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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Der Schaden, den Finnland nahm

Samstag 25 September 2004

Finnisch ist eine Sprache wie kaltes Wasser, gut für die Klarheit der Seele, aber eignet sie sich fürs Geschäft? Die Finnen waren so kühn, sogar Computerbegriffe aus dem Englischen in ihre Sprache zu übertragen.

Dieter E. Zimmer hat untersucht, wie die hundert gebräuchlichsten Begriffe aus der IT-Welt in neun europäischen Sprachen verwendet werden: der Muttersprache angepasst oder unverändert aus dem Englischen übernommen? [1]

Aus einem langen Sommer vor vielen Jahren kenne ich die Finnen als ein wortkarges Völkchen. Kein Wunder, dachte ich mir, bei der Sprache! Wo du schon bei den Ziffern Eins bis Zehn außer Atem kommst, so viele Silben muss das Mundwerk unter dem Reden nachladen? Oder hatte ich das umgekehrt zu verstehen: Keine Geschwätzigkeit hat das Finnische gefeilt, geschliffen und poliert, sondern es ist kühl geblieben, voller Nuancen im Ausdruck? Im Gegensatz zum Englischen, das zwar knapp, praktisch, auf Kürze rationalisiert ist, aber vom häufigen Umgießen lauwarm.

Zimmer jedenfalls stellte fest, dass die Finnen 93 der 100 populären PC-Begriffe in ihre Sprache übersetzt oder dieser angepasst haben. An vorletzter Stelle seiner Zählliste lag Deutschland mit 57 Begriffen. Hinterwäldler die Finnen, Cosmopolitans wir Deutschen? Viel hält allerdings Joseph Weizenbaum, der von Computern ein bisserl was versteht, von unserer Lust am Angelsächseln nicht: Sie hindere uns am klaren Denken und begründe, weshalb wir in Computerdingen hinter die Amerikaner zurückgefallen sind.

Ihre naturbelassene, chauvinistische Treue zur eigenen Sprache, und sei sie anscheinend noch so unpraktisch, hat das kleine Volk der Finnen aber nicht gehindert, in der Computer- und Telekommunikationstechnik ganz gut mitzuhalten – Nokia hat sich vom Holzhandel und der Herstellung von Gummistiefeln zum führenden Händibauer gemausert. Und im Umgang mit modernen Medien hat Linus Torvalds, der Begründer von Linux, Maßstäbe gesetzt – auf Englisch, versteht sich.

Seither hatten wir PISA zu verdauen, da lagen ausgerechnet die Finnen an der Spitze, Deutschland im Hinterfeld. Uns scheint die hündische Hingabe zum Englischen also wenig zu nützen. Möglicherweise hat Finnlands Spitzenplatz mit seiner Sprachtreue soviel zu tun wie die Geburtenrate mit dem Aufkommen der Störche, nämlich nichts. Aber in uns nagt der Verdacht, und so irrsinnig neu wäre die Erkenntnis nicht, dass der Mensch in seiner Muttersprache genauer denkt, nuancierter, beweglicher und schöpferischer als in der Fremdsprache. Dann wäre, was in Deutschland geschieht, eine fortwährende Amputation der Denkfähigkeit.

[1] Deutsch und anders – die Sprache im Modernisierungsfieber, Dieter E. Zimmer, Rowohlt, Reinbek, ISBN 3 499 60525 2


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