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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Sei es auch Tollheit, es hat Methode

Beitrag vom 21 Januar 2018

Lesen und Schreiben – viel zu anstrengend. Der Präsident kommt ganz ohne aus, na also (Bild: ©Fotolia)

Früher hat es das auch gegeben, so gehäuft wie heute aber nicht. Die Methode ist leicht verständlich, nur der Zweck der Übung wird meist ungenau verstanden. Ein Beispiel ist die Leugnung des Klimawandels.

Sehen wir davon ab, dass solches auch aus Unkenntnis geschieht – die soll es ja geben. Bleiben wir bei gelenkten Interessen. Als erstes besorgt man sich eine einigermaßen glaubwürdige Quelle. Hier schon der erste Trick: Sie muss nur so aussehen, also einen Namen mit wissenschaftlicher Anmutung tragen. Ob dort Wissenschaft überhaupt betrieben wird, ist unerheblich.

Wichtig ist zweitens der PR-Rummel, der um Studien aus diesem Born des Wissens hervorquillt. Der Rummel verläuft nach dem Motto: Die Studie muss nur häufig genug zitiert werden, und zwar nicht in seriösen Fachblättern, sondern dort, wo sie der wissenschaftlich wenig beleckte Bürger zu sehen und hören bekommt, sprich: im Fernsehen, in den sozialen Medien, auch Zeitungen kommen infrage, nämlich jene, die sich keine eigene Redaktion mit Kapazität für gründliche Recherche mehr leisten können – weil die Bürger lieber glauben, was im online farbig, knallig geschieht als das, was das Lokalblatt noch zu melden weiß.

Nun der eigentliche Kniff: Es kommt gar nicht darauf an, dass der Bürger nun glaubt, was das prächtige Institut über den Klimawandel behauptet („Menschengemachten Klimawandel gibt es keinen, das haben wir nachgewiesen“). Sondern? fragt der Leser, der hier noch mitliest. Er soll es nicht glauben, er soll auch das Gegenteil nicht glauben. Er soll nichts mehr glauben können: „Die widersprechen einander doch dauernd!“

So wird der Zweck der Übung erfüllt: Wer zu nichts mehr Vertrauen haben kann, der hört im Zweifel auf Leute, die so auftreten, als könnten sie das besagte Problem (wenn es wider Erwarten doch eines wäre) noch am besten lösen. Der muss nur kraftvoll genug rüberkommen, schon glauben ihm die Leute: „Der wird es knacken, die anderen sind sowieso nur Schwätzer.“

Merke: Der Täuscher trübt das Wasser, in dem er zu fischen plant. Ähnlichkeiten mit irgendwelchen lebenden Personen sind völlig ausgeschlossen; das ist aus Laborversuchen wissenschaftlich nachweisbar geklärt.

Danke, weitermachen!

Oliver Baer @ 15:41
Rubrik: Gesellschaft
Spottolski im Winter des Zornes

Beitrag vom 23 November 2017

Die Miezen seien am Feiern, berichtet Kater Spottolski im Vorübergehen: das Wort des Jahres. Leider sei es ein weiteres Mal weiblichen Geschlechtes. „Was guckst du? Weil ich des Genitivs beherrsche? Jetzt frag mich, wie das Wort des Jahres heißt, wohlgemerkt das Katzenwort des Jahres.“

„Sag an: Was ist das Wort des Jahres?“

„Du wirst es nicht verstehen. Ich erklär dir den Felinismus!“ Ich nicke verbindlich. Ich weiß, was sich für „Herrchen“ gehört.

Wutbürger, nach dem ersten Kaffee (Bild ®Behland)

Auf einmal ist Spottolski nicht mehr in Eile. Er und die Kater aus dem Oberdorf sind es jetzt leid. Sie möchten nicht länger mitgemeint sein, wenn von den Katzen die Rede ist. „Alles dreht sich um die Miezen. Wir bestehen auf unseren felinischen Rechten.“

Vielleicht sehe ich mimisch wie „Ach ja?“ aus, jedenfalls zählt er die Forderungen der Kater auf. „Erstens die Befreiung von der sexuellen Zumutung. Du willst wissen, was die Zumutung ist?“

Ich will, ich nicke ermutigend.

„Dass wir Kater für die Vermehrung zuständig sind.“ Ich verstehe. „Die dauernde Jagd, die Klopperei mit den Kollegen, ständig so tun, als ob man geil wäre.“ Spottolski schreit: „Wenn die Miezen nicht wären, würden wir uns dann noch kloppen? Na also!“

„Das ist belastend“, bestätige ich, und warte auf zweitens. „Zweitens?“

„Zweitens erfährst du, was los ist: Wir feiern das Katzenwort des Jahres. Aber davon verstehst du …“

„… Ich bitte dich, es gibt das Wort, das Unwort, sogar ein Jugendwort des Jahres. Ich kann was einstecken.“

„Na gut, das Katzenwort des Jahres lautet ‚Miauw‘. In deiner Schreibweise“, fügt er gnädig hinzu, „mit einem W am Ende.“

„Wie sonst“, nicke ich, „aber das war schon 2016 Katzenwort des Jahres.“

„Voriges Jahr, das war Miau, ohne alles. Geschlechtsneutral, ein früher Lichtblick für Kater.“

„Verstehe“, lenke ich ein. „Offenbar ein Fall von Homophonie? Wie in Leerstelle und Lehrstelle?“

„Werd nicht ausfallend,“ rügt mich der Kater, „daran ist nichts homophob.“

„Das ist einzusehen“, versichere ich. „Und was bedeutet Miau?“ – „Welches?“ – „Das neue.“

„Miauw bedeutet:‚Du gehst mir auf die Ohrspitzen.“

„Genial. Und das vom vorigen Jahr?“

„Miau steht für: ‚Der Winter zittert auf dem Huhn‘ oder gelegentlich: ‚Dreh dich langsam um, der Hering wackelt.‘“

„Der was?“

„Der Hering wackelt.“

„Der Hering wackelt?“

„Der Hering wackelt!“ Spottolski blickt mich an, voll der edlen Sanftmut. „Was sonst? Ein toter Hering wackelt. Miau, genau genommen Miou, wenn im gegenseitigen Einverständnis.“

Ich gucke schon ganz sparsam, aber mein Kater versteht, und er fährt fort: „Selbst diese Bedeutung ist im Großen Kuden feminin notiert, ich fasse es kaum.“

Wie die Katzen die homophonen Bedeutungen unterscheiden, möchte ich nun wissen.

„Das weiß man immer nie genau“, gesteht Spottolski. „Aber im Grunde ist es ganz einfach!“ schreit er. „Wer sich im Ton vergreift, kriegt einen gepfeffert.“

„Welch semantischer Reichtum!“ entfährt es mir. „Und wieso Hering?“

„Diese Frage ist typisch, eine Belästigung, total unfelinisch. Hering ist per se nicht anzuzweifeln. Aber du bist Mensch, du kannst es nicht besser. Und bevor du fragst: Mio bedeutet eine Ferkelei, die ich nicht übersetze. Genau wie Miahu. Da geniere sogar ich mich.“

„Wie kommt ihr zu dem Wort des Jahres, durch Wahlen?“

„Wahl, Einzahl, nicht Wahlen. Wir wählen und wir notieren nicht, wie ihr, auf der Rückseite des Wahlzettels eine Wunschkoalition. Wir panaschieren und kumulieren, und platsch da isses.“

Ich staune. Was die Jungs in der Katerabendschmiede lernen!

„Außerdem sprechen wir das Wort richtig aus, nicht halb englisch, halb deutsch wie ihr mit eurem Dschameika.“

Damit ich die Oberhand zurückgewinne, erfrage ich die weiteren Forderungen im Sinne des Felinismus: „Wir waren bei Zweitens.“

„Ge-nau. Viertens verlangen wir das volle Wahlrecht, wer wen freiwillig besteigt, nämlich auch mal gar nicht. Wenn unsereins keinen Bock hat. Geile Weiber!“ Schimpfend verlässt Spottolski die Räume der Redaktion. „Noch Fragen?“ Er habe eine unaufschiebbare Begattung in petto.


Mehr über starke und schwache Argumente zum Gendern:
Vorschlag zur Gendergüte und
Symbole sind zu schätzen

Oliver Baer @ 11:21
Rubrik: Spottolski (Marketingkater)
Die Bedeutungslosigkeit der Lücke

Beitrag vom 14 November 2017

„Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ In diese Falle tappen auch schneidige Anglizismenjäger. „Shitstorm“, „Crowdfunding“, „Refugees Welcome“ und „Fake News“ kleben in unserem Wortschatz wie Bonbons im Kinderhemd, alle waren sie Anglizismus des Jahres, weil sie „… ins Bewusstsein und den Sprachgebrauch einer breiten Öffentlichkeit gelangt“ sind und eine „interessante Lücke im deutschen Wortschatz“ füllen.

In der Tat, spontan fehlt uns ein Wort aus eigenem Schatz, in der als zutreffend geltenden Bedeutung gibt es keines. Das ist richtig und stimmt trotzdem nicht. In den Vereinigten Staaten, Chefexporteur aller Anglizismen, gibt es ein neues Wort – zunächst auch nicht. In solchen Fällen tun die Amerikaner eines nicht: Sie suchen nicht in Lettland oder Laos nach einem Lehnwort, sie schnitzen sich ein eigenes. Wie die Isländer; sie nehmen sich das Recht und bereichern ihre Sprache mit bunten Neuauslegungen alter Wörter, die sie mit neuen Bedeutungen zusammensetzen. Zum langsamen zweiten Lesen: Bei der Lehnschöpfung wird ein neues Wort aus vorhandenen Wörtern gebildet, die Bedeutung wird aus der fremden Sprache übernommen, die Form des neuen Wortes ist völlig neu. So wurde aus der Guillotine das Fallbeil.

Die Lückenlosigkeit der Stille (® Behland)

Wenn wir unsere Schatztruhe mit Lehnwörtern füllen, nur weil sie aus Amerika stammen, fällt die Leere der Lücke als Begründung flach. Schwer zu sagen, welches Verfahren mehr wert ist, Entlehnung oder Lehnschöpfung. Schlaffe Gehirne ziehen das Abschreiben vor, eigenes Denken würde die grauen Zellen erneuern. Also noch einmal: Ausdrücken können wir auf Deutsch, was wir wollen. Wenn wir es wollen.

Sicher gibt es eine Fülle willkommener Fremdwörter, warum nicht auch ein paar englische? Wegen der hirnlosen Ausrede. An der vermeintlichen Bedeutungslücke stört, dass wir auf das Gerede hereinfallen: „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ wiegt als Argument so viel wie die Leere in der Lücke. Und noch etwas stört. Wie breit muss eine Öffentlichkeit sein, damit ihr „Bewusstsein und Sprachgebrauch“ maßgeblich wären? Als sie beispielsweise das „Crowdfunding“ adoptierte, müssten es ja Menschenmengen gewesen sein, die es der biederen „Gruppenfinanzierung“ vorzogen.

Oder auch nicht. Die Geschichte verläuft eher so: Eine Handvoll Leute benutzen das Wort, indem sie wiederkäuen, was in Medien und Werbung aus dem Englischen abgekupfert und bis zur Gehirnerweichung wiederholt wurde, bis es schließlich in der Öffentlichkeit anlangt. Nicht etwa in irgendwelcher Breite. Auch diese besteht, wenn es hochkommt, aus hundert Leuten, die im ICE laut telefonieren, und bald hört man die Mithörer landauf sowie landab: Wir ergeben uns, übergeben haben wir uns schon!

Den Stalker zum Beispiel gab es früher nicht, auch nicht in Kalifornien, woher das Wort stammt, weil dieses Phänomen gehäuft dort zuerst bemerkt wurde. Dort bildete man aus dem Verb „to stalk“ das – zuvor nie benötigte – Hauptwort „stalker“. Genau so wäre im Deutschen aus „nachstellen“ der „Nachsteller“ abzuleiten gewesen. Wurde er aber nicht. Die Steilvorlage aus Übersee geriet zum Eigentor: Zwar nennt ihn das Gesetz den Nachsteller, aber der Volksmund sagt Stalker, wie von den Medien vorgebetet. Jüngst kam in einem SPIEGEL-Beitrag zu eben diesem Thema der Stalker dreimal, der Nachsteller einmal vor.

Dass Bedeutungslücken auf Englisch geschlossen werden, bleibt bei der geltenden Sucht nach Geltung und der Denkfaulheit der Lautsprecher nicht ganz vermeidbar. Sei’s drum, aber wir müssen den Papageien nicht jedes Gebrabbel durchgehen lassen: weder das Leerargument, dafür gäbe es kein deutsches Wort, noch die Fake News, da habe sich eine breite Öffentlichkeit durchgesetzt. Es ist ein Argument, das nichts taugt, also Finger weg!


Siehe auch Widerstand gegen Fremdwörter und Selbsternannte selbst ernannt.
Viel mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon.

Oliver Baer @ 10:05
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Spielwiese der Bewegten

Beitrag vom 13 November 2017

Wir Sprachbesorgten befassen uns mit Fragen, die uns wichtig, manchen Widersachern aber gleichgültig sind. Dazu zählt das Gendern der Sprache, ein Thema, bei dem die Gegner aneinander vorbei reden. An den Scharmützeln beteiligt hat sich der Autor dieses Beitrags; es wird Zeit, genauer hinzusehen.

Die Linguisten mit ihrem Wissen und die Laien mit ihrem Sprachgefühl haben Recht, behalten es aber nicht. Das Bemühen um entpatrifizierte Ausdrucksweise mündet in Sprachhülsen, die Sprache wird so genießbar wie das Deutsch der Behörden. Die Debatte soll die Gegner des Genderns ermüden. Es gehört zum guten Ton, die Argumente des anderen gar nicht erst zu hören, geschweige denn zu lesen. Was wir jedoch verkennen: Den Genderbewegten geht es überhaupt nicht um die Sprache.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen (® Baer)

Sie ist die Spielwiese, auf der Feministen ihre Stöckchen werfen und wir rennen. Unermüdlich bellend beflügeln wir ein Spektakel, das die Sache der anderen voran bringt, unserer aber keinen Deut weiterhilft.

Das Gendern „soll zur Sensibilisierung führen und Diskriminierung bewusst machen“, so vornehm kann man das ausdrücken. In Wirklichkeit geht es um mehr: Das Bewusstsein und der Sprachgebrauch der Bürger sollen umgestülpt werden. Diesem Zweck nützt jede Erwähnung, jeder Widerstand. Jede Kritik heizt die Debatte an, stets zu Gunsten der Gendermission, getreu der Hollywood-Weisheit: „Wenn ich mal nur erwähnt werde, Hauptsache mein Name ist richtig geschrieben!“ Tatsächlich kümmern sich die Feministen ein nasses Stöckchen um unsere Argumente, denn wir lassen sie die Regeln des Spiels bestimmen. Das dreht sich um die Gleichstellung der Frau, und was dabei aus der Sprache wird, kümmert sie nicht.

Sollte man meinen. Dass es um das Los der Frauen geht. Nicht nur wir verwechseln das Offenkundige mit dem Wahren. Sehen wir genauer hin. Um die Gleichstellung der Frau geht es den professionellen Feministen durchaus, aber nur nebenbei. Hauptsache sie finden sich in ihrem eifrigen Tun bestätigt. Sie überleben in einer Nische der subventionierten öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Suppe reicht für ungezählte Gleichstellungsbeauftragte, -bewegte und –forschende; sie bilden den harten Kern. Hinzu kommen die gutwilligen Mitläufer, die Kulisse der Sympathisanten. Das sind Millionen aufrechter Amateure, sie werden gebraucht zur Bildung einer kritischen Masse für politische Bewegtheit.

Sie verkennen die gesellschaftlichen Folgen einer ideologisch befrachteten Sprache, und wir erleichtern ihnen die Ignoranz, denn sie nehmen uns als Besserwisser wahr: Was ist schon das Gedeihen der Sprache, ein abstraktes Festhalten an Konventionen, gegenüber dem greifbaren Schicksal der weiblichen Hälfte der Menschheit? Wie können wir nur so eitel, so ungalant sein, uns der guten Sache mit semantischen und grammatikalischen Einwänden zu verweigern?

Haben wir dieses Dilemma verinnerlicht, ertragen wir auch die Weiterung. Halten wir fest: Die Profis überzeugen wir sowieso nicht, uns kann es nur um die Mitläufer gehen. Wir sollten aufhören sie zu verschrecken. Wir müssen uns besinnen, was wir Überzeugendes, Positives zu bieten haben. Setzen wir an dieser Stelle ein Lesezeichen, bevor wir im österreichischen Leitfaden (pdf) für einen „nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch“ nachschauen. Dieser gilt ausdrücklich „in Bezug auf junge und alte Menschen, Menschen mit Behinderung, Frauen und Männer, Schwule, Lesben und Transgender, Migrant/innen und Menschen mit einer anderen religiösen Zugehörigkeit.“ Aufgepasst, es geht ums Ganze, und das besteht von Anfang bis Ende leider nur aus Floskeln. Dabei ist es nicht nötig, dass irgendwer das Gerede ernstnimmt, Hauptsache, er lässt sich die Synapsen plätten, bis er die allfälligen Lippenbekenntnisse brav herunterbetet.

    Einer Sprache, die vor lauter Gehhilfen ihren geistigen Horizont verliert, hört keiner zu, ernsthaft gelesen wird sie schon gar nicht. Genau das ist Zweck der Übung: Wer die Sprache beherrscht, bestimmt das Denken.

Wer sich an dieser Übung beteiligt, ist selber schuld. Machen wir uns lieber Gedanken: Wie vermeiden wir ideologisch manipulierte Sprache? Wie verhalten wir uns einfühlend gegenüber den Betroffenen (können etwa nur Frauen putzen?), aber auch nicht scheinheilig (werden zum Schnitzel wirklich Zigeuner verarbeitet?). Unsere Kritik an der Zerstörung der Sprache beenden wir selbstverständlich nicht.

Oliver Baer @ 10:04
Rubrik: Gesellschaft