baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Krause Rede kostet

Sonntag 13 August 2006

Krause Rede kostet Geld. Wer so spricht, sucht keine Zusammenarbeit, er möchte sein Ego streicheln: „Es wurde eine Prozeßkostenbewertung durchgeführt, und wir machen Kostenplausibilisierungen durch den Einsatz von Schattenkalkulationen. Der Projektfortschritt wird durch Quality Gates überwacht.“

Fast wäre er ohne Englisch ausgekommen und trotzdem versteht ihn keiner. Die Quelle soll echt sein, Markus Reiter hat sie aufgetan und in der FAZ dazu etwas Lesenswertes gesagt: Wild wucherndes Wirtschaftskauderwelsch. Aber kehren Sie wieder, es kommt nämlich noch dicker.

Solcher Jargon aus der Führungsriege macht Mitarbeiter mutlos. Dabei sind sie es, die dafür sorgen, dass bei der Schattenplausibilisierung ein paar Qualitätstore geschossen werden. Oder so ähnlich. Sie müssen sich also in den Schmus vertiefen, müssen zweimal lesen, was gemeint sein könnte und missverstehen am Ende doch … was von Anbeginn so genau nicht gemeint war, sonst hätte man gleich sagen können, was Sache ist. So beschäftigt man Menschen mit Leerlauf und bei Gelegenheit setzt man sie dann frei. Mittelständler möchten sich solchen Luxus nicht erst genehmigen.

Aber das Kauderwelsch der Manager ist nicht das Problem. Legen sie den Jargon trocken, indem Sie nachhaken: „Ich bin von schlichtem Gemüt. Mir erklären Sie das bitte mit kurzen Wörtern, in der Muttersprache und ohne Fremdwörterbuch.“ Klarheit ist Chefsache.

Schwieriger wird es mit einem Virus, den wir im deutschen Sprachraum nicht mehr als Schädling erkennen. Er verklebt unsere Synapsen aber schon so lange, dass wir meinen, er gehörte zum guten Ton. Er hat einen lateinischen Namen, wie es sich gehört: Lingua tertii imperii, kurz LTI, die Sprache des Dritten Reiches. Vermutlich ist es dieser Virus, der unser Unbehagen mit der Muttersprache verursacht, sodass wir uns mit so vielen Placebos aus dem Englischen versorgen.

Das gab es schon vor dem Dritten Reich

Es gab diese Sprache schon vor den Nazis, aber dem Klumpfuß im Propagandaministerium gelang es, sie zum Betäubungsmittel zu formen. Ein ganzes Volk hat er beim Anfertigen eigener Gedanken behindert. Peinlich ist nur, dass wir bis heute vom Sekretariat bis zur Werkbank, in der Politik wie im Privaten, sogar beim Liebesgeflüster mit Schablonenwörtern hantieren wie aufziehen, ausrichten, einsetzen und umsetzen. Sie sehen harmlos aus, jeder benützt sie, aber sie stammen aus der Verrichtung mechanischer Vorgänge wie das Wort hämmern zum Nagel passt. Oder sie stammen vom Kasernenhof einer Epoche, als den Rekruten nahegelegt wurde: „Das Denken können Sie den Pferden überlassen, die haben größere Köpfe.“ Die Sprache aus dieser Lebenswelt vernagelt den Zugang zu Spielräumen, die wir benötigen um Zusammenhänge zu begreifen. Mit einem Denkgerät, das die Fragen von heute nur aus dem Bewusstsein von gestern erfasst, ist uns nicht gedient.

Bezeichnend war die Reaktion einiger Leser auf den Beitrag Eliten scheuen die deutsche Sprache. Vom Inhalt unbeeindruckt, beschwerte sich einer, dass der Bezug auf die Nazis nur störe und nichts nütze: Mit politischer Korrektheit hat Sprache nichts zu tun. Der Leser konnte auf die Kernaussage zur LTI nicht eingehen, weil er sie nicht wahrnahm. Aber ich nehme ihn gerne in Schutz, habe ich doch selbst erlebt, dass sich mir die Tragweite der LTI erst erschloss, als ich Viktor Klemperers Tagebücher 1933 bis 1945 las. Die LTI ist bis heute unser täglich Brot.

Denken oder Sprechen zuerst?

Klemperers Tagebücher verzeichnen den Pfad des Virus und wie sich eines zum anderen tut, bis die Wahrnehmung getrübt und die Vorstellungswelt geschrumpft ist. So etwas können wir uns in der globalisierten Wissensgesellschaft nicht leisten. Den Virus zu isolieren, wird zur wirtschaftlichen Überlebensfrage, denn „wer falsch spricht, denkt falsch,“ sagte Karl Kraus, der es sehr genau nahm. Nun streiten zwar die Wissenschaftler, ob das Denken die Sprache oder die Sprache das Denken bestimme. Dass eine Wechselwirkung besteht, mag uns daher genügen. Fest steht: Mit einer verkrüppelten Sprache gibt es keinen geistigen Hochsprung.

Geht es auch anders? Ist es praktisch für Unternehmer, im eigenen Hause zu beginnen, zählt Sprache zum Unternehmenszweck? Mehr noch, als geheizte Räume dem Komfort und die Seife am Klo der Hygiene, dient die Sprache der geistigen Regsamkeit. Sonst versagt im Unternehmen die Zusammenarbeit und im Verkehr mit den Kunden und Lieferanten zergeht das Vertrauen.

Nehmen wir ein Beispiel: Statt eine Sache groß aufzuziehen (LTI), könnten wir ankündigen, was wir darbringen möchten, wir würden also bescheidener auftreten. Schon erschiene vor unseren Augen farbiger, tiefer, sinnvoller, was wir vorhaben. Statt einen Hingeher so abzufackeln, dass er nichts besseres als den Begriff Event verdient, würden wir die Mitarbeiter für eine Sache gewinnen, deren Juckreiz unter die Haut geht, dort bleibt und am besten durch Mitdenken befriedigt würde.

Besser machen

Wie möchten wir vorgehen? Wir sehen uns die Sprache im Unternehmen an und hören ihr im Alltag zu. Wir beginnen mit dem Schriftverkehr im Hause und bei der Korrespondenz mit Kunden und Lieferanten. Wir schlagen Ihnen vor (auch auf Englisch), wie Sie stattdessen formulieren werden und einigen uns mit den Betroffenen. Als nächstes wecken wir die Neugier der übrigen Mitarbeiter und gewinnen sie für eine gepflegte Sprache im Hause. Standardformulierungen, wo sie möglich und nötig sind, ersetzen die ausgelutschten Floskeln. Dem dienen Schulungen und Werkstätten, da wird dann am Werkstück gearbeitet, bis es stimmt.

Was haben Sie davon? Als erstes weniger Rückfragen und weniger Leerlauf, weniger Selbstdarstellung und weniger Mobbing. Ihre Kunden bemerken den Unterschied sofort. Sie sind im Markt so wenig verwöhnt, dass sie schon Ihr bloßes Bemühen um Klarheit und Wahrheit würdigen werden.

Da Sie nun etwas zu verstehen geben, bringt man Ihnen Verständnis entgegen. Das geschieht sogar recht flott, denn wir sind alle nur Menschen: Das Außergewöhnliche fällt ins Auge, das Gewohnte macht nur müde. Und Talmi wie diesen überlassen Sie getrost der Konkurrenz, das schärft den Kontrast: People ready business: Der Mensch macht den Unterschied.

Ein Symptom für krauses Denken ist der Gebrauch von Anglizismen, wo sie keinen Mehrwert bieten. „Wir sind committed,“ sagte Herr Ackermann über die Treue seiner Bank zum Standort Deutschland. Er merkt nicht, wie seine Sprache verrät, was er im Schilde führt. Kaum öffnet er den Mund, steht die Wahrheit im Freien.

Falls Sie überzeugt sind, Ihr Markt möchte nur über das Gefühl angesprochen werden, da müsse die Echtheit notfalls vorgetäuscht werden, haben Sie recht, aber nur zum Teil. Darüber lesen Sie demnächst mehr in der baerentatze.


  1.  
    04/09/2006 | 09:36
     

    Lieber Herr Paulousek,

    einverstanden. Manchen Standfardformulierungen stünde es gut an, ein bisserl verdaulicher daherzukommen. Beispielweise, wenn schon der Ton den Leser in die Irre führt oder zur unangemessenen Reaktion reizt („Sie haben … zu erledigen“).

    Man muss wohl unterscheiden, wo es besser ist, das Verstandene nicht anzutasten und wo ganz bewusst ein neuer Akzent zu setzen
    wäre.

  2.  
    Paulousek
    28/08/2006 | 10:38
     

    Standardformulierungen sind in derselben Weise nützlich wie Standardformate (etwa DIN). Wer da was „neu formuliert“, sollte sich das gut überlegen. Er erweckt nämlich zunächst den Eindruck, etwas *anderes* zu formulieren. Dann denkt der Empfänger nach über diese Abweichung, kommt notwendigerweise zu dem Schluss, dass doch dasselbe wie immer gemeint ist – und ist verärgert über die vertane Zeit und über das individualistische Gespreize des Absenders. Ich formuliere nur dann anders, wenn ich auch anderes meine.

  3.  
    20/08/2006 | 16:37
     

    Namensvetter, da hast mi derwischt.

    Gemeint war dieses: Wo Standardformulierungen benötigt werden, formulieren wir sie entweder neu oder als Ersatz für überkommene Floskeln.

    Danke für den Hinweis!

  4.  
    20/08/2006 | 14:44
     

    „Standardformulierungen, wo sie möglich und nötig sind, ersetzen die ausgelutschten Floskeln.“ No comprende, Amigo 😉

  5.  
    Paulousek
    17/08/2006 | 15:51
     

    Sie hätten völlig recht, wenn Sprache nur zum Austausch von Gedanken und Inhalten diente. Sie ist aber auch ein Instrument der Distinktion. Viele Begriffe, und vor allem die Anglizismen, sollen weniger einen Inhalt transportieren als eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe signalisieren. Dieses Distinktionsbedürfnis ist besonders an den Rändern groß, d.h. bei aggressiv-globalisierten Managern wie auch in der Unterschicht.

  6.  
    17/08/2006 | 11:41
     

    Liebe Frau Nerling,

    dass es nur ein Entweder-Oder sein dürfe, kommt mir verdächtig vor. Für mich steht aus der Alltagserfahrung fest, dass beides zutrifft: Sowohl als auch.

    Das kann jeder nachvollziehen indem er das Beispiel ausprobiert. Nehmen Sie eine Ankündigung an die Mitarbeiter( oder Kunden) und verzichten Sie auf jeden ausgelutschten Begriff. Schon indem Sie die passenden, genaueren Begriffe suchen, geht in Ihrem Denken etwas vor, das unterscheidet sich auch im Ergebnis von den Vorstellungen, die Sie sonst gebildet und vermittelt hätten. Das tut etwas in Ihrem Bewusstsein und dem Ihrer Leser.

    Ein klassisches Beispiel für mich ist der Satz: „Ich liebe Dich!“ Wenn ich mir versuchshalber dieses Wort verbiete, muss ich suchen: Was möchte ich wirklich sagen: Ich brauche Dich, ich sehne mich nach Dir, ich fessle Dich, damit Du mir gehören sollst usw. – da kommen Abgründe zum Vorschein. Oder der Umgang mit der Wahrheit.

    Doch, Sprache empfängt und sie gibt – in einem Wechselspiel. Das kann man gestalten. Wenn der andere mitmacht, um so besser; wenn alleine, dann immerhin gibt man Impulse, aus denen etwas wachsen kann.

  7.  
    17/08/2006 | 10:13
     

    Bewirkt Sprache ein Bewußtsein oder spiegelt sie es lediglich wider? Sprachgebrauch beruht auf Imitation, und die Abweichungen vom Sprachgebrauch sind rar und nur bei Kreativen zu finden. Alle Künste, die Mitteilungen transportieren, tendieren zur Formelbildung. Aber wie wirksam ist das? Der Plural wird im Deutschen seit ich weiß nicht wie lange aus der grammatisch weiblichen Form gebildet. Studenten in Studierende umzuformen ist völlig obsolet, denn sie heißen ja schon „DIE Studenten“. Hat die sprachliche Form die gesellschaftliche beeinflußt? Jahrhundertelang offenbar nicht; und im 20. Jh. war es nicht die Sprache, die neue Fakten geschaffen hat, sondern die Aktivitäten demokratischer Entwickler/innen. Ich melde Zweifel an dem Glauben an, daß die Sprache die Gesellschaft formt, aber sie bildet sie ab und zeigt auf die Stellen, die der Renovierung bedürfen. Sprachkritik ist zwar noch nicht die Heilung, aber doch nicht weniger als die Diagnose.

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