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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Pingeligkeiten

Donnerstag 28 Mai 2015

Die Engländer haben der Welt den edelsten Sport geschenkt: Cricket. Diese Tätigkeit erschließt sich Einwanderern in anglophone Länder bereits in der zweiten Generation, in dringenden Fällen schon nach zehn Jahren des intensiven Nichtmehrweghörens, wenn beim Stand von 238 for 6 die Leute bedeutsam nicken: „Das wird hart.“

Die Franzosen haben, von der Provence ausgehend in die frankophonen Länder Pétanque verbreitet. Diese Form des Boule ist so schwierig wie Golf, aber tausend Mal billiger: Es wird dank der französischen Besatzung auch bei uns viel gespielt. Deutschland belegt unter 94 aktiven Nationen den sechzehnten Platz der inoffiziellen Rangliste. Eine Tatsache, auf die Boulisten ein Glas Rotwein heben und eine frische Zigarette drehen.

Womit wir zur Sprache kommen. Zum Cricket haben weder Franzosen noch wir etwas beigetragen, die Begriffe sind englisch. Beim Pétanque hat Englisch so viel zu suchen, wie die Angelsachsen dazu beigetragen haben: nichts. Deshalb sind die Fachbegriffe fanzösisch und das ist gut so, schon damit nicht weltweit alles immer nur auf Englisch lautet. Außer in Deutschland. Zwar gibt es eine Reihe gültiger Verdeutschungen (pointer = legen, tirer = schießen), aber bei jedem Turnier gibt es einen Cup zu gewinnen. Was schlimm genug ist, denn Coupe hätte es auch getan, oder wenigstens Pokal. Es kann aber ein Cup/Coupe/Pokal nur ein Gefäss sein. Jede Skulptur, sei sie noch so schön gestaltet, ist nur dann ein Cup, wenn sich daraus der Siegessekt schlürfen lässt.

Dem Cup geht es wie dem Alpinen Skiweltcup, da ist jedes einzelne Rennen der Weltkapp, natürlich ein Schmarren, denn die Welttasse gibt es am Ende der Saison, nämlich erst nach allen Wertungsläufen. Hier geht es zu wie bei der Relegation. Richtig handelt es sich um Aufstieg und Abstieg, oder Promotion und Relegation, wenn es denn Fremdwörter sein müssen, aber das bekommt kein Reporter auf die Reihe. Also zum Mitschreiben: Relegation = Abstieg! Was Ihr Reporter und Journalisten meint, ist die Auf- und Abstiegsrunde.

Aber noch ein Wort zum Kugelsport.

Pétanque kennt beim Endstand 0:13 eine kuriose Sitte. Zu Null ist die Höchststrafe, und sie hat zweierlei Folgen. Die Verlierer küssen den entblößten Po der Fanny (als Bild), und die Sieger müssen einen ausgeben. Die Sitten dieses Sports entstanden offenbar unter Bäumen neben einem Bistro. Um den französischen Mädchennamen Fanny ranken schlüpfrige Mythen, die wir hier übergehen wollen. Aber man merke: Im Französischen wird die letzte Silbe betont: Fannih. Alles andere führt in die Irre. Dass im amerikanischen Englisch die fanny den weiblichen Popo, im britischen Englisch die fanny etwas weniger Salonfähiges (ungefähr in gleicher Höhenlage) bezeichnet, erhellt die Sachlage keineswegs. Wer sich mit halbgaren Englischkenntnissen für besonders gut informiert hält, befindet sich auf dem Holzweg.

Plattfüßig treten in die Falle – wir Deutschen. Boulisten sprechen hierzulande von der Fänni, oder wenigstens halbwegs französisch von der Fanni, was aber den Nachteil gebiert, dass sie so niedergeschrieben wird: funny. Das ist nun überhaupt nicht funny, sondern nur blinder Reflex: Was von außen kommt, ist erstens gut und kann daher zweitens nur englisch sein. Es kommt noch so weit, dass wir die Muttersprache mit amerikanischem Akzent aussprechen.

Pingelig? Aber ja doch. Giora Feidmans Klarinette hat uns Klesmer nahegebracht, eine Musik osteuropäisch-jüdischer Herkunft. Ausgesprochen wird Klesmer mit einem weichen /S/, daher die Schreibweise Klesmer. Im Englischen erweist denselben Dienst das /Z/, also Klezmer. Ein Unfug wäre im Deutschen Klezmer, aber in vorauseilender Unterwürfigkeit ist diese schon weiter verbreitet als die zutreffende Schreibweise. Das ist eben nicht egal, denn prompt tritt ein, was zu erwarten war: Die Leute sagen Kletzmer, und wie schreiben sie es? Kletzmer, wie denn sonst, das hat doch der Ansager so gesagt, oder? Weder die USA noch ein anderes Land englischer Zunge hat Nennenswertes zum Klesmer beigetragen. Wie es stimmt, weiß die Gruppe Aufwind, Experten dieser Musik, die auf ihrer Website aufwindmusik.de übertiteln: Jiddische Lieder und Klesmermusik und Yidish Songs and Klezmer. Dennoch lässt sich sogar die Wikipedia, sonst pedantisch in diesem Dingen, im deutschen Text auf die Schreibweise Klezmer ein.

Wichtigkeit? Den Boulesport ficht keine falsche Fanny an, und Klesmer wird Kletzmer überleben. Was eingeht, ist unser Gespür, dass es etwas ausmacht, ob eine Sache anscheinend unwichtig oder scheinbar unwichtig ist. Der Schwund schleicht auf Socken daher. Wenn wir dereinst merken sollten, dass etwas fehlt, wird es aber keiner merken, weil dann die Fähigkeit bereits verschwunden ist, das Fehlen noch wahrzunehmen. Den Wenigen, die das Fehlen bemerken, wird man nicht glauben, denn wir haben schon jetzt zum Lernen keine Lust mehr.


Bilder:

13-0 Fanny von Unbekannt 1920 — http://cheznectarine.centerblog.net/rub-la-petanque-et-fanny–3.html. Sous licence Domaine public via Wikimedia Commons

Klesmer: Ablichtung der Titelseite und einer Folgeseite aus www.aufwind.de


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