baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Reiz der Fülle

Dienstag 1 Mai 2007

Reiche einem Xhosa etwas, so streckt er die Hand aus, wie wir es tun. Da hinein legst Du die Blume, die Münze, den Löffel. Aber er benutzt zum Nehmen beide Hände, mit nur einer wäre die Geste ungehörig. Seine Linke stützt den Rücken der ausgestreckten rechten Hand.

Diese würdevolle Geste erübrigt das „Danke!“, in den Bantusprachen hört man es nicht. Daraus zu schließen, es mangelte den Bantu an Dankbarkeit, wäre falsch. Mit dem Begriff Dankbarkeit verbinden sich verschiedene Vorstellungen, jede ist schlüssig und auf die eigene Kultur beschränkt. Da bietet sich ein Verdacht an: Vielleicht ist, wofür man kein Wort besitzt, so selbstverständlich, dass es der Erwähnung nicht bedarf? Wie wäre es, wenn uns die Xhosa als Barbaren wahrnehmen, da wir statt einer Geste ein Wort benötigen?

Mir halfen Muttersprachler bei den polnischen Passagen der Kreisauer Rede. Mir scheint, sie verstanden den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland aufgrund ihrer Kenntnis des Deutschen (oder des Englischen: mother-tongue und fatherland). Sie boten an, was sich wie heimatliches Land und heimatliche Sprache anfühlt. In der Übersetzung verbleibt also eine Spannung, die man durch Umschreibung, durch Bilder lösen muss (°).

Für Deutsche liegt der Unterschied auf der Hand. Sprache (Zunge) ist nicht dasselbe wie Land, wozu gäbe es sonst die Unterscheidung? Dafür fehlt Trennschärfe im Wort Deutsche, meint es doch hier die Menschen deutscher Zunge. Dazu zählen Millionen, die im Stadion Stadium andere Flaggen schwenken als die schwarz-rot-goldene.

Gebärden sich Polen mangels Muttersprache einen Schuss nationalbewusster als andere, da sie ans Vaterland denken, wenn sie ihre Sprache meinen? Wie drückt sich ein Pole aus, wenn er meint, was wir die Muttersprache nennen? Bei solchen Fragen erschließt sich der Reiz der europäischen Sprachenfülle. In Übersetzungen fremder Autoren schwingt dann zwischen den Zeilen etwas, worauf wir Europäer zu unserem Schaden verzichten, wenn wir uns auf eine, die englische Sprache beschränken.

Nebenbei gefragt: Wieso gibt es deutsche Muttersprachler, die den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland nicht denken können?

Abschweifung: Typischerweise begegnen einander an dieser Stelle das rechte und das linke politische Extrem. Beide missverstehen jede Äußerung für die Muttersprache als Aufforderung zum Tanz nach braunen Noten; sonst haben beide zur Sache nichts beizutragen. Ohne Respekt vor der Muttersprache bringt man offenbar keine trennscharfen Gedanken zustande.

Die Lücke schmerzt, denn der kulturelle Respekt vor den Muttersprachen seiner Bürger begründet Europas Stärke, so wie umgekehrt das Verschwinden der Schlagbäume Europa auf Kosten der Vaterländer stärkt. Daraus müsste der lange verfehlte Zweck einer erneuerten auswärtigen Kulturpolitik folgen.

Die Politik beruht auf einem Denkfehler: Zwar einigt sich alle Welt auf eine Handels- und Verkehrssprache. Man nennt sie Englisch, ohne siche die Mühe zu machen, ein bisschen zu unterscheiden. Die Weltsprache sei nicht Englisch, die Weltsprache sei schlechtes Englisch, meint David Crystal und das gehört ernst genommen. Die Weltsprache ist eine Hilfssprache, dem Esperanto näher als einer Kultursprache, aber viel schwerer zu erlernen.

Der besseren Unterscheidung wegen könnte man dieses Gebilde Globisch nennen. Einen Ersatz für die Muttersprachen bietet das globische Flachenglisch nicht. Leider gehen diesem Irrtum maßgebliche Leute auf den Leim. Wenn ein bekannter Professor der Wirtschaftswissenschaften verkündet: „Ich bin dafür, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf Englisch lesen“, ist er der mangelnden Trennschärfe der Weltsprache bereits zum Opfer gefallen: Helmut Seitz, seinerzeit an der Viadrina Universität, an der Grenze zu Polen.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Je glatter und flacher die Welthandels- und Verkehrssprache ist –“ das muss sie sein, sonst stünde sie der Verständigung im Wege –“ desto wichtiger wird unsere Besinnung auf die Muttersprachen. Das Praktische der Weltsprache hat seinen Preis: Tiefe, Genauigkeit, Erfindungsgeist, die Fähigkeit zu entwickeln und zu forschen erfordern ein geeignetes Werkzeug. Das gibt es, wir haben es, wir müssen es nur pflegen: Es ist die Muttersprache, die allein zur Kultursprache steigerungsfähig ist. Globisches Flachenglisch ist dafür so geeignet wie ein Hammer zum Schrauben.

Wenn wir schon von den fernen Xhosa die Würde einer gepflegten Körpersprache (wieder) erlernen könnten, um wieviel ergiebiger dürfte es sein, von den Sprachen unserer Nachbarn zu lernen, etwa den Polen? Darauf sollte sich Kulturpolitik konzentrieren: Erstens auf die Pflege und Vermittlung der Muttersprache, zweitens auf die Fähigkeit zum Austausch mit den Nachbarsprachen. „Der geistige Reichtum Europas muss sich in der Pflege seiner Sprachenvielfalt widerspiegeln,“ sagt Lutz Götze in seinem Beitrag Auswärtige Kulturpolitik ohne Deutschkenntnis in Blätter für deutsche und internationale Politik. Flachenglisch kann so wenig Thema der Kulturpolitik sein wie Javascript oder der Fachjargon der Mediziner.

Das international erforderliche Flachenglisch lernt man mühelos auch noch als Erwachsener, man erlebt es als ein Art höheren Pidgins auf Konferenzen. Englisch als Kultursprache hingegen ist wichtig, auch in der Wirtschaft, um auf Augenhöhe mit Muttersprachlern Dinge zu erörtern, für die das Globische nicht genügt, nie genügen wird. Das sind allerdings meist Situationen, in denen ein Dolmetscher mehr nützt, dafür ist er ausgebildet. Oder käme einer auf die Idee, in Schanghai ohne Dolmetscher aufzutreten? Um auf Augenhöhe mit englischen Muttersprachlern zu verkehren, müsste man fünf Jahre in ihrer Sprache leben. Mindestens und das rund um die Uhr.

Die Kultursprache Englisch sitzt im selben Boot wie Deutsch und Polnisch, sie ist bedroht von Sprachfaulheit (Shakespeare wurde bereits aus den britischen Schulplänen gestrichen ) und von dem Irrglauben, die Welthandelssprache würde sprachlich abdecken, was wir global benötigen. Das richtige Englisch braucht unseren Respekt. Aber es ist kein bisschen wichtiger als Polnisch. Oder Deutsch.


(°) Meinen tschechischen Ratgebern standen vlast für Heimat und mateřština für Muttersprache zur Verfügung.


  1.  
    Paulousek
    03/05/2007 | 19:13
     

    Weil Sie natürlich zu klug dafür sind … 😉
    Aber lassen wir das. Interessanter fand ich ohnehin den Aspekt in meinem ersten Kommentar neben dem nebenbei Gesagten, also die Abhängigkeit der Sprache von ihren Verwendungszwecken. Es redet halt nicht jeder so, wie ihm der Schnabel gewachsen, sondern wie ihm das Leben entgegen gekommen ist.

    bis dann!

  2.  
    03/05/2007 | 18:37
     

    Herr Paulousek, Sie könnten einen dummen Menschen ganz schön verwirren. Aber ich steig nicht darauf ein.

  3.  
    Paulousek
    03/05/2007 | 12:21
     

    Wieso Leisetreterei? Es sind eben nicht alle Menschen deutscher Zunge auch Deutsche. Das aber genau sagt Ihr Satz, der zudem behauptet, dem Wort „Deutsche“ fehle es an Trennschärfe. Das kann ich nun gar nicht finden. Würden Sie auch alle, die Französisch als Muttersprache sprechen als Franzosen bezeichnen, weil dem Wort „Franzose“ die Trennschärfe fehlt? Vom Englischen und Spanischen mal ganz zu schweigen. Doch sicher nicht. Ich frage mich also, was Sie mit Ihrer gesonderten Argumentation für das Deutsche oder die Deutschen eigentlich sagen wollen. Denn einfach so daherreden, das tun Sie nicht, das weiss ich sehr gut.

  4.  
    03/05/2007 | 05:29
     

    Lieber Herr Paulousek,

    welchen Sinn ergäbe in diesem Zusammenhang der Satz „Für Deutsche liegt der Unterschied auf der Hand. Sprache (Zunge) ist nicht dasselbe wie Land … “ , wenn er nur die Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland meinte?

    Dass Sie die Aussage so haargenau missverstehen, belegt Ihre Frage, ob damit Österreicher und Nordschweizer heim ins Reich geholt würden. Eben nicht, Herr Paulousek, sondern hier geht es um das eine, das sie mit den deutschen Staatsbürgern sowie Südtirolern und Deutschbelgiern usw . verbindet – die Sprache.

    Vorsichtiger als ich es hier mit „Menschen deutscher Sprache“ tue, kann man diese Gemeinsamkeit kaum beschreiben. Wissen Sie eine bessere Bezeichnung? Oder wollen Sie bestreiten, dass es mehr Menschen deutscher Sprache gibt als deutsche Bundesbürger?

    Ihre Leisetreterei kommt einem politisch korrekten Denkverbot gleich.

  5.  
    Paulousek
    02/05/2007 | 22:08
     

    „Deutsche“ = Menschen deutscher Zunge? Wie ist das denn gemeint? Werden damit alle Nordschweizer und Österreicher Heim ins deutsche Reich geholt?
    Aber das nur nebenbei. Ich frage mich angesichts Ihres Textes vor allem, ob Sie hier nicht Wirkung und Ursache irgendwie verwechseln. Wenn das Geschäft mit Flachenglisch auskommt, dann ist das Geschäftsleben offenbar so flach, dass es zu seiner Bewältigung komplexeren Sprachvermögens nicht bedarf. Und so auch in den andern Fällen. Was soll, wer einfach denkt und handelt, mit einer komplexen Sprache? Es ist nicht die Sprache, die ihre Verwendung bestimmt, sondern vielmehr umgekehrt. Darum geht viel sprachpflegerischer Eifer praktisch ins Leere.

    schönen Gruß

  6.  
    02/05/2007 | 07:51
     

    Da hams mi derwischt!

    Und schon korrigiert. Da hat mir das englische „stadium“ dazwischengefunkt. Danke für den Hinweis!

  7.  
    Klaus Brückner
    02/05/2007 | 05:38
     

    Werden da die Fahnen im Sportstadion geschwenkt? Oder etwa gar im Endstadium einer sprachlichen Entwicklung, die sich mit Ähnlichkeit und Beliebigkeit begnügt, wo vorher Präzision und Genauigkeit im Ausdruck vorherrschend waren?

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit geschlossen.