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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Wer nichts weiß, muss alles glauben

Freitag 17 Februar 2017

Was heißt hier: Geht nicht?  (Bild Fotolia)

Was heißt hier: Geht nicht? (Bild Fotolia)

Möchten die Leute einem Wortführer glauben, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht, so ist das ihre Sache. Wer nichts weiß, muss alles glauben. Aber auch der frechste Wortführer kommt nicht damit dadurch, dass er die Bedeutung der Wörter in ihr Gegenteil verkehrt – außer wir lassen ihn.

Die Sonne geht im Osten auf. Genauer: die Rotation der Erde bewirkt, was wir als Sonnenaufgang bezeichnen. Das ist eine Tatsache: Im Westen geht sie jedenfalls nicht auf. Alle Tatsachen sind alternativlos. Aber was ist dann alternativ möglich? Verschiedene Ursachen, auch andere Auslöser kann es geben. Unsere Wahrnehmung der Tatsache kann getrübt sein, ihre Folgen können wir unterschiedlich auslegen. Wir können verschiedener Meinung sein, wie wir zu den Folgen stehen. Die Tatsache bleibt dieselbe.

Tatsache ist, dass der Nachbar behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Er kann reden, was er will, die Erde ist in Wirklichkeit eher kugelförmig. Dass der Nachbar wirres Zeug redet, ist die Tatsache. Was er da redet, ist keine. Das lässt sich säuberlich auseinanderhalten. Ich stehe zum Sonnenaufgang auf, oder ich lasse es sein – dazu muss ich ein Urteil fällen. Etwa, dass mir der böse Blick der Chefin egal ist, wenn ich keine Lust zum Aufstehen habe. Ohne die Tatsache des Sonnenaufgangs erübrigt sich das Urteil.

Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, ist es nicht so einfach, Tatsachen vom Wunschdenken zu unterscheiden. Deshalb ist sogar die Aussage eines Augenzeugen nicht immer glaubhaft. Sodann ist unsere Wahrnehmung einer Tatsache manipulierbar. Die Tatsache ist es nicht: Ist das Geld ausgegeben, ist es weg. Will uns jemand klarmachen, eine kosmische Geldbörse hielte Knete für alle bereit, wir müssten es nur glauben: Der will uns manipulieren. Es dennoch zu glauben, ist Privatsache. Andere zum Mitglauben zu bedrängen, ist eine Unsitte, etwa in der Politik, in der Kirche, im Büro. Da muss man aber nicht mitmachen, heucheln genügt. Nur die „alternativen Fakten“ gibt es nicht. Was meinte die langhaarige Blonde, die immer so müde aussieht, in Wirklichkeit? Dass sie alternative Informationen habe: dass sie auf dieselbe Tatsache eine andere Sichtweise habe – sowas gibt es.

Wir haben die Wahl, wir können zulassen, dass als Tatsache gilt, was dem Wortführer in den Kram passt. Die Folgen sind drastisch, auch für die Gläubigen, denen solche Haarspalterei nicht passt. Aber aufgepasst: Wer uns alternative Fakten andrehen will, der vertraut darauf, dass wir mit der Sprache umgehen wie mit einem Putzlappen: ist verbraucht, in die Tonne damit!

Wahrscheinlich sollten wir Bürger einander versprechen, dass wir die Muttersprache nicht nur hinlänglich, sondern gut beherrschen, bevor wir sie vernichten durch Verdrehungen, Lippenbekenntnisse und Blähwörter. Auch mit Anglizismen können wir sparsamer umgehen. Für den gekonnten Umgang mit der Muttersprache gibt es keinen Ersatz, wenn wir Lügen und Tatsachen auseinanderhalten wollen, und das müssen wir ja.


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