baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Die auf dem Trittbrett reisen

Mittwoch 11 Oktober 2006

Eine Pressemeldung der sächsischen NPD-Fraktion flattert mir heute in den Mehlkasten (auch Mäilboks genannt), vermutlich, weil ich zum Vorstand des Vereins Deutsche Sprache (VDS) zähle.

Na schön. Ich zitiere: Die NPD bezweifelt, „daß es lernpädagogisch sinnvoll ist, schon Erstklässler mit einer Fremdsprache zu konfrontieren. Die angestrebte –škommunikative Intelligenz‘ im Gebrauch fremder Sprachen setzt aber die Beherrschung der eigenen Muttersprache voraus“ und beruft sich u.a. auf den VDS sowie auf PISA.

Was kümmerts die Eiche, wenn ein Schwein sich an ihr kratzt? Dass Dinge in einen Topf geworfen werden, die in dieser Verknüpfung nur teilweise zutreffen. Früher Fremdsprachenunterricht ist pädagogisch sogar sehr sinnvoll, dafür gibt es viele Beweise aus jahrzehntelanger Praxis, allerdings und ausdrücklich unter zwei Bedingungen:

Erstens muss zuerst die Muttersprache gefestigt sein, das haben die Genannten richtig abgeschrieben. Muttersprache ist für die meisten, übrigens auch in Österreich und der Schweiz, die deutsche Sprache. Zweitens sollte man als erste Fremdsprache eine schwierige, stark strukturierte Sprache wählen, bspw. Russisch, Latein, Tschechisch. Das wiederum ergänzt das Verständnis der deutschen Grammatik. Englisch eignet sich dann als zweite (!) Fremdsprache. Wer die Struktur schon mitbringt, fällt hernach auf die Leichtigkeit des Englischen – die es beim Einstieg noch besitzt, dann wirds schwer – nicht mehr herein.

Missverstandene Fürsorge führt zum Eintauchen ins Englische (Immersionsunterricht), da werden einige oder alle Fächer gleich auf Englisch gelehrt. Mit der betrüblichen Folge, dass die armen Kinder schließlich weder die Mutter- noch die Fremdsprache richtig beherrschen. Das merkt man aber erst, wenn es zu spät ist. Das Konzept solchen Unterrichts beruht auf der Annahme, man müsste schon die Kleinen, am besten schon die Säuglinge, für die globalisierte Welt rüsten. Sie seien für alles Erlernbare so offen wie später nie mehr. Das hört sich gut an; mit dem gleichen Argument könnte man die Fünfjährigen im Umgang mit Schusswaffen ausbilden. So wie die Eislaufmuttis ihre Sprößlinge beizeiten abrichten.

In Wirklichkeit geht es für Kinder darum, dass sie ihre Anlagen entfalten können. Gelingt das, werden sie später auch erwerben, was sie für den Beruf brauchen. Dazu gibt es auch im VDS verschiedene Auffassungen. Merke: Den Fahrplan erfragt man bei der Auskunft oder beim Schaffner, nicht beim Fahrgast, der gerade noch aufspringt.


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