baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Mit politischer Korrektheit hat Sprache nichts zu tun

Samstag 22 Juli 2006

Ein Leser schrieb:

„Wir sollten aber nicht immer wieder diese häßliche Hitler-Puppe auf die Bühne bringen, verbunden mit der Etikettierung einzelner Wörter. Wenn wir unseren Wortschatz in politisch korrekt oder unkorrekt einteilen, schaden wir unserem Anliegen. Das Selbstbewußtsein des Sprachvolkes wird dadurch nicht gefördert.“

Er bezog sich auf meinen Beitrag Verraten und verkauft – Eliten scheuen die deutsche Sprache in den Sprachnachrichten des VDS (Nr. 31, Juli 2006).

Dieser Leser verweigert sich der Kritik: Wir schreiben und sprechen ein Deutsch, als kennten wir nur mechanistische Verrichtung und militärische Ausrichtung. Der Hinweis, dass es sich bis heute um die LTI handelt, um die Sprache des Dritten Reichs (lingua tertii imperii), scheint mir allerdings heilsam. Wir verdienen, dass uns ein Schrecken durch die Synapsen rauscht. Zwar berufen wir uns auf die Dichter und Denker, reden aber mitunter, in aller Ahnungslosigkeit, wie die Nazis. Ich gab dafür Beispiele aus der LTI:

„In der Sprache des Dritten Reichs sollte nicht gedacht, nur gemacht werden. Verpönt war der Einzelne, schädlich sein Denken. Eine Sache groß aufziehen, den Glauben der Genossen ausrichten, Menschen ins Amt einsetzen, Lösungen umsetzen.“

und schloss den Kreis mit zwei Kostproben der Gegenwart:

„Wir verlangen eine Neuausrichtung der Familienpolitik, als müßten wir einen LKW einparken und wir bekämpfen die Arbeitslosigkeit, als könnte man dem Wandel mit der Keule beikommen.“

Lieber Leser, es geht nicht um politische Korrektheit – die ich übrigens für eine Anstiftung zur geistigen Notzucht halte, aber das nur am Rande – sondern darum, dass wir unser Denken und unsere Sprache (nein, nicht ausrichten) harmonisieren, versöhnen, Form und Inhalt aufeinander einstimmen. Sonst laufen Worte und Gedanken auseinander, sie widersprechen einander. Den Takt des Herzens geben sie schon gar nicht wieder.

Das kann jeder im stillen Kämmerlein veranstalten, in seinem Gehirnstübchen kramen: Wie er sich äußert, was er damit meint und wie er denkt, glaubhaft zu klären, dass er nicht wie ein Automat Verlautbarungen ausstößt. Die Sprache verrät, wie wir denken. Es ist keineswegs gleichgültig, wie wir unser Anliegen aussprechen, sei es der fragwürdige Wunsch, die Menschheit mit brauner Brause zu beglücken oder das Herzensbedürfnis, die Muttersprache zu bewahren. Wer noch Ohren hat zu hören, misstraut zu Recht dem Klang des Gesagten, in den Obertönen schwingt stets die Absicht des Unmenschen: Den Hörer am eigenen Denken zu hindern.

Doch, es lohnt auf die Quelle zu zeigen. Wer sich aus ihr bedient, besäuft sich mit einer trüben Brühe. Falls es nicht deutlich wurde: Es genügt nicht, die Schuld bei den anderen zu suchen, indem wir auf ihren Anglizismen herumhacken – „Scheiß Amerika!“ – wenn wir uns nicht bemühen, so bedacht und so behutsam zu reden, wie es in der Muttersprache sehr wohl möglich ist. Sonst machen wir uns zum Affen, wenn wir uns auf die Dichter und Denker berufen. Die drehen sich im Grabe um!

Das gilt auch im Geschäft. Glaubwürdig kommt keiner über die Rampe, der seine Kunden bloß behindern will – Hauptsache, er lässt die Knete zurück! Abgesehen von der beliebten braunen Brause gibt es Produkte bei denen es nützt, wenn der Kunde mitdenkt. Jedenfalls hierzulande.


  1.  
    17/08/2006 | 18:11
     

    Wer denkt zweifelt … und kauft nicht. Für braune Brauselimonade trifft das zu, für eine Solarheizungsanlage schon weniger. Bei Dingen, die hierzulande hergestellt werden, dürfte vor dem Erwerb ein bisserl Denken nicht schaden. Was fertig im Regal liegt und billigerweise aus Fernost stammt, hält keinem Zweifel stand. Deren Anbieter meine ich also nicht. Aber, wer Cola verkauft, liest hier sowieso nicht mit.

    Oder sehe ich das falsch?

  2.  
    Paulousek
    17/08/2006 | 16:01
     

    Dass die Nazis und ihre LTI die Meister und Vormacher dessen waren, was nun häufig als Corporate Identity und Marketing gebraucht wird – das ist keine besonders neue Erkenntnis. Ich erinnere nur an Domizlaff, der erkennbar werden lässt, wo auch historisch die Schnittstellen zu finden sind. Und dass es darum geht, „den Hörer am Denken zu hindern“ – in der Tat! Es ist nicht immer gut für den Verkäufer, wenn der potentielle Käufer anfängt zu denken. Wer denkt, der zweifelt, und wer zweifelt, der kauft nicht. Zwischen sprachpflegerischen und geschäftlichen Aspekten sollte sorgfältig unterschieden werden, sonst setzt der Bär seine Tatze zwischen die Stühle…

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit geschlossen.