baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
anti-everything that might be bothering you

Montag 29 Januar 2007

Ein Kunde schrieb an die SILIT-Werke in Riedlingen. Wir geben den Brief ungekürzt wieder, als Beispiel für Beschwerden ähnlicher Art. Oft lautet die Antwort: „Wir sind ein international agierendes Unternehmen.“

Das Argument, man müsse deshalb Englisch auftreten, wird nur in wenigen Ländern geführt. Die Kunden mucken auf – nicht nur Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache

Sehr geehrte Damen und Herren,

kürzlich war ich bei einem Fachhändler weil ich mich für einen Wok interessiere. Ich habe dann zum Nachlesen die Werbebroschüre „Wok und Fondue“ mit nach Hause genommen. Schon beim ersten mal Umblättern vielen mir auf der Seite 3 äußerst unangenehme Anglizismen wie „anti-scratch“ „easy-clean“, „anti-allergic“ und „anti-bacteria“ sowie der runde Hinweis „Also for induction“ auf. An den Ausdrücken reddot Award 2002 will ich mich schon gar nicht mehr ereifern, dennoch gebe ich folgendes zu bedenken:

Global agierende Unternehmen, die Wert darauf legen, die Landessprache und -kultur zu achten, verfahren nach dem Leitsatz: „Think global – act local“. Japanische Firmen sind dabei vorbildlich. Wenn nun Silit der Meinung ist, daß die eigene Landessprache nicht mehr ausreicht, Produkteigenschaften treffend zu beschreiben, dann kann ich dazu nur bedauernd feststellen, dass ich zukünftig um die Produkte Ihres Unternehmens einen grossen Bogen machen werde. Ich ärgere mich nun auch, dass ich vor einem Jahr ein Topfset aus Silargan erworben habe.

Und Sie dürfen sich dessen auch sicher sein, dass ich im Freundes- und Bekanntenkreis keine Gelegenheit versäumen werden, auf Ihre als absolut dümmlich erscheinende Werbesprache hinzuweisen, damit sie ähnlich wie ich prüfen, ob Ihre Wettbewerber sich ähnlich Anti-Deutsch verhalten.

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Ich bin seit Jahrzehnten ein Paneuropäer, der sich auch als Parteigänger der Paneuropa-Union für die Aussöhnung und den engen Zusammenschluss der europäischen Länder einsetzt. Aber immer unter Wahrung der eigenen nationalen Identität.

Beruflich war und bin ich im Vertrieb bei mehreren multinationalen Unternehmen beschäftigt gewesen und kenne die Überlegungen der Marketing-Heinis nur zu gut…

Mit freundlichen Grüßen aus dem östlichen Oberbayern
Rudi Püchner,
85659 Forstern


Anmerkung:

Werner Kieser, bekannt für seine Kieser-Trainingszentren, sagt rundweg: „Wer sein Fachgebiet nicht in seiner Muttersprache vermitteln kann, hat es nicht vollständig begriffen.“ Das dürfte bei Silit kaum der Fall sein. Das übliche Werberargument „Die Leute brauchen das nicht zu verstehen, sie müssen nur in die Kaufstimmung kommen!“ zieht hier aber nicht, denn dieser Anbieter möchte technische Vorzüge als Nutzenargumente überbringen. Das dürfte in Deutschland auf Deutsch besser gelingen, denn die Mehrheit – gerade in dieser Zielgruppe – kommt mit schwachen Englischkenntnissen in den Laden.

Ein Gespräch mit Werner Kieser führte Eva-Maria Kieselbach in den Sprachnachrichten Nr. 4 von 2006 (als pdf-Dokument). Das Gespräch lohnt die Lektüre, denn Kieser erläutert auch den Zusammenhang zwischen der Pflege des Bewegungsapparates und der Sprachpflege.


  1.  
    02/03/2007 | 13:24
     

    Anglizismen – ganz besonders zu empfehlen in directories, FAQs, manuals, reference guides: Handbüchern eben, die ursprünglich die Funktion hatten, Informationen zu geben und Wissen zu vermitteln.

    Was da wohl statt des Dienstes am Kunden im Vordergrund stand?

    Merke: „Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, daß der Verfasser etwas gewußt hat.“ (J. W. von Goethe)

  2.  
    16/02/2007 | 11:13
     

    Was Herr Kieser zum Thema Sprache in der Unternehmensführung schrieb, findet Herr P. auch unter
    http://www.vds23.onlix.net/?m=74
    Aber auch über Werner Kiesers eigene Seiten wie z.B. .
    http://www.kieser-training.com/de/index.html
    MfG
    Erhard Himmel

  3.  
    Paulousek
    29/01/2007 | 18:46
     

    Da habe ich wohl Kieser mit Rossmann verwechselt. Vermutlich, weil’s das einzige Interview in der bezogenen PDF-Quelle war. Also Entschuldigung an Herrn Kieser, was immer er wo gesagt hat: Das, was ich hier kommentierte, hat er wohl nicht gesagt. Großé Verwirrung! Bleiben also nur meine Anmerkungen zu Herrn R., die so, cum grano salis, wohl auch auf die ganze Publikation zutreffen dürften.

    PP

  4.  
    Paulousek
    29/01/2007 | 18:39
     

    Ich muss schon und leider sagen, dass mir „die ganze Richtung“ nicht so recht passt, in der der Herr Roßmann (seine Geschäfte schreibt er lieber mit „ss“ als mit „ß“, wie’s scheint, vmtl. weil international kompatibler) sich da äußert. Das hat so eine Tendenz zu „Volk ohne Sprachraum“, kurzschlüssig verbunden mit der Kinderfrage. Nein, das gefällt mir nicht.
    Und dann noch solche Aussagen:
    „Und zum Glück ist ja das Deutsche in
    den ehemaligen Ostblockländern immer
    noch sehr verbreitet. Unsere leitenden
    Mitarbeiter dort haben mit der deutschen
    Sprache keine Probleme.“
    Ja, warum denn nicht? Sie haben doch eine eigene Sprache? Wer hat hier Glück und warum? Und von „Ostblockländern“ zu reden ist auch wirklich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Und, vor allem, wer hat das Deutsche denn da verbreitet? Ich meine, auch rein marketingbedingt sollte der Herr R die osteuropäischen Sprachen nicht mit einem solchen Imperialismus des Deutschen be- und abhandeln. Kein gutes Beispiel für Sprach- und Kulturpflege. Im Gegenteil. Hier überhebt sich einer auf typisch deutsche Weise. Das ist mein Eindruck. Und es ist ein schlechter.

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