baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
e-Partnership im Flachland

Samstag 10 April 1999

Es ist zuweilen nicht einfach, unseren Kunden den Zweck der Neuen Ökonomie zu erklären, diese Partnerschaft zwischen den Menschen im Markt und denen in den Unternehmen.

chauvinistisch

Stellen wir uns vor, es gäbe ein Land, das ist von Kreisen, Parallelogrammen und allerlei unregelmässigen Vielecken bewohnt. Die Ellipsen halten sich für etwas besseres, ebenso die Trapeze und die Rechtecke glauben, sie seien in der Mehrheit. Es blüht der Chauvinismus und dabei haben sie alle eines gemeinsam: Sie sind Flächengebilde. In ihrem Flachland kommt nichts vor, das mehr als zwei Dimensionen – Länge und Breite – besäße. Auf die Geraden und Kurven, die nur eine Dimension aufweisen, blicken sie herab und die schlichten Punktgebilde kann man überhaupt vergessen, die haben gar keine Ausdehnung.

ignorant

Man stelle sich vor: Kein Baum erhebt sich, kein Hügel versperrt die Sicht, alles liegt platt herum und wer sich bewegt, muss sich irgendwie am anderen vorbeischieben. In dieser Welt ist jeder nach x und y exakt beschrieben und geortet, die Koordinaten sind der Horizont allen Wissens.

Kein Kreis kommt auf die Idee, es könnte Gebilde geben, die sich zu ihm verhalten wie er zu den Linien. Er ist ein höheres Wesen und damit hat sich die Sache. Als sich daher ein Kubus in das Flachland verirrt, stellt er fest, dass ihn die Ellipsen, Vierecke und Krakelflächen nicht einmal wahrnehmen, jedenfalls nicht als Kubus, worauf er doch so viel hält. Die Einheimischen bemerken die Gestalt seiner Grundfläche, offenbar ein Quadrat, also nichts Neues, warum auch. Von seiner Höhe nehmen sie keine Notiz.

Er preist die Vorzüge seiner dreidimensionalen Form, sie winken ab. Er fühlt sich genötigt, seine Existenz als Kubus zu beweisen, nichts rührt sie. Schliesslich verliert er die Geduld, sie aber meinen, er möge sich nicht aufregen, es hielten sich alle an die Ordnung, keiner habe etwas gegen ihn. Nur dieses Geschwätz über eine sogenannte Höhe, die er angeblich besitze, möge er sein lassen. Er wolle doch nicht als Exzentriker gelten? Die Welt sei nun mal zweidimensional und sollte sich daran etwas ändern, werde man sich beizeiten darauf einrichten. Und er solle nicht so tun als wisse er mehr als alle anderen. Handlungsbedarf sehen die Flachländer daher nicht.

blasiert

Wie die Geschichte ausgeht, kann man nachlesen bei Edwin Abbott*). Aber der Kubus wird sich getrollt haben, dorthin wo er herkam. Und Anekdoten aus dem Flachland zum besten geben. Und als eines Tages ein Wesen in seinem Reich auftaucht, das sich als vierdimensional vorstellt, wird er sagen: Ich glaube nur, was ich sehe und was ich nicht sehe, ist eine vierte Dimension. Folglich gibt es die nicht, aber na gut, sollte sich daran etwas ändern, werden wir uns beizeiten darauf einzurichten wissen … Bei diesen Worten stösst ihm zwar etwas auf, aber ungemütliche Gedanken entfernt man durch beherztes Wegdenken. Das beherrschen die Dreidimensionalen fast so gut wie die die im Flachland.

Die Geschichte macht uns schmunzeln, denn von der vierten Dimension haben wir immerhin gehört und wenn sie auch keiner erklären kann, es gehört zum guten Ton, sich als Teil einer solchen Welt zu begreifen. Und damit hat sich’s, gottseidank, vier Dimensionen genügen schliesslich.

Was, so fragen wir schlauen Leser, mögen die fünfdimensionalen Wesen von uns halten? Ist das eine riskante Frage, wenn schon vierdimensionale Tabellen mit Excel nicht erstellbar sind? Sollte es gar sieben Dimensionen geben, was Exzentriker immerhin behaupten, so stünde uns einiges bevor.

überrascht

Oder sind die fünfte bis siebte Dimension nicht erst im Kommen, sondern sie existieren bereits, sind immer schon dagewesen und die dort ansässigen Wesen warten mit verhaltener Ungeduld, dass wir sie immerhin zur Kenntnis nehmen?

Es ist zuweilen nicht einfach, unseren Kunden die neue Ökonomie zu erklären, diese Partnerschaft zwischen den Menschen im Markt und denen in den Unternehmen, von der das Cluetrain-Manifest spricht. Man könnte sie e-Partnership nennen, sie breitet sich durch das Internet aus, lebt aber nicht nur dort. Wie erklärt man einem Flachländer die dritte Dimension?


Beitrag in NETMARKETING im April 1999

* Das Original heißt „Flatland: A Romance of Many Dimensions“, von Edwin Abbott. Dazu gibt es Netz diverse Quellen (Suchbegriffe Flatland und Abbott), unter anderem eine eBook-Edition (englisch).

Der Suchende findet bald eine der schönsten Websites überhaupt, nämlich „Die Allgemeine Relativitätstheorie, leicht verständlich erzählt als Bildergeschichte“ von Martin Kornelius.


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