baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Den Hund auf Anglizismen loslassen

Donnerstag 15 Februar 2007

„Im selben Moment, wo mir von dem Radfahrer gredt habn, ist einer komma,“ berichtete Karl Valentin. Das könne kein Zufall sein, meinte er. Manchen geht es ähnlich mit den Anglizismen.

Früher amüsierte ich mich alleine damit, in der baerentatze Anglizismen aufzuspießen und den Missbrauch der Sprache im Marketing zu verhöhnen. Dann wurde ich für den Verein Deutsche Sprache (VDS) gekeilt und im Nu ging es mir wie Karl Valentin. Den Blick durch die Beispiele geschärft, die im Verein herumgereicht werden, fühlte ich mich von Anglizismen geradezu umstellt. Der Fachbegriff für diesen Zustand lautet Paranoia, Verfolgungswahn.

Ein begründeter Wahn. Viele Anglizismen sind harmlos, die meisten blamieren ihren Benutzer. Spätestens vor dem Schaufenster des Kosmetikstudios, das sich als Ästethic Nails anpreist, reift der Verdacht: Hier geht es der Sprache an die Nähte, in diesem Fall gleich zwei Kultursprachen. Und vielleicht müsste man mit der Sprache, in ihrer Wehrlosigkeit, liebevoller umgehen. Diesen Verdacht belegen die nicht mehr zählbaren Schnitzer wie live-long learning und Life-Sendung. Wenn sich Wellness in Richtung Healthness und Careness ausbreitet, zieht solcher Unfug dem Sprachkundigen das Hemd aus der Hose. Das ist nicht mehr schöpferische Freiheit der Werbung, das ist Schwachsinn. Dass jeder zweite Radiosprecher Vanity Fair englisch wie Wanity Fair ausspricht, mag noch hingehen, es belegt aber, dass unsere Englischkenntnisse hierzulande dürftig sind. Und durch das Englischgetue nicht besser werden.

Auf jedes neue englische Wort empfindlich zu reagieren, ist aber kein Reagieren mehr, es nähert sich dem Pawlowschen Reflex, einem zwanghaften Verhalten, es ist das genaue Gegenteil von Freiheit. Und an dieser Stelle hört der Spaß auf. Immerhin gibt es eine Fülle französischer, lateinischer, englischer Wörter, die unsere Sprache gebildet und bereichert haben. Es nützt daher nicht das geringste, jedes welsche Wort flugs unter Generalverdacht zu stellen: „Da, schon wieder ein Schädling!“ Mich putzte mal eine ehemaliges Mitglied des VDS herunter, weil ich zum Jour fixe einlud; das sei kein deutsches Wort!

Verständlich mag solcher Eifer sein, aber er spiegelt nur den Mangel an geistiger Freiheit in den Köpfen. Reflexhaftes Handeln macht uns unfähig zu einer bewussten Unterscheidung. Sicher, es mag schwierig sein zu erkennen, welche Begriffe einen Wert und welche einen Virus mit sich bringen. Manche Sprachwissenschaftler drücken sich vor der Antwort vollends, sie beschränken sich auf die Schadensaufnahme. Liegt das Kind erst im Brunnen, kommt die BILD-Zeitung. Wie wärs, wenn man sich beizeiten, weit weg vom Brunnen, schon fragte, was an Sport in school is cool so wahnsinnig smart sein soll? Wenn man sich mal ein bisschen bemühte um den passenden Ausdruck?

Im gleichen Maße irren allerdings die Abwiegler, wenn sie meinen, die paar Anglizismen könnten dem deutschen Wortschatz kaum schaden, der VDS rege sich zu Unrecht auf. Als käme es auf Zahlenspielchen an! In ihrem Garten lassen sie auch nicht jedes Unkraut blühen, nur weil das der „natürliche Gang der Dinge ist“. Dieser Sprachenstreit ist zur gelebten Zwanghaftigkeit geraten. Gedankenlos legen Anglizismenjäger auf alles an, was sich bewegt – wie Pawlow’sche sabbern die anderen und wiegeln ab.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Es schadet nicht der Anglizismus an sich, vielleicht nicht einmal die Menge seines Auftretens. Was sicher schadet, ist die Gedankenlosigkeit, mit der englische Wörter gebraucht und somit englische Begriffe und Denkmuster übernommen werden. Die Flut der Anglizismen und das elende Denglisch sind aber nur Symptome einer Entwicklung, die den meisten im Lande nicht bewusst ist. Fähige Forscher drücken sich auf unfähige Weise aus, in einer Sprache, die sie nicht beherrschen: Englisch. Englisch ersetzt Deutsch als Sprache an den Universitäten. Dasselbe geschieht in der Wirtschaft. Mit anderen Worten, wir treten international auf Zweitliganiveau an, denn dass wir mehr können, verbergen hinter unseren Sprachunkenntnisssen. Kreativ zu denken ist nun mal für die meisten Menschen eine Sache, die sie in der Muttersprache zustande bringen. Wenige können es zwei- oder gar mehrsprachig – sie sind die Ausnahme. Die meisten überschätzen ihre Englischkenntnisse.

Im Umgang mit Entlehnungen aus anderen Sprachen stünde uns mehr Bewusstheit gut zu Gesicht. Es muss schon jeder selbst, aus eigener Freiheit, entscheiden können: Verwende ich dieses Wort oder finde ich ein besseres? Passt der Begriff, oder denke ich in eine Sackgasse hinein? Ohne diese Freiheit wäre aller Streit um die Sprache reiner Dogmatismus, Zeitvergeudung, denn Recht hat in diesen Dingen nie einer alleine. Sprache gehört allen. Ein Verein, der sich um die Sprache sorgt, kann dafür sorgen, dass sie wieder strapazierfähig wird. Dann erträgt sie sogar ein Übermaß an Modewörtern.

Unserer Freiheit im Geiste sind wir es schuldig, reflexhaftes Verhalten zu erkennen, so lange wir dazu noch fähig sind, vor allem unser eigenes. Die Sprache ist geistiges Gut. Wenn wir ihn verteidigen wie ein Kettenhund, bringen wir ihn um den Verstand und er verlässt uns.


Erläuterung: Wenn schon lebenslanges Lernen auf Englisch, dann life-long und wenn schon nicht Direktübertragung, dann Live-Sendung. MDR Life bedeutet nicht Live-Sendung, sondern es deutet auf etwas wie Leben mit dem MDR. Vielleicht war das die Absicht, na ja, man kann die Bedeutungen auch an den Haaren herbeiziehen.

Nachtrag: Die baerentatze wird auch in Zukunft Anglizismen aufs Korn nehmen. Nach Möglichkeit mit dem Augenmaß des Försters, der um das Gleichgewicht im Walde bemüht ist.

Nachtrag 2: Überflüssiges Apostroph in Pawlow’scher Reflex wurde entfernt.


  1.  
    22/11/2007 | 17:52
     

    Anonyme Kommentare lasse ich sonst nicht durch. Bei Pupsi und abc mache ich eine Ausnahme. Euer Ehren, ich habe keine weiteren Fragen.

  2.  
    abc
    22/11/2007 | 13:35
     

    ich stimme pupsi voll und ganz zu

  3.  
    Pupsi
    22/11/2007 | 13:31
     

    Wir finden Ihren Text ziehmlich scheiße. Wir nehmen ihn zurzeit im Deutsch-Unterricht durch.Wer soll denn so was verstehen?????
    Haben sie Langeweile? Haben sie keine Freunde/Hobbys?
    Bitte verfassen sie keinen weiteren Text!!!
    Uns zuliebe
    Danke

  4.  
    09/03/2007 | 02:30
     

    Heiterkeit, Beifall, gedankenvolle Zustimmung.

    Außerdem, Herr Sonderhüsken: „E-Mail“.

  5.  
    Paulousek
    06/03/2007 | 01:01
     

    Wieviel Uhr?
    Offenbar gibt es irgendeine Regel, vermutlich eine etwas altertümliche, die Herrrn Sonderhüsken recht gibt. Es muss ja einen Grund haben, dass viele Zeitungen 19.50 Uhr schreiben und nicht 19:50 Uhr. Des Rätsels Lösung liegt vielleicht in dem Zusatz „Uhr“. Und genau dieser Zusatz zeigt auf den Vorteil der doppelpünktigen Schreibung: Bei ihr weiss ich auch ohne „Uhr“ Zusatz, dass es sich um eine Zeitangabe handelt, und nicht um eine angelsächsische Dezimalzahl.

  6.  
    02/03/2007 | 13:34
     

    Zum Thema Coach noch eine Anmerkung von einer, die es wissen muss: Auch mich ärgert der inflationäre Gebrauch dieses Wortes. Scheint sich doch jeder, der seiner Dienstleistung einen modernen Anstrich verpassen will, diese Bezeichnung zu geben.
    Dabei ist die Tätigkeit und die Kompetenz eines Coaches sehr klar definiert. Näheres unter http://www.dvct.de. Einen Coach Trainer, Berater, Therapeut, Psychater oder sonst wie nennen zu wollen ist so ungefähr das gleiche, wie die Thailändische Küche als „den besten Chinesen“ zu bezeichnen.

  7.  
    01/03/2007 | 12:35
     

    Die Schreibweise der Uhrzeit regelt die DIN. Auch wenn mir die Schreibweise mit dem Doppelpunkt genausowenig gefällt wie Herrn Sonderhüsken, ist sie dennoch korrekt.
    Das ist u.a. nachzulesen in http://de.wikipedia.org/wiki/Uhrzeit

  8.  
    Paulousek
    25/02/2007 | 23:36
     

    Ganz recht, Herr Baer! – schön mich so wohlwollend von Ihnen vertreten zu sehen: Man kann von eigenen, fremden, oder auch nur beobachteten Erfahrungen reden. Und was den Doppelpunkt angeht: Jede Digitaluhr, jeder Rechner, jede Praxis handhabt das anders. Da würde ich doch schon gern wissen, wo Herr Sonderhüsken hier seine Maßstäbe für falsch oder richtig hernimmt. Ausserdem zeigt diese kleine Auseinandersetzung nach meiner persönlichen Erfahrung die Gefahren solcher Sprachpflege auf: nämlich das rechthaberische Abgleiten in Nichtigkeiten.

  9.  
    25/02/2007 | 16:48
     

    Die persönliche Erfahrung, Herr Sonderhüsken, gehört in diesem Fall Herrn Paulousek, aber ich vermute, er meint die eigene im Gegensatz zur beobachteten Erfahrung.

    Zu Ihrer zweiten Korrektur beschränke ich mich darauf, Ihre Genauigkeit zu bestaunen. Ohne ihrer Richtigkeit nachzugehen, versichere ich Ihnen vorab, dass ich bei meiner Schreibweise bleiben werde, auch wenn sie falsch wäre. Außerdem würde es mich – ohne jeden Nützlichkeitsgewinn – überfordern, dem WordPress-Programm anderes beizubringen.

  10.  
    25/02/2007 | 16:27
     

    Hallo Herr Bär.

    Ihre im VDS gebrachte denglisch-Betrachtung hat mir gefallen. Andererseits fällt mir auch beim VDS immer wieder eine verbesserungsfähige Kommunikation und nicht so gutes „Handwerk“ in der Deutschen Sprache auf. Das sicher deshalb, weil ich sehr genau auf das achte, was ich lese.

    Auch zu Ihrem Fenster für diese eMail habe ich gleich zwei „Fehler“ bemerkt:

    – Sie schreiben „meine persönliche Erfahrung“. Da Sie sicher keine „unpersönliche“ haben, reicht „meine Erfahrung“.

    – Bei der Uhrzeit trennen Sie die Stunde von den Minuten durch einen Doppelpunkt. Das ist nicht korrekt. Richtig ist beispielsweise 19.49 Uhr oder 19:49 Stunden.

    Auf Ihre Reaktion bin ich gespannt.

    Gruß
    Hermann Sonderhüsken
    Telefon 05623-93 56 56

  11.  
    Paulousek
    24/02/2007 | 19:49
     

    Meine persönliche Erfahrung ist, dass es mir immer gut getan hat, wenn ich meine Ideen in einer Fremdsprache ausdrücken musste. Wegen der daraus entstehenden Limitierungen war ich zu vielen Floskeln, Verblümtheiten und Komplizierungen schlicht nicht in der Lage. So dass meine englischen Texte oft besser, kürzer, einfacher, fokussierter sind als das, was ich auf Deutsch zum selben Anlass hervorgebracht hätte.

  12.  
    20/02/2007 | 15:01
     

    Die typische Antwort auf eine typische Klage sieht so aus (hier anonymisiert, weil Anlass und Reaktion beliebig sind):

    Die Sprache, lieber Herr XYZ, ist nicht statisch, sonst würden wir so sprechen wie zu Luthers Zeiten oder uns noch in Grunzlauten verständigen. Sprache ändert sich mit dem Lauf der Zeit – das war so und wird immer so sein und ist auch gut so, denn es bedeutet Entwicklung und Neues.

    Ich bin mir sicher Sie verwenden die Wörter ‚Melange‘ und ‚Regisseur‘ oder auch ‚alternativ‘ oder ‚lukrativ‘ oder ‚Risiko‘ – oder haben Sie da auch rein germanische Ausdrücke? Die Menschen haben immer schon Wörter aus anderen Sprachen übernommen, angenommen und ‚inkorporiert‘. Wenn das nicht so wäre, dann wäre unser Wortschatz sehr arm.

    Im Fußball wäre das Ergebnis eines solchen Dialogs ein 1:1, das keinem nützt. So fällt beispielsweise immer das Argument, man habe wohl etwas gegen Fremdwörter – Totschlagargument Nummer 1, zumal wenn es nicht zutrifft, aber kaum einer verkneift sich die Polemik den Rundumschlag – oder man suche germanische Ausdrücke – Killer Nummer 2, siehe Grunzlaute – und es folgt ein Hinweis auf die natürliche Entwicklung der Sprache, gewissermaßen der Gnadenschuss, das ist dann die Nummer 3, offenbar ein Argument, das keiner weiteren Erklärung bedarf, so stark ist es.

    Auf Reflexantworten geht man wiederum reflexhaft ein:

    1. Keiner kann sinnvollerweise etwas gegen Fremdwörter haben – siehe Fenster (lat.) Philosophie (gr.), Sex (engl.)
    2. Keiner kann sich auf germanische Wörter zurückziehen, außer einigen Spinnern kommt keiner auf diese Idee.
    3. Keiner bestreitet, dass sich die Sprache entwickelt – nur bei dem Wort natürlich kommen Zweifel auf.

    Wenn einer berichtet, er habe seine neue Website gelauncht, ist er nicht der Natur nahe, sondern einem Papagei. Wenn das Natur ist eine natürlich Entwicklung ist, könnte er mal seinem Gärtner auf die Finger schauen, oder seinem Dompteur …

    Liebe Leser, auch diese Antwort ist nicht mehr als ein Reflex.
    Quod erat demonstrandum

  13.  
    19/02/2007 | 15:17
     

    Herr Fuchs,

    falls Sie den „Coach“ in meiner Firma meinen: einmal eingeführte Namen zu ersetzen, ist ein gewaltiger Aufwand. Den habe ich für ein andermal auf. dennoch besten Dank für die vornehm versteckte Ironie.

  14.  
    19/02/2007 | 08:01
     

    Herr Gieseler,

    ich bin kein Linguist. Ist es eine Rückübersetzung? Aber ich gebe Ihnen sowieso recht: „Ich habe es mir anders überlegt“ ist farbiger.

  15.  
    19/02/2007 | 07:54
     

    Frau Ormig, die Apostropherei ist auch ein Anglizismus. Danke für den Hinweis. Ich hatte ihn gesetzt, ohne zu überlegen, also reflexhaft. Entfernt wurde er bewusst …

  16.  
    18/02/2007 | 02:37
     

    Sehr angebracht, dieser Artikel. Was mir besonders missfällt ist die Faulheit, bereits bestehende deutsche Ausdrücke zu benutzen. Oder ist es Affektierhteit oder gar Angabe?

    Beispiel: „I changed my mind.“ Auf „quasi Deutsch“: „Ich habe meine Meinung geändert.“ Ist aber eine Rückübersetzung und somit immer noch falsch. Lang herkömmlicher und urdeutscher Audruck: „Ich habe es mir anders überlegt.“

    Viel Erfolg (und nicht „good luck“)
    Leser Fred Gieseler.

  17.  
    16/02/2007 | 13:29
     

    Ein schwieriges Thema, weil hier nicht nur einer Recht hat. Ich habe nichts gegen eine Fremdsprache, nur gegen unsinnige Geschäftsreklame.

  18.  
    16/02/2007 | 12:22
     

    Hallo,
    ganz kurz: Ich teile Ihre Meinung, aber beim Pawlow`schen Reflex bin ich reflexartig zusammengezuckt, Sie haben da ein Auslassungszeichen angebracht, was fehlt denn da?
    Diese Apostropherei ist auch irgenwie denglisch! Nicht wahr?
    Grüße
    Monika Orning

  19.  
    Hans Fuchs
    16/02/2007 | 07:39
     

    Oh ja, nehmen Sie unbedingt weitere Anglizismen aufs Korn. Vorschlag: Coach.
    Das scheint mir einer der wenigen Anglizismen zu sein, die imstande sind, einen bereits abgenutzten (Trainer) zu verdrängen.

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit geschlossen.