baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Konzerne verlassen sich nicht auf Englisch

Montag 11 Juni 2012

"Und halten Sie mir bloß die Profis vom Leibe!" (vier Wörter, zwei Fehler; Bild: Baer)

Der Dienst am Kunden, die Markenpflege und die Vergrößerung des Marktanteils bilden den stärksten Antrieb für Großunternehmen in die Leistung von Übersetzern und Dolmetschern zu investieren. Mit Erfolg.

Gelegentlich schlägt bei mir die Bitte auf: Welche Kosten verursacht der von mir so drastisch beklagte gedankenlose Umgang mit der Weltsprache und ob ich dafür Beispiele liefern könne?

Die Frage überrascht mich. Muss man erst beweisen, dass miese Kommunikation Kosten verursacht, sogar Desaster auslösen kann? Es liegt doch auf der Hand: Ein durch Missverständnisse verpatzter Besuchstermin wird durch ein beherztes Telefonat eingerenkt, und die Kosten betragen vielleicht 200 Euro – weiß der Geier – oder 2.000 Euro. Geht der Kunde verloren, weil er nach einem Missverständnis während der Verhandlung lieber bei der Konkurrenz unterschreibt, liegt der Schaden zwischen irgendeinem Betrag und dem Untergang des Unternehmens.

Es wird so bald keine belastbaren Untersuchungen zu dieser Frage geben, denn meist wird den Beteiligten gar nicht erst deutlich, dass Sprache überhaupt eine Rolle gespielt haben könnte, und wenn ja, in welchem Ausmaß sich das ausgewirkt hätte. Es ist Kennzeichen der sprachlich Dickhäutigen, dass sie die kommunikativen Schneisen, die sie auf ihrem Marsch hinterlassen, gar nicht wahrnehmen. Hinzu kommt ihre Eitelkeit, und auch die gelegentliche Erfahrung, dass man Missverständnisse beizeiten bemerkt und – notfalls mit Händen und Füßen – irgendwie ausgeräumt hat. Manchmal, aber nicht immer, vielleicht sogar nur selten – ist das so gelungen. Die Erinnerung täuscht – selektiv. Das hat die empirische Psychologie bewiesen.

Nun aber liegt eine umgekehrte Betrachtung vor: Was haben die Unternehmen davon, wenn sie das Thema Übersetzung ernstnehmen und zu diesem Zweck ihr Budget erhöhen? Common Sense Advisory – Erkenntnisse für globale Martktführer – (CSA) nennt Ergebnisse aus seiner Untersuchung unter den Unternehmen der Fortune 500-Liste. Diese haben ihre Aufwendungen für Translatoren (Dolmetscher und Übersetzer) im Jahr 2011 erhöht trotz der vorherrschenden Ungewissheiten in den Märkten. Und sie taten gut daran. Wer sich so verhält, kommt nämlich mit 1,5 mal höherer Wahrscheinlichkeit in den Genuss besserer Erträge. Dabei sind höhere Umsätze nicht einmal ihr Hauptantrieb. Dieser liegt in der Verbesserung des Dienstes am Kunden, der Markenpflege und der Erhöhung des Marktanteils.

CSA liefert dazu einige Zahlen, die jeden Chef und seinen CFO grübeln machen. Hier nur eine: Drei Viertel dieser Fortune 500-Unternehmen haben sich neue Märkte erschlossen, sei es global oder multikulti im eigenen Land. Das zergeht mir auf der Zunge: Diese Konzerne verlassen sich also nicht auf den Weltsprachenstatus des Englischen. Während hierzulande Übersetzer in Firmenbudgets oft gar nicht vorkommen („Gebensemaher, das übersetz ich selber“), weil die Manager glauben, mit Englisch als Konzernsprache seien sie bestens ausgestattet, stellen sich die Großen längst darauf ein, was Sie bei mir beschrieben finden: Die Lösung liegt in einer je geeigneten Konstellation. Sie sieht im Prinzip so aus:

Muttersprache plus Globisch plus Translatoren

Im Klartext: Die Verkehrssprachen des erfolgreichen Unternehmens sind als erstes die Muttersprachen sowie fallweise Globisch, und sie werden ergänzt um professionelle Dienstleistungen des Übersetzens und Dolmetschens überall dort, wo die Muttersprachen respektive Globisch nicht genügen.

Vielleicht sollte man Von Babylon nach Globylon doch mal gelesen haben? Wer dazu keine Zeit findet: Ich erkläre es auch gern in einem Vortrag, gegebenenfalls gehen wir das in einem Intensivseminar im einzelnen durch. Hier geht es zum Rednerprofil von Oliver Baer (PDF zum Herunterladen). Der o.g. Verweis auf CSA führt zu einem englischsprachigen Beitrag.


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