baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Brücke zwischen Elbe und Erbe

Dienstag 3 April 2012

Marienkäfer im nassen Gras

'Die einzig annehmbare Form der Verständigung ist das geschriebene Wort, denn es ist kein Stein in einer Brücke zwischen Seelen, sondern ein Lichtstrahl zwischen Sternen.' (Fernando Pessoa)

In Dresden sollte bald die Waldschlösschenbrücke eingeweiht werden. Sie sieht aus wie eine Eisenbahnbrücke, nur nicht so graziös. Im Kampf um dieses Bauwerk hat Dresden sein Gesicht sowie den Status des Weltkulturerbes verloren. Die es verbockt haben, glauben noch immer an ihr Englisch.

Der Verlust war unnötig, es hätte eine (vielleicht nicht diese) Brücke geben und man hätte den Status behalten können. Hätte sich bloß Einer mit der Sprache ausgekannt! Nicht, um die Notwendigkeit einer Brücke von so erlesener Hässlichkeit optimaler zu kommunizieren. Wir hätten nur gern Leute zur UNESCO geschickt, die mehr draufhaben als die Kraft ihrer Einbildung, die da lautet: „Ich kann Englisch, also bin ich. Und kraft dieses Könnens trage ich diese Sache nicht auf Deutsch vor.“ Englisch ist die dafür übliche Sprache, hohe Kultur ist Englisch, und das kann man eben. Alles klar, so weit?

Aha. Du kannst also Englisch?

„… Auch der Gebrauch der englischen Sprache hat hier zum Scheitern entscheidend beigetragen.“ schreibt Jan Lewerenz, ein Architekt dem das Thema an die Nähte geht: Waldschlösschen Bridge – Missverständnisse beim Dresdner Weltkulturerbe. Dort klicken Sie jetzt bitte zuerst hin, sonst verpassen Sie die Pointe.

In Dresden wurden nicht die üblichen lässlichen Fehler gemacht („I have all the informations here in my action map“). Hier wurde gestümpert, gründlich, in der Überzeugung man könne, was man da tut. Eine Eitelkeit, die im Zusammenhang mit Sprachen vorkommt. Auch darum geht es in meinem Globylon-Buch, dessen Erwähnung an dieser Stelle mal wieder ganz gut passt.

Hier war es eine jener Situationen, wo Globisch ausnahmsweise mal nicht genügt. Das ist selten der Fall, man muss genau hinsehen. Was hier nämlich noch weniger genügte, war gutes Englisch. Sie haben richtig gelesen: Gutes Englisch = schlechte Lösung. Hier war nichts Geringeres als fehlerloses Englisch gefordert, so wie es nur Profis beherrschen.

Schade drum: Vor einem Dolmetscher braucht sich keiner zu schämen. Er kann seine Sache besser als wir. Wir verargen ja auch nicht dem Zahnarzt, dass er unsere Zähne kennt wie wir unsere Brieftasche. Aber wer bei Tempo 160 im Windschatten des Vordermanns kühnsinnig mithält, der hält auch Rat für unseren Schumi parat, wie er demnächst die Kollegen ausbremst. Und wer auf Englisch ohne Öffnen eines Wörterbuches ein Vanille-Eis ersteht, mag sich wie ein native speaker vorkommen und bei der UNESCO persönlich vorsprechen wollen.

Haben Sie nun den Lewerenz gelesen? Bitteschön, und dann holen Sie vor Ihr geistiges Auge die Brücke, die wir hätten bekommen müssen. Edel steht sie da, filigran, unauffällig, eine Zierde der Baukunst. Von Wellington bis Winnipeg hätten die Leute gestaunt: „So würdigt man sein Weltkulturerbe – in Dresden.“ Wenn da nicht welche geglaubt hätten: „We can English.“


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