baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Geiz, mit dem zu rechnen war

Sonntag 28 Januar 2007

In Brüssel und in manchen Redaktionen läuft von Zeit zu Zeit ein Virus um. Man erkennt ihn an seinem Mäntelchen der Effizienz und seinem Schal namens Sparsamkeit, mit dem sich der Virus schmückt: Er geht unserer Vielsprachigkeit an den Kragen.

Wir haben nämlich so viele Amtssprachen in der Europäischen Union, dass es auf der Hand läge, den Kladderadatsch auf eine gemeinsame Sprache zu kürzen. Und die wäre Englisch, welche sonst? Etwa die in der Union meistvertetene Muttersprache (Deutsch) oder die am besten verteidigte Sprache (Französisch) oder, damit alle gleichsäuerlich dreinschauen, die am meisten missachtete (Gälisch) oder warum nicht gleich Sorbisch?

Unsere Vielsprachigkeit gilt nämlich als Kommunikationshemmnis und als ein teurer Spaß. Etwas ist dran an diesen Argumenten. Allein, ihnen fehlt der Glanz, den eigenes Denken verleiht. Solche Argumente drücken sich vor der praktischen Überlegung, wie denn zwei Dutzend Sprachen für über 300 Millionen Menschen durch die englische zu ersetzen wären. Einmal zu Ende gedacht: Wie sollte sich das abspielen? Wenn sich schon Jene mit sehr guten Englischkenntnissen (die sogenannten Tschief Eggseckjutiws) alle Nase lang mit ihrem Englisch blamieren?

Will sagen: Würde sich die innereuropäische Kommunikation verbessern, wenn wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigten, auf eine Art höheren Pigdins? Denn es glaube doch keiner, dabei käme mehr heraus als schlechtes Englisch! Laut David Crystal (Mitautor der Enyklopädie der Englischen Sprache) ist nicht Englisch die Weltsprache, sondern schlechtes Englisch.

Aber in Europa können wir das besser? Und wenn ja, zu welchem Preis? Würde die übrige Welt stillhalten, während wir unsere neue Muttersprache proben? Oder hätte man sich die Gemeinsamkeit so vorzustellen, dass sie nur für die Elite gilt? Die sowieso Englisch kann (oder fest daran glaubt)? Und was ist mit dem Rest, mit der Mehrheit? Die sollen wohl fernsehen. Und Kinder zeugen, denen bläut man die lingua franca gleich in der Kita ein?

Da flattert eine Zahl von etwa einer Milliarde Euro pro Jahr durchs Eurogebälk, wie eine Fledermaus, die einem das Gehirn vollkackt. Eine Milliarde koste uns das innergemeinschaftliche Dolmetschen und Übersetzen. Sicher, für Martha Meisegeier eine Menge Kohle, auch für Europa kein Klacks. Liebe Kurzdenker in den Redaktionen, die auf diese Fledermauslosung immer wieder hereinfallen: Unsere Vielsprachigkeit hat mit der Vielfalt der Kulturen und Ideen zu tun. Schöpferisch, originell, präzise denkt man in der Muttersprache (wenn überhaupt), aber in keiner Fremdsprache, man beherrschte sie denn wie einer, der jahrelang (nicht Wochen!) im angelsächsischen Ausland nichts anderes gesprochen hat. Statt fernzusehen.

Europa genießt das Privileg, zwei Dutzend Muttersprachen zu beherbergen. Das ist nicht nur kein Nachteil, das ist ein Vorteil – und es ist eine Tatsache, die nicht ungestraft ignoriert werden kann.

Bevor wir den zynischen Versuch unterstützen, unsere Vielfalt durch Einheitsbrei aus dem Wal Mart zu ersetzen – komisch, die waren doch eben noch da? -, geben wir doch lieber pro Kopf und Jahr in Europa drei – von mir aus sogar zehn – Euro aus, damit alles hübsch und sauber in sämtliche Muttersprachen und aus sämtlichen Muttersprachen übersetzt wird. Was da von Halbdenkern vertreten wird („Konzentrieren wir uns auf Englisch!“), nützt nicht einmal den Engländern. Selbst die haben inzwischen gemerkt, was das Können von Fremdsprachen nützt. Zum Beispiel, und nichts gegen Araber: Um Schläfer aufzuspüren, falls diese gerade mal nicht auf Englisch verabreden, was sie als nächstes in die Luft jagen.

Wenn die Flachdenker, die eine Einheitssprache für alle vertreten, einen Vorschlag vorlegten, wie alle Kriminellen dieser Welt sowie die Terroristen und die Gangster, die in afrikanischen Staaten Regierung spielen, dazu gezwungen würden, nur noch Englisch zu sprechen – aber bitte ohne zu nuscheln! – dann könnte man ihr Geschwätz einmal zu Ende lesen. Bis dahin spielt es nur jenen in die Hände, die als einzige Kapital daraus schlagen können.

Wer mag das bloß sein? Die waren doch eben noch da? Ja, wo laufen die denn?


  1.  
    Paulousek
    29/01/2007 | 18:14
     

    Das wirft dann doch die Frage nach den Maßstäben auf, wenn auch der Muttersprachler keiner mehr sein kann. Was ist „gut“?

  2.  
    29/01/2007 | 07:34
     

    Hauptsache, es kommt keiner auf den Gedanken: Bloß weil viele Amerikaner ihre eigene Sprache nicht beherrschen, bräuchten auch wir sie nicht besser zu können.

  3.  
    Paulousek
    28/01/2007 | 22:30
     

    Sie schreiben:
    „aber in keiner Fremdsprache, man beherrschte sie denn wie einer, der jahrelang (nicht Wochen!) im angelsächsischen Ausland nichts anderes gesprochen hat.“
    Ich kenne Leute, die sind „native speaker“ und sprechen (und schreiben) trotzdem ein schlechtes und oft grammatikalisch falsches Englisch. Das Phänomen gibt es ja hier auch. Also „Muttersprache“ heisst noch längst nicht „gutes Sprechen“.
    Das mag auch daran liegen, dass man, zumindest formal, Fremdsprachen methodischer und mehr „bottom up“ lernt als die eigene Muttersprache. Deren Gebrauch hängt sehr an der erlebten Praxis des sozialen Umfelds. Und wenn das vom Sprachniveau des „Unterschicht-Fernsehen“ dominiert wird, dann kommt da auch ein entsprechend unterschichtiges Deutsch raus.

  4.  
    Paulousek
    28/01/2007 | 22:12
     

    Na, es geht ja hier wohl nicht um eine Einheitssprache für 300 Millionen Menschen, sondern für 1 geschätzte Million von Euro-Bürokraten. Und da wäre ich entschieden für Latein. Das soll auch dem Denk- und Logikvermögen zuträglich sein, eher jedenfalls als Schlechtenglisch. Der erhöhte Schwierigkeitsgrad würde auch zu hochwillkommenem „Geiz“ führen bei der Hervorbringung von Entwürfen, Memoranden, Protokollen und anderen papierkorb-affinen Sprachstoffen. Darüberhinaus wäre der verlockende Vorteil, dass sich zeigen würde, welche Inhalte überhaupt von den restlichen 299 Millionen vermisst werden würden.

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