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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Fetziges über Pegida

Freitag 4 März 2016

Also, cari amici miei, die Ihr mich bedauert, weil ich in Dresden lebe (und ob ich nicht auswandern möchte?): Vor über einem Jahr habe ich mit Aussagen über die Pegida mein Renommee riskiert. Sie beruhten auf eigenen Beobachtungen. Mitunter begreift einer am Ort des Geschehens die Fakten schneller als die Routiniers in den Redaktionen.

Über die besorgten Freunde mokierte ich mich, weil sie alle Pegidisten am liebsten zu einer braunen Masse verrühren. Ich hatte hier behauptet, die Mehrheit dieser Leute seien keine Nazis, auch Islamhasser vermutete ich nicht in der Mehrheit. Hallo Querleser: Islamhasser und vom Islam Verängstigte sind nicht identisch, kapiert? Danke. Nun stellt sich heraus, wie genau meine Beobachtungen stimmten.

Wen die Tatsachen aus der Bahn werfen, kann auf die folgende Lektüre verzichten. Die Lernfähigen finden die Pegidastudie von Professor Werner Patzelt hier: die Zusammenfassung der Ergebnisse über den einjährigen Beobachtungszeitraum, ferner die detaillierten Präsentationsfolien und die Fragebögen. Und falls hier jemand mitliest, der eine solche Untersuchung von vornherein ablehnt, und dann noch von Patzelt: Wir verabreden uns dann mal im Dresdner Alaunpark, jeder bringt seine eigene Pegida mit, die malen wir dann in vielen schönen Wachsfarben aus. Einverstanden?

Hier nehme ich Professor Patzelt in einem Punkt vorweg, obwohl er diesen Begriff nicht verwendet: Die meisten Pegidisten sind offenbar Wendeverlierer. Wenn überhaupt, kommen sie nicht vom rechten Spektrum, und dass „Die Linke“ dabei sei, haben auch schon andere berichtet. Nur das Ausmaß überrascht – eigentlich nicht. Dem ukrainischen Journalisten Viktor Timtschenko verdanke ich übrigens diese passende Beobachtung: Klaustrophobie ist die Angst vor engen Räumen, Agoraphobie die Angst vor weiten Plätzen, Xenophobie ist Fremdenfeindlichkeit. Nanu?

Auch nicht so ganz typisch für die Karoo (Bild: ® Goldblatt)

Übrigens, cari amici: auswandern wohin? Nach Trump-Disneyland, in das Zuma-Paradies oder gar Mugabes Schlaraffenland? Apropos „Lügenpresse“ (ein Wort aus der Kiste der Geschmacklosigkeiten), obwohl: Die Kiste daneben ist auch nicht blütenrein: Bartholomeus Grill hat neulich im Spiegel nach dreißig Jahren in Afrika am Beispiel Robert Mugabes zugegeben, dass er nun anfängt zu kapieren, wie Afrika wirklich tickt. Eine Woche später folgte auf Spiegel Online einer seiner typischen, radikal einseitig verfassten Beiträge über Südafrika. Tja, Herr Grill, mal abgesehen von Ihrem BILD-Niveau: Ich habe nur vier Jahre gebraucht, bis ich (als Europäer in Afrika) anfing über südafrikanische Probleme die Klappe zu halten.

Offenbar verdienen auch die seriösen Medien einiges, was man ihnen vorwirft. Was nicht nur Pegidisten fuchsig macht, ist journalistische Arroganz. Sie ist kein bisschen wertvoller als der Hass, der den Medien entgegenschlägt. Aber ihr, liebe Freunde aus dem Westen und aus Dresden, Spottolski wünscht euch Friede in allen Eierkuchen, und ihr dürft ihn besuchen, er hat noch was in petto.


  1.  
    Eva
    07/03/2016 | 19:01
     

    Danke, der war gut.

  2.  
    05/03/2016 | 13:16
     

    No wer ich mich hieten, Ihre /ß/ zu vernichten.

  3.  
    Eva
    05/03/2016 | 11:35
     

    Bin mal gespannt, ob Sie meine ‚daß‘ korrigieren werden

  4.  
    Eva
    05/03/2016 | 11:33
     

    Zu differenzieren ist wahrscheinlich die höchste Kunst (danke für Ihren Beitrag, der uns daran erinnert). Der große Bruder im Westen geht mit gutem Beispiel voran, sogar mit einem migrationshintergrund-equippten Noch-Präsidenten. Dieses Land zeigt uns seit Jahrzehnten, daß es nur Gleichungen mit 1 Freund und 1 Feind lösen kann. Kommt noch ein Faktor y dazu, sind seine Politiker so überfordert, daß sie einen Overload kriegen, vielleicht sogar einen politischen Meltdown. Also hoffen wir, daß in den Hinterzimmern der Politik Nachhilfestunden laufen, wo differenziert wird, bis die Köpfe rauchen.

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