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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wissenschaftsfeindlich sind wir nicht

Donnerstag 22 September 2016

Zwischen Linguisten und Sprachbewahrern im Verein Deutsche Sprache herrscht miese Stimmung. der Verein sei wissenschaftsfeindlich, behaupten jene. Sie täten nichts zum Schutz der Sprache vor schädlichen Einflüssen, beklagen diese. Hinzu kommt der Vorwurf, der Verein sei nationalistisch unterwandert. Als Beleg dafür dient der Widerspruch zwischen Beiträgen und Leserbriefen in den vierteljährlichen Sprachnachrichten.

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Um Argumente nicht verlegen (Bild ©Behland)

Haken wir die politische Frage gleich ab. Ein Verein mit so vielen Mitgliedern wie der VDS bildet viele Milieus der Gesellschaft ab. Ein Beispiel: Horst Hensel, dessen Werk über Rosa Luxemburg untermauert, woher er kommt – vom linken Flügel der Arbeiterklasse. Der im Otto-Suhr-Institut gar nicht zu Wort kam, weil ihn die angehenden Wissenschaftler als Nazi im Visier hatten. Das muss man sich vorstellen: Er hadert mit der gängigen Sprachästhetik, das aber ist politisch nicht korrekt, der kann also nur reaktionär sein. Kein Wunder, dass Sprachbesorgte einem solchen Versagen aller Denkfähigkeit gram sind. Und so finden sich unter den Mitgliedern auch Wähler der AfD, wie unanständig. Man sollte das Volk verbannen und sich ein neues suchen.

Da wird die Muttersprache munter mit dem Vaterland in einem Topf verrührt, ein Vorwurf den sich in der Umkehrung auch die VDS-kritischen Linguisten einhandeln. Wissenschaftlichkeit sieht anders aus, abwägend, abgeklärt gegenüber falschen Zungenschlägen aus den Niederungen des Volkes. Wenn Wissenschaftler vom Volk nicht verstanden werden, liegt es an ihrem rücksichtslosen, elitären Umgang mit der Sprache der Steuerzahler. Ein, zwei Scheibchen könnte man sich von der Einstellung amerikanischer Akademiker abschneiden, sie neigen dazu sich verständlich zu machen.
Wenn Beiträge und Leserbriefe ein verwirrendes Bild abgeben, belegt das die Meinungsvielfalt im Verein. Zwischen Sprachästheten und Anglizistenjägern herrscht ein fortwährender, auch hitziger Streit. Warum auch nicht? Dass Fremdwörter zur deutschen Sprache gehören, kann man auch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Dass von den Anglizismen zu viele nur unter Ausschaltung des Gehirns gedeihen, dürfte ebenso unstrittig sein. Was soll das, wenn eine vielgelesene EM-Teilnehmerliste alle Nationen auf Deutsch nennt, außer Germany? Hat das der Autor der Liste nicht bemerkt? So weit sind wir schon? Wollen Sie diesen Satz noch einmal lesen?

Der Verein Deutsche Sprache vermisst Beiträge der Linguisten, warum solcher Unfug mit der Sprache von über hundert Millionen Menschen geschieht, welche Folgen das zeitigt, wie man sich dazu verhalten könnte. Aber die Linguisten (alle, viele, einige?) beschränken sich darauf zu beschreiben, was ist. Bemerkt der Statiker Risse in der Autobahnbrücke, genügt nicht die Beschreibung des Übels, da erwartet der Bürger, dass Reparatur angestoßen wird. Der Vergleich ist keineswegs schief. In manchen Domänen haben wir unsere Sprache bereits aufgegeben, am schlimmsten sieht es in den Wissenschaften aus. Na und, dann reden wir eben Englisch! Eben nicht. Mit ihrem armseligen Englisch können deutsche Muttersprachler kaum über die Rampe bringen, was an ihrem Beitrag so wertvoll ist, wie sie darauf gekommen sind, was daraus zu machen wäre. Ausgerechnet die Wissenschaftler verwechseln gern ihre rezeptive Fertigkeit einen englisch verfassten Beitrag zu verstehen mit der produktiven Fähigkeit, Gleiches auf Englisch zu leisten.

Liebe Linguisten, hört die – sicher auch mal unsachliche – Kritik der Sprachbewahrer als einen Schrei um Hilfe! Sprache hat mit Denken zu tun, im wechselseitigen Einfluss. Über das Ausmaß lässt sich streiten, aber wir können nicht so tun, als habe es nichts zu bedeuten, wenn Schulabgänger einen ganzen Satz nicht mehr unfallfrei zu Ende bringen. Wie sollen sie in einer globalisierten Welt, wo bald alles digitalisiert ist (schon quellen ganze Häuser aus 3D-Druckern!), wenn das einzige nicht Digitalisierbare, das schöpferische Denken, in einem Sprachgebrauch versumpft, der bald nur noch zum Bierholen genügt?

Schwarzmalerei? Wie wäre es, wenn sich Linguisten darauf einließen, ihren Standpunkt den Mitgliedern des Vereins Deutsche Sprache plausibel zu machen, und zwar in den Sprachnachrichten des Vereins? Sodass eine fruchtbare Debatte folgt, vielleicht sogar ein Meinungsaustausch: Ihr schätzt unsere Meinung, wir teilen Eure, wenigstens zum Teil? Wissenschaftsfeindlich ist der Verein Deutsche Sprache nicht, aber skeptisch, enttäuscht, allein gelassen mit einem Problem, das man ignorieren kann, aber davon geht es nicht weg. Die Linguistik müsste sich des Themas nur annehmen, sie würde sicher mit wichtigen Beiträgen brillieren können. Darauf hoffen die Sprachbewahrer: dass Wege aufgezeigt werden, wie man aus dem manchmal peinlichen Jammern zu nützlichem Handeln kommt. Linguisten, Ihr seid dran!

Jetzt auch Tweets von Oliver Baer


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