baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Information vs. Exformation

Sonntag 12 Februar 2012

Schon Onkel Felix schätzte die einprägsame Darstellung von Statistiken: „Auf den Kopf der Bevölkerung fallen 1,5 Ziegelsteine“, „Jeder achte Gelsenkirchener kauft Mohrrüben“ und dergleichen mehr. Nun piekste mich in einem öffentlichen Vortrag eine Variante, in der es um Jugendliche ging, nämlich jene mit dem sogenannten Migrationshintergrund, und der Kernsatz enthielt die folgende Desinformation:

„Jeder Zweite und jede Zweite in einer Großstadt hat …“ (diesen besagten Hintergrund).

Ich komme da nicht nur mit dem Zählen durcheinander, ich beginne nach- oder mitzudenken und verpasse die nächsten Sätze des Redners. Dabei ist die Sache ganz einfach: Der Satz enthält lupenreines PC, es handelt sich um eine politically correcte Formulierung; sie ist so korrekt, dass der Inhalt nicht mehr stimmt.

Apropos und vorab sei geklärt: 16 Millionen Mitbürger, die etwas gemeinsam haben, sind (in einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionen) jedenfalls keine Randgruppe. Das trifft zu auf die Bewohner Deutschlands mit dem Hintergrund, also auf die Einwanderer und deren Nachkommen. Migranten (hallo Fremdwort!) wären aber Nomaden, denn Emigranten sind Auswanderer, und Immigranten sind Einwanderer. Also Migranten = Wanderer, das sind also keine echten Mitbürger, sondern 16 Millionen Menschen auf der Durchreise, die mit ihrer sinnlosen Hin- und Herzieherei unsere Autobahnen verstopfen. Zum Vergleich: der Deutsche Gewerkschaftsbund hat sechs Millionen Mitglieder (auch auf den Autobahnen).

Göltzschtalbrücke (1845), größte Ziegelsteinbrücke der Welt (Bild: Wikipedia) - bestaunbar sowohl durch Immigranten als auch Emigranten

Nachdem solcherart geklärt ist, dass es sich bei den 16 Millionen am ende ja doch um Mitbürger (mit ganz normalem Umzugsverhalten) handelt, wird uns nebenbei klar: Eine schlichte und eindeutige Aussage kann man vernebeln, man muss ihr nur eine Perspektive aufzwingen, die mit nichts, aber auch gar nichts irgendetwas zu tun hat.

Nämlich erstens: Bedarf es hier wirklich der Betonung, dass sowohl Mädchen als auch Jungen gemeint sind? Natürlich nicht, denn im umgekehrten Fall, wenn das Geschlecht hervorhebenswert wäre, käme ja auch der Dümmste vonselber darauf, dass er sagen müsste: Jedes zweite Mädchen verwendet Kernseife (im Gegensatz zu den Jungs, da ist es nur jeder Dritte). Zweitens wirft „Jeder Zweite und jede Zweite“ die Frage auf: Offenbar unterscheiden sich die beiden Geschlechter, aber wo denn? Und hier ist es per Zufall in beiden Geschlechtern dasselbe, nämlich der Zweite, nein die Zweite, also das Zweite, verflixt, was nun? Ein Unterschied war aber ausdrücklich nicht Inhalt der Aussage – im Gegenteil, in ihrer Gemeinsamkeit sind sie „jeder zweite Jugendliche“ (Verzeihung, es sollte natürlich heißen: „und Jugendlichin„).

Das ganze Theater hat zur Folge: Der Hörer (sowie die Hörerin – Verzeihung) konzentriert (konzentrieren) sich auf das Falsche, nämlich das, worum es nicht geht. Der Redner (die Rednerin) informiert nicht, er (beziehungsweise sie) verwirrt. Lesen Sie eigentlich noch mit?

Hier würde, anstelle von Information, das Wort Exformation zutreffen.

(Nachtrag zum Thema „In-eine-Form-versetzen“, nachzulesen in Von Babylon nach Globylon)


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