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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Schäuble schwätzt und stellt was an

Freitag 1 Juni 2012

Studie über die Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus

Sehr viel mehr Menschen haben es schwer in der eigenen Sprache. Aber auf Englisch geht's bestimmt besser ...

Vor Selbstverstümmelung bewahrt uns die Angst vor Schmerzen, gegen den Verlust des Reisegepäcks gibt es eine Versicherung. Geht jedoch unsichtbares Gepäck verloren, zum Beispiel die Muttersprache, versagt die Versicherung. Da hilft nur Sprachgefühl. Gegen die mangelnde Einsicht, dass Sprachverlust einer Verstümmelung des Denkens gleichkommt, gibt es keine Pillen. Aber Handlungsbedarf.

„Die Simultandolmetscher im Brüsseler Ratsgebäude haben einen schwierigen Job, vor allem wenn Wolfgang Schäuble […] das Wort ergreift.“ berichtet der SPIEGEL (21/2012). Schäuble sagte etwas über Griechenland, „doch die Übersetzer hatten Mühe, seinen Worten zu folgen. Der Minister ist von dem unerschütterlichen Ehrgeiz besessen, in der Euro-Gruppe Englisch zu sprechen […]. ‚Ich versteh den Wolfgang nicht‘, klagte Jean-Claude Juncker schon mehrfach. Der Luxemburger ist mittlerweile dazu übergegangen, den Bundesfinanzminister auf den Sitzungen auf Deutsch anzusprechen, aber Schäuble antwortet beharrlich auf Englisch.“

Er ist Minister in einem Land, wo heute 20 Prozent mehr Kinder an Sprech- und Sprachstörungen leiden als vor acht Jahren, Jungen mehr als Mädchen, betroffen sind zumal die Kinder von Einwanderern. Außer Lispeln und Stottern geht es um das Formulieren und Verstehen von kurzen vollständigen Sätzen (siehe 1). In demselben Gemeinwesen können 14 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen nur einzelne Sätze lesen und schreiben: Das sind über sieben Millionen Bürger, die Texte nicht verstehen. Weitere 13 Millionen können Texte nur langsam und fehlerhaft lesen und schreiben. (2)

Wolfgang Schäuble ist zweifellos ein fähiger Minister. Seine Borniertheit, die er mit vielen ebenso gedankenlosen Politikern teilt, wird aber dafür sorgen, dass vom Deutschen nur eine sogenannte Regionalsprache übrig bleibt. Sie wird sich anhören fast wie das Deutsch im Jahr 2012 und auf den ersten Blick so aussehen. Ein Vorbote dieses Flachschwatzes ist das Geschnatter der Moderatoren in den Dudelsendern. Dialekt bringen sie so wenig zustande wie ein korrektes Hochdeutsch, dafür aber viele Wörter aus dem Englischen, die inhaltlich manchmal sogar stimmen, dafür aber fast immer falsch ausgesprochen sind.

Verloren geht unsere Hochsprache. An den Hochschulen entfällt sie bereits, man könnte meinen, Wissenschaft gelinge nur noch auf Englisch. Der Beitrag unserer Universitäten dazu ist zwar kein schlechtes Englisch, es ist nur ein halbes Englisch: Für den wissenschaftlichen Austausch unter aller akademischen Würde genügt es. In dem Maße wie Wichtiges und Neues – mangels eigener Terminologie – nicht mehr auf Deutsch erörtert werden kann, trägt der akademische Hochmut gegenüber der deutschen Sprache dazu bei, dass die Muttersprache verkümmert.

Kein Problem, dafür bekommen wir ja Englisch, die Weltsprache; sie verbindet uns alle, sie enthebt uns aller Fehler bei der Übersetzung und sie bringt uns den Weltfrieden, jedenfalls das Ende allen Nationalismus. Na ja, und das Englisch bringt der Klapperstorch. Aber es gibt genügend Gründe, mit dieser Entwicklung, wenn nicht zufrieden, so doch einverstanden zu sein, und sei es nur, weil sich daran nichts mehr ändern ließe.

Wo ist sie hin, die Sprache der Mutter? Wer hat sie versaubeutelt?

Wenn da nicht zwei fette Denkfehler lauerten: Erstens ist der Verlust der Hochsprache so unumkehrbar wie das Attentat, das Herrn Schäuble in den Rollstuhl zwang. Zweitens wird der Tausch enttäuschen: Für die verlorene eigene bekommen wir nämlich nicht die Hochsprache Englisch. Wir bekommen ein Grottyspeak irgendwo zwischen – dem sauberen, aber kargen – Globisch und dem, was man früher guten Gewissens ein gutes Englisch nennen durfte. Zugleich verschwindet das Hochenglisch schneller als wir es aufschnappen und mit ihm verschwinden Hochfranzösisch, Hochpolnisch sowie alle übrigen Kultursprachen, deren Sprecher die globale Lingua franca Englisch anhimmeln.

Das bedeutet mithin: In Zukunft denken wir weder Deutsch noch Englisch. Wenn es gutgeht, findet etwas Denkähnliches ein bisserl oberhalb von Globisch statt, aber weit unterhalb dessen, was wir in der deutschen (französischen, polnischen) Hochsprache im Jahr 2012 noch fertigbrachten: Schöpferisch originell zu denken; was in Deutschland immerhin die ökonomische Basis für das Wohlergehen von 82 Millionen Bürgern bildet.

Diesen angesäuerten Ausblick provozierte ein Leser mit seiner Reaktion („Mir fehlt vielleicht das Sprachpatriotismus-Gen.“) auf den Beitrag Berliner BSE-Biotope

Nun sind Sie dran, liebe Leser: Geht es auch ohne ein solches Gen, genügt nicht what the English call common sense? Oder halten wir es mit der Gattin des Louis XVI, Marie Antoinette: „Sollen die Bürger doch, wenn sie kein Brot haben, Kuchen essen …“? (3)


Dieser Beitrag ergänzt den Abschnitt Was Politiker nicht können müssen (Seite 115 f.) in Von Babylon nach Globylon

(1) Siehe Eine Million Kinder leiden unter Sprachstörungen

(2) Siehe Level-One Studie zur Größenordnung des Analphabetismus

(3) Sie hat es nie gesagt. Es wurde ihr angehängt.


  1.  
    Oliver Baer
    28/11/2012 | 20:56
     

    Lesenswert auch dieser Beitrag im Kölner Stadtanzeiger vom 28. November 2012: 7,5 Millionen können nicht lesen

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