baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Als ich Quintaner war

Dienstag 17 November 2015

Demografische Verjüngung ist angezeigt, wenn es sein muss auch auf Kosten der liebgewonnenen Einfarbigkeit (Bild: Fotolia)

Die Lateinquinta war unterwegs von Düsseldorf zum Landschulheim im Allgäu, derweil im schwedischen Sandviken die Ungarn von Wahles besiegt wurden. Wo Wales liegt, war uns schon klar, uns fehlte nur die Aussprache, Englisch gab es erst in der Quarta.

Also Wahles, Schweden 1958 (Pelé, Garrincha, Vavá und so…). Zu den Helden der Quinta zählten Männer mit langen Namen: Hans Cieslarczyk, Heinrich Kwiatkowski, Horst Szymaniak, vor allem unser Erich Juskowiak, der Hammer. Nach einem Elfer von dem musste man das Netz flicken. Der Hammer, den der Schiri vom Platz stellte, obwohl der Hamrin Schuld war, unfasslich! Der Juskowiak hatte an der Ecke Bismarck- und Oststraße einen Zigarrenladen, keine fünfzig Meter von meiner Haustür. Hans, Heinrich, Horst, Erich, alles Deutsche. Dass sie von den Ruhrpolen abstammten, erstens wussten wir es nicht, jedenfalls war es kein Gesprächsstoff, und zweitens: na und?

Zu jener Zeit schleppte mich meine sudetendeutsche Tante zu Heimabenden ihrer landsmannschaftlichen Jugend. Ich war elf und in die glutäugige Brigitte verknallt, sie war pausbäckig und Schlesierin; dass man sie und ihre Eltern im Westen widerwillig aufgenommen hatte: kaum nachvollziehbar. Unmöglich soll ja schon dieses rollende /R/ gewesen sein („Polacken!“); auch was sie kochten, roch polnisch. Manch einer wünschte sich die Bagage ins Meer gekippt. Dabei wäre das Wirtschaftswunder ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen als Arbeitskräfte und als Verbraucher nicht so flott entstanden. Sie bezogen den Lastenausgleich (für im Osten Verlorenes), diese Schmarotzer, bezahlt von den Westlern, die selber in Ruinen lebten [1]. Na gut, das Geld floss direkt in den Kreislauf eines lebhaften Binnenmarktes. Erklär das mal einem!

Mitte der Fünfziger hatte ich – da lebte ich noch in Luxemburg – einen italienischen Spielkameraden verloren. Sein Vater Giusto, Kollege meines Vaters, war Bratscher; die Mutter komponierte Pasta asciuta, die war zum Schwärmen. Signore Cappone folgte einem Ruf der Berliner Philharmoniker, und als ich Lucio Jahre später wiederbegegnete, berlinerte er wie ein Wilmersdorfer. In Luxemburg hatte ich schon die Europaschule besucht, da passte sie noch in ein dreistöckiges Mietshaus. Mit dem Deutschlehrer sangen wir „Ich hatt‘ einen Kameraden“, und er schleppte uns zum Fort Douaumont, wo schier endlose Reihen von weißen Kreuzen an die 700.000 Menschen erinnern, die im Kampf um Verdun ihr Leben gelassen haben – sicher einer der Gründe, weshalb mir Europa ans Herz wuchs.

Heute, Jahrzehnte später, neckt mich in Heidelberg der georgische Taxifahrer, als im Radio von Stalin die Rede ist: „Du kennst Stalin, he? Dschugaschwili, mein Onkel, ja. Seine eigenen Leute hat er erschossen…“ Gibt es noch deutsch-muttersprachige Taxifahrer? Und wenn schon. Am selben Tag begegne ich im Bahnhof einer bildhübschen jungen Frau im Hidschab, die aussieht wie meine Älteste. Ich lasse mir ein Probeabo der ZEIT andrehen und erfrage ihre Herkunft: Afghanistan. „Paschtu?“ frage ich ins Blaue. Ja, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch; zu Hause sprachen sie von ihrem Vater her einen tadschikischen Dialekt des Dari – und Paschtu. Aufgewachsen sei sie in Deutschland. Ich staune im Stillen: Am Dresdner Elbufer könnten wir dich an Montagabenden gut gebrauchen.

Anschließend besorge ich mir nebenan eine dieser elliptischen Pizzen im Knabberkarton, eine Pizza spetschale. Wieder eine junge Schöne, auch im Kopftuch, verkauft sie mir. „Aber Sie sind doch Deutscher?“ Nur Italiener würden speciale so aussprechen. „Das kann schon mal vorkommen“, sage ich und frage auch sie aus: Irak. Lauter akzentfrei und fließend gutes Deutsch sprechende Musliminnen, in unserem Land aufgewachsen. Ich sag es mal so: Gottseidank bringen Einwanderer und Flüchtlinge ihre Kinder und gebären weitere. So haben außer Erich Juskowiak und Lucio Cappone Millionen von sesshaft gewordenen Gastarbeiterfamilien eines mit uns gemeinsam: Sie sprechen Deutsch.

Da regt sich die Frage: Regelt noch immer die Abstammung die Nationalität? In den Augen der Bürger offenbar nicht mehr. 97 Prozent der Befragten einer Studie von 2014 waren der Meinung, deutsch ist, wer Deutsch spricht. 79 Prozent meinten dazu (in einer niedlichen Verwechslung von Ursache und Wirkung), Deutscher sei man, wenn es im Pass steht („Abseits ist, wenn der Schiri pfeift“). Nur 37 Prozent verlangten deutsche Vorfahren [2].

Ist unsere Sprache nicht sowieso der einzige Klebstoff, der achtzig Millionen Bürger noch zusammenhält? Halt doch, es gibt einen Neunzigminuten-Kleber: unsere Jungs auf dem Rasen. Wo sie antreten, auch wenn sie Klose, Boateng oder Özil heißen, verbindet heilige Eintracht – Fischköppe und Bayern, Schwaben und Sachsen. Nach dem Abpfiff tut es dann wieder nur die Sprache.

Lasst uns einfach anerkennen: Deutsch ist, wer Deutsch spricht – mit Verbeugungen in Richtung Wien und Zürich, wo immerhin einige der besten Bühnen deutscher Sprache stehen. Und da wir sowieso viele junge Neubürger benötigen, lasst uns dafür sorgen, dass sie Deutsch lernen, flott und gründlich. Und dass ihre Familien nachkommen. Unsere muss ja keine Regenbogennation werden, aber hoffentlich eine Gesellschaft, in der eines nicht mehr vorkommt: dass wir schwerhörigen Alten kraft unserer Mehrheit die benachbarte Kita verhindern – weil die Kinder so einen Lärm machen. So eine Gesellschaft gehört aufgemischt! Sei’s drum, dann eben mit Syrern und Afghanen. Rassisch rein waren wir in Mitteleuropa sowieso nie. Also: Was zählt, ist die Sprache, und die ist hierzulande die deutsche. Wie schön!


Vertriebene: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article147487793/Die-Fluechtlinge-muessen-hinausgeworfen-werden.html DIE WELT, 12. Oktober 2015

Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung: Deutsche finden Abstammung unwichtig fürs Deutsch-Sein DIE ZEIT, 30. November 2014


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