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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wrotzlaff ist falsch

Mittwoch 15 Oktober 2014

Wrotzlaff lässt sich wirschlos bellen, besser als Breslau (© Behland)

Städtenamen der östlichen Nachbarn lösen bei uns eine partielle Schuldstarre aus. Zwar reisen wir unbeirrt nach Neapel, wo die Italiener stur bei Napoli bleiben, und nach Lüttich, das den Belgiern je nach ihrer Sprache als Liège oder Luik vertraut ist. Aber sobald wir gen Osten blicken, trübt sich der Sinn.

Ähnliches gilt für Rom und Roma, welches nicht zu verwechseln ist mit einer anderen Gutmenschenfalle namens …euner, die wir heute aber nicht verarzten können. Stattdessen fahren wir gern nach Kopenhagen, nicht København, denn wir haben keinen Schimmer, wie das auf Dänisch auszusprechen wäre. Oder wir überspringen diesen Stopp und ziehen weiter nach Schtockholm, wie wir zu sagen pflegen.

Anders im Osten. Da kennen wir kein Eger, nur Cheb (welches wir als Tscheb, also falsch wiedergeben). Danzig kommt nur als Gdansk vor, die Besonderheit des n-Lautes fällt uns gar nicht erst auf. Wir lassen uns nicht einmal von polnischen Besuchern beirren, die als Heimat ohne Zögern Breslau angeben. Für uns hat diese Stadt Wrocław zu heißen, in vorweg genommener Durchquerung des Fegefeuers zwecks Tilgung der Sünden unserer Väter. Dem gesellt sich oft als weiteres Motiv hinzu, dass wir unsere Weltläufigkeit beweisen: Wir kennen nämlich die Originalnamen der Städte, jawoll! Ein hübscher Gedanke. Etwas fehlt ihm. Er stimmt nicht. Das liegt nicht nur an der auch hier falschen Aussprache – ein Problem das rückstandsfrei zu lösen wäre mit dem deutschen Namen: Breslau ist kein Zungenbrecher.

Weshalb der hübsche Gedanke falsch liegt, klärt sich beim Blick auf eine Eigenschaft der slawischen Eigennamen. Wie wir früher noch Helenen verehrten (heute Helene), deklinieren die Slawen ihre Namen aber bis heute. Bei uns ist nur der Genitiv übriggeblieben: Berlins bestes Bistro. So bleibt als ein Gebot der Höflichkeit, dass wir die Grammatik unserer Nachbarn respektieren. „Wir fahren nach Breslau“ ist „Jedziemy do Wrocławia“ – man beachte die Endung /ia/. Komme ich aus Breslau, dann heißt es z Wrocławiu, mit /iu/ am Ende. Das ist keine Spielerei, dafür gibt es in Klassenarbeiten Punktabzug – in Polen. Wenn wir uns so frech an der Deklination der slawischen Sprachen vergehen, sind wir nicht nur unhöflich, wir sind überheblich. Umso mehr, wenn wir Wrocław als Wrotzlaff herunterschnarren wir die Wehrmachtsoffiziere in Hollywoodfilmen. So einen Akzent lieben sie im Ausland an uns Deutschen ganz besonders. Also: wenn schon politisch korrekt, dann bitte korrekt!

Aber selbst das bleibt ein Unfug, denn das Theater ist vergebens und verlogen. Kaum ein Deutscher sagt Warszawa oder Mосква, keiner haucht das /p/ in Paris wie die Franzosen und wenn Deutsche London sagen, hört man deutlich zweimal ein /o/. Die Städte bei ihrem deutschen Namen zu nennen, ist nicht falsch, es entspricht den internationalen Gepflogenheiten. Kein Italiener geniert sich unser schönes München als Monaco zu kennen (auf der ersten Silbe betont, bitteschön) und Köln als Colonia. Falls wir also Strasbourg weiterhin Straßburg nennen, verrät das keine latente Rückforderung des Elsass von den Franzosen, sondern es verweist auf das globale Gewohnheitsrecht bei geografischen Eigennamen. International wichtige Orte werden meist in der eigenen Sprache genannt, mit grenznahen geschieht ähnliches.

So vermeiden wir die Parteinahme in einem innerbelgischen Zwist, wenn wir Löwen besuchen, das den Wallonen als Louvain, den Flamen als Leuven bekannt ist. Nennen wir die böhmische Hauptstadt Prag und trösten wir uns mit dem Wissen, dass uns bei konsequenter Deklination von Praha die Haare einzeln ausfallen würden. Und was Breslau anlangt, gibt es viel Anlass die Annäherung der vergangenen zwanzig Jahre zu würdigen. Breslau war vor 130 Jahren die drittgrößte deutsche Stadt und nicht nur nebenbei eine bedeutende Stadt für das deutsche Judentum. Im Jahr 1919 gaben 95 Prozent der Einwohner Deutsch als ihre Muttersprache an, 3 Prozent Polnisch. Dieser Tage ist es eine polnische Stadt, und das nicht zu ihrem Nachteil, denn dort summt und brummt es nur so, auch von gemeinsamen Initiativen der Polen und Deutschen.

Politische Korrektheit ist kein Ersatz für Wissen und keine Entschuldigung für Arroganz gegenüber anderen Sprachen – bloß weil wir unsere geschichtlichen Komplexe auf Kosten der Nachbarn aufarbeiten. Das würde nur die verbohrte Eitelkeit von Provinzlern beweisen, aber keine Weltläufigkeit. Der wahre Name lautet auf polnisch Wrocław, auf deutsch Breslau.


Dieser Beitrag erschien auch in den Sprachnachrichten des VDS Nr. 64 (IV 2014)


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