baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Offene Türen einrennen

Dienstag 14 November 2006

Wenn wir nicht für die Blüte einer mittelständischen Wirtschaft in den Entwicklungsländern sorgen, werden demnächst so viele tüchtige Afrikaner mit Initiative und Mut das Mittelmeer überqueren, dass ihre heimische Wirtschaft erst recht nicht in Gang kommt, denn die Besten beschäftigen wir in Europa, oder sie liegen auf dem Meeresgrund.

Angemessene Preise für die Erzeuger in diesen Ländern sind daher auch ein Gebot der Vernunft. Insofern sympathisieren wir mit Aktionen wie fair feels good. Mit ihrem englischen Motto tun sich die Organisatoren aber wenig Gutes. Vermutlich rennen Sie bei Englisch Gebildeten offene Türen ein, erreichen aber nicht jene, die sie überzeugen möchten, dass ein gerecht bezahlter Kaffee besser schmeckt.

Das Motto, da es auf Englisch daherkommt, ist flach, es biedert sich einem Teil des Zeitgeistes an, wo Werber glauben, Deutsch sei verstaubt und Englisch weltläufig. Tatsächlich folgt es nur einer Mode, einer Mode, die bereits abklingt. Selbst MacDonalds hat längst seinen englischen Slogan durch einen – ebenso schwachsinnigen – deutschen ersetzt. „Ich liebe es“ kann man auf Englisch sagen, „I love it“, dort besitzt love so viele Bedeutungen, dass man es kaum noch für unseren Begriff von Liebe verwenden mag. Das können Sie mir getrost glauben, die lingua franca in unserem Haushalt ist Englisch…

Falls diese Gründe nicht ausreichen, das Motto durch ein besseres zu ersetzen: Das Wort fair haben Sportreporter längst so entwertet, dass es für eine löbliche Sache wie Fairen Handel diskreditiert ist. „Er gab dem Verlierer fair die Hand“, liebe Sportler, hat mit Fairness nichts zu tun, das sind gute Manieren. Fairness ist eine Haltung, eine von den Engländern im Sport – früher – gepflegte Einstellung. Sie wurde wunderbar dargestellt in dem Film Die Stunde des Siegers (Chariots of Fire, mit der unvergesslichen Filmmusik von Vangelis), als Lord Lindsay seinem Kollegen den Startplatz beim 400-Meter-Rennen überlässt, obwohl er selbst die Chance auf eine Medaille besitzt. Fairness heutzutage wäre, wenn der Torschütze dem Schiedsrichter widerspricht: „Das Tor gilt nicht, ich hab den Ball nicht über die Linie gebracht.“

fair feels good passt in das Kitschklima gedankenarmer Werbung, die sich selbst genügt, aber nicht mehr Tore schießt. Das Runde muss ins Eckige, liebe Leute, und dazu wünschen wir Euch viel Erfolg.


Nachtrag: Das Wort fair kommt auch in diesem Beitrag vor: Klesmer für eine Million.


  1.  
    10/12/2006 | 18:14
     

    Was dabei herauskommt, wenn Werber danebengreifen, berichtet die Aktion Lebendiges Deutsch in ihrem Hintergrundbericht zum Dezember 2006. Hier ein Auszug:

    Die WELLNESS ist in der Krise. „Wellness, das Lieblingsthema vieler Frauenmagazine, verliert an Zugkraft“, schrieb die Fachzeitschrift Werben & Verkaufen im November.“ Das Modewort ist abgenutzt und überstrapaziert… Der Begriff franst inzwischen an allen Ecken und Enden aus.“

    Wie schön für ihn. Freilich empfiehlt das Fachblatt, stattdessen auf „Psycho, Beauty und Life-Work-Balance“ zu setzen – es sei denn auf JOLIENESS, wie das Pocketmagazin „Jolie“ es tue. Der Nachteil: „Jolly“ heißt vergnügt, fidel – „jolie“ gibt es nicht im Englischen und „joliness“ zweimal nicht. Der Vorteil: Wir bereichern die Fremdsprache wieder mal um eine deutsche Erfindung, wie das schon mit dem „Dressman“ und dem „Showmaster“ gelungen ist.

    Mit dem HANDY übrigens nicht, einer verbreiteten Legende entgegen: „handy“ heißt handlich, praktisch, und so löste das leichte handy-talkie in der US-Army nach dem Zweiten Weltkrieg das sperrige, nur rucksacktaugliche „walkie-talkie“ der Kriegsjahre ab. Also: Handy IST Englisch, wir könnten es als einen praktischen Import begrüßen wie Sport, Sex, Flirt oder fair – und nur aus Fairness widerstehen wir der Versuchung, das Handy geradezu den englischen Muttersprachlern zu empfehlen: Ist es dem cell phone und dem mobile phone nicht weit überlegen?

    Inzwischen schwappen die ersten Meldungen über den Teich, dass die Amis anfangen, unser Wort Handy zu verwenden. Bliebe nur noch eines: Dass wir es zu Händi umwandeln, damit wir den Genetiv und den Plural bilden können: des Handis und die Händis. Denn die Schreibweise „des Handys“ schmerzt jeden, der Englisch tatsächlich beherrscht. Und das Deutsche.

  2.  
    16/11/2006 | 11:14
     

    Über Ihre Wachstumsraten freue ich mich. Als Beweis für die Brauchbarkeit eines englischen Mottos geben sie aber nichts her.

    Wir leben in einem deutschsprachigen Land mit begrenzten Englischkenntnissen. Das ist eine Tatsache. Die Bürger dieses Landes sind dafür bekannt, dass sie ihre Englischkenntnisse überschätzen. Das ist eine Beobachtung, die sie einem Fast-Muttersprachler im Englischen gerne glauben dürfen.

    Hinzu kommt, leider auch hier nicht als erste, die ethische Frage: Was bewirkt dieser Kniefall vor der Welthandelssprache, die nicht zu verwechseln wäre mit der Kultursprache Englisch? Der Respekt vor der Sprache, auch der des Nachbarn, ist ein Kulturgut, worauf Sie mit einem englischen Slogan leichtfertig verzichten.

    Der Erfolg Ihrer Bemühungen hat mehr mit einer – begrüßenswerten – Gegenströmung im Zeitgeist zu tun als mit Ihrer Verbeugung vor der Welthandelssprache. Oder, lieber Herr Abel, spekulieren Sie darauf, dass Sie auf diese Weise unsere Gemeinsamkeit mit den ungerecht Behandelten in der Dritten Welt fördern? Das hielte ich für einen Irrtum.

  3.  
    Georg Abel
    16/11/2006 | 10:11
     

    Lieber Verfasser,
    wir freuen uns, dass Sie sich dem inhaltlichen Anliegen der Kampagne „fair feels good.“ anschließen können.
    Warum Sie allerdings in Ihrem Beitrag derartige verbale Haken schlagen, bleibt offen. Da wird z.B. der – natürlich vor dem Kampagnenstart getestete – Slogan zur „gedankenarmen Werbung“ und man unterstellt, dass man damit nicht mehr Tore – soll ja wohl heißen: mehr Umsatz – schießen kann. Falsch, lieber Verfasser: Es gibt zweistellige Wachstumsraten, mehr Verkaufsstellen (z.B. 2003: 22.000, 2006: 27.000 Supermärkte), mehr Produkte, mehr Produktvielfalt etc. Offenkundig hat die Kampagne – ehrenamtlich unterstützt durch viele Prominente – nicht alles falsch gemacht.
    Und als Marketinginteressierter wissen Sie natürlich: In einer Kampagne denkt und handelt man in Zielgruppen. Auch über die haben wir uns vor dem Kampagnenstart mithilfe einer ausführlichen repräsentativen Befragung informiert.
    Sie sehen, „fair“ ist nicht nur ein Wert beim Sport, in der Partnerschaft oder beim Konsum – sondern auch ein Wert bei schreibender Tätigkeit.
    Georg Abel

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