baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Entscheiden auf Englisch

Beitrag vom 29 November 2012

Wenn es wenigstens der versteht, der es hinschreibt ... (Bild: Fotolia)

Bekanntlich hatte sich die Euro-Gruppe erst am frühen Dienstagmorgen auf das erweiterte Griechenland-Rettungspaket verständigt. Den komplizierten Text gab es nur in englischer Sprache. Der Finanzminister drängt darauf, dass der Bundestag schon diese Woche abstimmt.

Noch sind die Abgeordneten nicht von allen guten Geistern verlassen: Sie wünschen die Dokumente in deutscher Sprache zu lesen. Berichtenswert daran ist nur, dass die Sache überhaupt der Erwähnung wert ist. Und bevor hier Einer auf den Gedanken kommt, die Abgeordneten sollten gefälligst Englisch lernen, damit sie die europäischen und internatonalen Dokumente kapieren:

Es ist nicht lange her, dass gestandene Akademiker – in ihrer Rolle als „Banker“ – außerstande waren, den Schrott zu verstehen, den sie einkauften. Der kam auch auf Englisch daher, und da hat sich keiner getraut zu sagen (außer den italienischen Bankiers): Verstehe ich nicht, kaufe ich nicht.

Deshalb gratulieren wir den Abgeordneten des Bundestages, dass sie wissen, wo ihnen der Kopf steht. Unwichtige Dinge kann man ja auf Englisch versaubeuteln, aber wo es an die Nähte geht, muss die Muttersprache her. Vielleicht fällt dem Einen oder Anderen bei dieser Gelegenheit auf, dass die Muttersprache eines Tages nicht mehr genügen wird, falls wir weiterhin alles Neue auf Englisch inhalieren, während auf Deutsch schon die Terminologie fehlt, das Richtige und das Falsche in verständlicher Sprache auszudrücken.

Oliver Baer @ 11:45
Rubrik: Gesellschaft
Schnörkellose Übersetzung – Was hab ich?

Beitrag vom 28 November 2012

Einblick des Patienten in sein Schicksal ist willkommen (Bild: ©cult12 - Fotolia.com)

Drei junge Leute aus dem Dunstkreis der Dresdner TU helfen Patienten, ihren Arzt zu verstehen. Dafür heimsen sie Lob und Preise ein, nun auch den Initiativpreis des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Sie verwandeln Befunde, Arztberichte, Ergebnisse von Untersuchungen in Texte, mit denen der Patient etwas anfangen kann. Das muss er auch, denn ahnungslos ist danach Keiner.

Die belobigte Tat hat etwas Groteskes an sich: eigentlich sollte so etwas nicht Sache von Dritten sein. Am meisten trägt zur Heilung eines Kranken die Beziehung zwischen ihm und seinem Arzt bei. Alles andere ist Mittel zum Zweck. Dafür gibt es Beweise: Der Arzt kann mir Placebos verschreiben, also physikalisch-chemisch nutzlose Substanzen verabreichen und sie lindern doch meine Schmerzen, befördern doch meine Heilung. Warum? Weil sich etwas ereignet zwischen dem Heiler und dem Kranken, das die Heilung in Gang setzt, beschleunigt – oder behindert. Da versagt auch mal der renommierteste Arzt, da gewinnt auch mal der hoffnungsloseste Fall neue Lebenskraft.

Andererseits, man kann sich nicht genug freuen über die Leistung der Drei und der Vielen im Hintergrund. Einen Befund, den Sie als Patient nicht verstehen, schicken Sie an das Portal washabich.de, dann erhalten Sie eine Erklärung, was der Befund bedeutet; darin sind dann auch die lateinischen Vokabeln und Abkürzungen durch Klartext ersetzt. Das ist etwas für mündige Bürger. Damit dieses Angebot wahr wird, beteiligen sich bereits fast 500 Medizinstudenten der klinischen Semester, ausgebildete Ärzte und Psychologen, die ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. In diesem Fall wäre sogar der blöde Begriff Netzwerk angemessen, denn tatsächlich machen sie sich ans Werk, sie leisten etwas – außerdem tun sie es unentgeltlich. Dankbare Patienten können sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.

Mit welcher Logik passt ein Sprachpreis zu dieser wundervollen Initiative? Ärzte untereinander müssen und können nicht anders als in kurzen, formelhaften Wendungen jedes Missverständnis auszuschließen. Eben diese Wendungen versteht sonst Keiner. Es liegt an unserem Krankheitssystem, dass den Ärzten die Zeit, die Neigung, die Energie fehlt, sich mit ihren Patienten so gründlich zu verständigen, dass sich eine Beziehung entfalten kann. Schuld tragen aber auch Patienten, die schon mit der Einstellung das Erwartezimmer bevölkern: „Herr Doktor, Sie müssen mich reparieren!“

Er muss nicht, er kann, und das nur in dem Maße wie es die Beziehung hergibt. Wer seinem Arzt nicht über den Weg traut, muss eine Menge mehr für seine Heilung selber tun. Zur Beziehung brauchen die Beiden schließlich die Sprache: sie muss nicht gepflegt sein, nicht fehlerlos, nicht sauber und muss keinem Deutschlehrer imponieren. Sie muss nur stimmen, nämlich den Weg dafür ebnen, dass sich der Arzt in den Patienten hineinempfindet und, dass dieser Vertrauen in das Bemühen des Arztes zuwege bringt. Wenn die Initiative Was hab ich? etwas von dieser uralten Selbstverständlichkeit wiederherstellt, und sei es nachträglich, so verdient sie einen Haufen weiterer Preise.

Oliver Baer @ 21:37
Rubrik: Gesellschaft
Globisch meinen ohne es so zu nennen

Beitrag vom 25 Oktober 2012

Die Messlatte für die Weltsprache setzt sie in Johannesburg, nicht die gebildeten Weltbürger in Padua, Pamplona und Paderborn (Bild: Baer)

Jürgen Trabant erinnert in der FAZ an die Haltung der Römer. Sie schätzten die Sprache der – kulturell überlegenen – Griechen und bewahrten zugleich ihre eigene Sprache, Latein, und entwickelten es weiter zur dominierenden Sprache Europas.

„Der europäische Weg wäre noch ein bisschen mühsamer,“ fährt Trabant fort, „nämlich der Weg einer europäischen Mehrsprachigkeit, die tatsächlich die Formel der offiziellen europäischen Sprachpolitik M+2F ernst nimmt: M, die ‚Muttersprache‘, bleibt das Gefäß der europäischen Tradition, das in der Nation bewahrt und gepflegt wird. F1, Englisch, ist zu erlernen, aber auf seine internationale Kommunikationsfunktion zu reduzieren, als nützliches Hilfsmittel, als Verkehrssprache. Es brauchte nicht, wie etwa in der aktuellen Intensiv-Anglisierung Deutschlands, mit großem Aufwand in den Rang einer zweiten Muttersprache gehoben zu werden, und es dürfte vor allem nicht die alten Sprachen aus den wichtigsten Diskursdomänen vertreiben.“ (Hervorhebungen durch die Redaktion) Der vollständige Beitrag ist im Netz zu finden: Die Anglisierung der EU – Europa spricht mit gespaltener Zunge

Trabant unterscheidet das Englische vom Englischen, die Kultursprache von der Welthandels- und -verkehrssprache. Damit sagt er, was ich in ‚Von Babylon nach Globylon‘ anrege, mit einem Unterschied: Ich nenne das (nach Jean Paul Nerrière) Globisch, nicht Englisch, damit die beiden nicht verwechselt werden. Sonst muss man sich fortwährend das Argument anhören, Englisch sei nun mal die Welt- und Kultursprache. Nein, „die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch,“ sagt der Cambridger Linguist David Crystal. Die Kultursprache Englisch, liebe Leute, ist für nahezu alle, die zu diesem Thema eine Meinung vorbringen, unerreichbar, weil viel zu schwierig, und daher als Weltverkehrssprache ungeeignet: Sie wird weltweit eben nicht verstanden.

Die Sache ist einfach: M+2F bedeutet dann sinnvollerweise für uns: Deutsch plus Globisch plus eine beliebige Fremdsprache, am besten die eines Nachbarn (kann auch Englisch sein, das Kulturenglisch). Mehr dazu gibt es hier.

Oliver Baer @ 11:25
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Anmerkung zur Kindle-Ausgabe

Beitrag vom 20 Oktober 2012

Formatierungen

Die Formatierungen des gedruckten Buches konnten in der Kindle-Fassung nicht in der gleichen Vielfalt verwirklicht werden. Das ist bei E-Büchern nicht zu vermeiden, die Kompromisse sind hinnehmbar. Man kann das Kindle-Buch auch auf dem Rechner lesen (mit der Kindle-Weichware); dort ist die Wiedergabe etwas anders als im Kindle, dasselbe gilt für E-Buch-Lese-Apps. Einige der erzwungenen Formatierungen ergeben keinen Sinn, stören aber nicht allzu sehr.

Vereinfacht zusammengefasst: Ein Sachbuch eignet sich für Kindle nur dann, wenn der Autor beim Layout von vorneherein die Beschränkungen durch Kindle berücksichtigt. Nachträgliches Umrubeln geht auch, aber nur auch. Immerhin ist das Buch wesentlich billiger.

Preisänderung

Der Mehrwertsteuersatz (in Luxemburg) ist gefallen, daher der neue Preis.

Empfehlung (Nachtrag)

Besorgt hatte ich mir den Kindle nur, weil ich sehen wollte: Wie sieht aus, was ich da für den Kindle anfertige? Dann habe ich einen Roman nach dem anderen auf dem Kindle gelesen: Eine feine Sache, kein Ersatz für gedruckte Bücher, aber auf Reisen eine willkommene Alternative, sie wäre mir fast entgangen.

Oliver Baer @ 09:51
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Freiheit der Meinung und der Zurückhaltung

Beitrag vom 20 September 2012

Auf einem Grab im Staglieno, dem Genoveser Friedhof (Bild: Baer)

Es gibt neben der Meinungsfreiheit so etwas wie Taktgefühl. Man kann, aber man muss nicht zu jeder Gelegenheit mit einer Meinung herausplatzen, schon gar nicht wenn man genau weiß, dass darauf keine angemessene Reaktion, sondern nichts als Krawall folgt.

Falls jemand Schwierigkeiten mit seiner Entscheidungsfindung hat: Stellen Sie sich vor, die Angestellte der Botschaft, die in Khartum gestürmt werden soll, wäre Ihre Schwester. Würden Sie die berüchtigten Bilder veröffentlichen, denn „eine Zeichnung hat noch nie getötet“? Das sagte Stéphane Charbonnier, Chefredakteur des Charlie Hebdo. Nicht anders hörte sich Charlton Heston an. Er meinte, dass Gewehre keinen Menschen töten.

Stimmt, es ist der Mensch, der den Abzug tätigt. Er hat die Freiheit sich zu zügeln, auch sie unterscheidet ihn vom Tier.

Oliver Baer @ 20:29
Rubrik: Gesellschaft
Das können Sie sich schenken

Beitrag vom 18 Juli 2012

Hand mit Aipot (Bild: Baer)

Suchen Sie neue Argumente zu Frühförderung, Schulenglisch, Wissenschaftssprache, Weltsprache und Muttersprache, die noch nicht jeder draufhat?

Die finden Sie in Von Babylon nach Globylon, zur Zeit in einem Sonderangebot: Das Buch, das man gelesen haben muss, um über Englisch und auf Englisch mitzureden, ohne sich zu blamieren – das gibt es als E-Buch für 0,98 €.

Sie haben I-Phone, Galaxy, Schlepptopp oder einen PC, auf dem Sie das hier lesen? Dann laden Sie das Buch herunter von Amazon, dazu gratis die passende Weichware (ein App), damit Ihr Gerät so tut als wäre es ein Kindle, und schon sind Sie dabei!

So viele schmerzfrei aufgereihte Wörter für so wenig Kohle gibt es nur begrenzt, nämlich fünfzigmal. Die nächsten Fünfzig kosten bereits 1,98 Euro, und so weiter bis zum Originalpreis. Warum biete ich Ihnen dieses Schnäppchen? Damit Sie mir mit steigendem Absatz die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Redakteur bei der ZEIT oder FAZ erinnert: Moment mal, in meinem Stapel lag doch ein Rezensionsexemplar! Sieh an, da isses! Und er guckt und findet und sagt: Dieses Buch ist eine Lobeshymne / einen Verriss wert (Nichtzutreffendes streicht er selber).

Ich habe meiner Tochter beim Herunterladen auf das I-Phone zugeschaut und gestaunt, wie schön sich das liest. Trotzdem ziehe ich das Kindle-Gerät vor; dem Kindle 4 hatte ich bereits eine Lanze gebrochen (mit Bildern). Der Vierer ist die einfachste, die puristische Version des Kindle. Er übersteht den Aufenthalt am Strand, hält tagelang durch, und keiner sieht, dass Sie gerade Shades of Grey lesen, sogar in der prallen Sonne.

Wir freuen uns hier auf Sie und Ihre Kommentare. — Und nun zurück zu den seriösen Beiträgen.

Oliver Baer @ 12:52
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Zweite Sprache ist kein Kinderspiel

Beitrag vom 18 Juli 2012

Kind (ausländisches), im Begriff seine geschriebene Muttersprache zu erwerben (Bild: Fotolia)

Mit Frühenglisch riskieren Eltern die Karriere ihrer Kinder. Sie verzögern die Sprachentwicklung, sagen Sprachforscher in den USA. Sprachen seien kein Kinderspiel, warnt die Psychologin Erika Hoff von der Florida Atlantic Universität: Bilinguale Kinder brauchten länger als Gleichaltrige, um die Muttersprache zu erlernen. Sie haben in beiden Sprachen einen geringeren Wortschatz und tun sich mit der Grammatik schwerer. Das kann sie in Kindergarten und Schule benachteiligen. [1]

Bekanntlich sprechen zwei Argumente für Frühenglisch: Man könne nicht früh genug mit Fremdsprachen beginnen, das sei wissenschaftlich fundiert, lautet das eine [2]. Das andere klingt so: Ohne Frühenglisch fehle den Kindern eine „entscheidende Grundkompetenz“ im Arbeitsleben.

Nur weil es oft genug wiederholt wird, muss es noch nicht stimmen. Bei einem Argument gilt nicht nur, was Einer sagt. Wichtiger ist sogar, wer es sagt: Was qualifiziert ihn zu seinem Argument, und wie glaubwürdig ist er damit? Der Autor meines Buches hat Englisch erst ab der Quarta gelernt (7. Klasse), und er wurde im Berufsleben von englischen Muttersprachlern dafür bezahlt, dass er in ihrer Sprache Texte verfasste. Genügt das?

Ja, ich bin es selber, ich war dort und ich habe das T-Shirt. Und nein: Ich bin nicht besonders begabt. Und ja: Sogar ich mache Fehler.

Es gehört schon einiger Mut dazu, heute bereits zu wissen, welche Kompetenzen die Kinder in zwanzig Jahren brauchen. Diesen Leichtsinn versagten sich sogar die Planer der Sowjetunion, sie begnügten sich mit Fünfjahresplänen. Welchen Betrag wetten Sie dagegen, dass im Jahr 2032 die Sprache der Chinesen weltsprachiger als Englisch sein werde, oder vielleicht Arabisch, oder Russisch?

Seltsam, an dieser Stelle hat noch keiner sein Haus verwettet. Die Zukunft seines Kindes setzt er aber aufs Spiel – ohne einen Augenblick des Zögerns?

Kurzes, aber heftiges Grübeln genügt sodann für die Frage, wieviel an einer „entscheidenden Grundkompetenz“ dann noch „entscheidend“ sei, wenn sie jeder sowieso besitzt. Zum Beispiel Scotland Yard sucht händeringend nach Leuten, die eine Fremdsprache mitbringen; weil in England jeder glaubt, Englisch genüge ja, von wegen Weltsprache.

In Von Babylon nach Globylon besprechen wir den Umgang mit der Mogelpackung: Was die Einen für Englisch halten, ist für Andere armselig und für wieder Andere ist auch das noch zu hoch. Als Weltsprache ist schlechtes Englisch brauchbar (besser ist Globisch, das ist richtiges Englisch mit gewissen Beschränkungen); aber die Weltsprache als „die englische“ durchgehen zu lassen, das ist nicht nur frivol.

Also gilt die Frage: Welches Englisch soll denn als Ziel für unsere Kinder gelten? Das nützliche Globisch oder das unerreichbare Hochenglisch? Gutes Englisch versteht der Kollege in Jaipur mit seinem Weltsprachenenglisch nicht. Zu viel und zu frühes Englisch ist daher für Exportabhängige nicht nur nutzlos, es behindert die Fähigkeit zur erfolgreichen Verständigung, also schadet es der Karriere. Bedenkt man dann noch, dass die Spätstarter die Frühgeförderten in der Pubertät sowieso überholen, hätte man sich die Hysterie um Frühenglisch schenken können – und lieber ordentliches Deutsch gelernt.

Am weitesten herausragen werden jene, „die verstanden haben, dass man nicht eine bestimmte Fremdsprache braucht, sondern die Fähigkeit, immer Neues dazuzulernen.“ [3] Die gepflegte Muttersprache ist dazu die erste Voraussetzung. Wie will man sonst verstehen, worum es geht?


[1] Abendblatt: Wer zweisprachig aufwächst, kann Nachteile haben
[2] WELT Online: Warum Kinder früh Englisch lernen sollten
[3] Neue Zürcher Zeitung: Frühenglisch und Uhrmacherei

Oliver Baer @ 12:37
Rubrik: Gesellschaft
Die reden Russisch und Arabisch

Beitrag vom 18 Juli 2012

Alle Flugzeuge haben nur ein Ziel: ein englischsprachiges Land (Bild: Fotolia)

Wo wimmelt es nur so von internationalem Verkehr? Am Flughafen. Halt, das heißt airport – da ist man international aufgestellt, da wirbt man auf Englisch. Und das ist gut so.

Dann stoßen brand eins-Leser auf einen Beitrag über die Duty-free-Unternehmer Gebrüder Heinemann. Obwohl es zollfreies Parfüm, Zigaretten für Flüge innerhalb der EU nicht mehr gibt, sind sie weiterhin sehr erfolgreich. Märkte sind Gespräche, hat sich dort jemand an Cluetrain erinnert (oder an seinen gesunden Menschenverstand). Zum Beispiel im Hamburger Laden (mit viel englischer Beschriftung) steht Personal je nach der nächsten abfliegenden Maschine bereit: „Vor Flügen nach Russland sind russischsprachige Kollegen vor Ort, die alle Vorlieben dieser Klientel kennen […] Vor Dubai-Flügen sind arabischkundige Verkäufer im Dienst …“

Glaubt man der Logik deutscher Anbieter, fallen die Heinemänner aus der Rolle. Von Tchibo bis Siemens hört man eher Töne wie diese: „Die Weltsprache ist Englisch! Die Sprache der Kunden verwenden, bei Ihnen piepts wohl! Wir quatschen auch unsere deutschen Kunden mitten in Deutschland auf Englisch an!“

Vermutlich weil die Muttersprache der Deutschen (schlechtes) Englisch ist, und sie es aus der Werbung lernen sollen? Oder weil sich über 60 Millionen zahlungskräftige erwachsene Deutsche ihrer Sprache schämen?


Lesenswert, ab August auch auf dem Bildschirm: der Beitrag über die Gebrüder Heinemann: Vetternwirtschaft, brand eins, Juliheft 2012, mit weiteren Hinweisen auf gutes Marketing.

Gebr. Heinemann SE & Co. KG erwirtschaften über 2 Milliarden Umsatz mit 5500 Mitarbeitern weltweit.

Oliver Baer @ 12:23
Rubrik: Unternehmen
Schwedisch für die Schweden

Beitrag vom 18 Juli 2012

Spottolskis Aufenthalt (Bildmitte halblinks) während er gerade nicht in Schweden oder sonstwo ist (Bild: Baer)

Den schwedischen Universitäten geht es an den Kragen. Sie müssen Stellenbewerbungen wieder in schwedischer Sprache zulassen. Diese Wende um 180 Grad wäre Spottolski beinahe entgangen. Er beherrscht ja so etwas wie Englisch fließend und setzt dieses als basiselementare Grundkompetenz voraus (außer bei den Katern vom Oberdorf, was soll’s). So blieb ihm bis vor kurzem verborgen, dass es in Schweden neben den fünf Minderheitensprachen – auch Schwedisch gibt.

Dazu muss man wissen: Schweden liegt oben. Da kommen starke Filme her (Fanny und Alexander, bei den Ohorner Miezen immer wieder ein Straßenfeger), Finnland liegt gleich daneben (ich sage nur PISA!), ferner smörgåsbord, Lisbeth Salander, Forstwirtschaft sowie Mitternacht. Da oben ist was los.

Selbstverständlich halten sich die Universitäten daran, was der Ombudsman verfügt: Keiner darf zur englischen Bewerbung gezwungen werden [1]. Sie hoffen dennoch weiter auf englische Texte. Die Hochschulen könnten nämlich eine angemessene Übersetzung nicht gewährleisten, warnen sie vorsorglich. Falls Sie hier nicht ganz aufmerksam mitlesen: vom Schwedischen ins Englische; denn meist müssten ausländische Gutachter befragt werden. Auf Englisch, das versteht sich, auch wenn sie Deutsche oder Chinesen sind.

An dieser Stelle fiel bei Spottolski der Groschen, außerdem von der Kralle der Thunfisch. So schlecht steht es bereits um das Schwedische, dass wissenschaftliche Angelegenheiten nicht mehr mit Gewissheit korrekt zwischen der Muttersprache der Bürger und der englischen vermittelbar sind? Fehlen da bereits die Worte? Das Können? Die Lust

Die Bürger, bemühte sich Spottolski der Volontärin zu erklären (das ist die mit dem Rock, ältere Leser erinnern sich) – also die Bürger, das sind die, aus deren Steuern die Wissenschaftler und die Labors und so weiter bezahlt werden, klar doch, auch die Forschung. Und die sprechen als Schweden von Hause aus Schwedisch, das ist seit 2009 die Amtssprache. In Schweden. Wo sie Schwedisch schon länger können.

Das mangelnde Schwedisch an den Hochschulen führt dazu, „… dass es viele jüngere Forscher gibt, die über ihre Wissenschaft fast keine anspruchsvolleren Berichte auf Schwedisch verfassen können. Und da kann man sich natürlich fragen, was das für die gesellschaftliche Diskussion zum Beispiel über Klimafragen oder Genforschung bedeuten kann.“ sagt der Vorsitzende des schwedischen Sprachrates, Olle Josephson. [2]

Achtzig Prozent der Schweden hätten fließend Englisch drauf, heißt es weiter [1]. Das wären immerhin mehr als in England, mokierte sich die Volontärin. Auf der Flucht vor dem miesen Englisch ihrer Landsleute ist sie nämlich bei uns gelandet, mitsamt ihren fabelhaften Röcksäumen, da gibt es keinen Stress. Hauptsache ist auf dem Feld, rief Spottolski, in Schland könne das nicht passieren, versicherte er und hob drohend die fettige Kralle: Hier seien die Bedürfnisse des Volkes und der Wissenschaft verzahnt wie zentrale Eckpfeiler, so engmaschig!

Jedenfalls müsse Schwedisch vom Aussterben gerettet werden. Er kenne da eine Mieze in Ljungby, aber das sei ein weites Feld. Spottolski bat daher um Sammlung und sprach gemessen die Worte: „Lieber Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd’ andere an!“


Ein alter Hut? Keineswegs: In Von Babylon nach Globylon zitiere ich die Königlich Technische Hochschule in Stockholm, die mittlerweile auch auf andere Weise zur Wiederentdeckung der Muttersprache gelangt ist. Dreimal dürfen Sie raten: Die Studenten verstehen sie besser. Ja doch.

Regionale Sprachen in Schweden sind Finnisch, Meänkieli, Samisch, und die anerkannten Minderheitensprachen sind Jiddisch, Romani sowie die schwedische Gebärdensprache.

[1] New York Times: Ruling Affirms Right to Apply in Swedish for Academic Posts in Sweden

[2] Radio Schweden: Höhere Weihen für das Schwedische

Oliver Baer @ 12:12
Rubrik: Spottolski
Miro Jennerjahn Nachlese

Beitrag vom 10 Juli 2012

Irrtum, das ist die Flagge des Staates Jemen (für Amerikaner: Das liegt ein Stückchen weiter rechts unten)

Nichts gegen Schläge unter die geistige Gürtellinie von Rechtsextremen, zumal wenn sie vorgeben für die deutsche Sprache einzutreten, von der sie jedoch nichts verstehen. Aber wer zuschlägt, sollte selber Bescheid wissen.

Der Abgeordnete Miro Jennerjahn hatte im sächsischen Landtag mit einer beherzten Rede den Antrag der NPD auf Eliminierung von Anglizismen abgewürgt. Das Deutsche sei seit jeher ein Sprachbastard. Wenn man alles wegräume, was von außen gekommen ist, bleibe nichts mehr übrig, sagte er und zerlegte anschließend das Ansinnen der NPD.

„Allerdings ist alles, jeder einzelne Punkt, den Herr Jennerjahn als Beispiel für seine Behauptung anführt, falsch.“ sagt die Redaktion von Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker. Dort wird Herrn Jennerjahns Rede in allen Einzelheiten zerpflückt – übrigens von einem, der gar nicht in den Verdacht geraten kann, den Rechtsextremen eine Schneise zu schlagen.

Bitte lesen Sie bei Belles Lettres weiter, besonders wenn Sie als Purist auftreten, egal welcher Couleur: Man lernt nie aus. Und was die Herrschaften aus der NPD anbelangt: Sie verstehen von der Sache so wenig, dass sie den Unterschied sowieso nicht bemerken.

Wenden wir uns lieber den Freunden vom Goethe Institut zu: Webguerillas starten den Kampf um die deutsche Sprache (ein reizendes Video, drei Minuten lang). Ich bin bereit alles zurückzunehmen, was ich jemals Unfreundliches über das Goethe-Institut gesagt habe.

Oliver Baer @ 15:43
Rubrik: Gesellschaft
Vexierbild für öffentliche Fußballbetrachter

Beitrag vom 10 Juli 2012

Immer mal wieder ist Schland, das merken sogar wir uns: Im Sommer jeder geraden Jahreszahl ist Wimpel-Time. Dazu gibt es, was Engländer vielleicht open air viewing nennen, gegebenenfalls auch public screening oder outdoor screening.

Vexierbild Teil Eins zu der Frage: Was merkwürdet hier?

Was auf der Zunge nicht so prickelt, ist das Trauerwort public viewing (damit ist eine öffentliche Aufbahrung gemeint, jedenfalls in der Sprache, aus der dieser Begriff zu uns herüberschwappt). Für Rudis Rumpelcombo mag diese Bedeutung noch gegolten haben, für den modernen Fußball aus Schland passt Aufbahrung bestimmt nicht. Pablik Wjuing muss jemand erfunden haben, der auch imstande wäre football mit Kopfball zu übersetzen (und dem dabei nichts auffällt).

Genauer: What stimmt's hier not? Vexierbild Teil Zwei (das ganze ist ein Ausschnitt aus ver.dis Spielplan zur EM 2012)

Gewissermaßen als letzten Abwasch nach dem Iwänt, bietet die baerentatze heute dieses zweiteilige Vexierbild. Was das ist, beschrieb Franz Kafka in seinem Tagebuch 1911: „Das Versteckte in einem Vexierbild sei deutlich und unsichtbar. Deutlich für den der gefunden hat, wonach zu schauen er aufgefordert war, unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu Suchen gilt.“ (siehe Wikipedia)

Haben Sie es gefunden? Steht es für einen perversen, also ganz salonfähigen Selbsthass, oder erkennt der Spezialist einen pathologischen Fall von massenhafter Beklopftheit? Ohne die Antwort abzuwarten, verabschiedet sich die baerentatze mit einem fröhlichen „Auf Wiederschland in zwei Jahren!“ Ein dritter Platz war schließlich auch nicht übel.

Ach so: Haben Sie den Fehler gefunden? Er ist zeitlos.

Oliver Baer @ 15:33
Rubrik: Gesellschaft
Konzerne verlassen sich nicht auf Englisch

Beitrag vom 11 Juni 2012

"Und halten Sie mir bloß die Profis vom Leibe!" (vier Wörter, zwei Fehler; Bild: Baer)

Der Dienst am Kunden, die Markenpflege und die Vergrößerung des Marktanteils bilden den stärksten Antrieb für Großunternehmen in die Leistung von Übersetzern und Dolmetschern zu investieren. Mit Erfolg.

Gelegentlich schlägt bei mir die Bitte auf: Welche Kosten verursacht der von mir so drastisch beklagte gedankenlose Umgang mit der Weltsprache und ob ich dafür Beispiele liefern könne?

Die Frage überrascht mich. Muss man erst beweisen, dass miese Kommunikation Kosten verursacht, sogar Desaster auslösen kann? Es liegt doch auf der Hand: Ein durch Missverständnisse verpatzter Besuchstermin wird durch ein beherztes Telefonat eingerenkt, und die Kosten betragen vielleicht 200 Euro – weiß der Geier – oder 2.000 Euro. Geht der Kunde verloren, weil er nach einem Missverständnis während der Verhandlung lieber bei der Konkurrenz unterschreibt, liegt der Schaden zwischen irgendeinem Betrag und dem Untergang des Unternehmens.

Es wird so bald keine belastbaren Untersuchungen zu dieser Frage geben, denn meist wird den Beteiligten gar nicht erst deutlich, dass Sprache überhaupt eine Rolle gespielt haben könnte, und wenn ja, in welchem Ausmaß sich das ausgewirkt hätte. Es ist Kennzeichen der sprachlich Dickhäutigen, dass sie die kommunikativen Schneisen, die sie auf ihrem Marsch hinterlassen, gar nicht wahrnehmen. Hinzu kommt ihre Eitelkeit, und auch die gelegentliche Erfahrung, dass man Missverständnisse beizeiten bemerkt und – notfalls mit Händen und Füßen – irgendwie ausgeräumt hat. Manchmal, aber nicht immer, vielleicht sogar nur selten – ist das so gelungen. Die Erinnerung täuscht – selektiv. Das hat die empirische Psychologie bewiesen.

Nun aber liegt eine umgekehrte Betrachtung vor: Was haben die Unternehmen davon, wenn sie das Thema Übersetzung ernstnehmen und zu diesem Zweck ihr Budget erhöhen? Common Sense Advisory – Erkenntnisse für globale Martktführer – (CSA) nennt Ergebnisse aus seiner Untersuchung unter den Unternehmen der Fortune 500-Liste. Diese haben ihre Aufwendungen für Translatoren (Dolmetscher und Übersetzer) im Jahr 2011 erhöht trotz der vorherrschenden Ungewissheiten in den Märkten. Und sie taten gut daran. Wer sich so verhält, kommt nämlich mit 1,5 mal höherer Wahrscheinlichkeit in den Genuss besserer Erträge. Dabei sind höhere Umsätze nicht einmal ihr Hauptantrieb. Dieser liegt in der Verbesserung des Dienstes am Kunden, der Markenpflege und der Erhöhung des Marktanteils.

CSA liefert dazu einige Zahlen, die jeden Chef und seinen CFO grübeln machen. Hier nur eine: Drei Viertel dieser Fortune 500-Unternehmen haben sich neue Märkte erschlossen, sei es global oder multikulti im eigenen Land. Das zergeht mir auf der Zunge: Diese Konzerne verlassen sich also nicht auf den Weltsprachenstatus des Englischen. Während hierzulande Übersetzer in Firmenbudgets oft gar nicht vorkommen („Gebensemaher, das übersetz ich selber“), weil die Manager glauben, mit Englisch als Konzernsprache seien sie bestens ausgestattet, stellen sich die Großen längst darauf ein, was Sie bei mir beschrieben finden: Die Lösung liegt in einer je geeigneten Konstellation. Sie sieht im Prinzip so aus:

Muttersprache plus Globisch plus Translatoren

Im Klartext: Die Verkehrssprachen des erfolgreichen Unternehmens sind als erstes die Muttersprachen sowie fallweise Globisch, und sie werden ergänzt um professionelle Dienstleistungen des Übersetzens und Dolmetschens überall dort, wo die Muttersprachen respektive Globisch nicht genügen.

Vielleicht sollte man Von Babylon nach Globylon doch mal gelesen haben? Wer dazu keine Zeit findet: Ich erkläre es auch gern in einem Vortrag, gegebenenfalls gehen wir das in einem Intensivseminar im einzelnen durch. Hier geht es zum Rednerprofil von Oliver Baer (PDF zum Herunterladen). Der o.g. Verweis auf CSA führt zu einem englischsprachigen Beitrag.

Oliver Baer @ 10:38
Rubrik: Unternehmen
Neues Argument ausgegraben

Beitrag vom 11 Juni 2012

Hand sucht zwischen SteinenIn seinem Streben nach Klarheit respektive Wahrheit ist Spottolski auf ein frisches Argument für gegenderte Sprache gestoßen. Zur Erläuterung für die am Dienstag Abwesenden: Da geht es um die Dinger mit dem Binnen-I wie in MitarbeiterInnen oder die so beliebte Nennung beider Geschlechter. Was meist so rüberkommt: „Liebe Gnossen und Nossn!“

Das – bislang vollkommen unverbrauchte – Argument von Frau Dr. Annette Hartmann trifft auf eine klaffende Streitkultur. Sie beklagt, dass der Verein Deutsche Sprache (VDS) die identitätsstiftende Wirkung von Sprache zwar predige, diese aber nicht den Frauen zugestehe (1):

„… bei der Geschlechteridentität ist offenbar bei manchen Vereinsmitgliedern Schluss mit der Bewusstseinsarbeit?“

Da schütteln die Ohorner Miezen ja sowas von den Kopf: Recht hat sie, wie kommt er dazu. Wer? Der Verein.

Sehen Sie, das müssen Sie langsam lesen, sonst wird ein Text wie dieser hermetisch.

Tatsächlich gibt es sogar fertige Regelwerke, wie man geschlechtsneutral zu formulieren habe. In solchen Anleitungen findet sich meist, will sagen fast immer ein Satz wie dieser:

„… geschlechtsneutrale Formulierung … bleibt aber eine Alibi-Handlung, wenn inhaltlich die [geschlechtsneutrale] Berücksichtigung fehlt.“

Recht hat auch die Autorin dieser Zeilen, das bestätigen die Miezen. Wo kämen wir denn hin? Offenbar gibt es da ein Problem, folgert Spottolski, sonst würde es unerwähnt bleiben, nämlich: Lippenbekenntnisse genügen den Frauen nicht.

Aber nein.
Aber ja.

Sparsame Sprache

Klarer Fall, sagt Spottolski, Scherz beiseite: Der Kampf um gegenderte Sprache lenkt ab von der Sache an sich, er lenkt ab vom Respekt der Geschlechter voreinander. Schon wieder nicken die Miezen, sie sind ja nicht bescheuert.

Zurück aber zur Hartmannschen: Sie vergleicht Identität mit Identität, ein anscheinend legitimer Vorgang, betont Spottolski, vorausgesetzt es handelt sich um ein- und dieselbe Kategorie. Das ist hier aber nicht der Fall: Bei ihr steht Identität durch Sprache vis-à-vis der geschlechtlichen Identität.

Wache Leser erkennen hier den Zipfel des Problems: Identität durch etwas vis-à-vis einer Identität als solcher – da hakt etwas, das will so nicht!

Hier hätte uns warmduschende Frauenversteher die gute Frau Hartmann fast an den Weichteilen gepackt. Wir würden ja gerne für Jahrhunderte der Unterdrückung der Frauen Buße tun. Aber dem müsste schon eine ordentliche Beweisführung vorangehen, wir wollen einen rauchenden Colt sehen. Sie aber sitzt einem Fehler auf: Ihr Vergleich der Identitäten läuft nicht, er geht nicht, er fällt flach.

Liegt Klarheit in der Wahrheit? Oder umgekehrt: Seit wann wird der Wein im Fischteich gekühlt? Die Suche nach Argumenten dauert an. (Bild: Baer)

Grundsätzlich kann man alles vergleichen, auch wenn die Leute sagen: „Das kann man nicht vergleichen!“ Doch, kann man, man muss es sogar. Wie sonst stellte sich heraus, ob etwas „nicht vergleichbar“ ist? Äpfel und Birnen bieten – unter dem Titel Obst – einigen Anlass: Etwa den Säuregehalt oder die Versaftungsfähigkeit kann man messen und einander gegenüberstellen. Vergleichen wir aber Wattestäbchen mit Weltraumfahrt, haben sie das große W gemeinsam, sonst nichts.

Keimende Zweifel mannhaft bekämpfen

Zurück zur Sache. Spottolski benötigt keinen Spiegel, um sich seiner männlichen Identität zu vergewissern. Da kommt, er kann es wenden und drehen wie er will, einfach kein Zweifel auf. Sieben Milliarden Menschen sowie einer total unzählbaren Zahl von Katzen geht es wie ihm: Sie haben mit dem anderen sowie mit dem eigenen Geschlecht zwar viele Probleme, nur eines nicht: ein Problem mit der Identität.

Zu einer sinnvollen Abwägung von Interessen kommt es nur, wenn diese derselben Kategorie angehören. Das tun sie hier nicht. Die geschlechtliche Identität (2) haben wir, sie ist ungefährdet. Die sprachliche Identität hingegen hängt in der Luft; ganz besonders in einem Land, dessen Bewohner mieses Englisch für schicker halten als die Sprache, die sie von ihrer Mutter hörten. Die Gender-Identität ist auch dann gesichert, wenn alle den Mund halten. Die Identität durch Sprache hingegen bedarf der Sprache, damit sie einem überhaupt bewusst wird.

Alter Unfug (zum Beispiel „Putzfrau“) lässt sich durch neuen Blödsinn („Raumpflegefachkraft“) nicht ungeschehen machen. Recht entsteht nicht aus doppelt Unrecht (3). In Wirklichkeit brauchen nicht länger die Mädchen besondere Förderung, sondern die Jungen. Das ist bekannt, aber wer auf Gleichstellung hält, prügelt den immer gleichen Popanz. Um mehr geht es bei der Genderei nicht: Es ist ein Machtkampf um Deutungshoheit. Gott, wie prickelnd!

Da nun auch die Ohorner Miezen betreten dreinschauen, bietet Spottolski folgenden Ausweg an: Frau Hartmann möge ihren Namen ändern, nicht in Hartfrau, sondern in Hartperson. Frau Dr. Annette Hartperson – das wäre folgerichtiges Tun! Anschließend überdenken dann alle ihren Standpunkt. Und tauschen ihn aus: Wir übernehmen den von Frau Dr. Hartperson und sie den von uns. D’accord?


(1) Zitat aus Annette Hartmanns Beitrag Deutscher Michel oder deutsche Michaela? in der Ausgabe II/2012 der Sprachnachrichten des VDS.

(2) gender (engl.) = Geschlecht („Genus“ aus dem Lateinischen bezeichnet das grammatische Geschlecht)

(3) Ex iniuria ius non oritur, römischer Rechtsgrundsatz.

Oliver Baer @ 10:37
Rubrik: Spottolski
Eine Lanze fürs E-Lesen

Beitrag vom 11 Juni 2012

Man sieht ihn immer öfter - den Kindle

Gibt einer das Rauchen auf, teilt er sein Glück sogleich mit aller Welt, denn wes das Herz voll ist, dem läuft der Mund über. Daher kennt alle Welt kaum etwas Öderes als den frischen Missionar.

Dennoch sei hier eine Lanze gebrochen. Am Computer Bücher zu lesen, halte ich für eine seiner beklopptesten Anwendungen. Da werde ich ungeduldig, möchte blättern, Notizen machen, muss von Zeit anders sitzen, stehen, liegen. Lesen und flezen sind synonym. Lesen am Bildschirm – das weiß man ja – geschieht in kleinsten Häppchen.

Als ich mich entschloss, Von Babylon nach Globylon für den Kindle aufzubereiten, konnte ich nicht umhin und habe mir aus dieser E-Buch-Reihe den billigsten angeschafft: Wie wird es aussehen, was ich da schreibe? Seither habe ich im Kindle Dutzende Bücher gelesen, und versichere Ihnen: Das macht Laune, immer dort wo ein dickes Buch aus Papier nicht da ist. Mein Kindle mag technisch ein Rechner sein, im Gebrauch ist er nur zum Lesen geeignet, auch in der prallen Sonne am Strand.

Der kleinste aus der Kindle-Reihe, in Taschenbuchgröße, passt aber in meinen Hemden in die Tasche auf der Brust.

Die übrigen Vorteile lasse ich beiseite: Den E-Büchern gehört die Zukunft – hoffentlich und wahrscheinlich neben den gedruckten und nicht an ihrer Stelle. Wer einmal auf den Appetit gekommen ist, weiß was ich meine.

Vielleicht schätzt Amazon meine Empfehlung nicht: Kaufen Sie sich den einfachsten aus der Reihe, den Kindle 4. Das ist der für Puristen, der nicht mit dem I-Pad konkurriert und nur zum Lesen da ist. Es gibt ihn zur Zeit für 99 Euro. Da folgt Amazon dem Rockefeller-Motto: Damit die Leute Öl kaufen, werfe ich ihnen die Lampen zum Dumpingpreis nach.

Ich hatte das Glück, mir als erstes In Zeiten des Abnehmenden Lichts von Eugen Ruge herunterzuladen. Aber es war kein Glück: Man kann vor dem Kauf probelesen. Ja, ich habe ein Interesse, dass Sie den Kindle besitzen: Damit Sie mein Buch kaufen. Aber ich verrate Ihnen: Sie können es auch ohne Kindle lesen, am Bildschirm Ihres PC, auf dem Tablet, im Smartphone. Nun ja …

Den Anstoß gab übrigens Martin Röll. Er berichtete aus Amerika: Wer früher in der U-Bahn mit einem Buch zu sehen war, trägt dieser Tage leichter, den Kindle. Jeder liest, was er braucht – im Kindle. Auch die eigenen Arbeiten – die schickt er als PDF per E-Mail an seinen Kindle, und der passt in die Hemdtasche (wo bei mir früher die Zigaretten steckten).


Ein guter Rat für Nachahmer: Sachbücher schreiben Sie erst für den Kindle, dann fürs Papier: Randbemerkungen wandern beim E-Buch in die Mitte des Textes, Tabellen werfen Probleme auf und so weiter. Bei meinem Buch gab es das gedruckte zuerst, im E-Buch lassen sich einige Formatierungen nicht nachvollziehen. Warum? Weil sich jeder Leser die Schriftgröße selber einstellt; der Herausgeber ist nicht länger Herr über das Layout.

Oliver Baer @ 10:36
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Schäuble schwätzt und stellt was an

Beitrag vom 1 Juni 2012

Studie über die Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus

Sehr viel mehr Menschen haben es schwer in der eigenen Sprache. Aber auf Englisch geht's bestimmt besser ...

Vor Selbstverstümmelung bewahrt uns die Angst vor Schmerzen, gegen den Verlust des Reisegepäcks gibt es eine Versicherung. Geht jedoch unsichtbares Gepäck verloren, zum Beispiel die Muttersprache, versagt die Versicherung. Da hilft nur Sprachgefühl. Gegen die mangelnde Einsicht, dass Sprachverlust einer Verstümmelung des Denkens gleichkommt, gibt es keine Pillen. Aber Handlungsbedarf.

„Die Simultandolmetscher im Brüsseler Ratsgebäude haben einen schwierigen Job, vor allem wenn Wolfgang Schäuble […] das Wort ergreift.“ berichtet der SPIEGEL (21/2012). Schäuble sagte etwas über Griechenland, „doch die Übersetzer hatten Mühe, seinen Worten zu folgen. Der Minister ist von dem unerschütterlichen Ehrgeiz besessen, in der Euro-Gruppe Englisch zu sprechen […]. ‚Ich versteh den Wolfgang nicht‘, klagte Jean-Claude Juncker schon mehrfach. Der Luxemburger ist mittlerweile dazu übergegangen, den Bundesfinanzminister auf den Sitzungen auf Deutsch anzusprechen, aber Schäuble antwortet beharrlich auf Englisch.“

Er ist Minister in einem Land, wo heute 20 Prozent mehr Kinder an Sprech- und Sprachstörungen leiden als vor acht Jahren, Jungen mehr als Mädchen, betroffen sind zumal die Kinder von Einwanderern. Außer Lispeln und Stottern geht es um das Formulieren und Verstehen von kurzen vollständigen Sätzen (siehe 1). In demselben Gemeinwesen können 14 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen nur einzelne Sätze lesen und schreiben: Das sind über sieben Millionen Bürger, die Texte nicht verstehen. Weitere 13 Millionen können Texte nur langsam und fehlerhaft lesen und schreiben. (2)

Wolfgang Schäuble ist zweifellos ein fähiger Minister. Seine Borniertheit, die er mit vielen ebenso gedankenlosen Politikern teilt, wird aber dafür sorgen, dass vom Deutschen nur eine sogenannte Regionalsprache übrig bleibt. Sie wird sich anhören fast wie das Deutsch im Jahr 2012 und auf den ersten Blick so aussehen. Ein Vorbote dieses Flachschwatzes ist das Geschnatter der Moderatoren in den Dudelsendern. Dialekt bringen sie so wenig zustande wie ein korrektes Hochdeutsch, dafür aber viele Wörter aus dem Englischen, die inhaltlich manchmal sogar stimmen, dafür aber fast immer falsch ausgesprochen sind.

Verloren geht unsere Hochsprache. An den Hochschulen entfällt sie bereits, man könnte meinen, Wissenschaft gelinge nur noch auf Englisch. Der Beitrag unserer Universitäten dazu ist zwar kein schlechtes Englisch, es ist nur ein halbes Englisch: Für den wissenschaftlichen Austausch unter aller akademischen Würde genügt es. In dem Maße wie Wichtiges und Neues – mangels eigener Terminologie – nicht mehr auf Deutsch erörtert werden kann, trägt der akademische Hochmut gegenüber der deutschen Sprache dazu bei, dass die Muttersprache verkümmert.

Kein Problem, dafür bekommen wir ja Englisch, die Weltsprache; sie verbindet uns alle, sie enthebt uns aller Fehler bei der Übersetzung und sie bringt uns den Weltfrieden, jedenfalls das Ende allen Nationalismus. Na ja, und das Englisch bringt der Klapperstorch. Aber es gibt genügend Gründe, mit dieser Entwicklung, wenn nicht zufrieden, so doch einverstanden zu sein, und sei es nur, weil sich daran nichts mehr ändern ließe.

Wo ist sie hin, die Sprache der Mutter? Wer hat sie versaubeutelt?

Wenn da nicht zwei fette Denkfehler lauerten: Erstens ist der Verlust der Hochsprache so unumkehrbar wie das Attentat, das Herrn Schäuble in den Rollstuhl zwang. Zweitens wird der Tausch enttäuschen: Für die verlorene eigene bekommen wir nämlich nicht die Hochsprache Englisch. Wir bekommen ein Grottyspeak irgendwo zwischen – dem sauberen, aber kargen – Globisch und dem, was man früher guten Gewissens ein gutes Englisch nennen durfte. Zugleich verschwindet das Hochenglisch schneller als wir es aufschnappen und mit ihm verschwinden Hochfranzösisch, Hochpolnisch sowie alle übrigen Kultursprachen, deren Sprecher die globale Lingua franca Englisch anhimmeln.

Das bedeutet mithin: In Zukunft denken wir weder Deutsch noch Englisch. Wenn es gutgeht, findet etwas Denkähnliches ein bisserl oberhalb von Globisch statt, aber weit unterhalb dessen, was wir in der deutschen (französischen, polnischen) Hochsprache im Jahr 2012 noch fertigbrachten: Schöpferisch originell zu denken; was in Deutschland immerhin die ökonomische Basis für das Wohlergehen von 82 Millionen Bürgern bildet.

Diesen angesäuerten Ausblick provozierte ein Leser mit seiner Reaktion („Mir fehlt vielleicht das Sprachpatriotismus-Gen.“) auf den Beitrag Berliner BSE-Biotope

Nun sind Sie dran, liebe Leser: Geht es auch ohne ein solches Gen, genügt nicht what the English call common sense? Oder halten wir es mit der Gattin des Louis XVI, Marie Antoinette: „Sollen die Bürger doch, wenn sie kein Brot haben, Kuchen essen …“? (3)


Dieser Beitrag ergänzt den Abschnitt Was Politiker nicht können müssen (Seite 115 f.) in Von Babylon nach Globylon

(1) Siehe Eine Million Kinder leiden unter Sprachstörungen

(2) Siehe Level-One Studie zur Größenordnung des Analphabetismus

(3) Sie hat es nie gesagt. Es wurde ihr angehängt.

Oliver Baer @ 12:19
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Spottolski schult ab Mai

Beitrag vom 11 Mai 2012

Spottolski verteilt jetzt Nachhilfestunden unter den englisch verstörten Katern sowie den Miezen (auf Anfrage auch Miezen sowie Katern). Bei der grasenden Mehrversprechung kennt sich ja kein Katz mehr aus und wird das nun anders in Ohorn, englisch mäßig gesehen. (Gemeint ist vermutlich die galoppierende Mehrsprachigkeit, Red.)

Es geht los: Wer zuerst eine Sex würfelt, kommt in die Relegation.

'Und am Tor sehen Sie die verschlungenen Genitalien von mir und meinem Mann.' (Bild: Fotolia)

Da ist als erstes die Getümologie zu klären: Relegation kommt von Religion, wie man (auch frau) sieht. Religion heißt bekanntlich das Zurückliegende (re = zurück, klar?), will sagen man kehrt zurück durch Relegation dahin, wo man uhreinst herkam, in die unterste Kreiskasse. Das Gegenteil von Relegation ist natürlich die Permutation, das heißt Aufstieg, und füllt die Vereinskasse. So was weiß man als Vereiner.

Irgendwie Fragen?

Wir geraten zur Promotion, die ist quasi dasselbe wie 1:0, muss aber haufenweise. Also pro (!) Saison sind diese zu sammeln, dann gibt es am Ende eine Motion (Motion, Bewegung – alles klar?). Gut. Und die geht beispielsweise in den Circus, belohnungsmäßig, das macht Stimmung in der Mannschaft. In Ohorn grassiert jetzt der Piccadilly Circus. Der ist aus dem Londoner Untergrund, da wollen wir nicht hin. Aber anschließend frustriert der in Großröhrsdorf mit einem Public Interviewing: öffentliche Nabelschau. Das sollte wohl „gastiert“ heißen. Da gucken wir doch lieber den Relegierten an.

Na dann, wenn wir diese Sache so weit geklärt haben, kommen wir zu was anderem: den Anglizismen. Und sind die jetzt out, also so was von oberout. Auch Denglisch. „Is not more,“ verklärte Spottolski jüngst die Lage in aller Öffentlichkeit. „Canste in the pipe stöffen und schmökern.“ Will sagen, die shooting stars heißen wieder wie früher star shnuppies und das baby shooting ist nicht mehr, wer sind wir denn, dasselbe wie Babys abschießen, ich glaub es geht los. Dagegen erwägt die Ohorner Abendschule der Kater und Miezen (Miezen und Kater), dass man (beziehungsweise frau) sich als nächstes der Apostrofen annehmen muss, denn am Bauer’n-Hof kommt es wiederholt zu Wirrungen mit der Gerechtschreib’ung. Hat mit Permutation und Relocation nicht so irrsinnig viel zu tun, das Thema musste aber mal promoted werden.

Nicht versäumen möchte Spottolski bei dieser Gelegenheit eine Bekanntgabe, zu der er nicht befugt ist: Ohorn bekommt einen „Kiss and Ride“-Parkplatz neben der Feuerwehr, das bedeutet auf Normalo: „Küsschen und weg!“, denn an den Autobahnen werden jetzt Pendlerautomaten aufgestellt. Da zieht man sich morgens Einen, der wird geküsst und anschließend relegiert. Oder promoviert. Wahlweise auf Englisch. Eizellheiten würden noch geklärt, heißt es. Ministeriell.

Es kann auch ähnlisch sein, sagt Spottolski, er werde dem nachgehen. Hauptsache ist auf dem Platz: „Englisch ist ein Mus, Deutsch ein Schmus!“

Sonznochfragen?


Unserem Bildungsauftrag nachkommend, folgt hier die witzentkernte Erklärung der Wörter Relegation und Promotion.

„Bleibt es beim momentanen Spielstand, wäre Köln direkt abgestiegen und Hertha würde sich in die Relegation retten.“ (Spiegel Online am 5. Mai 2012). Da im Englischen, wo diese Begriffe herkommen, Relegation Abstieg bedeutet und Promotion Aufstieg, fehlt diesem Satz das eigentlich Erhellende, nämlich der Sinn. Sofern sich der SPIEGEL nicht blamieren möchte.

Mit anderen Worten und nun richtig: der Hertha BSC geht es darum, nicht von der ersten in die zweite Liga relegiert zu werden, während die Fortuna Düsseldorf die Promotion von der zweiten in die erste Liga anstrebt, welche sie erzielen wird, wenn sie die Hertha in den zwei Spielen um Relegation/Promotion besiegt. Man könnte auch Abstieg und Aufstieg sagen, aber das wäre ja unkuhl, da könnten nicht einmal die Miezen darüber lachen. One can English; bloß mit dem Deutschen hapert es.

(Spottolski, nach Diktat vereist) out

Oliver Baer @ 12:35
Rubrik: Spottolski
Keine Kritik, und doch …

Beitrag vom 7 Mai 2012

Es mag ja sein, dass 99 von 100 anders sind - ich bin es nicht (Bild: Baer)

Die Anbieter von Sprachkursen denken sich wunderbare Methoden aus, jeder Kurs gerät zur Verführung, dass man ein besserer Mensch werde, jedenfalls im Rahmen seiner Karriere: „Lern mich, und Du kannst Englisch!“ Daran ist nichts auszusetzen, außer dem Nutzen, den sie nicht stiften.
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:36
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Die Globisch kapieren

Beitrag vom 26 April 2012

frieze_d_e-ausgabe-fruehjahr-2012-titelbild

Titelbild der Frühjahrsausgabe des Kunstmagazins frieze d/e: die Buchstaben stehen für deutsch/englisch (© frieze)

Bei Jennifer Allen hat Globisch einen Stein im Brett. Die Chefredakteurin des zweisprachigen Magazins frieze d/e ist Kanadierin deutscher Abstammung. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau bezeichnet sie Globisch als die Lingua franca der Künstler. Da stutzt, wer sich Globisch bisher nur als Weltsprache der Wirtschaft vorstellt. Wie soll denn das in der Kunst funktionieren?

Gibt es – zumindest an Frau Allens Standort Berlin – ein Globisch eigener Art? Die Künstler aus aller Welt verständigen sich dort über ihre Arbeit in der Lingua franca. Sie tun es mit der Begründung aller Weltbürger: Die native speakers mit ihrer Hochsprache sind in der Minderheit, die Mehrheit muss aber zurechtkommen, und dafür eignet sich Globisch besser als das verstiegene Englisch der Kunstkritik. Heraus kommt dabei, was jeder Englisch nennt, aber mit Jennifer Allen verstehen da schon einige, weshalb das Kind einen eigenen Namen braucht, also Globisch.

Wie lang ist ein Stück Schnur? (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 12:28
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Kostenlos ist gedankenlos

Beitrag vom 25 April 2012

Spottolskis Honorarnapf

Nicht zu vergessen sind die Mitbewohner in Haus, Garten und Büro, deren primäres Interesse hier durch einen gelben Pfeil gekennzeichnet ist (Bild: Baer)

Geistiges Eigentum ist, was Einer so komponiert, schreibt, malt oder bildhauert. Manche bezweifeln es – nicht das Tun, nur die Sache mit dem Eigentum. Hier ist ein Vorschlag, die Debatte anders zu führen: als Abwägung der Erträge gegenüber den Kosten.

Ein Autor verbraucht – sagen wir mal – fünfzehn Monate seiner Lebens- und Berufszeit zum Schreiben eines Buches. Von der Gestaltung der Idee zum Konzept, über die Recherche zur Niederschrift und Überarbeitung, zum Korrekturlesen und mehrfachen Neuschreiben summiert sich allerlei Aufwand. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:54
Rubrik: Gesellschaft
Alles gelogen – Ausrufezeichen

Beitrag vom 18 April 2012

Lies, all lies? - or rather - Read it! (© hausdesqurans.de)

Auf den ersten Blick fällt in die Augen: „Lies!“, das ist sympathisch, dem folgen wir gerne, sind wir doch gleich voreingenommen: Wer uns zu lesen gibt, will uns nicht mit Bildern über die Kante ziehen. Gleich als erstes stolpern wir jedoch: Wir haben „Lies!“ auf Englisch gelesen.

Warum? Weil bei uns die Werbung so häufig englisch daherkommt, da weiß man vor dem Hingucken nie, worauf sich die Synapsen vorbeugend einstellen. Da kommt es zu Fehlschaltungen, nicht immer, aber immer öfter. Bei denen der erste Eindruck (‚Das isja Englisch!‘) durch den zweiten Blick korrigiert wird: ‚Nee, isdoch Deutsch – oder wasissesnu?‘

Für die englischen Fußgänger unter uns: Lies sind Lügen und Lies! ähnelt nunmal der typischen Schlagzeile der Boulevardblätter im Vereinigten Köngreich. Diese gedankliche Verbindung war garantiert so nicht geplant. Pech gehabt: „Ve are in Shermanny, there shpeak ve much denglish, you never know vat loose is.“

Oliver Baer @ 11:55
Rubrik: Gesellschaft
Berliner BSE-Biotope

Beitrag vom 3 April 2012

erlinerin, im Begriff ihre Weltsprachenkenntnis zu erproben (© Fotolia)

Nach Berlin wandern sie aus dem sonnigen Südbaden ein, sogar aus Florenz migrieren sie hierher, und von Touristen wimmelt es. Kommen die Leute wegen der flotten Skilifte, der salzfrischen Meeresluft, der berühmten Berliner Weinberge? Nein, der Charme dieses Ortes liegt in seiner Kultur. Zu ihr zählt – das wollen wir festhalten, der Berliner, wenn er in Kneipen, Parks und S-Bahn auf Öffentlichkeit macht (irgendeiner muss es ja tun).

Mit der Kultur ist es aber so: Es gibt sie auch anderswo. Das Berliner Gemenge ist zur Zeit einmalig, da kann man sich die Erfindung künstlicher Merkmale der Alleinstellung schenken. Was also kann schiefgehen? Man stellt Berlin so dar, dass es sich von anderen Städten nicht unterscheidet. Man muss es nur auf Englisch vermarkten. Diesem Be-Berlin-Trend folgen bereits ganze Stadtteil-Biotope. Da zählt der souveräne Gebrauch von Bad Simple English zum guten Ton; denglische und hochenglische Einsprengsel kommen darin vor. Kennern kommt das ganze kurzatmig vor.

Freilich ist der baerentatze bekannt, dass Englisch (oder was sich so anhört) als Weltsprache gilt. Nur: Nicht jeder Verkäufer und Kellner spricht sie. Das ist peinlich, dem Geschäft schadet es nur wenig. Falsch (und verständlich) bleibt aber die Annahme, dass Touristen sich am liebsten auf Englisch ansprechen ließen. Falsch, weil sie erstens die Weltsprache mit weniger Begeisterung anhimmeln und zweitens, weil sie diese auch nicht besser beherrschen als wir.

Die Reisenden aus Schanghai würden am liebsten in ihren Schriftzeichen informiert, die Pariser auf Französisch und die New Yorker – wenn schon, denn schon – in korrektem Englisch. Schwachenglisch für den Umgang mit Touristen kommt daher als Zusatzangebot infrage, keinesfalls als Ersatz für Muttersprachen. Das hat die Bahn schon vor hundert Jahren verstanden, als sie mehrspachig formulierte, was man alles zu unterlassen habe: sich aus dem Fenster lehnen, die Toiletten verstopfen und so weiter.

Die Berliner, die dem internationalen Ambiente immerhin als Statisten dienen, sind eher deutschsprachig veranlagt und sie haben einen kessen Dialekt, ohne den Berlin nicht wäre, was es ist: ein Frechdachs mit Sommersprossen. Es ist doch so: Die Reisenden rechnen schon vor der Ankunft damit, dass – neben dem Außenminister – an die achtzig Millionen Menschen hierzulande Deutsch sprechen. Touristen sind keine Analphabeten, gegebenenfalls werden sie straff geführt von einem sprachkundigen Reiseleiter.

Selbstverständlich spricht vieles für multikulti verfasste Speisekarten und U-Bahnfahrpläne. Aber wie kommen sich Touristen (und Einheimische) vor, wenn sie fortwährend auf Englisch angebaggert werden? Ein paar wahre Beispiele finden Sie in dem Beitrag der Sprachnachrichten: In der Hauptstadt geht die deutsche Sprache langsam unter. Der Autor wirft dort eine weitere Frage auf, die wir hier nur zitieren:

„Vor einiger Zeit nahm die Berliner Öffentlichkeit Anstoß daran, dass in Kreuzberg und Wedding Plakate aufgehängt wurden, die ausschließlich auf Türkisch verfasst waren. Der Bildung von Parallelgesellschaften würde damit Vorschub geleistet, die Integration in die deutsche Gesellschaft behindert, wurde damals von vielen Seiten scharf kritisiert.“

Ein Fall von gespaltener Wahrnehmung, denn englischsprachige Plakate stören offenbar keinen. Manchen mag es ja verblüffen, aber so exotisch wie uns das Italienisch aus der Basilicata, so reizvoll kommt Schanghaiern unser Deutsch vor. Erwartet denn allen Ernstes irgendwer, dass er in der Fremde fehlerlos verstanden werde? Falls doch: Den wird auch mit makellosem Englisch keiner zufrieden stellen.

Reizvoll bleibt Berlin, wenn es sich fortwährend neu erfindet und sich weiterhin von anderen Städten abhebt, die mit Weinbergen oder Meeresluft angeben. Hört sich aber das Shopping in Berlin erst an wie in Bielefeld, dann können die Touristen auch in Paderborn übernachten. Englisch können die Bielefelder auch (und möchten sich von den Krefeldern unterscheiden). Reizvoll bleibt Berlin, wenn echte Submilieus seiner Bürger die Stadt in der Sprache beleben, die sie von der Mutter gelernt haben. Das gilt – klugerweise, nicht nur gerechterweise – auch für die Türken, Kurden und Zaza in Berlin. Aber die sind nicht so dumm, ihre Sprachen aufs Spiel zu setzen. Das bringt nur unsereins fertig.

Zum guten Schluss drängt sich eine weitere Frage auf: Wie kommt eine linke Stadtregierung mit einem schwulen Oberbürgermeister dazu, so vielen Minderheiten Englisch geradezu in den Rachen zu stopfen: Einwanderer, Analphabeten, Senioren und so weiter? Zumal sich diese, was Englisch angeht, sogar mit der Mehrheit einig sind: Wir möchten erst einmal auf Deutsch verstehen, was auf Deutsch gesagt wird.

Oliver Baer @ 10:15
Rubrik: Unternehmen
Brücke zwischen Elbe und Erbe

Beitrag vom 3 April 2012

Marienkäfer im nassen Gras

'Die einzig annehmbare Form der Verständigung ist das geschriebene Wort, denn es ist kein Stein in einer Brücke zwischen Seelen, sondern ein Lichtstrahl zwischen Sternen.' (Fernando Pessoa)

In Dresden sollte bald die Waldschlösschenbrücke eingeweiht werden. Sie sieht aus wie eine Eisenbahnbrücke, nur nicht so graziös. Im Kampf um dieses Bauwerk hat Dresden sein Gesicht sowie den Status des Weltkulturerbes verloren. Die es verbockt haben, glauben noch immer an ihr Englisch.

Der Verlust war unnötig, es hätte eine (vielleicht nicht diese) Brücke geben und man hätte den Status behalten können. Hätte sich bloß Einer mit der Sprache ausgekannt! Nicht, um die Notwendigkeit einer Brücke von so erlesener Hässlichkeit optimaler zu kommunizieren. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 09:39
Rubrik: Gesellschaft
Sprache gegen Viren

Beitrag vom 2 April 2012

Es zahlt sich aus, die Muttersprache zu pflegen und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet. … Hoppla, das ist eine andere Baustelle. Nochmal zurück: „… und zu ehren, damit wir niemals vergessen, was die Wörter bedeuten.“ Gesetztenfalls sie bedeuteten überhaupt etwas. Das sei, versichert Spottolski, eine Tatsachenbehauptung und er tut gut daran.
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 20:11
Rubrik: Spottolski
Englisch lernen vom Internet

Beitrag vom 2 April 2012

Der Netzbürger muss Englisch können! Muss er das? Wenn ja, sollte er sein Englisch vor Betreten des Netzes erworben haben. Wenn nein, braucht er ein dickes Fell. Das Fell schützt ihn vor einem Englisch wie diesem; Spottolski ist per Zufall (auf der Suche nach Lachs per Fax) auf die Quelle gestoßen:

„This site not uses http-cookies“
„The server provide no informations“
„The server don’t transmit important server hints“

Von Vergehen wider die Grammatik dieser Art wimmelt es im Netz. Spannend wird es, wenn die Autoren einen Fehler nicht bis zum Ende durchhalten. So steht unverhofft an anderer Stelle: „The site uses no Flash.“ Wasn nulos? Auf einmal stimmt, was vorher falsch war? Das könnte einen Dummen durcheinander bringen. Auch Spottolski war ganz verstört.

Bei Nebenwirkungen interjuen Sie Ihren Englischlehrer oder telefonieren Sie mit der Verpackung!

Von der Sache her muss den Netzbürger solcherlei Gewusel nicht stören. Entweder er zählt zu den Glücklichen, die sich sowieso durch intuitives Durchwursteln zurechtfinden, oder er hat längst verstanden, dass er nicht versteht und pflegt den Kontakt mit seinem örtlichen PC-Guru. Dieser kann zwar auch kein fehlerloses Englisch, aber er versteht was gemeint ist, bevor er sich durch das Lesen bescheuerter Anweisungen beirren lässt.

Dummerweise sind nämlich auch viele deutsche Texte im Netz nur verständlich mit ausgezeichneten Englischkenntnissen – so kommt man den Übersetzungsfehlern auf die Spur. Aber auch dann läuft es meist darauf hinaus, den Guru doch noch zu befragen. Das kann man auch gleich tun.

Ehrgeizige wüssten sicher gern, wieviele Fehler in den drei Zeilen zu finden waren – die sie im Geiste schon berichtigt haben. Wer traut sich die Fundstellen zu nennen? Zur Belohnung darf Jeder, der einen Fehler findet, ihn behalten. English native speakers: Go away, this is none of your business!

Gefunden haben wir das hübsche Beispiel bei saferpage.com.

Oliver Baer @ 15:06
Rubrik: Unternehmen
Direkt verbunden, du da

Beitrag vom 7 März 2012

Früher, als noch die Ochsen größere Köpfe hatten und auch sonst alles besser war (die Schnitzel größer und flacher), da lauteten deutsche Werbe-Slogans so:
(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 19:24
Rubrik: Unternehmen
Wir gucken nur

Beitrag vom 6 März 2012

Am 1. August 2007 fiel in Minneapolis eine Brücke in den Mississippi. Dreizehn Menschen kamen ums Leben, 145 wurden verletzt. Solches geschieht überall in der Welt, sogar hierzulande. Alleine in den USA sollen in jenem Sommer 75.000 Brücken in einem ähnlichen Zustand gewesen sein: einsturzgefährdet.

Brücke auf der Interstate 35 West in Minneapolis am 1. August 2007 (Bild: US Coast Guard, via Wikipedia)

Es ist nichts typisch Amerikanisches, wenn wir festhalten: Während der Jahre vor dem Unglück haben die zuständigen Ingenieure ihre vorgeschriebenen Messungen getan und die Ergebnisse in Berichten festgehalten. Sie haben höheren Ortes gewarnt, dass etwas geschehen müsse, und sie wurden sicherlich abgestumpft unter der wiederholten Erfahrung, dass ihre Arbeit ignoriert, aber immerhin gut abgeheftet wurde. Ein ausführlicher Bericht über die Brücke Nummer 9340 auf dem Interstate Highway 35W steht in der englischen Wikipedia, eine Kurzfassung gibt es in der deutschen; Neugierige finden dort sogar eine Animation aus Bildern einer Überwachungskamera, wie die Brücke kollabiert.

Da fragt sich der Leser, was die Mississippi-Brücke mit der Sprache zu tun habe. Nichts. Aber mir fällt jedesmal diese Brücke ein, wenn ich an die Sprachwissenschaftler denke, die sich darauf versteifen zu beobachten, aufzuschreiben, abzuheften und im übrigen darauf zu hoffen, dass es schon gutgehen werde. Schließlich hat die Sprache schon ganz anderes überstanden (schließlich wurde die Brücke mit so viel Sicherheitsmarge konstruiert), dass man die Sache tiefer hängen kann: Es ändert sich eh nichts.

Genau, so ist es. Bis es zu spät ist. Da mag man einwenden, der Vergleich mit einer Katastrophe mit Toten und Verletzten sei geschmacklos. Auch das stimmt. Für die Geschmacklosigkeit meiner spontanen Gedankenassoziation an jenem Tage kann ich nur um Nachsicht bitten. Sie verfolgt mich seither, nun habe ich sie aufgeschrieben.

Oliver Baer @ 10:19
Rubrik: Gesellschaft
Zurück vom Walkabout

Beitrag vom 23 Februar 2012

Wo hat Spottolski so lange gesteckt? Er war auf Walkabout. Nicht in Australien, sondern in – England! Schwamm drüber, er ist wieder da, und die dörflichen Felinen treffen in Nachbars Scheune ein, zu hören den Rat des reiseweisen Katers.

„Die Engländer sind voll in Ordnung;“ verkündet er, „sie sind die einzigen, die Cricket erfunden haben.“ Dazu nicken die Miezen, so kennen sie ihren Spottolski, voll in die Tasten greifend. Die Jungkater blicken eifrig drein, die Altkater ein bisschen sparsamer, auch sie kennen ihn. Was Rang und Namen hat, ist in der Scheune versammelt.

„Wieso England?“ meldet sich ein Streber aus der ersten Reihe.

„Englisch ist die Weltsprache!“ ruft Spottolski. „Aber sprich mit einem Engländer, und was ist? Er versteht kein Wort.“ Er sieht zu mir herüber: „Hier, mein Chef schreibt über die Weltsprache, dicke Bücher° schreibt er; da hab ich mir gesagt, gehste mal hin: Hat der ein Rad ab, mein Chef, oder was?“

Alles paletti, versichert er: „Wem die Radkappen fehlen, das sind die Engländer.“ Bis auf einen (in Salisbury), der hatte ihm einen grünen Hering spendiert: „Kein Essig dran, eine runde Sache. Ansonsten: arme Schweine, diese Engländer.“ Er war zu Gast bei einer total netten Tante in Tottenham. Dort gab’s in der Glotze Fußball, ein Länderspiel (Mailand, Malta, Italien – weiß der Geier). Da räuspert sich die Tante und fragt, woher kommt eigentlich der Schiedsrichter. Ach, aus Holland? „Klar,“ sagt sie, „die Ausländer halten zusammen.“

Cricket: Aggressive Feldaufstellung bei einem langsamen Werfer mit hoher Seitwärtsdrehung des Balles (Bild: Fotolia)

„Beim Cricket,“ kämpft Spottolski gegen das Gemurmel der Jungkater, „beim Cricket macht die meisten Punkte, wer die Kugel im hohen Bogen über die Tribüne aus dem Stadion schlägt. Kaputte Windschutzscheibe, egal, macht sechs Punkte.“ Er hält inne. „Wer so einen Sport erfindet, damit er mitten im Spiel eine Tasse Tee bekommt, der hat Stil, oder er hat ein Rad ab.“

„Der mit seinen Rädern …“ raunt ein Alter. „Was ist nun mit ihnen,“ unterbricht ein Anderer: „Arme Schweine oder sind sie gut drauf?“

Spottolski winkt ab. Er habe den Grund entdeckt, höchstpersönlich, weshalb die englischen Medien das Kriegsende verpassen, seit 65 Jahren mindestens einmal im Jahr. „Wollt Ihr das wissen?“

„Sag schon!“

Spottolski setzt sich, er wartet bis auch die Testosteron-Riege in der ersten Reihe zur Ruhe kommt, und er sagt: „Ich sag nur ein Wort: Lebensmittelkarten.“

Da öffnen sogar die Miezen die Augen: „Waszuessn?“

Da johlen die Kater, der eine oder andere kriegt ein paar um die Ohren, die Miezen schließen wieder die Augen, schließlich fährt Spottolski fort und erklärt: „Die Engländer sind sauer auf die Krauts. Sie mussten noch auf Marken einkaufen, als wir bereits ein Wunder über die Wirtschaftsbühne zogen.“ Wieder macht Spottolski eine Kunstpause: „An eben dem Tag, als wir Weltmeister wurden, in Bern am 4. Juli 1954, durften die Engländer erstmals wieder Fleisch ohne Lebensmittelkarten kaufen.“

„Deswegen hat David Cameron der Kanzlerin neulich den Finger gezeigt, ist doch logisch!“ holt Spottolski aus. „So, und was meinst du Blödmann hier vorne, warum ich das erzähle?“

„Wegen der Radkappen!“

„Weil Audi in England auf Deutsch wirbt.“

„Und? Dürfen die das nicht?“

„Doch, aber hört euch das an: Vorsprung durch Technik.“

„Hört sich an wie Deutsch.“

„Das ist Deutsch. So wirbt Audi in England – mit Erfolg.“

Hinten hat Einer nicht aufgepasst: „Ich dachte, die sprechen dort Englisch!“ Vorne fragt ein Gefleckter, wo die Radkappen abgeblieben sind, der hat doch Radkappen gesagt …

„Das ist das Geniale an der Audi-Werbung,“ schreit Spottolski.

„Dass die dort Englisch können?“

FAZ, Rubrik Technik & Motor, Ausriss vom 7.2.2012

„Nein: Dass sie einen deutschen Slogan daherbeten – wie einen Zauberspruch.“

„Wasndaransogeil?“

„Sie kriegen ihn kaum über die Lippen. Aber sie quälen sich und sagen ihn immer wieder, jeden Tag im Fernsehen.“

„Audi quält seine Kunden: Dassollgeilsein?“

„Für den R8 zitiert sich Audi sogar selber: Vorsprung’s finest hour.“

„Toll! Und wo steckt die Pointe?“ – „Wo bleibt das Rad?“ – „Wir wollen Rad-Kap-Pen!“, aber Spottolski wartet bis wieder Ruhe herrscht:

„Der Knüller ist: Die Engländer haben den Deutschen nichts verziehen; trotzdem kann Audi – mitten in England – ungestraft auf Deutsch werben.“

„Na und?“

„Doppelte Pointe: Bei uns bietet Audi seine Technik auf Englisch an. Luftfederung haben viele, adaptive air suspension gibt es nur bei Audi.“

„Das ist kreative Kundenverarschung“. Die Jungkater sind restlos aus dem Häuschen: „Beforespring by technique!“ Ein paar rätseln noch: „Die Sache mit den Rädern ist mir noch unklar.“ – „Wann gehst du wieder auf Tour?“ erkundigen sich die aus dem Oberdorf, als die Katzen den Heimweg antreten.

Spottolski weiß schon, warum er heimgekehrt ist: so ein dankbares Publikum.


° Bücher

Titelbild

Vorläufig ist es nur ein Buch. 400 Seiten stark ist Von Babylon nach Globylon, davon alleine 80 Seiten am Ende für die Anmerkungen und Quellenangaben, die man, wie bei Victor Klemperer, als parallelle Geschichte lesen kann. Für die Anlagennichtleser sind es netto 300 Seiten – sie sind bis auf den etwas trocken geratenen Abschnitt zum Globischlernen recht unterhaltsame Seiten. Und in der Kindleausgabe spielt die Seitenzahl keine Rolle …


Über Walkabout

Film von Nicolas Roeg, DVD-Hülle

Spottolski war also auf Walkabout. Dazu hatte er sich eine Aufgabe gestellt. Er wollte erfahren: Stimmt die Wirklichkeit noch mit sich selbst überein? Und wenn ja, wie kommt sie darauf?

Apropos: Walkabout ist ein Wort, wofür es keine Entsprechung im Deutschen geben kann, denn dieses Phänomen gab und gibt es nur in Australien, es wurde von den kolonisierenden Engländern beschrieben und in unserem Kreis von Kulturen kennen wir keinen annähernd ähnlichen Begriff, den wir dahingehend biegen könnten, dass er eine verwandte oder abgeleitete solche Bedeutung annähme. Weltenwanderung wäre sicher zu üppig. Ein – dem Englischen vielleicht vorzuziehendes – Wort käme aus der Sprache der australischen Ureinwohner: ein Lehnwort wie Bumerang. Eine Ahnung dessen, worum es beim Walkabout tatsächlich geht, vermittelt der Film von Nicolas Roeg.

Oliver Baer @ 13:14
Rubrik: Spottolski
Die Mausetoten

Beitrag vom 21 Februar 2012

Ein begabtes Lehrbuch (Bild: Pons)

„Marketing ist im Top-Management der Unternehmen low interested.“ sagt Malte W. Wilkes in der Marketing Site „Das Marketing ist mausetot“.

Tippfehler sind schon in der Muttersprache beinlich ärmlich – daraus sei keinem ein Strick gedreht, im Internet schon gar nicht. Aber muss man gleich zwei Sprachen meucheln? Wie wär’s, wenn wir uns aufteilten: Ihr macht die deutsche, wir dafür die englische mausetot?

Andererseits: Vielleicht verdient der Autor unseren Schutz, vielleicht musste er Deutsch mit dem Pons-Buch lernen: Deutsch to go.

Oder wer weiß: Vielleicht legt der Verlag nach mit English zum Withtaken. Übrigens lasse ich sonst auf diesen Verlag nichts kommen: Die Wörterbücher von Pons ziehe ich denen von Langenscheidt allemal vor.

Oliver Baer @ 13:00
Rubrik: Unternehmen
Die Leere der Lücke

Beitrag vom 14 Februar 2012

Shitstorm lautet der Anglizismus des Jahres. Keine üble Wahl, vorausgesetzt ein Wort verdiente einen Preis – statt eines Menschen (was fängt das Wort mit dem Preis an, reißt es sich nun zusammen?). Ein Mensch hat nach zäher Bemühung des Geistes einen Begriff erfunden, entwickelt und ausgebaut und ihm schließlich ein Wort zugeordnet. Den Redaktionskater und mich stört am Anglizismus des Jahres nur die Begründung, mit der ihm diese Ehre verpasst wird: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 20:10
Rubrik: Gesellschaft
Information vs. Exformation

Beitrag vom 12 Februar 2012

Schon Onkel Felix schätzte die einprägsame Darstellung von Statistiken: „Auf den Kopf der Bevölkerung fallen 1,5 Ziegelsteine“, „Jeder achte Gelsenkirchener kauft Mohrrüben“ und dergleichen mehr. Nun piekste mich in einem öffentlichen Vortrag eine Variante, in der es um Jugendliche ging, nämlich jene mit dem sogenannten Migrationshintergrund, und der Kernsatz enthielt die folgende Desinformation: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 14:43
Rubrik: Gesellschaft, Von Babylon nach Globylon
Synchrones Lernen, ein Selbstversuch

Beitrag vom 11 Februar 2012

Als ich das Rauchen sein ließ, suchte ich eine Ersatzhandlung für die erste Zigarette in der Frühe und die letzte vor dem Einschlafen. Sehr bewährt hat sich das Erlernen von zwei Sprachen zugleich. Doch: anstelle der Zigaretten. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 13:04
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Den Schmäh abgekauft

Beitrag vom 10 Februar 2012

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hatte eine Pressemitteilung herausgegeben (zu einem Thema, das mich wenig betrifft). Als Mitglied des VDS-Vorstands war ich dann trotzdem Empfänger der folgenden Mail, woraus sich ein kurzer und unfüglicher Dialog entspann: (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 13:03
Rubrik: Gesellschaft
Parallelen zur Geschichte der DDR

Beitrag vom 6 Februar 2012

[…] Der vorauseilende Gehorsam deutscher Politiker und Medien zur krampfhaften Übernahme der englischen Sprache, den Sie in Ihrem Buch auch gut zeigen, ist mir schon anderweitig begegnet. Heinrich Mann hat das bereits im ’Untertan’ hervorragend demonstriert. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:08
Rubrik: Gesellschaft
England, wie ein Hering in der Fichte

Beitrag vom 10 Dezember 2011

Kürzer hätte ich es nicht sagen können:

Damit kein Missverständnis aufkommt. Ich mag das Land und seine Menschen. Den feinsinnigen Humor, die Toleranz, die Gelassenheit, die Sprache, die Lebensart, die Kultur, auch die globale Orientierung. Gerade wir Deutschen mit unserer Neigung zu übertriebenen Ängsten können manches von den Engländern lernen. (Wolfgang Kaden in Spiegel Online)

(Weiterlesen)

Oliver Baer @ 11:29
Rubrik: Gesellschaft
Die unvermeidbaren phrasal verbs

Beitrag vom 20 November 2011

Die Unvermeidbaren

Partikelverben (phrasal verbs), denen keiner entkommt

Geht’s auch ohne die phrasal verbs? Nein, eher lässt ein Süchtiger das Rauchen als ein Engländer den Gebrauch der Verben, die ihn schon als Krabbler umgaben. Streiten lässt sich allenfalls über eine Liste der tatsächlich Unvermeidbaren. Hier ist mein Vorschlag, er umfasst 102 der am häufigsten gebrauchten Präpositional- und Partikelverben.

account for
act as
act on
allow for
back up
blow up
break down
break up
bring back
bring down
bring up
call in
catch on
charge with
check out
come around
come down
come in
come off
come on
come out
come up
cut down
cut out
deal with
do up
do with
fix up
get around
get back
get in
get into
get off
get on
get onto
get on with
get out
get through
get up
go by
go down
go for
go into
go off
go on
go over
go through
hang on
have on
keep up
lay out
let down
line up
make of
make up
pick up
pull in
pull off
put by
put forward
put in
put into
put off
put out
put through
put up
roll over
run down
run off
run out
run over
run through
run up
set off
set out
set up
sort out
stand down
stand for
stick to
strike out
take back
take down
take in
take off
take out
take up
throw around
throw up
tie up
turn down
turn in
turn into
turn off
turn on
turn out
turn over
turn to
turn up
wind up
work out
wrap up

Die Liste enthält keine Wörter wie warm up, denn sie sind dem Deutschen so ähnlich, dass sich der Sinn von alleine erschließt.

Oliver Baer @ 09:54
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Nein, kein Mobbing

Beitrag vom 14 November 2011

Manche glauben fromm an den Duden, als wäre er das Neue Testament der rechten Schreibung: Wenn’s im Duden steht, dann gibt es das und und zwar in genau der Schreibweise.

Steht es jedoch nicht im Duden, beweist das zwar ebenso wenig, gibt aber zickigen Zweiflern anscheinend recht: „Dann gibt es das Wort gar nicht. Dann dürfen Sie es auch nicht verwenden!“ (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:53
Rubrik: Gesellschaft
Die Tigerente und der Computer

Beitrag vom 14 November 2011

Als der Rechner erfunden wurde, hieß er „Rechner“; das geschah nämlich hierzulande, durch einen gewissen Konrad Zuse. So eine Überraschung. Dann übernahmen die Amerikaner die Erfindung und übersetzten – genauer geht es nicht – den Rechner als „computer“. Keine Überraschung, sie sind ja nicht dumm, unsere Cousins da drüben. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 15:39
Rubrik: Gesellschaft
Verwirrte Geräusche unterlassen

Beitrag vom 2 November 2011

Ich werde immer wieder aufgefordert, mit Beispielen zu belegen, was ich mit „zu gutem Englisch“ meine. Ganz wörtlich: zu gut für eine erfolgreiche Verständigung. Hier ist ein Beispiel, das beweist, wie wenig Beweiskraft Beispiele besitzen. (Weiterlesen)

Oliver Baer @ 14:53
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Welche Sprache für türkische Kinder?

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Abdülmecit II, der letzte Kalif des Osmanischen Reiches. Seine Leidenschaft galt der Malerei. Von ihm gemalte Porträts von Beethoven und Goethe wurden 1918 in Wien ausgestellt.

Petra Schulz, Professorin für Deutsch als Zweitsprache – Theorie und Didaktik des Zweitsprachenerwerbs im Interview mit dem SPIEGEL über den Streit, welche Sprache türkische Kinder in Deutschland zuerst erlernen sollen:

„… Wenn Kinder im Alter von drei Jahren beginnen, Deutsch zu lernen, stehen die Chancen nicht schlecht. In der Schule wird es neben dem eigentlichen Lernstoff schon schwieriger. … [Die Eltern] können ihren Kindern etwa dadurch Vorbild sein, dass sie selbst Deutschkurse belegen. Mit den Kindern sollen sie in der Sprache sprechen, in der sie zu Hause sind. Denn Sprache transportiert immer auch Identität und Emotion, da wären verunsicherte Eltern eher kontraproduktiv.“ (aus SPIEGEL Nr. 10/2011, Seite 31)

Ergänzung zu Rollenverteilung im zweisprachigen Haushalt (Von Babylon nach GlobylonSeite 63 ff.)

Oliver Baer @ 14:39
Rubrik: Gesellschaft
Audi traut sich

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Als Marke eingetragen, international als Slogan angesehen

In meinem Buch mache ich einigen Wind um Audis Slogan Vorsprung durch Technik. Mich fasziniert dieser Seitenhieb auf die „international aufgestellten“ deutschen Unternehmen. Darunter verstehen sie zumeist die flächendeckende Verwendung der Weltsprache, bis in die Winkel des deutschen Binnenmarktes. Von Heathrow bis zur Hallertau hauen sie uns Englisch um die Ohren. Eines der Bilder im Buch zeigt dagegen eine Audi-Werbung an der M1 bei Johannesburg: Vorsprung’s finest hour.

Das ist Mythenbildung vom Feinsten. Erfindergeist, Präzision, Originalität, Tradition – alles „deutsche“ Tugenden -, das impliziert diese Werbung, noch dazu mit einem Zungenbrecher für Engländer, den sie aber liebevoll zitieren: Vorsprung durch Technik. Genial, alle Achtung vor Audi! (siehe Von Babylon nach Globylon, Seite 146 ff.)


Nachtrag 2017: Schade, der gute Ruf ist hin.

Oliver Baer @ 14:17
Rubrik: Unternehmen
Gestammel am Quartier F

Beitrag vom 18 Oktober 2011

Vor dieser Schaufenster-Collage fragt meine Jennifer (immerhin eine englische Muttersprachlerin): „Was meinen die bloß mit clothed bath?“ Ein angezogenes Badezimmer? Escada bekleidet Badezimmer? Ist ein Bad zum Designer geworden? Während wir unser Eis schleckten, haben wir die Frage hin- und hergewälzt. Wir haben es nicht herausbekommen. Zusammen bringen wir beide immerhin 69 Lebensjahre in englischsprechender Umgebung auf die Waage. Auch Stummelenglisch haben wir drauf, schlechtes Englisch, Pidgin, und diverse Dialekte (sowie Globisch) – dachten wir jedenfalls. Ich zücke die Kamera, genauer: das Händi, von dem ich meist vergesse, dass es auch Fotos fertigbringt und trete näher.

Wortcollage am Schaufenster einer Dresdner Modeboutique

Gestammel Nummer 1 am Quartier F

Der zwanglose Umgang mit der Weltsprache – von der die Boutique sicherlich vermutet, dass Millionen Dresden-Pilger sie verstehen -, findet sich auch am nächsten Fenster: renewal open coming soon. Renovierung offen kommt bald? Also was nun: Isses oder kommtes? Man ahnt irgendwie, was die Escada-Leute meinen, denn es folgt – im zeitgemäßen Sprachallerlei – die Aufforderung zum Besuch ihres temporary store im 1. Stock.

Hineis auf der Tür zur Boutique

renewal open coming soon

Collagierte Sprachlosigkeit als Sinnbild für – teure Klamotten. In London gibt es ähnliches. Bei John le Carré findet der Leser in fast jedem Roman Beispiele für Belgravia Cockney, das zusammengefaltete Englisch der Londoner Oberklasse – das Ende aller intelligenten Verständigung.

Gesehen im Quartier F an der Frauenkirche zu Dresden, gleich neben der (übrigens vorzüglichen!) Gelateria Bellagio. Es handelt sich im zweiten Bild tatsächlich um die Tür zur Escada-Boutique. In der Sonne spiegelt das Glas die Fassade des Jüdenhofs zwischen Verkehrsmuseum und Fürstenzug.

(Bilder: O. Baer)

Oliver Baer @ 14:06
Rubrik: Unternehmen
Von Babylon nach Globylon – Inhalt in 38 Thesen

Beitrag vom 19 August 2011

Die Thesen in vier Abschnitten:

A: Über die Weltsprache
B: Über die Muttersprachen und Englisch
C: Über die Sprachen der Wissenschaft
D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

Abschnitt A: Über die Weltsprache

1 – Alle verwechseln die Weltsprache mit Englisch

Die Weltsprache sieht zwar aus wie Englisch und sie klingt wie Englisch – ist aber meist nur schlechtes Englisch. Immer öfter ist eher Globisch die Weltsprache für jenes Drittel der Weltbürger, die in irgendeiner Form des Englischen bereits irgendwie miteinander verkehren – die meisten davon mehr schlecht als recht. (S. 16)

2 – Nur eine Minderheit der Weltbevölkerung beherrscht gutes Englisch

Von den sieben Milliarden der Weltbevölkerung sprechen knapp fünf Prozent Englisch als ihre Muttersprache. Insgesamt benutzt etwa ein Drittel Englisch, oder was man dafür halten kann. Zwei Drittel der Menschheit kann überhaupt kein Englisch, das es zu verbessern gäbe. Wie diese qualifizierte Mehrheit gutes Englisch erwirbt? Der Anspruch, dass ein gutes Englisch die Weltsprache sei oder sein müsse, ist daher verwegen, jedenfalls irreal. (S. 16)

3 – Die englischen Muttersprachler überfordern den Rest der Welt

Die rund zwei Milliarden Benutzer von meist schlechtem Englisch (oder Globisch) sind in aller Regel mit gutem Englisch überfordert. So geht es beispielsweise den meisten Deutschen mit Englischkenntnissen, deren Qualität sie systematisch überschätzen. Wer seinerseits im globalen Verkehr ein gutes Englisch verwendet, behindert die Kommunikation, denn er trägt zur Produktion von Missverständnissen bei. (S. 16)

4 – Überlegenes Englisch geht stets auf Kosten der Anderen

Einen Nutzen aus seiner sprachlichen Überlegenheit genießt der englische Muttersprachler nur, wo es darum geht andere zu übervorteilen, etwa in der Politik oder bei Verträgen, mit denen er den Kontrahenten über den Tisch zieht. In allen übrigen Situationen des wirtschaftlichen Alltags erreichen die Geschäftspartner mit dem Gleichlang des Globischen gemeinsam mehr.

5 – Als Weltsprache eignet sich globisches Englisch besser

Globisch ist ein funktionsfähiges Zweckenglisch für den Alltagsbedarf des Geschäftslebens. Wo Globisch nicht genügt – für Verhandlungen auf höchster Ebene -, genügt auch gutes Englisch nicht. Da genügt nur makelloses Englisch in professioneller Fehlerlosigkeit. Dazwischen gibt es keinen gleitenden Übergang, nur Profis können da mithalten – keine Halbprofis, keine ambitionierten Amateure. (S. 19)

6 – Globisch wird 200mal besser verstanden als Englisch

Globisch hat einen begrenzten Wortschatz, eine reduzierte Grammatik und Beschränkungen im Sprachgebrauch. Das entspricht dem tatsächlichen Gebrauch der Weltsprache. Jeglicher Mehraufwand für besseres Englisch ist ein privater Luxus, keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wieso 200 mal? Es könnte auch 500 mal sein. (S. 24)

7 – Verhandlungssicheres Englisch erwerben nur Wenige

Nur zwei Sub-Submilieus der Gesellschaft erlangen muttersprachliches Englischniveau und nur sie können mit Muttersprachlern ebenbürtig verkehren: Das sind erstens die von Hause aus Sprachprivilegierten sowie zweitens die Dolmetscher und Übersetzer. Alle anderen sind mit Globisch besser bedient, denn Spitzenenglisch zu erstreben, ist eine Illusion. Auch zehnmal so viel Englischstunden in der Schule würden daran wenig ändern. Sprachprivilegierter wird, wer fünf Jahre in einer englischen Umgebung zubringt, die ihm kein deutsches Wort durchgehen lässt; außerdem muss er sprachbegabt sein und fleißig englische Literatur lesen. Schulenglisch liefert dafür die Ausgangsbasis, mehr nicht. Mehr könnte keine Schule der Welt leisten, selbst wenn sie sämtliche Fächer auf Englisch unterrichtete. (S. 110 ff.)

8 – Gutes Englisch ist aristokratisch und nützt keiner Allgemeinheit

Hochenglisch ist die Kultursprache der angelsächsischen Oberschicht, mit der sie sich den Pöbel vom Halse hält und vorwitzige Fremde an der Nase herumführt. Ähnliches kommt auch im Deutschen vor, aber nicht in dieser kalkulierten Krassheit. Globisch ist dagegen eine demokratische Sprache; sie dient dazu, dass alle Weltbürger einander verstehen.

9 – Als Englisch gilt auch der „globalesische“ Sprachmüll

Globalesisch (nicht zu verwechseln mit Globisch) ist die Tarnsprache einer neureichen Scheinelite im Geschäftsleben. Mit dieser Variante des Englischen vernebelt sie Zusammenhänge statt Klarheit zu schaffen. Zugleich dient ihr globalesisches Idiom dazu, sich von allen Anderen abzugrenzen. Das akademische Halbenglisch ist, was Hochschullehrer (meist mit dem gebührenden schlechten Gewissen) für passables Englisch halten. Merke: Neureiche sowie Sprachprotzer zählen nicht zum Adel. (S. 19 ff., 26, 84, 129, 179, 213 ff.)

10 – Globisch ist eine bessere Weltsprache als jedes andere Englisch

Globisch dient ausschließlich der schnörkellosen Information und der nüchternen Kommunikation. Mit Kultur, Kunst, Poesie, Schönheit hat Globisch nichts zu tun – es ermöglicht nur die fehlerarme Verständigung. Demgegenüber haben Bad Simple English (BSE) und Hochenglisch eines gemeinsam: Sie provozieren Missverständnisse, und die kommen teuer. (S. 156 ff., 171 ff.)

11 – Für den Export brauchen wir kein besseres Englisch

Exportweltmeister waren wir, als unsere Kaufleute und Ingenieure Englisch erst in der Oberstufe gelernt haben (nach so furchtbar nutzlosen Sprachen wie Latein und Altgriechisch). Seit wir so viel Aufhebens um Englisch machen, sind wir hinter China und die USA auf den dritten Platz zurückgefallen. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat? Nichts. (S. 146 ff.)

Abschnitt B: Über die Muttersprachen und Englisch

12 – Als Konzernsprache blockiert Englisch die Verständigung

Wer zur Sache etwas Wichtiges beizutragen hätte, aber auf Englisch fällt es ihm nicht ein, der hält den Mund und überlässt das Feld denen, die zwar Englisch können, oft aber sonst nichts draufhaben. Bei DaimlerChrysler gingen die Kosten der erzwungenen Konzernsprache Englisch in die Milliarden. Mit der Muttersprache plus Globisch plus dem Einsatz von Profis hätte die Scheidung von Chrysler früher und billiger geschehen können, oder die Mesalliance hätte sich sogar vermeiden lassen. (S. 155 f.)

13 – Blähenglisch blockiert das Denken

Mit der globalesischen (nicht der globischen) Variante der englischen Sprache übernehmen die executives Versatzstücke einer Denkweise, die der unseren verwandt, aber nicht mit ihr identisch ist. Das globalesische Englisch, das eher zum Glauben als zum Verstehen verleitet, war bereits Geburtshelfer der weltweiten Finanzkrise. Mit seinen Englischkenntnissen müsste man schon außerordentlich sprachbegabt (mehr als sprachfertig) sein, um in diese Falle nicht zu tappen. Aber sogar gutes Englisch (auch ohne die globalesischen Versatzstücke) kann uns behindern: Wenn uns das Bemühen über Gebühr ablenkt; wenn wir Aufwand betreiben zu verstehen, was uns auf Englisch korrekt, aber unzugänglich dargelegt wurde. Im gleichen Maße kommen wir nicht zum eigenen Denken über das Gesagte: eine ziemlich infame, aber erfolgreiche Verhandlungstaktik, denn wer gibt schon zu, dass er nicht mitkäme? (S. 33 ff., 192 ff.)

14 – „Englisch ein Muss!“ behindert de Experten

Mit der Forderung nach „Englisch perfekt in Wort und Schrift“ unterzieht man Fachleute einem nutzlosen Stress. Er hat mit der Sache nichts zu tun, schmälert aber die Fähigkeit die Leistung zu erbringen um die es eigentlich geht. Tatsächlich können nicht einmal native speakers perfektes Englisch. So wird eine abstrakte Forderung nach Perfektion zu einer Norm erklärt, deren Maßstäbe willkürlich verschiebbar sind – grober Unfug ist das. Sprachbegabte mögen in solcher Lage noch punkten können, alle anderen werden ohne erkennbaren Nutzen gequält. Keiner bekommt, was er braucht: die angemessenen Sprachkenntnisse. Wo Fachkenntnis weniger gilt als Sprachkenntnis, ist mit einem überhöhten Anteil von Hochstaplern zu rechnen, die vor allem eines gut verstehen: ihre Selbstvermarktung. Kluge Unternehmer verabschieden sich von diesen kostspieligen Verwirrspielen. (S. 86 ff., 115)

15 – Standorte mit Zukunft pflegen die Muttersprache

Die Muttersprache ist ein Produktionsfaktor, der in jeder Volkswirtschaft den Erfolg dirigiert. Das Denken des Forschers und Entwicklers gelingt in der eigenen Sprache in aller Regel besser als in fremden Sprachen. Als gepflegte Muttersprache nimmt sie auch Einflüsse aus fremden Sprachen auf und kann sie zu ihrem Vorteil einverleiben. Die Abkehr von der Muttersprache hin zur englischen als Sprache der Wirtschaft- und der Wissenschaft riskiert den Verlust des mit der Muttersprache verbundenen Standortvorteils. Das implizite Versprechen auf Teilhabe an der Weltwirtschaft in englischer Sprache wiegt nichts, es ist kaum mehr als ein Lockvogel. Exporterfolge gab es, lange bevor Englisch zur anscheinend unverzichtbaren Voraussetzung für Exporterfolge avancierte. Verkaufen kann man – sogar radebrechend – in jeder Sprache, das haben wir jahrzehntelang bewiesen. Aber entwickeln muss man überlegene Produkte in der eigenen Sprache. (S. 165 ff.)

16 – Englische Frühförderung ist vergebliche Liebesmüh

Früh geförderte Kinder werden in aller Regel vergebens auf Englisch indoktriniert und sie werden einem erhöhten Risiko des Stotterns ausgesetzt. Spätestens zur Pubertät werden sie von den Spätstartern überholt, nicht nur eingeholt; das ist bereits erwiesen. Der Rummel um die Frühförderung ähnelt der Stümperei mit Canapés: Immer noch etwas draufzulegen verfeinert den Geschmack nicht mehr, es sieht nur nach mehr aus. Der ganze Aufwand wäre nützlicher in die Muttersprache investiert – und käme letztlich auch dem Englischlernen zugute. (S. 67 f.)

17 – Als erste Fremdsprache eignet sich Englisch besonders schlecht

Der Einstieg erscheint so einfach, so werden die Schüler zur Denkfaulheit verwöhnt. Später haben sie es schwer im Gelände des höheren Englisch. Die Engländer und Amerikaner sind bereits zu träge zum Fremdsprachenlernen, mithin sind sie schon jedem Chinesen unterlegen, der neben seinem Mandarin ein bisschen Globisch beherrscht. Eltern können sich getrost den gelegentlichen Zweifel erlauben, ob das Englischniveau, das sie für ihre Kinder als Ziel setzen, mit einer derart verfrühten Überbetonung des Englischen überhaupt zu erreichen ist oder ob dieses sogar verhindert wird. Erwiesen ist seit langem, dass sich Latein, Russisch, sogar Französisch als erste Fremdsprache besser eignen. (S. 65)

18 – Der Englischeifer nährt sich aus fragwürdigen Motiven

Die Motive für weitreichende Entscheidungen pro Englisch kontra Muttersprache verdienen einen Schuss gesunder Skepsis. Wo Englisch als schick gilt, sollte man sich an die Kurzlebigkeit der Mode erinnern. Besonders eklig ist der Klassendünkel entlang von Sprachgrenzen, der aus dem Englischen herüberschwappt und bei uns in abgewandelter Form heimisch wird: Demzufolge ist Deutsch zwar geeignet die Einwanderer zu integrieren, aber für die eigenen Kinder gilt die Ausrichtung auf eine vollkommen englische Globalisierung; in manchen Submilieus hat man sich aus der Muttersprache bereits verabschiedet. Geradezu peinlich ist die Annahme, dass Englisch politisch korrekter wäre als Deutsch. (S. 60 ff.)

19 – Gutes Englisch lässt sich sowieso nicht erzwingen

Mit dem gesteigerten schulischen Aufwand für Englischziele, die von vorneherein irreal gesteckt sind, knicken die Schulbehörden gegenüber den übereifrigen Eltern ein. So bedienen sie – wider besseres Wissen – die Ängste und den Dünkel der Bürger statt dem pädagogisch Vernünftigen zum Durchbruch zu verhelfen. Dem vorgeschützten Ziel – möglichst gute Englischkenntnisse für die Schüler – nähern sich die Schulen durch derlei willfähriges Verhalten aber nicht. Für gutes Englisch kann die Schule bestenfalls Grundlagen liefern, so wie sie es schon immer tat; dafür ist es unnötig den Aufwand für Englisch zu vervielfachen. Die Illusionen der Eltern müssen Privatsache bleiben, sie zu bedienen ist keine Bildungsaufgabe des Staates. (S. 67 f.)

20 – Die weltweit wichtigste Sprache ist die eigene

Die Muttersprache ist die erste Grundlage für jegliches Lernen. Vielleicht ist es notwendig zu erwähnen, dass diese schlichte Erkenntnis von der Linguistik bestätigt wird: Ohne gutes Deutsch gibt es kein gutes Englisch , von Mathematik, Physik, Ethik, Geschichte ganz zu schweigen. Ohne Deutsch gibt es gute Noten nur im Sport. Diese Feststellung gilt für sämtliche Muttersprachen und wird in den meisten Staaten der Welt folgerichtig beherzigt, außer in Deutschland: Hier wird der Anteil des Deutschunterrichts zugunsten des Englischen zusehends verringert. Vielerorts gilt gar die Immersionsmethode als überlegen, bei der einige oder sogar alle Fächer auf Englisch unterrichtet werden. Mit Ausnahme des Sports, und gerade da böte sich eine Umkehrung an: Den Sport haben wir tatsächlich von den Engländern (und Cricket haben wir noch immer nicht) gelernt. (S. 165 ff.)

Abschnitt C: Über die Sprachen der Wissenschaft

21 – Die Wissenschaften veröden in der Einengung auf Englisch

Die Wissenschaften leben von der Vielfalt des Denkens, der Kulturen und der Sprachen. Schwergewichtige Beiträge zur Vermehrung des Wissens der Menschheit leistet, wer in eben der Sprache denkt, die er wirklich beherrscht, und in dieser Sprache vorträgt und veröffentlicht. Das ist in aller Regel die Muttersprache – Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch diese Erkenntnis ist eine Binsenweisheit und auch sie geht verloren in der gegenwärtigen Manie, dass alle Wissenschaft auf Englisch ausgerichtet sein müsse. Monokultur laugt auf die Dauer den besten Boden aus. (S. 209 ff.)

22 – Die Chinesen forschen und entwickeln – nicht auf Englisch

Wer vor den Chinesen, den Indern, Japanern und anderen den Respekt aufbringt, der ihnen gebührt, wird von der Antwort nicht überrascht sein, in welcher Sprache sie wohl ihre Wissenschaften betreiben mögen? Sie tun es in der eigenen. Es gibt keine ernst zunehmende Quelle für die Annahme, dass beispielsweise China an dieser Regelung etwas ändern wollte. (S. 81 f., 160 f., 205, 224, 295)

23 – Wissenschaft braucht die Terminologie in der Muttersprache

Exzellente Wissenschaft entfaltet sich stets entlang der Terminologieschöpfung in der eigenen Sprache. Verzichten wir auf diese Leistung und ersetzen wir sie durch Übernahme englischer Terminologien, können wir sie später in deutscher Sprache schwerlich wieder aufnehmen. Wie die Dinge liegen, werden wir den Verlust aber erst dann ernstnehmen, wenn wir gemerkt haben, dass es ohne Terminologie in der Muttersprache keinen Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga der Wissenschaften gibt. Dorthin rutschen wir ab, wenn wir den gegenwärtigen Trend weiter mitmachen; wir sind bereits unterwegs. (S. 185, 187)

24 – Lehre auf Halbenglisch ist weniger als die Hälfte

Hochschullehre in akademischem Halbenglisch gebiert Absolventen, die Deutsch in ihrem Fach nicht mehr richtig und Englisch noch nicht richtig können. Man sollte sich erinnern: Der Lehrbetrieb auf Deutsch hat uns über die Jahrzehnte mit Absolventen global vernetzt – die dann unsere Maschinen und Geräte importiert haben. Unsere Erfolge im Export beruhen auch darauf, dass wir auf allgemeine und fachliche Bildung Wert gelegt haben, und zwar in deutscher Sprache, und auf englische Lehre verzichtet haben. Die Wissenschaftler wissen das, die Regierenden wollen es nicht hören, die zuständigen Ministerien ignorieren es bewusst und die indischen Studenten gehen (wenn ihnen Englisch am Herzen liegt) im Zweifel gleich in die USA. (S. 218)

25 – Publizieren in schlechtem Englisch blamiert den Autor

Für das akademische Publizieren gibt es eine intelligentere Lösung als sich mit einem kargen Englisch bloßzustellen. Die Frage ist berechtigt: Mit welchem Recht darf man Spitzenenglisch von Wissenschaftlern überhaupt verlangen? Erkennbar wird hier ein Descartes’scher Analogieschluss unter dem Einfluss der Informationstechnik und des Internets: „Englisch muss ich können, also kann ich es.“ Der Irrtum schmerzt: Die Meisten können es nicht, dem Kenner stockt der Atem. Dennoch gilt: Wissenschaftler müssen auf Englisch publizieren. Warum tun sie es nicht zuerst in der Sprache, die das Denken beflügelt (nicht einengt) und in der sie die Feinheiten ihrer Arbeit am besten darstellen können? Wegen der Kosten der Übersetzung (die ihnen keiner erstattet) oder aus Eitelkeit? Die Übertragung ins Englische kann nur Sache von Experten sein; experten der Sprache. Die Gesellschaft hat sich dafür stark zu machen, dass es genügend dieser Profis gibt und, dass Akademiker sich ihrer bedienen können. (S. 211)

26 – Für den akademischen Gedankenaustausch kann dürftiges Englisch nicht genügen

Radebrechen genügt für den Tourismus. Der akademische Gedankenaustausch in gebrochener Ausdrucksweise ist hingegen fragwürdig. Dabei gehen als erstes jene Feinheiten verloren, um deren Austausch es im Grunde geht. Mangels aktiver (produktiver) Beherrschung der englischen Lingua franca bringen die nichtenglischen Muttersprachler nur gestammelte Beiträge hervor, wenn sie nicht sowieso widerwillig schweigen. So überlassen sie jenen native speakers das Feld, die sich nicht genieren, auf Kosten der Zögerlichen zu punkten. Den Wissenschaften ist damit nicht gedient, denn Sinn wird nur gestiftet, wenn sich jeder der Sprache bedient, in der er denkt und das Besondere an seiner Arbeit in allen erforderlichen Analogien erklären kann. Das ist fast immer die Muttersprache. Die Übertragung des Gesagten ist daher eine Aufgabe für professionelle Dolmetscher. (S. 223)

Abschnitt D: Über die Sprache der Bürger im Alltag

27 – Weltbürger wird man nicht durch Liebedienerei

Als Weltbürger qualifiziert sich, wer sich auf Grundlage seiner kulturellen Herkunft dazu bekennt. Anderenfalls wirkt seine Hinwendung als peinlich oder sogar als Flucht vor seiner historischen Mitverantwortung. Als Deutscher und als Österreicher entkommt man der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch nicht durch Verleugnung der deutschen Sprache, so billig kommt keiner davon. Verzichtet er auf seine Muttersprache, bewirkt er das Gegenteil dessen, was er darstellen möchte: Von Liebedienerei lässt sich keiner zufriedenstellen; auch das eigene Gewissen lässt sich nicht übertölpeln. Im Übrigen muss sich für die paar Rechtsextremen hierzulande keiner mehr schämen als unsere Nachbarn für die ihren; es gibt sie bekanntlich auch im englischen Sprachraum. Ihretwegen auf die Muttersprache zu verzichten unglaubwürdig. (S. 44 f.)

28 – Der Glaube an Englisch grenzt Millionen von Mitbürgern aus

Mit der geradezu religiösen Verehrung der englischen auf Kosten der Landessprache widersprechen wir dem Grundgesetz. Den Einwanderern rauben wir das Motiv zum Erwerb einer menschenwürdigen Teilhabe an der Gesellschaft vermittels der hier gültigen Landessprache. Manche Minderheiten ohne Englischkenntnisse schließen wir aus der Alltagskommunikation aus, als gäbe es sie nicht: die Alten, die es in der Schule nicht lernten, die Sprachschwachen, die funktionalen Analphabeten. Der einzige Stoff, der unsere Gesellschaft zusammenleimt, ist aber die Landessprache. Sprachpflege, nämlich ein Schutz vor Übertreibung bei Entlehnungen, ist daher im Grunde eine gesellschaftliche Aufgabe und nicht nur eine Privatsache. (S. 69 ff.)

29 – „Englisch als Landessprache!“ – eine Forderung ohne den geringsten Denkinhalt

Englisch als Landessprache in Deutschland zu fordern ergibt noch weniger Sinn als die Chihuahua-Hunde für Polizeiaufgaben zu züchten. Man muss nur zu Ende denken, unter welchen Anstrengungen so ein Ziel angestrebt und trotzdem nicht erreicht würde. Englisch als Landessprache fordert in aller Regel, wer sein Gestammel mit Englisch verwechselt und schon lange nicht mehr in der Presse erwähnt wurde. (S. 229)

30 – Sprachpflege zählt zum Ressourcenschutz

Wenn wir die Muttersprache ernstnehmen, ist sie eine Quelle geistiger Energie. Sie ist unversiegbar, vorausgesetzt wir kümmern uns um sie. Dann ist sie, was es nur in der Kultur, nicht in der Natur geben kann: ein Apparat der mehr Energie verfügbar macht als man zu seinem Betrieb hineinstecken muss. Vernachlässigen wir die Sprache, so gilt jedoch der umgekehrte Fall: Wir verbrauchen die Substanz bis sie auf dem Niveau eines Dialektes dahinsiecht. So gesehen ist Sprache ein endlicher Rohstoff – da gibt es auch nichts mehr zu recyceln. (S. 187 ff.)

31 – Englisch als Gerichtssprache dient nicht dem Volk

Aufgabe der Rechtsprechung ist die Wahrung des Rechtsfriedens. Wie das den Gerichten gelingen soll, wenn Zivilprozesse zunehmend auf Englisch geführt werden, hat bisher keiner befriedigend beantworten können. Prozessführung auf Englisch liegt im Interesse einer Minderheit, die keines Schutzes bedarf; außer wenigen Spezialisten in den Anwaltskanzleien versteht hierzulande keiner das Juristenenglisch. Das Volk spricht Deutsch; es möchte verstehen, was sich in seinem Namen vor den Gerichten im eigenen Lande abspielt. Und wenn es schon (ausnahmsweise!) Englisch sein muss, dann in in der Variante, die immerhin den Meisten im Lande noch zugänglich ist oder gemacht werden kann: Globisch, nicht Hochenglisch. (S. 72 ff.)

32 – Als einigende Sprache braucht Europa – die Sprache seiner Gegner am wenigsten

Europas einzigartiger Standortvorteil beruht auf der Vielfalt seiner Kulturen und Sprachen. Aus der Vielfalt gehen Gedanken hervor, die nicht zustande kämen, wenn sich alle Europäer in einer gemeinsamen Sprache auszudrücken hätten, schon gar nicht in der Sprache der erklärten Gegner Europas, und das sind die Engländer. Dass eine einheitliche Sprache völkerverbindende, friedensstiftende Kraft besäße, ist nicht beweisbar. Im Gegenteil: Bürgerkriege wie in Spanien, am Balkan, in Korea und anderswo wurden durch gemeinsame Sprache nicht verhindert. Die Muttersprachen Europas gewinnen ihre Geltung in dem Maße zurück, wie das Brüsseler Gemenge aus Bad Simple English und Beamtenenglisch durch ein ordentliches Globisch ersetzt wird; zusätzlich benötigt Europa mehr Dolmetscher und Übersetzer. (S. 90 ff.)

33 – Andere verwenden ihre Sprache als Waffe – wir nicht

Wir denken gar nicht erst daran, unsere Muttersprache international als Waffe einzusetzen. Dabei mag es bleiben, kein vernünftiger Mensch möchte es rückgängig machen. Vernünftig wäre indes auch, dass wir das Kolonialgehabe der Amerikaner und Briten immerhin als den Sprachimperialismus identifizieren, der er ist. Ihre bewusste (offen eingestandene) Sprachpolitik hat auch wirtschaftliche Folgen zu unseren Ungunsten. Wehren sollten wir uns auch gegen die Chuzpe, mit der – ausgerechnet – die europafeindlichsten EU-Mitglieder mit ihrer Sprache sämtlichen anderen Mitgliedern britische Denkweisen aufzwingen. Einflussreiche Amerikaner führen sich sogar so auf, als müsste die Welt an ihrem Wesen genesen. Uns sollten solche Töne bekannt vorkommen und skeptisch stimmen. (S. 36, 79 ff.)

34 – Erstes Opfer des Sprachimperialismus ist – Hochenglisch

Der Sprachimperialismus macht paradoxerweise die englische Sprache zum ersten Opfer der Globalisierung: Die englische Kultursprache ist bedroht. Ihre nichtmuttersprachlichen Nutzer verflachen sie mit minderwertigem Englisch. Die Engländer selber unterscheiden noch nicht zwischen Globisch und Englisch und sie lassen es zu, dass der globalesische Jargon der Geschäfts- und Finanzwelt als Hochenglisch durchgeht. Es wäre ein schwer zu verkraftendes Opfer des Sprachwandels, wenn die Sprache Shakespeares zertrampelt würde. (S. 59, 182 f.)

35 – Globisch nützt allen Muttersprachen

Die Erkenntnis, dass ein Drittel der globalen Bürger bereits Globisch spricht oder sich auf dem Umweg über schlechtes Englisch auf Globisch zubewegt, könnte das Ende des gängigen Englischwahns von der Wiege bis zur Rente einleiten: So könnte die eigene Sprache (jede Muttersprache, auch die englische) den Spielraum zurückgewinnen, den ihre Sprecher zum eigenen Denken und für eine geordnete Verständigung benötigen. (S. 21 f, 60 ff.)

36 – Sprache verändert sich nicht – sie wird verändert

Einer plappert es dem Anderen nach, dass sich die Sprache verändere. Auch durch häufige Wiederholung wird dieser Satz nicht stimmiger. Tatsächlich verändert nicht die Sprache sich, sondern sie wird verändert, und zwar von denen, die sie gebrauchen oder missbrauchen. Das müsste über kurz oder lang auch den Linguisten auffallen, die sich über die „selbsternannten Sprachschützer“ mokieren. Wenn aber die Muttersprache derart gedankenlos misshandelt wird, liegt es nahe, dass sich andere um sie kümmern, obwohl beispielsweise die Neonazis von guter Spracher besonders weit entfernt sind. An gepflegter Veränderung kann jeder mitwirken – durch bewussten Umgang mit seiner Muttersprache. (S. 54 ff.)

37 – „Dafür gibt es kein deutsches Wort!“ ist ein blödes Argument

Es ist schließlich der Sinn von Wortschöpfungen, dass neue Begriffe mit neuen Wörtern bezeichnet werden, sei es durch Neuerfindung, durch Umdeutung vorhandener Wörter aus dem Sprachschatz oder gegebenenfalls durch Entlehnung aus anderen Sprachen. „Gibt es nicht!“ gibt es nicht in der Sprache. Nur Denkfaulheit (oder Denkverbot) spricht dafür, dass man sich zur Einkleidung aus fremden Garderoben bedient, bevor man in der eigenen nachsieht. Für ein wirklich neues Ding gibt es in keiner Sprache bereits ein Wort, nicht einmal in der englischen, und was die Amerikaner und Briten können („Let’s call that a stalker“), kann jeder andere auch („Dann nennen wir das doch den Nachsteller“). Manche fremdsprachlich gebildeten Engländer sind geradezu fasziniert von den Möglichkeiten, Neues in der deutschen Sprache begrifflich zu fassen. Indem wir uns auf die Gehirnwäsche einlassen, dass nur Englisch zu Neuem fähig sei („denn im Deutschen gibt es dafür kein Wort“), setzen wir unsere Denkfähigkeit aufs Spiel. In der eigenen Sprache trauen wir uns nicht mehr zum Denken, wir schreiben ab – und machen dabei lauter Fehler. (S. 117 ff.)

38 – Die Muttersprache kommt kostenlos, nicht umsonst

Die Muttersprache ist leichtes Gepäck, leicht geht es verloren – für immer. Was manchen politisch Korrekten als Ersatz vorschwebt – das Weltsprachenenglisch – eignet sich als Ersatz für Muttersprachen am wenigsten. Genau das blüht uns aber, wenn wir nicht eingreifen. (S. 182 ff.)

Darüber hinaus

Im Abschnitt 6 – Globisch lernen des Buches Von Babylon nach Globylon erfahren Sie, was Sie tun müssen, um Globisch zu beherrschen und was Sie dabei getrost überspringen können: Globisch ist zwar kein Fingerschlecken, aber für jedermann in überschaubarer Zeit erreichbar.

Oliver Baer @ 15:33
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Renaissance der Muttersprachen

Beitrag vom 11 August 2011

Interview mit den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache

Sprachnachrichten: Sie machen sich stark für Englisch als Weltsprache. Braucht Englisch Ihre Fürsprache?

Baer: Nein. Ich mache mich stark für Deutsch, für die Muttersprachen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das weiß jeder, aber keiner zieht daraus die Konsequenzen.

SN: Und die wären: Besseres Englisch lernen für alle?

Baer: Eben nicht. Die meisten Benutzer des Englischen sind keine Muttersprachler, sie reden, wie sie es können, und das genügt – fast. Was sie sprechen, ist ein beschränktes Englisch, das wir besser Globisch nennen sollten.

SN: Ist der Unterschied so groß?

Baer: Es sollte mit der englischen Hochsprache nicht in einem Topf verrührt werden. Darunter leidet unsere Sprache, weil alle Ressourcen auf „perfektes Englisch“ verschwendet werden. Wenn diese Hysterie wegfällt, können wir uns wieder auf unsere Sprache besinnen: die Grundlage für sämtliches Lernen – übrigens auch zum Englischlernen, auch für Globisch.

SN: Sprachwissenschaftlich betrachtet, ist Globisch eine Varietät des Englischen. Also kämpfen Sie doch für Englisch, und für Deutsch nur so nebenher.

Baer: Mehr als die Hälfte meines Buches begründet, warum es wichtig ist, dass wir uns auf Deutsch besinnen. Der Aufwand für Englisch von der KiTa bis zur Hochschule, das modische Geschwätz in Wirtschaft und Medien – sie blockieren unsere Wahrnehmung der deutschen Sprache.

SN: Die Unternehmen sagen, sie müssten sich international aufstellen.

Baer: Exportweltmeister war Deutschland, als davon noch keine Rede war. Inzwischen können wir besseres Englisch, aber die Chinesen überholen uns – mit schlechterem Englisch. Die denken übrigens nicht im Traum daran, Englisch als Landessprache einzuführen.

SN: Wissenschaftler müssen auf Englisch veröffentlichen, sonst wird ihre Arbeit nicht zur Kenntnis genommen.

Baer: Das stimmt nur zur Hälfte. Damit sie in die amerikanischen Zitierindizes gelangen, müssen sie auf Englisch zu lesen sein. Ihre Arbeit wird trotzdem ignoriert, wenn sie in einem Englisch daherkommt, das alle Feinheiten ihres Denkens verkleistert.

SN: Was sollten sie stattdessen tun?

Baer: Auf Deutsch denken, forschen, niederschreiben, veröffentlichen. Zugleich die Arbeit übersetzen lassen – von Leuten, die etwas von Englisch verstehen. Woher soll ein Physiker Englisch wie ein native speaker können? Von seinen drei Jahren am MIT?

SN: Und dann auf Englisch veröffentlichen? Dann wird alles gut?

Baer: Sogar das genügt nicht. Der erste Eindruck bestimmt, ob das Papier gelesen wird. Als erstes bemerkt der amerikanische Kollege die Einleitung. Die sieht zwar Englisch aus, wurde vielleicht sogar erstklassig übersetzt, aber sie ist immer noch deutsch.

SN: Wozu hat der Forscher dann teure Übersetzer herangezogen?

Baer: Er hat auf Deutsch gedacht. Engländer sind eine andere Einleitung gewohnt. Ihre ist wie ein Plädoyer vor Gericht, unsere besteht aus einer Begriffsbestimmung. Das guckt sich der Harvardkollege an und – legt es weg. Die Angelsachsen denken anders als wir – nicht besser, nicht schlechter: anders! Und wir müssen die Einleitung für sie neu schreiben.

SN: Müssen wir lernen, wie sie zu denken?

Baer: Dazu müssten wir Englisch mit der Muttermilch, schon während der Schwangerschaft aufsaugen. Dann denken wir wie Engländer.

SN: Wenn es das globale Dorf so will, können wir uns ausschließen?

Baer: Selbstverständlich müssen wir das sogar. Die Artenvielfalt des Denkens aus dem Fenster zu werfen, wäre so nützlich wie der Raubbau, den die Banken veranstalten.

SN: Sie meinen, jede Muttersprache muss ihr Recht verteidigen auf das ihr eigene Denken?

Baer: Das können nur wir, ihre Sprecher, die Sprache selber ist wehrlos.

SN: Inwiefern genügt Globisch statt Englisch?

Baer: Weil es bereits Weltsprache ist.

SN: Ein Englisch zweiter Klasse machen die Kultusminister und Schulbehörden nie mit.

Baer: Das tun sie schon längst. Sie forcieren Englisch auf C1-Niveau, aber die meisten landen nur bei B1. Für Globisch reicht das.

SN: Also können die meisten bereits Globisch?

Baer: Viele, und nur beinahe. Es fehlt eine letzte Anstrengung, Globisch zu normieren: ein bewusst begrenzter Wortschatz, bewusst beschränkte Grammatik sowie der bewusste Verzicht auf alles, was Sprache schön macht: Humor, Wortspielereien, Doppeldeutigkeiten.

SN: Das hat alles schon Esperanto geboten.

Baer: Globisch sprechen bald drei Milliarden, Esperanto nach hundert Jahren nur 100.000. Globisch ist, was Esperanto hätte sein können, aber nie wurde.

SN: Und was haben wir davon?

Baer: Das Ende der Englischlüge und den Anfang einer Renaissance der Muttersprachen.

Oliver Baer @ 17:01
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Englisch und Globisch: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 5 aus Von Babylon nach Globylon

Globisch ist ordentliches Englisch, es ist keine Spezialsprache mit eigenem Vokabular. Die globische Rechtschreibung verwendet die Buchstaben, Zeichen und Zahlen des Englischen. Es verwendet die englische Grammatik. Es hört sich an wie Englisch, mit den Regional- und Dialektakzenten aus aller Welt. Wie wir sehen werden, bietet diese Vielfalt der Aussprachen dem Globisch-Schüler einen kleinen und unerwarteten Vorteil.

Aus dem gewaltigen englischen Wortschatz ist Globisch im ersten Schritt auf überschaubare 1.500 Wörter begrenzt.296 Im zweiten Schritt ergänzen wir sie. Zum Beispiel aus moderate bilden wir mit Vor- und Nachsilben moderator und moderating, aus model entstehen mehrteilige Wörter wie dessous modelling. Präpositional- und Partikelverben (phrasal verbs) vergrößern die Liste nach und nach. Sie wächst ferner durch Namen und Titel sowie die internationalen Begriffe wie police und pizza und schließlich durch die Fachbegriffe. Zum Beispiel verwenden wir für den Zweck dieses Buches Fachbegriffe wie Verb, rezeptiv, plurizentrisch – sie sind in den 1.500 Wörtern nicht enthalten. Ein wichtiger Unterschied ist die Regel, mit der wir im Globischen kurze Sätze bilden, höchstens fünfzehn Wörter lang.

Globisch begnügt sich mit weniger Verbformen bei Tempus (ich komme, ich kam, ich werde kommen), Genus (ich schlage, ich werde geschlagen) und Modus (ich gehe, ich ginge, ich würde gehen). Wir benutzen von den vielen Zeitformen in aller Regel sechs, und nur im gegenseitigen Einvernehmen elf, und mit Passivformen verschonen wir unser Gegenüber, zum Beispiel:

The car has been parked by the doorman. Das Auto wurde vom Portier geparkt. Besser: The doorman has parked the car. … hat das Auto geparkt.

Glück haben wir bei der Aussprache. Sie ist weniger streng als im gebildeten Englisch. Wir müssen nicht alle schwierigen Laute aussprechen können; nur um die kritischen bemühen wir uns, jene die das Verständnis stören können, indem sie bei falscher Aussprache den Gesprächspartner auf eine falsche Fährte locken.

Der größte Unterschied zum Hochenglischen liegt im Gebrauch von Redewendungen, Redensarten, Witzen, Anekdoten, geflügelten Worten: Sie sind tabu. Mit Globish®/Globisch besitzt die Weltsprache einen Namen und ein eigenes Bedeutungsfeld, das sich wie von alleine durchsetzt; auf dieser Grundlage können wir uns weltweit mit jedem Gesprächspartner verständigen.

In einem offenen System entstehen die benötigten Formen im Laufe seines langen Gebrauchs. So ist die Verlaufsform (progressive oder continuous tense) Ausdruck einer Entfernung des Englischen von den übrigen germanischen Sprachen.

We might be calling later. Having turned the TV on, we waited for the news. I am very much looking forward to seeing you.

Die Entwicklung hat dazu geführt, dass im modernen Englischen die Zeiten der Verben anders gehandhabt werden als im Deutschen:

I am doing it besagt dasselbe wie: Ich bin dabei, es zu tun.

Das Englische hat damit eine praktische und vielgebrauchte Form gewonnen, für die wir im Deutschen, Französischen und Italienischen ziemlich ungelenke Entsprechungen haben – wir verwenden andere Formen, um das Gleiche auszudrücken: Wir konstruieren die Sätze um. Am Rhein könnte dieselbe Aussage lauten: „Ich bin es am machen.“ In den slawischen Sprachen wird der Aspekt raffinierter verwirklicht (dafür fehlen dort andere komplizierte Zeitformen). Im Globischen verwenden wir die einfachen Verlaufsformen; die komplizierten müssen wir (rezeptiv) nur richtig auslegen können, wenn sie unseren Weg kreuzen.

Im Gegensatz zur Hochsprache ist Globisch beides zugleich: eine natürliche Sprache und ein geschlossenes System konstruierter Sprache. Es setzt sichtbare Zäune an die Grenzen, die wir in der Hochsprache häufig missachten (und wo wir die Aufmerksamkeit unseres Gesprächspartners verlieren). Ein geschlossenes System ist beispielsweise die Regel, dass wir auf der rechten Straßenseite fahren. Daran hält sich sogar der Geisterfahrer auf der Autobahn – auf seine Weise.

Natürlich an Globisch ist, dass es den Sprachgebrauch der Nichtanglophonen sowie der bildungsfernen native speaker widerspiegelt. Konstruiert (oder künstlich) ist der Eingriff der ordnenden Hand, mit der wir Empfehlungen folgen, die das Lernen erleichtern und uns im Gebrauch von Abweichungen einschränken. Insofern ist Globisch eine offene natürliche Sprache, die künstlich geschlossen wird.

… (im Buch weiter auf Seite 240)

Oliver Baer @ 16:24
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Lingua franca der Nomaden

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 4 aus Von Babylon nach Globylon

Zuguterletzt spricht ein soziologisches und zugleich soziodemografisches (mithin volkswirtschaftliches) Motiv dafür, dass wir Deutsch als Wirtschafts- oder Produktionsfaktor ernstnehmen. Allein in Deutschland leben über 15 Millionen Personen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“; das sind Deutsche aus dem Ausland (Spätaussiedler), es sind die Einwanderer mit ihren Kindern sowie Asylanten – zusammen fast ein Fünftel der Bevölkerung: Deutschland ist – wie Österreich und die Schweiz – ein Einwanderungsland.

Neben ihrer Muttersprache brauchen die Einwanderer Deutsch, damit werden sie bei uns heimisch. Nebenbei dient unsere Landessprache nämlich als ihre Lingua franca. Untereinander verständigen sich Wolgadeutsche und Albaner, Polen und Türken im Lande – auf Deutsch. Die Deutschprüfung nach dem Integrationskurs verlangt das GER-Niveau B1 und wir haben sie gefälligst dabei zu unterstützen, dass sie dieses Niveau erreichen – auch in unserem Interesse.

In der Bildungspolitik käme mehr Selbstvertrauen gelegen, sonst behält Walter Jens recht, der schon in den Neunzigern meinte, wenn es so weiterginge, könnten die Deutschen bald nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch.

In der Alltagssprache spielt diese Befürchtung keine Rolle. Zu beachten im Schaubild ist jedoch der obere, blaue Bereich: Wie hoch wird der grüne (englische) Pfeil bestenfalls reichen? Oben ist die Zone der Sprachbeherrschung, in der sich das kreative Denken abspielt, die helle Zone ganz unten genügt zum Leeren der Mülltonnen. Wo die Pfeile einander kreuzen, hätten wir demnach mehr verloren als gewonnen.

Immerhin kämen bei dieser Abwärtsbewegung die Eingeborenen den Einwanderern im Deutschen entgegen, während sie selbst ins Englische flüchten (S. 69).

So stehen wir als Einzelne, wie die Volkswirtschaft, vor der Notwendigkeit, klüger zu investieren: Erst in Deutsch, dann im angemessenen Umfang in die Fremdsprachen, zuerst die der Nachbarn, dann in Englisch, als Grundlage für das Globische. Dass wir Deutsch in der Schule als ein Fach unter vielen ansehen, und Deutsch als Unterrichtsmedium von Englisch verdrängen lassen, das wäre so ziemlich das Dümmste, was wir uns antun können.

Wir tun es, und kommen uns noch pfiffig vor. … (im Buch weiter auf Seite 182)

Oliver Baer @ 16:24
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Fremdsprachen in der Schule

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 2 aus Von Babylon nach Globylon

Der Rummel um die Frühförderung grenzt an Hysterie, da stehen die Väter und Mütter zusammen: Es gilt, die Kinder für die Weltsprache rundum fit zu machen: Fitness statt Bildung. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu lernen: Intelligenz bilden, Kreativität entfalten, seelische Ausgeglichenheit erwerben, soziale Kompetenz üben, die Grundlagen für ein erfülltes Lernen und Leben.

Es gibt für diese Erziehungs- und Schulziele keine bessere Grundlage als – das Musizieren, allein und mit anderen. Dafür investierte Zeit im Stundenplan ist rundum ergiebiger als den Englischunterricht noch weiter aufzustocken. Pädagogen wissen das, aber gegen den gängigen Angloholismus agieren sie ungern: Da gibt es keine Punkte zu gewinnen!

Was aber, wenn der Aufwand für das Englische vergebens war? „Wenn der Nachwuchs bereits vor der Schule zwei Sprachen lernt, wächst das Risiko, dass die Worte nicht richtig herauswollen“, und zwar in beiden Sprachen! Und die Heilung des Stotterns dauert länger, versichert Mark Hammer.

Eine bittere Überraschung folgt: Spätestens in der Pubertät holen die anderen die Frühstarter ein und überholen sie. Das Pulver ist verschossen, der Donner der Geschütze hat keinen Geländegewinn erbracht. Im Übrigen genügt selbst das beste Schulenglisch nicht dem angestrebten Zweck, dem Vorsprung auf der Karriereleiter. Es leistet nur, was man für Globisch (und für höheres Englisch) benötigt – den Einstieg.

Früher Fremdsprachenunterricht kann Sinn stiften. Waldorf- und Montessorischulen machen damit gute Erfahrungen. Wenn die Schule und die Eltern behutsam bleiben: Was brauchen die Kinder, und in welchem Alter? Kann Immersionsunterricht den muttersprachlichen Fachunterricht ergänzen?(78) Dann erweitert er den Horizont der Kinder. Wenn er die Muttersprache in mehr als zwei Fächern ersetzt, besteht der Verdacht auf Ideologie („gut für die multikulturelle Gesellschaft!“) oder auf Profilbedürfnis der Schule („gut für die Karriere!“).

Würde eine gemeinsame Sprache Nennenswertes für die Völkerverständigung leisten, müsste das Leben im Londoner Völkergemisch paradiesisch sein, es gäbe keine Bürgerkriege wie im Spanien der dreißiger Jahre, Nord- und Südkorea wären vereint, Serben und Kroaten innig verbrüdert. Mit dem Englischwahn lässt sich an den Elternängsten gut verdienen und in den Medien viel Wind machen.

… (im Buch weiter auf Seite 68)

Oliver Baer @ 16:23
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Das Lied vom Tod – und eines von der Liebe

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 1 aus Von Babylon nach Globylon

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass hier vom Leben und Sterben die Rede ist – als hätten wir nicht in aller Sorgfalt geklärt, dass solche Rede nur passen kann, wenn die Sprache ein Organismus wäre: Die Analogie taugt daher nichts bis zum schlüssigen Beweis des Gegenteils (siehe „Wie sich Sprache verändert“). Daran arbeitet offenbar jedoch keiner. Schade, denn falls sie sich bestätigte, müssten wir unsere Umgangsformen überdenken, und Denkmäler und Altäre für die Sprache errichten. Bis dahin bleibt es eine gefährliche Analogie für jene, die sie im Munde führen: sie müssten dann nämlich zu Schlüssen kommen, die ihnen noch weniger in den Kram passen als die Mär von der Sprache die „sich verändert“.

Kein schiefes Bild, sondern eine Tatsache ist der Tod von Kulturen im Regenwald. Ganze Indianerstämme sterben aus, und mit ihnen geht die Sprache, in der sie die Flora und Fauna ihres Biotops beschreiben, und dessen Gleichgewicht sie erhalten, damit sie überleben. Uns kommt das rückständig vor, aber sie wissen Einmaliges. Zum Beispiel über die Heilkraft eines Krauts, das nur dort vorkommt, und die Insekten, die in Symbiose mit ihm leben.

Eine Pharmaindustrie, die ihre Lösungen mit Milliardenaufwand erzwingt, könnte öfter der Natur am Amazonas die Lösungen abschauen. Solange die Stämme noch leben, denn mit ihrer Sprache verliert die Welt ihr Wissen. An dem Punkt ist Endstation für die Bionik, immerhin eine der Überlebenswissenschaften, falls wir die Welt weiter ausrauben wie bisher.

„Verliert man eine Kultur“, sagte der Biologe William Sutherland, „verliert man ein einzigartiges Set aus Antworten auf die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“ Dazu Anne-Catherine Simon: „Trauriger noch, könnte man hinzufügen: Wenn sich alle immer ähnlicher werden, glaubt man die Antwort zu kennen und fragt gar nicht mehr.“

Tritt das ein, können wir die Universitäten stilllegen, das wäre das Ende der Wissenschaften. Spannung folgt aus den Fragen, nicht aus den Antworten.

… (im Buch weiter auf Seite 187 ff.)

Oliver Baer @ 16:20
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Traber sind keine Springpferde

Beitrag vom 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 3 aus Von Babylon nach Globylon

In unserer Sprache kann man sich besonders präzise ausdrücken. Ist das ein Klischee, gibt es etwa bessere und schlechtere Sprachen? Wohl kaum, aber typische Unterschiede fallen auf. Der Ingenieur Gerhard Junker war viele Jahre deutscher Sprecher im Lenkungsausschuss der europäischen Luftfahrtnormung.213 Der Ausschuss hatte Handlungsanleitungen in englischer, französischer und deutscher Sprache so anzufertigen, dass Airbus-Mitarbeiter in Bristol, Toulouse und Hamburg exakt dasselbe verstanden und verrichteten. Die Debatten des Normenausschusses verliefen nach einem gleichbleibenden Muster: In der synoptischen Darstellung war stets der kürzeste Text der englische, der längste der deutsche, und selbst die sprachstolzen Franzosen räumten ein: Der deutsche ist der präziseste – eine willkommene Eigenschaft, wo es um Flugsicherheit geht.

Lassen wir offen, ob Deutsch eine besondere Präzision bedingt oder ob Präzision ein Charakterzug ist, der gewissermaßen im genetischen Allgemeingut verankert ist und sich in der Sprache (oder in mehreren, wie in der Schweiz) niederschlägt. Reizvoll ist dann die Frage, ob zwischen den Auslegungen eine Wechselwirkung bestünde. Die Praxis bestätigt immerhin eines: Selbstverständlich kann man im Englischen so genau wie in jeder anderen ausgebauten Sprache sein. Wenn man sich bemüht. Das tun wir im Deutschen nun mal gründlicher – das ist nichts Neues, und typisch.

Ebenso sicher kann man Gewissenhaftigkeit in jeder Sprache unterdrücken, aber im Englischen gelingt es mit weniger Mühe. Beim Absondern wohlklingender Worte ohne erwähnenswerten Inhalt kann man auf Englisch minutenlang unertappt bleiben. Im Deutschen horchen die Leute schon nach drei Sätzen auf: Der redet ja wie die Regierung!

Die deutsche Sprache ist nicht als solche präziser, aber sie ermuntert zur Präzision. Englisch erlaubt einen großzügigeren Umgang mit dem Wort.

… (im Buch weiter auf Seite 172)

Oliver Baer @ 16:16
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Ist Globish dasselbe wie Globisch?

Beitrag vom 23 Mai 2011

Kurze Antwort: Ja.

Im Buch näher erläutert, hier kurz erwähnt: Von Babylon nach Globylon hat einen Paten namens Globish the World Over von Jean Paul Nerrière und David Hon. So gut wie alles, was in diesem steht, finden Sie in meinem, aber auf Deutsch und ausdrücklich für die Leseinteressen deutscher Muttersprachler geschrieben. Es enthält viele Kapitel, die bei Nerrière und Hon nicht vorkommen, auch meine Beispiele und Musterdialoge sind eigene.

Trotzdem empfehle ich ebenso ausdrücklich, Globish the World Over zu beachten. Dafür steht ein wichtiger Grund. Es besitzt einen auf Deutsch nicht nachahmbaren Vorzug: Es ist auf Globisch verfasst und somit der greifbare Beweis, dass Globisch kein Primitivenglisch ist, sondern eine voll funktionsfähige Varietät des Englischen. Damit kann man sogar Grammatik erörtern – in meinem Buch geschieht das im Abschnitt 6 (Globisch lernen).

Von Globish the World Over gibt es eine deutsche Übersetzung, erschienen bei Langenscheidt: Globish: Die neue Weltsprache?. Ihr fehlt der besondere Charme des Originals: dass der Leser erfährt, wie sich Globisch anfühlt. Kürzlich wies mich übrigens ein Netzbürger zurecht: Das müsse ja wohl Globish heißen, nicht Globisch. Die Begründung blieb er schuldig; vermutlich meint er, die Sprache der Engländer sei English, nicht Englisch und die der Franzosen sei French, nicht Französisch. Lassen wir die Kirche im Dorf: Dieses Buch ist in deutscher Sprache verfasst.

Oliver Baer @ 09:34
Rubrik: Von Babylon nach Globylon
Von Babylon nach Globylon

Beitrag vom 22 Mai 2011

Worum es geht

Wir wollen die Weltsprache und lernen die falsche.
Wir opfern die eigene Sprache, und die fehlt dann –
auch zum Erlernen der Weltsprache.

Buchumschlag Titelseite Von-Babylon-nach-Globylon Der Aufwand, den wir in die englische Sprache investieren, fehlt der Muttersprache. Das kommt uns teuer zu stehen. Erstens benötigen wir die Muttersprache für alles, was es zu lernen gibt – unter anderem Englisch. In Wirtschaft und Wissenschaft verpassen wir das Klassenziel mit minderwertigem Englisch, und wir verpulvern Ressourcen für ein unerreichbares Ziel: das perfekte Englisch. Zweitens brauchen die meisten kein gutes Englisch; sie brauchen Globisch, die wahre Weltsprache, denn gutes Englisch schadet mehr als es nützt – die meisten globalen Bürger verstehen es nicht.

Das Buch klärt drei Fragen: Zu welchem Zweck müssen wir mehr für unser Deutsch tun, welche Minderheit benötigt bestes Hochenglisch, und wie kommt die Mehrheit an das benötigte Globisch – ein ordentliches, regelgerechtes, auf das Notwendige reduziertes Englisch; hier wird es vorgestellt.

Von Babylon nach Globylon
IFB Verlag
ISBN 978-3-942409-12-4
19,60 €

Bestellen Sie bitte im Buchhandel oder beim IFB Verlag, Paderborn. So weit der Klappentext des Buches. Hier finden Sie in der baerentatze einige Entscheidungshilfen:

den Inhalt in 38 Thesen,
das Inhaltsverzeichnis,

die Leseproben:
Traber sind keine Springpferde
das Lied vom Tod und eines von der Liebe
Fremdsprachen in der Schule
Lingua franca der Nomaden
Englisch und Globisch – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

ein Interview mit dem Autor über die Renaissance der Muttersprachen
zu der Frage „Ist Globish dasselbe wie Globisch?“ eine Antwort,
und einige Rezensionen.

Mittlerweile gibt es Von Babylon nach Globylon für den KINDLE bei Amazon zum Preis von 8,01 Euro. Auch auf anderen Geräten ist es lesbar, dazu brauchen Sie eine Weichware, die Sie bei Amazon kostenlos herunterladen.

Oliver Baer @ 07:41
Rubrik: Von Babylon nach Globylon