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Sprache in Gesellschaft und Geschäftsleben
Das Lied vom Tod – und eines von der Liebe

Samstag 11 Juni 2011

Leseprobe Nr. 1 aus Von Babylon nach Globylon

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass hier vom Leben und Sterben die Rede ist – als hätten wir nicht in aller Sorgfalt geklärt, dass solche Rede nur passen kann, wenn die Sprache ein Organismus wäre: Die Analogie taugt daher nichts bis zum schlüssigen Beweis des Gegenteils (siehe „Wie sich Sprache verändert“). Daran arbeitet offenbar jedoch keiner. Schade, denn falls sie sich bestätigte, müssten wir unsere Umgangsformen überdenken, und Denkmäler und Altäre für die Sprache errichten. Bis dahin bleibt es eine gefährliche Analogie für jene, die sie im Munde führen: sie müssten dann nämlich zu Schlüssen kommen, die ihnen noch weniger in den Kram passen als die Mär von der Sprache die „sich verändert“.

Kein schiefes Bild, sondern eine Tatsache ist der Tod von Kulturen im Regenwald. Ganze Indianerstämme sterben aus, und mit ihnen geht die Sprache, in der sie die Flora und Fauna ihres Biotops beschreiben, und dessen Gleichgewicht sie erhalten, damit sie überleben. Uns kommt das rückständig vor, aber sie wissen Einmaliges. Zum Beispiel über die Heilkraft eines Krauts, das nur dort vorkommt, und die Insekten, die in Symbiose mit ihm leben.

Eine Pharmaindustrie, die ihre Lösungen mit Milliardenaufwand erzwingt, könnte öfter der Natur am Amazonas die Lösungen abschauen. Solange die Stämme noch leben, denn mit ihrer Sprache verliert die Welt ihr Wissen. An dem Punkt ist Endstation für die Bionik, immerhin eine der Überlebenswissenschaften, falls wir die Welt weiter ausrauben wie bisher.

„Verliert man eine Kultur“, sagte der Biologe William Sutherland, „verliert man ein einzigartiges Set aus Antworten auf die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“ Dazu Anne-Catherine Simon: „Trauriger noch, könnte man hinzufügen: Wenn sich alle immer ähnlicher werden, glaubt man die Antwort zu kennen und fragt gar nicht mehr.“

Tritt das ein, können wir die Universitäten stilllegen, das wäre das Ende der Wissenschaften. Spannung folgt aus den Fragen, nicht aus den Antworten.

… (im Buch weiter auf Seite 187 ff.)


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