nichts zu suchen haben, sondern in eigene Kampfstätten draußen im Grünen gehören, wo sie nur mit Schlägerausweis eingelassen werden.

Wenn ihr die Huhlig’ns so loswerdet, dürft ihr von mir aus die Fans auch Fenns nennen …

Oliver Baer @ 21:05
Rubrik: Gesellschaft
Es spielt doch eine Rolle

Beitrag vom 14 April 2014

Wenn zwei Dinge weder dasselbe noch das Gleiche sind (© Fotolia)

Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir eine Sache benennen und welche Wörter wir uns verkneifen. Wie Jürgen Trabant ausführte [1], ist es nicht das Gleiche, ob uns eine Person als Freiheitskämpfer oder als Rebell vorgestellt wird.

„Das kann man nicht vergleichen!“ klingt hohl. Der Satz enthält so viel Kalorien wie: „Nachts ist es kälter als draußen.“ Wer A und B für unvergleichbar hält, musste zuerst was tun? Er musste A und B nebeneinander stellen und vergleichen, sonst hätte er zu seinem messerscharfen Schluss nicht gelangen können, dass man A mit B nicht vergleichen könne. Gemeint hat dieser Hohlsprecher etwas anderes: Man könne A mit B nicht gleichsetzen. Tatsächlich sind vergleichen und gleichsetzen nicht das Gleiche, und woher wissen wir das? Indem wir die Bedeutung der Wörter nebeneinander … wie gehabt, siehe oben!

Wer das Wort gleichsetzen aus seinem Wortschatz streicht und vergleichen sagt, wo gleichsetzen korrekt wäre, der halbiert an dieser Stelle sein Denkvermögen. Vergleichen brauchen wir zum Überleben: Zielt dieser Kerl mit der Stange auf meinen Kopf oder will er bloß den Mond weiterschieben – gehe ich in Deckung oder lade ich ihn zu einem fidelen Bierchen ein? Wer sich verbietet, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins und Maos zu vergleichen, dem fehlt die Erkenntnis, dass auch Pol Pot in die Kategorie „Massenmörder“ gehört: Gemessen an der Gesamtbevölkerung, hat er mehr Menschen auf dem Gewissen als die anderen Verbrecher. Wir aber lassen solche Leute an die Macht kommen, lassen uns von ihnen täuschen, wir lassen ihre Massaker zu, und hinterher behaupten wir einfach, das könne man alles nicht vergleichen. Sehr praktisch.

Gut ist auch der „Russlandversteher“ oder „Putinversteher“. Anlässlich Obamas Besuch mussten die Dresdner Bürger hinnehmen, dass die Stadt weitgehend stillgelegt wurde; die Gullideckel waren verschweißt, der Verkehr wurde weiträumig umgeleitet, alle hielten den Atem an: Der ist bald wieder weg! Als hingegen Putin zuletzt in Dresden war, begrüßten ihn zwar Dresdner Bürger mit „Mörder“-Rufen (wegen der Journalistin Politkowskaja). Trotzdem verließ er am Morgen sein Hotel, spazierte gut zwei Kilometer durch die Altstadt, überquerte lose aufliegende Gullideckel und kehrte bei einem Bäcker ein. Ungezählte Dresdner haben ihn erkannt: „Hier liest Putin bei Kaffee & Schnecke die Morgenpost“. Will sagen: Einem Vladimir Putin droht man nicht, dazu hat der Mann zuviel Courage. So einem schlägt man sofort auf die Nuss, oder man lässt es bleiben; man steht nicht herum und schaut gefährlich drein. Am besten, man überlegt sich etwas Klügeres als ein Gerede, dessen Hohlräume dem Gegner bekannt sind.

Nach Jahren einer sagenhaft ungeschickten Russlandpolitik seitens der EU, der NATO, der USA und ihrer eigenen Regierung haben viele Deutsche das Recht, die Weisheit der Oberen zu bezweifeln. Ob sie selber klüger wären, sei dahingestellt, aber diese Bürger als Versteher zu verunglimpfen, ist ganz einfach saudummes Zeug. Derartige Sprachregelung dient nur einem Zweck: Es gibt Gedanken, die dürfen uns gar nicht erst kommen, und wenn, sollen wir uns wenigstens schämen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne Versteher? Kann ich mich in den Kerl mit der Stange hineinversetzen? Wenn nein, sollte ich die Straßenseite wechseln. Was die Sprachregler meinen, ist etwas anderes: Sie möchten nicht, dass wir Putins Verhalten billigen, rechtfertigen, unterstützen. Dann sagt es doch, ihr Lautsprecher, statt mit amputiertem Wortschatz euer Denken zu beschränken!

Übrigens: Äpfel und Birnen sind Obst.


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[1] Feige Rhetorik, Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014_blank


Diesen Beitarg konnte man auch in den Sprachnachrichten des VDS lesen: Nr. 62 (II 2014)

Oliver Baer @ 21:17
Rubrik: Gesellschaft
Schlimmer als die verpatzte Energiewende

Beitrag vom 7 April 2014

very strong engländisch (© Behland)

Wie Zocker verspielen wir eine Ressource, ihr Verlust wird uns teurer zu stehen kommen als die verpatzte Energiewende.

Unsere Enkel werden fragen, warum wir die Muttersprache nicht auf dem Niveau hielten, das die deutschen Nobelpreisträger (darunter viele Juden) des vorigen Jahrhunderts verwendeten. Sie werden fragen, was wir unternahmen, damit nicht jeder fünfte Jugendliche schon sprachlich am Fahrkartenautomat versagt. Warum Wissenschaftler in schlechtem Englisch statt zuerst in gutem Deutsch publizieren.

Die Antwort: Wir ließen zu, dass die Muttersprache mit dem Vaterland zu einem Eintopf verrührt wird; der schmeckte braun, da fraßen wir lieber junk food aus Amerika.

Was wir mit Englisch anstellen, eignet sich zum Blödeln, nicht aber zum Denken. Gerade die deutsche ist eine jener Sprachen, die ihre Sprecher zum genauen Ausdruck ermuntern. Sie schubst, zügelt, quengelt: „Sag, wie es ist!“ Damit einher geht das klare Denken. Man kann in jeder Sprache Flugtechnik so beschreiben, dass die Flieger nicht vom Himmel fallen, in manchen aber geht es besser. Das beweisen die synoptischen Texte des Normenausschusses Luft- und Raumfahrt. Aus seinen Arbeitstreffen berichtete Gerhard Junker: „Das Ergebnis war stets: Kürzester Text war der englische, aber selbst die sprachstolzen Franzosen befanden: Der beste Text ist der deutsche.“

Das hat nichts mit Nationalismus, sondern mit realen Eigenschaften der Sprachen zu tun. Das Englische eignet sich zur leichtfüßigen Verständigung; deshalb ist es – trotz seiner vertrackten Rechtschreibung – die geeignete Weltsprache; für diesen Zweck wäre das Deutsche zu sperrig, besserwisserisch, es bremst die Verständigung. Andererseits kann man im Englischen mühelos zehn Minuten schwafeln, bis die Hörer merken: Der sagt ja nichts! Auf Deutsch wäre der nach einer Minute entlarvt.

Es gibt keine besseren und schlechteren Sprachen, es gibt Werkzeug für diesen oder jenen Zweck. Deutsch müsste aufgrund seiner Eigenarten eine bevorzugte Sprache der Wissenschaften sein (wie sie es war, bevor die Nationalsozialisten das Renommé der Deustchen verspielten). Akademiker fallen lieber auf die Behauptung herein, dass die englische Weltsprache dem Austausch von Wissen am besten diene. Solchen Unfug nennt man Monokultur, das Gegenteil von geistiger Vielfalt. Zudem beherrscht weltweit nur eine überschaubare Zahl von Akademikern so gutes Englisch, dass mit Amerikanern ein Austausch auf Augenhöhe gelänge. In dem frommen Glauben, das alles geschähe folgenlos für ihre Wissenschaft, formulieren deutsche Akademiker in ihrem Stummelenglisch. Ihre deutsche Terminologie verarmt und die Zusammenhänge radebrechen sie. Das Volk, das sich bei dieser geistigen Auszehrung der verbleibenden Restsprache bedient, hat zur Lösung der Weltprobleme bald nichts mehr zu bieten als eine verlängerte Werkbank.

Schuld an dieser Misere tragen nicht nur die Grünen und Linken, die nicht begreifen: Die geistigen Ressourcen zählen zu den endlichen Rohstoffen, sie müssen ständig erneuert werden. Wer glaubt, die Sprache „entwickle sich vonselber“, verhält sich wie der Faulpelz, der seinen Garten sich selbst überlässt: Sieger ist das „Unkraut“. Schuld tragen indes auch die Sprachschützer, denen der Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland nicht einleuchtet. Sie machen Sprachpflege zu einer deutschnationalen Angelegenheit, so als würde unsere Muttersprache nur in Deutschland gesprochen. Nebenbei: Die Sprache der Nazis war kein gutes Deutsch, sondern ein Gruselsurium der Aufgeblasenheit, auf die man hereinfiel und hereinfällt, statt die Unwörter zu jäten.

Dass es bei liederlicher Sprache mit dem Denken bergab geht, ist in den Gesprächsforen des Internets zu besichtigen: Leere im Hirn, Mangel an einfachster Logik und Verfall der Sprache treten gemeinsam auf. Dagegen hilft, liebe Leute auf der Linken, auch nicht Euer geliebtes Englisch. Warum? Weil Schrumpfenglisch nicht genügt und gutes Englisch nur auf Grundlage der gepflegten Muttersprache gedeiht. Das zu kapieren kann so schwer nicht sein…


Der verstorbene Dipl.-Ing. Junker war Gründungsmitglied des Vereins deutsche Sprache

Oliver Baer @ 14:39
Rubrik: Gesellschaft
Auge um Auge

Beitrag vom 19 März 2014

Sprachfreunde lassen grüßen: Wie schön, dass wir euch nicht mehr ertragen müssen!(© Behland)

Heute wird mal nachgetreten, zwar freudlos aber gleich zweimal, da sich zwei Gegner der gepflegten Muttersprache in die Bedeutungslosigkeit verabschieden.

Der erste Fall betrifft Sebastian Edathy, aber nicht wegen der Sache, die ihm politisch das Genick gebrochen hat. Da er sich beklagt über die kalte Schulter, die ihm die SPD bietet, erinnere ich mich an eine TV-Runde, wo Edathy „Deutsch ins Grundgesetz!“ routiniert abwimmelte. Bekanntlich darf man auch über Deutsch als Landessprache verschiedener Meinung sein. Edathy aber vergriff sich gleich dreimal: Im Ton, der war anscheinend sachlich (anmaßend); in der Wahl seiner Argumente (längst widerlegt); und er vertat sich in der Temperatur (eisig). Bestens bekannt ist diese Kombination von der Blasiertheit der Politiker, die „keinen Handlungsbedarf erkennen“ und nie auf das Argument eingehen, sondern nur eines tun, das aber geübt: den Gegner mundtot machen. In der Erinnerung aus der Gesprächsrunde (s.unten) bleibt die Eiseskälte des Abgeordneten Edathy. Vielleicht erntet er von seiner Partei nur, was er auch dort gesät hat?

Der andere Fall betrifft Alice Schwarzer, deren Steuerprobleme hier ohne Belang sind. Wolf Schneider zählt sie zu den Persönlichkeiten, die den größten Einfluss auf die deutsche Sprache ausgeübt haben (neben Martin Luther und Konrad Duden). Um die Sprache geht es ihr aber nicht, sie missbraucht sie als Werkzeug (genau wie die Politiker). Auch das Schicksal der Frauen kümmert sie nicht, sonst wäre ihr Feminismus kein Krieg, sondern eine Annäherung zum friedlichen Ausgleich, also ein Erfolg. Was will Alice Schwarzer? Sie will piesacken, manipulieren, Macht ausüben, das hat sie selber vielfach bewiesen. Falls Sie das nicht glauben, schauen Sie doch genauer hin.

Was man statt mainstream gendering tun könnte, um zu einem – für Alle erfreulichen – Erfolg zu kommen, hat in einem Beitrag über Frau Schwarzer so wenig zu suchen wie eine Anleitung zum Getriebewechsel. Das sag ich als Sohn einer alleinstehenden Mutter, die zur Kontoeröffnung eine Erlaubnis ihres Mannes vorlegen sollte, und als Ehemann einer Frau, deren alleinstehende taubstumme Mutter sich genauso wenig unterbügeln ließ. Da bleibt unser Blick auf Schwarzers Feminismus trocken. Tragisch: Solcher Unfug entfremdet die Sprache von ihren Sprechern (zu Fuß Gehende statt Fußgänger). So viel Machtausübung stand dieser Frau nicht zu. Und Zigtausende, die unseren Müttern nicht das Wasser reichen könnten, sind der Schwarzer nachgelaufen. Na, vielleicht hat sich das endlich erledigt.


Die Diskussionsrunde im Fernsehen: Deutsch ins Grundgesetz – Überflüssig oder überfällig?, Phoenix Runde, 17.11.2010, Anne Gesthuysen diskutierte mit Prof. Monika Grütters (CDU), Sebastian Edathy (SPD), Wolf Schneider (Journalist und Sprachkritiker), Rudolf Hoberg (Gesellschaft für Deutsche Sprache).

Oliver Baer @ 19:05
Rubrik: Gesellschaft
Für Nachäffer kaum geeignet

Beitrag vom 16 Januar 2014

Null Bock auf politisch korrekte Poesie (© Behland)

Gutmenschen in Parteien, Gewerkschaften, Schulbehörden und Universitäten verachten die Sprache, in der Karl Marx schrieb, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Stefan Heym, Jurek Becker, Christa Wolf, sowie Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer und Rafik Schami.

Im kleinen Kreise saß schweigend eine junge Dame, deren Glas selten nachgefüllt wurde, bis sie sich räusperte und fragte: Ob der Diskus, dem sie da beiwohnt, mit etwas anderem irgendetwas zu tun habe? Will sagen: Hat die deutsche Sprache irgendetwas mit Deutschland zu tun? Die Antwort geben uns Einwanderer aus Anatolien und Andalusien. Sie merken schon am Tag ihrer Ankunft: Für den täglichen Umgang eignet sich die Landessprache, nur sie ist das Medium, in dem die Eingeborenen aus Augsburg und Aachen miteinander sowie die Einwanderer untereinander verkehren.

Aber leider ist Deutsch natürlich politisch total unkorrekt, die Sprache der Nazis. Es ist schon kaum unglaublich, was sich diese Ausländer in unserem Land leisten. Politisch korrekt ist, dass die Eingeborenen die Einwanderer als Nomaden bezeichnen, als „Menschen mit Migrationshintergrund“, als würden diese fortwährend migrieren. Guckstuhier Schweinfresser: Immigration ist Einwanderung, Emigration ist Auswanderung; demnach kann ein Migrationshintergrund nur was sein? Richtig, ein nomadischer.

Fremdwörter verwechseln und Deutsch verachten – das wird die Leitkultur weiterbringen!

An den Schulen wird nämlich immer mehr Englisch unterrichtet, gestrichen wird bei den Deutschstunden. Seltsam, es bestreitet kein Pädagoge: Sämtliche Fächer, von der Mathematik bis zu den Fremdsprachen, lernen die Schüler auf welcher Grundlage am besten? Richtig, auf Grundlage der Muttersprache. Auch wenn das einer politisch korrekten Minderheit nicht in den Kram passt: Das ist nunmal Deutsch, nicht Englisch, nicht einmal Türkisch. Deutsch ist hier beides: Muttersprache und Lingua franca.

However, dear friends, in diesem Lande gibt es welche, die mit Deutsch viel anfangen: Sie zählen zur Poetry-Slam-Szene. Da gehen Sie als Purist natürlich nicht hin, wasndasfürnwort! Schade, dabei ist Poetry Slam die letzte Bastion der Muttersprachler, die auf Deutsch noch Neues schöpfen, und sich dabei mit Fremdwörtern gut auskennen. Wie kommt es zu dieser Wiederentdeckung unserer Sprache? Wollten diese Wortkreativen dasselbe so geistreich und so zügig auf Englisch über die Rampe bringen, müssten sie es drauf haben wie Shakespeare himself, sie müssten native speaker sein, nicht Nachäffer seiner Sprache.

Poetry Slam gelingt in der Muttersprache und nur dort. Also, liebe Spracherhalter, gehet hin und mehret Eure Kenntnis! Vielleicht begegnet Ihr denen von der Schulbehörde. Sonst müssten wir diesen ans Herz legen: Wenn Euch das Deutsch so ekelt, seid standhaft: Sprecht Euren Gutmenschen-Bullshit auf Englisch, aber bitte fehlerfrei, if you don’t mind!

Grübelanstoß: Zum Jahresende 2013 enthielt die Wikipedialiste der auf Deutsch schreibenden türkischen Schriftsteller 267 Autoren.


Dieses gab es auch zu lesen in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 61 (I 2014)

Oliver Baer @ 14:30
Rubrik: Gesellschaft
Politiker im Internet: willenlos

Beitrag vom 20 August 2013

Wer ist noch wählbar? (Bild: Fotolia)

Meine Website wurde wiederholt böswillig attackiert und zeitweilig lahmgelegt. Das geht zur Zeit vielen so, meist kleinen Betreibern, die wichtigeres zu tun haben als ihre WordPress-Software alle Nase lang gegen solche Angriffe zu immunisieren.

Also selber schuld? Ich bin solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Kriminelle und Geheimdienste haben freie Bahn. Ist bei der Regierung der politische Willen wahrzunehmen, dass sie ihre Bürger vor solchem Ungemach künftig schützen werde? Ihr fehlt der Wille. Auch das Vermögen, das Netz ist für sie „Neuland“, darauf ist Frau Merkel sogar stolz.

Die Opposition ist keinen Deut besser. Man könnte den Eindruck gewinnen: Im Netz ist bald nur noch willkommen, wer so flach wie Facebook daherkommt oder wer für befreundete Geheimdienste arbeitet (oder beides).

Bedenkt man den Aufwand, mit dem unsere Telefonate, SMS, Mails usw. den Spionen überlassen werden, sieht man eine Schieflage, die offenbar keiner mehr korrigieren möchte. Falls demnächst vom Internet nur Facebook und Google übrigbleiben, dazu der Schwachsinn von den Parteien, verliere ich mein Interesse am Netz. Dann wird es wieder Samisdat geben – alles schon dagewesen.

Oliver Baer @ 21:41
Rubrik: Gesellschaft
Dafür gibt es kein deutsches Wort

Beitrag vom 20 August 2013

Den wo es nie gab, den gibt es doch. (© Behland)

Zur Rechtfertigung eines Fremdwortes gibt es ein Argument, das sticht immer: „Dafür giiibt es kein deutsches Wort, echt, giiibt es wiiirklich nicht!“ Sogar gestandene Sprachbewahrer gehen ihm auf den Leim, wenn auch mit verdrossenem Schweigen.

„Der shitstorm habe eine Benennungslücke gefüllt“, erklärte der Germanist Michael Mann schon 2012 […]. „Das heißt, es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet.” (Welt vom 15.8.13). Recht hat er, tagsüber scheint die Sonne, nachts nicht. Aber nun aufgewacht! Dass es kein deutsches Wort gebe, ist als Argument nicht falsch, es ist nur saublöd. Für eine neue Sache, für einen neuen Begriff gibt es kein Wort, kann es nicht geben, denn das Ding ist ja neu. Sieh mal an!

Das ist immer so, in jeder Sprache. Dagegen ist wenig einzuwenden, wenn das Neue aus einem anderen Kulturkreis stammt und sein dort geprägtes Wort mitbringt, wie die Jeans aus Nordamerika. Bei Karstadt und Kaufhof gab es ab 1958 Hula-Hupp-Reifen, eine anscheinend hawaiianische Erfindung, die Lesern heutzutage als hoola hoop bekannt sein mögen. Nun ja, früher hat man Lehnwörter noch willkommen geheißen und sie eingebürgert, sprich eingedeutscht, wie sich das gehört.

In Wirklichkeit gibt es Reifen dieser Art seit Jahrhunderten, da waren bäuchliche Rotationen aus Hawaii hierzulande noch unbekannt. Das Wort hoola hoop hatte ein Geschäftsmann zwecks Vermarktung seiner Plastikringe erfunden (apropos „auf den Leim gehen“). Das erinnert an den Weihnachtsmann. Den gibt es nicht, aber seit Coca Cola ihn als Geschenkeanschlepper in Ferrari-Rot bewirbt, glaubt alle Welt an den Weihnachtsmann, statt sich, was richtiger wäre, an Nikolaus von Myra zu erinnern, der übrigens tatsächlich gelebt hat.

Müssen wir auf jeden Verkäuferschnack hereinfallen? Jetzt fehlt nur noch, dass wir das total uncoole Wort Hähnchen durch McNuggets ersetzen. Sollte es sich bei einem neuen Wort aus den Vereinigten Staaten ausnahmsweise nicht um einen Trick aus der Marketingkiste handeln, sondern um eine wichtige Neuschöpfung wie den stalker, gäbe es indes folgendes zu bedenken, und das ist der Zweck dieses Beitrags:

Eine Sprache der wir es nicht mehr erlauben, für den stalker ein Wort aus dem eigenen Schatz der Erbwörter zu bilden, weil wir uns zuerst bei einer anderen Sprache umsehen, liebe Leser, von so einer Sprache kann man eines nicht mehr behaupten: dass sie noch lebe.

„Dafür gibt es kein Wort im Deutschen“ taugt als Argument zur Verteidigung von Lehnwörtern überhaupt nicht. Man könnte das Argument umdrehen und als Aufforderung verstehen: Hier ist etwas Neues, finde dafür das angemessene Wort! Den stalker gab es nämlich auch im Englischen nicht. Es gab das stalking, so nennt man, was der Jäger mit dem Hirsch anstellt: ihm nachstellen. Für den neuen Straftatbestand der fortgesetzten Belästigung gaben uns die amerikanischen Wortschöpfer mit dem stalker eine klassische Steilvorlage: stalking = nachstellen, also stalker = Nachsteller, ein Direktschuss auf das Tor. Falls jetzt noch einer einwendet: „Aber das gibt es tatsächlich nicht im Deutschen!“ soll er ruhig beim Weiterlesen die Augen fest geschlossen halten.

Linguisten verweisen gern auf die Regeln, nach denen jede „lebendige“ Sprache neue Wörter bildet. Damit haben sie völlig recht, und diese enthalten auch, dass man sich in anderen Sprachen umsieht. Peinlich wird es nur, wenn die deutsche Sprache keine Wörter mehr bilden darf. Hierzulande kommt uns der stalker irgendwie cooler vor als der Nachsteller. Was ist so schick am stalking? Die Steilvorlage haben wir in ein Eigentor verwandelt, wider alle Vernunft. Das Nachstellen durch Verwendung eines Lehnworts auch noch verharmlosen! Der Bundestag hat immerhin das Wort Nachsteller in den Gesetzestext aufgenommen. Die Medien und mit ihnen der Volksmund bleiben beim stalker. Beispielsweise der Bericht des SPIEGEL über die Geiselnahme in Ingolstadt enthält den stalker zweimal, stalking dreimal, nachgestellt einmal.

Na und, das darf er doch? Macht nur weiter so. Wenn euer Deutsch nur noch zum Bierholen genügt, und auch euer Englisch zu nichts Besserem taugt, ist es zu spät. Nur die Hochsprache enthält Terminologien für alle Bereiche des Lebens, vom Alltag bis zur Forschung. Armselige Sprache erlaubt kein reichhaltiges Denken.

Ach ja: Statt shitstorm könnte man “Scheißsturm” sagen. Das ist genauso schön oder bescheuert wie die englische Vorlage.


Mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 21:20
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Wat von Jupp nit mehr kommt

Beitrag vom 2 August 2013

Ausnahmsweise ein Nachruf. Josef Braun, der seinen fünfunddreißigtausend intimsten Bekannten nur als Jupp Braun bekannt ist, steht mir zum Blödeln auf Rheinisch nicht mehr zur Verfügung. Gestern ist er in seiner Wahlheimat Helsinki gestorben. Von ihm stammen buchstäblich Hunderte von Quellenhinweisen, denen ich nachgegangen bin für Von Babylon nach Globylon. Ich weiß von Keinem, der ihn von Nahem gesehen hat, wir alle kannten ihn über das Internet und per Telefon. Manche vermisst man besonders stark, ihn noch etwas mehr.


Mehr über das Buch hier auf der Website: „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 18:54
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Because we are such English canners

Beitrag vom 2 Juli 2013

Die alternativlose Klarheit der Wahrnehmung (© Behland)

Im Streit was wichtiger sei, Kenntnisse des Deutschen oder des Englischen, gibt es einen Punktsieg für die Beflissenen der Weltsprache zu verzeichnen. Es sei denn man schaute genauer hin. Sprachen sind aber kein Sport, bei dem Punktrichter entscheiden, wer mehr Schläge einstecken musste. Die Wirklichkeit ist witziger, wie ein Bericht aus dem SPIEGEL belegt.

Der SPIEGEL hatte über das Treiben der Landesbank Berlin (LBB) mit einem amerikanischen Kunden in Kalifornien berichtet. Dieser ist ein Erfolgsmensch aus der Wirtschaft, verheiratet mit einer Deutschen, und auf Englisch so gut zu Fuß, wie es von einem Muttersprachler zu erwarten ist. Den Internetzugang zu seinem Konto hatte die Bank nicht auf die Beine gestellt, also verkehrte man per E-Mail; möglich ist ja vieles, man muss es nur wollen, und bitteschön ein bisserl vorsichtig bleiben.

Ungewöhnlich ist nur: Die Bank ließ sein Konto von Betrügern nach und nach leer räumen. Wie das? Nun, die Betrüger hatten sie ganz freundlich – ebenfalls per E-Mail – dazu aufgefordert.

Die Verkehrssprache zwischen den Gaunern und der Bank war Englisch, genauer: ein dürftiges Englisch, die Korrespondenz strotzte nur so von Fehlern. Die Bank überwies trotzdem stets wohin und wieviel die Gauner in schlechtem und der Kunde in makellosem Englisch anwiesen. Als endlich der Kunde seinen Kontostand zum ersten mal auf dem Bildschirm zu sehen bekam, war das Konto leer. Das fiel ihm auf. Da musste sich jemand anderer bedient haben.

Empfinden wir Schadenfreude, weil da jemand in der Bank nicht genug Englisch draufhatte? Wohl kaum, schlechtes Englisch müsste durchgehen, Hauptsache man versteht sein Fach. Dennoch gibt es Positionen, da zählt die Verständigung in der Welthandels- und Verkehrssprache zur Grundausstattung. Beispielsweise als Bankier im internationalen Geschäftsverkehr. Uns geht der Fall nahe wegen der Pointe, deren Feinheit auch dem SPIEGEL entging: Die Weltsprache ist bei der LBB offenbar gewohnheitsmäßig so übel. Sonst wäre es irgendwem aufgefallen: Der echte Kunde schreibt ausgezeichnetes, die Betrüger schreiben grottiges Englisch, nanu! Auf Deutsch hätte sich das etwa so angehört: „Sie haben meinen Tag retten“. Autsch. Aber der Unterschied fiel keinem auf.

Im Alltag geht es nicht nur der LBB so. Die Ursache ist leicht zu verstehen. Die Welthandels- und Verkehrssprache ist nämlich nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch, wie uns der Linguist David Crystal aus Cambridge versichert. Und Hand aufs Herz: Gutes Englisch verstehen selbst wir beflissenen Deutschen nicht, obwohl bei uns die halbe Bevölkerung treuherzig an die Heilkraft einer perfekten englischen Sprachbeherrschung glaubt. Diese Frömmelei bildet den Hintergrund, vor dem die Universitäten das Deutsche zugunsten des Englischen verdrängen; in der Schule unterrichtet kein Staat seine Muttersprache so wenig wie wir es hierzulande tun, und nirgends foltert man so viele Babys durch Berieselung der Waege mit Frühenglisch von der CD wie in Deutschland.

Der Knoten ließe sich ohne Umstände entwirren. Als erstes unterscheiden wir, wo ein gutes Englisch angebracht ist: Beispielsweise bei der LBB müsste es nur Einer können, ein Mitarbeiter würde genügen. Als zweites entdecken wir: Gutes Englisch (bitte langsam lesen: Gutes Englisch) ist so nötig wie gutes Italienisch. In aller Regel ist ein Luxus, keine berufliche Notwendigkeit. Drittens genügt für die Karriere ein schlichtes (wieder langsam lesen: kein schlechtes) Englisch nicht nur, es ist dem guten Englisch sogar vorzuziehen. Doch, Sie haben es ganz korrekt langsam gelesen: Schlichtes ist besser als gutes Englisch.

Die Wirklichkeit sieht nämlich so aus: Selbst die meisten englischen Muttersprachler (4 Prozent der Weltbevölkerung) beherrschen ihre Sprache nicht, sie gehen noch schlimmer damit um als wir mit unserer Muttersprache. Ähnlich geht es 40 Prozent der Weltbevölkerung, die auf Englisch irgendwie über die Runden kommen müssen, ihr Englisch reicht von schwach bis grottig. Die restlichen 56 Prozent der Weltbürger können überhaupt kein Englisch, nicht einmal „Guten Tag!“ Mit anderen Worten: Das gute Englisch, das fleißige Deutsche zu erwerben suchen, würden sie im Erfolgsfall mit vielleicht 0,1 Prozent aller Weltbürger weltweit teilen – wenn es denn so viele sind. Alle anderen verstehen Bahnhof, sobald Sie Ihr teuer erworbenes Englisch auspacken.

Unser Aufwand für Englisch ist für die Katz, schlimmer: Er schadet jedem, der gutes Englisch wirklich beherrschen möchte oder muss, denn die Voraussetzung für jegliches Lernen (auch der italienischen Kultursprache) ist die Muttersprache. Diese wird hierzulande einer Ideologie preisgegeben, derzufolge Englisch wichtiger wäre. Torten backen ohne Tortenboden, das wird Obstsalat, kein guter. Muttersprache, das sei mal erwähnt, ist hierzulande die deutsche Sprache, zugleich Verkehrssprache zwischen Eingeborenen und Eingewanderten sowie der Eingewanderten untereinander. Falls Sie das Wort Migrationshintergrund vermissen: In meiner Muttersprache sind Einwanderer Einwanderer, nicht Migranten (= Nomaden) mit irgendwelchem Hintergrund.

Ohne gutes Deutsch lernen Deutsche und Einwanderer zu wenig. Auch das Allheilmittel Englisch erschließt sich dem am besten, der mit gepflegter Muttersprache antritt. In den Kultusministerien begreift das keiner, sonst hätten sie schon längst wieder angemessene Stundenzahlen für den Deutschunterricht in den Stundenplänen festgeschrieben. Und noch etwas: Hätten sie es verstanden, dann wüssten sie in den Ministerien: Wir brauchen einige Zigtausend ausgezeichnet ausgebildete Übersetzer und Dolmetscher, die in allen Fällen einspringen, wo wirklich gutes Englisch unerlässlich ist. Sie hätten an den Hochschulen die deutschen Veröffentlichungen in ausgezeichnetes Englisch zu übertragen. Und zwar auf Staatskosten, denn die geistige Infrastruktur eines Hochlohnlandes ist wichtiger als die Autobahnen! Ja was denn sonst? Wer Autobahnen für wichtiger hält als Investitionen in den Geist, bekommt, was er verdient: Schlaglöcher.

Aber nein, lieber blamieren wir uns mit der Zweitklassigkeit, auf die wir zielstrebig zusteuern, seit wir eigene Gedanken kaum noch zustandebringen. Es ist für den Kopf bequemer, die Schablonen aus Amerika nachzubeten, die da lauten: Englisch ist die Weltsprache, man ist international aufgestellt, und überhaupt, alle Welt spricht doch Englisch (außer den Terroristen). Folglich müssen wir eben noch besseres Englisch lernen, und so weiter und so fort. Schablonen als Denkersatz. Aus solchen Schubladen stammt auch: „Man kann es sich ja nicht aussuchen.“ Merke: Unabsteigbar ist auch Deutschland nicht.

Zurück zu dem Kalifornier mit dem Berliner Zweitwohnsitz. Die Sache ist hängig, die Bank hält ihn, den Kunden, für den Betrüger. Die in der Bank sind halt English canners!


Diesen Artikel fand man auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr 59 (III 2013)

Oliver Baer @ 11:08
Rubrik: Unternehmen
Vive le Bockmist!

Beitrag vom 3 April 2013

Gemeint ist ein Assistenzsystem für Fahrende bzw. ein Fahrende assistierendes System. Was kein Affront gegen die Stehenden, also die zur Zeit Parkenden sein soll! (Bild: Fotolia)

„Fummeln,“ belehrte mich der Meister, „ist unsachgemäßes Hantieren.“ Ich wollte widersprechen: sachungemäß! Aber da sah er schon woanders nach dem Rechten.

Zum Fummeln zählt das Getue um eine geschlechtsneutrale Sprache, den Gendergap, den Genderunterstrich, das Gendersternchen (finden Sie alles in der Wikipedia) sowie die Frage, wie man sprachlich Leute unterbringt, die sich ihres Geschlechtes unschlüssig sind. Falls Sie glaubten, das Gefummel werde sich totlaufen: Die neue Straßenverkehrsordnung kennt keine Fußgänger und Radfahrer, nur zu Fuß Gehende und Rad fahrende. Ein Witz? Nein, so fußlahmen bald alle Gesetzestexte, da machen Genderfanatiker den Gesetzgeber zum Affen.

Ursprünglich ging es darum Frauen nicht länger auszugrenzen. Dass sie bei Fußgängern als Fußgängerinnen einfach mitgemeint seien, genügte nicht mehr. Und weil uns dieser Mangel mehr bekümmert als die Finanzkrise, tummeln sich in unserer Sprache bereits Tausende von Landminen der politischen Korrektheit; da ist man will sagen frau im Nu seiner Gesinnung nicht mehr sicher.

Bis der Bürger, der sich im Alltag auch mit echten Sorgen befasst, innehält: Lasse ich mir eine Mogelpackung unterschieben? Da verteidige ich als Mann seit Jahrzehnten jeden Bockmist, wenn er nur der Sache der Frauen dient, und nun das? Sehen wir genauer hin: Geht es um Gleichstellung der Frauen, um Rücksicht auf jene, die am Prenzlauer Berg separate Klos für Unschlüssige benutzen? Nein, es geht um Macht. Es geht darum, dass Frauen, ganz bestimmte Frauen die Gelegenheit bekommen, andere zu piesacken (meistens Männer) mit den immer gleichen Unterbrechungen: „Das heißt nicht Bürger, sondern BürgerInnen!“ (Bürger_innen, Bürger*innen, warten Sie’s ab, da kommt noch mehr).

Bei einigen tausend Mitbürgern (I_*) kommt Geltungsbedürfnis hinzu, eine egozentrische Nischenpflege: „Genderpolitik … ernährt mittlerweile einen riesigen Apparat.“ schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL: Gender-Politik: Mitleid mit Martenstein. Schon leben Viele davon, „dass sie anderen erklären, warum Geschlecht nur ein soziales Konstrukt ist … An deutschen Hochschulen gibt es inzwischen über vierzig entsprechende Institute und Einrichtungen, darüber hinaus hat sich die Gender-Forschung an nahezu jedem (!) geisteswissenschaftlichen Lehrstuhl etabliert. 173 Genderprofessuren gibt es, mehr als für die Slawisten. Auch im Verwaltungsalltag ist die moderne Gendertheorie längst angekommen.“ Lesen Sie Fleischhauers Beitrag und den dort zitierten Beitrag von Harald Martenstein: Schlecht, schlechter, Geschlecht.

Im Biotop der Genderbewegten geht es auch um Geld. Da haben sich bewegte Weiber eine auskömmliche Stellung geschnitzt, die bis zur Rente halten muss. Sie gieren nach unserem Kotau, sie brauchen die Bestätigung von außen, dass ihr Treiben vielleicht doch Hand und Fuß habe, und wir nähren sie, indem wir sie beachten. Die meisten Kalorien beziehen sie aus unserem Protest, auch aus meinem Widerspruch. Allerdings ist ihr Beitrag zu einer besseren Gesellschaft keinen Pfifferling wert. Symbolik behält ihren Wert durch sparsamsten Gebrauch. Sonst verflacht sie zur Agitation und gebiert die typischen Lippenbekenntnisse, die sich so anhören: „Liebe G’nossen und Nossen’n!“

Schade, denn Symbole sind kein Schall und Rauch. Soll uns das Symbol im Kern berühren, etwa bei der Fähigkeit Respekt zu empfinden, müssen wir es auf seltene Auftritte beschränken. Aber das wäre nicht im Interesse der genderbewegten Geltungsdränglerinnen: Sie brauchen die fortgesetzte Missachtung der Frau. Ja, sie hätten sonst nichts mehr zu tun. Ihre Institute könnte man schließen, keiner würde ihr Fehlen bemerken. Männer und Frauen könnten tun, was es zu tun gibt: erfolgreich Zusammenleben, miteinander zurechtkommen, nicht sofort auseinanderfallen, mal was ganz Neues: Mit dem Männlichen und dem Weiblichen umgehen, das in jedem von uns steckt!

Frauen und Männer sind sprachlich zu unterscheiden, wo es Sinn stiftet: bei Frauenparkplätzen, bei Gehälterdiskriminierung, beim Nachstellen, beim Vergewaltigen. Deshalb gilt logisch der Umkehrschluss: Wo keiner hervorgehoben wird, kann das Gesagte nur für alle gelten – welches wir hier hervorheben: für ALLE, sogar die Männer. Sonst müssten wir betonen, dass es auch für die Rothaarigen gilt, und für Roma (und Sinti).

So lenkt man und frau man und frau von den echten Problemen ab.


„Wie sah der Dieb/die Diebin aus, der/die sich mit Ihrem Fahrrad davongemacht hat?“ – „Das war eine Frau. Äh, oder ein weiblich gekleideter Mann. Oder ein Transgender, ja eben, warum nicht? Wachtmeister*in, ham Se erst ma’ne einfache Frage¸ zum Aufwärmen?“


Diesen Beitrag gab es auch in den VDS-Nachrichten Nr 60 (IV 2013) zu lesen.

Oliver Baer @ 20:10
Rubrik: Gesellschaft
Architekten wären demnach Naturisten?

Beitrag vom 27 März 2013

Dieser Humbug ist weder Englisch, noch ist er Deutsch, er ist nur noch Gestammel. Wer sich so äußert, hat nichts Erhebliches mehr mitzuteilen.

Käme irgendwer auf die Idee, die Architektur als etwas Natürliches zu bezeichnen? Als etwas, das auf natürliche Weise wächst, das sich entwickelt, und dagegen könne man nichts machen?

Und wenn das Ergebnis eine Aggregation von Gebäuden wäre, worin sich keiner aufhalten, geschweige denn wohnen oder arbeiten möchte, so er die Wahl hätte? Keiner, und sei er noch so plattköpfig, käme auf diesen Gedankoiden. Bis auf die Sprachwissenschaft, dort ist das anders. Dort darf man behaupen, die Sprache sei etwas Natürliches, das auf natürliche Weise … (ach, lesen Sie oben weiter)

Die Zwei könne man nicht vergleichen? Doch, man muss es sogar: Sprache ist etwas Gemachtes, sie ist Kultur, nicht Natur.

Oliver Baer @ 17:27
Rubrik: Gesellschaft
Als Vladimir Špidla das Englisch verweigerte

Beitrag vom 10 Dezember 2012

Der brave Soldat Švejk (Bild: Wikipedia)

EU-Kommissar Vladimir Špidla, der vormalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik, wurde einmal gefragt, weshalb er Deutsch spreche statt Englisch, wie alle anderen im Raum. „Es gibt Gedanken, die kann man nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken. Auf dieses Erfindungsmoment darf Europa auf keinen Fall verzichten.“

Anlässlich eines Vortrags wollte ein Zuhörer die Quelle für dieses Zitat wissen. Ich hatte sie nicht parat, hier ist sie: Cornelia Jolesch: Dolmetschen in Babylon, Süddeutsche Zeitung, 10. März 2005.

Für flüchtige Leser: Damit ist keineswegs nur der deutschen Sprache ein Kompliment gezollt. Dasselbe gilt für Herrn Špidlas Muttersprache. Beispielsweise die geniale Darstellung des Švejk ist sicher nur deshalb so und nicht anders zustande gekommen, weil Jaroslav Hašek auf Tschechisch dachte und schrieb. Er hat uns – im Gewand einer Satire – viel Wichtiges erzählt. Nicht alles kommt in den Übersetzungen zum Vorschein. Eine Ironie der Geschichte sei hier erwähnt: Es war die deutsche Übersetzung von 1926, die den bis dahin wenig beachteten Schwejk zum Weltruhm führte.


Mehr zu dem Thema hier auf der Website: „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 11:51
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Entscheiden auf Englisch

Beitrag vom 29 November 2012

Wenn es wenigstens der versteht, der es hinschreibt ... (Bild: Fotolia)

Bekanntlich hatte sich die Euro-Gruppe erst am frühen Dienstagmorgen auf das erweiterte Griechenland-Rettungspaket verständigt. Den komplizierten Text gab es nur in englischer Sprache. Der Finanzminister drängt darauf, dass der Bundestag schon diese Woche abstimmt.

Noch sind die Abgeordneten nicht von allen guten Geistern verlassen: Sie wünschen die Dokumente in deutscher Sprache zu lesen. Berichtenswert daran ist nur, dass die Sache überhaupt der Erwähnung wert ist. Und bevor hier Einer auf den Gedanken kommt, die Abgeordneten sollten gefälligst Englisch lernen, damit sie die europäischen und internatonalen Dokumente kapieren:

Es ist nicht lange her, dass gestandene Akademiker – in ihrer Rolle als „Banker“ – außerstande waren, den Schrott zu verstehen, den sie einkauften. Der kam auch auf Englisch daher, und da hat sich keiner getraut zu sagen (außer den italienischen Bankiers): Verstehe ich nicht, kaufe ich nicht.

Deshalb gratulieren wir den Abgeordneten des Bundestages, dass sie wissen, wo ihnen der Kopf steht. Unwichtige Dinge kann man ja auf Englisch versaubeuteln, aber wo es an die Nähte geht, muss die Muttersprache her. Vielleicht fällt dem Einen oder Anderen bei dieser Gelegenheit auf, dass die Muttersprache eines Tages nicht mehr genügen wird, falls wir weiterhin alles Neue auf Englisch inhalieren, während auf Deutsch schon die Terminologie fehlt, das Richtige und das Falsche in verständlicher Sprache auszudrücken.

Oliver Baer @ 11:45
Rubrik: Gesellschaft
Schnörkellose Übersetzung – Was hab ich?

Beitrag vom 28 November 2012

Einblick des Patienten in sein Schicksal ist willkommen (Bild: ©cult12 - Fotolia.com)

Drei junge Leute aus dem Dunstkreis der Dresdner TU helfen Patienten, ihren Arzt zu verstehen. Dafür heimsen sie Lob und Preise ein, nun auch den Initiativpreis des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Sie verwandeln Befunde, Arztberichte, Ergebnisse von Untersuchungen in Texte, mit denen der Patient etwas anfangen kann. Das muss er auch, denn ahnungslos ist danach Keiner.

Die belobigte Tat hat etwas Groteskes an sich: eigentlich sollte so etwas nicht Sache von Dritten sein. Am meisten trägt zur Heilung eines Kranken die Beziehung zwischen ihm und seinem Arzt bei. Alles andere ist Mittel zum Zweck. Dafür gibt es Beweise: Der Arzt kann mir Placebos verschreiben, also physikalisch-chemisch nutzlose Substanzen verabreichen und sie lindern doch meine Schmerzen, befördern doch meine Heilung. Warum? Weil sich etwas ereignet zwischen dem Heiler und dem Kranken, das die Heilung in Gang setzt, beschleunigt – oder behindert. Da versagt auch mal der renommierteste Arzt, da gewinnt auch mal der hoffnungsloseste Fall neue Lebenskraft.

Andererseits, man kann sich nicht genug freuen über die Leistung der Drei und der Vielen im Hintergrund. Einen Befund, den Sie als Patient nicht verstehen, schicken Sie an das Portal washabich.de, dann erhalten Sie eine Erklärung, was der Befund bedeutet; darin sind dann auch die lateinischen Vokabeln und Abkürzungen durch Klartext ersetzt. Das ist etwas für mündige Bürger. Damit dieses Angebot wahr wird, beteiligen sich bereits fast 500 Medizinstudenten der klinischen Semester, ausgebildete Ärzte und Psychologen, die ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. In diesem Fall wäre sogar der blöde Begriff Netzwerk angemessen, denn tatsächlich machen sie sich ans Werk, sie leisten etwas – außerdem tun sie es unentgeltlich. Dankbare Patienten können sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.

Mit welcher Logik passt ein Sprachpreis zu dieser wundervollen Initiative? Ärzte untereinander müssen und können nicht anders als in kurzen, formelhaften Wendungen jedes Missverständnis auszuschließen. Eben diese Wendungen versteht sonst Keiner. Es liegt an unserem Krankheitssystem, dass den Ärzten die Zeit, die Neigung, die Energie fehlt, sich mit ihren Patienten so gründlich zu verständigen, dass sich eine Beziehung entfalten kann. Schuld tragen aber auch Patienten, die schon mit der Einstellung das Erwartezimmer bevölkern: „Herr Doktor, Sie müssen mich reparieren!“

Er muss nicht, er kann, und das nur in dem Maße wie es die Beziehung hergibt. Wer seinem Arzt nicht über den Weg traut, muss eine Menge mehr für seine Heilung selber tun. Zur Beziehung brauchen die Beiden schließlich die Sprache: sie muss nicht gepflegt sein, nicht fehlerlos, nicht sauber und muss keinem Deutschlehrer imponieren. Sie muss nur stimmen, nämlich den Weg dafür ebnen, dass sich der Arzt in den Patienten hineinempfindet und, dass dieser Vertrauen in das Bemühen des Arztes zuwege bringt. Wenn die Initiative Was hab ich? etwas von dieser uralten Selbstverständlichkeit wiederherstellt, und sei es nachträglich, so verdient sie einen Haufen weiterer Preise.

Oliver Baer @ 21:37
Rubrik: Gesellschaft
Globisch meinen ohne es so zu nennen

Beitrag vom 25 Oktober 2012

Die Messlatte für die Weltsprache setzt sie in Johannesburg, nicht die gebildeten Weltbürger in Padua, Pamplona und Paderborn (Bild: Baer)

Jürgen Trabant erinnert in der FAZ an die Haltung der Römer. Sie schätzten die Sprache der – kulturell überlegenen – Griechen und bewahrten zugleich ihre eigene Sprache, Latein, und entwickelten es weiter zur dominierenden Sprache Europas.

„Der europäische Weg wäre noch ein bisschen mühsamer,“ fährt Trabant fort, „nämlich der Weg einer europäischen Mehrsprachigkeit, die tatsächlich die Formel der offiziellen europäischen Sprachpolitik M+2F ernst nimmt: M, die ‚Muttersprache‘, bleibt das Gefäß der europäischen Tradition, das in der Nation bewahrt und gepflegt wird. F1, Englisch, ist zu erlernen, aber auf seine internationale Kommunikationsfunktion zu reduzieren, als nützliches Hilfsmittel, als Verkehrssprache. Es brauchte nicht, wie etwa in der aktuellen Intensiv-Anglisierung Deutschlands, mit großem Aufwand in den Rang einer zweiten Muttersprache gehoben zu werden, und es dürfte vor allem nicht die alten Sprachen aus den wichtigsten Diskursdomänen vertreiben.“ (Hervorhebungen durch die Redaktion) Der vollständige Beitrag ist im Netz zu finden: Die Anglisierung der EU – Europa spricht mit gespaltener Zunge

Trabant unterscheidet das Englische vom Englischen, die Kultursprache von der Welthandels- und -verkehrssprache. Damit sagt er, was ich in ‚Von Babylon nach Globylon‘ anrege, mit einem Unterschied: Ich nenne das (nach Jean Paul Nerrière) Globisch, nicht Englisch, damit die beiden nicht verwechselt werden. Sonst muss man sich fortwährend das Argument anhören, Englisch sei nun mal die Welt- und Kultursprache. Nein, „die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,“ sagt der Cambridger Linguist David Crystal. Die Kultursprache Englisch, liebe Leute, ist für nahezu alle, die zu diesem Thema eine Meinung vorbringen, unerreichbar, weil viel zu schwierig, und daher als Weltverkehrssprache ungeeignet: Sie wird weltweit eben nicht verstanden.

Die Sache ist einfach: M+2F bedeutet dann sinnvollerweise für uns: Deutsch plus Globisch plus eine beliebige Fremdsprache, am besten die eines Nachbarn (kann auch Englisch sein, das Kulturenglisch). Mehr dazu gibt es hier.

Oliver Baer @ 11:25
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Anmerkung zur Kindle-Ausgabe

Beitrag vom 20 Oktober 2012

Formatierungen

Die Formatierungen des gedruckten Buches Von Babylon nach Globylon konnten in der Kindle-Fassung nicht in der gleichen Vielfalt verwirklicht werden. Das ist bei E-Büchern nicht zu vermeiden, die Kompromisse sind hinnehmbar. Man kann das Kindle-Buch auch auf dem Rechner lesen (mit der Kindle-Weichware); dort ist die Wiedergabe etwas anders als im Kindle, dasselbe gilt für E-Buch-Lese-Apps. Einige der erzwungenen Formatierungen ergeben keinen Sinn, stören aber nicht allzu sehr.

Vereinfacht zusammengefasst: Ein Sachbuch eignet sich für Kindle nur dann, wenn der Autor beim Layout von vorneherein die Beschränkungen durch Kindle berücksichtigt. Nachträgliches Umrubeln geht auch, aber nur auch. Immerhin ist das Buch im Kindle wesentlich billiger.

Preisänderung

Der Mehrwertsteuersatz (in Luxemburg) ist gefallen, daher der neue Preis.

Empfehlung (Nachtrag)

Besorgt hatte ich mir den Kindle nur, weil ich sehen wollte: Wie sieht aus, was ich da für den Kindle anfertige? Dann habe ich einen Roman nach dem anderen auf dem Kindle gelesen: Eine feine Sache, kein Ersatz für gedruckte Bücher, aber auf Reisen eine willkommene Alternative, sie wäre mir fast entgangen.

Oliver Baer @ 09:51
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Freiheit der Meinung und der Zurückhaltung

Beitrag vom 20 September 2012

Auf einem Grab im Staglieno, dem Genoveser Friedhof (Bild: Baer)

Es gibt neben der Meinungsfreiheit so etwas wie Taktgefühl. Man kann, aber man muss nicht zu jeder Gelegenheit mit einer Meinung herausplatzen, schon gar nicht wenn man genau weiß, dass darauf keine angemessene Reaktion, sondern nichts als Krawall folgt.

Falls jemand Schwierigkeiten mit seiner Entscheidungsfindung hat: Stellen Sie sich vor, die Angestellte der Botschaft, die in Khartum gestürmt werden soll, wäre Ihre Schwester. Würden Sie die berüchtigten Bilder veröffentlichen, denn „eine Zeichnung hat noch nie getötet“? Das sagte Stéphane Charbonnier, Chefredakteur des Charlie Hebdo. Nicht anders hörte sich Charlton Heston an. Er meinte, dass Gewehre keinen Menschen töten.

Stimmt, es ist der Mensch, der den Abzug tätigt. Er hat die Freiheit sich zu zügeln, auch sie unterscheidet ihn vom Tier.

Oliver Baer @ 20:29
Rubrik: Gesellschaft
Globalesisch ist kein Globisch

Beitrag vom 22 August 2012

Globisch sollte man nicht verwechseln mit Globalesisch (executive speak). Auch das Halbenglisch der sprachgebildeten Wissenschaftler genügt nicht für schwierige Verhandlungen oder den Austausch von sensiblen Informationen.

Alles zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 08:52
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Das können Sie sich schenken

Beitrag vom 18 Juli 2012

Hand mit Aipot (Bild: Baer)

Suchen Sie neue Argumente zu Frühförderung, Schulenglisch, Wissenschaftssprache, Weltsprache und Muttersprache, die noch nicht jeder draufhat?

Die finden Sie in Von Babylon nach Globylon, das Buch, das man gelesen haben muss, um über Englisch und auf Englisch mitzureden, ohne sich zu blamieren – das gibt es als E-Buch für viel weniger Euro € als auf Papier gedruckt.

Sie haben I-Phone, Galaxy, Schlepptopp oder einen PC, auf dem Sie das hier lesen? Dann laden Sie das Buch herunter von Amazon, dazu gratis die passende Weichware (ein App), damit Ihr Gerät so tut als wäre es ein Kindle, und schon sind Sie dabei!

So viele schmerzfrei aufgereihte Wörter für so wenig Kohle gibt es nur begrenzt, nämlich fünfzigmal. Die nächsten Fünfzig kosten bereits 1,98 Euro, und so weiter bis zum Originalpreis. Warum biete ich Ihnen dieses Schnäppchen? Damit Sie mir mit steigendem Absatz die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Redakteur bei der ZEIT oder FAZ erinnert: Moment mal, in meinem Stapel lag doch ein Rezensionsexemplar! Sieh an, da isses! Und er guckt und findet und sagt: Dieses Buch ist eine Lobeshymne / einen Verriss wert (Nichtzutreffendes streicht er selber).

Ich habe meiner Tochter beim Herunterladen auf das I-Phone zugeschaut und gestaunt, wie schön sich das liest. Trotzdem ziehe ich das Kindle-Gerät vor; dem Kindle 4 hatte ich bereits eine Lanze gebrochen (mit Bildern). Der Vierer ist die einfachste, die puristische Version des Kindle. Er übersteht den Aufenthalt am Strand, hält tagelang durch, und keiner sieht, dass Sie gerade Shades of Grey lesen, sogar in der prallen Sonne.

Und nun zurück zu den seriösen Beiträgen.

Oliver Baer @ 12:52
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Zweite Sprache ist kein Kinderspiel

Beitrag vom 18 Juli 2012

Kind (ausländisches), im Begriff seine geschriebene Muttersprache zu erwerben (Bild: Fotolia)

Mit Frühenglisch riskieren Eltern die Karriere ihrer Kinder. Sie verzögern die Sprachentwicklung, sagen Sprachforscher in den USA. Sprachen seien kein Kinderspiel, warnt die Psychologin Erika Hoff von der Florida Atlantic Universität: Bilinguale Kinder brauchten länger als Gleichaltrige, um die Muttersprache zu erlernen. Sie haben in beiden Sprachen einen geringeren Wortschatz und tun sich mit der Grammatik schwerer. Das kann sie in Kindergarten und Schule benachteiligen. [1]

Bekanntlich sprechen zwei Argumente für Frühenglisch: Man könne nicht früh genug mit Fremdsprachen beginnen, das sei wissenschaftlich fundiert, lautet das eine [2]. Das andere klingt so: Ohne Frühenglisch fehle den Kindern eine „entscheidende Grundkompetenz“ im Arbeitsleben.

Nur weil es oft genug wiederholt wird, muss es noch nicht stimmen. Bei einem Argument gilt nicht nur, was Einer sagt. Wichtiger ist sogar, wer es sagt: Was qualifiziert ihn zu seinem Argument, und wie glaubwürdig ist er damit? Der Autor meines Buches hat Englisch erst ab der Quarta gelernt (7. Klasse), und er wurde im Berufsleben von englischen Muttersprachlern dafür bezahlt, dass er in ihrer Sprache Texte verfasste. Genügt das?

Ja, ich bin es selber, ich war dort und ich habe das T-Shirt. Und nein: Ich bin nicht besonders begabt. Und ja: Sogar ich mache Fehler.

Es gehört schon einiger Mut dazu, heute bereits zu wissen, welche Kompetenzen die Kinder in zwanzig Jahren brauchen. Diesen Leichtsinn versagten sich sogar die Planer der Sowjetunion, sie begnügten sich mit Fünfjahresplänen. Welchen Betrag wetten Sie dagegen, dass im Jahr 2032 die Sprache der Chinesen weltsprachiger als Englisch sein werde, oder vielleicht Arabisch, oder Russisch?

Seltsam, an dieser Stelle hat noch keiner sein Haus verwettet. Die Zukunft seines Kindes setzt er aber aufs Spiel – ohne einen Augenblick des Zögerns?

Kurzes, aber heftiges Grübeln genügt sodann für die Frage, wieviel an einer „entscheidenden Grundkompetenz“ dann noch „entscheidend“ sei, wenn sie jeder sowieso besitzt. Zum Beispiel Scotland Yard sucht händeringend nach Leuten, die eine Fremdsprache mitbringen; weil in England jeder glaubt, Englisch genüge ja, von wegen Weltsprache.

In Von Babylon nach Globylon besprechen wir den Umgang mit der Mogelpackung: Was die Einen für Englisch halten, ist für Andere armselig und für wieder Andere ist auch das noch zu hoch. Als Weltsprache ist schlechtes Englisch brauchbar (besser ist Globisch, das ist richtiges Englisch mit gewissen Beschränkungen); aber die Weltsprache als „die englische“ durchgehen zu lassen, das ist nicht nur frivol.

Also gilt die Frage: Welches Englisch soll denn als Ziel für unsere Kinder gelten? Das nützliche Globisch oder das unerreichbare Hochenglisch? Gutes Englisch versteht der Kollege in Jaipur mit seinem Weltsprachenenglisch nicht. Zu viel und zu frühes Englisch ist daher für Exportabhängige nicht nur nutzlos, es behindert die Fähigkeit zur erfolgreichen Verständigung, also schadet es der Karriere. Bedenkt man dann noch, dass die Spätstarter die Frühgeförderten in der Pubertät sowieso überholen, hätte man sich die Hysterie um Frühenglisch schenken können – und lieber ordentliches Deutsch gelernt.

Am weitesten herausragen werden jene, „die verstanden haben, dass man nicht eine bestimmte Fremdsprache braucht, sondern die Fähigkeit, immer Neues dazuzulernen.“ [3] Die gepflegte Muttersprache ist dazu die erste Voraussetzung. Wie will man sonst verstehen, worum es geht?


[1] Abendblatt: Wer zweisprachig aufwächst, kann Nachteile haben
[2] WELT Online: Warum Kinder früh Englisch lernen sollten
[3] Neue Zürcher Zeitung: Frühenglisch und Uhrmacherei

Oliver Baer @ 12:37
Rubrik: Gesellschaft
Die reden Russisch und Arabisch

Beitrag vom 18 Juli 2012

Alle Flugzeuge haben nur ein Ziel: ein englischsprachiges Land (Bild: Fotolia)

Wo wimmelt es nur so von internationalem Verkehr? Am Flughafen. Halt, das heißt airport – da ist man international aufgestellt, da wirbt man auf Englisch. Und das ist gut so.

Dann stoßen brand eins-Leser auf einen Beitrag über die Duty-free-Unternehmer Gebrüder Heinemann. Obwohl es zollfreies Parfüm, Zigaretten für Flüge innerhalb der EU nicht mehr gibt, sind sie weiterhin sehr erfolgreich. Märkte sind Gespräche, hat sich dort jemand an Cluetrain erinnert (oder an seinen gesunden Menschenverstand). Zum Beispiel im Hamburger Laden (mit viel englischer Beschriftung) steht Personal je nach der nächsten abfliegenden Maschine bereit: „Vor Flügen nach Russland sind russischsprachige Kollegen vor Ort, die alle Vorlieben dieser Klientel kennen […] Vor Dubai-Flügen sind arabischkundige Verkäufer im Dienst …“

Glaubt man der Logik deutscher Anbieter, fallen die Heinemänner aus der Rolle. Von Tchibo bis Siemens hört man eher Töne wie diese: „Die Weltsprache ist Englisch! Die Sprache der Kunden verwenden, bei Ihnen piepts wohl! Wir quatschen auch unsere deutschen Kunden mitten in Deutschland auf Englisch an!“

Vermutlich weil die Muttersprache der Deutschen (schlechtes) Englisch ist, und sie es aus der Werbung lernen sollen? Oder weil sich über 60 Millionen zahlungskräftige erwachsene Deutsche ihrer Sprache schämen?


Lesenswert, ab August auch auf dem Bildschirm: der Beitrag über die Gebrüder Heinemann: Vetternwirtschaft, brand eins, Juliheft 2012, mit weiteren Hinweisen auf gutes Marketing.

Gebr. Heinemann SE & Co. KG erwirtschaften über 2 Milliarden Umsatz mit 5500 Mitarbeitern weltweit.

Oliver Baer @ 12:23
Rubrik: Unternehmen
Schwedisch für die Schweden

Beitrag vom 18 Juli 2012

Spottolskis Aufenthalt (Bildmitte halblinks) während er gerade nicht in Schweden oder sonstwo ist (Bild: Baer)

Den schwedischen Universitäten geht es an den Kragen. Sie müssen Stellenbewerbungen wieder in schwedischer Sprache zulassen. Diese Wende um 180 Grad wäre Spottolski beinahe entgangen. Er beherrscht ja so etwas wie Englisch fließend und setzt dieses als basiselementare Grundkompetenz voraus (außer bei den Katern vom Oberdorf, was soll’s). So blieb ihm bis vor kurzem verborgen, dass es in Schweden neben den fünf Minderheitensprachen – auch Schwedisch gibt.

Dazu muss man wissen: Schweden liegt oben. Da kommen starke Filme her (Fanny und Alexander, bei den Ohorner Miezen immer wieder ein Straßenfeger), Finnland liegt gleich daneben (ich sage nur PISA!), ferner smörgåsbord, Lisbeth Salander, Forstwirtschaft sowie Mitternacht. Da oben ist was los.

Selbstverständlich halten sich die Universitäten daran, was der Ombudsman verfügt: Keiner darf zur englischen Bewerbung gezwungen werden [1]. Sie hoffen dennoch weiter auf englische Texte. Die Hochschulen könnten nämlich eine angemessene Übersetzung nicht gewährleisten, warnen sie vorsorglich. Falls Sie hier nicht ganz aufmerksam mitlesen: vom Schwedischen ins Englische; denn meist müssten ausländische Gutachter befragt werden. Auf Englisch, das versteht sich, auch wenn sie Deutsche oder Chinesen sind.

An dieser Stelle fiel bei Spottolski der Groschen, außerdem von der Kralle der Thunfisch. So schlecht steht es bereits um das Schwedische, dass wissenschaftliche Angelegenheiten nicht mehr mit Gewissheit korrekt zwischen der Muttersprache der Bürger und der englischen vermittelbar sind? Fehlen da bereits die Worte? Das Können? Die Lust

Die Bürger, bemühte sich Spottolski der Volontärin zu erklären (das ist die mit dem Rock, ältere Leser erinnern sich) – also die Bürger, das sind die, aus deren Steuern die Wissenschaftler und die Labors und so weiter bezahlt werden, klar doch, auch die Forschung. Und die sprechen als Schweden von Hause aus Schwedisch, das ist seit 2009 die Amtssprache. In Schweden. Wo sie Schwedisch schon länger können.

Das mangelnde Schwedisch an den Hochschulen führt dazu, „… dass es viele jüngere Forscher gibt, die über ihre Wissenschaft fast keine anspruchsvolleren Berichte auf Schwedisch verfassen können. Und da kann man sich natürlich fragen, was das für die gesellschaftliche Diskussion zum Beispiel über Klimafragen oder Genforschung bedeuten kann.“ sagt der Vorsitzende des schwedischen Sprachrates, Olle Josephson. [2]

Achtzig Prozent der Schweden hätten fließend Englisch drauf, heißt es weiter [1]. Das wären immerhin mehr als in England, mokierte sich die Volontärin. Auf der Flucht vor dem miesen Englisch ihrer Landsleute ist sie nämlich bei uns gelandet, mitsamt ihren fabelhaften Röcksäumen, da gibt es keinen Stress. Hauptsache ist auf dem Feld, rief Spottolski, in Schland könne das nicht passieren, versicherte er und hob drohend die fettige Kralle: Hier seien die Bedürfnisse des Volkes und der Wissenschaft verzahnt wie zentrale Eckpfeiler, so engmaschig!

Jedenfalls müsse Schwedisch vom Aussterben gerettet werden. Er kenne da eine Mieze in Ljungby, aber das sei ein weites Feld. Spottolski bat daher um Sammlung und sprach gemessen die Worte: „Lieber Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’ andere an!“


Ein alter Hut? Keineswegs: In Von Babylon nach Globylon zitiere ich die Königlich Technische Hochschule in Stockholm, die mittlerweile auch auf andere Weise zur Wiederentdeckung der Muttersprache gelangt ist. Dreimal dürfen Sie raten: Die Studenten verstehen sie besser. Ja doch.

Regionale Sprachen in Schweden sind Finnisch, Meänkieli, Samisch, und die anerkannten Minderheitensprachen sind Jiddisch, Romani sowie die schwedische Gebärdensprache.

[1] New York Times: Ruling Affirms Right to Apply in Swedish for Academic Posts in Sweden

[2] Radio Schweden: Höhere Weihen für das Schwedische

Oliver Baer @ 12:12
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Miro Jennerjahn Nachlese

Beitrag vom 10 Juli 2012

Irrtum, das ist die Flagge des Staates Jemen (für Amerikaner: Das liegt ein Stückchen weiter rechts unten)

Nichts gegen Schläge unter die geistige Gürtellinie von Rechtsextremen, zumal wenn sie vorgeben für die deutsche Sprache einzutreten, von der sie jedoch nichts verstehen. Aber wer zuschlägt, sollte selber Bescheid wissen.

Der Abgeordnete Miro Jennerjahn hatte im sächsischen Landtag mit einer beherzten Rede den Antrag der NPD auf Eliminierung von Anglizismen abgewürgt. Das Deutsche sei seit jeher ein Sprachbastard. Wenn man alles wegräume, was von außen gekommen ist, bleibe nichts mehr übrig, sagte er und zerlegte anschließend das Ansinnen der NPD.

„Allerdings ist alles, jeder einzelne Punkt, den Herr Jennerjahn als Beispiel für seine Behauptung anführt, falsch.“ sagt die Redaktion von Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker. Dort wird Herrn Jennerjahns Rede in allen Einzelheiten zerpflückt – übrigens von einem, der gar nicht in den Verdacht geraten kann, den Rechtsextremen eine Schneise zu schlagen.

Bitte lesen Sie bei Belles Lettres weiter, besonders wenn Sie als Purist auftreten, egal welcher Couleur: Man lernt nie aus. Und was die Herrschaften aus der NPD anbelangt: Sie verstehen von der Sache so wenig, dass sie den Unterschied sowieso nicht bemerken.

Wenden wir uns lieber den Freunden vom Goethe Institut zu: Webguerillas starten den Kampf um die deutsche Sprache (ein reizendes Video, drei Minuten lang). Ich bin bereit alles zurückzunehmen, was ich jemals Unfreundliches über das Goethe-Institut gesagt habe.

Oliver Baer @ 15:43
Rubrik: Gesellschaft
Vexierbild für öffentliche Fußballbetrachter

Beitrag vom 10 Juli 2012

Immer mal wieder ist Schland, das merken sogar wir uns: Im Sommer jeder geraden Jahreszahl ist Wimpel-Time. Dazu gibt es, was Engländer vielleicht open air viewing nennen, gegebenenfalls auch public screening oder outdoor screening.

Vexierbild Teil Eins zu der Frage: Was merkwürdet hier?

Was auf der Zunge nicht so prickelt, ist das Trauerwort public viewing (damit ist eine öffentliche Aufbahrung gemeint, jedenfalls in der Sprache, aus der dieser Begriff zu uns herüberschwappt). Für Rudis Rumpelcombo mag diese Bedeutung noch gegolten haben, für den modernen Fußball aus Schland passt Aufbahrung bestimmt nicht. Pablik Wjuing muss jemand erfunden haben, der auch imstande wäre football mit Kopfball zu übersetzen (und dem dabei nichts auffällt).

Genauer: What stimmt's hier not? Vexierbild Teil Zwei (das ganze ist ein Ausschnitt aus ver.dis Spielplan zur EM 2012)

Gewissermaßen als letzten Abwasch nach dem Iwänt, bietet die baerentatze heute dieses zweiteilige Vexierbild. Was das ist, beschrieb Franz Kafka in seinem Tagebuch 1911: „Das Versteckte in einem Vexierbild sei deutlich und unsichtbar. Deutlich für den der gefunden hat, wonach zu schauen er aufgefordert war, unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu Suchen gilt.“ (siehe Wikipedia)

Haben Sie es gefunden? Steht es für einen perversen, also ganz salonfähigen Selbsthass, oder erkennt der Spezialist einen pathologischen Fall von massenhafter Beklopftheit? Ohne die Antwort abzuwarten, verabschiedet sich die baerentatze mit einem fröhlichen „Auf Wiederschland in zwei Jahren!“ Ein dritter Platz war schließlich auch nicht übel.

Ach so: Haben Sie den Fehler gefunden? Er ist zeitlos.

Oliver Baer @ 15:33
Rubrik: Gesellschaft
Konzerne verlassen sich nicht auf Englisch

Beitrag vom 11 Juni 2012

"Und halten Sie mir bloß die Profis vom Leibe!" (vier Wörter, zwei Fehler; Bild: Baer)

Der Dienst am Kunden, die Markenpflege und die Vergrößerung des Marktanteils bilden den stärksten Antrieb für Großunternehmen in die Leistung von Übersetzern und Dolmetschern zu investieren. Mit Erfolg.

Gelegentlich schlägt bei mir die Bitte auf: Welche Kosten verursacht der von mir so drastisch beklagte gedankenlose Umgang mit der Weltsprache und ob ich dafür Beispiele liefern könne?

Die Frage überrascht mich. Muss man erst beweisen, dass miese Kommunikation Kosten verursacht, sogar Desaster auslösen kann? Es liegt doch auf der Hand: Ein durch Missverständnisse verpatzter Besuchstermin wird durch ein beherztes Telefonat eingerenkt, und die Kosten betragen vielleicht 200 Euro – weiß der Geier – oder 2.000 Euro. Geht der Kunde verloren, weil er nach einem Missverständnis während der Verhandlung lieber bei der Konkurrenz unterschreibt, liegt der Schaden zwischen irgendeinem Betrag und dem Untergang des Unternehmens.

Es wird so bald keine belastbaren Untersuchungen zu dieser Frage geben, denn meist wird den Beteiligten gar nicht erst deutlich, dass Sprache überhaupt eine Rolle gespielt haben könnte, und wenn ja, in welchem Ausmaß sich das ausgewirkt hätte. Es ist Kennzeichen der sprachlich Dickhäutigen, dass sie die kommunikativen Schneisen, die sie auf ihrem Marsch hinterlassen, gar nicht wahrnehmen. Hinzu kommt ihre Eitelkeit, und auch die gelegentliche Erfahrung, dass man Missverständnisse beizeiten bemerkt und – notfalls mit Händen und Füßen – irgendwie ausgeräumt hat. Manchmal, aber nicht immer, vielleicht sogar nur selten – ist das so gelungen. Die Erinnerung täuscht – selektiv. Das hat die empirische Psychologie bewiesen.

Nun aber liegt eine umgekehrte Betrachtung vor: Was haben die Unternehmen davon, wenn sie das Thema Übersetzung ernstnehmen und zu diesem Zweck ihr Budget erhöhen? Common Sense Advisory – Erkenntnisse für globale Martktführer – (CSA) nennt Ergebnisse aus seiner Untersuchung unter den Unternehmen der Fortune 500-Liste. Diese haben ihre Aufwendungen für Translatoren (Dolmetscher und Übersetzer) im Jahr 2011 erhöht trotz der vorherrschenden Ungewissheiten in den Märkten. Und sie taten gut daran. Wer sich so verhält, kommt nämlich mit 1,5 mal höherer Wahrscheinlichkeit in den Genuss besserer Erträge. Dabei sind höhere Umsätze nicht einmal ihr Hauptantrieb. Dieser liegt in der Verbesserung des Dienstes am Kunden, der Markenpflege und der Erhöhung des Marktanteils.

CSA liefert dazu einige Zahlen, die jeden Chef und seinen CFO grübeln machen. Hier nur eine: Drei Viertel dieser Fortune 500-Unternehmen haben sich neue Märkte erschlossen, sei es global oder multikulti im eigenen Land. Das zergeht mir auf der Zunge: Diese Konzerne verlassen sich also nicht auf den Weltsprachenstatus des Englischen. Während hierzulande Übersetzer in Firmenbudgets oft gar nicht vorkommen („Gebensemaher, das übersetz ich selber“), weil die Manager glauben, mit Englisch als Konzernsprache seien sie bestens ausgestattet, stellen sich die Großen längst darauf ein, was Sie bei mir beschrieben finden: Die Lösung liegt in einer je geeigneten Konstellation. Sie sieht im Prinzip so aus:

Muttersprache plus Globisch plus Translatoren

Im Klartext: Die Verkehrssprachen des erfolgreichen Unternehmens sind als erstes die Muttersprachen sowie fallweise Globisch, und sie werden ergänzt um professionelle Dienstleistungen des Übersetzens und Dolmetschens überall dort, wo die Muttersprachen respektive Globisch nicht genügen.

Vielleicht sollte man Von Babylon nach Globylon doch mal gelesen haben? Wer dazu keine Zeit findet: Ich erkläre es auch gern in einem Vortrag, gegebenenfalls gehen wir das in einem Intensivseminar im einzelnen durch. Hier geht es zum Rednerprofil von Oliver Baer (PDF zum Herunterladen). Der o.g. Verweis auf CSA führt zu einem englischsprachigen Beitrag.

Oliver Baer @ 10:38
Rubrik: Unternehmen
Neues Argument ausgegraben

Beitrag vom 11 Juni 2012

Hand sucht zwischen SteinenIn seinem Streben nach Klarheit respektive Wahrheit ist Spottolski auf ein frisches Argument für gegenderte Sprache gestoßen. Zur Erläuterung für die am Dienstag Abwesenden: Da geht es um die Dinger mit dem Binnen-I wie in MitarbeiterInnen oder die so beliebte Nennung beider Geschlechter. Was meist so rüberkommt: „Liebe Gnossen und Nossn!“

Das – bislang vollkommen unverbrauchte – Argument von Frau Dr. Annette Hartmann trifft auf eine klaffende Streitkultur. Sie beklagt, dass der Verein Deutsche Sprache (VDS) die identitätsstiftende Wirkung von Sprache zwar predige, diese aber nicht den Frauen zugestehe (1):

„… bei der Geschlechteridentität ist offenbar bei manchen Vereinsmitgliedern Schluss mit der Bewusstseinsarbeit?“

Da schütteln die Ohorner Miezen ja sowas von den Kopf: Recht hat sie, wie kommt er dazu. Wer? Der Verein.

Sehen Sie, das müssen Sie langsam lesen, sonst wird ein Text wie dieser hermetisch.

Tatsächlich gibt es sogar fertige Regelwerke, wie man geschlechtsneutral zu formulieren habe. In solchen Anleitungen findet sich meist, will sagen fast immer ein Satz wie dieser:

„… geschlechtsneutrale Formulierung … bleibt aber eine Alibi-Handlung, wenn inhaltlich die [geschlechtsneutrale] Berücksichtigung fehlt.“

Recht hat auch die Autorin dieser Zeilen, das bestätigen die Miezen. Wo kämen wir denn hin? Offenbar gibt es da ein Problem, folgert Spottolski, sonst würde es unerwähnt bleiben, nämlich: Lippenbekenntnisse genügen den Frauen nicht.

Aber nein.
Aber ja.

Sparsame Sprache

Klarer Fall, sagt Spottolski, Scherz beiseite: Der Kampf um gegenderte Sprache lenkt ab von der Sache an sich, er lenkt ab vom Respekt der Geschlechter voreinander. Schon wieder nicken die Miezen, sie sind ja nicht bescheuert.

Zurück aber zur Hartmannschen: Sie vergleicht Identität mit Identität, ein anscheinend legitimer Vorgang, betont Spottolski, vorausgesetzt es handelt sich um ein- und dieselbe Kategorie. Das ist hier aber nicht der Fall: Bei ihr steht Identität durch Sprache vis-à-vis der geschlechtlichen Identität.

Wache Leser erkennen hier den Zipfel des Problems: Identität durch etwas vis-à-vis einer Identität als solcher – da hakt etwas, das will so nicht!

Hier hätte uns warmduschende Frauenversteher die gute Frau Hartmann fast an den Weichteilen gepackt. Wir würden ja gerne für Jahrhunderte der Unterdrückung der Frauen Buße tun. Aber dem müsste schon eine ordentliche Beweisführung vorangehen, wir wollen einen rauchenden Colt sehen. Sie aber sitzt einem Fehler auf: Ihr Vergleich der Identitäten läuft nicht, er geht nicht, er fällt flach.

Liegt Klarheit in der Wahrheit? Oder umgekehrt: Seit wann wird der Wein im Fischteich gekühlt? Die Suche nach Argumenten dauert an. (Bild: Baer)

Grundsätzlich kann man alles vergleichen, auch wenn die Leute sagen: „Das kann man nicht vergleichen!“ Doch, kann man, man muss es sogar. Wie sonst stellte sich heraus, ob etwas „nicht vergleichbar“ ist? Äpfel und Birnen bieten – unter dem Titel Obst – einigen Anlass: Etwa den Säuregehalt oder die Versaftungsfähigkeit kann man messen und einander gegenüberstellen. Vergleichen wir aber Wattestäbchen mit Weltraumfahrt, haben sie das große W gemeinsam, sonst nichts.

Keimende Zweifel mannhaft bekämpfen

Zurück zur Sache. Spottolski benötigt keinen Spiegel, um sich seiner männlichen Identität zu vergewissern. Da kommt, er kann es wenden und drehen wie er will, einfach kein Zweifel auf. Sieben Milliarden Menschen sowie einer total unzählbaren Zahl von Katzen geht es wie ihm: Sie haben mit dem anderen sowie mit dem eigenen Geschlecht zwar viele Probleme, nur eines nicht: ein Problem mit der Identität.

Zu einer sinnvollen Abwägung von Interessen kommt es nur, wenn diese derselben Kategorie angehören. Das tun sie hier nicht. Die geschlechtliche Identität (2) haben wir, sie ist ungefährdet. Die sprachliche Identität hingegen hängt in der Luft; ganz besonders in einem Land, dessen Bewohner mieses Englisch für schicker halten als die Sprache, die sie von ihrer Mutter hörten. Die Gender-Identität ist auch dann gesichert, wenn alle den Mund halten. Die Identität durch Sprache hingegen bedarf der Sprache, damit sie einem überhaupt bewusst wird.

Alter Unfug (zum Beispiel „Putzfrau“) lässt sich durch neuen Blödsinn („Raumpflegefachkraft“) nicht ungeschehen machen. Recht entsteht nicht aus doppelt Unrecht (3). In Wirklichkeit brauchen nicht länger die Mädchen besondere Förderung, sondern die Jungen. Das ist bekannt, aber wer auf Gleichstellung hält, prügelt den immer gleichen Popanz. Um mehr geht es bei der Genderei nicht: Es ist ein Machtkampf um Deutungshoheit. Gott, wie prickelnd!

Da nun auch die Ohorner Miezen betreten dreinschauen, bietet Spottolski folgenden Ausweg an: Frau Hartmann möge ihren Namen ändern, nicht in Hartfrau, sondern in Hartperson. Frau Dr. Annette Hartperson – das wäre folgerichtiges Tun! Anschließend überdenken dann alle ihren Standpunkt. Und tauschen ihn aus: Wir übernehmen den von Frau Dr. Hartperson und sie den von uns. D’accord?


(1) Zitat aus Annette Hartmanns Beitrag Deutscher Michel oder deutsche Michaela? in der Ausgabe II/2012 der Sprachnachrichten des VDS.

(2) gender (engl.) = Geschlecht („Genus“ aus dem Lateinischen bezeichnet das grammatische Geschlecht)

(3) Ex iniuria ius non oritur, römischer Rechtsgrundsatz.

Oliver Baer @ 10:37
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Eine Lanze fürs E-Lesen

Beitrag vom 11 Juni 2012

Man sieht ihn immer öfter - den Kindle

Gibt einer das Rauchen auf, teilt er sein Glück sogleich mit aller Welt, denn wes das Herz voll ist, dem läuft der Mund über. Daher kennt alle Welt kaum etwas Öderes als den frischen Missionar.

Dennoch sei hier eine Lanze gebrochen. Am Computer Bücher zu lesen, halte ich für eine seiner beklopptesten Anwendungen. Da werde ich ungeduldig, möchte blättern, Notizen machen, muss von Zeit anders sitzen, stehen, liegen. Lesen und flezen sind synonym. Lesen am Bildschirm – das weiß man ja – geschieht in kleinsten Häppchen.

Als ich mich entschloss, Von Babylon nach Globylon für den Kindle aufzubereiten, konnte ich nicht umhin und habe mir aus dieser E-Buch-Reihe den billigsten angeschafft: Wie wird es aussehen, was ich da schreibe? Seither habe ich im Kindle Dutzende Bücher gelesen, und versichere Ihnen: Das macht Laune, immer dort wo ein dickes Buch aus Papier nicht da ist. Mein Kindle mag technisch ein Rechner sein, im Gebrauch ist er nur zum Lesen geeignet, auch in der prallen Sonne am Strand.

Der kleinste aus der Kindle-Reihe, in Taschenbuchgröße, passt aber in meinen Hemden in die Tasche auf der Brust.

Die übrigen Vorteile lasse ich beiseite: Den E-Büchern gehört die Zukunft – hoffentlich und wahrscheinlich neben den gedruckten und nicht an ihrer Stelle. Wer einmal auf den Appetit gekommen ist, weiß was ich meine.

Vielleicht schätzt Amazon meine Empfehlung nicht: Kaufen Sie sich den einfachsten aus der Reihe, den Kindle 4. Das ist der für Puristen, der nicht mit dem I-Pad konkurriert und nur zum Lesen da ist. Ich hatte das Glück, mir als erstes In Zeiten des Abnehmenden Lichts von Eugen Ruge herunterzuladen. Aber es war kein Glück: Man kann vor dem Kauf probelesen. Ja, ich habe ein Interesse, dass Sie den Kindle besitzen: Damit Sie mein Buch kaufen. Aber ich verrate Ihnen: Sie können es auch ohne Kindle lesen, am Bildschirm Ihres PC, auf dem Tablet, im Smartphone. Nun ja …

Den Anstoß gab übrigens Martin Röll. Er berichtete aus Amerika: Wer früher in der U-Bahn mit einem Buch zu sehen war, trägt dieser Tage leichter, den Kindle. Jeder liest, was er braucht – im Kindle. Auch die eigenen Arbeiten – die schickt er als PDF per E-Mail an seinen Kindle, und der passt in die Hemdtasche (wo bei mir früher die Zigaretten steckten).


Ein guter Rat für Nachahmer: Sachbücher schreiben Sie erst für den Kindle, dann fürs Papier: Randbemerkungen wandern beim E-Buch in die Mitte des Textes, Tabellen werfen Probleme auf und so weiter. Bei meinem Buch gab es das gedruckte zuerst, im E-Buch lassen sich einige Formatierungen nicht nachvollziehen. Warum? Weil sich jeder Leser die Schriftgröße selber einstellt; der Herausgeber ist nicht länger Herr über das Layout.

Oliver Baer @ 10:36
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Schäuble schwätzt und stellt was an

Beitrag vom 1 Juni 2012

Studie über die Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus

Sehr viel mehr Menschen haben es schwer in der eigenen Sprache. Aber auf Englisch geht's bestimmt besser ...

Vor Selbstverstümmelung bewahrt uns die Angst vor Schmerzen, gegen den Verlust des Reisegepäcks gibt es eine Versicherung. Geht jedoch unsichtbares Gepäck verloren, zum Beispiel die Muttersprache, versagt die Versicherung. Da hilft nur Sprachgefühl. Gegen den Mangel an Einsicht, dass Sprachverlust einer Verstümmelung des Denkens gleichkommt, gibt es keine Pillen. Aber Handlungsbedarf.

„Die Simultandolmetscher im Brüsseler Ratsgebäude haben einen schwierigen Job, vor allem wenn Wolfgang Schäuble […] das Wort ergreift.“ berichtet der SPIEGEL (21/2012). Schäuble sagte etwas über Griechenland, „doch die Übersetzer hatten Mühe, seinen Worten zu folgen. Der Minister ist von dem unerschütterlichen Ehrgeiz besessen, in der Euro-Gruppe Englisch zu sprechen […]. ‚Ich versteh den Wolfgang nicht‘, klagte Jean-Claude Juncker schon mehrfach. Der Luxemburger ist mittlerweile dazu übergegangen, den Bundesfinanzminister auf den Sitzungen auf Deutsch anzusprechen, aber Schäuble antwortet beharrlich auf Englisch.“

Er ist Minister in einem Land, wo heute 20 Prozent mehr Kinder an Sprech- und Sprachstörungen leiden als vor acht Jahren, Jungen mehr als Mädchen, betroffen sind zumal die Kinder von Einwanderern. Außer Lispeln und Stottern geht es um das Formulieren und Verstehen von kurzen vollständigen Sätzen (siehe 1). In demselben Gemeinwesen können 14 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen nur einzelne Sätze lesen und schreiben: Das sind über sieben Millionen Bürger, die Texte nicht verstehen. Weitere 13 Millionen können Texte nur langsam und fehlerhaft lesen und schreiben. (2)

Wolfgang Schäuble ist zweifellos ein fähiger Minister. Seine Borniertheit, die er mit vielen ebenso gedankenlosen Politikern teilt, wird aber dafür sorgen, dass vom Deutschen nur eine sogenannte Regionalsprache übrig bleibt. Sie wird sich anhören fast wie das Deutsch im Jahr 2012 und auf den ersten Blick so aussehen. Ein Vorbote dieses Flachschwatzes ist das Geschnatter der Moderatoren in den Dudelsendern. Dialekt bringen sie so wenig zustande wie ein korrektes Hochdeutsch, dafür aber viele Wörter aus dem Englischen, die inhaltlich manchmal sogar stimmen, dafür aber fast immer falsch ausgesprochen sind.

Verloren geht unsere Hochsprache. An den Hochschulen entfällt sie bereits, man könnte meinen, Wissenschaft gelinge nur noch auf Englisch. Der Beitrag unserer Universitäten dazu ist zwar kein schlechtes Englisch, es ist nur ein halbes Englisch: Für den wissenschaftlichen Austausch unter aller akademischen Würde genügt es. In dem Maße wie Wichtiges und Neues – mangels eigener Terminologie – nicht mehr auf Deutsch erörtert werden kann, trägt der akademische Hochmut gegenüber der deutschen Sprache dazu bei, dass die Muttersprache verkümmert.

Kein Problem, dafür bekommen wir ja Englisch, die Weltsprache; sie verbindet uns alle, sie enthebt uns aller Fehler bei der Übersetzung und sie bringt uns den Weltfrieden, jedenfalls das Ende allen Nationalismus. Na ja, und das Englisch bringt der Klapperstorch. Aber es gibt genügend Gründe, mit dieser Entwicklung, wenn nicht zufrieden, so doch einverstanden zu sein, und sei es nur, weil sich daran nichts mehr ändern ließe.

Wo ist sie hin, die Sprache der Mutter? Wer hat sie versaubeutelt?

Wenn da nicht zwei fette Denkfehler lauerten: Erstens ist der Verlust der Hochsprache so unumkehrbar wie das Attentat, das Herrn Schäuble in den Rollstuhl zwang. Zweitens wird der Tausch enttäuschen: Für die verlorene eigene bekommen wir nämlich nicht die Hochsprache Englisch. Wir bekommen ein Grottyspeak irgendwo zwischen – dem sauberen, aber kargen – Globisch und dem, was man früher guten Gewissens ein gutes Englisch nennen durfte. Zugleich verschwindet das Hochenglisch schneller als wir es aufschnappen und mit ihm verschwinden Hochfranzösisch, Hochpolnisch sowie alle übrigen Kultursprachen, deren Sprecher die globale Lingua franca Englisch anhimmeln.

Das bedeutet mithin: In Zukunft denken wir weder Deutsch noch Englisch. Wenn es gutgeht, findet etwas Denkähnliches ein bisserl oberhalb von Globisch statt, aber weit unterhalb dessen, was wir in der deutschen (französischen, polnischen) Hochsprache im Jahr 2012 noch fertigbrachten: Schöpferisch originell zu denken; was in Deutschland immerhin die ökonomische Basis für das Wohlergehen von 82 Millionen Bürgern bildet.

Diesen angesäuerten Ausblick provozierte ein Leser mit seiner Reaktion („Mir fehlt vielleicht das Sprachpatriotismus-Gen.“) auf den Beitrag Berliner BSE-Biotope

Nun sind Sie dran, liebe Leser: Geht es auch ohne ein solches Gen, genügt nicht what the English call common sense? Oder halten wir es mit der Gattin des Louis XVI, Marie Antoinette: „Sollen die Bürger doch, wenn sie kein Brot haben, Kuchen essen …“? (3)


Dieser Beitrag ergänzt den Abschnitt Was Politiker nicht können müssen (Seite 115 f.) in Von Babylon nach Globylon

(1) Siehe Eine Million Kinder leiden unter Sprachstörungen

(2) Siehe Level-One Studie zur Größenordnung des Analphabetismus

(3) Sie hat es nie gesagt. Es wurde ihr angehängt.

Oliver Baer @ 12:19
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Spottolski schult ab Mai

Beitrag vom 11 Mai 2012

Spottolski verteilt jetzt Nachhilfestunden unter den englisch verstörten Katern sowie den Miezen (auf Anfrage auch Miezen sowie Katern). Bei der grasenden Mehrversprechung kennt sich ja kein Katz mehr aus und wird das nun anders in Ohorn, englisch mäßig gesehen. (Gemeint ist vermutlich die galoppierende Mehrsprachigkeit, Red.)

Es geht los: Wer zuerst eine Sex würfelt, kommt in die Relegation.

'Und am Tor sehen Sie die verschlungenen Genitalien von mir und meinem Mann.' (Bild: Fotolia)

Da ist als erstes die Getümologie zu klären: Relegation kommt von Religion, wie man (auch frau) sieht. Religion heißt bekanntlich das Zurückliegende (re = zurück, klar?), will sagen man kehrt zurück durch Relegation dahin, wo man uhreinst herkam, in die unterste Kreiskasse. Das Gegenteil von Relegation ist natürlich die Permutation, das heißt Aufstieg, und füllt die Vereinskasse. So was weiß man als Vereiner.

Irgendwie Fragen?

Wir geraten zur Promotion, die ist quasi dasselbe wie 1:0, muss aber haufenweise. Also pro (!) Saison sind diese zu sammeln, dann gibt es am Ende eine Motion (Motion, Bewegung – alles klar?). Gut. Und die geht beispielsweise in den Circus, belohnungsmäßig, das macht Stimmung in der Mannschaft. In Ohorn grassiert jetzt der Piccadilly Circus. Der ist aus dem Londoner Untergrund, da wollen wir nicht hin. Aber anschließend frustriert der in Großröhrsdorf mit einem Public Interviewing: öffentliche Nabelschau. Das sollte wohl „gastiert“ heißen. Da gucken wir doch lieber den Relegierten an.

Na dann, wenn wir diese Sache so weit geklärt haben, kommen wir zu was anderem: den Anglizismen. Und sind die jetzt out, also so was von oberout. Auch Denglisch. „Is not more,“ verklärte Spottolski jüngst die Lage in aller Öffentlichkeit. „Canste in the pipe stöffen und schmökern.“ Will sagen, die shooting stars heißen wieder wie früher star shnuppies und das baby shooting ist nicht mehr, wer sind wir denn, dasselbe wie Babys abschießen, ich glaub es geht los. Dagegen erwägt die Ohorner Abendschule der Kater und Miezen (Miezen und Kater), dass man (beziehungsweise frau) sich als nächstes der Apostrofen annehmen muss, denn am Bauer’n-Hof kommt es wiederholt zu Wirrungen mit der Gerechtschreib’ung. Hat mit Permutation und Relocation nicht so irrsinnig viel zu tun, das Thema musste aber mal promoted werden.

Nicht versäumen möchte Spottolski bei dieser Gelegenheit eine Bekanntgabe, zu der er nicht befugt ist: Ohorn bekommt einen „Kiss and Ride“-Parkplatz neben der Feuerwehr, das bedeutet auf Normalo: „Küsschen und weg!“, denn an den Autobahnen werden jetzt Pendlerautomaten aufgestellt. Da zieht man sich morgens Einen, der wird geküsst und anschließend relegiert. Oder promoviert. Wahlweise auf Englisch. Eizellheiten würden noch geklärt, heißt es. Ministeriell.

Es kann auch ähnlisch sein, sagt Spottolski, er werde dem nachgehen. Hauptsache ist auf dem Platz: „Englisch ist ein Mus, Deutsch ein Schmus!“

Sonznochfragen?


Unserem Bildungsauftrag nachkommend, folgt hier die witzentkernte Erklärung der Wörter Relegation und Promotion.

„Bleibt es beim momentanen Spielstand, wäre Köln direkt abgestiegen und Hertha würde sich in die Relegation retten.“ (Spiegel Online am 5. Mai 2012). Da im Englischen, wo diese Begriffe herkommen, Relegation Abstieg bedeutet und Promotion Aufstieg, fehlt diesem Satz das eigentlich Erhellende, nämlich der Sinn. Sofern sich der SPIEGEL nicht blamieren möchte.

Mit anderen Worten und nun richtig: der Hertha BSC geht es darum, nicht von der ersten in die zweite Liga relegiert zu werden, während die Fortuna Düsseldorf die Promotion von der zweiten in die erste Liga anstrebt, welche sie erzielen wird, wenn sie die Hertha in den zwei Spielen um Relegation/Promotion besiegt. Man könnte auch Abstieg und Aufstieg sagen, aber das wäre ja unkuhl, da könnten nicht einmal die Miezen darüber lachen. One can English; bloß mit dem Deutschen hapert es.

(Spottolski, nach Diktat vereist) out

Oliver Baer @ 12:35
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Keine Kritik, und doch …

Beitrag vom 7 Mai 2012

Es mag ja sein, dass 99 von 100 anders sind - ich bin es nicht (Bild: Baer)

Die Anbieter von Sprachkursen denken sich wunderbare Methoden aus, jeder Kurs gerät zur Verführung, dass man ein besserer Mensch werde, jedenfalls im Rahmen seiner Karriere: „Lern mich, und Du kannst Englisch!“ Daran ist nichts auszusetzen, außer dem Nutzen, den sie nicht stiften.
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:36
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Die Globisch kapieren

Beitrag vom 26 April 2012

frieze_d_e-ausgabe-fruehjahr-2012-titelbild

Titelbild der Frühjahrsausgabe des Kunstmagazins frieze d/e: die Buchstaben stehen für deutsch/englisch (© frieze)

Bei Jennifer Allen hat Globisch einen Stein im Brett. Die Chefredakteurin des zweisprachigen Magazins frieze d/e ist Kanadierin deutscher Abstammung. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau bezeichnet sie Globisch als die Lingua franca der Künstler. Da stutzt, wer sich Globisch bisher nur als Weltsprache der Wirtschaft vorstellt. Wie soll denn das in der Kunst funktionieren?

Gibt es – zumindest an Frau Allens Standort Berlin – ein Globisch eigener Art? Die Künstler aus aller Welt verständigen sich dort über ihre Arbeit in der Lingua franca. Sie tun es mit der Begründung aller Weltbürger: Die native speakers mit ihrer Hochsprache sind in der Minderheit, die Mehrheit muss aber zurechtkommen, und dafür eignet sich Globisch besser als das verstiegene Englisch der Kunstkritik. Heraus kommt dabei, was jeder Englisch nennt, aber mit Jennifer Allen verstehen da schon einige, weshalb das Kind einen eigenen Namen braucht, also Globisch.

Wie lang ist ein Stück Schnur? (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 12:28
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Kostenlos ist gedankenlos

Beitrag vom 25 April 2012

Spottolskis Honorarnapf

Nicht zu vergessen sind die Mitbewohner in Haus, Garten und Büro, deren primäres Interesse hier durch einen gelben Pfeil gekennzeichnet ist (Bild: Baer)

Geistiges Eigentum ist, was Einer so komponiert, schreibt, malt oder bildhauert. Manche bezweifeln es – nicht das Tun, nur die Sache mit dem Eigentum. Hier ist ein Vorschlag, die Debatte anders zu führen: als Abwägung der Erträge gegenüber den Kosten.

Ein Autor verbraucht – sagen wir mal – fünfzehn Monate seiner Lebens- und Berufszeit zum Schreiben eines Buches. Von der Gestaltung der Idee zum Konzept, über die Recherche zur Niederschrift und Überarbeitung, zum Korrekturlesen und mehrfachen Neuschreiben summiert sich allerlei Aufwand. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:54
Rubrik: Gesellschaft
Alles gelogen – Ausrufezeichen

Beitrag vom 18 April 2012

Lies, all lies? - or rather - Read it! (© hausdesqurans.de)

Auf den ersten Blick fällt in die Augen: „Lies!“, das ist sympathisch, dem folgen wir gerne, sind wir doch gleich voreingenommen: Wer uns zu lesen gibt, will uns nicht mit Bildern über die Kante ziehen. Gleich als erstes stolpern wir jedoch: Wir haben „Lies!“ auf Englisch gelesen.

Warum? Weil bei uns die Werbung so häufig englisch daherkommt, da weiß man vor dem Hingucken nie, worauf sich die Synapsen vorbeugend einstellen. Da kommt es zu Fehlschaltungen, nicht immer, aber immer öfter. Bei denen der erste Eindruck (‚Das isja Englisch!‘) durch den zweiten Blick korrigiert wird: ‚Nee, isdoch Deutsch – oder wasissesnu?‘

Für die englischen Fußgänger unter uns: Lies sind Lügen und Lies! ähnelt nunmal der typischen Schlagzeile der Boulevardblätter im Vereinigten Köngreich. Diese gedankliche Verbindung war garantiert so nicht geplant. Pech gehabt: „Ve are in Shermanny, there shpeak ve much denglish, you never know vat loose is.“

Oliver Baer @ 11:55
Rubrik: Gesellschaft
Berliner BSE-Biotope

Beitrag vom 3 April 2012

erlinerin, im Begriff ihre Weltsprachenkenntnis zu erproben (© Fotolia)

Nach Berlin wandern sie aus dem sonnigen Südbaden ein, sogar aus Florenz migrieren sie hierher, und von Touristen wimmelt es. Kommen die Leute wegen der flotten Skilifte, der salzfrischen Meeresluft, der berühmten Berliner Weinberge? Nein, der Charme dieses Ortes liegt in seiner Kultur. Zu ihr zählt – das wollen wir festhalten, der Berliner, wenn er in Kneipen, Parks und S-Bahn auf Öffentlichkeit macht (irgendeiner muss es ja tun).

Mit der Kultur ist es aber so: Es gibt sie auch anderswo. Das Berliner Gemenge ist zur Zeit einmalig, da kann man sich die Erfindung künstlicher Merkmale der Alleinstellung schenken. Was also kann schiefgehen? Man stellt Berlin so dar, dass es sich von anderen Städten nicht unterscheidet. Man muss es nur auf Englisch vermarkten. Diesem Be-Berlin-Trend folgen bereits ganze Stadtteil-Biotope. Da zählt der souveräne Gebrauch von Bad Simple English zum guten Ton; denglische und hochenglische Einsprengsel kommen darin vor. Kennern kommt das ganze kurzatmig vor.

Freilich ist der baerentatze bekannt, dass Englisch (oder was sich so anhört) als Weltsprache gilt. Nur: Nicht jeder Verkäufer und Kellner spricht sie. Das ist peinlich, dem Geschäft schadet es nur wenig. Falsch (und verständlich) bleibt aber die Annahme, dass Touristen sich am liebsten auf Englisch ansprechen ließen. Falsch, weil sie erstens die Weltsprache mit weniger Begeisterung anhimmeln und zweitens, weil sie diese auch nicht besser beherrschen als wir.

Die Reisenden aus Schanghai würden am liebsten in ihren Schriftzeichen informiert, die Pariser auf Französisch und die New Yorker – wenn schon, denn schon – in korrektem Englisch. Schwachenglisch für den Umgang mit Touristen kommt daher als Zusatzangebot infrage, keinesfalls als Ersatz für Muttersprachen. Das hat die Bahn schon vor hundert Jahren verstanden, als sie mehrspachig formulierte, was man alles zu unterlassen habe: sich aus dem Fenster lehnen, die Toiletten verstopfen und so weiter.

Die Berliner, die dem internationalen Ambiente immerhin als Statisten dienen, sind eher deutschsprachig veranlagt und sie haben einen kessen Dialekt, ohne den Berlin nicht wäre, was es ist: ein Frechdachs mit Sommersprossen. Es ist doch so: Die Reisenden rechnen schon vor der Ankunft damit, dass – neben dem Außenminister – an die achtzig Millionen Menschen hierzulande Deutsch sprechen. Touristen sind keine Analphabeten, gegebenenfalls werden sie straff geführt von einem sprachkundigen Reiseleiter.

Selbstverständlich spricht vieles für multikulti verfasste Speisekarten und U-Bahnfahrpläne. Aber wie kommen sich Touristen (und Einheimische) vor, wenn sie fortwährend auf Englisch angebaggert werden? Ein paar wahre Beispiele finden Sie in dem Beitrag der Sprachnachrichten: In der Hauptstadt geht die deutsche Sprache langsam unter. Der Autor wirft dort eine weitere Frage auf, die wir hier nur zitieren:

„Vor einiger Zeit nahm die Berliner Öffentlichkeit Anstoß daran, dass in Kreuzberg und Wedding Plakate aufgehängt wurden, die ausschließlich auf Türkisch verfasst waren. Der Bildung von Parallelgesellschaften würde damit Vorschub geleistet, die Integration in die deutsche Gesellschaft behindert, wurde damals von vielen Seiten scharf kritisiert.“

Ein Fall von gespaltener Wahrnehmung, denn englischsprachige Plakate stören offenbar keinen. Manchen mag es ja verblüffen, aber so exotisch wie uns das Italienisch aus der Basilicata, so reizvoll kommt Schanghaiern unser Deutsch vor. Erwartet denn allen Ernstes irgendwer, dass er in der Fremde fehlerlos verstanden werde? Falls doch: Den wird auch mit makellosem Englisch keiner zufrieden stellen.

Reizvoll bleibt Berlin, wenn es sich fortwährend neu erfindet und sich weiterhin von anderen Städten abhebt, die mit Weinbergen oder Meeresluft angeben. Hört sich aber das Shopping in Berlin erst an wie in Bielefeld, dann können die Touristen auch in Paderborn übernachten. Englisch können die Bielefelder auch (und möchten sich von den Krefeldern unterscheiden). Reizvoll bleibt Berlin, wenn echte Submilieus seiner Bürger die Stadt in der Sprache beleben, die sie von der Mutter gelernt haben. Das gilt – klugerweise, nicht nur gerechterweise – auch für die Türken, Kurden und Zaza in Berlin. Aber die sind nicht so dumm, ihre Sprachen aufs Spiel zu setzen. Das bringt nur unsereins fertig.

Zum guten Schluss drängt sich eine weitere Frage auf: Wie kommt eine linke Stadtregierung mit einem schwulen Oberbürgermeister dazu, so vielen Minderheiten Englisch geradezu in den Rachen zu stopfen: Einwanderer, Analphabeten, Senioren und so weiter? Zumal sich diese, was Englisch angeht, sogar mit der Mehrheit einig sind: Wir möchten erst einmal auf Deutsch verstehen, was auf Deutsch gesagt wird.

Oliver Baer @ 10:15
Rubrik: Unternehmen
Brücke zwischen Elbe und Erbe

Beitrag vom 3 April 2012

Marienkäfer im nassen Gras

'Die einzig annehmbare Form der Verständigung ist das geschriebene Wort, denn es ist kein Stein in einer Brücke zwischen Seelen, sondern ein Lichtstrahl zwischen Sternen.' (Fernando Pessoa)

In Dresden sollte bald die Waldschlösschenbrücke eingeweiht werden. Sie sieht aus wie eine Eisenbahnbrücke, nur nicht so graziös. Im Kampf um dieses Bauwerk hat Dresden sein Gesicht sowie den Status des Weltkulturerbes verloren. Die es verbockt haben, glauben noch immer an ihr Englisch.

Der Verlust war unnötig, es hätte eine (vielleicht nicht diese) Brücke geben und man hätte den Status behalten können. Hätte sich bloß Einer mit der Sprache ausgekannt! Nicht, um die Notwendigkeit einer Brücke von so erlesener Hässlichkeit optimaler zu kommunizieren. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 09:39
Rubrik: Gesellschaft
Sprache gegen Viren

Beitrag vom 2 April 2012

Es zahlt sich aus, die Muttersprache zu pflegen und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet. … Hoppla, das ist eine andere Baustelle. Nochmal zurück: „… und zu ehren, damit wir niemals vergessen, was die Wörter bedeuten.“ Gesetztenfalls sie bedeuteten überhaupt etwas. Das sei, versichert Spottolski, eine Tatsachenbehauptung und er tut gut daran.
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 20:11
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Englisch lernen vom Internet

Beitrag vom 2 April 2012

Der Netzbürger muss Englisch können! Muss er das? Wenn ja, sollte er sein Englisch vor Betreten des Netzes erworben haben. Wenn nein, braucht er ein dickes Fell. Das Fell schützt ihn vor einem Englisch wie diesem; Spottolski ist per Zufall (auf der Suche nach Lachs per Fax) auf die Quelle gestoßen:

„This site not uses http-cookies“
„The server provide no informations“
„The server don’t transmit important server hints“

Von Vergehen wider die Grammatik dieser Art wimmelt es im Netz. Spannend wird es, wenn die Autoren einen Fehler nicht bis zum Ende durchhalten. So steht unverhofft an anderer Stelle: „The site uses no Flash.“ Wasn nulos? Auf einmal stimmt, was vorher falsch war? Das könnte einen Dummen durcheinander bringen. Auch Spottolski war ganz verstört.

Bei Nebenwirkungen interjuen Sie Ihren Englischlehrer oder telefonieren Sie mit der Verpackung!

Von der Sache her muss den Netzbürger solcherlei Gewusel nicht stören. Entweder er zählt zu den Glücklichen, die sich sowieso durch intuitives Durchwursteln zurechtfinden, oder er hat längst verstanden, dass er nicht versteht und pflegt den Kontakt mit seinem örtlichen PC-Guru. Dieser kann zwar auch kein fehlerloses Englisch, aber er versteht was gemeint ist, bevor er sich durch das Lesen bescheuerter Anweisungen beirren lässt.

Dummerweise sind nämlich auch viele deutsche Texte im Netz nur verständlich mit ausgezeichneten Englischkenntnissen – so kommt man den Übersetzungsfehlern auf die Spur. Aber auch dann läuft es meist darauf hinaus, den Guru doch noch zu befragen. Das kann man auch gleich tun.

Ehrgeizige wüssten sicher gern, wieviele Fehler in den drei Zeilen zu finden waren – die sie im Geiste schon berichtigt haben. Wer traut sich die Fundstellen zu nennen? Zur Belohnung darf Jeder, der einen Fehler findet, ihn behalten. English native speakers: Go away, this is none of your business!

Gefunden haben wir das hübsche Beispiel bei saferpage.com.

Oliver Baer @ 15:06
Rubrik: Unternehmen
Direkt verbunden, du da

Beitrag vom 7 März 2012

Früher, als noch die Ochsen größere Köpfe hatten und auch sonst alles besser war (die Schnitzel größer und flacher), da lauteten deutsche Werbe-Slogans so:
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 19:24
Rubrik: Unternehmen
Wir gucken nur

Beitrag vom 6 März 2012

Am 1. August 2007 fiel in Minneapolis eine Brücke in den Mississippi. Dreizehn Menschen kamen ums Leben, 145 wurden verletzt. Solches geschieht überall in der Welt, sogar hierzulande. Alleine in den USA sollen in jenem Sommer 75.000 Brücken in einem ähnlichen Zustand gewesen sein: einsturzgefährdet.

Brücke auf der Interstate 35 West in Minneapolis am 1. August 2007 (Bild: US Coast Guard, via Wikipedia)

Es ist nichts typisch Amerikanisches, wenn wir festhalten: Während der Jahre vor dem Unglück haben die zuständigen Ingenieure ihre vorgeschriebenen Messungen getan und die Ergebnisse in Berichten festgehalten. Sie haben höheren Ortes gewarnt, dass etwas geschehen müsse, und sie wurden sicherlich abgestumpft unter der wiederholten Erfahrung, dass ihre Arbeit ignoriert, aber immerhin gut abgeheftet wurde. Ein ausführlicher Bericht über die Brücke Nummer 9340 auf dem Interstate Highway 35W steht in der englischen Wikipedia, eine Kurzfassung gibt es in der deutschen; Neugierige finden dort sogar eine Animation aus Bildern einer Überwachungskamera, wie die Brücke kollabiert.

Da fragt sich der Leser, was die Mississippi-Brücke mit der Sprache zu tun habe. Nichts. Aber mir fällt jedesmal diese Brücke ein, wenn ich an die Sprachwissenschaftler denke, die sich darauf versteifen zu beobachten, aufzuschreiben, abzuheften und im übrigen darauf zu hoffen, dass es schon gutgehen werde. Schließlich hat die Sprache schon ganz anderes überstanden (schließlich wurde die Brücke mit so viel Sicherheitsmarge konstruiert), dass man die Sache tiefer hängen kann: Es ändert sich eh nichts.

Genau, so ist es. Bis es zu spät ist. Da mag man einwenden, der Vergleich mit einer Katastrophe mit Toten und Verletzten sei geschmacklos. Auch das stimmt. Für die Geschmacklosigkeit meiner spontanen Gedankenassoziation an jenem Tage kann ich nur um Nachsicht bitten. Sie verfolgt mich seither, nun habe ich sie aufgeschrieben.

Oliver Baer @ 10:19
Rubrik: Gesellschaft
Zurück vom Walkabout

Beitrag vom 23 Februar 2012

Wo hat Spottolski so lange gesteckt? Er war auf Walkabout. Nicht in Australien, sondern in – England! Schwamm drüber, er ist wieder da, und die dörflichen Felinen treffen in Nachbars Scheune ein, zu hören den Rat des reiseweisen Katers.

„Die Engländer sind voll in Ordnung;“ verkündet er, „sie sind die einzigen, die Cricket erfunden haben.“ Dazu nicken die Miezen, so kennen sie ihren Spottolski, voll in die Tasten greifend. Die Jungkater blicken eifrig drein, die Altkater ein bisschen sparsamer, auch sie kennen ihn. Was Rang und Namen hat, ist in der Scheune versammelt.

„Wieso England?“ meldet sich ein Streber aus der ersten Reihe.

„Englisch ist die Weltsprache!“ ruft Spottolski. „Aber sprich mit einem Engländer, und was ist? Er versteht kein Wort.“ Er sieht zu mir herüber: „Hier, mein Chef schreibt über die Weltsprache, dicke Bücher° schreibt er; da hab ich mir gesagt, gehste mal hin: Hat der ein Rad ab, mein Chef, oder was?“

Alles paletti, versichert er: „Wem die Radkappen fehlen, das sind die Engländer.“ Bis auf einen (in Salisbury), der hatte ihm einen grünen Hering spendiert: „Kein Essig dran, eine runde Sache. Ansonsten: arme Schweine, diese Engländer.“ Er war zu Gast bei einer total netten Tante in Tottenham. Dort gab’s in der Glotze Fußball, ein Länderspiel (Mailand, Malta, Italien – weiß der Geier). Da räuspert sich die Tante und fragt, woher kommt eigentlich der Schiedsrichter. Ach, aus Holland? „Klar,“ sagt sie, „die Ausländer halten zusammen.“

Cricket: Aggressive Feldaufstellung bei einem langsamen Werfer mit hoher Seitwärtsdrehung des Balles (Bild: Fotolia)

„Beim Cricket,“ kämpft Spottolski gegen das Gemurmel der Jungkater, „beim Cricket macht die meisten Punkte, wer die Kugel im hohen Bogen über die Tribüne aus dem Stadion schlägt. Kaputte Windschutzscheibe, egal, macht sechs Punkte.“ Er hält inne. „Wer so einen Sport erfindet, damit er mitten im Spiel eine Tasse Tee bekommt, der hat Stil, oder er hat ein Rad ab.“

„Der mit seinen Rädern …“ raunt ein Alter. „Was ist nun mit ihnen,“ unterbricht ein Anderer: „Arme Schweine oder sind sie gut drauf?“

Spottolski winkt ab. Er habe den Grund entdeckt, höchstpersönlich, weshalb die englischen Medien das Kriegsende verpassen, seit 65 Jahren mindestens einmal im Jahr. „Wollt Ihr das wissen?“

„Sag schon!“

Spottolski setzt sich, er wartet bis auch die Testosteron-Riege in der ersten Reihe zur Ruhe kommt, und er sagt: „Ich sag nur ein Wort: Lebensmittelkarten.“

Da öffnen sogar die Miezen die Augen: „Waszuessn?“

Da johlen die Kater, der eine oder andere kriegt ein paar um die Ohren, die Miezen schließen wieder die Augen, schließlich fährt Spottolski fort und erklärt: „Die Engländer sind sauer auf die Krauts. Sie mussten noch auf Marken einkaufen, als wir bereits ein Wunder über die Wirtschaftsbühne zogen.“ Wieder macht Spottolski eine Kunstpause: „An eben dem Tag, als wir Weltmeister wurden, in Bern am 4. Juli 1954, durften die Engländer erstmals wieder Fleisch ohne Lebensmittelkarten kaufen.“

„Deswegen hat David Cameron der Kanzlerin neulich den Finger gezeigt, ist doch logisch!“ holt Spottolski aus. „So, und was meinst du Blödmann hier vorne, warum ich das erzähle?“

„Wegen der Radkappen!“

„Weil Audi in England auf Deutsch wirbt.“

„Und? Dürfen die das nicht?“

„Doch, aber hört euch das an: Vorsprung durch Technik.“

„Hört sich an wie Deutsch.“

„Das ist Deutsch. So wirbt Audi in England – mit Erfolg.“

Hinten hat Einer nicht aufgepasst: „Ich dachte, die sprechen dort Englisch!“ Vorne fragt ein Gefleckter, wo die Radkappen abgeblieben sind, der hat doch Radkappen gesagt …

„Das ist das Geniale an der Audi-Werbung,“ schreit Spottolski.

„Dass die dort Englisch können?“

FAZ, Rubrik Technik & Motor, Ausriss vom 7.2.2012

„Nein: Dass sie einen deutschen Slogan daherbeten – wie einen Zauberspruch.“

„Wasndaransogeil?“

„Sie kriegen ihn kaum über die Lippen. Aber sie quälen sich und sagen ihn immer wieder, jeden Tag im Fernsehen.“

„Audi quält seine Kunden: Dassollgeilsein?“

„Für den R8 zitiert sich Audi sogar selber: Vorsprung’s finest hour.“

„Toll! Und wo steckt die Pointe?“ – „Wo bleibt das Rad?“ – „Wir wollen Rad-Kap-Pen!“, aber Spottolski wartet bis wieder Ruhe herrscht:

„Der Knüller ist: Die Engländer haben den Deutschen nichts verziehen; trotzdem kann Audi – mitten in England – ungestraft auf Deutsch werben.“

„Na und?“

„Doppelte Pointe: Bei uns bietet Audi seine Technik auf Englisch an. Luftfederung haben viele, adaptive air suspension gibt es nur bei Audi.“

„Das ist kreative Kundenverarschung“. Die Jungkater sind restlos aus dem Häuschen: „Beforespring by technique!“ Ein paar rätseln noch: „Die Sache mit den Rädern ist mir noch unklar.“ – „Wann gehst du wieder auf Tour?“ erkundigen sich die aus dem Oberdorf, als die Katzen den Heimweg antreten.

Spottolski weiß schon, warum er heimgekehrt ist: so ein dankbares Publikum.


° Bücher

Titelbild

Vorläufig ist es nur ein Buch. 400 Seiten stark ist Von Babylon nach Globylon, davon alleine 80 Seiten am Ende für die Anmerkungen und Quellenangaben, die man, wie bei Victor Klemperer, als parallelle Geschichte lesen kann. Für die Anlagennichtleser sind es netto 300 Seiten – sie sind bis auf den etwas trocken geratenen Abschnitt zum Globischlernen recht unterhaltsame Seiten. Und in der Kindleausgabe spielt die Seitenzahl keine Rolle …


Über Walkabout

Film von Nicolas Roeg, DVD-Hülle

Spottolski war also auf Walkabout. Dazu hatte er sich eine Aufgabe gestellt. Er wollte erfahren: Stimmt die Wirklichkeit noch mit sich selbst überein? Und wenn ja, wie kommt sie darauf?

Apropos: Walkabout ist ein Wort, wofür es keine Entsprechung im Deutschen geben kann, denn dieses Phänomen gab und gibt es nur in Australien, es wurde von den kolonisierenden Engländern beschrieben und in unserem Kreis von Kulturen kennen wir keinen annähernd ähnlichen Begriff, den wir dahingehend biegen könnten, dass er eine verwandte oder abgeleitete solche Bedeutung annähme. Weltenwanderung wäre sicher zu üppig. Ein – dem Englischen vielleicht vorzuziehendes – Wort käme aus der Sprache der australischen Ureinwohner: ein Lehnwort wie Bumerang. Eine Ahnung dessen, worum es beim Walkabout tatsächlich geht, vermittelt der Film von Nicolas Roeg.

Oliver Baer @ 13:14
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Die Mausetoten

Beitrag vom 21 Februar 2012

Ein begabtes Lehrbuch (Bild: Pons)

„Marketing ist im Top-Management der Unternehmen low interested.“ sagt Malte W. Wilkes in der Marketing Site „Das Marketing ist mausetot“.

Tippfehler sind schon in der Muttersprache beinlich ärmlich – daraus sei keinem ein Strick gedreht, im Internet schon gar nicht. Aber muss man gleich zwei Sprachen meucheln? Wie wär’s, wenn wir uns aufteilten: Ihr macht die deutsche, wir dafür die englische mausetot?

Andererseits: Vielleicht verdient der Autor unseren Schutz, vielleicht musste er Deutsch mit dem Pons-Buch lernen: Deutsch to go.

Oder wer weiß: Vielleicht legt der Verlag nach mit English zum Withtaken. Übrigens lasse ich sonst auf diesen Verlag nichts kommen: Die Wörterbücher von Pons ziehe ich denen von Langenscheidt allemal vor.

Oliver Baer @ 13:00
Rubrik: Unternehmen
Die Leere der Lücke

Beitrag vom 14 Februar 2012

Shitstorm lautet der Anglizismus des Jahres. Keine üble Wahl, vorausgesetzt ein Wort verdiente einen Preis – statt eines Menschen (was fängt das Wort mit dem Preis an, reißt es sich nun zusammen?). Ein Mensch hat nach zäher Bemühung des Geistes einen Begriff erfunden, entwickelt und ausgebaut und ihm schließlich ein Wort zugeordnet. Den Redaktionskater und mich stört am Anglizismus des Jahres nur die Begründung, mit der ihm diese Ehre verpasst wird: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 20:10
Rubrik: Gesellschaft
Information vs. Exformation

Beitrag vom 12 Februar 2012

Schon Onkel Felix schätzte die einprägsame Darstellung von Statistiken: „Auf den Kopf der Bevölkerung fallen 1,5 Ziegelsteine“, „Jeder achte Gelsenkirchener kauft Mohrrüben“ und dergleichen mehr. Nun piekste mich in einem öffentlichen Vortrag eine Variante, in der es um Jugendliche ging, nämlich jene mit dem sogenannten Migrationshintergrund, und der Kernsatz enthielt die folgende Desinformation: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 14:43
Rubrik: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Synchrones Lernen, ein Selbstversuch

Beitrag vom 11 Februar 2012

Als ich das Rauchen sein ließ, suchte ich eine Ersatzhandlung für die erste Zigarette in der Frühe und die letzte vor dem Einschlafen. Sehr bewährt hat sich das Erlernen von zwei Sprachen zugleich. Doch: anstelle der Zigaretten. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 13:04
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Den Schmäh abgekauft

Beitrag vom 10 Februar 2012

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hatte eine Pressemitteilung herausgegeben (zu einem Thema, das mich wenig betrifft). Als Mitglied des VDS-Vorstands war ich dann trotzdem Empfänger der folgenden Mail, woraus sich ein kurzer und unfüglicher Dialog entspann: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 13:03
Rubrik: Gesellschaft
Parallelen zur Geschichte der DDR

Beitrag vom 6 Februar 2012

[…] Der vorauseilende Gehorsam deutscher Politiker und Medien zur krampfhaften Übernahme der englischen Sprache, den Sie in Ihrem Buch auch gut zeigen, ist mir schon anderweitig begegnet. Heinrich Mann hat das bereits im ’Untertan’ hervorragend demonstriert. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:08
Rubrik: Gesellschaft
England, wie ein Hering in der Fichte

Beitrag vom 10 Dezember 2011

Kürzer hätte ich es nicht sagen können:

Damit kein Missverständnis aufkommt. Ich mag das Land und seine Menschen. Den feinsinnigen Humor, die Toleranz, die Gelassenheit, die Sprache, die Lebensart, die Kultur, auch die globale Orientierung. Gerade wir Deutschen mit unserer Neigung zu übertriebenen Ängsten können manches von den Engländern lernen. (Wolfgang Kaden in Spiegel Online)

(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 11:29
Rubrik: Gesellschaft
Die unvermeidbaren phrasal verbs

Beitrag vom 20 November 2011

Partikelverben (phrasal verbs), denen keiner entkommt

Geht’s auch ohne die phrasal verbs? Nein, eher lässt ein Süchtiger das Rauchen als ein Engländer den Gebrauch der Verben, die ihn schon als Krabbler umgaben. Streiten lässt sich allenfalls über eine Liste der tatsächlich Unvermeidbaren. Hier ist mein Vorschlag, er umfasst 102 der am häufigsten gebrauchten Präpositional- und Partikelverben.

account for
act as
act on
allow for
back up
blow up
break down
break up
bring back
bring down
bring up
call in
catch on
charge with
check out
come around
come down
come in
come off
come on
come out
come up
cut down
cut out
deal with
do up
do with
fix up
get around
get back
get in
get into
get off
get on
get onto
get on with
get out
get through
get up
go by
go down
go for
go into
go off
go on
go over
go through
hang on
have on
keep up
lay out
let down
line up
make of
make up
pick up
pull in
pull off
put by
put forward
put in
put into
put off
put out
put through
put up
roll over
run down
run off
run out
run over
run through
run up
set off
set out
set up
sort out
stand down
stand for
stick to
strike out
take back
take down
take in
take off
take out
take up
throw around
throw up
tie up
turn down
turn in
turn into
turn off
turn on
turn out
turn over
turn to
turn up
wind up
work out
wrap up

Die Liste enthält keine Wörter wie warm up, denn sie sind dem Deutschen so ähnlich, dass sich der Sinn von alleine erschließt.

Mehr zu diesem herrlichen Thema findet sich im Buch Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 09:54
Rubrik: Von Babylon nach Globylon