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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Schnörkellose Übersetzung – Was hab ich?

Mittwoch 28 November 2012

Einblick des Patienten in sein Schicksal ist willkommen (Bild: ©cult12 - Fotolia.com)

Drei junge Leute aus dem Dunstkreis der Dresdner TU helfen Patienten, ihren Arzt zu verstehen. Dafür heimsen sie Lob und Preise ein, nun auch den Initiativpreis des Kulturpreises Deutsche Sprache.

Sie verwandeln Befunde, Arztberichte, Ergebnisse von Untersuchungen in Texte, mit denen der Patient etwas anfangen kann. Das muss er auch, denn ahnungslos ist danach Keiner.

Die belobigte Tat hat etwas Groteskes an sich: eigentlich sollte so etwas nicht Sache von Dritten sein. Am meisten trägt zur Heilung eines Kranken die Beziehung zwischen ihm und seinem Arzt bei. Alles andere ist Mittel zum Zweck. Dafür gibt es Beweise: Der Arzt kann mir Placebos verschreiben, also physikalisch-chemisch nutzlose Substanzen verabreichen und sie lindern doch meine Schmerzen, befördern doch meine Heilung. Warum? Weil sich etwas ereignet zwischen dem Heiler und dem Kranken, das die Heilung in Gang setzt, beschleunigt – oder behindert. Da versagt auch mal der renommierteste Arzt, da gewinnt auch mal der hoffnungsloseste Fall neue Lebenskraft.

Andererseits, man kann sich nicht genug freuen über die Leistung der Drei und der Vielen im Hintergrund. Einen Befund, den Sie als Patient nicht verstehen, schicken Sie an das Portal washabich.de, dann erhalten Sie eine Erklärung, was der Befund bedeutet; darin sind dann auch die lateinischen Vokabeln und Abkürzungen durch Klartext ersetzt. Das ist etwas für mündige Bürger. Damit dieses Angebot wahr wird, beteiligen sich bereits fast 500 Medizinstudenten der klinischen Semester, ausgebildete Ärzte und Psychologen, die ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. In diesem Fall wäre sogar der blöde Begriff Netzwerk angemessen, denn tatsächlich machen sie sich ans Werk, sie leisten etwas – außerdem tun sie es unentgeltlich. Dankbare Patienten können sich mit einer Spende erkenntlich zeigen.

Mit welcher Logik passt ein Sprachpreis zu dieser wundervollen Initiative? Ärzte untereinander müssen und können nicht anders als in kurzen, formelhaften Wendungen jedes Missverständnis auszuschließen. Eben diese Wendungen versteht sonst Keiner. Es liegt an unserem Krankheitssystem, dass den Ärzten die Zeit, die Neigung, die Energie fehlt, sich mit ihren Patienten so gründlich zu verständigen, dass sich eine Beziehung entfalten kann. Schuld tragen aber auch Patienten, die schon mit der Einstellung das Erwartezimmer bevölkern: „Herr Doktor, Sie müssen mich reparieren!“

Er muss nicht, er kann, und das nur in dem Maße wie es die Beziehung hergibt. Wer seinem Arzt nicht über den Weg traut, muss eine Menge mehr für seine Heilung selber tun. Zur Beziehung brauchen die Beiden schließlich die Sprache: sie muss nicht gepflegt sein, nicht fehlerlos, nicht sauber und muss keinem Deutschlehrer imponieren. Sie muss nur stimmen, nämlich den Weg dafür ebnen, dass sich der Arzt in den Patienten hineinempfindet und, dass dieser Vertrauen in das Bemühen des Arztes zuwege bringt. Wenn die Initiative Was hab ich? etwas von dieser uralten Selbstverständlichkeit wiederherstellt, und sei es nachträglich, so verdient sie einen Haufen weiterer Preise.


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