baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Kostenlos ist gedankenlos

Mittwoch 25 April 2012

Spottolskis Honorarnapf

Nicht zu vergessen sind die Mitbewohner in Haus, Garten und Büro, deren primäres Interesse hier durch einen gelben Pfeil gekennzeichnet ist (Bild: Baer)

Geistiges Eigentum ist, was Einer so komponiert, schreibt, malt oder bildhauert. Manche bezweifeln es – nicht das Tun, nur die Sache mit dem Eigentum. Hier ist ein Vorschlag, die Debatte anders zu führen: als Abwägung der Erträge gegenüber den Kosten.

Ein Autor verbraucht – sagen wir mal – fünfzehn Monate seiner Lebens- und Berufszeit zum Schreiben eines Buches. Von der Gestaltung der Idee zum Konzept, über die Recherche zur Niederschrift und Überarbeitung, zum Korrekturlesen und mehrfachen Neuschreiben summiert sich allerlei Aufwand. Nehmen wir an, er wäre Freiberufler und kümmerte sich in dieser Zeit weniger um seine Kunden („Es wird schon gutgehen“). Zu seinem Brotverdienst fehlt ihm das Einkommen, das er in den fünfzehn Monaten sonst erwirtschaftet hätte. Miete und Telefon waren indes fällig wie immer. Kurzum: Die bekannten Kosten waren konstant, hinzu kamen variable Kosten des Schreibens sowie die Mehrkosten zur Wiedergewinnung der verlorenen Kunden. Das einzige, was geringer wurde, waren die Erträge.

Wer trägt die Differenz? Das sind die Leser (es müssten aber schon ein paar tausend sein) oder es ist der Verleger, der einen Vorschuss spendiert hat. Anderenfalls beutet sich der Autor selbst aus, jemand füttert ihn durch, vielleicht hat er einen Chef, der ihn während der Bürozeit machen lässt, oder ein Mäzen springt mit barem Geld ein. Halten wir fest: Irgendwer trägt die Kosten.

Erträge und Kosten. Die Praxis kennt die Abwesenheit von Erträgen. Was es nicht gibt, nicht in diesem Sonnensystem, ist die Kostenlosigkeit. Und wenn der Autor sein Werk ins Netz stellt, bedienen sich die Gratisleser; dann ist auch auf diesem Wege auf einen Deckungsbeitrag nicht zu hoffen.

An dieser Stelle kann es vorkommen, dass der Autor fremdelt: Den Anspruch auf geistiges Eigentum verweigern ihm die Piraten („Ideen sind frei“) und was den Saldo aus Erträgen und Kosten (den Verlust) angeht, fühlt sich dort keiner zuständig. Trösten soll ihn die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Das wäre ja ganz hübsch, meint der Autor, allerdings hat er die Kosten jetzt, die Erträge aus dem Grundeinkommen stehen in den Sternen. Wovon soll der Autor in der Zwischenzeit zum Verfassen seines nächsten Buches angespornt werden? Falls jemand hierzu eine Antwort weiß: Spottolski reicht sie durch an den Autor.


  1.  
    Oliver Baer
    15/05/2012 | 10:25
     

    Die Wirklichkeit derer, die etwas Kopierbares überhaupt erst einmal in die Welt setzen, ist in diesem Aufruf schon besser gespiegelt: Wir sind die Bürger für ein Urheberrecht im Internet.

  2.  
    14/05/2012 | 09:26
     

    Zitat:
    „die Verwerter sind in der Pflicht, der geänderten Nachfrage gerecht zu werden und alternative Möglichkeiten, wie z.B. die Kulturflaterate zu ermöglichen“
    Darf ich kurz mal kichern. Woraus ergibt sich diese Pflicht denn bitte? Aus der Bibel? Weil man ein guter Mensch sein soll? Aus dem kategorischen Imperativ? So wie jeder Mensch in der Pflicht ist, Energie zu sparen (Laptop aus!), jeden Tag einen Stunde im Altenheim oder wahlweise im Kindergarten auszuhelfen und nur so wenig und so lokal zu essen, dass es für Klima, Gesellschaft und Weltbevölkerung dienlich ist?
    Fein. Bitte mal vormachen, dass dieses Konzept funktioniert.
    Herzlich, Nicola Straub
    PS: DIese Argumentation „weil es geht“ ist eh so strunzdämlich, dass man sich schon fremdschämt beim Lesen. „Der Mensch ist sterblich – hör’n wir alle auf zu leben… Weil es geht?!“

  3.  
    13/05/2012 | 21:23
     

    Ich erkenne in Wilmsens Kommentar keinerlei Bezug zu meinem Artikel.

  4.  
    Wilmsen
    11/05/2012 | 17:05
     

    Das Urheberrecht auf dem Werk ist unbestritten – aber Eigentum?
    Digitale Dinge lassen sich nun mal nicht besitzen, weil sie kein Ding sind.
    Im Allgemeinen sollte man Nutzungsverträge mit dem Urheber oder dem Verwerter eingehen.
    Und den medialen Umbruch durch das Internet hat die Verwerterindustrie verschlafen und nicht rechtzeitig darauf reagiert, Konzepte mit den neuen technischen Möglichkeiten zu realisieren.
    Warum ist iTunes wohl so erfolgreich?
    Würde es Amazon und iTunes nicht geben, sehe es noch schlechter aus, denn die Verwerter sind in der Pflicht, der geänderten Nachfrage gerecht zu werden und alternative Möglichkeiten, wie z.B. die Kulturflaterate zu ermöglichen.
    Mit dann fairen Verteilschlüsseln, die auch die kleinen Kreativen berücksichtigt.
    Wer diese Diskussion nicht führen will und hysterisch und Panikmache betreibt, ist uninfomiert und reagiert populistisch.

    Und da das illegale Filesharing in den letzten 10-12 Jahren die
    Musik- und Filmindustrie nicht zerstört hat, wird es bestimmt eine Neuregelung und Stärkung des Urheberheberechts,
    wie die Piraten es eingebracht haben, schaffen. Oder?

    Letztlich wissen wir ja alle, dass die Erfindung des Radios die Schallplattenindustrie zerstört hat,
    das Fernsehen der Tot des Kinos war, der Kassettenrekorder der Musikindustrie den Rest gab und von der
    Videokassette wollen wir erst gar nicht reden. *hmpf*

  5.  
    11/05/2012 | 12:43
     

    Hinter diesem Verweis steckt mehr: Sven Regener redet sich den Frust von der Seele – hörenswert (klicken Sie Abspielen unter dem kleinen Regener-Foto), hier eine Kostprobe:

    „Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.“.

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