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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Sprachen tragen keine Farbe

Samstag 9 September 2006

Muttersprache und Vaterland sind nicht dasselbe, nicht einmal das gleiche. Schwarz-Rot-Gold kann nicht für die Muttersprache Deutsch stehen. Dennoch schmücken sich Sprachschützer gerne mit der Nationalflagge, der Verein Deutsche Sprache trägt Schwarz-Rot-Gold im Logo, manche Sprachfreunde verbünden sich in ihrem Überschwang sogar mit Initiativen wie „Du bist Deutschland“ (die mit dem schwarzrotgoldenen Hundehäufchen als Logo). Aber stehen die deutschen Farben auch für die deutsche Sprache?

Farben der Studenten auf Schloss Hambach

Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Bundesrepublik Deutschland, zumal wenn elf Deutsche Fußball spielen. Deutsch hingegen ist die Muttersprache von Millionen, die im Stadion ganz andere Fahnen schwenken, die österreichische, die belgische, die italienische und die schweizerische. In der Sprache, in der Kultur sind wir einander verwandt, in allem anderem sind wir verschieden, zum Beispiel bei den Pommes, davon verstehen die Belgier mehr.

Schon vor dem ersten Anpfiff zur WM stellte sich heraus: Die anscheinend humorlosen, die drögen Deutschen sind im Sommer 2006 witzige, weltoffene Gastgeber für 31 Fußballnationen, Weltmeister der Gastfreundschaft. Tatsächlich spröde waren die Engländer, sie verschanzten sich im Hotel, sie verloren und reisten sogleich ab. Auch mein zweisprachiger Haushalt ließ sich anstecken; Flaggen am Auto hatten wir keine, aber wir drückten schwarz-rot-goldene Daumen für unsere aufgeweckten, couragierten Klinsmänner. Übrigens unsere Familie zur Rugby-Weltmeisterschaft 1997 die bunte Flagge des neuen, bunten Südafrika auf den Fenstersims gestellt, wenn schon, denn schon!

„Nelson Mandela, bekleidet mit einem Springbok-Trikot und einer passenden Schildmütze, überreichte dem Kapitän Francois Pienaar die Trophäe. Diese Szene ist eine der berühmtesten der Sportgeschichte“, berichtet die Wikipedia. Das ging uns nahe, in Südafrika kamen unsere Kinder zur Welt.

So bringen auch heimatlose Weltbürger Nationalbewusstsein auf. Die Farben symbolisieren, womit man sich eins erklärt: Lebensfreude in Deutschland, Versöhnung in Südafrika, Esskultur in Italien (außer bei den Pommes). Die Symbole bedeuten nicht für alle das Gleiche. Immer stehen sie für allerlei Diffuses, Schönes, Erfreuliches, nur leider am wenigsten stehen sie – für die Sprache. Wenn an der Flugschanze die Schlachtenbummler aus Bayern und Tirol einander zur Weißglut reizen, bleibt ihnen doch eine Gemeinsamkeit: Ihre Gesetze sind in deutscher Sprache verfasst, im Radio regiert die Hochsprache, ihre Literatur ist Deutsch, sie ist nicht etwa Schwäbisch oder Steirisch. Für mich war Max Frisch lange Zeit der wichtigste Schriftsteller, ein Schweizer durch und durch, zugleich Weltbürger, ein Meister der deutschen Sprache.

Heimat

Es ist, als trüge der Mensch in Schichten seiner Seele gleich mehrere Orte, die er Heimat nennt. So hängt mein Herz an einer Stadt, ich bin Dresdner, nicht Leipziger, lebe jedoch auf dem Lande, in meinem Garten bin ich Ohorner. Laut meinem Pass bin ich Österreicher, vertraut ist mir Deutschland. Ich bin Europäer, ein deutschsprachiger Mitteleuropäer, dessen kulturelle Heimat von Värmland bis Apulien, vom Elsass bis zur Bukowina reicht, also bis weit in die Geographie der benachbarten Völker. Und doch ist und bleibt mein Mittelpunkt die deutsche Sprache. Meine Identitäten sind ineinander verflochten, sie bedingen einander.

Ich kann es drehen oder wenden, wie ich mag, Schwarz-Rot-Gold bedeutet mir viel, aber meine Muttersprache enthält auch blau, grün, lila und weiß. Schwarz-Rot-Gold steht, darüber kann es keinen Streit geben, für Epochen unserer Geschichte, die es übrigens lohnt zu kennen. Es waren die Farben der Hambacher Studenten im Eifer der bürgerlichen Opposition in der Zeit der Restauration und zu Beginn des Vormärz. Es waren die Farben der geistigen Elite in der Paulskirche, als sie eine Verfassung für das zu einende Deutschland suchten. An der Frage, ob dafür die großdeutsche oder die kleindeutsche Lösung vorzuziehen sei, sind die Paulskirchner gescheitert, und die Gründe dafür sollte man kennen, sie erklären die darauffolgenden anderthalb Jahrhunderte. Großdeutsch hätte bedeutet, Habsburg muss in das geeinte Deutschland nicht nur seine Deutschen einbringen, sondern auch alle Slawen, Magyaren, Italiener, Rumänen, die unter seiner Herrschaft leben. Kleindeutsch hätte zur Folge gehabt, das Kaiserreich Österreich – der tatsächliche Nachfolger des 1806 beendeten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – würde aufgelöst und nur die Deutschen vereinigen sich mit den Deutschen: Will sagen, nur die Steirer, Kärtner, Vorarlberger vereinigen sich mit den Badenern, Hessen, Berlinern. Beides trat nicht ein, wen wunderts!

Kleindeutsch war dann Bismarcks Lösung, die er unter preußischer Vorherrschaft durchsetzte. Kleindeutsch sollte bedeuten, das Reich darf nur Menschen deutscher Zunge umfassen, wennschon es auf die Deutschen im Habsburgischen Böhmen, Kärnten, der Bukowina verzichten musste. Das war inkonsequent, wie auch die kleindeutsche Lösung nicht hielt, was sie versprach, denn auch Preußen verzichtete nicht auf seine slawischen Besitzungen – im heutigen Polen. Wie auch, wenn in weiten Teilen dieses Landes seit Jahrhunderten sowohl polnisch als auch deutsch gesprochen wurde? Trennung kam nicht infrage, der Vermischung stand der nationale Impuls der Epoche entgegen. Am Ende kam es dann doch zur Trennung, nach den beiden Weltkriegen. Der nationale Gedanke, wie ihn die Menschen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begriffen, ließ keinen Raum für Heimatorte in verschiedenen Seelenschichten: Türken und Griechen wurden brutal voneinander getrennt. Millionen Deutsche und Polen wurden wie Möbel verschoben, aus ihren Häusern geschmissen, viele kamen um. Als das britische Indien unter Muslimen und Hindus aufgeteilt wurde, ließen gar Millionen ihr Leben. Wieviel Menschen innerhalb der Sowjetunion verschleppt wurden, bleibt aufzuarbeiten.

Bis heute kommt kein belastbarer Frieden zustande, wo so getan wird, als seien staatliche Nation und kulturelle Nation ein- und dasselbe. So lange das geschieht, wird Europa mit der Gewalt in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, mit der ungeklärten Lage der Albaner, mit dem Zypernproblem oder dem Chauvinismus im benachbarten Polen nicht fertig. Wo kein Respekt besteht vor der kulturellen Identität der Menschen, wo kein Respekt vor ihrer Verschiedenheit regiert, kann Gemeinsamkeit nicht hergestellt werden. Zur Identität zählt als erstes die Muttersprache.

Nation

Franzosen, Engländer, Spanier waren seit Jahrhunderten Nationen im modernen Sinne des Wortes, als noch immer nichts als ihre Sprache die Deutschen einte. Die Deutschen waren sogar vergleichsweise friedlich, und zwar so lange und immer dann, wenn sie keinen starken Staat im Herzen Europas bildeten. Jahrhundertelang genügte der Zusammenhalt, der sich schon im Wort theotisk ausdrückte: Es bedeutet „die Sprache des Volkes“. Aus theotisk wurde schließlich deutsch. Aber ein Staat war das Deutsche lange nicht; eine Nation waren die Deutschen allein im kulturellen Sinne.

Wenn im alten Böhmen ein Tscheche über die Deutschen redete, meinte er die Dorfnachbarn, die Deutsch sprechen. Und die Deutschen meinten mit den Tschechen kein Staatsvolk, sondern die Mitbürger tschechischer Muttersprache. Zu spät erkannte man in Wien, dass ihnen das gleiche Recht auf Identität zustand wie den Deutschen. Die Aufsplittterung in nationale Nachfolgestaaten der Doppelmonarchie hätte sich erübrigt, wenn ihren Kulturnationen gleiches Recht zugestanden hätte. Die Chance, der späteren Europäischen Union als Vorbild zu leuchten, wurde mit dem Ersten Weltkrieg endgültig vertan. Meinte ein Wiener Journalist noch in den zwanziger Jahren die Kollegen in Frankfurt, sprach er von den Reichsdeutschen, denn Deutscher war auch er, in Wien.

Daraus wird deutlich, weder die Geschichte noch das klare Denken erlauben, den Begriff Deutsch für nur einen Teil dessen zu reklamieren, was Deutsch ist. In der Sprache sind wir um die hundert Millionen Muttersprachler in Europa, im erweiterten, stets kulturellen Sinne kommen etliche Millionen weltweit hinzu, die sich der Sprache verbunden fühlen (und aus denen sich übrigens die Hälfte der gegenwärtigen VDS-Mitglieder darstellt). Diese Menschen sind mehr oder minder patriotische Italiener, Belgier, Dänen, Österreicher, Schweizer, auch Deutschstämmige in Übersee und – natürlich die deutschen Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland.

Selbst wenn sie die Mehrheit darstellen, es ist und bleibt ein Denkfehler, ihre Nationalfarben – so schick sie auch sind – als die Farben der deutschen Sprache zu beanpruchen. Im Gegenteil, wer den Kardinalfehler des Nationalgedankens verstanden hat, wird mit den Minderheiten besonders behutsam umgehen. Der Nationalgedanke ist wichtig, denn eine Gemeinsamkeit (eine europäische, eine globale) kann nur auf der Grundlage gesund sein, dass wir unsere kulturellen Unterschiede erkennen und anerkennen. Ein Nationalgedanke ohne den Respekt vor der kulturellen Minderheit ist jedoch keinen Pfifferling wert. Das müsste schon aus der Logik der Selbsterhaltung hervorgehen, dass irgendwo ein jeder in der Minderheit ist.

Der winzige Vorsprung, den Schwarz-Rot-Gold als Sprachenflagge genießen könnte, erwächst alleine aus der Paulskirchentradition. Sie genügt aber nicht, um sie anderen Staatsflaggen vorzuziehen. Als gemeinsame Flagge aller Menschen deutscher Kultur haben alle deutschen Staatsflaggen versagt. So bleibt die Frage: Welche Farben könnten für die deutsche Muttersprache stehen?


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