baerentatze

Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Sprache sollte auch etwas nützen

Sonntag 1 Mai 2016

Nichts bildet das Gehirn so vielseitig aus wie die mit demselben Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

Nichts bildet ein Gehirn so vielseitig aus wie die mit dem Gehirn erworbene Bildung (Bild Fotolia)

„Wie sprechen Menschen mit Menschen? Aneinander vorbei“, so Kurt Tucholskys trockenes Urteil über großstädtisches Geschwätz. Aber seien wir gerecht: Schon in der Muttersprache gelingt gute Verständigung nur mühsam. Derweil verbreitet Facebook die Illusion, ein Smiley hätte einen kommunikativen Nutzwert. In solchem Gelärme kann man zum Trend erklären, was auch ohne Alkohol im Kopf Geschwätz bleibt: Englisch als Amtssprache.

Wer wäre so nett, den Trend zum Englischen zu bitten, dass er mal einen Augenblick innehält! Er möge kurz Atem holen, damit wir uns auf Wolf Schneiders Definition besinnen:

Information heißt nicht: „Ich will etwas mitteilen“,
nicht einmal: „Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen“,
sondern: „Ich bin verstanden worden.“

Recht hat Schneider, denn was nützt es, wenn einer sein Maul aufmacht, aber nicht einmal Widerspruch provoziert: „Ich verstehe, was Sie meinen, aber ich sehe das anders!“ Nötig wäre, dass das Gesprochene und Geschriebene einen Sinn ergibt, den es zu verstehen lohnt und, dass da eine Bereitschaft zum Zuhören besteht. Fehlen Sinn und Bereitschaft, ist der Mangel an Verständigung etwa auf Englisch zu zelebrieren? Nehmen wir spaßeshalber die wichtigste Voraussetzung als gegeben an: Dass alle Betroffenen ausgezeichnetes Englisch beherrschten. Genau das müssen wir voraussetzen, denn eine Art Kiezenglisch reicht vielleicht zum Rappen, aber nicht zum Regieren, Verwalten, Organisieren und Erledigen.

Nehmen wir es an. Trotzdem würde Englisch als zweite Amtssprache mehr schaden als nützen. Den Grund versteht, wer schon im Wörterbuch die peinliche Entdeckung macht, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Übersetzung gerade zutrifft. Selbst die pfiffigste Software wird an den Feinheiten der Übersetzung scheitern. Es ist nun mal so: Oft besitzen anscheinend identische Begriffe im Deutschen und Englischen stark abweichende Bedeutungen.

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit bilden das europäische Koordinatensystem, dennoch ist nicht gesichert, dass jeder dieser Begriffe in den Landessprachen der EU genauso interpretiert wird wie im Deutschen. „Wir haben zwar einen gemeinsamen Kern übereinstimmender Bedeutungen, aber oftmals sind gerade die Nebenbedeutungen in Nuancen anders, und das kann in der Verständigung zu Problemen führen“, so Rosemarie Lühr, Professorin für Indogermanistik in Jena.

Bleiben wir bei Deutsch und Englisch. Nicht nur die Rechtsordnungen unterscheiden sich fundamental. Schon bevor die Sache dem Richter vorliegt, verstehen ein Brite und ein Deutscher nicht dasselbe unter anscheinend identischen Begriffen. Etwa bei der Gerechtigkeit. Im Englischen stehe mit justice vor allem die Gerechtigkeit im justiziellen Sinne – vertreten durch den Staat und seine Institutionen – im Fokus, erklärt Rosemarie Lühr. „Doch wenn wir Deutschen von Gerechtigkeit sprechen, meinen wir eher Aspekte, die sich mit fairness oder equality übersetzen lassen.“ Liebe Leser, diesen himmelweiten Unterschied mit einem Achselzucken abzutun, wäre kein Leichtsinn, das wäre Blödheit.

Da möchte sich der Bürger, dem die Kenntnis solcher Feinheiten keiner abfordern darf, an einem Geländer festhalten, und das ist nun mal die Muttersprache. Intuitiv verlässt er sich darauf, dass die Muttersprache auch Landessprache ist. Zwar haben wir in Deutschland auch Minderheitensprachen, offizielle wie inoffizielle. Sie sollen zu ihrem Recht kommen, aber das Rückgrat der Verständigung im Lande muss die Landessprache sein. Sie hat zumal dort zu gelten, wo es kompliziert wird: auf Ämtern, vor Gericht, im beruflichen Alltag, im Verbraucherschutz, um nur einige Bereiche zu nennen, wo wir die Menge der Missverständnisse nicht noch vermehren möchten, indem wir Englisch, ausgerechnet Englisch, zur zweiten Amtssprache erklären.

Warum ausgerechnet Englisch nicht? Es ist doch die unbestrittene Weltsprache? Eben deswegen. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch. Das mag genügen, wo es nicht anders geht. Im eigenen Lande muss sich der Bürger zuhause fühlen können. Hier können wir voneinander verlangen, dass sich jeder auf die Bedingung besinnt: Information heißt: „Ich bin verstanden worden.“ Sonst war sie überflüssig.

Falls die Menge der überflüssigen Texte und Reden weiter zunimmt, hätten wir ein Problem. Nein, wir haben es bereits. Die etablierte Politik führt keinen Dialog mit den Wählern, die Reaktion ist an den Wahlergebnissen abzulesen. In dieser Lage Englisch als Amtssprache zu fordern, ist ein Ablenkungsmanöver ohne den geringsten Nutzwert, aber mit hohem Schadenspotenzial.


Der Beitrag ist auch in den Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache zu lesen. Mehr zu diesem Thema im Buch „Von Babylon nach Globylon“.


Die Kommentarfunktion ist zur Zeit geschlossen.